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	<title>OpenMindJournal &#187; Hinduismus</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
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		<title>Konzentration</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 13:26:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tom Amarque</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Hinduismus]]></category>
		<category><![CDATA[Integral/Evolutionär]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir sprechen normalerweise von ‚Konzentration‘, wenn wir unsere Aufmerksamkeit und Geistestätigkeit auf eine bestimmte Sache richten. Obwohl uns im Alltag so ein Verständnis durchaus in der Kommunikation hilft, um uns zu verständigen, zeigen sich viele Wunder, wenn man, wie überall sonst auch, ein wenig tiefer in die Sache eintaucht. Ich möchte hier in literarischer Form [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4037" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_20873098.jpg" rel="lightbox[4022]"><img class="size-thumbnail wp-image-4037" title="Konzentration" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_20873098-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">© Woodooart | Dreamstime.com</p></div>
<p>Wir sprechen normalerweise von ‚Konzentration‘, wenn wir unsere Aufmerksamkeit und Geistestätigkeit auf eine bestimmte Sache richten. Obwohl uns im Alltag so ein Verständnis durchaus in der Kommunikation hilft, um uns zu verständigen, zeigen sich viele Wunder, wenn man, wie überall sonst auch, ein wenig tiefer in die Sache eintaucht. Ich möchte hier in literarischer Form die Aufmerksamkeit auf den Prozess der Aufmerksamkeit selbst legen; wir können dies aber auch für uns selbst in der Meditation tun. Tatsächliche möchte ich den Begriff der Konzentration insofern nicht für eine besondere Form von Aufmerksamkeit verwenden, sondern auf einen Zustand, den man zuerst in der Meditation erfahren kann.</p>
<p>Konzentration, so wie ich sie begreife, ist das Ergebnis eines Meditationsprozesses, wenn man, einfach gesagt, über einen langen Zeitraum (z.B. 2 Stunden) tatsächlich an nichts anderes denkt als ein vorher gewähltes Meditationsobjekt (z.B. die Nasenspitze), wenn also alles andere <em>chatter</em> und Hintergrundrauschen des Geistes schon zur Ruhe gekommen ist und keine geistige Regung das beobachtete Objekt stört … setz dich einmal für zwei Stunden in die bewegungslose Meditation, dann wirst du wissen, was ich mit dem chatter und gedanklichen Hintergrundrauschen meine. Diese Form der Konzentration tritt gewöhnlich erst nach einigen Jahren des Meditationstrainings auf; ungleich schwerer ist es, diesen Zustand über eine geraume Zeit – sei es 2, 5 oder 10 Stunden – aufrechtzuerhalten.</p>
<p>Konzentration tritt gebau dann auf, wenn durch diese Meditation plötzlich das Subjekt (also der Beobachter; der, der seine Aufmerksamkeit z.B. auf die Nasenspitze ausrichtet), das Objekt der Beobachtung (zum Beispiel die Nasenspitze oder ein Mantra) und der Prozess des Beobachtens (der ‚Strom meiner Aufmerksamkeit‘ oder der kognitive ‚Fokus‘) <em>miteinander verschmelzen</em>. Das ‚Verbleiben-können‘ in diesem Zustand der Einheit nenne ich Konzentration.<sup class='footnote'><a href="#fn-4022-1" id='fnref-4022-1'>1</a></sup></p>
