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	<title>OpenMindJournal &#187; Anthroposophie</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
	<lastBuildDate>Thu, 17 May 2012 11:01:36 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Der Buddha des Bösen</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Apr 2012 20:27:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Attentäter von Oslo und die geistige Signatur unserer Zeit Über die geistige Dimension der Morde in Norwegen und was sie mit uns und unserem Zeitalter zu tun haben. Als der Norweger Anders Behring Breivik mitten in diesem regnerischen Juli das Blut von Monica Bøsei, Johannes Buø, Gunnar Linaker, Tore Eikeland und vierundsiebzig weiteren Menschen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Der Attentäter von Oslo und die geistige Signatur unserer Zeit</h2>
<div id="attachment_4766" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/04/539308_web_R_K_B_by_Katharina-Wieland-Müller_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4761]"><img class=" wp-image-4766 " title="Norwegen trauert" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/04/539308_web_R_K_B_by_Katharina-Wieland-Müller_pixelio.de_-300x182.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de</p></div>
<p><em>Über die geistige Dimension der Morde in Norwegen und was sie mit uns und unserem Zeitalter zu tun haben.</em></p>
<p>Als der Norweger Anders Behring Breivik mitten in diesem regnerischen Juli das Blut von Monica Bøsei, Johannes Buø, Gunnar Linaker, Tore Eikeland und vierundsiebzig weiteren Menschen vergoss, tat er dies konzentriert und seelenruhig. Als die Polizei kam, legte er zügig, aber ohne Eile die Waffe nieder und ging entspannt auf die Polizei zu. Und als er im Polizeiwagen saß, zeigte er der Welt das zurückhaltende Lächeln eines Menschen, der ganz im inneren Frieden mit sich selbst zu sein scheint. Ein neues Bild im kollektiven Gedächtnis. Vor zehn Jahren hatte er sich diesen Tag und diese Tat als Ziel gesetzt und ging seitdem darauf zu. Nach allem, was wir wissen, tat er dies diskret, willensstark und mit aufmerksamer Selbstbeobachtung. In seinem 1500 Seiten langen Manifest notierte er detailliert, wie er Jahre, Monate, Wochen und Tage auf dieses Blutvergießen hingelebt hat.</p>
<p>Für viele mag Breivik nur ein Irrer und sein Manifest bloß das schauerliche Ergebnis eines kranken Hirns sein, das keinerlei  Be– und höchstens Verachtung verdient. Ich sehe das anders und ich gebe zu, dass mich etwas fasziniert an diesem Mann – nicht an seinen Taten. Und es macht mir auch Angst. Es ist nicht das Fremde und nicht das Monströse. Es ist das Bekannte und das Normale – und damit meine ich nicht normale menschliche Gefühle wie Zorn oder Hass, und ich meine nicht bekannte dunkle Fantasien oder tierische Instinkte. Ich meine etwas, was speziell Menschen auf einem geistigen Schulungsweg bekannt und normal vorkommen kann – ja muss.</p>
<h4>DIE GOLDENE REGEL UND DAS NEUE ZEITALTER</h4>
<p>Als ich früher Rudolf Steiners Warnungen las, dass jeder geistige und so auch der anthroposophische Schulungsweg zu krassem Egoismus führen könne und voller todbringender Gefahren sei, da kamen mir diese Hinweise reichlich übertrieben, bestenfalls düster-poetisch vor. Auch Steiners andauerndes  Beharren auf der „Goldenen Regel“ hatte in meinen Augen eher etwas Romantisches: „Und diese Goldene Regel ist: wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.“</p>
<p>Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich ziehe keine einzige Parallele zwischen jemandem, der auf einem spirituellen Weg ist, und einem Massenmörder. Aber ich glaube, sowohl an Breivik als auch an der Reaktion der Norweger etwas zu entdecken, was unsere höchste Aufmerksamkeit verlangt – weil es jeden von uns betrifft. Unser ganzes Zeitalter.</p>
<p>Ähnlich wie andere Weisheitstraditionen formuliert auch die Anthroposophie bestimmte Charakteristika für bestimmte Zeitspannen. Wir leben gerade – so nennt Rudolf Steiner es  – im Zeitalter der „Bewusstseinsseele“. Ein wesentliches Merkmal dieser Epoche ist eine bestimmte seelische Grundstruktur des Menschen – teilweise angeboren, teilweise kulturell konditioniert und teilweise bewusst antrainiert. Was sich theoretisch kompliziert anhört, ist praktisch sehr einfach. Erst die komplizierte Theorie: Wir sind zunehmend in der Lage, unsere Gefühle, Empfindungen und inneren Regungen von unserem Denken und intellektuellen Reflexionen zu trennen und darüber hinaus unsere Taten, unseren Willen und auch die praktische Lebensweise von Fühlen und Denken zu separieren. Jetzt die einfache Praxis: Sehr freundliche Jugendliche, mit einem durchaus normalen geistigen Horizont, sind in der Lage, einen Obdachlosen stundenlang zu foltern und schließlich zu töten, um die Tat später glaubhaft damit zu begründen, dass es sie „einfach mal interessiert hat, wie das ist, wenn man einen Menschen umbringt“.</p>
<p>So gerne wir diesen Tätern Verwahrlosung oder Verblödung vorwerfen würden, die psychologischen Untersuchungen erlauben diesen einfachen Schluss nicht. Im Gegenteil: Das nüchterne Töten, das bewusste Vernichten, das seelenruhige Morden beschreiben Kriminologen als ein neues Phänomen, welches in diesem Maße früher unbekannt war. Normale Menschen – aus unserer Mitte – nehmen sich vor, das Böse zu tun, ohne dabei wie Tiere nur ihrem unbewussten Instinkt zu folgen. Wir glauben immer noch gerne an das Monster des Bösen: Ein durch und durch gehässiges Wesen, welches nur seinen dunklen Trieben folgt und zwanghaft um sich kratzt und beisst. Aber wir müssen spätestens seit Norwegen sehen, dass es zunehmend Menschen gibt, die sehr bewusst und mit einer – bitte erlauben Sie sich kurz diesen unfassbaren Gedanken – großen inneren Freiheit Blut vergießen. Keine Monster des Bösen. Eher Buddhas des Bösen. Und tatsächlich gehört laut Steiner die Konfrontation mit der Möglichkeit böser, abscheulicher Taten, die in so bisher nicht vorstellbarer Weise heute in allen Menschen unbewusst veranlagt sind, zum Geheimnis des Zeitalters der Bewusstseinsseele und zum Geheimnis der Freiheit.</p>
<h4>DIE TRENNUNG VON DENKEN, FÜHLEN UND HANDELN</h4>
<p>Vor dem Zeitalter der Bewusstseinsseele waren das Denken, das Fühlen und das Handeln unzertrennbar verflochten – um nicht zu sagen: total verworren. Ein Gedanke ging nahtlos und unreflektiert in ein Gefühl über – oder umgekehrt – und eine Tat folgte nahezu instinktiv. Taten ließen bestimmte Gefühle aufkommen, die wiederum bestimmte Gedankenmuster kreierten. Eher kollektiv, als individuell. Handeln, Fühlen und Denken waren ein großer Kuddelmuddel. Im Zeitalter der Bewusstseinsseele beginnt sich dieser Kuddelmuddel langsam aufzudröseln – in drei verschiedene und grundsätzlich getrennte Phänomene: Denken, Fühlen, Handeln.</p>
<p>Und das ist auch gut so. Rudolf Steiner sah darin die wichtigste Voraussetzung für inneres Wachstum,  für eine neue Kultur des Geistes und den freien Menschen. Er gab Übungen und Anleitungen, wie man bewusst etwas denken kann – ohne ein Gefühl dazu zu entwickeln. Er beschrieb, wie man ganz in das Gefühl eintauchen solle – ohne mit Gedankenurteilen dazwischenzufunken. Auch die vom Denken und von Gefühlen abgetrennte Stärkung des Willens gehört zu den Grundlagen der Anthroposophie.</p>
<p>Wir dürfen uns diese innere Freiheit und die Arbeit an dem Seeleninhalt nicht kleinlich vorstellen. Denn am Ende hat dieses Aufräumen unseres Innenraumes nichts weniger zur Folge als eine bewusste Leere. Steiner: „Man löscht ja nichts Geringeres aus als den Inhalt seines Seelenlebens selbst.“ Die so erworbene Freiheit ist der Beginn des schöpferischen Menschen – oder eben der totalen Zerstörung. Der Unterschied liegt am Ende nur in der Goldenen Regel.</p>
<h4>TU WAS DU WILLST</h4>
<p>Innere Freiheit hört sich ja zunächst nur gut an. Sie kann aber eben auch Schattenseiten haben, die ebenfalls jeder spirituelle Schüler kennen mag: Denn damit geht erst einmal auch jeglicher, kollektiv erworbener Zusammenhang zwischen einer Tat und dem gefühlten, gedachten oder tradierten Urteil über diese Tat verloren. Man weiß an einer bestimmten Stelle des Schulungsweges nicht mehr, was falsch und was richtig, was im traditionellen Sinne gut und böse ist. Man schwebt orientierungslos im luftleeren Raum und ist dennoch bei klarem und reflexivem Verstand.</p>
<p>Blutiges, praktisches Beispiel, wie es von Kriminologen immer wieder geschildert wird: Ein Mann tötet – aber seine durchaus existenten Gefühle greifen nicht dazwischen und sein Denken fällt kein Urteil. Es wird alles einfach so erlebt, wie es aus einer objektiven Zeugenposition erscheint: „Baseballschläger trifft auf Schädel, Blut spritzt, Mann fällt um, mit Gesicht auf Asphalt, der ein paar Risse hat und ein paar weiße Flecken von ausgespucktem Kaugummi.“ Es ist sogar so, dass die Täter – so wie es Breivik in seinem Tagebuch schrieb – sehr genau ihr Gefühlsleben beobachten und beschreiben können. Auch ihre Ängste und Schwächen. Ja, sie haben alle Gefühle, aber sie identifizieren sich nicht damit und trennen zwischen ihrem einen Ziel und ihren vielen Gefühlen.</p>
