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	<title>OpenMindJournal &#187; Weltspiritualität</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
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		<title>Wer oder was steuert da eigentlich?</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Mar 2012 09:55:54 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Die verflixten Fragen zur Orientierung auf dem Weg Vielleicht brauchen wir bald Rating-Agenturen auch noch für die spirituellen Navi-Programme auf dem Markt, die sind ja noch riskanter als die Staatsfinanzen – und wehe, wenn mein geschätzter Yoga-Weg dann von Triple-A auf AA+ runtergestuft wird, weil die Risiken der Verrenkung oder des Missbrauchs durch den Guru dort [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Die verflixten Fragen zur Orientierung auf dem Weg</h2>
<div id="attachment_4573" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/418587_web_R_B_by_Dieter-Schütz_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4559]"><img class=" wp-image-4573 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/418587_web_R_B_by_Dieter-Schütz_pixelio.de_-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Dieter Schütz / pixelio.de</p></div>
<p>Vielleicht brauchen wir bald Rating-Agenturen auch noch für die spirituellen Navi-Programme auf dem Markt, die sind ja noch riskanter als die Staatsfinanzen – und wehe, wenn mein geschätzter Yoga-Weg dann von Triple-A auf AA+ runtergestuft wird, weil die Risiken der Verrenkung oder des Missbrauchs durch den Guru dort zu hoch sind! Nein, so schlimm wird es wahrscheinlich nicht kommen. Es gibt ja auch noch gute alte Orientierung nach innen: Horche in dich hinein, was für dich stimmt.</p>
<p>Die ersten Monate liegen wir nur da. Wir trinken, schlafen und weinen ab und zu ein bisschen. Dann krabbeln wir ein paar Monate lang, der Aktionsradius ist noch sehr bescheiden. Ab ungefähr einem Jahr können wir gehen. Wohin? Bis zur Tür, dem Gartenzaun oder dem Ende des Spielplatzes, dann holt uns Mutter zurück. Ungefähr siebzig Jahre später wird das Gehen wieder schwer. Manche von uns bewegen sich dann nur noch am Stock, im Rollstuhl oder liegen im Bett, so wie früher. Und dann geht gar nichts mehr. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in Mitteleuropa bei etwa achtzig Jahren. Vielleicht 70 Jahre davon können wir gehen, ungefähr fünfzig Jahre autofahren und ins Flugzeug steigen. Doch: Wohin gehen wir da?</p>
<h4>70 Jahre äußere Bewegung</h4>
<p>Zwischen dem Bett der ersten und dem der letzten Monate können wir vom Küchentisch zum Klo, von der Wohnung zum Arbeitsplatz, vom Mutterland an den Urlaubsort und wieder zurück einige Bewegungen machen. Gut so. Soweit das Äußere. Und was passiert dabei innen? Auch da bewegt sich was. Da entsteht eine Persönlichkeit, ein Wesen, das sich identifizieren kann und will und sich vielleicht für einzigartig hält. Ein Wesen, das sich je nach Umgebung ein bisschen anders verhält. Wer steuert dieses Wesen? Hat es überhaupt eine Steuerungszentrale, und wenn ja, was für eine? Kann man die programmieren? Und wenn ja, was ist für diese siebzig Jahre, in denen wir uns bewegen können, das beste Programm?</p>
<h4>… und innere Entwicklung</h4>
<p>Es gibt Menschen, die denken, sie seien auf dem spirituellen Weg. Darunter verstehen sie, dass sich für sie nicht nur äußerlich etwas bewegt, sondern auch innerlich, und dass ihnen das ein bisschen bewusst ist. Die Bewegung besteht nicht nur darin, dass da Gedanken vorüberziehen und Gefühle kommen und gehen, sondern auch, dass, wie in einem richtig guten Entwicklungsroman, die Heldin oder der Held an den Herausforderungen des Lebens wächst und sich verändert. Und nicht nur das: Wir Helden verändern uns nicht nur irgendwie, sondern in eine gute Richtung, hin zu mehr Verständnis, Liebe, Bewusstsein, Mitgefühl, zu einer Ausweitung dessen, wofür wir uns halten, einer Ausweitung unseres Ichgefühls, unseres Bewusstseins von uns selbst. Mit dann oft auch einem großen Ziel: Erleuchtung zu erlangen oder Erlösung, bedingungslos lieben zu können und das Werden-und-Vergehen des ewigen Lebensflusses zu verstehen.</p>
<h4>Gesucht: die Steuerung</h4>
<p>Sollten wir diesen Werdegang einfach so dahingehen lassen – kommt dies, kommt das, es wird schon das Richtige sein – oder brauchen wir dafür eine Steuerung, die diesen Werdegang optimiert? Wenn ja, was müsste das für eine Steuerung sein? Woran soll sich diese orientieren? Vielleicht ein Verschnitt aus den Zielen der großen Religionen und der vielen spirituellen Wege, so eine Art Vektordiagramm, der resultierende Pfeil wird dann schon in die richtige Richtung weisen? Vermutlich käme dabei keine gute Richtung raus, die Wege und Religionen der Weltkulturen sind doch zu verschieden. Also besser das machen, was schon meine Eltern gemacht haben? Aber unsere Zeit heute ist doch eine andere! Und wenn ich einfach das mache, was die meisten anderen auch machen? Nicht doch, das kann schlimm enden, das haben wir doch gesehen. Also: Woran soll ich mich dann orientieren?</p>
<h4>Die Qual der Wahl</h4>
<p>Manche derart Verunsicherte versuchen nun, das richtige Steuerungsprogramm aus ihrem Geburtshoroskop herauszulesen. Oder sie erkunden es nummerologisch. Oder nach dem Mayakalender. Oder mithilfe der Tarotkarten (– aber welche nehme ich da?). Oder auf Grund eines Psychotests (Aber welchen denn?). Besser ich mache mal einen Enneagramm-Workshop und weiß dann: Eine Drei mit einer starken Zwei als Nebenfunktion müsste mir …. Was aber, wenn sich der Enneagrammgruppenleiter geirrt hat, und ich bin gar keine Drei? Außerdem gibt es Millionen von Dreien, und die gehen alle sehr verschiedene Wege! Also doch das Geburtshoroskop zuhilfe nehmen. Hoffentlich das richtige, und der Astrologe hat sich nicht verrechnet, und das mit der Präzession der Erdachse spielt hierfür keine so große Rolle, und das chinesische und das indische, das ignorier ich jetzt mal einfach, man muss doch irgendwann zur Sache kommen.</p>
<h4>Mal dies, mal das</h4>
<p>Tatsache ist, dass wir uns mal an diesem, mal an jenem Programm orientieren und mal an diesem, mal an jenem Menschen, und dass wir uns dabei eine bestimmte Identität zuweisen lassen, ein bestimmtes Selbstverständnis, und wir damit meist auch Entwicklungsweg empfohlen bekommen. Mal orientieren wir uns an dieser, mal an jener heiligen oder profanen Schrift, und mal praktizieren wir auf diese, mal auf jene Weise. Ob wir für den Weg einen Guru brauchen oder gerade lieber alle Gurus meiden sollten, darüber ist schon viel geschrieben worden. Ebenso über den Wert des Alleinseins, den so viele Eremiten und Meditierer vor uns gegangen sind, und den der Gemeinschaft, der uns in so vielen Klöstern und Sanghas vorgelebt wurde. Und ob es eine alte Religion sein sollte und ein alter religiöser Weg, gediegen und gereift durch Jahrtausende der Erfahrung, oder ein neuer, der die Erkenntnisse der moderen Psychologie und Gehirnforschung, womöglich auch der Quantenphysik einbezieht. Auch, wie lange wir bei einem Menschen, in einer Gruppe von Weggefährten oder bei einer Methode bleiben sollten, also der Wert der Treue gegenüber dem Wert des Mutes zu einem Neubeginn, ist viel diskutiert worden, und ebenso der Wert des äußeren Reichtums oder der äußeren Armut gegenüber dem inneren Reichtum und der inneren Schlichtheit.</p>
<h4>Das Besondere am Spiri-Navi</h4>
<p>In mancher Hinsicht ist die Frage nach der spirituellen Orientierung der nach einer weltlichen Orientierung sehr ähnlich. Auch was die berufliche, partnerschaftliche, familiäre oder gesundheitliche Orientierung anbelangt, kann es ein Zuviel an Außenorientierung geben und ein Zuwenig, und man kann den falschen Ratgebern auf den Leim gehen oder aufblühen mithilfe der richtigen. Bei der Frage der spirituellen Orientierung ist die Gefahr insofern größer, als dort die Forderung nach einer nicht nur bereichsbezogenen Zuwendung, sondern einer totalen, alles umfassenden Hingabe häufiger gestellt wird. Das gibt es zwar in Familien und Partnerschaften auch, manchmal sogar in einer Arbeitsbeziehung, aber auf dem spirituellen Weg kommt es häufiger vor und wird von vielen größeren Autoritäten untermauert: Um Gott zu treffen oder Erleuchtung zu erlangen musst du <em>alles</em> geben und darfst nichts zurückhalten!</p>
<h4>Geh aufs Ganze!</h4>
<p>Sollten wir auf solche Forderungen nach Totalität hören? Kommt drauf an. Wenn ein Guru dich damit vereinnahmt, in seinen Clan zerrt und auch in Sachen Gesundheit, Beruf, Geld und Beziehung über dich bestimmen will, ist das höchst gefährlich – für dich ebenso wie für den Guru, denn auch ihm oder ihr tut solcher Größenwahn nicht gut. Wenn die Forderung aber lautet, dass alles, was du erlebst und erfährst, alle deine Gedanken und Gefühle und jeder Schritt in deinem Leben, für dich und deinen Weg und dein Wachstum eine Rolle spielen, dann ist diese Totalität richtig. Unsere Ausrichtung auf Liebe, Achtsamkeit, Bewusstsein sollte total sein, sie sollte nichts außen vor lassen. In einer solchen totalen Neuausrichtung aber kann man seine alten Beziehungen, seinen Besitz, seinen Beruf, seinen Standort durchaus beihalten. Kann man, muss man nicht, sollte man aber in vielen Fällen. Die Veränderungen in diesen Bereichen wollen allemal gut überlegt sein, und diese Überlegungen sollten nicht von einer Forderung nach »totaler Spiritualität« niedergewalzt werden.</p>
<h4>Die Ethik</h4>
<p>Und wie hältst du’s mit der Ethik? Ist es so, dass das hohe Ziel auch niedere Mittel rechtfertigt? Eher nein, würde ich sagen. Und dass die Liebe das einzige Gesetz ist? Eher nein, würde ich sagen. Und dass es egal ist, welchem ethischen Kodex du folgst, wenn es nur ein alter, seit vielen Generationen erprobter ist, und du ihn streng befolgst? Eher nein, würde ich sagen. Verletze nicht. Tu Gutes, und damit meine ich: Beschenke andere mit dem, was was sie haben wollen und nicht mit dem, was du denkst, dass sie haben sollten, auch wenn du meinst, dass sie es brauchen (– auch hier gibt es Ausnahmen). Halte die Weisheit hoch, aber dräng sie niemandem auf. Wenn du auf deinem Weg Fortschritte machst, achte darauf, das sie von der Einbildung, damit ein Fortgeschrittener zu sein, nicht wieder zunichte gemacht werden.</p>
<h4>Ratgeber und Metaratgeber</h4>
<p>Mir wurde schon oft vorgeworfen, dass ich zu viel gelesen hätte und ebenso oft, dass ich zu wenig gelesen hätte. Dass ich mich zu sehr auf mich selbst verlasse oder zu sehr auf andere höre. Dass ich zu viel rede oder zu wenig. Es gibt immer jemand, der meint, es besser zu wissen als ich. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die mich darin coachen wollen, nur auf meine innere Stimme zu hören – für 120 Euro die Stunde.</p>
<p>Meine innere Stimme? Es sind deren ziemlich viele. Ungefähr so viele, wie ich in der Außenwelt Ratgeber gehört habe. Was natürlich nun einen Ratgeber verlangt, der mir sagt, wie ich mich all diesen Ratgebern am besten umgehe. Und dann einen, der mir hilft, von diesem Metaratgebern wieder loszukommen.</p>
<h4>Die Paradoxie der Steuerung</h4>
<p>Das Verrückte bei diesen Fragen nach der richtigen Steuerung ist ja, dass sie letztlich alle paradox sind. Wenn ich nach einem Ratgeber frage, muss ich auch nach dem (inneren oder äußeren) Ratgeber fragen, der mich dabei berät, den richtigen Ratgeber zu finden. Wenn ich mein spirituelles Navi neu programmieren will, welches Programm oder welche Person berät mich dabei? Wenn ich einer Autorität auf dem Leim gegangen bin, welche Autorität sagt denn, dass das so ist und versucht mich nun von dieser angeblich falschen Autorität loszueisen? Und auch die donnernde Stimme des »Hör auf dich selbst!« ist eben das: eine donnerne Stimme, die gehört werden will.</p>
<p>So ist es letztlich nicht ganz falsch zu sagen: Ich tue eben, was ich tue. Meine Bedürfnisse, Ziele, Wünsche und Sehnsüchte steuern mich. Und wenn ich dabei zeitweilig ein mir gut erscheinendes Fremdprogramm in mein Navi einlege, dann tu ich das, weil es mir gemäß <em>meinem</em> Programm richtig zu sein scheint, mal ein Fremdprogramm einzulegen.</p>
<h4>Qualitätsprüfungen</h4>
<p>Was, wenn du seit zwölf Jahren auf einem spirituellen Weg bist, machst täglich deine Praxis, und plötzlich kommt eine Rating-Agentur daher – nennen wir sie einfachheitshalber Standard &amp; Extremely Poor – und die stuft die Bonität deines spirituellen Weges per Info an die Medien um zwei Stufen herab. So geschehen, als nach Mutter Teresas Tod ihre Tagebücher veröffentlicht wurden und in vielen, vielen anderen Fällen. Was machst du? Wälzt du dich nun schluchzend auf dem Boden deines Meditationsraums und wählst einen von den Medien und selbsternannten Qualitätsprüfern besser beurteilten Weg? Vermutlich nicht. Du wirst nach diesen zwölf Jahren wissen, was du davon hast, diesen Weg zu gehen und weitermachen. Nicht verbissen, aber mit Hingabe. Was gelegentliche kritische Prüfungen nicht ausschließen sollte.</p>
<h4>Spirituelle Konditionierung</h4>
<p>Wer von einer weltlichen Konditionierung stark geprägt wurde und darunter leidet, wird sich eine spirituelle Konditionierung ersehnen, die ihn davon befreit. Wenn das gelungen ist – ja, manchmal gelingt das –, dann braucht es nun eine Befreiung auch von dieser spirituellen Konditionierung. Man will doch nicht, nach dieser schönen Erfahrung, den Rest des Lebens herumlaufen und ständig vor sich hinmurmeln »Auch das ist Gott!« – oder Entsprechendes, je nach dem religiösen Programm, dass man gerade absolviert hat. Wenn du den Fluss überquert hast, mach die Fähre nicht zum Hausboot. Modern gesprochen: Wenn du am Ziel angekommen bist, brauchst du das Navi nicht mehr.</p>
<h4>Vorsicht: Herz!</h4>
<p>Nach all dem, was über den Wert von Methoden und Displin, mit oder ohne Lehrer, mit oder ohne Sangha gesagt wurde, seit Jahrtausenden in den alten Traditionen und heute wieder in den neuen – es bleibt doch immer das: Geh einen Weg mit Herz! Womit wir bei dem perfekten Tarnbegriff angekommen wären, dem Joker unter allen spirituellen und Psycho-Begriffen. Denn wer sich diesen Begriff überzieht, kann sich damit einschleichen in die … ja, Herzen aller, die noch richtig richtig wissen wo es lang geht. Die es noch nicht von sich aus wissen, unbeeinflussbar von außen, und das sind die meisten von uns. Denn im Mäntelchen des Herzens wird gepredigt was das Zeug hält, gute und schlechte Disziplinen, engherzige und weite, alles. Herz hat immer der, der gerade spricht, herzlos sind die anderen.</p>
<p>Deshalb: Probier’s aus! Tu dabei keinem weh. Nimm nicht alles für bare Münze, was gesagt wird. Lasse dich belehren, aber nicht zu sehr, und geh dann weiter deinen eigenen Weg, deinen ureigenen, denn wo du gehst, das ist der Weg.</p>
<h4>Abschied</h4>
<p>So vergehen die Jahre. Mal wirst du alles richtig finden, was du tust, mal alles falsch; meistens liegt dein Urteil über dich selbst wohl irgendwo dazwischen. Selbst wenn du auf deinem langjährigen, anstrengenden Weg alles falsch gemacht haben solltest: Wenn du dann mit 70, 80 oder 90 wieder im Bett liegst und nicht mehr gehen kannst, ist es schnurzegal, ob der Weg, den zu zurückgelegt hast, ein korrekter war oder nicht. Dann heißt es Abschied nehmen – erst von der Beweglichkeit, dann auch von diesem Körper und dem Weg, den du damit hast gehen können. Hoffentlich hast du dich dabei ein bisschen innerlich entwickelt, so dass dir dieser Abschied nun leicht fällt und du nun fröhlich weiterziehen kannst, fröhlich und heiter. Denn für das, was nun kommt, gibt es kein Navi mehr.</p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Connection, <a href="http://connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 3/12</a></em></p>
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		<title>Die Versöhnung von Aufklärung und Spiritualität</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/02/15/die-versohnung-von-aufklarung-und-spiritualitat/</link>
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		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 22:57:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In meiner Arbeit für Demokratie und Menschenrechte/Kinderrechte begegne ich immer wieder wunderbaren Menschen, die einen engagierten „Spirit“ verkörpern, ohne einen Begriff für die eigene Tiefe zu haben, aus der sie ihre Kraft schöpfen. Sie folgen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln einer Menschlichkeit, die die Grenzen des eigenen Ichs transzendiert und sich der Welt als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4485" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/02/Martina-Taylor_pixelio.png" rel="lightbox[4483]"><img class=" wp-image-4485 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/02/Martina-Taylor_pixelio-300x201.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: Martina Taylor / pixelio.de</p></div>
<p>In meiner Arbeit für Demokratie und Menschenrechte/Kinderrechte begegne ich immer wieder wunderbaren Menschen, die einen engagierten „Spirit“ verkörpern, ohne einen Begriff für die eigene Tiefe zu haben, aus der sie ihre Kraft schöpfen. Sie folgen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln einer Menschlichkeit, die die Grenzen des eigenen Ichs transzendiert und sich der Welt als Ganzem verantwortlich fühlt. Und sie bringen mehr Wahres, Schönes und Gutes in die Welt.</p>
<p>Selbst würden sie sich jedoch nicht als „spirituell“ bezeichnen, und der Grund dafür liegt meines Erachtens darin, dass wir gesellschaftlich keinen Begriff und keine anerkannte Praxis einer aufgeklärten und zeitgemäßen Spiritualität haben. Viele Menschen mit weltzentrischem oder menschenrechtlichen Bewusstsein, die wissenschaftlich fundiert und sozial engagiert sind, verbinden Spiritualität (oder Religion als institutionalisierte Form von Spiritualität) mit einem naiven magischen oder mythischen Kindheitsglauben, der historisch und biografisch einer Zeit vor der Aufklärung oder dem eigenen Mündigwerden entstammt. In diesem (Miss)Verständnis werden Spiritualität und Religion mit der unhinterfragten und oft dogmatischen Übernahme religiöser Überlieferungen verbunden oder gar gleichgesetzt.</p>
<p>Dazu passt auch ein Begriff von  Spiritualität als einer denkfeindlichen New Age und Esoterik Bewegung, mit der sie als aufgeklärte Geister verständlicherweise nichts zu tun haben wollen.</p>