<p>Dieser Zustand ist einer genaueren Betrachtung wert, denn es kann uns viel über die Natur der spirituellen Entwicklung, aber auch viel über die ‚wahre‘ Natur unseres Bewusstseins sagen. Aus drei wird hier eines: Tatsächlich ist es für denjenigen, der sich in diesem Zustand befindet, vollkommen unmöglich, einen kategorialen Unterschied zwischen Subjekt, Objekt und Prozess zu beobachten: Es ist tatsächlich und unverrückbar eins. Diese Vereinigung erzeugt erst eine kurze Verwirrung (manchmal auch einen Schock) und man erkennt, dass die Trennung Innen/Außen, Selbst/Andere, Ich/Du künstliche Kategorien des Geistes sind; es wird einem buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen.</p>
<p>Doch mit dieser Erkenntnis geht auch ein sublimes Gefühl der Ekstase oder auch tiefen, stillen Freude einher (die aber sehr schnell wieder verschwindet, da diese Freude ja nicht Teil der Konzentration  und in gewisser Hinsicht eine Störung ist). Tatsächlich <em>fühlt</em> es sich an, als sei man der Wahrheit ein Stück näher gekommen, als repräsentiere dieser Zustand die wirkliche Natur des Bewusstseins auf viel deutlichere Weise, als es unser Alltagsbewusstsein tut.</p>
<p>Häufig verwechseln wir die <em>kognitiven Kategorien</em> unseres Geistes mit der angenommen <em>Wirklichkeit</em>, auf die sie zeigen. Die Wahrscheinlichkeit ist z.B. sehr hoch, dass mein Körper ‚real‘ ist. Doch ich sollte mich von dieser Wahrscheinlichkeit nicht blenden lassen, denn ich kann über meinen Körper nur nachdenken, ihn sehen, fühlen, schmecken, riechen und hören, weil ich die kognitiven <em>Kategorien</em><sup class='footnote'><a href="#fn-4022-2" id='fnref-4022-2'>2</a></sup> dafür entwickelt habe. Dasselbe gilt für alle andere Kategorien, durch die ich die Dinge der Natur, Kultur und meines Selbst ‚erfahren‘ und interpretieren kann.<sup class='footnote'><a href="#fn-4022-3" id='fnref-4022-3'>3</a></sup></p>
<p>Und doch enden diese Kategorien mit der Konzentration. Das, was ich mir zurechne, dass was ich anderem zurechne und der Prozess der Zurechnung, werden eines. Oder besser gesagt: <em>Verwirklichen sich im Einssein</em>. Dies erfordert eine immense Kraftanstrengung, es ist also kein Fallen und Loslassen in niedere, prä-rationale Stufen der A-Dualität, sondern erfordert bildlich gesprochen die geistige Kraft der Kernfusion. Am Anfang dieser Anstrengung können kleine Störungen (wie etwa Freude) diese Einheit zerstören, und man muss von vorne beginnen. Doch je länger man aber übt, umso stabiler wird diese Einheit, und bereitet so den Übergang zu einem ganz anderen Meditationsphänomen vor, über das wir hier aber nicht sprechen wollen. Halte nun  einmal für einen Moment inne und versuche zu realisieren, was dies bedeutet: In diesem Moment der Meditation ist da ist kein Unterschied zwischen dir, dem, was du beobachtest, und dem Prozess der Beobachtung (mithin deinem handeln)!</p>
<p>Genau aus diesem Grund ist Konzentration (und ihr Training) für spirituelles Streben so bedeutsam. Denn die Meditation dient ja nur der Vorbereitung und Training für den Alltag. Spirituelle Verwirklichung im Alltag heißt ja auch, die Unterschiede in den Kategorien integrieren und transzendieren zu können. Es dient so als Übung dafür, im Alltag zu realisieren, dass da kein Unterschied zwischen mir, dir, der Welt und dem Akt der Kommunikation und Beobachtung ist. Zwei ganz besondere Erkenntnisse gehen aber mit der Konzentration einher:</p>
<h4>1) Es gibt kein gefühltes, einzigartiges Selbst</h4>
<p>Alle, die spirituell arbeiten, kommen schnell auf den Gedanken, dass das Ego mit seinen Bedürfnissen, Neigungen und Meinungen etwas ist, das überkommen und dabei doch gesund integriert werden muss. Und doch halten wir manchmal an der Vorstellung fest, durch unsere Geschichte, Talente und Intelligenzen über etwas wie ein Selbst zu verfügen, etwas, das einzigartig ist auf dieser Welt (und damit über bestimmte Grenzen verfügt), etwas, was man über Handlungen – seien sie kreativ oder sonst wie – ausdrücken kann.</p>