<p>Wir sagen dann, der Täter sei „eiskalt“ gewesen. Aber ich denke, dieses Urteil trifft nur auf einen kleineren Teil der Täter zu, einen Teil, den es immer schon gegeben hat.</p>
<p>Das neue Täterprofil sieht so aus wie das von Breivik und es ist sehr einfach: Es ist von der Freiheit und dem Willen zur Tat geprägt. Man könnte sagen, dass das Zeitalter der Bewusstseinsseele dieses Tor zur Freiheit aufgestoßen hat. Und ob jemand eine „Killermaschine“ oder ein „Krieger des Lichts“ wird, darüber entscheidet nur die ernsthafte Praxis der Goldenen Regel.</p>
<p>Michael Endes Romanfigur Bastian Balthasar Bux war nicht der Erste und nicht der Letzte, der an diesem „Tu was Du willst“ fast zerbrochen wäre. Er war vollkommen fasziniert von einer tiefen Erkenntnis: Diese Erkenntnis, dass wir nicht Gefangene unserer Gefühle und Gedanken sind, nicht Gefangene genetischer Systeme und bürgerlicher Gesetze, keine höheren Automaten, in die man oben moralische Gesetze einwirft und unten kommen dann ethische Taten hervor – nein: Das Zeitalter der Bewusstseinsseele schenkt uns diese Erkenntnis: Wir sind frei. Und ich wette, der Mörder aus Norwegen hatte diese Erkenntnis.</p>
<h4>DAS ALLUMFASSENDE GUTE</h4>
<p>Und das ist es, was mich fasziniert. Und das ist es, was mir Angst macht und schlagartig alle Warnungen und Regeln Steiners ins Gewissen ruft: „Und diese Goldene Regel ist: wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.“ Dieses Gute ist aber nicht wieder irgendein moralisches Gutes, welches in dieser Kultur so und in jener Kultur anders verstanden und dann doch wieder automatisiert wird. Es ist DAS GUTE. Es ist <em>die</em> Gutheit. Es ist eins mit <em>dem</em> Leben, eins mit <em>dem</em> Göttlichen, eins mit <em>dem</em> Geist, eins mit Bewusstheit, eins mit Liebe. Und zu eben diesem allumfassenden Guten soll sich der Charakter desjenigen vervollkommnen, der sich auf dem Schulungsweg befindet und seinem höchsten Ziel folgt.</p>
<p>Diese Ziele selber müssen nicht in einem engen moralischen Sinne gute Ziele sein. Nicht die Ziele sind gut, sondern der Mensch, der handelt. Das macht ihn frei. Es ist ein Handeln aus seiner charakterlichen Gutheit heraus und diese Gutheit ist darum gut, weil sie aus der Einheit mit <em>allem</em> erwächst. Das ist ein faszinierender Vorgang: Wir können nun einfach das tun, was für uns im individuellen Falle zu tun ist, weil wir aus der Einheit heraus handeln. Wir sind als einzelne Menschen ganz frei und einzigartig in unseren Taten und gleichzeitig kommt unser Handeln aus dem ganzen kosmischen Zusammenhang heraus. Nicht anders hat es Steiner als Ideal in seiner Philosophie der Freiheit beschrieben.</p>
<p>So ein Mensch ist weder von flüchtigen Gefühlen, noch von hinderlichen Gedanken, weder von Unlust oder Trägheit abhängig und kann tun und lassen, was er will – als jemand, der das Gute <em>ist</em>. Das Gute in seiner Essenz. Das Gute als das Ganze. Das Gute als eine Ich-Präsenz mit goldenem Glanz. Dahin zielt die Goldene Regel – und sie könnte das Credo dieses Zeitalters werden. Damit das leere Herz des Buddhas nicht mit Bösem gefüllt werden kann.</p>
<h4>DAS SPIRITUELLE NORWEGEN</h4>
<p>Zum Schluss noch etwas Versöhnliches: Das Zeitalter der Bewusstseinsseele verlangt von uns, dass wir uns bewusst für diese spezifischen Veränderungen öffnen und sie gezielt unterstützen. Norwegen darf als ein Land gelten, welches sich wie kaum ein anderes für diese Spiritualisierung des Lebens engagiert. Die starken anthroposophischen Initiativen und die (abgesehen von Liechtenstein) meisten Waldorfschulen pro Einwohner auf der Welt sind nur einer von vielen Indikatoren dafür. Auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der in diesen schweren Tagen so beeindruckend über sich selbst und das übliche Format eines Politikers hinausgewachsen ist, hat übrigens eine Waldorfschule besucht.</p>
<p>Und so scheint sicher, dass viele Menschen in Norwegen sich nicht nur unbewusst in diesem Zeitalter der Bewusstseinsseele befinden und nicht nur passiv die Verwandlung über sich ergehen lassen. Wir dürfen annehmen, dass in kaum einem anderen Land der Welt sich die Menschen so aktiv und so bewusst auf diesem inneren Schulungsweg befinden. So gesehen, hat sich das Morden in einem Land ereignet, welches vielleicht von allen Ländern innerlich am intensivsten auf diese Prüfung der Seele vorbereitet war.</p>
<p>Genau ab dem Moment, als der Norweger Anders Behring Breivik mitten in diesem regnerischen Juli das Blut von Monica Bøsei, Johannes Buø, Gunnar Linaker, Tore Eikeland und vierundsiebzig weiteren Menschen vergoss – seelenruhig und konzentriert –, da bewies das norwegische Volk, dass es keinen Automatismus mehr gibt, wo auf eine böse Tat die Rache folgen muss. Kein zwanghaftes Denken in Kategorien, die noch mehr staatliche Überwachung fordern. Keine kurzschlüssigen Verdächtigungen konservativer oder rechtsgerichteter Meinungen. Norwegen zeigt, dass die Trennung von Fühlen, Denken und Handeln zu den großen seelischen Errungenschaften unserer Zeit gehört und uns hilft, gesünder zu leben. Norwegen zeigt, dass eine bewusste Seele zu jedem Schmerz fähig ist, ohne in Hass, Rachsucht und Verhärtung zu fliehen. Norwegen zeigt, dass ein trauerndes Herz sich nicht verschließen muss und dass man auch in tiefer Trauer den Willen aufrechterhalten kann, für das zu stehen, was wir uns als geistige Kulturleistung errungen haben: Bewusste Menschlichkeit. Ein Mörder kann heute morden wie immer, vielleicht sogar noch aus einer neuen Bosheit heraus. Aber er muss damit rechnen, dass die Menschen in dieser Prüfung der Seele nicht hinter ihre Entwicklung zurückfallen, sondern über sich hinauswachsen. Einer hat versagt, aber viele haben bestanden.</p>
<p> </p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/september/der-buddha-des-boesen/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe September 2011</a></em></p>
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		<title>In-Forma-tion – der Urstoff des Universums</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 11:27:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>

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		<description><![CDATA[Gemäß der gegenwärtig vielversprechendsten Wissenschafts-Theorie, Gravitation betreffend, könnte sich das Phänomen der „Schwer-Kraft“ als Wirkung zunehmender In-forma-tion im Kosmos – beziehungsweise „frei-werdender“ In-forma-tion – enttarnen. Der Umkehrschluss scheint aus anthroposophischer Sicht nahezu noch spannender, als eine Aufnahme „freier In-forma-tion“ – also „Geist“ – in die Materie hinein, als Vorgang gegenteiliger – nämlich antigraver – Wirkung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4583" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/547024_web_R_K_B_by_Gerd-Altmann_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4546]"><img class=" wp-image-4583 " title="547024" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/547024_web_R_K_B_by_Gerd-Altmann_pixelio.de_-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Gerd Altmann / pixelio.de</p></div>
<p><em>Gemäß der gegenwärtig vielversprechendsten Wissenschafts-Theorie, Gravitation betreffend, könnte sich das Phänomen der „Schwer-Kraft“ als Wirkung zunehmender In-forma-tion im Kosmos – beziehungsweise „frei-werdender“ In-forma-tion – enttarnen. Der Umkehrschluss scheint aus anthroposophischer Sicht nahezu noch spannender, als eine Aufnahme „freier In-forma-tion“ – also „Geist“ – in die Materie hinein, als Vorgang gegenteiliger – nämlich antigraver – Wirkung gedeutet werden kann. Eröffnet sich von diesem Gesichtspunkt betrachtet gar ein wissenschaftlich neuer Blick auf die Entwicklung des aufrechten Gangs beim Menschen? Hat sich – solch antigraver Wirkung gehorchend – seine Gestalt im Laufe der Evolution geradezu aufrichten „müssen“, insofern sein Gehirn das vermutlich komplexeste System im Universum darstellt? Der Autor hat sich damit auseinandergesetzt.</em></p>
<p>Bereits vor mehr als fünf Jahren zeigten sich in der wissenschaftlichen Diskussion Anzeichen für eine Neuinterpretation der Schwerkraft – weg von jener über Jahrhunderte feststehenden Idee als einer der vier Naturkräfte im Universum: starke Kernkraft, schwache Kernkraft, Elektromagnetismus und eben Gravitation.</p>