<p>Vor allem für diese Menschen haben wir (Michael Habecker und Sonja Student) unser Buch <em><a href="http://tao-cinema.de/out/pictures/wysiwigpro/presse/PM_Wissen_Weisheit_Wirklichkeit_final.pdf" target="_blank" rel="external nofollow">„Wissen, Weisheit, Wirklichkeit. Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität“</a></em> geschrieben: Die Hauptthese ist, dass Aufklärung und Spiritualität keine unversöhnlichen Gegensätze sind, sondern sich sinnvoll als Wissenschaft der äußeren und inneren Welt ergänzen. Geist und Materie sind nicht aufeinander reduzierbar, sie sind die inneren und äußeren Seiten der EINEN Wirklichkeit und können durch die Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften erforscht werden. In jeder Wissenschaft gibt es geeignete Praktiken und Methoden, durch die die Realitäten in diesen Bereichen hervorgebracht und entdeckt werden können. Mystik oder Spiritualität gehören in den Bereich der Geisteswissenschaften wie z.B. auch die Phänomenologie, der Entwicklungs-Strukturalismus oder die Hermeneutik. In der Mystik oder Spiritualität gehen wir den Inhalten unseres Bewusstseins auf den Grund und erforschen das, was allen unseren Wahrnehmungen zugrunde liegt und damit von letztendlicher Bedeutung sein kann. Dieser (auch wissenschaftlichen) Fragestellung gehen Menschen schon seit den Anfängen ihrer Geschichte nach, quer durch alle Weltkulturen: Gibt es in einer äußeren und inneren Welt ständiger Veränderungen etwas, das nicht den Veränderungen von Zeit und Raum unterworfen ist?. Dazu haben sie unterschiedliche Praktiken entwickelt wie Kontemplation, Meditation und Gebet. Viele von ihnen haben die Ergebnisse ihrer Praxis auf der Basis eigener und gemeinsamer Erfahrungen ausgetauscht, und daraus sind Landkarten des Bewusstseins entstanden. Sie geben anderen SucherInnen eine Orientierung auf ihrem spirituellen Weg, der immer gleichzeitig auch ein Weg geisteswissenschaftlicher Erkenntnis ist. ForscherInnen spiritueller Zustände und Phänomene oder der spirituellen Entwicklung wie William James, Evelyn Underhill, Jack Engler oder James Fowler haben verschiedene Landkarten des spirituellen Bewusstseins verglichen und dabei sowohl Universalismen als auch Differenzen verschiedener Traditionen festgestellt.</p>
<h4>Mystik als Wissenschaft des geistlichen Lebens</h4>
<p>In diesem Sinne schreibt Evelyn Underhill in ihrem Buch über Mystik: „„Mystik ist die Wissenschaft oder Kunst des geistlichen Lebens.“ Mystik ist ein forschender Erfahrungsweg, als eine innerliche und experimentelle Untersuchung – und Erfahrung – des menschlichen Bewusstseins in dem Bemühen, den eigenen Wahrnehmungshorizont in die Unendlichkeit zu erweitern und damit eins zu werden. Erst in dieser direkten Erforschung und Erfahrung kann sich GEIST als SEIN und WERDEN enthüllen, als Zunahme von Bewusstheit, Komplexität und Liebe/Inklusion. Damit erfüllt Spiritualität oder Mystik als Wissenschaft des geistlichen Lebens die Kriterien von Wissenschaft: Injunktion (als Verfahrensvorschrift zur „Daten“gewinnung), Praxis (als konkrete experimentelle Durchführung) und Verifikation mit gemeinschaftlicher Überprüfung (Bestätigung oder Zurückweisung der gewonnenen Erkenntnisse in einem wissenschaftlichen Diskurs).</p>
<p>Mystik oder Spiritualität als innere Wissenschaft klingt vielleicht für einige zunächst fremd, weil in der öffentlichen Wahrnehmung oft die unausgesprochene Gleichung Wissenschaft = Naturwissenschaft gilt. Worum es dabei geht ist die Erforschung einer so genannten nondualen und paradoxen Wirklichkeit, die sich dem rationalen und linearen Denken entzieht und nur auf der Grundlage direkter spiritueller Erfahrung „lebendig gedacht“ werden können. Mystik als Erfahrung und Erforschung dieser Letztendlichkeit, die kein Ende hat, heißt in einem integralen Kontext immer auch: Die absolute Wirklichkeit des ewigen Jetzt im gelebten Augenblick jenseits der Zeit zu erfahren und zu bezeugen <em>und gleichzeitig</em> die relativen Wahrheiten in der manifesten Welt – unserer Innenwelt, der Mitwelt und der Außenwelt – forschend zu erkunden. In diesem Sinne sind äußere und innere Wissenschaft immer ein Prozess einer ständigen Fortschreitens der Aufklärung und der zunehmenden Bewusstheit des GEISTES über sich selbst.</p>
<h4>Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen, Auftreten</h4>
<p>Eine aufgeklärte Spiritualität unterscheidet zwischen dem Weg des Erwachens zur letztendlichen Wirklichkeit als dem Seinsgrund, den wir klassisch auch als Erleuchtungsweg bezeichnen, und dem Weg des Aufwachsens oder des Erwachsenen-Werdens durch die Entwicklungsstrukturen. Die innere Entwicklung des menschlichen Bewusstseins über Stufen mit Namen wie egozentrisch, ethnozentrisch, weltzentrisch und kosmozentrisch wurde von bekannten Entwicklungsforschern wie Piaget, Kohlberg, Gebser, Kegan, Graves, Loevinger oder Cook-Greuter in den verschiedenen Entwicklungslinien untersucht. Entwicklung durch diese Strukturen führt uns zu immer mehr Perspektiven, Fülle und Inklusion. Eine wesentliche Erkenntnis dieser Forschungen ist: Wir interpretieren unsere spirituellen Erfahrungen, die wir auf allen Entwicklungsebenen haben können, immer aus der Weltsicht der eigenen Entwicklungsebene. Keine spirituelle Erfahrung kommt daher aus dem Nirgendwo, und ist daher auch nicht absolut zu setzen, sondern erfährt immer auch eine Interpretation durch den Menschen, der oder die sie hat. Das erklärt, dass wir spirituell erleuchtet sein können, d.h. zum Grund des Seins erwacht, und dennoch rassistisch und ethnozentrisch denken, fühlen und handeln können, wie es z.B. viele Zen-Mönche im faschistischen Japan während des 2. Weltkrieges taten. Weiterhin  können wir trotz Aufwachen und Entwicklung unsere eigenen Schatten weiter auf andere projizieren, wenn wir unsere Psyche nicht „aufräumen“: durch psychodynamische Methodiken, die Licht in das Dunkel des Unbewussten bringen und Verdrängtes aufklären und Abgespaltenes wieder in unser Bewusstsein bringen und so erst Transformation ermöglichen. Dazu gehören auch „weiße“ Schatten, d.h. noch nicht entwickelte Potenziale, die wir auf andere projizieren, anstatt sie selbst zu leben und als einzigartige Selbste auf die Bühne der Welt zu bringen. Nur so können wir der Welt das geben, was ohne uns nicht verwirklicht werden kann. Letzteres ist mit dem „Auftreten“ gemeint. Aufwachen (spirituelles Erwachen), Aufwachsen (psychologische Entwicklung), Aufräumen (psychodynamische Arbeit) und Auftreten (in der Welt wirken) sind im Rahmen einer aufgeklärten Spiritualität ebenso unverzichtbar wie unersetzlich.</p>
<h4>Integrale Spiritualität erlöst Antagonismen</h4>
<p>Mit dem Angebot der Versöhnung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit (er)löst integrale Spiritualität viele Antagonismen auf: z.B. die zwischen Wissenschaft und Spiritualität, die mich selbst viele Jahre geplagt hat. Als ich meine spirituelle Suche begann, konnte ich viele Beispiele geistfeindlicher und schlicht dummer Esoterik nicht mit meinem kritischen Verstand und dem forschenden Geist verbinden. Es schien mir unerklärlich, wie Menschen, die sonst beruflich und persönlich kompetent ihr Leben meisterten, in spirituellen Kontexten auf prärationale Erklärungsmuster regredierten. Die Unterscheidung zwischen Entwicklungsstrukturen (Aufwachsen) und veränderten Bewusstseinzuständen (Aufwachen) hat mir sehr geholfen bei der Bewertung meiner eigenen Erfahrungen und der Beobachtung verschiedenster esoterischer oder spiritueller „Szenen“ oder der Auswahl von spirituellen LehrerInnen. Die Abneigung, die ich heute von vielen Fachkollegen gegen eine simplizistische Esoterik höre, kann ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen bedauere dennoch, wie oft dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Wenn prärationale Strukturen, eine mythisch-absolutistische oder magische Spiritualität pauschal abgelehnt werden, anstatt zu differenzieren, geht jegliche auch transpersonale Spiritualität dabei mit über Bord. Damit schneiden wir uns nicht nur von unserer eigenen tiefsten Quelle ab, von dem, was wir letztendlich über unser kleines persönliches Ich sind. Wir leugnen auch unseren eigenen Entwicklungsweg, den auch unsere Nachkommen und Kinder immer wieder durch die Entwicklungsebenen gehen müssen. Mit diesem tragischen doppelten Irrtum entfremden wir uns von einem wesentlichen Teil unseres SElNS– und WERDENS-Potenzials, und verleugnen unsere eigene Geschichte und Herkunft. Ich persönlich glaube, dass gerade engagierte Menschen diese Verankerung im Seinsgrund brauchen, um sich nicht in den Aufs und Abs der relativen sich entwickelnden Welt zu erschöpfen.</p>
<h4>Die Demokratisierung der Erleuchtung</h4>
<p>Aufgeklärte Spiritualität als Erfahrungsweg und zugleich Geisteswissenschaft steht uns heute – zumindest in den westlichen modernen und postmodernen Gesellschaften – zur Verfügung. Dieser Weg kann von allen beschritten werden, die den Mut und die Demut haben, das zu finden, was von letztendlicher Bedeutung ist und es zeitgemäß zu verwirklichen, mit einer tiefen Menschlichkeit, die alle fühlenden Wesen einschließt und den ganzen Kosmos umfasst. Eine integrale Spiritualität bedeutet mehr Perspektiven, mehr Menschlichkeit und Mitgefühl, mehr Inklusion, mehr Forschergeist als auf den früheren Ebenen der Entwicklung. Diese Form der Spiritualität macht uns nicht abhängig von unhinterfragten Autoritäten, aber sie erkennt Autoritäten an, die nicht auf Macht, sondern auf Kompetenz und Entwicklung beruhen. Sie ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen von Anfang an. Jedes Kind und jeder Erwachsene sollte entgegenkommende gesellschaftliche Verhältnisse vorfinden, damit er oder sie dieses Geburtsrecht wahrnehmen kann. Und jeder, der dieses Geburtsrecht schon erkannt und für sich verwirklicht hat, sollte dazu beitragen, dass andere das auch können – heute und in Zukunft. In diesem Sinne ist Spiritualität ein Menschenrecht, ein Recht auf Verwirklichung der eigenen Potenziale, verbunden mit der Pflicht zu Solidarität und Hilfe. Die Würde des Menschen, wie sie in unseren westlichen Verfassungen und in den universellen Menschenrechten als Errungenschaft menschlicher Zivilisation gegen Barbarei und Grausamkeit früherer Entwicklungsstufen festgeschrieben wurden, hat damit auch eine innerliche und spirituelle Dimension. Niemand muss religiös oder spirituell sein, aber alle sollten dabei unterstützt werden, diese Dimension ihres Menschseins in Freiheit und Verantwortung zu verwirklichen – zum eigenen Wohl und zum Wohl aller fühlenden Wesen.</p>
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		<title>Religion für Atheisten</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/02/08/religion-fur-atheisten/</link>
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		<pubDate>Wed, 08 Feb 2012 22:49:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die wahrscheinlich langweiligste Frage die du über Religion fragen kannst ist ob die ganze Sache »wahr« ist. Unglücklicherweise fokussieren sich derzeitige öffentliche Diskussionen genau darauf, mit einer Hardcore-Gruppe von fanatischen Gläubigen wie Terry Eagleton im Kampf gegen ein ebenso kleine Schar von fanatischen Atheisten wie Christopher Hitchens. Das Resultat war ziemlich viel Gift und eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4454" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/02/R_B_by_Wieland-Muller_pixelio.png" rel="lightbox[4451]"><img class=" wp-image-4454 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/02/R_B_by_Wieland-Muller_pixelio-300x190.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de</p></div>
<p>Die wahrscheinlich langweiligste Frage die du über Religion fragen kannst ist ob die ganze Sache »wahr« ist. Unglücklicherweise fokussieren sich derzeitige öffentliche Diskussionen genau darauf, mit einer Hardcore-Gruppe von fanatischen Gläubigen wie Terry Eagleton im Kampf gegen ein ebenso kleine Schar von fanatischen Atheisten wie Christopher Hitchens. Das Resultat war ziemlich viel Gift und eine gewisse perverse Unterhaltung für die Schaulustigen. Die Situation erreichte kürzlich seinen ausserordentlichen Höhepunkt als Eagleton (ein überzeugter Katholik) geschmacklos darüber spekulierte, dass Hitchens (der im Dezember starb) nun in der Hölle ist und sicherlich seine auf Erden geschriebenen Bücher bereut.</p>
<p>Ich bevorzuge eine andere Richtung. Aus meiner Sicht gibt es natürlich nichts an einer Religion, das Gott-gegeben ist. Es scheint klar zu sein, dass es keinen Heiligen Geist, Spirit, Geist oder göttliche Ausstrahlung gibt. Das eigentliche Thema ist nicht ob es Gott gibt oder nicht, sondern woher jemand das Argument nimmt auf das jemand schliesst, dass es ihn offensichtlich nicht gibt. Ich glaube, es muss möglich sein ein überzeugter Atheist zu bleiben und dennoch Religionen sporadisch nützlich, interessant und tröstend zu finden – und neugierig auf die Möglichkeiten manche ihrer Ideen und Praktiken in die säkulare Bereiche einzubinden.</p>
<p>Man kann von den Lehren der christlichen Dreifaltigkeit und dem buddhistischen fünffachen Pfad unberührt bleiben und zur gleichen Zeit interessiert sein an der Art wie Religionen Predigen halten, die Moral fördern, einen Gemeinschaftsgeist hervorbringen, Kunst und Architektur nutzen, zu reisen inspirieren, den Verstand trainieren und zu Dankbarkeit an der Schönheit des Frühlings ermutigen. In einer Welt die von Fundamentalisten des Glaubens und säkulärer Ausprägung befallen ist, muss eine Balance zwischen Ablehnung religiösen Glaubens und einer selektiven Achtung für religiöse Rituale und Auffassungen möglich sein.</p>
<p>Wenn wir aufhören zu glauben, dass Religionen von oben oder sonstwo überliefert wurden, dass sie komplett albern sind, dann werden diese Inhalte interessant. Wir können dann erkennen, dass wir die Religionen erfunden haben um zwei zentrale Bedürfnisse zu stillen, die es heute immer noch gibt und wo die säkuläre Gesellschaft es bisher nicht geschaft sie aufzulösen: Erstens, das Bedürfnis in harmonischen Gemeinschaften zusammenzuleben, trotz unserer tief verwurzelten selbstsüchtigen und gewalttätigen Impulse. Und zweitens, das Bedürfnis mit dem erschreckenden Schmerz umzugehen, welcher aus unserer Verletzlichkeit gegenüber beruflichen Fehlern, schwierigen Beziehungen, dem Tod von Angehörigen und unserem eigenen Älterwerden und Ableben entspringt. Gott möge tot sein, aber die wichtigen Themen, die uns antrieben ihn zu erfinden, regen sich immer noch und verlangen Auflösung. Und sie verschwinden nicht wenn wir darauf gestossen werden, dass es wissenschaftliche Ungereimtheiten in der Geschichte der sieben Brote und der Fische gibt.</p>
<p>Der Fehler des modernen Atheismus war es, zu übersehen wie viele Seiten der Glaubensrichtungen relevant bleiben, auch wenn ihre zentralen Lehren abgelehnt werden. Wenn wir nicht mehr das Gefühl haben uns entweder vor ihnen niederwerfen zu müssen oder sie zu verunglimpfen, sind wir frei die Religionen als Quelle von zeitweise genialen Konzepten zu entdecken, mit denen wir versuchen können, ein paar der hartnäckigsten und unerledigten Übel des säkulären Lebens zu lindern.</p>
<p>Ich wuchs in einem überzeugt atheistischen Haushalt auf, als Sohn zweier säkularer Juden, die religiöse Überzeugungen gleichsetzten mit dem Glauben an den Weihnachtsmann. Ich erinner mich an meinen Vater, der meine Schwester zum weinen brachte, als er versuchte ihr die bescheidene Vorstellung auszutreiben, dass irgendwo im Universum ein einsiedlerischer Gott lebt. Sie war damals 8 Jahre alt. Wenn irgendjemand in ihrem sozialen Umfeld heimliche religiöse Gedanken zeigte, dann betrachteten meine Eltern diese als wäre bei ihne eine degenerative Erkrankung diagnostiziert worden und konnten von da in nicht mehr überzeugt werden sie ernst zu nehmen.</p>
<p>Obwohl mir die Einstellung meiner Eltern in die Wiege gelegt worden ist, durchlebte ich in meinen mittleren Zwanzigern eine Unglaubenskrise. Meine Zweifel hatten ihren Ursprung im Hören von Bach’s Kantaten, wurden weiterentwickelt in der Präsenz von einigen Bellini <em>Madonnas</em> und sie wurden überwältigend mit einer Einführung in Zen-Architektur. Dennoch war es erst als mein Vater schon einige Jahre tot war – und begraben unter einem hebräischen Grabstein auf einem jüdischen Friedhof in Willesden, Nord-London, denn er hatte, faszinierenderweise, unterlassen mehr säkulare Vorbereitungen zu machen –, dass ich begann die volle Skala meiner Ambivalenz zu doktrinären Prinzipien zu erkennen, die mir in meiner Kindheit eingeschärft wurden.</p>
<p>Ich schwankte nie in meiner Sicherheit, dass Gott nicht existiert. I war einfach befreit von dem Gedanken, dass es einen Weg gibt sich mit Religion zu beschäftigen ohne sich den übernatürlichen Inhalten zu verschreiben – ein Weg, um es in abstrakte Begriffe zu fassen, über Väter nachzudenken ohne die respektvolle Erinnerung an meinen eigenen Vater zu erschüttern. Ich erkannte, dass meine fortwährende Resistenz zu Theorien eines Jenseits oder Himmelsbewohnern, kein Rechtfertigung war auf die Musik, Gebäude, Gebete, Rituale, Feste, Heiligtümer, Pilgerreisen, gemeinsame Mahlzeiten und illuminierten Schriften der Glaubensrichtungen zu verzichten.</p>
<p>Die säkulare Gesellschaft wurde ungerechterweise verarmt durch den Verlust einer Reihe von Praktiken und Themen, mit denen Atheisten typischerweise unmöglich leben können, weil diese scheinbar zu nah assoziiert sind mit, um Nietzsche zu zitieren, »dem schlechten Geruch der Religion«. Wir wuchsen auf, eingeschüchtert von dem Wort <em>Moral</em>. Wir wehren uns bei dem Gedanken eine Predigt zu hören. Wir flüchten vor der Idee, dass Kunst erhebend sein oder eine ethische Mission haben sollte. Wir gehen nicht auf Pilgerreisen. Wir können keine Tempel bauen. Wir haben keinen Mechanismus um Dankbarkeit auszudrücken. Die Vorstellung ein Selbsthilfebuch zu lesen ist absurd für die Edelgesinnten. Wir widersetzen uns geistigen Übungen. Fremde singen nicht oft zusammen. Wir sind beschenkt mit einer unliebsamen Wahl zwischen eigenartigen Konzepten über immaterielle Gottheiten oder sich vollständig loszulösen von einer Unzahl an tröstlichen, subtilen oder einfach reizvollen Ritualen, wofür wir angestrengt versuchen Äquivalente in unserer säkularen Gesellschaft zu finden.</p>
<p>Militante Atheisten haben der Religion ihre exklusiven Erfahrungs– und Wirkungsbereiche erlaubt, die mit Recht der ganzen Menschheit gehören sollten – und die wir uns ungeniert für die säkularen Gebiete wieder aneignen sollten. Das frühe Christentum war selbst höchst versiert in der Aneignung guter Ideen anderer. Aggressiv wurden zahlreiche heidnische Bräuche subsumiert, die moderne Atheisten nun vermeiden, da sie irrtümlich glauben es seien unauslöschlich christliche. Der neue Glauben übernahm die Feiern zur Wintersonnenwende und verpackte sie neue als Weihnachten. Er absorbierte das epikureische Ideal des Zusammenlebens in einer philosophischen Gemeinschaft und verwandelte es in das was wir als Mönchstum kennen. Die Herausforderung für die moderne säkulare Gesellschaft ist, wie dieser Prozess der religiösen Kolonialisierung reversiert werden kann: Wie trennt man Ideen und Rituale von den religiösen Institutionen, die sie beansprucht haben, aber wahrlich nicht besitzen.</p>