<p>Doch das Selbst, oder allgemeiner gesagt: Individualität, endet mit dieser konzentrativen Einheit. Mit der Konzentration erkennen wir, dass die Erfahrungswelt nicht von dem, was wir unser Selbst nennen, unterscheidbar ist. Tatsächlich wird die Vorstellung eines individuellen Selbst, eines Kerns von Persönlichkeit, vollkommen hinfällig. Hier ›gibt‹ es bestenfalls einen Zeugen, der die Fülle der Welt wahrnimmt.</p>
<p>(Dies ist der Grund, warum die großen spirituellen Weisheitstraditionen den spirituellen Weg stets in zwei Weg-Phasen aufteilen: Zunächst den Weg der Erkenntnis des tiefen und authentischen Selbst, und danach den Weg der Zerstörung oder Dekonstruktion eben dieses Selbst. Denn um seine Seele (oder Selbst) der Fülle und dem Non-Dual hingeben zu können, muss man erst einmal wissen, wer oder was diese Seele, dieses Selbst tatsächlich ist. Ansonsten ist diese Hingabe nur halb, nur oberflächlich.)</p>
<h4>2) Alles ist vollständig</h4>
<p>Unsere Erfahrungswelt, die wir im Alltag wie in der Meditation bezeugen können, ist stets vollständig. Dies mag sich zunächst trivial anhören. Doch damit einher geht die <em>gefühlte Fülle der Welt</em>. Egal in welcher Lebenssituation und Lebensabschnitt wir uns befinden, so ändert sich diese gefühlte Fülle nicht. Subtrahiert man das Selbst als getrennte Einheit aus der Erfahrungswirklichkeit — weil es mit der Welt und dem Prozess der Beobachtung verschmilzt, addiert sich die Fülle der Welt.</p>
<p>Unser Ego mag diese gefühlte Fülle mit seinen Bedürfnisse (nach Nahrung, Wärme, Sicherheit, Anerkennung, Gemeinschaftlichkeit, Karriere, Selbsterfüllung und Transzendenz) brechen, tatsächlich kann keines dieser Bedürfnisse, wenn befriedigt, etwas zu der Fülle hinzufügen, sondern nur wegnehmen. Darum heißt es, sich von dem Willen zur spirituellen Befreiung loszusagen. Denn dieser Wille bricht <em>a priori</em> die bestehende Fülle der Erfahrung.</p>
<p><strong>Die Konsequenz dessen ist, dass keine Lebensweise einer anderen vorzuziehen ist.</strong> In der Harmonie der Dinge und im Kontext der gefühlten Fülle der Erfahrung macht es tatsächlich keinen Unterschied, wo ich mich befinde und was ich tue. Wenn ich diese Fülle der erfahrungswirklichkeit realisiere, dann ist alles gleichermaßen voll. Denn aus Perspektive des Zeugen sind alle Phänomene gleichermaßen bedeutend wie unbedeutend. Darum betonen die Traditionen stets auch ein Streben nach <em>Indifferenz</em>.</p>
<p>Meditative Konzentration ist darum, wie man es manchmal hört, nicht zwangsläufig eine ‚männliche‘ Angelegenheit. Natürlich führt sie zu einer Willensschulung, die das non-duale Handeln verwirklichen will, sich also nicht an eine bestimmte Lebensweise und die Früchte seiner Arbeit zu binden. Aber jede Konzentration geht einher mit dem sich (weiblichen) öffnen der Einheit gegenüber, dem Annehmen des anderen als das eigene und umgekehrt.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4022-1'>Einige Traditionen nennen es eine Form von Samadhi. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4022-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-4022-2'>Piaget nennt dieses Kategorien ‚Schemas‘ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4022-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-4022-3'>Wilber spricht hier vom ‚Mythos des Gegebenen‘, also wenn Kategorie (oder Landkarte) und Gebiet verwechselt werden. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4022-3">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Der Mensch als Ursprung der Welt</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/08/12/der-mensch-als-ursprung-der-welt/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Aug 2011 08:54:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Hinduismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Entstehung der Frucht aus der Getrenntheit, die Zweiheit von Mann und Frau und die Einheit des Menschen Welchen Weg gibt es aus der Getrenntheit, die uns in Angst und Verlangen gebannt hält? Was ist die Bedeutung der Zweiheit von Männlichem und Weiblichem? Anknüpfend an einen Text aus den Upanischaden und Aussagen der Kabbala entwickelt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Die Entstehung der Frucht aus der Getrenntheit, die Zweiheit von Mann und Frau und die Einheit des Menschen</h2>
<div id="attachment_2398" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4dc786480a58a_small.jpg" rel="lightbox[2395]"><img class="size-full wp-image-2398" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4dc786480a58a_small.jpg" alt="" width="200" height="124" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / .…. und abflug ! © walter dannehl</p></div>
<p><em>Welchen Weg gibt es aus der Getrenntheit, die uns in Angst und Verlangen gebannt hält? Was ist die Bedeutung der Zweiheit von Männlichem und Weiblichem? Anknüpfend an einen Text aus den Upanischaden und Aussagen der Kabbala entwickelt unser Autor eine überraschende Nähe von östlicher Weisheit und spirituellem Judentum.</em></p>
<p>Martin Buber sagt einmal, dass das Judentum aufgrund seiner Denktradition mehr zur östlichen als zur westlichen Welt gehört: Demnach verfügen die fernöstlichen Religionen und die jüdischen Quellen in ihrem Kern über das gleiche Vermögen einer retrospektiven Sichtweise.</p>
<p>Was meint Buber damit? Wir sind an die westliche Denkweise gewöhnt; es fällt uns schwer das östliche Denken zu verstehen, dem die Annahme zugrunde liegt, dass das Drama der äußeren Welt lediglich das Drama widerspiegelt, das sich in unserer inneren Welt ereignet. Diese Denkweise erscheint uns als „primitiv“, da sie den Vorstellungskräften und der Intuition des Menschen einen zentralen Platz einräumt, die in unseren Augen nicht als geeignete Mittel erscheinen, um die realen Herausforderungen des Lebens zu bewältigen. Ein gutes Beispiel für dieses Denken sind die spannenden Mythen der Upanischaden, die erklären, wie die äußere Welt aus dem Chaos der Vernunft in der inneren Welt des Menschen entsteht.</p>
<p>Die in diesen Mythen ausgedrückte Vorstellung besagt, dass die erste reale Existenz ein entwickelter Zustand ist, in dem wir in innerer Ruhe und ohne eine zielgerichtete Intention leben. Dieser Lehre zufolge existiert die scheinbar „reale“ Welt, in der wir leben, nicht wirklich, sondern ist eine Illusion, ja eine absolute Halluzination. In unserer Phantasie stellen wir uns das Nichtvorhandene vor und erschaffen so unsere Wünsche, aus denen erst unsere Schwierigkeiten entstehen.</p>
<p>Die Tragödie des menschlichen Zustandes ist eine doppelte: Wir leiden am Mangel der Fähigkeit, unsere Existenz zu leben und schaffen uns dafür eine illusionäre Welt. Die Schwierigkeit besteht jedoch in der Tatsache, dass die Objekte, die wir „kreieren“, die von uns geschaffene Leere nicht wirklich beseitigen können. Wir sind dazu verurteilt, im Zustand des Sisyphus zu verharren, dessen Wesen in der Erzeugung einer endlosen Kette von Problemen besteht. Unsere Bemühungen diese Probleme zu lösen verstricken uns aber nur in einen „noch problematischeren Zustand“.</p>