<p>Erste Forscherüberlegungen neuerer Physik-Theorie – in Beziehung gesetzt zu Rudolf Steiners geisteswissenschaftlichen Äußerungen – bildeten vor Jahren die Grundlage eines Beitrags von mir in dieser Zeitschrift: „Die Schwerkraft ist ja nur eine Phrase“.<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-1" id='fnref-4546-1'>1</a></sup> Seither sind verschiedene neue Theorien zur Gravitation entstanden. Die momentan spannendste vertritt der Physiker Erik Verlinde von der Universität Amsterdam. Den Grund für diese intensive Suche bildet <em>das</em> Dilemma der Gegenwarts-Physik schlechthin: Die Gravitationskraft besitzt nämlich keine „Quanten-Manieren“: Zwar scheint sie in den Weiten des Makrokosmos das Kommando zu haben – im Mikrokosmos hingegen kommen nur die drei anderen Natur-Kräfte zum Tragen, unterhalb von 1mm ist sie weder messbar, noch gelang es, eine Quantentheorie der Gravitation zu entwickeln. Das Gros der Physiker scheiterte bislang virtuos an der Suche nach diesem Heiligen Gral moderner Physik.</p>
<p>Der niederländische Kollege Erik Verlinde schlägt nun einen höchst exotisch anmutenden Weg ein und stellt die fundamentale Frage: „Ist Gravitation überhaupt eine Naturkraft?“ Seine vorläufige Antwort lautet: „Nein – möglicherweise …“ In seiner bahnbrechend neuartigen Gravitationstheorie geht Verlinde von einem physikalisch gesehen ähnlichen Phänomen – der Wärme – aus, wenn er sagt: „Zwischen der Wärme in der Thermodynamik und der Gravitation besteht eine gewisse Analogie: Die Gravitation ist emergent – eine abgeleitete Kraft. Das bedeutet, sie existiert im mikroskopischen Bereich nicht. Also ist die Gravitation keine fundamentale Naturkraft.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-2" id='fnref-4546-2'>2</a></sup> Und das ist naturwissenschaftlich gesehen eine revolutionäre Aussage!</p>
<h4>Entropie und In–<em>FORMA</em>–tion – gegensätzliche und inhärente Aspekte jeglicher Entwicklung</h4>
<p>Vom Standpunkt der In–<em>forma</em>–tion sind alle, als Evolution bekannte Form– und Strukturbildungen – bis hin zu höherem Leben – und Entropie<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-3" id='fnref-4546-3'>3</a></sup> gegensätzliche, einander bedingende Aspekte der Entwicklung. Die Entropie (Zerfall im Universum) nimmt zu, indem In–<em>forma</em>–tion aus den Strukturen wieder frei wird.</p>
<p>In einem meiner früheren Bücher (<em>Fremdkörper Erde</em>, Info3-Verlag. Kontext Bd. 6, 2004), hatte ich mich u.a. mit der komplementären Beziehung von Entropie und Information und deren Bedeutung für die Entwicklung von Leben befasst. Bereits damals zitierte ich den Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger aus dessen Buch <em>Was ist Leben</em> mit der Frage, wie sich „… lebende Materie dem Abfall in den energetischen Gleichgewichtszustand (Entropie) entzieht?“ Er findet für sich die Antwort: „Sie ernährt sich aus negativer Entropie (…). Der Kunstgriff, mittels dessen ein Organismus sich stationär auf einer ziemlich hohen Ordnungsstufe (d.h. einer ziemlich geringen Entropiestufe, K.P.) hält, besteht in Wirklichkeit aus einem fortwährenden Aufsaugen von Ordnung aus seiner Umwelt. (…) Wir nehmen also wahr, dass eine waltende Ordnung die Kraft besitzt, sich selbst zu erhalten und geordnete Vorgänge hervorzurufen.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-4" id='fnref-4546-4'>4</a></sup> Der Physiker Herbert Klima vom Atominstitut der Österreichischen Universitäten weist darauf hin, dass ein derartiges System „während eines Prozesses aus der Umgebung dauernd Nachricht erhält und dadurch in entsprechende Prozessstrukturen bzw. entsprechende Formen gebracht wird. Durch eine Nachricht bzw. eine Information verändert sich also die Entropie eines Systems: Sie wird vermindert. (…) Empfang von Information bedeutet Verminderung der Entropie des Systems.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-5" id='fnref-4546-5'>5</a></sup>. Durch jegliche von einem System aufgenommene In–<em>forma</em>–tion nimmt seine Entropie ab und entfernt es sich vom (energetischen) End– und Ausgleichszustand – makrokosmisch als „Wärmetod des Universums“ bezeichnet. Die Schlussfolgerung aus dem Gesagten: Jedes System weit vom energetischen Gleichgewicht (geringe Entropiestufe wie z.B. bei Formen organischen Lebens) muss im Lauf seines Evolutionsprozesses viel an In–<em>forma</em>–tion aufgenommen haben.<em></em></p>
<p>Doch zurück zu der Auseinandersetzung mit Verlindes neuer Gravitationstheorie. Auch für den als „Mr. Beam“ bekannten und international renommierten Physiker der Uni Wien, Anton Zeilinger, festigte sich bereits vor Jahren in Folge seiner quantenphysikalischen Teleportations-Experimente die wissenschaftliche Überzeugung, dass „der Information (in der Evolution) sogar ein höherer Stellenwert beizumessen wäre als dem, was ganz allgemein unter Materie selbst verstanden wird. Information ist der Urstoff des Universums“, so der Wiener Physiker.<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-6" id='fnref-4546-6'>6</a></sup> Was aber zieht jenen Strom von Ordnung auf sich, so dass Zerfall vermieden wird – ja, dass Differenzierung und Komplexität im Bereich des Lebens stets zunahmen?</p>
<p>Was „ist“ es, das hier als „waltende Ordnung die Kraft besitzt, sich selbst zu erhalten und geordnete Vorgänge hervorzurufen“?<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-7" id='fnref-4546-7'>7</a></sup> Trotz aller Theorien: Wir wissen es nicht wirklich. Und es ist außerdem zu vermuten, dass die Wissenschaft ebenfalls noch nicht weiß, welche Art von Realität sie dieser In–<em>forma</em>–tion zusprechen will, die freiwerdend Phänomene der Gravitation auszulösen imstande ist. Oder auch,<em>wo</em> solche In–<em>forma–</em>tion dann „sein“ könnte …</p>
<h4>Ein warmes Grab für die Gravitation</h4>
<p>Seit Isaac Newton stand für mehr als zweieinhalb Jahrhunderte fest, <em>was</em> die Gravitation ist: eine sogenannte „anziehende Kraft zwischen Massen“. Seit 1915 aber trat die Gravitation in Folge der Erkenntnisse Einsteins und seiner Allgemeinen Relativitätstheorie als geometrische Eigenschaft einer gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit auf: Die Materie sagt der Raumzeit, wie sie sich zu krümmen hat – die Krümmung der Raumzeit der Materie, wie sie sich zu bewegen hat. Die Gravitation fungiert seither nicht mehr als Kraft, sondern als geometrische Eigenschaft der Raumzeit. Eric Verlinde geht heute so weit zu sagen: „Die Gravitation ist eine Illusion. (…) Natürlich haben Einstein und auch Newton Gleichungen formuliert, die die Gravitation beschreiben. Aber ich behaupte, sie haben nicht wirklich geklärt, wie Gravitation entsteht.»<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-8" id='fnref-4546-8'>8</a></sup> Verlindes Hypothese lautet: „Die Gravitation taucht erst makroskopisch auf. Sie ist physikalisch nichts Fundamentales, sondern etwas Emergentes, etwas Abgeleitetes, wie beispielweise die Wärme.»<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-9" id='fnref-4546-9'>9</a></sup> Wärme – physikalisch gesehen das Resultat von Bewegung im Bereich des Mikrokosmos – sozusagen kollektives, mikroskopisches Zittern, das wir z. B. auf unserer Haut spüren. (Interessant, wie Rudolf Steiner den frühen Entstehungsprozess und kosmischen Ursprung der Wärme beschreibt: „Reine innere Wärme begleitet das Erscheinen der ‚Geister der Bewegung‘.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-10" id='fnref-4546-10'>10</a></sup>). Temperatur und Gravitation stellen beide somit makroskopische Phänomene dar. Der Niederländer kommt auf diesem Weg zu Begriffen wie Information, Unordnung und Entropie und zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass in einem abgeschlossenen physikalischen System Energie weder entstehen noch verschwinden kann. Nach Verlinde ist dies bei der Schwerkraft – die wir ja auch spüren – ganz analog: „Temperatur ist nur ein Maß für die durchschnittliche Energie, die jedes Molekül besitzt. Einem einzelnen Molekül kann man ja keine Temperatur zuschreiben. Die Thermodynamik ist nur eine sehr ökonomische Beschreibung (…), ohne dass man dabei jedes einzelne Molekül berücksichtigen müsste. Aber wir wissen, woher diese Gleichungen kommen, wir können sie ableiten. Und so ähnlich ist das auch bei der Gravitation: Sie ist das Ergebnis von etwas anderem, das eine ‚Kraft‘ bewirkt. Und wenn man will, kann man diesen Prozess eben auch in Gravitationsgleichungen ausdrücken.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-11" id='fnref-4546-11'>11</a></sup></p>
<p>Aus Chaos entstehen im Universum – nach heutigem Stand der Naturwissenschaft – nur dann Strukturen (Ordnung), wenn Energie aufgewendet wird. Ansonsten nimmt die Unordnung im gesamten Universum beständig zu. Um es mit dem Nobelpreisträger Boltzmann zu sagen: „Die Entropie wächst<em>.</em>“ In seiner Theorie verknüpft Verlinde die Schwerkraft mit Boltzmanns Entropiesatz und dem Begriff der Information. Da In–<em>forma–</em>tion und Entropie physikalisch-kosmologisch betrachtet gegensätzlich-inhärente Aspekte jeglicher Entwicklung darstellen, muss – bei steter Entropie-Zunahme im Universum – gleichermaßen auch der Informationsgehalt im Universum wachsen. Die Schwerkraft deutet Verlinde somit als „emergentes Phänomen der Entropie-Zunahme.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-12" id='fnref-4546-12'>12</a></sup>. Das Postulat der wachsenden Entropie zwingt gewissermaßen z. B. einen Apfel zum Fallen, zu einem Verhalten, das wir Menschen als Schwerkraft wahrnehmen. Erik Verlinde: „Wenn wir den Apfel und die Erde beschreiben, dann sagen wir: Zwischen ihnen besteht eine ‚Anziehungs-Kraft‘. In Wirklichkeit passiert aber Folgendes: Im physikalischen System ‚Apfel und Erde’ steckt ein Informations-Betrag. Dieser Betrag ändert sich, wenn der Apfel fällt. Ein Teil der Informationen verschwindet, aber er entspricht genau der Energie, die der Apfel beim Fallen erhält. Diese Änderung der Information ist der eigentliche Grund, warum der Apfel fällt<em>.</em> Alle Dinge streben danach die Information wachsen zu lassen und der Apfel tut das, indem er fällt.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-13" id='fnref-4546-13'>13</a></sup></p>