<p>Meine Strategie wird, natürlich, Anhänger auf beiden Seiten der Debatte verärgern. Die Religiösen werden beleidigt sein von der schroffen, selektiven und unsystematischen Betrachtung ihrer Glaubensbekenntnisse. Religionen sind keine Buffets, sie werden protestieren, von deren Sortiment Elemente nach Lust und Laune ausgewählt werden können. Allerdings war der Niedergang Glaubensrichtungen ihre einsichtslose Beharrlichkeit, dass die Anhänger alles essen müssen was auf den Tisch kommt. Warum sollte es nicht möglich sein die Darstellung der Bescheidenheit in Giotto’s Fresken zu schätzen und dennoch die Doktrine von Mariä Verkündung zu umgehen, den buddhistischen Schwerpunkt des Mitgefühls zu bewundern und dennoch die Theorien der Wiedergeburt meiden? Für jemand ohne religiösen Glauben mag es nicht krimineller sein in eine Anzahl an Glaubensbekenntnissen zu greifen, als für einen Literaturliebhaber eine handvoll Lieblingsschriftsteller aus dem Kanon herauszusuchen. Atheisten der militanten Sorte werden auch aufgebracht sein, in ihrem Fall von dem Ansatz, der Religion behandelt als ob sie es verdient ein anhaltender Prüfstein für unsere Sehnsüchte zu sein. Sie werden auf die zornige institutionelle Intolleranz vieler Religionen verweisen, und auf die gleichwertig reichen, allerdings unlogischen und engstirnigen, Vorräte des Trosts und der Erkenntnis durch Kunst und Wissenschaft. Sie werden weiters fragen, warum jemand der selbst den Unwillen bekundet so viele Facetten der Religion zu akzeptieren – der sich unfähig fühlt im Namen der Jungfrauengeburt zu sprechen, oder den Behauptungen zuzunicken, die erfürchtig in den Jataka Geschichten über Buddha’s Identität als ein wiedergeborenes Kaninchen gemacht werden – sich selbst doch noch mit einem Thema verbindet, das durch den Glauben beeinträchtigt wurde.</p>
<p>Die Antwort darauf ist, dass die Religionen unsere Aufmerksamkeit für ihre reinen konzeptuellen Abitionen verdienen; für die Veränderung der Welt in einer Weise, wie es wenige säkulare Institutionen jemals gemacht haben. Sie haben es fertiggebracht, Ethiktheorien und Metaphysik zu kombinieren mit praktischer Beteiligung in Bildung, Mode, Politik, Reisen, Bewirtung, Initiationszeremonien, Veröffentlichungen, Kunst und Architektur – ein Spektrum von Interessen, das beschämend ist für den Umfang der Leistungen von selbst den grössten und einflussreichsten säkularen Bewegungen und Individuen in der Geschichte. Für jene, die interessiert sind in der Verbreitung und den Einfluss von Ideen, ist es hart nicht von den Beispielen der erfolgreichsten Bildungs– und Geistesbewegungen fasziniert zu sein, die der Planet je bezeugte.</p>
<p>Es gibt Seiten der Religionen, welche zeitgemäss und tröstend sind, sogar für skeptische moderne Menschen. Atheisten können lernen einiges von dem Schönen, Berührenden und Weisen, vor dem zu retten, das nicht mehr länger wahr erscheint. Die Weisheit der Glaubensrichtungen gehört der ganzen Menschheit, sogar den vernünftigsten unter uns, und verdient es von den grössten Feinden des Übernatürlichen gezielt resorbiert zu werden. Religionen sind zeitweise zu nützlich, effektiv und intelligent um alleine den Religiösen überlassen zu werden.</p>
<p><em>Übersetzung aus dem Englischen von <a href="http://www.openmindjournal.com/redaktion/?uid=1">Heinz Robert</a></em></p>
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		<title>Spiritualität für Ungläubige</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/12/26/spiritualitat-fur-unglaubige/</link>
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		<pubDate>Mon, 26 Dec 2011 19:15:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kirchen verlieren ungebremst Mitglieder. An den Rändern und ausserhalb der Religionen ereignet sich zugleich ein mystischer Aufbruch, der sich jeder Kategorisierung entzieht. Das kommt nicht alle Tage vor: In Fällanden, dem Dorf vor den Toren der Stadt Zürich, wo diese Zeitschrift zu Beginn der 90er Jahre ihren Verlagssitz hatte, wurde eine neue Kirche gebaut. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Kirchen verlieren ungebremst Mitglieder. An den Rändern und ausserhalb der Religionen ereignet sich zugleich ein mystischer Aufbruch, der sich jeder Kategorisierung entzieht.</em></p>
<div id="attachment_4192" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/Eigene_Wege_gehen.jpg" rel="lightbox[4189]"><img class=" wp-image-4192 " title="Eigene Wege gehen, Bild: Heinz Robert" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/Eigene_Wege_gehen-300x224.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">25% der Schweizer Bevölkerung geht eigene spirituelle Wege, abseits jeglicher Konfession.</p></div>
<p>Das kommt nicht alle Tage vor: In Fällanden, dem Dorf vor den Toren der Stadt Zürich, wo diese Zeitschrift zu Beginn der 90er Jahre ihren Verlagssitz hatte, wurde eine neue Kirche gebaut. Die örtliche Pfarrei der auf rund 2000 Seelen angewachsenen Katholiken konnte es sich nach Jahrhunderten der Diaspora leisten, ein eigenes Gotteshaus zu errichten. Am Rande des Dorfes entstand auf frischem Land ein moderner Sakralbau. Die älteste der christlichen Traditionen leistete sich einen Neuanfang mitten im Zwingliland: ein schmucker quadratischer Bau, darin ein runder Kirchenraum, frei von Ornamenten, hell, einladend, freundlich.</p>
<p>Gespannt betrat ich die neue Kirche. Mitten am Tag stand die Türe offen und lud zur Besichtigung ein. Ich war baff. So etwas hatte ich noch nie gesehen: Die geräumigen Sitzbänke richteten sich wie üblich nach vorne aus auf jenen heiligen Bereich, wo der Priester nach katholischem Ritus die Messe zelebriert. Doch dort gab es keine Abschrankung, keine Altarwand, keinen übermächtig sterbenden Heiland am Kreuz, keine Engel, keine Heiligen, keine Puten. Dort vorne stand ein schlichter, geradliniger Tisch, und dahinter reichte vom Boden bis unters Dach ein riesiges Fenster. Klares Fensterglas. Der Blick der Gemeinde ging unverstellt hinaus in die freie Natur, ins Riedland zwischen Dorf und Greifensee. Wiesen, Vögel, Bäume, gelegentlich ein Spaziergänger, Jogger, Hunde, und darüber spannte sich ein weit offener Himmel.</p>
<p>Diese Botschaft gefiel mir. Ich setzte mich in eine Bank und liess die Räume auf mich wirken. Der geschlossene Raum spendete Wärme und Geborgenheit, ohne die Aussenwelt, die Natur, den Betrieb des Alltags auszuschliessen. Die «Heiligung der Welt», der eigentliche, heute kaum mehr bekannte Zweck der katholischen Messe: Hier machte das Anliegen wieder Sinn und wurde nachvollziehbar. Mehr noch: «Katholisch» – bedeutet dieser Begriff seinem Wortsinn nach nicht «universell» und «allumfassend»? Selbst dieser Anspruch schien mir mit der neuen Kirche von Fällanden eingelöst. Davon liess ich mich gerne umfassen.</p>
<p>Voller Zuversicht verliess ich den Sakralbau, beflügelt vom Wunsch, für Andacht und Meditation bald wiederzukommen. Die Ernüchterung wartete im Eingangsbereich auf mich. Dort lag ein Ordner auf, der die Besucher über eine ambitionierte Spendenaktion informierte. Die Gemeinde sammelte Geld für ein Kirchenfenster. Geplant und vom Künstler im Entwurf bereits ausgeführt, war eine immense Darstellung der Heiligen Katharina von Siena. Das imposante Bild der Namenspatronin sollte just jenes Fenster einnehmen, welches jetzt noch so grosszügig den Blick in die Welt freigab. Tja.</p>
<p>Vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit, die damals neue, immer noch schmucke katholische Kirche von Fällanden wieder zu besuchen. Die Türe stand immer noch offen, und ich konnte mich mit eigenen Augen über den Stand der Dinge ins Bild setzen. Das neue Glasfenster ist verwirklicht worden, der Blick der Gläubigen geht nicht länger in die Welt hinaus, die Augen bleiben hängen an der Darstellung einer katholischen Heiligen.</p>
<h4>Die Unterscheidung</h4>
<p>Wo liegt das Problem? Religionen sind so. Stimmt. Aber wir sollten sie und ihren Betrieb nicht länger mit Spiritualität verwechseln. In der Öffentlichkeit ist diese Verwechslung noch gang und gäbe. Wenn es in den Medien um spirituelle Fragen geht, werden kirchliche Exponenten zitiert, allenfalls dürfen sich noch Vertreter anderer anerkannter Religionen dazu gesellen. Es wird getan, als ob die Kirche noch mitten im Dorf wäre. In ihrem eigenen, privaten Leben jedoch hat die Mehrheit der Menschen längst zu unterscheiden gelernt zwischen diesem und jenem. Die meisten haben verstanden, dass Religion ein parasitäres Gewächs ist, das von der Spiritualität zehrt, und nicht umgekehrt.</p>
<p>Diese Formulierung verdanke ich Nicholas Humphrey. In seinem kürzlich veröffentlichten Werk Soul Dust sagt der britische Psychologieprofessor und Bewusstseinsforscher überdies: «Es trifft zu, dass gewisse Evolutionspsychologen argumentieren, der religiöse Glaube des Menschen sei eine unvergleichliche biologische Anpassungsleistung. Einige behaupten gar, im menschlichen Gehirn lasse sich so etwas wie ein ‚genetischer Gottes-Bestandteil‘ finden. Doch diesen Ansichten fehlt jede Evidenz. Weder gibt es Hinweise darauf, dass der Gottesglaube in der Entwicklung des Menschen weit zurückreicht, noch gibt es Belege dafür, dass dem Individuum durch diesen Glauben in der Evolution ein Vorteil erwachsen wäre.»</p>
<h4>Eigene Wege gehen</h4>
<p>Eine 2011 veröffentlichte Studie des Schweizer Nationalfonds belegt eindrücklich die Absetzbewegung der Schweizer von den Kirchen. Vor 40 Jahren gehörten noch je 45 Prozent der Bevölkerung entweder zur katholischen oder zur protestantischen Landeskirche. 9 Prozent zählten damals als Gläubige anderer Religionen, und nur gerade 1 Prozent bekannte sich zum Status der Konfessionslosigkeit. Heute bezeichnet sich ein Viertel der Schweizer Bevölkerung als konfessionslos, und von diesen 25 Prozent heisst es ausdrücklich, dass sie dem Thema keineswegs gleichgültig gegenüberstehen, sondern eigene spirituelle Wege gehen.</p>
<p>Während die Medien unverdrossen von einem Wiedererstarken des Religiösen reden und dabei ihre Aufmerksamkeit auf marginale Gruppen wie die Evangelikalen oder islamistische Gruppierungen richten, die ihre Überzeugungen lautstark in die Öffentlichkeit tragen, hat sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung leise vom Betrieb der Kirchen verabschiedet. Ein Grossteil der Schweizer lebt heute auf Distanz zum Religionsbetrieb (64%). 10% stehen säkular abseits, und 9% sind alternativ religiös unterwegs.</p>
<p>Aber, so halten die Autoren der Nationalfonds-Studie fest, «die Distanzierten glauben nicht nichts». Es gibt bloss kein öffentlich formiertes Bekenntnis, in dem sie sich wiederfänden. Und so bezahlt manch ein Distanzierter gar noch Kirchensteuern, obwohl er sich innerlich längst von «seiner» Kirche abgewendet hat. Wenn die Kirchen seinen Beitrag dazu verwenden, soziale Arbeit zu leisten, ist ihm das recht. Erfährt er von Doppelmoral und Sexskandalen, kann es aber vorkommen, dass er sich empört abwendet und den Austritt gibt.</p>
<p>Aus dem Blickwinkel der Gläubigen ist das ein Zerfall, das finale Kapitel in dem von Oswald Spengler beschworenen «Untergang des Abendlandes». Mit dem christlichen Glauben sehen sie die ethischen Werte, die Moral und die demokratischen Tugenden unserer Gesellschaft vor die Hunde gehen. Aus dem Blickwinkel jener, die sich seit Langem auf den Anbruch eines neuen Zeitalters freuen, ist es gerade umgekehrt: Das Alte weicht und macht Platz für Neues, das sich zunächst bloss zaghaft, nun aber zunehmend deutlich abzeichnet: eine Spiritualität jenseits überkommener Formen, eine neue Gestimmtheit des Menschen aus sich selbst heraus, in wacher, offener Verbindung mit den Kräften der Welt und des Kosmos.</p>
<h4>Universelle Werte</h4>
<p>«Happy», «Safe», «Free», drei Worte, grossgeschrieben auf einzelnen Blättern, hängen in einem kalifornischen Tonstudio an der Wand. Ein gemischter Chor intoniert das Mantra: «Mögen alle Wesen glücklich sein, mögest du beschützt sein, mögen wir frei sein ……» Eine Stunde lang Segenswünsche auf unendlich. Verschiedene Solisten, darunter auch die Schweizer Mantra-Sängerin Dechen Shak-Dagsay, stossen dazu und variieren die Botschaft in ihrer Sprache, auf ihre Weise. Die kanadische Musikerin Jennifer Berezan hat diese berührende Musik komponiert und die Produktion ihrer neuen CD In These Arms auf die Beine gestellt. Sie singt: «I long to hold the whole world in these arms.»</p>
<p>Englisch ist die Universalsprache unserer Zeit. Freiheit, Glück, Geborgenheit sind universelle Begriffe, von denen wir annehmen dürfen, dass jeder Mensch auf der Welt sie begreifen kann und sie auf seine Weise zu verwirklichen sucht. Es lassen sich weitere solche Begriffe nennen: Liebe, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Solidarität, Fürsorge, Mut und noch einiges mehr. Alle diese Werte haben in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Ausprägungen erfahren und zu archetypischen Gestalten geführt, mit denen sie identifiziert werden. Die christliche Maria, die afroamerikanische Oshun und die buddhistische Guanyin stehen für Mitgefühl und unendliche Liebe; Lakshmi gilt Hindus als Verkörperung von Glück und Schönheit; die Römer schrieben diese Qualitäten der Göttin Fortuna zu; Wilhelm Tell heisst bei uns ein kultisch verehrter Held der Freiheit; für Schotten ist das William «Braveheart» Wallace; und für Juden ist es Moses, der sein Volk aus ägyptischer Gefangenschaft in die Freiheit führte.</p>
<p>«Der Heros in tausend Gestalten», wie es der Psychologe Joseph Campbell nannte und damit C. G. Jungs Konzept vom Archetypus ausführte. Heute ist es uns möglich, das eine mit dem anderen zu vergleichen. Wir können in den vielen Gestalten das Gemeinsame erkennen und als seelischen Kern benennen: Liebe, Glück, Freiheit. Das mögen zwar lauter abstrakte Begriffe sein, doch haben diese Begriffe den unbestreitbaren Vorteil, dass sie uns verbinden, statt uns in religiös und kulturell bedingte Formen zu verstricken, zwischen denen es in der Regel keine Vermittlung gibt.</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Spuren, <a href="http://www.spuren.ch/archiv/archiv_comments/1079_0_88_0_C/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 100 </a></p>
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		<title>Manifest der Spiritualität</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Dec 2011 09:33:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tom Amarque</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Integral/Evolutionär]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
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		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Vorüberlegung Es gibt im Allgemeinen drei Wege, die unterschiedlichen spirituellen Ansätze und Traditionen auf einen Nenner zu bringen. Alle Wege haben gewiss Vorzüge und Nachteile; ein funktionaler Weg besteht freilich darin, alle Aspekte zu integrieren und die jeweiligen Vorteile zu maximieren und Nachteile zu minimieren. Erstens kann man versuchen, die den Ansätzen und Disziplinen zugrunde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Vorüberlegung</h4>
<div id="attachment_3965" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/ap4edc6a80ae689_s.jpg" rel="lightbox[3953]"><img class="size-medium wp-image-3965  " title="Spiritualität, wie Wissenschaft, Religion, Wirtschaft etc., als ein eigenständiges soziales System" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/ap4edc6a80ae689_s-300x300.jpg" alt="" width="200" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / Tiny little drops © Birgit Franik</p></div>
<p>Es gibt im Allgemeinen drei Wege, die unterschiedlichen spirituellen Ansätze und Traditionen auf einen Nenner zu bringen. Alle Wege haben gewiss Vorzüge und Nachteile; ein funktionaler Weg besteht freilich darin, alle Aspekte zu integrieren und die jeweiligen Vorteile zu maximieren und Nachteile zu minimieren.</p>
<p>Erstens kann man versuchen, die den Ansätzen und Disziplinen zugrunde liegenden oder eingebetteten Ideen oder kulturellen Konzepte zu vergleichen und auf diese Weise zu ewigen Wahrheiten zu kommen; man könnte dies den Weg der Ideen oder <em>philosophia perennis </em>oder<em> universalis</em> nennen. Hierzu gehört auch, <em>die historische Entwicklung</em> der Spiritualität als einem Kulturfach oder Übungssystem des Menschen zu untersuchen.</p>
<p>Der zweite Weg besteht darin, die Entwicklungsstufen des Bewusstseins derjenigen zu untersuchen und zu vergleichen, die diese Ideen, Erkenntnisse und Vorstellungen haben und kommunizieren, nämlich den Individuen, die spirituell arbeiten; man könnte das den Weg der Evaluierung der einzelnen psychologischen und spirituellen Entwicklungsstufen und Zustände (grob, Subtil, kausal, nondual) nennen.</p>
<p>Neben dem spirituellen Erleben (und der Entwicklung) des Einzelnen und den kulturell eingebetteten Ideen ist es sicher sinnvoll, Spiritualität drittens auch als ein soziales Kommunikations-Feld zu betrachten, dass sich durch zwar kulturell unterschiedliche Disziplinen, Techniken, Modellen und Herangehensweisen auszeichnet, deren soziale Handlungen und Kommunikationscodes kulturinvariant jedoch relativ selbst-ähnlich sind.<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-1" id='fnref-3953-1'>1</a></sup> Ich spreche hier von der sozialen Autopoiese des kommunikativen <em>Systems</em> Spiritualität,<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-2" id='fnref-3953-2'>2</a></sup> die auch ein bestimmtes <em>Übungsprogramm</em> verfolgt.</p>
<p>In jeder Hinsicht ist Spiritualität insofern auch ein weites soziales Feld, das aus verschiedenen historischen und kulturellen Ansätzen, Disziplinen, Methoden und Modellen besteht, die durch ihre Genese und Kommunikation alle miteinander verwoben sind. Obwohl Spiritualität in diesem Sinn <em>theoretisch</em> ein Ganzes ist, ist die Kommunikation der <em>Spiritualität als Ganzes</em> noch nicht (oder noch nicht ausreichend) Thema unter den spirituellen Praktizierenden geworden. Das heißt, obwohl es viele Elemente gibt, ist noch kein größeres Ganzes aufgetaucht. Versuche einer <em>Weltspiritualität</em>, die auf der erwähnten Integration von Ideen basiert – z.B. die ‚besten‘ Praktiken und Ansätze aus verschiedenen Traditionen zu kombinieren und eine <em>philosophia universalis</em> der Spiritualität zu kondensieren – ohne dabei die jeweiligen Bewusstseinszustände der Praktizierenden oder der inhärenten Dynamik des ‚Systems‘ Spiritualität in Betracht zu ziehen, müssen scheitern, weil sie nur Teile, nicht aber das Ganze integrieren. Dieses <em>Manifest der Spiritualität</em> möchte eine die Diskussion über eine strukturelle Ordnung der Spiritualität, basierend auf diesen Vorüberlegungen, anregen.<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-3" id='fnref-3953-3'>3</a></sup></p>