<h4>Zweiheit und Furcht</h4>
<p>Der folgende „Midrash“ (Auslegung) über die Schöpfung taucht im Brihadaranyaka-Upanischad auf:</p>
<p>1. Am Anfang war diese Welt allein der Âtman, in Gestalt eines Menschen […]. Der blickte um sich: da sah er nichts andres als sich selbst. Da rief er zu Anfang aus: „Das bin ich!“ Daraus entstand der Name Ich. – Daher auch heutzutage, wenn einer angerufen wird, so sagt er zuerst: „Das bin ich!“ und dann erst nennt er den andern Namen, welchen er trägt. – Weil er vor diesem allem alle Sünden vorher (<em>pûrva</em>) verbrannt hatte (<em>ush</em>), darum heißt er <em>pur-ush-a</em> (der Mensch, der Geist). Wahrlich es verbrennt den, welcher ihm vor zu sein begehrt, wer solches weiß.</p>
<p>2. Da fürchtete er sich; darum fürchtet sich einer, wenn er allein ist. Da bedachte er: „Wovor sollte ich mich fürchten, da nichts andres außer mir da ist?“ Dadurch entwich seine Furcht; denn wovor hätte er sich fürchten sollen? Denn vor einem Zweiten ist ja die Furcht.</p>
<p>3. Aber er hatte auch keine Freude; darum hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn sie sich umschlungen halten. Dieses, sein Selbst zerfällte er (<em>apâtayat</em>) in zwei Teile; daraus entstanden Gatte (<em>pati</em>) und Gattin (<em>patnî</em>). Darum ist dieser Leib an dem Selbst gleichsam eine Halbscheid; so nämlich hat es Yâjnavalkya erklärt. Darum wird dieser leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt. – Mit ihr begattete er sich; daraus entstanden die Menschen.</p>
<p>4. Sie aber erwog: „Wie mag er sich mit mir begatten, nachdem er mich aus sich selbst erzeugt hat? Wohlan! Ich will mich verbergen!“ – Da ward sie zu einer Kuh; er aber ward zu einem Stier und begattete sich mit derselben. Daraus entstand das Rindvieh. – Da ward sie zu einer Stute; er aber ward zu einem Hengste; sie ward zu einer Eselin, er zu einem Esel und begattete sich mit derselben. Daraus entstanden die Einhufer. – Sie ward zu einer Ziege, er zu einem Bocke; sie zu einem Schafe, er zu einem Widder und begattete sich mit derselben; daraus entstanden die Ziegen und Schafe. – Also geschah es, dass er alles, was sich paart, bis hinab zu den Ameisen, dieses alles erschuf.</p>
<p>5. Da erkannte er: „Wahrlich, ich selbst bin die Schöpfung; denn ich habe diese ganze Welt erschaffen“. – So entstand der Name Schöpfung. – Der, fürwahr, ist in dieser seiner Schöpfung [Schöpfer], wer solches weiß.</p>
<p>6. Darauf rieb er [die vor den Mund gehaltenen Hände] so; da brachte er aus dem Munde als Mutterschoß und aus den Händen das Feuer hervor; darum ist dieses beides von innen ohne Haare; denn der Mutterschoß ist inwendig ohne Haare. Darum, wenn die Leute von jedem einzelnen Gotte sagen: „Opfere diesem, opfere jenem!“ so [soll man wissen, dass] diese erschaffene Welt von ihm allein herrührt; er also allein ist alle Götter. Alles nun, was auf der Welt feucht ist, das erschuf er aus dem Samenerguss; dieser aber ist der Soma; denn diese ganze Welt ist nur dieses: Nahrung und Nahrungesser. Der Soma ist die Nahrung, das Feuer der Nahrungesser. Diese [Schöpfung] hier ist eine Überschöpfung des Brahman. Weil er als höhere [als er selbst ist] die Götter schuf, und weil er, als Sterblicher, die Unsterblichen schuf, darum heißt sie die Überschöpfung. – In dieser seiner Überschöpfung ist [Schöpfer], wer solches weiß.</p>