<p>Rechnerisch betrachtet besteht zwischen In–<em>forma–</em>tion und Energie Kongruenz. Was aber „ist“ In–<em>forma–</em>tion in diesem Zustand jenseits der Form – und wo geht sie hin, wenn sie wieder „reine In–<em>forma–</em>tion“ wird? Hier gilt es Anleihe bei Sheldrakes Konzept der Morphogenetischen Felder zu nehmen oder bei Steiners Idee des Bildekräfteleibes (Ätherleibes) – inhaltlich besehen: deckungsgleiche Begriffe.<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-14" id='fnref-4546-14'>14</a></sup></p>
<p>Für manche Kollegen weist Verlindes Entropiekonzept für die Gravitation einen Schönheitsfehler auf: Es kann nur dann folgerichtig sein, wenn unser Universum ein Hologramm ist. Dabei wäre die gesamte In–<em>forma–</em>tion der dreidimensionialen Welt auf einem zweidimensionalen Bild gespeichert – ähnlich den glänzenden Zeichen auf Kreditkarten. Dass dieses holographische Postulat wissenschaftlich gesehen durchaus die Realität darstellen könnte, zeigen theoretische Arbeiten zur Thermodynamik Schwarzer Löcher aus den 1980er Jahren. Erstaunliche Erkenntnis: Die Entropie eines Schwarzen Lochs oder – komplementär betrachtet – sein Informationsgehalt wächst nicht proportional zu seinem Volumen, sondern zu seiner Oberfläche.</p>
<p>Auch Rudolf Steiner hat sich bezüglich dieser Zweidimensionalität bereits vor fast 100 Jahren festgelegt: „Sobald man aus dem dreidimensionalen Raum herauskommt, kommt man nicht in einen vierdimensionalen Raum – oder man kommt meinetwillen in einen vierten dimensionalen Raum, aber der ist zweidimensional – weil die vierte Dimension die dritte vernichtet und nur zwei als reale übrigbleiben. Und alles ist, wenn wir uns von den drei Dimensionen des Physischen zum Ätherischen erheben, nach den zwei Dimensionen orientiert. Wir verstehen das Ätherische nur, wenn wir es nach zwei Dimensionen orientiert denken.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-15" id='fnref-4546-15'>15</a></sup> Das Ätherische – oder zeitgenössisch formuliert: In–<em>forma–</em>tion –, das, was aller Form voran– bzw. mit ihr einhergeht – scheint das Da-Sein somit in einer Art Zweidimensionalität zu haben.</p>
<p>Verlinde gibt sich bezüglich seiner Theorie sicher, wenn auch bescheiden – sie sei eben noch nicht gänzlich fertig. Viele namhafte Kollegen billigen der „esoterisch“ anmutenden Theorie aber bereits heute beste Chancen zu, die wissenschaftliche Kosmologie grundlegend zu revolutionieren. Franz Embacher, Physik-Professor der Universität Wien: „Die Mehrzahl geht davon aus, dass man diese Schwächen oder Lücken wird füllen können.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-16" id='fnref-4546-16'>16</a></sup> Erik Verlinde scheint das Tor zu einer völlig neuen Physik einen Spalt weit geöffnet zu haben. Wenn die Theorie fertig und das Tor durchschritten ist, könnte sich In<em>–forma–</em>tion als der fundamentale Baustoff des Universums erweisen. Während Begriffe wie Energie, Materie, Kraft – und eben auch: Gravitation nur als Oberflächenphänomene eine Rolle spielen.</p>
<h4>Konsequenzen für eine zukünftige Einheit von Wissenschaft und Spiritualität</h4>
<p>Zahlreiche Forschungsdaten zeigen eine geradezu unfassbar dynamische Änderung des Informations-Begriffs im wissenschaftlichen Verständnis der Gegenwart. Lässt sich beispielsweise jegliche In–<em>forma–</em>tions-Wirksamkeit in die Materie hinein als Vorgang antigraver<em> </em>Wirkung deuten? War es doch eine – wie auch immer geartete – Aufnahme freier In–<em>forma</em>–tion aus dem Kosmos (die Wirkung von „Etwas Großem“), die da im Anbeginn aller Zeiten eine unvorstellbar anmutende, antigrave Wirkung derart enormen Ausmaßes entfachte – welche die Physik veranlasste von Urknall zu sprechen?! Jene obskure Vorstellung, dass alle im Kosmos vorhandene Energie und Materie bereits dazumal in dieser Singularität hätte vorhanden sein müssen, wäre dann obsolet. Und weiter: Wäre dann auch der wissenschaftlich erforschte und bislang unerklärliche Beschleunigungsimpuls des Universums bezüglich seiner Ausdehnung – sowie die überraschende Koinzidenz dieses Zeitpunkts mit dem Eintritt des Menschen in die Evolution – ebenfalls einer derart „antigrav-wirkenden“ In–<em>forma</em>–tions-Aufnahme im Evolutionsverlauf zuzuschreiben?! Etwas, was übrigens auch nüchternen Physikern Stirnrunzeln bereitet, wenn sie sagen: „Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass das Universum just dann, als denkende Wesen sich entwickeln, in den Schnellgang schaltete? Die kosmische Beschleunigung könnte genauso gut in ferner Vergangenheit oder ferner Zukunft beginnen …“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-17" id='fnref-4546-17'>17</a></sup></p>
<p>Die Physik-Theoretiker propagierten während der letzten zehn Jahre als „wissenschaftliche Erklärung“ dieses verblüffenden Zusammenhangs mehrheitlich eine sogenannte „Quintessenz, die räumlich und zeitlich variable Energiequelle eines Quantenkraftfeldes.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-18" id='fnref-4546-18'>18</a></sup> „Dunkle Energie“ und – natürlich, wie sollte es auch anders sein! – „gravitativ abstoßend<em>.</em>“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-19" id='fnref-4546-19'>19</a></sup></p>
<p>Ein anderes weites Fragen-Feld: Wie steht’s mit antigraven Wirkungen in den Lebensprozessen von Organischem, z. B. in Pflanzen, mit ihrem aufsteigenden Säftestrom? Oder auch bezüglich der Aufrechten des Menschen? Hatte die physiologische Entwicklung seines Gehirns, als „komplexester Strukturbildung im Kosmos“<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-20" id='fnref-4546-20'>20</a></sup> und die damit in Verbindung stehende In–<em>forma</em>–tions-Bindung in diese Physis hinein, eben solch antigrave Wirkungen freigesetzt? Die aufrechte Menschengestalt – Anti-Gravitation durch In-forma-tion?! Und, synonym dafür: Des Menschen frei getragenes, erhobenes Haupt, in welchem das Gehirn schwerelos schwebt – welches Sinnbild derartiger Zusammenhänge?! Es darf wohl ungeniert vermutet werden: Fach– und Schulbücher könnten bald umzuschreiben sein …<sup class='footnote'><a href="#fn-4546-21" id='fnref-4546-21'>21</a></sup></p>
<p>Dem Artikel liegt ein Kapitel-Ausschnitt des neuen Buches von Klaus Podirsky (Berlin 2011) <em>Quantensprung – Die Spiritualität der Wissenschaft entfaltet sich. In–</em>forma<em>–tion Resonanz Bewusst-Sein </em>zugrunde, welcher mit freundlicher Genehmigung des Berliner Wissenschafts-Verlags – vom Autor für<em>Info3</em> adaptiert – veröffentlicht werden darf.)</p>
<p>Erstmals erschienen im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/september/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe Sept. 2011</a></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4546-1'>K. Podirsky: „Die Schwerkraft ist ja nur eine Phrase“; <em>Info3</em>, 6/2006, S. 50f <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-2'>E. Verlinde, zitiert in: „Ein warmes Grab für die Gravitation – Erwin Verlindens Abschied von einer Naturkraft“,<em>ORF </em>„<em>Dimensionen</em> <em>– Die Welt der Wissenschaft</em>“, 2010 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-3'>Unter Entropie versteht die Physik ein Maß für den Verteilungs-Ausgleich von Energie. Negative Entropie ist der gegenteilige Zustand: je mehr negative Entropie ein Organismus aufweist, desto höher entwickelt ist der Grad seines Ordnungszustands. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-4'>E. Schrödinger: <em>Was ist Leben?</em>, München 1989 (Cambridge Univ. Press 1944), S. 123, S. 126, S. 129, S. 134 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-5'>H. Klima / B. Lipp / H. Lahrmann: <em>Möglichkeit niederenergetischer Bioinformation</em>, S. 38 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-6'>A. Zeilinger: <em>Einsteins Schleier</em>, S. 213ff <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-7'>E. Schrödinger: <em>Was ist Leben?