<p><strong>Ganz allgemein</strong> basiert dieses Manifest auf der Erkenntnis, dass Spiritualität, wie Wissenschaft, Religion, Wirtschaft etc., als ein eigenständiges soziales System mit eigenen Kommunikationsregeln, Praktiken und Zielsetzungen betrachtet werden kann.<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-4" id='fnref-3953-4'>4</a></sup> Vor allem ist es aber als ein soziales <em>Übungssystem</em> zu verstehen, dass in seiner gegenwärtigen Form mit der Postmoderne aufgetreten ist mit dem Ziel, den Praktizierenden den Übergang von der postmodernen Entwicklungsstufe des Bewusstseins zu einer post-postmodernen – oder, je nach Fasson, autonomen oder integralen) Entwicklungsstufe zu ermöglichen, und zwar in ähnlicher Weise, wie das Übungssysteme Religion dem Individuum normatives Verhalten und das Übungssystem Wissenschaft den Übergang zu der vernunftsbetonten Entwicklungsstufe ermöglichte, welche selbst mit der Aufklärung, Industrialisierung und der Moderne konditioniert wurde.</p>
<p>Folglich gibt es unterschiedliche Verwirklichungen der individuellen Spiritualität: Nämlich jene, die den Übergang von der postmodernen Entwicklungsstufe des Bewussteins zu einer Postmodernen beginnen; zweitens jene, die diesen Übergang zur post-postmodernen Entwicklungsstufe vollendet haben; und drittens jene, für die eine Kategorisierung und lebensweltliche Trennung wie ‚Spiritualität vs. Alltag‘ nicht mehr richtig Sinn ergibt. Dementsprechend sollten vier generelle Kennzeichen einer Weltspiritualität – bzw. der Kommunikation über Spiritualität als System – geschaffen werden:</p>
<h4>1) Es soll drei Gemeinschaften oder Sanghas geben.</h4>
<p>Diese drei Sanghas sollen alle spirituellen Traditionen und Ansätze aus Ost und West umspannen und eine soziale Manifestation natürlicher Wachstumshierarchien des Bewusstseins entsprechend spiritueller und psychologischer Entwicklungsstufen repräsentieren. Diese drei Sanghas sind insofern drei soziale Gemeinschaften oder Attraktoren für unterschiedliche Entwicklungsstufen der Individuen, und können damit <em>Sanghas ersten, zweiten und dritten Grades</em> genannt werden.</p>
<p>Die Individuen, die einer spirituellen Praxis und Disziplin folgen und über konventionelles/egoisches Bewusstsein (ersten Ranges) verfügen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-5" id='fnref-3953-5'>5</a></sup> was eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen &amp; Stadien miteinschließt, sollen <em>Studenten</em> heißen. Studenten können auch Lehrer sein, wenn sie andere Studenten die Disziplinen vermitteln, in denen sie selbst erfolgreich waren.</p>
<p>Die Individuen, die einer spirituellen Praxis und Disziplin folgen und über postkonventionelles/postegoisches Bewusstsein (zweiten Ranges) verfügen, was eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen &amp; Stadien einschließt, sollen <em>Adepten</em> heißen. Sie haben mindestens die integrale/autonome<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-6" id='fnref-3953-6'>6</a></sup> Entwicklungsstufe erreicht und Erfahrung mit den groben spirituellen Zuständen; sie haben ihr wahres, authentisches Selbst ‚erkannt‘ und drücken es durch ihre Arbeit aus.</p>
<p>Die Individuen, die einer spirituellen Praxis und Disziplin folgen und über Bewusstsein dritten Ranges verfügen, was eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen &amp; Stadien einschließt, sollen <em>erleuchtet </em>genannt werden. Sie haben die nondualen oder finalen Stufen der Bewusstseinsentwicklung erlangt.</p>
<p><em> </em>Jede dieser Stufen, Grade und ‚Ämter‘ verfügt über bestimmte Rechte, Pflichten, Privilegien und Verantwortlichkeiten. Je weiter ein Individuum entwickelt ist, umso komplexer werden seine/ihre Verantwortlichkeit und Pflichten. Ein Anstieg in innerer Komplexität und Verwirklichung muss zudem immer durch eine Steigerung von Intellekt, Liebe (und <em>tough love</em>), Mitgefühl und Wille einhergehen.</p>
<h4>2) Dies ist ein Manifest des (noch unsichtbaren) Sanghas zweiten Grades.</h4>
<p>Das besondere strukturelle Kennzeichen eines Sangha zweiten Grades kann man ‚primus inter pares‘ nennen, was den Vorzug von natürlichen Wachstumshierarchien vor Statushierarchien kennzeichnet. Aus diesem Grund stellt dieses Manifest auch kein Dogma dar, sondern ist ein Aufruf zur Diskussion der in diesem Manifest dargestellten Themen für diejenigen, die sich berufen fühlen – und das heißt: über Bewusstsein zweiten Ranges verfügen.</p>
<h4>3) Studenten (Schüler und Lehrer ersten Ranges), die Zutritt zu dem Sangha zweiten Ranges wünschen, sollen den folgenden Erfordernissen entsprechen:</h4>
<p>a)  Sie sollen sich einen <em>unabhängig durchgeführten Selbst-Entwicklungstest</em> unterziehen, der zeigt, dass ihre grundlegenden Entwicklung (in den Bereichen Kognition, Emotion und Volition) den zweiten Rang erreicht haben. Sie sollen ihre Schüler und Gefährten das Resultat dieses Tests zur Verfügung stellen.</p>
<p>b) Sie sollen sich in einer intimen Liebesbeziehung befinden.</p>
<p>c) Sie sollen ihr wahres, authentisches Selbst ausdrücken und beweisen durch eine meisterhafte Arbeit – sei sie künstlerisch, wissenschaftlich, organisatorisch oder anders. Diese Arbeit soll ein ‚Geschenk für die Menschheit‘ genannt werden.</p>
<p>d) Sie sollen von anderen Individuen zweiten Ranges intuitiv erkannt werden.</p>
<p>All diese Erfordernisse dienen der Qualitätssicherung und daher der psychologischen/sozialen Evolution. Es muss den Studenten enthüllt werden, auf welcher Entwicklungsstufe sich welcher Adept befindet und was seine Schatten, Pathologien wie auch seine oder ihre Kompetenzen und besonderen Fähigkeiten sind.</p>
<p>Wir empfinden eine solche Qualitätssicherung normal und erforderlich in Bezug auf Wissenschaft, Religion, Erziehung, Produktion, Politik etc. Eine solche Sicherung ist auch für das soziale Feld der Spiritualität erforderlich; der Gedanke daran ist uns einfach noch ungewohnt.</p>
<h4>4) Die allgemeinen Pflichten und Aufgaben des Sanghas zweiten Grades sind:</h4>
<p>a) Neues Entwicklungswissen und Anwendungen zu erzeugen, die auch an die Sanghas ersten Ranges weitergeleitet werden können.</p>
<p>b) Grundlegende und gegenwärtige ethisch-spirituelle Problemstellungen zu adressieren, sowie Perspektiven und Lösungen bieten.</p>
<p>c) Das sich die Adepten auf dem Weg zur Verwirklichung ihres Bewusstsein dritten Ranges unterstützen.</p>
<p>d) Sie sollen lehren.</p>
<p>Ein institutionalisiertes gesellschaftliches Subsystem ‚Spiritualität‘ – vor allem sichtbar an einem Sangha zweiten Grades – orientiert sich an wissenschaftlich akzeptierten Entwicklungsstufen des Bewusstseins und stellt Gesellschaft damit einen Zertifikationsmechanismus zur Verfügung, indem die Entwicklung des Bewusstseins des Einzelnen, mit allen weltlichen Implikationen, dem Dienst von Allen gilt.</p>
<p>Hieran wird auch der Nutzen oder die Funktion der Spiritualität als System deutlich: Nämlich Qualitätssicherung der Entwicklung der spirituell Strebenden zu gewährleisten.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-3953-1'>Ganz allgemein gesagt dreht sich kommunikative Spiritualität nicht wie etwa die Wissenschaft um objektiv messbare <em>Wahrheit</em> oder einen kommunikativen Wahr/Falsch-Mechanismus, sondern um die sozial-autopoietische Produktion von (Selbst-) <em>Erkenntnis</em>; die einzelnen spirituellen Disziplinen bestehen dann darin, wie Erkenntnis erzeugt und die Produktion von Erkenntnis tradiert, verändert und verbessert werden kann. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-2'>Vgl. Amarque, 2011. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-3'>Obwohl ich im Folgenden häufig den Imperativ ‚soll‘ nutze, tun ich dies lediglich aus literarischer Konvention, nicht aber aus inhaltlicher Notwendigkeit. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-4'>Vgl. Amarque, 2011. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-5'>Vgl. Wilber, <em>Integrale Psychologie</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-6'>Vgl Cook-Greuter, <em>9 Stufen zunehmenden Erfassens</em>. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-6">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Das Drehbuch des Glücks</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/11/29/das-drehbuch-des-gluecks/</link>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 12:46:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Integral Hero]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
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		<description><![CDATA[Heute Morgen wachte ich alleine in meinem Bett auf, eingebettet in ein Gefühl des Gehaltenwerdens und erfüllt mit Liebe. Ich hatte das Bedürfnis an den See zu gehen um dort zu meditieren. Als ich gut eingepackt auf meinem umgedrehten Fahrradkorb am Ufer in Versenkung sass, kam plötzlich Ärger in mir hoch. Ärger auf meinen Schöpfer. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Der-Autor.jpg" rel="lightbox[3867]"><img class="alignright size-medium wp-image-3869" style="margin-left: 10px;" title="Der Autor" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Der-Autor-300x224.jpg" alt="" width="200" /></a><em>Heute Morgen wachte ich alleine in meinem Bett auf, eingebettet in ein Gefühl des Gehaltenwerdens und erfüllt mit Liebe. Ich hatte das Bedürfnis an den See zu gehen um dort zu meditieren. Als ich gut eingepackt auf meinem umgedrehten Fahrradkorb am Ufer in Versenkung sass, kam plötzlich Ärger in mir hoch. Ärger auf meinen Schöpfer. Nicht meine Eltern, nein den allmächtigen Schöpfer.</em></p>
<p>Als ich da so sass, war ich so verärgert über ihn, dass er mir dieses Leben gab und mir nicht auch gleich den Wohlstand und das ständige Glück in die Wiege legte. Ich soll ein Teil von ihm sein und hier für ihn auf der Welt die Drecksarbeit machen und habe nicht die Mittel dazu, diesen Job auszuführen? Was soll denn das?</p>
<p>Ich öffnete die Augen und fing an Wünsche auszusprechen, als ich plötzlich realisierte, dass ich überhaupt nicht in der Position bin meine Wünsche auszusprechen. Vor vielen Jahren, ich war damals etwa 18 oder 19 Jahre jung, habe ich nach einem Zeichen gefragt um Gewissheit zu haben, dass es Gott gibt. Ich fuhr damals mit dem Auto und wartete bei Wolken verhangenem Himmel auf einen Sonnenstrahl – ich schrieb ihm sogar noch vor welches Zeichen er mir geben sollte. Dieser Sonnenstrahl kam nicht. Ich verleugnete Gott und hörte auf zu beten. Kirche war für mich ein rotes Tuch und ich fing an mich materiellen Götzen und Göttern zuzuwenden.</p>
<p>Irgendwann mit 30 begann ich mit buddhistischer Meditation und verleugnete immer noch, dass es einen Gott gibt. Der Buddhismus kennt keine Götter, obwohl es so viele Statuen und verschiedene Bilder von Buddha gibt, sind dies alles Aspekte der wahren Buddhanatur, die wir alle in uns haben. Wir sind Buddhas, nur wissen wir es meist nicht. Wir haben es vergessen.</p>
<p>Nun beschäftige ich mich schon länger mit unterschiedlichen spirituellen Traditionen und erkenne immer mehr, wie sich die Bilder doch in der Kernaussage gleichen, und dass der Urgrund, die Essenz und das Ziel in allen das gleiche ist, wir dem nur andere Etiketten und Namen geben. Gott ist für mich schon seit einiger Zeit kein abstrakter Begriff mehr und ich habe auch begonnen mit Spirit in der zweiten Person zu sprechen – das höchste Prinzip mit Du anzusprechen und ins Zwiegespräch zu gehen.</p>
<p>Nun als ich heute da so am See sass, erkannte ich, dass ich dieses Du nicht wirklich ernst nehme, immer nur spreche und gar nicht zuhöre, was mir dieses Du sagt. Ich entschuldigte mich für die vielen Jahre in denen ich Gott verleugnet habe und ihm nicht zugehört habe. Er, der doch immer bei mir ist, der mein Schöpfer, die Schöpfung und das Erschaffene ist, das Eine, das nie geboren wurde und niemals sterben wird. Welchen Namen wir diesem Prinzip auch geben, die meisten Menschen auf der Welt kennen es als Gott. Es ist der Autor unseres Drehbuchs für die Rolle, die wir in diesem Leben erfüllen.</p>
<p>Dieses Bild des Drehbuchs kam eben bei einem Skypeonat mit einem guten Freund in Deutschland. Stell dir mal bildlich folgende Situation vor:</p>
<p>Ein Autor schreibt in ein leeres Buch eine Geschichte. Dieses dient als Drehbuch für die Rolle eines Schauspielers, der sich immer wieder auch gegen diese Rolle wehrt und sich oft unwohl darin fühlt. Durch jedes Widerstreben gegen, oder Hingabe zu dieser Rolle, wird die Geschichte in jedem Moment neu geschrieben.</p>
<p>Ich hatte das Bild des Schauspielers als getrenntes Selbst, als Ego; die Rolle als das einzigartige Selbst, dem, was uns beauftragt wurde in dieser Welt zu verkörpern; die Worte auf den Leeren Seiten sind der Auftrag, der jeweils immer kurz vor dem Moment geschrieben wird, bevor wir in erhalten; die leeren Seiten sind unsere Seele, oder wir können es auch Karma nennen, worauf alles niedergeschrieben wird, was wir zu erfüllen haben; und dann gibt es natürlich noch den Autor, der sich überlegt was für den Schauspieler gerade das richtige wäre. Wir können auch noch die Feder, mit der alles geschrieben wird, als Wahres Selbst in dieses Bild mit hinein nehmen.</p>
<p>Je mehr mein getrenntes Selbst sich mit Händen und Füssen gegen die erhaltene Rolle sträubt, werde ich meinen Auftrag nicht im Sinne des Autors ausführen. Gebe ich mich dem Auftrag hin, vertraue ich der Weisheit des Autors oder Schöpfers meiner Rolle, erkenne ich diese wie auf mich massgeschneidert und bin glücklich in dem was ich tue. Durch die Hingabe an die höchste Wahrheit und Weisheit des Autors, und dem Vertrauen zu diesem, wird jedes niedergeschriebene Wort im Sinne der Geschichte und zum Wohle aller anderen Rollen sein.</p>
<p>In Meditation kann ich mich mit der Feder, dem Wahren Selbst, dem reinen Beobachter, verbinden und möglicherweise in jedem Moment, den Fluss der Tinte mitbestimmen. Vielleicht kann ich nicht direkt die Führung der Feder beeinflussen, doch mit dem Vertrauen kommt die Bewusstheit, dass der Autor mir eine Rolle zuschreibt, in der ich glücklich und erfüllt bin. So werde ich mit der Zeit der Regisseur für meine eigene Rolle und kann bereits bei der Entstehung der Wörter auf dem leeren Papier dabei sein.</p>
<p>Wer oder was unsere Geschichte in das leere Buch schreibt muss jeder für sich selbst erkennen. Wollen wir dem einen Namen geben, oder ist es etwas Unbenennbares? Plotin nannte es das Eine, manche nennen es Gott, wieder andere Deva oder Manitu. Egal welchen Namen wir dafür verwenden, wichtig ist, dass wir uns bewusst werden was es für uns bedeutet, und dass wir uns in der Gemeinschaft darüber austauschen, um ein gemeinsames Verständnis dafür zu bekommen, damit wir wissen wovon die Rede ist, wenn die Begriffe fallen.</p>
<p>Je mehr Schauspieler sich dem Autor hingeben und die zugeschrieben Rolle annehmen, kann so aus dem Melodram ein Abenteuer– oder ein Liebesfilm werden. Durch die ausgeglichene Zusammenarbeit der einzelnen Rollen, oder einzigartigen Selbste, wird der Film des Lebens ein Erfolg und wird so in das Filmarchiv des Universums als Meisterstück eingehen.</p>
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		<title>Was ist das Ganze?</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/11/27/was-ist-das-ganze/</link>
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		<pubDate>Sun, 27 Nov 2011 10:23:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die herkömmliche naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt hat unserer Kultur den Blick auf das Ganze verstellt. Dabei wissen wir, dass es im Leben mehr gibt als das, was sich wiegen und messen lässt. Wir können lernen, auf neue Weise und selbstbewusst über die feineren Ebenen des Lebens zu sprechen. Bereits als Kind hatte ich Erfahrungen, die mir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die herkömmliche naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt hat unserer Kultur den Blick auf das Ganze verstellt. Dabei wissen wir, dass es im Leben mehr gibt als das, was sich wiegen und messen lässt. Wir können lernen, auf neue Weise und selbstbewusst über die feineren Ebenen des Lebens zu sprechen.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/oya-112011_das_ganze.jpg" rel="lightbox[3811]"><img class="alignright size-medium wp-image-3814" style="margin-left: 10px;" title="Den Blick auf das Ganze" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/oya-112011_das_ganze-300x168.jpg" alt="" width="200" /></a>Bereits als Kind hatte ich Erfahrungen, die mir die Gewissheit gaben, dass mehr dran sein musste an der Wirklichkeit, als mir die Erwachsenen weismachen wollten. Ich fühlte mich zum Beispiel von bestimmten Stellen in der Umgebung unseres Hauses angezogen, die für mich »etwas Besonderes» hatten, und wollte mir mit anderen Kindern ein Ritual für diese Orte ausdenken. Leider hatten die wenig Verständnis dafür, was dort Besonderes sein sollte. Mir schien auch, ich könne nachts die Seelen der Menschen durch die Mauern der Häuser hindurch spüren, und fühlte manchmal bestimmte Menschen in weiter Entfernung so präsent, als seien sie anwesend. Später lernte ich in meiner Ausbildung als Yogalehrer und Atemtherapeut, dass man bereits in einer gewissen Distanz vom Körper eines Menschen etwas ganz Feines und Lebendiges wahrnehmen kann, das zu diesem Menschen gehört und einem etwas über ihn mitteilt, wenn man sich auf eine bestimmte Weise darauf einstimmt. Man kann sich auf diesem Weg mit anderen Menschen verbinden und sie ohne körperlichen Kontakt »berühren«. Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen ihre Umwelt und andere Menschen auf dieser Ebene wahrnehmen, meist jedoch unbewusst. In der Regel ist es deshalb schwierig, über solche Wahrnehmungen zu sprechen.<br />