<p>7. Die Welt hier war damals nicht entfaltet; eben dieselbe entfaltete sich in Namen und Gestalten, so dass es hieß: „Der so und so mit Namen Heißende hat die und die Gestalt“. Eben dieselbe wird auch heute noch entfaltet zu Namen und Gestalten, sodass es heißt: „Der so und so mit Namen Heißende hat die und die Gestalt“. In sie ist jener [Âtman] eingegangen bis in die Nagelspitzen hinein […]. Darum siehet man ihn nicht: denn er ist zerteilt; als atmend heißt er Atem, als redend Rede, als sehend Auge, als hörend Ohr, als verstehend Verstand; alle diese sind nur Namen für seine Wirkungen. Wer nun eines oder das andre von diesen verehrt, der ist nicht weise; denn teilweise nur wohnt jener in dem einen oder andern von ihnen. Darum soll man ihn allein als den Atman verehren; denn in diesem werden jene alle zu einem. Darum ist dieses die [zu verfolgende] Wegespur des Weltalls, was hier [in uns] der Atman ist; denn in ihm kennt man das ganze Weltall; ja, fürwahr, wie man mittels der Fußspur [ein Stück Vieh] auffindet, also [erkennt man mittels des Atman diese Welt]. – Ruhm und Ehre findet, wer solches weiß!<sup class='footnote'><a href="#fn-2395-1" id='fnref-2395-1'>1</a></sup></p>
<p>Die Upanischaden gehören in die letzte Entwicklungsphase der indischen Literatur, welche sehr früh, nämlich um 1500 vor unserer Zeitrechnung, mit dem Eindringen der Indo-Arier in diese Gebiete einsetzt. Die Werke der letzten Phase können auf das 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert werden. Der vorliegende Text gilt als einer der bekannteren Upanischaden und wird dem Weisen Yâjnavalkya zugeschrieben.</p>
<p>Dieser Text ist ein tiefsinniges Gespräch über das Wesen und die Existenz des Menschen. In Fortsetzung der eingangs erwähnten Äußerung Bubers hätte man eine Liste von Quellen des Judentums vom Talmud bis zur chassidischen Literatur hinzufügen können, welche ihre enge Verwandtschaft zu den indischen Quellen zeigen. Aufgrund des begrenzten Raumes meines Beitrages möchte hier jedoch davon absehen. Stattdessen möchte ich lediglich einige Beispiele der haggadischen und der späteren kabbalistischen Literatur vorstellen und sie nach einer kurzen Erläuterung des mythischen Denkens, das diesem Upanischad zugrunde liegt, mit der indischen Quelle vergleichen.</p>
<h4>Der Mensch ist die Grundform</h4>
<p>Im Midrash Berishit Rabba wird der Gedanke dargelegt, dass Adam, der erste Mensch, „von einem Ende der Welt bis zum anderen reichte.“ (GenRab 8,1) Anderen Gelehrten zufolge „erfüllte der erste Mensch die ganze Welt vom Osten bis zum Westen und vom Norden bis zum Süden […] und auch den äußeren Raum der Welt.“ (GenRab 8,1) In einem anderen Midrash wird die sukzessive Erschaffung des riesigen Körpers von Adam durch eine geringfügige zeitliche Verzögerung bei der Aktivierung der einzelnen Körperteile geschildert: „Der Fußballen Adams verdunkelte den Globus der Sonne – und weitaus glänzender war sein Antlitz.“ (LevRab 20,2) Das heißt, die Intensität seiner Lichtstrahlen war so stark, dass sie den Schein der Sonne bei Weitem übertrafen. Diese Beschreibungen ähneln den Darstellungen des Upanishad: Obschon der Mensch den gesamten Zwischenraum der Welt einnimmt, enthält er in potentieller Weise zugleich die gesamten Einzelheiten des Entstehenden, welche sich nacheinander aus ihm entwickeln und den Raum außerhalb seiner selbst ausfüllen.</p>