</em>, München 1989 (Cambridge Univ. Press 1944), S. 123, S. 126, S. 129, S. 134 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-7">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-8'>E. Verlinde, zitiert in: „Ein warmes Grab für die Gravitation“ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-8">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-9'>E. Verlinde, zitiert in: „Ein warmes Grab für die Gravitation“ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-9">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-10'>R. Steiner: „Die Geheimwissenschaft im Umriss“, GA13 (1910), Dornach 1972, TB, S. 127 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-10">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-11'>E. Verlinde, zitiert in: „Ein warmes Grab für die Gravitation“ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-11">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-12'>E. Verlinde, zitiert in: „Ein warmes Grab für die Gravitation“ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-12">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-13'>E. Verlinde, zitiert in: „Ein warmes Grab für die Gravitation“ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-13">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-14'>Zu dieser gemeinsamen Auffassung kamen R. Sheldrake und A. Suchantke am Ende eines öffentlichen Symposions in Wien („Dialoge: Morphische Felder – Bildekräfte“, Wien 1993) <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-14">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-15'>R. Steiner: „Das Künstlerische in seiner Weltmission. Der Genius der Sprache. Die Welt des sich offenbarenden, strahlenden Scheins“, GA276 (1923), Dornach 2002, S. 40 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-15">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-16'>F. Embacher, zitiert in: „<em>Ein warmes Grab für die Gravitation</em>“ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-16">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-17'>J. Ostriker: „Die Quintessenz des Universums“, in: <em>Spektrum der Wissenschaft</em> 2001/3, S. 32ff <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-17">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-18'>J. Ostriker: „Die Quintessenz des Universums“, in: <em>Spektrum der Wissenschaft</em> 2001/3, S. 32ff <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-18">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-19'>J. Ostriker: „Die Quintessenz des Universums“, in: <em>Spektrum der Wissenschaft</em> 2001/3, S. 32ff <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-19">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-20'>A. Zeilinger: ‚<em>Einsteins Schleier – Die neue Welt der Quantenphysik</em>’, München 2003, S. 213 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-20">↩</a></span></li>
<li id='fn-4546-21'>K. Podirsky / B. Würtenberger: <em>Quantensprung – Die Spiritualität der Wissenschaft entfaltet sich. In-forma-tion Resonanz Bewusst-Sein.</em> Berlin 2011 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4546-21">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Spirituelles Weltbürgertum</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 16:27:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[Globale Spiritualität und das Verständnis für die Berechtigung aller Religionen Fundamentalismus, absoluter Wahrheitsanspruch und Konfessionalisierung kennzeichnen die rückwärtsgewandte Erscheinungsform von Religion. Auf der fortschrittlichen Seite des Spektrums entwickelt sich ein Umgang mit Religion, der die Verwurzelung in einer Tradition mit der Wahrheit über allen Unterschieden zu verbinden weiß. Unser Beitrag trägt Phänomene einer globalen Spiritualität [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Globale Spiritualität und das Verständnis für die Berechtigung aller Religionen</h2>
<div id="attachment_3575" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad80486b22db_s.jpg" rel="lightbox[3572]"><img class="size-medium wp-image-3575 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad80486b22db_s-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / Gewissheit © Tabea Keller</p></div>
<p><em>Fundamentalismus, absoluter Wahrheitsanspruch und Konfessionalisierung kennzeichnen die rückwärtsgewandte Erscheinungsform von Religion. Auf der fortschrittlichen Seite des Spektrums entwickelt sich ein Umgang mit Religion, der die Verwurzelung in einer Tradition mit der Wahrheit über allen Unterschieden zu verbinden weiß. Unser Beitrag trägt Phänomene einer globalen Spiritualität vom Sufismus bis hin zur Anthroposophie zusammen.</em></p>
<p>Tabea Gregory wollte es wissen: Welche Einstellung haben Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren in Deutschland, wenn es um Religion geht? Die Schülerin aus der 13. Klasse der Waldorfschule in München-Ismaning erarbeitete dazu einen Fragebogen und stellte sich damit in die Fußgängerzone. Sie befragte rund 800 Passanten. Die Ergebnisse ihrer Befragung sind zu finden in einem Essay, das auf www.jugendsymposion.de veröffentlicht wurde und im Aprilheft der Zeitschrift<em>Erziehungskunst</em> erschien.</p>
<p>Die junge Frau musste feststellen, dass das Bild junger Menschen von Religion heute von Konflikten und Kriegen geprägt ist. Dass es in allen Religionen auch um Frieden, Liebe und Gemeinschaft geht, verschwindet aus dem Bewusstsein. Außerdem stellte sie ein recht ambivalentes Verhältnis vieler Befragter zur Religion fest. Etwa die Hälfte gab an, zwar nicht selbst an die Lehren der Religion, in der sie erzogen wurden, zu glauben, sie aber doch ihren eigenen Kindern mitgeben wollten; es sei wichtig, Traditionen zu wahren und innere Kraft mit auf den Weg zu geben.</p>
<p>Tabea Gregory hat ihrer Befragung interessante eigene Betrachtungen zum Thema Religion hinzugefügt: „Glaube ist ein Spiegel der eigenen Innenwelt“, lautet eine ihrer Thesen. Aufgrund der zunehmenden Individualisierung scheine es dann keinen Platz mehr zu geben für eine „Kollektiv-Religion“. Die junge Autorin schließt mit der Überlegung: „Wenn die Menschen ihren neuen individuellen Zugang zum Glauben gefunden haben – ein Glaube, der auch Nichtglaube und Andersglaube einschließt –, kann vielleicht eine neue Form von Religiosität entstehen, die ein WIR-Denken möglich macht.“</p>
<p>Tabea Gregorys Betrachtungen spannen den Bogen von den traditionellen Religionsformen über die Individualisierung hin zu einer möglichen neuen gemeinsamen Basis für Religiosität. Dieser Schilderung möchte ich eine weitere Schilderung an die Seite stellen. Welchen Platz gibt es innerhalb der Religion als kollektiver Rahmen für die Individualität und ihre persönliche Erfahrung? Haben organisierte Formen der Religion noch eine Berechtigung in der heutigen Zeit?</p>
<h4>Von mythischer Religion zu interreligiösem Austausch</h4>
<p>In einer ersten Stufe ist jede Religion bzw. jede® Gläubige davon überzeugt, dass seine oder ihre Form von Religiosität die einzig richtige ist. Dazu gesellt sich die mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Haltung, dass die eigene Religion jeder anderen überlegen sei. Diese Stufe von Religiosität könnte man „mythische Religion“ nennen. Eine solche Überzeugung gibt eine Rechtfertigung für Unterdrückung und Bekämpfung, mitunter auch für die Ausrottung von Andersgläubigen.</p>
<p>In unseren Breitengraden wurde ab der Aufklärung der Ruf nach „Beweisen“ immer lauter. Das schwächte die Religionen und ihre Dogmen und führte zu einer zunehmenden Säkularisierung. Gläubige Menschen im Westen leben seither oft in zwei Welten, die sie innerlich nicht zur Deckung bringen. Diese Stufe der religiösen Entwicklung kann man auch „rationale Religion“ nennen.</p>
<p>In einer dritten Phase kommt es einerseits zu tolerantem Pluralismus und interreligiösen Bemühungen, andererseits einer verstärkten Hinwendung zur Spiritualität. Beide Entwicklungen können, aber müssen nicht Hand in Hand gehen. Bei ökumenischen und interreligiösen Veranstaltungen können Menschen erleben, dass das, was sie gemeinsam haben, dasjenige, was sie trennt, bei Weitem übersteigt. Diesen Begegnungen liegt der Wunsch, harmonisch miteinander auskommen zu wollen, zugrunde. Man wird sich der möglicherweise geteilten Werte bewusst und schaut darauf, welche Grundlagen alle Religionen gemeinsam haben. Eine Begegnung auf dieser Basis wirft oft neue Fragen auf. Menschen, die sich auf solch einen Austausch einlassen, identifizieren sich oft nicht mehr im traditionellen Sinne mit ihrer Religion, sehen sich aber dennoch durch die Außenwahrnehmung veranlasst, sich mit den eigenen Grundlagen auseinanderzusetzen, sie zu erklären und womöglich sogar zu verteidigen.</p>