In unserer westlichen Kultur der Moderne ist diese Art von Erfahrungen zusammen mit Gefühlen, Erotik, Intimität, allem »Atmosphärischen« und allem, was man als »spirituelles« Erleben bezeichnen könnte, aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein verbannt und ins Private verdrängt. Nur in bestimmten Minderheitskreisen wird darüber gesprochen; der gesellschaftliche »Mainstream« ignoriert sie weitgehend. Dennoch sind es bedeutende menschliche Erfahrungen. In anderen Kulturen als der europäischen sowie in gewissen Subkulturen unserer eigenen Gesellschaft spielen sie eine anerkannte Rolle. Spiritualität ist ein menschlicher Erfahrungsbereich, der auf der grundlegendsten Ebene mit Phänomenen, wie ich sie bisher angesprochen habe, beginnt. Wenn man von den einfachen und grundlegenden Erfahrungen ausgeht, die eigentlich jedem vertraut sind, kann man sehen, dass es sich bei Spiritualität nicht um etwas Exotisches und nur wenigen Zugängliches handelt, sondern um etwas allgemein Menschliches. Aus diesem Grund nähere ich mich dem Thema von diesen einfachen Dingen her und zeige, wie man aus wissenschaftlicher Sicht von dieser Warte aus argumentieren kann.</p>
<p><strong>Ein zeitgemäßes Weltbild<br />
</strong>So stelle ich zunächst die Frage, wie wir heute zu einem zeitgemäßen Weltbild gelangen können. Nach meiner Auffassung muss ein solches alle Bereiche menschlicher Erfahrung repräsentieren. Das bedeutet in erster Linie, dass auch Aspekte des menschlichen Lebens, die nicht messbar und objektivierbar und deshalb bisher kaum ins wissenschaftliche Weltbild aufgenommen worden sind, einbezogen werden müssen. Gerade aus wissenschaftlicher Sicht muss ein Weltbild vollständig und damit ganzheitlich sein, damit es wahr und der Realität angemessen ist. Ein unvollständiges, unangemessenes Weltbild birgt die Gefahr, dass eine darauf basierende Wissenschaft Schäden anrichtet. Deshalb sollte die Wissenschaft sich eingestehen, dass gewisse Bereiche menschlicher Erfahrung existieren, die sie mit ihren Methoden (noch) nicht erfassen kann, die aber als Teil der menschlichen Erfahrung für unser Leben von hoher Bedeutung sind. Was die Naturwissenschaft zum menschlichen Wissen beiträgt, ist ein wichtiger Aspekt, nicht aber der alleinige Maßstab. Das ist einer der Gründe dafür, dass das Subjektive in der Wissenschaft heute eine gewisse Aufwertung erfährt und die Phänomenologie, die die subjektive Erfahrung als Grundlage allen Wissens betrachtet, wieder eine wichtige Rolle spielt.<br />
Zu einem ganzheitlichen Menschen– und Weltbild gehört auch ein transkultureller Ansatz. Das bedeutet, die menschlichen Erfahrungen anderer Kulturen und anderer Zeiten einzubeziehen. Auch die Berücksichtigung früherer Epochen unserer eigenen Kultur sowie derjenigen Perspektiven in den Subkulturen unserer Gesellschaft, die vom gegenwärtig herrschenden Weltbild abweichen, gehören zu einer solchen erweiterten Sicht, durch die der ganze Reichtum des Menschseins erfassbar wird. So gibt es zum Beispiel Kulturen, die keine kategorische Trennung zwischen Mensch, Tier und Pflanze kennen, die die Erde als lebendig erfahren oder von der Existenz unkörperlicher Wesen (Geister, Götter etc.) ausgehen, und auch ein solches Weltverständnis muss berücksichtigt werden. Durch die kulturelle Globalisierung ist heute erstmals in der Geschichte die Einbeziehung des Wissens fremder Kulturen auf der Basis eines einigermaßen angemessenen Verständnisses nicht-westlicher Kulturen möglich und somit eine echte Auseinandersetzung mit grundlegend verschiedenen Denkformen.</p>
<p><strong>Rationalität<br />
</strong>Geisteswissenschaften, Mythos, Dichtung, Musik, darstellende Kunst und andere Ausdrucksweisen der menschlichen Krea­tivität werden in der positivistischen Ideologie der modernen Wissenschaft als »irrational« und damit als irrelevant abgetan. Sie stellen, genau wie die Spiritualität, innerhalb unserer eigenen Kultur eine Denkform dar, die sich durch eine von den herrschenden wissenschaftlich-philosophischen Denk– und Handlungsformen abweichende Art der Rationalität auszeichnet. Die abendländische Wissenschaft wird hier als Prototyp der Rationalität dargestellt und die Naturwissenschaft zum einzigen Weg zur Wahrheit erklärt. Die gegenwärtige Art und Weise, Wissenschaft zu betreiben, wird als die einzig mögliche deklariert, und alle anderen Äußerungen und Anschauungen werden als minderwertig betrachtet. Verbunden damit ist auch das Vorurteil, in anderen Kulturen seien keine rationalen und wissenschaftlichen Traditionen möglich und vorhanden.<br />
Diese Auffassung von Rationalität wird heute unter Philosophen und aufgeklärten Wissenschaftlern zunehmend in Frage gestellt. So schreibt beispielsweise der Kieler Wissenschaftsphilosoph Kurt Hübner, dass die positivistische Auffassung von Rationalität nicht nur »verschroben«, sondern ganz einfach falsch sei. Er sieht die Naturwissenschaft als eine Erkenntnisform unter anderen, einen Spezialfall innerhalb des umfassenderen und allgemeineren Bereichs der menschlichen Erkenntnis. Mythisches Denken, künstlerische, spirituelle, religiöse und moralische Erfahrung hätten nicht weniger Anspruch auf Rationalität als die Naturwissenschaft. Sie besäßen ihre eigene Art von Rationalität, die im Rahmen ihres eigenen Erfahrungs– und Vernunftbegriffs konsistent sei und wirke. Hübner weist darauf hin, dass unsere moderne Kultur in dem Zwiespalt lebe, einerseits die Welt im Licht wissenschaftlicher Erkenntnis zu betrachten, welche – wie der Soziologe Max Weber sagte – die Welt »entzaubert« habe, wir andererseits aber weiterhin wichtige Bereiche des Lebens, wie Liebe, Geburt und Tod, die Begegnung mit der Natur und mit anderen Menschen, auf eine nicht-wissenschaftliche Weise erfahren.<br />
Sehr aufschlussreich ist auch die jüngste Debatte über die »Rationalität des Gefühls« bzw. der Emotionen, wie sie in den Arbeiten der Philosophen Hartmut Böhme, Gernot Böhme, Ronald de Sousa oder Carola Meier-Seethaler geführt wird. Der herrschende Rationalismus misstraut Gefühlen und Emotionen; sie werden als Störfaktor für den sachlichen Denkablauf betrachtet. Doch neben dem rationalistischen Mainstream der westlichen Philosophie hat es schon immer eine andere Denktradition gegeben. Sie vertrat das »Andere der Vernunft«, das heißt eine andere Auffassung von Rationalität und eine breitere Grundlage für sie in der leiblichen Existenz und in den Gefühlen gegenüber einer einseitigen rationalistischen Konzeption von Erkenntnis. Diese Denktradition beginnt in der Zeit der Aufklärung und setzt sich durch die deutsche Romantik bis zur Existenzphilosophie und zur Phänomenologie fort.<br />
Der Franzose Blaise Pascal beispielsweise, der als Mathematiker und Freund von Descartes das rationale Denken hoch einschätzte, sah gleichzeitig dessen Grenzen beim Erfassen großer Zusammenhänge und bei der Beantwortung existenzieller und ethischer Fragen. Aus diesem Grund wollte er die »Logik des Verstands« durch eine »Logik des Herzens« ergänzt sehen. Existenzphilosophie und Phänomenologie wandten sich gegen den Objektivitätskult der Wissenschaft und erklärten die subjektive Wahrnehmung und persönliche Erfahrung des Menschen zur Grundlage der Erkenntnis. Auch die Gefühle gelten hier als eine wichtige Quelle echter Erkenntnis; sie haben vor allem eine zentrale Funktion in der Bewertung von Wahrgenommenem und in der daraus entstehenden Motivation zum Handeln. Die Bewertung der Wahrnehmungen durch das Gefühl bildet überhaupt die Grundlage für die Tätigkeit des Verstands. Unsere Gefühlsgewohnheiten sind eine unerlässliche Voraussetzung für eine rationale Lebensführung, da sie den Einsatz der rationalen Fähigkeiten durch Auswahl und bewertende Strukturierung der Erfahrung ermöglichen. Erst dann kann die Tätigkeit der Vernunft einsetzen, die bewusst zwischen den Alternativen auswählt, die zuvor emotional vorselektiert wurden. Wie De Sousa schreibt, ist die landläufige Meinung, dass Gefühle stets irrational seien, ebenso falsch wie der Appell an die Autorität eines unmittelbaren Fühlens, da Gefühle bereits ihre eigene Art der Ratio­nalität besitzen und auch auf der »vorrationalen« Ebene der Emotionen bereits eine Art von Reflexion stattfindet.<br />
Es gibt somit, wie auch der Philosoph Ernst Cassirer und der Religionswissenschaftler Mircea Eliade betonen, neben der Naturwissenschaft und dem rationalen Denken weitere gleichwertige, aber andersartige Formen der menschlichen Erkenntnis und der Rationalität. Dementsprechend geht man heute davon aus, dass es neben der bekannten intellektuellen und rationalen Intelligenz, die im »Intelligenz-Quotienten« gemessen wird, noch mindestens sechs weitere Arten der Intelligenz gibt, so eine emotionale, körperlich-kinästhetische, musikalische, linguistische, räumliche und praktische Intelligenz. Am bekanntesten ist die emotionale Intelligenz, die der Psychologe und Wissenschaftsautor Daniel Goleman Mitte der 90er Jahre in seinem gleichnamigen Buch populär machte. Danah Zohar und Ian Marshall machten schließlich im Jahr 2000 den Vorschlag, das volle Spektrum der menschlichen Intelligenz werde erst durch die Einbeziehung einer »spirituellen Intelligenz« abgebildet. Sie verstehen darunter »jene Fähigkeiten, mit denen wir Probleme von Sinn und Wert angehen und lösen, die Intelligenz, die uns befähigt, unsere Handlungen und unser Leben in einen weiteren, reicheren, sinngebenden Kontext zu stellen und zu beurteilen, welche Handlungsweise oder welcher Lebensweg gerade stimmiger, sinnvoller und bedeutungsvoller ist als ein anderer«. Sie betrachten die spirituelle Intelligenz als notwendige Basis sowohl für die emotionale wie auch für die rationale Intelligenz.</p>
<p><strong>Die Erkenntnisse der Quantentheorie<br />
</strong>In diese grundsätzlichen Überlegungen zu einem zeitgemäßen Weltbild sollten auch Argumente der Quantentheorie einfließen. Die Quantentheorie ist jetzt 111 Jahre alt. Bis vor etwa zehn Jahren sind jedoch ihre philosophischen Implikationen nicht ernstgenommen worden; sie wurde nur als Methode zur Berechnung von Molekülen verwendet. Um ihre Auswirkungen auf unser Weltbild sollten sich die Philosophen kümmern, so die Meinung der Physiker. Seit etwa zehn Jahren hat die Quantenrevolution jedoch auch die anderen Wissenschaften und die Gesellschaft als Ganze erreicht. Die Physik als »Leitwissenschaft« wird von den anderen Wissenschaften und von der Gesellschaft nur mit großer Verzögerung übernommen, deswegen hat bis heute die klassische Newton’sche (mechanistische) Physik die Hauptrolle gespielt. Sie hat sich im allgemeinen Bewusstsein so sehr durchgesetzt, dass der »gesunde Menschenverstand« heute vollständig im mechanistischen Sinn physikalisiert ist. Dazu gehört auch der weitverbreitete Fetisch der »wissenschaftlichen Beweisbarkeit«: Über alles soll heute die Messung und der »wissenschaftliche Beweis« entscheiden. Dabei existiert ein »wissenschaftlicher Beweis«, wie ihn sich der Laie vorstellt, gar nicht: Die Wissenschaft kann keineswegs beweisen, dass etwas der Fall oder wahr ist. Vielmehr bemüht sie sich um die Einordnung eines Phänomens in eine bestehende Theo­rie. Dennoch wird im Ringen um wissenschaftliche (und damit gesellschaftliche) Anerkennung immer wieder die angebliche wissenschaftliche Beweisbarkeit irgendwelcher Erkenntnisse ins Feld geführt, so zuweilen auch bei spirituellen Erfahrungen, die sich jedoch bei Licht betrachtet dem Messbaren entziehen.<br />
Wenn nun im Weltbild der klassischen Physik Spiritualität nicht akzeptabel erschien, so ist das bei der Quantenphysik nicht mehr der Fall. Aus ihr ergibt sich vielmehr zwingend, dass Ganzheitlichkeit, Nicht-Lokalität und Verbundenheit fundamentale ­Eigenschaften der Realität sind. Damit hat selbstverständlich nicht etwa die Wissenschaft bewiesen, dass es den Bereich des Spirituellen gibt, sondern die in unserer Wirklichkeit existierenden Dimensionen, die die Spiritualität schon lange kennt, finden nun auch einen Widerhall in einer wissenschaftlichen Theorie. Gemäß der Quantentheorie kann die Welt nur noch unter bestimmten Ausnahmebedingungen als eine Ansammlung von separaten Objekten betrachtet und behandelt werden. Sie ist vielmehr als ein nahtloses Ganzes zu verstehen, das keine Teile hat, in dem alles mit allem verbunden ist und nichts mehr genau lokalisiert und separierbar erscheint, sondern alles Wellen– oder Feldcharakter hat und damit nicht genau verortet werden kann. Eine weitere Folgerung aus der Quantentheorie ist, dass der »Beobachter« in der Physik nicht mehr von der Welt, die er wahrnimmt, getrennt werden kann, sondern ein Teil von ihr ist; somit muss das Bewusstsein als ein grundlegender Teil der physikalischen Welt betrachtet werden, die auf diese Weise selbst als nicht mehr rein materiell erscheint. Das Universum der Quantentheorie ist lebendig, beseelt und mit Bewusstsein begabt. Logischerweise werden dann in der Generalisierten Quantentheorie die quantenmechanischen Gesetze auf Gebiete außerhalb der Physik ausgedehnt, so dass ihre Erkenntnisse auch zum Verständnis von bisher unverstandenen Phänomenen in Medizin, Psychologie, Biologie und Bewusstseinsforschung beitragen können. Kein Wunder, dass diese weitreichenden Konsequenzen der Quantentheo­rie viele der Begründer dieser neuen Wissenschaft, wie z. B. Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger, veranlasst haben, sich eingehend mit östlichen Philosophien und Religionen sowie mit Mystik zu beschäftigen.</p>
<p><strong>Die Ökologie des Unsichtbaren<br />
</strong>Nicht nur die Folgerungen aus der Quantentheorie führen in Richtung von Spiritualität, sondern auch ein konsequentes Weiterdenken der Ökologie. Der Ökologie verdanken wir, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit und Vernetzung der biologischen, ja der gesamten materiellen Umwelt durchgesetzt hat. Doch unsere Erfahrung zeigt, dass es nicht nur die materiellen Dimensionen der Realität gibt. Wer hat nicht schon gespürt, dass jemand anderes an ihn gedacht hat, obwohl der– oder diejenige weit entfernt war? Dass zwei Menschen trotz räumlicher Entfernung tatsächlich einander spüren können, dokumentieren die Experimente zur Gehirnwellen-Synchronisation von aufeinander eingestimmten Menschen. Aber um zu erklären, wie diese Übermittlung vor sich geht, kann die Wissenschaft nur vorsichtige Theorien anbieten. Solche Erfahrungen gehören zu unserem Alltag, und wenn wir sie als real akzeptieren bzw. uns bewusst machen, führt das ökologische Weltbild direkt zu einer Ökologie des Nicht-Materiellen und Unsichtbaren. Vielleicht gehört Verbundenheit auf dieser Ebene auch schon zur Spiritualität im weitesten Sinn. Wer sich verbunden fühlt, wird immer ein »größeres Ganzes« wahrnehmen und aus dem Ganzen heraus statt aus dem begrenzten Ich heraus handeln.<br />
Bereits im Bereich der Materie erfasst unsere Wahrnehmung viele unsichtbare physikalisch-chemische Faktoren wie elektro­magnetische Felder, Schall, Schwerkraft, die Luft und ihre Bestandteile, darunter Gerüche und Luft-Ionen, Luftdruck, Feuchtigkeit, sowie die Eigenschaften von Materialien, die auch durch ihre Felder auf uns wirken. Darüber hinaus deutet unsere Erfahrung auf (noch) nicht messbare, aber trotzdem wirksame Faktoren hin, die als eine Art Zwischenbereich zwischen den objektiven und den subjektiven Bereichen unserer Umwelt bezeichnet werden könnten. Es sind feldartige Dimensionen, für die sich der Begriff »Feinstofflichkeit« anbietet. Dazu könnte man Informationsfelder wie Potenziale und die in der populären Literatur so genannten Skalarwellen oder auch Tachyonen zählen, die sich schneller als Lichtgeschwindigkeit ausbreiten sollen. Zum Teil kennt die Physik diese Felder bereits, berücksichtigt sie aber noch kaum bzw. nimmt ihre Existenz von der Theorie her an, kann sie aber noch nicht nachweisen. Auch die gefühlte »Energie« eines besonderen Orts wie in einer mittelalterlichen Kathedrale oder auf einem Berggipfel könnte man zu diesen Feldern zählen. Solche Beispiele reichen bereits in eine weitere Ebene hinein, nämlich zu denjenigen Faktoren der Umwelt, die uns subjektiv-seelisch oder geistig-spirituell beeinflussen, wie zum Beispiel ein archetypisches Symbol oder schlicht die Erfahrung der Lebendigkeit und Schönheit der Natur. Wir nehmen unsere Umwelt nicht nur wahr im Sinn einer objektiven Feststellung dessen, was im wissenschaftlich-rationalen Sinn »tatsächlich existiert«, sondern fühlen sie mit unserem ganzen Wesen, also »subjektiv«, als etwas, das in uns eine bestimmte Befindlichkeit, Stimmung und Gefühlsreaktion auslöst, das also für uns etwas bedeutet.<br />
Das gilt erst recht für die Wahrnehmung anderer Menschen, also die zwischenmenschlichen Dimensionen dieser »unsichtbaren Ökologie«. Auch sie hat neben dem, was wir sehen und anfassen können, noch weitere, unsichtbare Dimensionen. Wie die Biophysik in den letzten 20 Jahren zum Beispiel in der Biophotonenforschung gezeigt hat, besitzt der Mensch neben dem soliden Körper auch einen elektromagnetischen Feldkörper, der weit über die Körpergrenzen hinausreicht. Aus biophysikalischer Sicht müssen wir den Menschen als einen hochempfindlichen »kosmischen Resonator« betrachten, der sich in ständiger Resonanz mit einem schwingenden Universum befindet. Das Universum ist eine Art Hallraum, mit dessen ständig hin und her laufenden Wellen wir in Resonanz sind. Jeder Mensch wird zumindest unbewusst dieser Schwingungen gewahr und reagiert auf sie. Diese Resonanz geht jedoch über die biophysikalischen Dimensionen hinaus: Im Sinn der Generalisierten Quantentheorie, wie Harald Walach sie zum Verständnis transpersonaler Phänomene vorschlägt, können wir sie als nicht bloß materielle, sondern ganzheitliche Resonanz mit dem Universum verstehen.<br />
Wir sind auf einer elementaren, meist unbewussten Ebene keine separaten, voneinander getrennten Individuen, sondern auf der Ebene des Fühlens aufs engste verflochten mit anderen Menschen, egal, wie weit sie von uns entfernt sind. In unserem Erleben ist der Raum um uns herum erfüllt von gefühlten »Anmutungen« und Ahnungen, deren Herkunft und genaue Bedeutung für unseren Verstand schwer zu bestimmen sind. Körpergefühl und Intuition müssen als geeignetere Instrumente für das Zurechtfinden in diesem »zwielichtigen« Bereich allerdings bei den meisten von uns erst geübt und ausgebildet werden.</p>
<p><strong>Wir sind in eine transphysikalische Wirklichkeit eingebettet<br />
</strong>Aus diesen Hinweisen auf eine mögliche Annäherung an das Spektrum spiritueller Erfahrungen aus wissenschaftlicher Sicht ergibt sich in erster Linie die Transpersonalität der menschlichen Existenz: Wie meine anfangs geschilderten Erfahrungen zeigen, bin ich nicht auf meine vordergründige, den Sinnen ohne weiteres zugängliche (und wissenschaftlich messbare) Existenz als körpergebundenes, lokalisiertes Wesen beschränkt. Das, was ich bin, geht weit über das Individuelle hinaus und reicht in Dimensionen, die ich zwar nicht messen, aber unter bestimmten Umständen subjektiv wahrnehmen kann.<br />