<p>Auch wenn der Midrash diesen Denkansatz nicht bis zu der mutigen Schlussfolgerung des Upanischad fortsetzt, der selbst noch die abgesonderte Existenz der Gottheit außerhalb der Grenzen der Seele auflöst, so deutet er diese Vorstellung doch an. Denn in demselben Midrash wird die Meinung von Resh Lakish erwähnt: „‚Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser’ (Gen. 1,2); das bedeutet: ‚der Geist des ersten Menschen’.“ Es ist durchaus möglich, dass diese Idee bereits derjenigen Darstellung zu Grunde liegt, in welcher die Gottheit zum Schluss den Menschen verkleinert, aber dennoch in ihm die ganze Welt in einer verkleinerten Form enthält.<sup class='footnote'><a href="#fn-2395-2" id='fnref-2395-2'>2</a></sup> Eine solche Feststellung scheint richtig zu sein, da andere jüdische Quellen solche Vorstellungen in Bezug auf die Erschaffung der Frau ausdrücken, die als Idee alle Bedürfnisse des Menschen symbolisiert. So heißt es im Sohar, dem zentralen Werk der Kabbala:</p>
<p>„Rabbi Aha begann und sagte: ‚Und Gott sprach: <em>Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei</em> (Gen. 2,18) … War er denn alleine? Es steht doch geschrieben: <em>Und er erschuf einen Mann und eine Frau</em> (Gen. 1,27). Und wir haben gelernt: Der Mensch wurde mit zwei Gesichtern erschaffen – und du sagst: ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei’. Die Bedeutung ist: Er bemühte sich nicht um seine Frau und sie war ihm keine gegenüberstehende Gehilfin, da sie sich an seiner Rückseite befand und sie Rücken an Rücken miteinander verbunden waren – daher war der Mensch alleine. <em>Ich werde eine ihm gegenüberstehende Gehilfin machen</em> (Gen. 2,18) – Was bedeutet das ‚ihm gegenüberstehende’? Eine seinem Gesicht zugewandte, damit sie einander anhangen (Gen. 2,24) und sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen.“<sup class='footnote'><a href="#fn-2395-3" id='fnref-2395-3'>3</a></sup></p>
<h4>Das Spiel des Schöpfers</h4>
<p>Die große Frage, welche hier gestellt wird, ist die nach dem Wesen des Lebens. Der Mythos, der das Leben beschreibt, ist uns als eine Verkettung innerer Spannungen bekannt: Leid, die Erschaffung eines Befriedigung versprechenden Objekts und sein erneuter Verlust. Die Quelle des Lebens ist diesem Mythos zufolge ein geistiges Zentrum, welches sich in verschiedenen Aspekten ausbreitet. Diese Ausbreitung betrachte ich als ein inneres Spiel des Schöpfers, das darin besteht, dass er mit sich selbst spielt, indem er sich zuvor selbst erfüllt. Ursprünglich bestand in dieser Einheit nicht die Möglichkeit einer Ausbreitung vom Männlichen zum Weiblichen. Aber nachdem in diesem Schöpfer, der eine Einheit gebildet hatte, das Gefühl einer mangelnden Freude an seiner Existenz aufgestiegen war, entwickelte er in sich selbst Männlichkeit und Weiblichkeit, um diese Leere zu überwinden.</p>
<p>Die Erzählung der Selbsterschaffung betont, dass der Schöpfer in dem kritischen Augenblick der großen, inneren Kreation auch über die Wahlfreiheit verfügt, das innere Spiel <em>nicht</em> zu spielen. In der vorliegenden Quelle litt der Schöpfer zunächst nicht an dem Mangel der Freude. Doch wenn nun die Wahl bei uns liegt, so beginnt sie zuerst damit, dass wir an der mangelnden Erfüllung leiden. Erst danach können wir in uns den „inneren Raum“ kreieren, welcher es uns ermöglicht, hier auch die „Welt“ zu erschaffen.</p>
<h4>Abhängigkeit und Befreiung</h4>