<p>Die Sehnsucht nach Spiritualität und Mystik hat in unserer Zeit neue Formen angenommen. Es gibt inzwischen eine Art von Demokratisierung der spirituellen Wege. In aller Welt stehen vor allem Menschen mit Zugang zu Bildung das Wissen und die Weisheit der verschiedensten Religionen und spirituellen Schulen zur Verfügung. Viele fühlen sich nicht mehr in den traditionellen Formen ihrer Kultur zu Hause, suchen aber dennoch nach Werten und spiritueller Weiterentwicklung, oft ausgerechnet in Traditionen, die den eigenen fremd sind. Die riesigen Herausforderungen und Konflikte, mit denen sich die Menschheit derzeit auseinandersetzen muss, verlangen nach Toleranz und Zusammenarbeit. Wir erkennen, dass die Probleme in der Welt ein solches Ausmaß angenommen haben, dass wir ein weltzentriertes Bewusstsein ausbilden müssen, das über egozentriertes und nationen-zentriertes Verhalten hinausgeht. Und immer mehr Menschen sind auch tatsächlich imstande, lokal zu handeln und global zu denken.</p>
<h4>»Dual Citizenship«: Tradition und Weltspiritualität</h4>
<p>Konsequenterweise taucht in den letzten Jahren immer häufiger der Begriff „globale Spiritualität“ oder Weltspiritualität auf. Auf der Website www.global-spirituality.info heißt es dazu: „Globale Spiritualität ist keine neue Religion. Sie verlangt weder Mitgliedschaft noch Gefolgschaft. Sie ist eine sich im menschlichen Bewusstsein entfaltende evolutionäre Dynamik; eine integrative Macht, die die Menschheit als eine globale Familie zu vereinigen vermag.“</p>
<p>Rabbi Marc Gafni ist einer von vielen, der diesen Entwicklungen und Fragen eine Stimme verleiht und hob vor Kurzem zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern aus anderen Traditionen das <em>Center for World Spirituality</em> aus der Taufe. Interessanterweise brachte er in diesem Zusammenhang den Begriff „dual citizenship“ ins Spiel, wörtlich übersetzt „doppelte Staatsbürgerschaft“. In diesem Fall geht es aber nicht um die Zugehörigkeit zu einem Staat, sondern zu einer Religion, während man sich zugleich dem Ansatz einer Weltspiritualität verbunden fühlt. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass die Rituale und die Weisheit einer Tradition einem zwar voll zugute kommen können, man sich aber nicht soweit damit identifiziert, dass man sich als getrennt von allen anderen Wegen sieht und erlebt und vor allem keinen Absolutheitsanspruch des eigenen Ansatzes erhebt.</p>
<p>„Für einige Menschen haben die klassischen Religionen ihre Kraft verloren. Sie suchen eine Praxis und ein Engagement, das die Traditionen übersteigt“, meinen die Initiatoren des Centers for World Spirituality dazu. „Andere haben das intuitive Bedürfnis, die Traditionen sowohl zu transzendieren wie auch mit einzuschließen.“</p>
<h4>Universalität im Sufismus</h4>
<p>In allen mystischen Traditionen haben Menschen aus ihren inneren Erfahrungen heraus Formulierungen gefunden, die für alle Menschen zugänglich sind. Der Dalai Lama zum Beispiel gilt vielen als ein integerer Sprecher für die Interessen der Menschheit.</p>
<p>Am stärksten ausgeprägt ist dieser universelle Ansatz jedoch seit Langem im Sufismus, wo es immer wieder Menschen gab, die das Universelle im spirituellen Erleben in allgemein verständlichen Bildern und Worten versprachlichen konnten. So wird nachvollziehbar, warum Rumi (1207–1273) zurzeit einer der populärsten Dichter der Welt ist. Obwohl seine Weisheit im Islam und im Koran wurzelt, fühlen Menschen aus allen Religionen sich von ihm inspiriert. Zu einer Zeit, in der dies noch völlig ungewöhnlich war, formulierte er schon Sätze wie: „Feuerdiener und Brahman‹, Christ und Muselman bin ich, / Du bist meine Zuversicht, sei nicht fern, oh sei nicht fern! / In Pagoden, in Moscheen, und in Kirchen, mein Altar / Ist allein dein Angesicht.“ (in einer Übersetzung von Friedrich Rückert) oder „Da das Objekt jeder Lobpreisung eins ist, gibt es von der Perspektive aus gesehen nur eine Religion.“ (Mathnawi III, 2124)</p>
<p>Auch im 20. Jahrhundert flossen Impulse für eine universelle Spiritualität aus den Sufilinien in die westlichen Gesellschaften. Der älteste bekannte Vertreter dieses Ansatzes ist sicher Hazrat Inayat Khan (1882–1927). In der Tradition des indischen, gemäßigt islamisch-orthodoxen Chishtiyya-Ordens stehend, kam er in den Westen und war sich klar darüber, dass er seine Arbeit in der spirituellen Begleitung eigener Schüler nur machen konnte, wenn er die universellen Prinzipien und nicht so sehr die religiösen Aspekte seiner Tradition betonen würde. 1917 formte er einen Ritus, den er den Universellen Gottesdienst nannte. Im Verlauf dieser Feier, die von späteren Generationen noch immer zelebriert wird, werden Texte aus den Heiligen Schriften der großen Weltreligionen gelesen. Obwohl es nach seinem Tod zu einem Schisma kam, wird die Kraft dieser spirituellen Tradition und seines Ansatzes in der weitläufigen Ausbreitung des Internationalen Sufi-Ordens wie auch der Internationalen Sufi-Bewegung sichtbar. Pir Vilayat Khan (1916–2004), der schon im Alter von zehn Jahren als Nachfolger benannt wurde, erhielt seine Schulung nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen spirituellen Traditionen. Von 1956 an lehrte er den Sufismus in Europa, Amerika und Japan. In seiner Arbeit betonte er immer die Einheit aller Religionen.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel für Ansätze einer globalen Spiritualität findet sich in der Sufilinie von Irina Tweedie. Weil der Lehrer von Irina Tweedie als indischer Hindu zu einem muslimischen Lehrer kam, führte dies zu einer Fokussierung auf grundlegende spirituelle Aspekte statt auf religiöse Formen. Die Weitergabe der Lehrbefugnis an eine Frau aus dem Westen, die theosophisch geschult war, machte sichtbar, wie weit und verwandlungsfähig diese Tradition ist. Konsequenterweise erklingt heute der Ruf nach einer globalen Spiritualität auch bei ihren Nachfolgern Annette Kaiser und Llewellyn Vaughan-Lee und spricht viele Menschen an.</p>
<h4>Die Pavillons der Nationen in Auroville</h4>
<p>Ein weiteres Beispiel aus dem 20. Jahrhundert findet man ebenfalls in Indien, wo Sri Aurobindo (1872 –1950) den „integralen Yoga“ entwickelte. Sein explizites Anliegen war es, die Welt zu verwandeln, nicht ihr zu entfliehen. Das Bewusstsein, das dem Ursprung der Schöpfung entspricht, nannte er den „Supermind“ oder das „Supermental“. Da er Vertreter einer evolutionären Spiritualität war, betrachtete er dieses Überbewusstsein als entscheidend für die Weiterentwicklung und Verwandlung der Welt bis hinunter zur physischen Ebene. Dieses Bewusstsein wird durch ein globales Empfinden der Einheit von allem, auch der Religionen, gekennzeichnet. Um sich dieser Ebene zu öffnen und von ihr transformiert zu werden, braucht es eine stringente spirituelle Praxis.</p>
<p>Mira Alfassa (1878–1973), auf die oft als „die Mutter“ verwiesen wird, war die spirituelle Partnerin von Sri Aurobindo. Nachdem er sich im Jahr 1920 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, übernahm sie die Organisation seines Ashrams. Als Beitrag zur Würdigung der Einzigartigkeit der einzelnen Religionen, Nationen und Traditionen wurde zwanzig Kilometer nördlich vom Ashram der Ort Auroville errichtet: eine Modellstadt, in der die Besonderheiten der einzelnen Gruppen und Individuen ihren Platz bekommen sollen und dennoch die Ausrichtung auf ein gemeinsames Höheres im Blick behalten wird. Bei der Gründungsfeier hatte Mira Alfassa die Gelegenheit, im indischen Rundfunk die vier Punkte der Gründungsurkunde zu verlesen. Im ersten Punkt heißt es: „Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.“</p>
<p>Zentral steht das <em>Matrimandir</em>, der Tempel der Mutter. Spiralförmig um dieses Zentralgebäude herum befinden sich verschiedene Bereiche. In einem der vier Bereiche dieser Stadt in Entstehung gibt es eine sogenannte „internationale Zone“. Dort entstehen Pavillons der einzelnen Nationen, die den jeweils besonderen Geist dieses Landes zum Ausdruck bringen. „Jede Nation oder Kultur hat wie ein Individuum einen eigenen Körper, ein lebendiges Wesen, ein spezifisches moralisches und ästhetisches Empfinden, ein sich entwickelndes Bewusstsein – und hinter all diesen Erscheinungsformen eine Seele, die den eigentlichen Grund für deren Existenz darstellt“, heißt es bei Aurobindo in seinem Werk <em>Zyklus der menschlichen Entwicklung</em> (im Abschnitt über „Die Entdeckung der Volksseele“). Durch das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen aller Nationen soll hier ein Modell für gelebte Einheit und Toleranz geschaffen werden. Auch wenn dies in der konkreten Umsetzung oft noch als mangelhaft erlebt wird, scheint es dennoch eine Bedeutung für die Welt zu haben, dass ein solcher Ort, dem solche Gedanken zugrunde liegen, überhaupt existiert.</p>
<h4>Integrale Bewegung und Anthroposophie</h4>
<p>Ende des 20. Jahrhundert wurde Ken Wilber (*1949) zum bedeutenden Vertreter und Fürsprecher einer „perennial philosophy“, der immerwährenden Philosophie. Wilber betont die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen und spirituellen Traditionen. Alle Religionen lehren, dass der Geist, das Göttliche, existiert und der Mensch danach suchen soll. Für die meisten ist das Göttliche jedoch keine direkte Erfahrung aufgrund des Lebens in Trennung oder Illusionen. Es gibt aber Wege der Befreiung aus dieser Dualität. Wer sie bis zum Ende geht, gelangt zur Erlösung oder Erleuchtung, zu einer direkten Erfahrung des Geistigen. In diesem Moment gibt es ein Ende des Leidens und dies macht Platz für ein Leben in Liebe und Mitgefühl.</p>