Wir alle sind eingebettet in eine unsichtbare, physikalische und transphysikalische Dimensionen umfassende Wirklichkeit, von der die Traditionen aller Kulturen und Zeiten berichten. Die in unserer modernen, westlichen Kultur vorherrschende Bewusstseinsverfassung erschwert vor allem durch die Vorstellung, dass das wahrnehmende Subjekt von der wahrgenommenen Welt getrennt sei, die Erfahrung dieser Dimensionen. Immer mehr Menschen beginnen heute aber, sie zumindest ansatzweise wahrzunehmen, und das führt unter anderem zur Entstehung einer neuen, nicht-institutionellen Spiritualität. Wir sind herausgefordert, für unsere Kultur diesen Erfahrungsbereich der anderen Wirklichkeit mit seiner eigenen Rationalität und Gesetzlichkeit neu zu entdecken und zu formulieren. Die menschliche Entwicklung kennt nicht nur das pure biologische Funktionieren, wie es der konventionellen Biologie und Medizin bekannt ist. Erst in der Entwicklung der psychologischen und geistigen Dimensionen der menschlichen Existenz kann das Potenzial des Menschseins umfassend und in all seiner Tiefe ausgeschöpft werden. Der Weg von den ersten keimhaften Wahrnehmungen anderer Dimensionen bis zu einer voll entwickelten, im konkreten Alltag gelebten Spiritualität ist jedoch in unserer Kultur noch weit, und wie sehr unsere Gesellschaft sich in nächster Zukunft für diese Ebenen zu öffnen und diesen Weg zu unterstützen vermag, ist zur Zeit noch ungewiss.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmal im Magazin OYA — anders denken, anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/534-Was_ist_das_Ganze_.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 11/2011</a></em></p>
<p><em>Zu diesem Artikel gibt es jede Menge Literatur:<br />
Internet<br />
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Marco Bischof: Biophotonen – das Licht in unseren Zellen. Zweitausendeins, 1995; Tachyonen Orgonenergie Skalarwellen – Feinstoffliche Felder zwischen Mythos und Wissenschaft. AT Verlag, 2002 • Hartmut Böhme und Gernot Böhme: Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants. Suhrkamp, 1983 • Anton Bucher: Psychologie der Spiritualität. Beltz, 2007 • Arndt Büssing und Niko Kohls: Spiritualität transdisziplinär: Wissenschaftliche Grundlagen im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit. Springer, 2011 • Kurt Hübner: Kritik der wissenschaftlichen Vernunft. Verlag Karl Alber, 1978; Die Wahrheit des Mythos. C. H. Beck, 1985 • Carola Meier-Seethaler: Gefühl und Urteilskraft. C. H. Beck, 1997 • Ronald de Sousa: Die Rationalität des Gefühls. Suhrkamp, 1997 • Harald Walach: Spiritualität – ­Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen. Drachen Verlag, 2011 • Max Weber: Wissenschaft als Beruf (1919). Philipp Reclam jun., 1995 • Danah Zohar und Ian Marshall: SQ – ­Spirituelle Intelligenz. Scherz Verlag, Bern-München 2001.</em></p>
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		<title>Spirituelles Weltbürgertum</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 16:27:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Globale Spiritualität und das Verständnis für die Berechtigung aller Religionen Fundamentalismus, absoluter Wahrheitsanspruch und Konfessionalisierung kennzeichnen die rückwärtsgewandte Erscheinungsform von Religion. Auf der fortschrittlichen Seite des Spektrums entwickelt sich ein Umgang mit Religion, der die Verwurzelung in einer Tradition mit der Wahrheit über allen Unterschieden zu verbinden weiß. Unser Beitrag trägt Phänomene einer globalen Spiritualität [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Globale Spiritualität und das Verständnis für die Berechtigung aller Religionen</h2>
<div id="attachment_3575" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad80486b22db_s.jpg" rel="lightbox[3572]"><img class="size-medium wp-image-3575 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad80486b22db_s-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / Gewissheit © Tabea Keller</p></div>
<p><em>Fundamentalismus, absoluter Wahrheitsanspruch und Konfessionalisierung kennzeichnen die rückwärtsgewandte Erscheinungsform von Religion. Auf der fortschrittlichen Seite des Spektrums entwickelt sich ein Umgang mit Religion, der die Verwurzelung in einer Tradition mit der Wahrheit über allen Unterschieden zu verbinden weiß. Unser Beitrag trägt Phänomene einer globalen Spiritualität vom Sufismus bis hin zur Anthroposophie zusammen.</em></p>
<p>Tabea Gregory wollte es wissen: Welche Einstellung haben Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren in Deutschland, wenn es um Religion geht? Die Schülerin aus der 13. Klasse der Waldorfschule in München-Ismaning erarbeitete dazu einen Fragebogen und stellte sich damit in die Fußgängerzone. Sie befragte rund 800 Passanten. Die Ergebnisse ihrer Befragung sind zu finden in einem Essay, das auf www.jugendsymposion.de veröffentlicht wurde und im Aprilheft der Zeitschrift<em>Erziehungskunst</em> erschien.</p>
<p>Die junge Frau musste feststellen, dass das Bild junger Menschen von Religion heute von Konflikten und Kriegen geprägt ist. Dass es in allen Religionen auch um Frieden, Liebe und Gemeinschaft geht, verschwindet aus dem Bewusstsein. Außerdem stellte sie ein recht ambivalentes Verhältnis vieler Befragter zur Religion fest. Etwa die Hälfte gab an, zwar nicht selbst an die Lehren der Religion, in der sie erzogen wurden, zu glauben, sie aber doch ihren eigenen Kindern mitgeben wollten; es sei wichtig, Traditionen zu wahren und innere Kraft mit auf den Weg zu geben.</p>
<p>Tabea Gregory hat ihrer Befragung interessante eigene Betrachtungen zum Thema Religion hinzugefügt: „Glaube ist ein Spiegel der eigenen Innenwelt“, lautet eine ihrer Thesen. Aufgrund der zunehmenden Individualisierung scheine es dann keinen Platz mehr zu geben für eine „Kollektiv-Religion“. Die junge Autorin schließt mit der Überlegung: „Wenn die Menschen ihren neuen individuellen Zugang zum Glauben gefunden haben – ein Glaube, der auch Nichtglaube und Andersglaube einschließt –, kann vielleicht eine neue Form von Religiosität entstehen, die ein WIR-Denken möglich macht.“</p>
<p>Tabea Gregorys Betrachtungen spannen den Bogen von den traditionellen Religionsformen über die Individualisierung hin zu einer möglichen neuen gemeinsamen Basis für Religiosität. Dieser Schilderung möchte ich eine weitere Schilderung an die Seite stellen. Welchen Platz gibt es innerhalb der Religion als kollektiver Rahmen für die Individualität und ihre persönliche Erfahrung? Haben organisierte Formen der Religion noch eine Berechtigung in der heutigen Zeit?</p>
<h4>Von mythischer Religion zu interreligiösem Austausch</h4>
<p>In einer ersten Stufe ist jede Religion bzw. jede® Gläubige davon überzeugt, dass seine oder ihre Form von Religiosität die einzig richtige ist. Dazu gesellt sich die mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Haltung, dass die eigene Religion jeder anderen überlegen sei. Diese Stufe von Religiosität könnte man „mythische Religion“ nennen. Eine solche Überzeugung gibt eine Rechtfertigung für Unterdrückung und Bekämpfung, mitunter auch für die Ausrottung von Andersgläubigen.</p>
<p>In unseren Breitengraden wurde ab der Aufklärung der Ruf nach „Beweisen“ immer lauter. Das schwächte die Religionen und ihre Dogmen und führte zu einer zunehmenden Säkularisierung. Gläubige Menschen im Westen leben seither oft in zwei Welten, die sie innerlich nicht zur Deckung bringen. Diese Stufe der religiösen Entwicklung kann man auch „rationale Religion“ nennen.</p>
<p>In einer dritten Phase kommt es einerseits zu tolerantem Pluralismus und interreligiösen Bemühungen, andererseits einer verstärkten Hinwendung zur Spiritualität. Beide Entwicklungen können, aber müssen nicht Hand in Hand gehen. Bei ökumenischen und interreligiösen Veranstaltungen können Menschen erleben, dass das, was sie gemeinsam haben, dasjenige, was sie trennt, bei Weitem übersteigt. Diesen Begegnungen liegt der Wunsch, harmonisch miteinander auskommen zu wollen, zugrunde. Man wird sich der möglicherweise geteilten Werte bewusst und schaut darauf, welche Grundlagen alle Religionen gemeinsam haben. Eine Begegnung auf dieser Basis wirft oft neue Fragen auf. Menschen, die sich auf solch einen Austausch einlassen, identifizieren sich oft nicht mehr im traditionellen Sinne mit ihrer Religion, sehen sich aber dennoch durch die Außenwahrnehmung veranlasst, sich mit den eigenen Grundlagen auseinanderzusetzen, sie zu erklären und womöglich sogar zu verteidigen.</p>
<p>Die Sehnsucht nach Spiritualität und Mystik hat in unserer Zeit neue Formen angenommen. Es gibt inzwischen eine Art von Demokratisierung der spirituellen Wege. In aller Welt stehen vor allem Menschen mit Zugang zu Bildung das Wissen und die Weisheit der verschiedensten Religionen und spirituellen Schulen zur Verfügung. Viele fühlen sich nicht mehr in den traditionellen Formen ihrer Kultur zu Hause, suchen aber dennoch nach Werten und spiritueller Weiterentwicklung, oft ausgerechnet in Traditionen, die den eigenen fremd sind. Die riesigen Herausforderungen und Konflikte, mit denen sich die Menschheit derzeit auseinandersetzen muss, verlangen nach Toleranz und Zusammenarbeit. Wir erkennen, dass die Probleme in der Welt ein solches Ausmaß angenommen haben, dass wir ein weltzentriertes Bewusstsein ausbilden müssen, das über egozentriertes und nationen-zentriertes Verhalten hinausgeht. Und immer mehr Menschen sind auch tatsächlich imstande, lokal zu handeln und global zu denken.</p>
<h4>»Dual Citizenship«: Tradition und Weltspiritualität</h4>
<p>Konsequenterweise taucht in den letzten Jahren immer häufiger der Begriff „globale Spiritualität“ oder Weltspiritualität auf. Auf der Website www.global-spirituality.info heißt es dazu: „Globale Spiritualität ist keine neue Religion. Sie verlangt weder Mitgliedschaft noch Gefolgschaft. Sie ist eine sich im menschlichen Bewusstsein entfaltende evolutionäre Dynamik; eine integrative Macht, die die Menschheit als eine globale Familie zu vereinigen vermag.“</p>
<p>Rabbi Marc Gafni ist einer von vielen, der diesen Entwicklungen und Fragen eine Stimme verleiht und hob vor Kurzem zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern aus anderen Traditionen das <em>Center for World Spirituality</em> aus der Taufe. Interessanterweise brachte er in diesem Zusammenhang den Begriff „dual citizenship“ ins Spiel, wörtlich übersetzt „doppelte Staatsbürgerschaft“. In diesem Fall geht es aber nicht um die Zugehörigkeit zu einem Staat, sondern zu einer Religion, während man sich zugleich dem Ansatz einer Weltspiritualität verbunden fühlt. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass die Rituale und die Weisheit einer Tradition einem zwar voll zugute kommen können, man sich aber nicht soweit damit identifiziert, dass man sich als getrennt von allen anderen Wegen sieht und erlebt und vor allem keinen Absolutheitsanspruch des eigenen Ansatzes erhebt.</p>
<p>„Für einige Menschen haben die klassischen Religionen ihre Kraft verloren. Sie suchen eine Praxis und ein Engagement, das die Traditionen übersteigt“, meinen die Initiatoren des Centers for World Spirituality dazu. „Andere haben das intuitive Bedürfnis, die Traditionen sowohl zu transzendieren wie auch mit einzuschließen.“</p>
<h4>Universalität im Sufismus</h4>
<p>In allen mystischen Traditionen haben Menschen aus ihren inneren Erfahrungen heraus Formulierungen gefunden, die für alle Menschen zugänglich sind. Der Dalai Lama zum Beispiel gilt vielen als ein integerer Sprecher für die Interessen der Menschheit.</p>
<p>Am stärksten ausgeprägt ist dieser universelle Ansatz jedoch seit Langem im Sufismus, wo es immer wieder Menschen gab, die das Universelle im spirituellen Erleben in allgemein verständlichen Bildern und Worten versprachlichen konnten. So wird nachvollziehbar, warum Rumi (1207–1273) zurzeit einer der populärsten Dichter der Welt ist. Obwohl seine Weisheit im Islam und im Koran wurzelt, fühlen Menschen aus allen Religionen sich von ihm inspiriert. Zu einer Zeit, in der dies noch völlig ungewöhnlich war, formulierte er schon Sätze wie: „Feuerdiener und Brahman‹, Christ und Muselman bin ich, / Du bist meine Zuversicht, sei nicht fern, oh sei nicht fern! / In Pagoden, in Moscheen, und in Kirchen, mein Altar / Ist allein dein Angesicht.“ (in einer Übersetzung von Friedrich Rückert) oder „Da das Objekt jeder Lobpreisung eins ist, gibt es von der Perspektive aus gesehen nur eine Religion.“ (Mathnawi III, 2124)</p>
<p>Auch im 20. Jahrhundert flossen Impulse für eine universelle Spiritualität aus den Sufilinien in die westlichen Gesellschaften. Der älteste bekannte Vertreter dieses Ansatzes ist sicher Hazrat Inayat Khan (1882–1927). In der Tradition des indischen, gemäßigt islamisch-orthodoxen Chishtiyya-Ordens stehend, kam er in den Westen und war sich klar darüber, dass er seine Arbeit in der spirituellen Begleitung eigener Schüler nur machen konnte, wenn er die universellen Prinzipien und nicht so sehr die religiösen Aspekte seiner Tradition betonen würde. 1917 formte er einen Ritus, den er den Universellen Gottesdienst nannte. Im Verlauf dieser Feier, die von späteren Generationen noch immer zelebriert wird, werden Texte aus den Heiligen Schriften der großen Weltreligionen gelesen. Obwohl es nach seinem Tod zu einem Schisma kam, wird die Kraft dieser spirituellen Tradition und seines Ansatzes in der weitläufigen Ausbreitung des Internationalen Sufi-Ordens wie auch der Internationalen Sufi-Bewegung sichtbar. Pir Vilayat Khan (1916–2004), der schon im Alter von zehn Jahren als Nachfolger benannt wurde, erhielt seine Schulung nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen spirituellen Traditionen. Von 1956 an lehrte er den Sufismus in Europa, Amerika und Japan. In seiner Arbeit betonte er immer die Einheit aller Religionen.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel für Ansätze einer globalen Spiritualität findet sich in der Sufilinie von Irina Tweedie. Weil der Lehrer von Irina Tweedie als indischer Hindu zu einem muslimischen Lehrer kam, führte dies zu einer Fokussierung auf grundlegende spirituelle Aspekte statt auf religiöse Formen. Die Weitergabe der Lehrbefugnis an eine Frau aus dem Westen, die theosophisch geschult war, machte sichtbar, wie weit und verwandlungsfähig diese Tradition ist. Konsequenterweise erklingt heute der Ruf nach einer globalen Spiritualität auch bei ihren Nachfolgern Annette Kaiser und Llewellyn Vaughan-Lee und spricht viele Menschen an.</p>
<h4>Die Pavillons der Nationen in Auroville</h4>
<p>Ein weiteres Beispiel aus dem 20. Jahrhundert findet man ebenfalls in Indien, wo Sri Aurobindo (1872 –1950) den „integralen Yoga“ entwickelte. Sein explizites Anliegen war es, die Welt zu verwandeln, nicht ihr zu entfliehen. Das Bewusstsein, das dem Ursprung der Schöpfung entspricht, nannte er den „Supermind“ oder das „Supermental“. Da er Vertreter einer evolutionären Spiritualität war, betrachtete er dieses Überbewusstsein als entscheidend für die Weiterentwicklung und Verwandlung der Welt bis hinunter zur physischen Ebene. Dieses Bewusstsein wird durch ein globales Empfinden der Einheit von allem, auch der Religionen, gekennzeichnet. Um sich dieser Ebene zu öffnen und von ihr transformiert zu werden, braucht es eine stringente spirituelle Praxis.</p>
<p>Mira Alfassa (1878–1973), auf die oft als „die Mutter“ verwiesen wird, war die spirituelle Partnerin von Sri Aurobindo. Nachdem er sich im Jahr 1920 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, übernahm sie die Organisation seines Ashrams. Als Beitrag zur Würdigung der Einzigartigkeit der einzelnen Religionen, Nationen und Traditionen wurde zwanzig Kilometer nördlich vom Ashram der Ort Auroville errichtet: eine Modellstadt, in der die Besonderheiten der einzelnen Gruppen und Individuen ihren Platz bekommen sollen und dennoch die Ausrichtung auf ein gemeinsames Höheres im Blick behalten wird. Bei der Gründungsfeier hatte Mira Alfassa die Gelegenheit, im indischen Rundfunk die vier Punkte der Gründungsurkunde zu verlesen. Im ersten Punkt heißt es: „Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.“</p>
<p>Zentral steht das <em>Matrimandir</em>, der Tempel der Mutter. Spiralförmig um dieses Zentralgebäude herum befinden sich verschiedene Bereiche. In einem der vier Bereiche dieser Stadt in Entstehung gibt es eine sogenannte „internationale Zone“. Dort entstehen Pavillons der einzelnen Nationen, die den jeweils besonderen Geist dieses Landes zum Ausdruck bringen. „Jede Nation oder Kultur hat wie ein Individuum einen eigenen Körper, ein lebendiges Wesen, ein spezifisches moralisches und ästhetisches Empfinden, ein sich entwickelndes Bewusstsein – und hinter all diesen Erscheinungsformen eine Seele, die den eigentlichen Grund für deren Existenz darstellt“, heißt es bei Aurobindo in seinem Werk <em>Zyklus der menschlichen Entwicklung</em> (im Abschnitt über „Die Entdeckung der Volksseele“). Durch das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen aller Nationen soll hier ein Modell für gelebte Einheit und Toleranz geschaffen werden. Auch wenn dies in der konkreten Umsetzung oft noch als mangelhaft erlebt wird, scheint es dennoch eine Bedeutung für die Welt zu haben, dass ein solcher Ort, dem solche Gedanken zugrunde liegen, überhaupt existiert.</p>
<h4>Integrale Bewegung und Anthroposophie</h4>
<p>Ende des 20. Jahrhundert wurde Ken Wilber (*1949) zum bedeutenden Vertreter und Fürsprecher einer „perennial philosophy“, der immerwährenden Philosophie. Wilber betont die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen und spirituellen Traditionen. Alle Religionen lehren, dass der Geist, das Göttliche, existiert und der Mensch danach suchen soll. Für die meisten ist das Göttliche jedoch keine direkte Erfahrung aufgrund des Lebens in Trennung oder Illusionen. Es gibt aber Wege der Befreiung aus dieser Dualität. Wer sie bis zum Ende geht, gelangt zur Erlösung oder Erleuchtung, zu einer direkten Erfahrung des Geistigen. In diesem Moment gibt es ein Ende des Leidens und dies macht Platz für ein Leben in Liebe und Mitgefühl.</p>
<p>Im gewissen Sinne ist die Anthroposophie Rudolf Steiners ebenfalls so angelegt, dass sie dem Bedürfnis nach einer Weltspiritualität Folge leisten will. „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte“, heißt es im ersten der Leitsätze Steiners. „Sie tritt im Menschen als Herzens– und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muss ihre Rechtfertigung dadurch finden, dass sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann.“ Jeder Mensch kann Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft werden, ausdrücklich unabhängig von seiner Weltanschauung, seiner nationalen oder kulturellen Herkunft oder Religion. Das Goetheanum ist im gewissen Sinne ebenso wie das Matrimandir in Auroville ein Fokuspunkt für die ganze Menschheit, ein Ort, an dem sichtbar werden kann, wie Einheit und Vielfalt zusammenfinden.</p>