<p>Um dies etwas genauer zu erklären, lohnt es sich, die psychische Entwicklung eines Abhängigkeitsverhältnisses zu beobachten. Bevor wir uns beispielsweise auf das Abenteuer des Drogenkonsums (auch in Form von Zigaretten zum Beispiel) einlassen, befinden wir uns noch immer in dem Zustand vor der „Erschaffung“ – nämlich in dem Vermögen, kein Objekt zu sein. Die Entscheidung, diesen Zustand der Gelassenheit zu brechen, ist unsere Entscheidung. Jedoch führt sie uns dazu, ein Objekt zu „erschaffen“. Bevor wir mit dem Rauchen anfingen, hatte die abhängig machende „Zigarette“ für uns gar nicht existiert; sie war eigentlich nur eine Rolle aus Papier und Kraut. Der „Griff zur Zigarette“ macht sie zu einem Objekt, das einen zentralen Platz in dieser Welt einnimmt. Wir erschaffen dadurch die „Zigarette“, so wie wir uns in der romantischen Liebe ein Bild vom Partner entwickeln, ohne den wir nachher nicht mehr zu leben vermögen. Wir laufen der „Zigarette“ hinterher, so, dass wir ihr niemals mehr entkommen können, da wir einem fortwährenden Gefühl unterliegen, dass wir Mangel erleiden. Und nachdem wir meinen, diesen Mangel gestillt, also eine zeitliche Lösung für das Problem gefunden zu haben, beginnen wir wieder nach der „Zigarette“ zu suchen, die sich dann erneut in Luft auflöst.</p>
<p>Der Irrtum dieser Auffassung, welche im Denken der westlichen Welt als die eigentliche „Realität“ verstanden wird, besteht in der Annahme, materielle Objekte könnten Befriedigung oder Freude verschaffen. Aber allmählich beginnt der Mensch die Gefahr dieses Spiels zu begreifen: Nicht nur, dass seine Probleme damit nicht gelöst werden, sondern dass der neue Zustand eine Reihe weiterer Konflikte entstehen lässt. Die Einbildung, an etwas zu leiden, wurde zur „objektiven Realität“, die wiederum das Gefühl erzeugt, dass der Rückweg nahezu vollständig abgeschnitten ist. Auf diesem Wege will sich im Sinne unseres Textes die „Frau“ grundsätzlich nicht mit dem Mann „paaren“, so dass er dazu gezwungen ist, sie zu verfolgen. Bei diesem sich wiederholenden Prozess der Entfremdung und Annäherung entstehen weitere Objekte, welche „abhängig“ machen.</p>
<h4>Schöpfung ist Gegenwart</h4>
<p>Die optimistische Botschaft besteht darin, dass die Vereinigungen, welche am Anfang der Schöpfung stehen, kein historisches Ereignis beschreiben möchten. Vielmehr bezeichnet die Schöpfung die tatsächliche Gegenwart. Die erste göttliche Wahrheit des Lebens existiert im Hier und Jetzt und ist in allem verborgen – genau wie die „Frau“, die sich auf der anderen Seite der Barriere befindet. Der Upanischad behauptet, dass für den Menschen der Kern des Problems nur darin besteht, die „Frau“ zu erreichen und er nicht daran interessiert ist, das Geheimnis der Vereinigung zu erkennen. Denn letztlich erscheint sie dem Fragenden zunächst als eine Bedrohung der eigenen Existenz, als Bedrohung des Schlüsselwortes „Ich“.</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/maerz/der-mensch-als-ursprung-der-welt/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe März 2011.</a></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2395-1'>Die Brihâdaranyaka-Upanishad des weißen Yajurveda, 1. Adhyâya, 4,§1–7. Aus: Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda. In der Übersetzung von Paul Deussen. Herausgegeben und eingeleitet von Peter Michel. Wiesbaden 2006, S. 489–492. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2395-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2395-2'>Zur Vorstellung des Menschen als „kleine Welt“ vgl. Midrash Tanhuma §3. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2395-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-2395-3'>Sohar, II, 44b. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2395-3">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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