<p>Im gewissen Sinne ist die Anthroposophie Rudolf Steiners ebenfalls so angelegt, dass sie dem Bedürfnis nach einer Weltspiritualität Folge leisten will. „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte“, heißt es im ersten der Leitsätze Steiners. „Sie tritt im Menschen als Herzens– und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muss ihre Rechtfertigung dadurch finden, dass sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann.“ Jeder Mensch kann Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft werden, ausdrücklich unabhängig von seiner Weltanschauung, seiner nationalen oder kulturellen Herkunft oder Religion. Das Goetheanum ist im gewissen Sinne ebenso wie das Matrimandir in Auroville ein Fokuspunkt für die ganze Menschheit, ein Ort, an dem sichtbar werden kann, wie Einheit und Vielfalt zusammenfinden.</p>
<p>In seinem Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“, den Rudolf Steiner am 9. Oktober 1918 in Zürich hielt, rückt er dieses Thema in größte Entwicklungszusammenhänge. So spricht er davon, dass die „Engel“ einen gewissen Impuls in den Astralleib der Menschen hineinlegen und zwar mit dem „Ziel, dass in der Zukunft jeder Mensch in jedem Menschen ein verborgenes Göttliches sehen soll“. Ähnlich wie Sri Aurobindo und die Mutter betont er dabei die manifeste Seite: „In jedem Menschen erscheint etwas, was aus den göttlichen Weltengründen heraus sich offenbart, durch Fleisch und Blut sich offenbart.“ Wenn dieses Empfinden zunehmend in den Menschen lebt, wird das Folgen auch für die Religion haben: „Alle freie Religiosität, die sich in der Zukunft innerhalb der Menschheit entwickeln wird, wird darauf beruhen, dass in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde. Dann wird es keinen Religionszwang geben können, dann wird es keinen Religionszwang brauchen, denn dann wird die Begegnung jedes Menschen mit jedem Menschen von vornherein eine religiöse Handlung, ein Sakrament sein, und niemand wird durch eine besondere Kirche, die äußere Einrichtungen auf dem physischen Plan hat, nötig haben, das religiöse Leben aufrecht zu halten.“ Steiner sieht also für die Zukunft die vollständige Freiheit und Individualisierung des religiösen Lebens.</p>
<p>Interessanterweise betont Steiner dennoch in vielen Zusammenhängen, dass es keine Vermischung der Religionen geben soll, weil ihre Differenzierung und Vielfalt eine Berechtigung haben, die gewürdigt werden wollen. Er ist der Ansicht, dass die Sakramente und Rituale noch lange weiter bestehen werden und notwendig sind. Auch Ken Wilber spricht in seinem Buch <em>Integrale Spiritualität</em>den bestehenden Religionen auch für die Zukunft noch eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Menschheit zu. Er nennt sie dort bildlich das „Förderband“, auf dem Menschen zu einem zunehmend höheren und erweiterten Bewusstsein finden.</p>
<p>Die Notwendigkeit religiöser Toleranz begründet Rudolf Steiner mit einem ungewöhnlichen esoterischen Ausblick in seinen Vortrags-Beschreibungen über die Erlebnisse der Geistseele zwischen Tod und neuer Geburt. Beim Durchgang durch die sogenannte „Venusregion“ sei es wichtig, so Steiner, ob ein Mensch während seines Lebens eine religiöse Stimmung in sich aufleben lassen konnte. In der sogenannten „Sonnenregion“, die anschließend durchwandert wird, sei es dann wichtig, dass man dazu fähig ist, alle Religionen anzuerkennen. Diese Haltung, die Berechtigung aller Religionen anzuerkennen, findet ihre Entsprechung heute in den Formulierungen bezüglich einer globalen Spiritualität. Laut Steiner verfällt die Seele in eine geistige Beschränktheit und wird in dem Nachtodlichen zum einsamen „Einsiedler“, wenn diese Haltung nicht ausgebildet wurde. Man kann sich fragen, ob dies vielleicht auch zunehmend bereits diesseits der Todesschwelle zutrifft.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/juli/spirituelles-weltbuergertum/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe Juli 2011</a></em></p>
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		<title>Das Licht des Geistes und die Wärme des Herzens</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Sep 2011 11:45:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>

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		<description><![CDATA[Kriterien für einen anthroposophischen Schulungsweg Zu einem von der Integralen Akademie initiierten Dialog über Kriterien zeitgemäßer spiritueller Lehrerschaft wurde auch Info3 eingeladen. Aus anthroposophischer Sicht legte Sebastian Gronbach ein Positionspapier für die „Schule integraler evolutionärer Spiritualität“ vor. Dabei geht es für eine spirituelle Lehrerin oder einen spirituellen Lehrer vor allem um eines: um die Würde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kriterien für einen anthroposophischen Schulungsweg</h3>
<div id="attachment_3046" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/ap4b85002a755eb_s.jpg" rel="lightbox[3042]"><img class="size-medium wp-image-3046  " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/ap4b85002a755eb_s-300x201.jpg" alt="" width="200" height="134" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Licht © Daniel Werner</p></div>
<p><em>Zu einem von der Integralen Akademie initiierten Dialog über Kriterien zeitgemäßer spiritueller Lehrerschaft wurde auch Info3 eingeladen. Aus anthroposophischer Sicht legte Sebastian Gronbach ein Positionspapier für die „Schule integraler evolutionärer Spiritualität“ vor. Dabei geht es für eine spirituelle Lehrerin oder einen spirituellen Lehrer vor allem um eines: um die Würde des Menschen.</em></p>
<p>Reden wir also über ein Geheimnis. Reden wir darüber, was es bedeutet, eine spirituelle Lehrerin oder ein spiritueller Lehrer zu sein. Und – das ist Inhalt dieses Textes – reden wir darüber, was die Besonderheiten der spirituellen Lehrerschaft im Kontext der Anthroposophie sind.</p>
<p>Wer heute ernsthaft in der Tradition Rudolf Steiner als spirituelle Lehrerin und Lehrer arbeitet (unabhängig davon ob er als Coach in Firmen oder Teams, als Biographieberater, Seminarleiter, Vortragsredner oder Buchautor arbeitet), ist sich immer bewusst, dass er Teil eines Geheimnisses ist. Und dieses Geheimnis hat vier Seiten.</p>
<h4>DAS GEHEIMNIS DER TRANSFORMATION</h4>
<p>Auf die erste Seite macht uns Ken Wilber aufmerksam: Gefragt, wie sich spirituelle Entwicklung, geistig-seelische Transformation und letztlich das Erwachen im Menschen vollziehe, antwortet der geistige Gigant, der sonst zu allem eine umfassende Antwort hat, dieses: „Wie und warum Individuen wachsen, sich entwickeln und sich wandeln, ist eines der großen Mysterien der menschlichen Psychologie. Die Wahrheit ist, niemand weiß es.“</p>
<p>Das Wort „Geheimnis“ scheint hier also angemessen.</p>
<p>Es geht nicht um Geheimniskrämerei – lasst uns über Methoden sprechen, über Techniken und über Erfolge und Misserfolge. Lasst uns offen danach fragen, was unsere guten Erfahrungen sind und wo wir immer wieder an Grenzen stoßen. Lasst uns die Idee einer spirituellen Akademie verwirklichen und das Feld der inneren Entwicklung aus den Hinterhöfen der Schmuddelesoterik herausholen. Und entzaubern wir die magisch-mythischen Rituale als das, was sie sind: Die Verwechslung von Transrational und Prärational. Lasst uns hier ernst machen mit dem zweiten Wort in der Bezeichnung, die Rudolf Steiner seiner Anthroposophie gab: Geistes-Wissenschaft.</p>
<p>Lasst uns also diese spirituelle Geheimniskrämerei beenden. Machen wir weiter, was wir jetzt tun: Erzählen wir uns aus den alten und neuen spirituellen Bewegungen, wie wir unsere Arbeit machen. Aber bitte: Tun wir bei aller notwendigen aufklärerischen Haltung nicht so, als würde dadurch das Geheimnis der Transformation und Entwicklung gelüftet. Als hätten wir eine sichere, allgemeingültige Methode gefunden, um Menschen von einer Entwicklungsstufe zur nächsten Entwicklungsstufe zu führen. Ja, wir kennen die Stufen. Wir können immer besser beschreiben, wie diese Stufen aussehen. Gute spirituelle Lehrerinnen und Lehrer haben sogar sichere Kriterien um zu überprüfen, ob jemand eine bestimmte Stufe erreicht hat. Vielleicht lässt sich der Weg sogar sehr genau nachzeichnen – aber eben nicht vorzeichnen. Auch wenn wir es uns für die Geistesschüler mit brennendem Herzen wünschen: Wir können nicht die Schablone des einen erfolgreichen Weges auf einen anderen Lebensweg legen. Und was für die Schritte auf den Entwicklungsstufen gilt, das gilt umso mehr für den Schritt ins Nichts: „Erleuchtung ist ein Geheimnis“, sagt Andrew Cohen dazu.</p>