<p>In seinem Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“, den Rudolf Steiner am 9. Oktober 1918 in Zürich hielt, rückt er dieses Thema in größte Entwicklungszusammenhänge. So spricht er davon, dass die „Engel“ einen gewissen Impuls in den Astralleib der Menschen hineinlegen und zwar mit dem „Ziel, dass in der Zukunft jeder Mensch in jedem Menschen ein verborgenes Göttliches sehen soll“. Ähnlich wie Sri Aurobindo und die Mutter betont er dabei die manifeste Seite: „In jedem Menschen erscheint etwas, was aus den göttlichen Weltengründen heraus sich offenbart, durch Fleisch und Blut sich offenbart.“ Wenn dieses Empfinden zunehmend in den Menschen lebt, wird das Folgen auch für die Religion haben: „Alle freie Religiosität, die sich in der Zukunft innerhalb der Menschheit entwickeln wird, wird darauf beruhen, dass in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde. Dann wird es keinen Religionszwang geben können, dann wird es keinen Religionszwang brauchen, denn dann wird die Begegnung jedes Menschen mit jedem Menschen von vornherein eine religiöse Handlung, ein Sakrament sein, und niemand wird durch eine besondere Kirche, die äußere Einrichtungen auf dem physischen Plan hat, nötig haben, das religiöse Leben aufrecht zu halten.“ Steiner sieht also für die Zukunft die vollständige Freiheit und Individualisierung des religiösen Lebens.</p>
<p>Interessanterweise betont Steiner dennoch in vielen Zusammenhängen, dass es keine Vermischung der Religionen geben soll, weil ihre Differenzierung und Vielfalt eine Berechtigung haben, die gewürdigt werden wollen. Er ist der Ansicht, dass die Sakramente und Rituale noch lange weiter bestehen werden und notwendig sind. Auch Ken Wilber spricht in seinem Buch <em>Integrale Spiritualität</em>den bestehenden Religionen auch für die Zukunft noch eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Menschheit zu. Er nennt sie dort bildlich das „Förderband“, auf dem Menschen zu einem zunehmend höheren und erweiterten Bewusstsein finden.</p>
<p>Die Notwendigkeit religiöser Toleranz begründet Rudolf Steiner mit einem ungewöhnlichen esoterischen Ausblick in seinen Vortrags-Beschreibungen über die Erlebnisse der Geistseele zwischen Tod und neuer Geburt. Beim Durchgang durch die sogenannte „Venusregion“ sei es wichtig, so Steiner, ob ein Mensch während seines Lebens eine religiöse Stimmung in sich aufleben lassen konnte. In der sogenannten „Sonnenregion“, die anschließend durchwandert wird, sei es dann wichtig, dass man dazu fähig ist, alle Religionen anzuerkennen. Diese Haltung, die Berechtigung aller Religionen anzuerkennen, findet ihre Entsprechung heute in den Formulierungen bezüglich einer globalen Spiritualität. Laut Steiner verfällt die Seele in eine geistige Beschränktheit und wird in dem Nachtodlichen zum einsamen „Einsiedler“, wenn diese Haltung nicht ausgebildet wurde. Man kann sich fragen, ob dies vielleicht auch zunehmend bereits diesseits der Todesschwelle zutrifft.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/juli/spirituelles-weltbuergertum/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe Juli 2011</a></em></p>
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		<title>Ein Nest bauen in der offenen Weite</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 08:24:37 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Schneider]]></category>

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		<description><![CDATA[Aufbruch und Heimkehr auf dem spirituellen Weg Heimat ist, womit wir identifiziert sind und uns wohlfühlen. So ist unsere Lebensreise eine Geschichte von Aufbruch und Heimkehr, und auch die spirituellen Beheimatungen darin sind bindende und eventuell zu überwindende  »Vielleicht sollte man sich doch ein wenig ernster nehmen und in dem wackeligen Weltgebäude, als ob alles [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Aufbruch und Heimkehr auf dem spirituellen Weg</h2>
<p>Heimat ist, womit wir identifiziert sind und uns wohlfühlen. So ist unsere Lebensreise eine Geschichte von Aufbruch und Heimkehr, und auch die spirituellen Beheimatungen darin sind bindende und eventuell zu überwindende</p>
<blockquote><p> »Vielleicht sollte man sich doch ein wenig ernster nehmen und in dem wackeligen Weltgebäude, als ob alles in Ordnung sei, eine lauschige Dreizimmerwohnung einrichten« - Erich Kästner</p></blockquote>
<div id="attachment_3420" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4cfe9b34445d1_s1.jpg" rel="lightbox[3416]"><img class="size-medium wp-image-3420 " title="Heimkehr, unbehaust und frei" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4cfe9b34445d1_s1-300x201.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Morgenstund.. © Stefan Zimmer</p></div>
<p>Heimat ist nicht nur ein geografischer Begriff. Und ebenso wie Liebeskitsch nicht beweist, dass es Liebe nur in der Welt der Fantasie gibt, so besagt die Existenz von Heimatkitsch nicht, dass unsere Suche nach Heimat die Suche von Unreifen, Sehnsüchtigen wäre. Für jeden Menschen gibt es Heimat und das Gefühl zuhause zu sein, geborgen, da wo er ist. Wenn wir das nicht haben, suchen wir danach. Wir sind bereit, dafür sogar Besitz, Familie und gesellschaftliche Anerkennung herzugeben, nur, um Heimat zu finden. Manchmal allerdings scheint es uns so, als hätten wir zu viel davon, dann brechen wir auf aus der Enge einer zu sehr behüteten Heimat und ziehen in die Fremde. So bestimmt das Verhältnis zu den Heimaten, in denen wir leben, nach denen wir uns sehnen oder aus denen wir aufbrechen wollen, unser Leben in hohem Maße. Man könnte das eigene Leben geradezu im Hinblick auf die Heimatbezüge beschreiben, unsere Heldenreisen als Heimatflüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer, wir würden dabei sehr viel entdecken.</p>
<h4>Pabbajja</h4>
<p>Ich selbst bin immer wieder aufgebrochen aus Heimaten, die mir zu eng waren, und immer wieder trieben mich Sehnsüchte nach neuen Heimaten, mich dort einzurichten. Aufbrechen und sich niederlassen, die Spannung zwischen diesen beiden Polen kennzeichnet mein Leben seit meine eigene Entscheidungen darin eine große Rolle spielen. Als ich nach Jahren des Reisens fern meiner geografischen Heimat im Alter von 23 Jahren in Thailand mich – <em>schließlich</em>, so empfand ich es – in den buddhistischen Weg initiieren ließ, nannten meine Initiatoren diese Zeremonie »<em>Pabbajja</em> – Hinausgehen in die Heimatlosigkeit«. Das ist also <em>die spirituelle Initiation</em>, dachte ich. Dieses Hinausgehen in die offene Weite, in die Heimatlosigkeit. Dort leben, unbehaust sein, unabhängig, frei!</p>
<h4>Polarität</h4>
<p>Erst viel später wurde mir klar, dass diese Unbehaustheit einen Gegenpol hat, der auf uns – auch auf uns spirituelle Initianten – einen ebenso starken Sog ausübt: die Behausung. Jede Ungebundenheit hat einen Gegenpol: die Bindung. Auch das Leben als moderner Weltbürger, Berufs– und Beziehungsnomade, hat Gegenpole: das können geografischen Heimaten sein, Sprachen, sogar Dialekte und Jargons, noch häufiger sind es Beziehungen, freundschaftliche Bindungen – an Menschen. Auch anderes, vor allem aber an Menschen. Wie sehr Beziehungen als Heimat unsere Aufmerksamkeit und Würdigung brauchen, hat der amerikanische Psychotherapeut John Welwood im Interview mit der buddhistischen Zeitschrift Tricycle sehr überzeugend dargelegt (Connection spirit Nov. 11). Vor allem für die Fans der Leere und offenen Weite ist das ein großes Thema.</p>
<p>Heimat ist das Gefühl geborgen zu sein in einer Umgebung, einem Umfeld. Für den nach innen blickenden Menschen ist Heimat mehr die Summe der gewachsenen oder gewählten Identitäten, seine Beziehungen, in denen er sich wohlfühlt oder auch nicht (mehr) wohl fühlt. Das Hinausgehen in die offene Weite hat immer ein Heimkommen zur Folge, wir sind ja nie ohne Umfeld und auch nicht ohne zugewiesene oder gewählte Identität. Draußen, in der Obdachlosigkeit, im Niemandsland der Nichtidentifikation, kann man nicht verweilen. Die es versuchen, die schaffen sich virtuelle Identitäten, also doch wieder Heimaten, oft geschieht das unbewusst. Wenn sie sich dieser neuen Identitäten jedoch bewusst sind, gehören sie zu der seltenen Spezies derer, die wirklich <em>drüben angekommen</em> sind – jenseits des uralten Konfliktes zwischen den Diesseitigen, Weltlichen und den Jenseitigen, Religiösen. Als weit gereiste und gereifte »Erwachsene« wissen sie dann mehr als die nie Aufgebrochenen, nie Entkommenen: Sie wissen um die Relativität ihrer Beheimatung.</p>
<h4>Der Urschock</h4>
<p>Zu Beginn unseres Lebens ist Heimat für uns etwas sehr Körperliches: Wir kommen aus dem Bauch unserer Mutter. Dort in der Wärme, im Wasser, in der Dunkelheit ist unsere erste Heimat. Diese Urheimat gibt, wie alle ersten Erfahrungen, das Urbild ab, mit dem sich alle weiteren Heimaten vergleichen lassen müssen. Auch später noch vermittelt körperwarmes Wasser uns ein Gefühl von Geborgenheit: In der Badewanne reinigen wir uns nicht nur, vor allem ruhen wir dort aus und kehren nach unseren diversen Ausflügen in die kalte, fordernde Welt zurück zu uns selbst. Das ist auch das Geheimnis der Warmwasssertherapien: Dort, im körperwarmen Wasser sind wir wieder in der Umgebung unserer ersten Heimat, in der maximalen Geborgenheit, die ein Mensch erfahren kann.</p>
<p>Allerdings hat nicht nur das Wohlgefühl, das wir dort einst erlebten, sondern auch der Aufbruch aus dieser Urheimat seine Spuren in uns hinterlassen: Es war eng, die Wehen der Mutter drückten uns raus. Ob wir wollten oder nicht, um raus zu kommen, mussten wir da durch. Das tat weh, und vielleicht überfiel uns dort auch schon unsere erste Todesangst. Draußen war da plötzlich Kälte, Luft (statt dem gewohnten Wasser) und der Zwang zum Atmen (die Lunge tat weh), und die Umgebung hielt uns nicht mehr umfangen, so wie vorher der Mutterbauch. Viele Therapien (Primär, holotropes Atmen, Rebirthing) befassen sich mit der Heilung dieses Urschocks unserer Biografie, diesem Hinauswurf aus unserer ersten Heimat.</p>
<h4>Sex</h4>
<p>Als Kinder vergessen wir, dass wir da mal drin waren. Trotzdem bedeuten Umarmungen und Körperkontakt für uns Kinder und Erwachsene immer noch Heimat, und auch das, was wir bei der Mama zu essen bekamen, bleibt ein Leben lang Inbegriff für Heimat, sogar der Tonfall und Dialekt, den wir damals hörten. Noch tiefer zurück in die Urheimat weisen erst die Sehnsüchte, die mit der Pubertät aufkommen: Die werdenden Männer wollen dann mit ihrem empfindlichsten Körperteil dort hin, wo sie als ganzer Mensch einst herkamen, und die Mädchen wollen mit dem Körperteil, durch den sie einst ihre eigene Urheimat verlassen mussten, einem anderen Menschen Heimat bieten.</p>
<p>Heimatvertriebene sind wir als Geborene allemal. Aber wir wollen diesen Ausbruch in die Heimatlosigkeit ja auch, nicht erst als buddhistische Initianten, sondern schon angefangen vom Strampeln im Mutterbauch über das Ziehen am Gängelband der Eltern, bis hin zur Diskussion der 15jährigen, bis wie lange sie abends in der Disco bleiben darf.</p>
<h4>Die Utopie des totalen Ausbruchs</h4>
<p>Als ich 22 Jahre alt war, wollte ich den totalen Ausbruch aus allen Heimaten und Gehäusen, ich empfand sie alle als einengend: Deutschland, meine Muttersprache, meine soziale Herkunft (das Bildungsbürgertum), das christliche Abendland, sogar vom postchristlichen, postkolonialen Europa hatte ich randvoll genug. Ich wollte weg, weg, weg, so weit wie möglich. Wollte im Dschungel von Borneo verschwinden und kehrte nur zaghaft von dort zurück. Wollte dann in der Lehre des Buddha verschwinden und kehrte auch von dort zurück. Kehrte immer wieder zurück, denn es waren alles nur weitere Gehäuse. Neue, andere, und doch immer noch Gehäuse, ich aber wollte unter dem freien Himmel schlafen.</p>
<p>Geht ein Leben ohne Gehäuse, ein Verweilen in der Heimatlosigkeit? Heute meine ich, dass eine Verankerung in der offenen Weite, der Leere, dem Ganzen, dem Gottbezug, der Religiosität (das sind für mich alles Synomyme) möglich ist und allem Weltlichen gut tut. Wir können dort aber nicht unsere Zelte aufschlagen, wir können dort nicht verweilen. Die Gehäuse, die wir uns dort bauen, sind künstlich. Die Niederlassungen, die wir uns in der Anderswelt, drüben in Transistan, im »Reich Gottes« zu errichten suchen, sind wie die Immobilien, die die Avatare in Second Life sich errichten, es sind Fiktionen.</p>
<h4>Das böse Ego</h4>
<p>Das Problem der Spiris mit ihrem Ego, auf das sie so gerne einprügeln oder sich moralisch darüber erheben (in sich selbst und in anderen), ist auch eines der Heimatlosigkeit. Wir können das Ego in seiner Künstlichkeit und Substanzlosigkeit durchschauen, aber wir können es so wenig vernichten wie unseren Schatten. Wir können nicht ohne persönliche Identität leben und sollten das auch nicht versuchen. Wir brauchen die persönliche Identität so sehr wie wir eine Heimat brauchen und in irgendeiner Hinsicht immer eine haben, denn unsere Gewohnheiten und alle anderen Spezifika, die wir haben oder gerne hätten (auch unsere Sehnsüchte gehören zu uns), das ist unsere Heimat. In der Verbannung oder im Exil fühlen wir uns immer dann, wenn die Identität, die uns zugewiesen wird, nicht die ist, mit der wir uns wohl fühlen. Ödon von Horvaths »Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu« ist die Klage eines Heimatvertriebenen, der so gerne ein anderer wäre, ein Authentischer, ein Beheimateter – einer, der sich so zeigt, wie er ist, und so wie er ist, so will er sein.</p>
<h4>Migration</h4>
<p>Dieses zentrale Problem der Spiris und überhaupt aller Religiösen und Himmelsstreber ist übrigens auch ein zentrales Problem der heutigen globalen Politik. Migranten gibt es vor allem deshalb, weil es reiche und arme Länder gibt und die Bewohner der armen in die reichen Länder streben und dort befremdet werden, sich dort beheimaten oder dort ihre Wurzelheimat, die Region und Kultur, aus der sie stammen, vermissen. Das Werden eines Menschen ist immer auch die Geschichte seiner Heimatfluchten, oder –vertreibungen und seiner neuen Beheimatungen. Dieser Wandel in dem, womit wir uns identifzieren und worin wir uns geborgen fühlen, ist ein wichtiger Teil unserer Heldenreise. Insofern hat jeder von uns »Migrationshintergrund« – hoffentlich. Wir sind Wandernde auf einer Reise, mit sich wandelnden Identitäten, vor dem Hintergrund wechselnder Umgebungen, die immer auch selbst in Bewegung sind.</p>
<h4>»Bist du« Bayern?</h4>
<p>Dabei ist die Identifizierung (oder die Verweigerung einer solchen) manchmal lächerlich einfach und aus der Distanz betrachtet urkomisch. Ich bin als Sechsjähriger mit meinen Eltern von Schwaben nach Bayern eingewandert, nach München. Dort wurde ich von den Jungs (den »Buam«) auf der Straße gefragt: »Bist du Bayern oder 60er«. Sie meinten: Bist du Anhänger des Fußballclub FC Bayern oder Anhänger von 1860 München? »Bin ich« das? Ich wollte mich keiner dieser beiden Parteien zuordnen lassen, wodurch ich für die Fans zu einem Niemand wurde. Sie »waren« Bayern oder 60er, ich war niemand. Ganz sicher hätte es meine Beheimatung in Bayern erleichtert, wenn »zum 60er« oder »zum Bayern« geworden wäre. Wen wundert’s, dass der frühe Identitätsverweigerer dann als Erwachsener auf die Suche nach sich selbst gehen musste, er wollte ja nicht einmal der Fangemeinde eines Fußballclubs angehören!</p>
<h4>Er oder ich</h4>
<p>Und auch das ist merkwürdig: Dass ein Mann auf die Frage, wo er sein Auto geparkt hat, sagt: »Ich stehe dort gleich ums Eck«. Wenn ihm aber die Erektion versagt, dann steht »er« nicht. Offensichtlich identifiziert sich ein Mann mehr mit seinem Auto als mit seinem Geschlechtsteil. Kann das Folgen haben für sein Sexualleben? Mir naheliegender ist es, wenn die in Frankreich geborene Künstlerin Niki St. Phalle für eine Kunstausstellung (ich glaube, es war die Dokumenta in Kassel) einen riesigen weiblichen Körper gestaltet, in den die Besucher durch das Tor der Vulva in ihre alte Heimat zurückkehren konnten, Männer wie Frauen.</p>
<p>Sex haben heißt für mich nicht, dass ich »ihn« dir reinstecke, sondern dass »ich« zu dir reinkomme, in den intimsten Teil deines Körpers, der eben auch Symbol ist für meine alte Heimat. Ist das ein spiritueller Vorgang? Eine Re-ligio (Rückverbindung)? Das indische Wort »Ashram« heißt immerhin übersetzt »Herberge«. Wer die körperliche Beherbergung in einer Frau nicht schätzt – es ist ja immer nur für kurz, leider – sucht die Herberge vielleicht in einem Ashram. Zuhause, geborgen, beheimat sein aber wollen wir alle.</p>
<h4>Geborgenheit</h4>
<p>Der moderne Single schätzt die Freiheit. Was er in all seiner Freiheit aber oft vermisst, ist die Geborgenheit in Bindungen, Beziehungen, in Gehäusen, die ihn beheimaten. Welche davon aber sind keine Gefängnisse? Da bleibt wohl nur die Beheimatung im Ganzen, in der er sich (mit Bonhoeffers Worten) »Von guten Mächten wunderbar geborgen« fühlt und dann »getrost erwarten kann, was kommen mag«. Das ist die mystische Geborgenheit, die Beheimatung im Universum als Ganzes.</p>
<p>Die Weltbürger, die sich bei Mutter Erde (<em>pachamama</em>) beheimatet fühlen, sind schon sehr nah dran an dieser Ganzheit. Für sie mag sich das Universum noch kalt und lebensfeindlich anfühlen gegenüber der kuscheligen Erde, die uns als genau für uns gemacht erscheint (– obwohl es doch umgekehrt ist: Wir sind auf ihr die geworden, die wir heute sind). Immerhin sind in diesem Bild des Erdenbürgers die nationalen, ethnischen und rassischen Grenzen aufgehoben und die zwischen reich und arm, die uns Menschen üblicherweise so sehr trennen und unsere diversen Heimaten als einander fremde gegenüberstellen. Sogar die Pflanzen und Tiere gehören in diesem Bild der Erdheimat mit dazu – die »Natur« – wir wollen sie schützen, sie sind ein Teil von unserer Heimat.</p>
<h4>Mystik</h4>
<p>Damit die aus Sicht des Universums als kleinlich erscheinenden Konflikte zwischen den Insassen des Raumschiffs Erde lösbar sind, haben sich weitsichtige Politiker schon des öfteren einen eventuell fiktiv zu erzeugenden »Angriff aus dem All« vorgestellt. Denn Einheit entsteht in einem Kollektiv am leichtesten immer dann, wenn es angegriffen wird. Die Geborgenheit des Mystikers im Weltganzen ist allerdings eine noch größere. Sie braucht keinen Angriff, um sich beheimatet und als ungeteilt zu empfinden.</p>
<p>Der Meditierende (Mystik praktizierende) fühlt sich umhüllt von seiner Umgebung wie die Frucht in ihrer Schale, das Kind im Mutterleib, der Lingam in der Yoni – er ist drin, zuhause, ganz bei sich. Das ist die maximale Beheimatung, die uns Menschen möglich ist. Die Verschmelzung der Gegensätze, die Einheit, aus der jedoch jederzeit wieder neue Teilungen entstehen können. Die Einheit gebiert ständig neue Teilungen, neue Heimaten, die einander wieder als mehr oder weniger fremd, mehr oder weniger willkommend oder gastfreundlich gegenübertreten. Diese Heimaten sind Gehäuse, die ihre Bewohner wieder als sich separat wähnende Wesen durch die Welt tragen können.</p>
<h4>Heimat ist relativ</h4>
<p>Falls sie sich an ihre Herkunft erinnern, wissen die Bewohner dieser Gehäuse jedoch: Wir sind aus der Einheit entstanden, wir kehren unvermeidlich wieder dorthin zurück – »Sterben« nennt man diesen Vorgang. Wir – als Helden weit gereiste – Bewohner dieser Gehäuse wissen, dass unsere Heimat eine erschaffene ist, eine historisch bedingte, künstliche, relative, von so Vielem abhängige. Würden doch alle Bewohner der Nationen, alle vermeintlich einem Volk, einer Religion, Ethnie oder Kultur Zugehörigen wissen, dass diese Heimaten erschaffene sind, historisch bedingte! Wüssten sie, dass ihr Gefühl der Zugehörigkeit ein bedingtes ist, das sich jederzeit ändern kann, dann gäbe es keine Kriege mehr, und die politischen Konflikte wären friedlich lösbar.</p>
<h4>Grenzlandbewohner</h4>
<p>Interessant finde ich in der Hinsicht die Zugehörigkeitsgefühle der Bewohner von Grenzregionen. Manchmal verhärtet sich ihre Identität (die heutigen jüdischen Siedler im Westjordanland; die amerikanischen Siedler von einst auf dem Weg nach Westen, die ein Gefühl der Verwandtschaft mit den Indianern vermissen ließen). Manchmal weicht sie auf (die Oberschlesier damals im Grenzland zu Polen; viele zweisprachige Südtiroler). Genau betrachtet sind wir alle Grenzlandbewohner: Unsere sexuelle Identität, unsere sprachliche und religiöse, je genauer wir dort hinschauen, umso diffuser werden die Grenzen dieser Heimaten. Bin ich »ein richtiger Mann«, »ein guter Deutscher«? Bin ich ein echter, oder nur ein Plastik-Schamane? Der Blödelspruch »Überall sind wir Ausländer – bis auf ein Land« bringt es auf den Punkt: Überall sind wir Fremde, außer da, wo wir uns gerade beheimatet fühlen. Heimat ist relativ.</p>
<h4>Verbannung</h4>
<p>Und das Thema ist nicht neu: »Verbannung« wurde in den Kulturen der Antike als eine der härtesten Strafen empfunden. Die von Athen oder Rom in die Provinz verbannten Dichter litten dort sehr an Heimweh (unter ihnen war auch Ovid, der Dichter der <em>ars amatoria</em>). Allerdings wird heute, in Zeiten der Tendenz zum Weltbürgertum, das Exil meist nicht mehr als so hart empfunden. Zumal ein Exil mit Internetanschluss kaum mehr als richtiges Exil bezeichnet werden kann, denn über das Internet kann jeder mit seiner Heimatkultur und Freunden Kontakt halten. Eine »Diaspora« von Exilanten gibt heute fast nur noch in Bezug auf Länder mit einem stark zensierenden oder totalitären Regime (wie etwa Iran oder Nordkorea).</p>
<h4>Wahlverwandschaften</h4>
<p>Auch Goethe kannte das Thema der Suche nach Heimat, er hat es unter anderem in dem von ihm popularisierten Begriff der »Wahlverwandtschaften« aufgefangen (sein Roman, der diesen Titel trägt, führt das Thema allerdings in der hier besprochenen Weise nicht aus). Unsere Verwandten, das ist zunächst die Herkunftsfamilie, unsere Urheimat. Diese Art der Verwandten können wir nicht selbst bestimmen. Dann aber als Erwachsene, können wir uns ein Umfeld von »Wahlverwandten« erschaffen, die uns – hoffentlich – eine wunschgemäßere Heimat sind. Das sind die Menschen, die wir uns auswählen, um mit ihnen zusammen zu sein. Sprache und Landschaft können Heimat sein, auch ein Beruf oder eine Branche, in der man tätig ist, ein Hobby, eine Sportart, ein Interessengebiet, am meisten aber sind Menschen für uns Heimat: unsere Beziehungen und Freundschaften und die Szenen, in denen wir leben (Facebook gibt an, dass die User dort im Durchschnitt 130 Freunde haben – ist also überschaubar, diese Heimat).</p>
<h4>Achtsamkeit</h4>
<p>Der Schlüssel zum Ausstieg aus diesseitigen wie jenseitigen Gefangenschaften, aus dem »sprituellen Materialismus« (Tschögyam Trungpa) ebenso wie dem profanen Pendeln zwischen Angst und Gier, ist Achtsamkeit. Achtsam uns selbst beobachtend erkennen wir, dass Aufmerksamkeit lenkbar ist. Sie kann nach außen und nach innen gelenkt werden. Nach innen gelenkt entdeckt sie, womit wir uns identifizieren, woran wir hängen. Und sie ist selbst ein Mittel der Identifizierung, der Bildung von Anhänglichkeit, von Heimat: Wohin wir unsere Aufmerksamkeit wiederholt lenken, dort bildet sich ein Heimatgefühl, eine Lust zu verweilen und schließlich Identität. Die Energie ist, wo die Aufmerksamkeit ist, sagt die hawaiianische Huna-Lehre. Dort, wo unsere Aufmerksamkeit hingeht, nisten wir uns ein, und wo unser Nest ist, dort ist unsere Heimat.</p>
<p>Auch für uns spirituelle Aussteiger aus allen Identitäten gilt: Wir dürfen ein Nest haben, wir dürfen beheimatet sein. Wir sollten uns allerdings dessen gewahr sein, dass jede Heimat relativ ist. Auch unser gewähltes Nest müssen wir irgendwann wieder verlassen. Und es muss ja auch nicht ein Fußballclub sein, wohin ich mich kuschle, es gibt noch andere Gruppen in der Welt, denen ich mich anschließen und zugehörig fühlen kann. Bei der Wahl einer solchen darf auch die Ethik eine Rolle spielen: Lasst uns beheimat sein in Nestern für eine bessere Welt!</p>
<p><em>Erschien erstmals als Editorial in der Oktober Ausgabe des Magazin <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-1011.html" target="_blank" rel="external nofollow">Connection</a>.</em></p>
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		<title>Universelle Existenzialien</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Oct 2011 16:46:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>
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		<description><![CDATA[Kosmos Es ist relativ naheliegend, dass sich mit jeder neuen psychologischen und sozio-kulturellen Entwicklungsstufe und Weltsicht auch unsere Perspektiven, Beschreibungen und Beziehung zum Universum an sich ändern. Mit der rationalen Moderne und der Aufklärung begannen wir das Universum als eine von Gott befreite und sich mit dem Urknall und durch die Gesetze der Physik ausdehnende [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Kosmos</h4>
<div id="attachment_3399" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4ad4e6108f227_m.jpg" rel="lightbox[3394]"><img class="size-medium wp-image-3399   " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4ad4e6108f227_m-300x225.jpg" alt="" width="200" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Spirituelle Verwirklichung heißt, zwischen Form und Leere hin– und herpendeln zu können. (Foto: aboutpixel.de / Das Pendel © Note Book)</p></div>
<p>Es ist relativ naheliegend, dass sich mit jeder neuen psychologischen und sozio-kulturellen Entwicklungsstufe und <em>Weltsicht</em> auch unsere Perspektiven, Beschreibungen und Beziehung zum Universum an sich ändern. Mit der rationalen Moderne und der Aufklärung begannen wir das Universum als eine von Gott befreite und sich mit dem Urknall und durch die Gesetze der Physik ausdehnende Ganzheit zu verstehen, in dessen Geschichte wir Menschen und das irdische Leben eine relativ unbedeutende Rolle spielt. Leben, und sich selbst-bewusstes Leben, ist ein Epi-Phänomen und Laune der Natur; <em>das Universum kommt auch ohne uns aus</em>. In dieser Perspektive zur Ganzheit und unserer unbedeutenden Rolle darin spiegelt sich auch unser Umgang mit den kleineren, ja menschlichen Systemen. Wirtschaft etwa existiert und funktioniert unabhängig von dem Verhalten des Einzelnen; wir können indes seine Regeln erlernen und uns, zum Besseren oder Schlechteren, zunutze machen.</p>
<p>Diese Weltsicht zum Ganzen veränderte sich bekanntlich mit dem Auftauchen der Postmoderne. Hier wurde plötzlich die Rolle des Menschen dabei deutlich – bzw. genauer: die Rolle der psychologischen und sozialen Zeichen– und Kodierungsprozesse – durch die wir das Universum so interpretieren, beobachten und auch Konzepte davon erstellen, wie wir es nun einmal tun. Diese neue Perspektive führt bekanntlich auch zu solchen postmodernen Extremphilosophien, dass das Universum unabhängig vom Beobachter gar nicht existiert oder irgendwie von der Gedankenkraft des Einzelnen veränderbar ist. Wie dem aber auch sei: Freilich hat noch niemand das Universum als Ganzes wahrnehmen können. Doch wir haben alle eine klare Vorstellung davon und untermauern unsere mentale Konzeption eines sich von dem Urknall ausbreitenden Universums mit Interpretationen von Zahlen und Gleichungen, die von vereinzelten Experimenten stammen. Dass sich diese Interpretationen von Zahlen und Gleichungen auch periodisch verändern und Modelle, Theorien und ganze Weltsichten zum Wanken bringen können, hat Thomas Kuhn nun eindruckvoll zeigen können. Auf diese Weise wurde mit der Postmoderne die Rolle des Menschen und Kultur in der Konzeption des Universums deutlich. Und wir Menschen versuchen mit diesem neuen Weltbild, auch kleinere Systeme wie die Wirtschaft zu verändern: Das Verhalten des Einzelnen ist durchaus von Bedeutung!</p>
<p>Auch die auftauchende Post-Postmoderne bringt einen Wandel in der Art mit sich, wie wir unsere Rolle im Universum verstehen. Zum einen integriert diese neue Weltsicht – wie schon häufig gezeigt wurde – die Erkenntnisse der vorhergehenden Weltsichten: Natürlich existiert das Universum auch ohne uns; natürlich erzeugen wir gleichzeitig selbst psychisch und sozial das Bild eines Universums, das auch ohne uns besteht. Doch über diese Integration hinaus besteht natürlich die Frage: Was ist das essenziell Neue – das Mehr – der post-postmodernen Weltsicht?</p>
<p>Eine kurze Antwort auf diese Frage bietet der Begriff des Holons – ein Ganzes, was gleichzeitig auch Teil ist – den Arthur Koestler vorschlug und Ken Wilber weiter differenzierte. Nutzen wir dieses Konzept, wird deutlich, dass die Beziehung von Mensch zu Universum in holonischer Weise verstanden werden kann. <em>Beides – Mensch wie Universum – existiert als Ganzes und als Teil</em>. Und mehr noch: <em>Das eine ist nicht ohne das andere denkbar</em>: <em>Der Mensch ist das Holon, durch den sich das Universum als Holon selbst beobachtet.</em> Auf diese Weise fusionieren das unendlich Große des Alls und (in Relation dazu) unendlich Kleine – das Gehirn und Bewusstsein des Menschen. Das eine beobachtet, das andere wird beobachtet. Und beides unterliegt, ein ganz wichtiger Punkt – vielleicht der Wichtigste von allen – dem Wandel und der Evolution. Ohne Entwicklung hätte sich weder der Mensch noch das Universum entfaltet; oder anders herum: Nur durch das Prinzip der Entwicklung können wir überhaupt von Mensch und Universum sprechen!</p>
<p>Hier tritt übrigens eine Dichotomie auf, die schon in den frühesten religiösen Vorstellungen dargestellt wurde: Hier ist das Eine, das unendliche Weite, in Gestalt einer weiblichen All-Göttin oder All-Mutter – Isis, Shakti, Nuit, Cybele – die ihren Gegenpart im archetypischen Männlichen findet, der unendlichen kleinen, schöpferischen Einpunktigkeit, dem befruchtenden Samen – Zeus, Shiva, Behedith. Entfernt man eines, fällt das Ganze in sich zusammen: Das Universum ‚braucht‘ uns, um sich selbst zu beobachten, und wir ‚brauchen‘ das Universum, um zu existieren und um zu beobachten. Dasselbe gilt für solche quasi religiösen Begriffspaare wie Shiva und Shakti. So wie Mann und Frau nicht ohne ihren jeweiligen Gegenpart denkbar sind, so ist Mensch und Universum aus post-postmoderner Sicht jeweils nicht ohne einander denkbar. Und so wie der Mensch über unterschiedliche Bereiche verfügt – Biologisches, Soziales und Psychologische – so zeigt das Universum unterschiedliche Bereiche, nämlich den der ‚Materie‘ – bzw. streng genommen den Bereich, in dem physikalische Gesetzmäßigkeiten herrschen – sowie die der Dunkelmaterie und Dunkelenergie.</p>
<p>Was wir somit in makroskopischer Weise finden, sind drei grundlegende und ganz einfache Größen:</p>
<ol>
<li><strong>Mensch</strong></li>
<li><strong>Das Universum (Materie/Dunkelmaterie-Dunkelenergie)</strong></li>
<li><strong>Wandel / Entwicklung / Evolution</strong></li>
</ol>
<p>Einfach gesagt: Der Mensch entwickelt sich (biologisch, sozial und psychologisch) gemeinsam mit dem Universum (Materie/Dunkelmaterie-Dunkelenergie). Zu der Entwicklung des Menschen gehören alle drei Bereiche, so wie zum Universum die drei Bereiche ‚Materie‘ (also dort, wo die physikalischen Gesetze herrschen), Dunkelmaterie und Dunkelenergie gehören; denn wie kürzlich bewiesen wurde, ist es ja die mysteriöse Dunkelenergie, die dafür verantwortlich ist, dass die Galaxien immer rapider auseinanderstreben und die etwa ¾ der im Universum vorhandenen Energie/Masse ausmacht.</p>
<h4>Spiritualität</h4>
<p>Es wundert bei genauerer Betrachtung nicht, dass die Erkenntnis und Verwirklichung dieser drei Größen oder <em>Existenzialien</em> – Mensch, All und Entwicklung (Wandel) – auch eines der grundlegendsten Ziele menschlicher <em>Spiritualität</em> ist; es muss so sein, wenn wir die Perspektive annehmen, dass wir in einem holonischen, ja holografischem Kosmos leben. Unsere Spiritualität und Erleuchtung kann nicht von der Natur des Kosmos und von den Existenzialien des Universums verschieden sein. Ich will diese drei spirituellen Existenzialien, die die oben beschriebenen makroskopischen Größen spiegeln, beispielhaft anhand eines Dreiecks beschreiben:</p>
<div id="attachment_3403" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/Tom_Amarque_Dreieck.png" rel="lightbox[3394]"><img class="size-medium wp-image-3403 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/Tom_Amarque_Dreieck-300x256.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Drei Existenzialien – Mensch, All und Entwicklung (Wandel)</p></div>
<p><strong>An der Spitze</strong> des Dreiecks findest Du das unendlich Kleine, das was unterschiedlichen Mythologien als Hadit, Kether, Zeus oder Shiva in Erscheinung tritt. Im Zen-Buddhismus nennt man dies den bedingungslosen <em>Zeugen</em> oder Zeugenbewusstein, aber es gibt auch moderne Beschreibungen dieses Punktes. Die Integrale Psychologin Bonnitta Ray bezeichnet dies als den Wesens-Kern ‚hinter‘ all den kognitiven Formen, Gedanken, Vorstellungen und Empfindungen, eben den <em>Kern</em>, aus dem alle kognitiven Formen und Beobachtungen (wie körperliche Selbstempfindungen etc.) entspringen. Ich selbst nannte diesen Kern oder Zeugen anderswo einmal den <em>Beobachter dritten Grades,</em> der über die Fähigkeit verfügt, die Operationen des Beobachters ersten Grades (der Körper und Welt beobachtet) und Beobachter zweiten Grades (der Soziales, Intersubjektives etc. beobachtet) zu beobachten. Symbolisch kann man diesen Zeugen, Kern oder Beobachter einfach als einen <em>Punkt</em> darstellen. Die Assoziation zu dem unendlichen kleinen Punkt, von dem aus sich das Universum mit dem Urknall ausbreitete, ist eine treffende Analogie dieser Existenziale.</p>
<p><strong>An der linken Spitze</strong> des Dreiecks findest Du die Form: das manifeste Universum, der grobe, subtile und kausale Strom unserer bewussten und alltäglichen Erfahrung; die phänomenale Wirklichkeit, Lokalität und Temporalität. Symbolisch dargestellt als<em> </em>ein<em> Quadrat.</em> Hierzu gehört also unsere von Moment-zu-Moment Erfahrung der Welt, aber auch die Welt unserer Träume und anderer Formen.</p>
<p><strong>An der rechten Spitze</strong> des Dreiecks findest Du die Leere und die verschiedenen Verwirklichungen der Non-Dualitäten, d.h. <em>temporäres</em> non-duales handeln, denken und wahrnehmen, sowie die Non-Dualität von Dualität und Non-Dualität (d.h. die <em>dauerhaften</em> non-duale Zustandsstufe). Hier an diese Spitze des Dreiecks gehört somit auch Big-Mind und Big Heart, die Samadhis mit und ohne Stütze, <em>samadhi nirvikalpa</em>, N.O.X., schwarzes Beinaheerlangen, die dunkle Nacht der Seele, Turiya, Isis, Shakti, Non-Lokalität/Non-Temporalität. Wir können dies symbolisch mit <em>dem Kreis</em> darstellen<em>. </em>In Bezug auf Makrokosmos des Universums liegt es nahe, hier die Dunkelmaterie und Dunkelenergie zu assoziieren.</p>
<p><em>Spirituelle Verwirklichung</em> nun heißt, zu lernen oder gelernt zu haben, zwischen der rechten und linken Seite des Dreiecks, zwischen Form und Leere hin– und herpendeln zu können, während man den unendlich kleinen Punkt, von dem aus Mann das Universum aus den Angeln hebt, nicht mehr verlässt oder verliert. Je weiter das Pendel zur linken Seite des Dreiecks in die bedingungslose Leere schwingen kann – von einfachen nondualen Erfahrungen des Big Mind hin zu den Samadhis mit Stütze, dann denen ohne Stütze, hin zu N.O.X., dem schwarzen Beinaheerlangen usw. – umso weiter wird es auch wieder zurückschwingen zur rechten Seite des Dreiecks, und damit zur stetig zunehmenden Indifferenz zur Form, in der man sich immer weniger mit dem Körper, Emotion, Gedanken, Stimmungen oder Selbstkonzepten wie ‚Ich‘ oder ‚Selbst‘ identifiziert.</p>
<p>Schwingst du so in die Domäne der Form, gilt es, den bedingungslosen Punkt, den Zeugen, stets verwirklichen und vom Strom der groben, subtilen und kasualen Wirklichkeit umfließen lassen zu können – so wie Wasser einen Stein umfließt – und dabei zu realisieren, dass weder das Wasser der fließenden Erfahrung noch der unbeweglich Stein etwas mit ‚dir‘ zu tun hat, sondern eben transpersonale Existenzialen sind; nur dann wird die fließende Erfahrung an dem Kern abperlen, wie das Wasser an dem Stein, denn es gibt nichts, was gebunden werden kann. ‚Ego‘, ‚Selbst‘, ‚Ich, mir mein‘ oder irgendwelche personalen Ziele sind nichts als verhärtete Formen, die den Strom und die Fülle der Erfahrung blockieren.</p>
<p>Auf der anderen Seite heißt es auch, wieder in jene Leere zurückzupendeln, in der alle kognitive Aktivität aufhören kann und sich nur die Existenzialien Punkt und Kreis/Umfang verwirklichen. Je besser du das eine verwirklichst, umso besser wirst du das andere bewältigen können. Diese Fähigkeit, den Zeugen/Kern stabil zu halten, während ‚man‘ von der Leere wieder in den Strom der Erfahrung und Form pendelt (und wieder zurück), nannte ich woanders den großen, nondualen Willen. So findet man auch in einer aufgeklärten Spiritualität hier drei Existenzialen an einem Dreieck:</p>
<ol>
<li><strong>Zeuge</strong></li>
<li><strong>Leere / Form</strong></li>
<li><strong>Entwicklung (Wille)</strong></li>
</ol>
<p>Diese drei spirituellen Existenzialien spiegeln die oben beschrieben makroskopischen Größen des Universums. Zu einer post-postmodernen, ja integralen Weltsicht gehört insofern nicht nur das Erfassen der holonischen Natur des Kosmos, sondern auch dieser universellen Existenzialien, derer wir uns auf unterschiedlichen Ebenen bewusst werden können.</p>
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