<p>Noch einmal: Ich weiß, dass heutige spirituelle Lehrerinnen und Lehrer auf einen vorher nie dagewesenen Schatz von Weisheiten blicken können, aber für eine ernsthafte und integre Lehrerschaft ist es unabdingbar, demütig auf das Geheimnis der Entwicklung zu schauen. Wir verfügen über so viel Wissen wie nie zuvor und dennoch ist da diese schweigende Mehrheit des Nicht-Wissens. Wir sind Experten und es ist ein Geheimnis – beides ist wahr. Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die <em>erste Maxime</em>: „Das unermessliche Vertrauen, welches mir meine Schülerinnen und Schüler entgegenbringen, ruht auch auf meiner eigenen Demut diesem Geheimnis der Transformation gegenüber. Was auch immer an kompetenten Wegen ich meinen Schülerinnen und Schülern zeige, ich bin mir jederzeit bewusst, dass sie durch dieses Geheimnis der Transformation führen, das ich nicht kenne. Aus dieser Haltung heraus begegne ich meinen Schülerinnen und Schülern. Das ist mehr als Respekt für Menschen. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“</p>
<h4>DAS GEHEIMNIS DES HÖCHSTEN</h4>
<p>Spirituelle Lehrerinnen und Lehrer haben es mit der böswilligsten und gleichzeitig auch mit der banalsten Spezies auf dieser Erde zu tun. Mit nichts Geringerem als dem, was man in alten Worten den „Teufel“ genannt hat: mit dem Ego. Unerbittlich ist bereits das Ringen mit dem eigenen Ego. Wer sich als spirituelle Lehrerin oder Lehrer auf den Kampf mit „fremden Teufeln“ einlässt, muss nicht nur listig, geduldig, stark, ehrenhaft, sogar vielleicht ein „harter Hund“, sondern vor allem eines sein: eine reine und unbestechliche Seele. In jedem Augenblick. Ist er es nicht, dann verkauft er am Ende nicht nur seine eigene, sondern auch die Seele derer, die ihm vertrauen.</p>
<p>Manche spirituellen Lehrer mögen genau dazu berufen sein – wir ehren und respektieren sie. In Respekt und Anerkennung dieser Lehrer gehen Anthroposophen einen anderen Weg. Rudolf Steiner entwickelte den anthroposophischen Schulungsweg. Im Bezug auf das Ego fand er einen modernen Ansatz, dessen Grundidee wir heute ganz ähnlich, aber aus anderen Quellen entwickelt, u.a. auch in der Praxis des „Voice Dialogue“ wiederfinden.</p>
<p>Steiner nahm sich den dicken Brocken des Egos vor und teilte ihn in zwei Grundtypen auf. Er nannte alle absolutistischen Aufsteiger-Typen „luziferisch“ und alle absolutistischen Absteiger-Typen nannte er „ahrimanisch“. Ahrimanisch gefärbt ist alles überbetont intellektualistische Rationale. Jede übertriebene innere Haltung der Verkrampfung, Überformung, Verhärtung und geistig-seelischen Unterkühlung.</p>
<p>Luziferisch ist alles überbetont emotional-magisch-mythische Prärationale. Jede übertriebene innere Haltung der Haltlosigkeit, Formlosigkeit, Auflösung und geistig-seelischen Überhitzung.</p>
<p>Mit dieser Aufteilung des Egos in zwei Untersuchungseinheiten – die er ausführlich und in zahlreichen Vorträgen und Büchern erläuterte – nahm er den Menschen die Angst vor dem großen Unbekannten und ermöglichte ihnen, genau und gewissermaßen „wissenschaftlich“ auf die Vorgänge im eigenen Innenraum zu schauen.</p>
<p>Aber Rudolf Steiner ging noch weiter und legte damit den Maßstab für die anthroposophische Lehrerschaft: So schrieb er sogenannte <em>Mysteriendramen</em>, in denen er (ähnlich dem Voice Dialogue) die verschiedenen Stimmen und Anteile des Egos sprechen ließ. Das Besondere daran: Inhalt dieser Mysteriendramen ist nichts anderes als der Mensch auf dem inneren Schulungsweg. Der Mensch auf dem Weg zum geistigen Erwachen, der Mensch und seine Höherentwicklung. Auf diesem Weg begegnen ihm die verschiedensten Stimmen des Egos: Der Zweifel, der ewige Schüler, der Wächter der Schwelle, der Besserwisser, der Streber und zahlreiche andere Persönlichkeitsanteile.</p>
<p>Ohne auf weitere zahlreiche Beispiele aus dem Zusammenhang der Anthroposophie einzugehen, können wir zusammenfassend festhalten: Anthroposophen nehmen das Ego auseinander: Künstlerisch, wissenschaftlich, kreativ und mit der Präzision eines Profilers. Der schier unüberwindbare dicke Brocken Ego wird in der Anthroposophie nicht mit dem Bulldozer vom Weg geräumt, sondern er wird (in seinen Einzelteilen) wie Kieselsteine auf dem Weg verteilt. Dazu ist es nötig, dass der Einweihungsweg des Geistesschülers künstlich und künstlerisch in die Länge gezogen wird – sonst würde man in den Ego-Kieseln stecken bleiben.</p>
<p>Als Folge erscheint der anthroposophische Weg des Erwachens ewig lang. Ja: Er ist lang, aber – so unsere Annahme – kann am Ende nicht nur eine Elite, sondern viele, viele Menschen zum Licht des Erwachens führen. In diesem Sinne gilt für die anthroposophischen Lehrerinnen und Lehrer: Wir beschäftigen uns nicht mit „dem“ Ego. Im wahrsten Sinne des Wortes gehen wir über das Ego hinweg. Wir blicken dem Drachen gerade <em>nicht</em> in die Augen, sondern halten ihn (zerkleinert) unter unseren Füßen und blicken immer und geradewegs ins Licht. (Was im Übrigen der eigentliche Grund dafür ist, dass Anthroposophie als „heile Welt“ erscheint. Es ist einfach das heilige Licht, zu dem wir uns in jedem Moment hin ausrichten und welches durch alles scheint.)</p>
<p>Anthroposophie ist also kein Exorzismus. Anthroposophie „ist in ihrer Ganzheit mit allen ihren Einzelheiten ein Götter– und ein Gottesdienst“. (Rudolf Steiner). Anthroposophie richtet sich innerhalb einer Entwicklungshierarchie immer am Höchsten aus, dieses Höchste jedoch ist ein objektloses Mysterium jenseits aller Perspektiven – oder mit anderen Worten: ein Geheimnis. Es ist nicht einmal „das Höchste“. Es entzieht sich allen Vorstellungen von Hierarchien. Und wenn Anthroposophen für viele Menschen leicht zu religiös erscheinen, zu andächtig, zu heilig, dann hat dies sicherlich auch seine Schatten-Gründe. Aber es ist letztlich auch eine menschliche Hilflosigkeit im Angesicht dieses Geheimnisses. Dieses ehrfürchtige Stehen vor dem erhabenen Geheimnis des Höchsten gehört zur Seelenstimmung der anthroposophischen Lehrerinnen und Lehrer.</p>
<p>Rudolf Steiner richtete alle Mantren, alle esoterischen Anweisungen und Hinweise für den inneren Schulungsweg so ein, dass die menschliche Seele immer und andauernd eine Verbindung mit dem Geheimnis des Höchsten hat. Er ging davon aus, dass unsere Seele durch diesen unterbrochenen göttlich-geistigen Impuls gestärkt würde.</p>
<p>Anthroposophie ist darum nur an wenigen Stellen ein Impuls, der zu einer vollständigen Erleuchtung führen soll. Vielmehr ist es Aufgabe des anthroposophischen Lehrers, bei jeder Schülerin und jedem Schüler eine Beziehung zu diesem Höchsten zu ermöglichen – im Vertrauen darauf, dass dies die Seelen der Schülerinnen und Schüler stärkt.</p>
<p>Denn Rudolf Steiner wollte vor allem eines: starke Seelen! Die Kraft der Seele war seine Mission. Menschen mit Seelenstärke, die aus der Liebe zum Handeln Verantwortung für den „Weltenfortgang“ übernehmen. Manchmal war es sogar so, dass er bewusst Erwachen bzw. Erleuchtung verhinderte. Warum? Weil ihm überaus wichtig war, dass man auf einer hohen Entwicklungs-Stufe oder –Ebene erwacht. Steiner beschrieb intensiv das menschliche und evolutionäre Drama, wenn jemand auf einer niedrigen Stufe oder Ebene erwacht und somit für die Evolution verloren war – oder sogar anti-evolutionär wurde. Schlussendlich war Steiner davon überzeugt, dass der Entwicklungsgrad der Seele, welche die spirituelle Erfahrung des Erwachens durchmacht, wichtiger ist als die Erfahrung selbst. Eine starke, hohe und kompetente Seele würde im Erwachen sofort Verantwortung und Führungskraft übernehmen können – aus Liebe zur Evolution. Oder in Steiners Worten: „Aus Liebe zur Tat.“</p>
<p>Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die <em>zweite Maxime</em>: „Ich richte mich und meine Schülerinnen und Schüler immer auf den höchsten Impuls aus. Diesen Impuls kann ich zwar als mein wahres Ich erkennen, ich sehe dieses Höchste auch als lebendiges Gewebe in aller Schöpfung, aber immer auch beuge ich mich ehrfürchtig diesem Höchsten. Was auch immer ich als Lehrerin und Lehrer weiß, im Angesicht dieses Geheimnisses ist mein Wissen bestenfalls der Boden, auf dem ich demütig knie. Und dieses Höchste wohnt eben auch in jeder Zelle meiner Schülerinnen und Schülern. Mein Gegenüber ist in seiner ganzen Gestalt aus diesem Höchsten gemacht. Aus dieser Haltung heraus begegne ich ihnen. Das ist mehr als Respekt für Menschen. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“</p>
<h4>DAS GEHEIMNIS DER BEZIEHUNG</h4>
<p>Die Beziehung zwischen spirituellen LehrerInnen und SchülerInnen ist ein Geheimnis. Das bedeutet nicht, dass in dieser Beziehung unehrliche und geheimnisvolle Dinge gemacht würden. Es bedeutet nicht, dass in dieser Beziehung andere ethische Regeln gelten als in anderen Beziehungen und dass niemand etwas aus dieser Beziehung erfahren dürfte.</p>
<p>Es geht nicht um Geheimniskrämerei, es geht um ein Geheimnis. Es geht auch nicht darum, dass es etwas besonders Esoterisches ausplappern könnte – es geht darum, dass das Wesentliche dieser SchülerInnen-LehrerInnen-Beziehung ein Geheimnis ist. Nicht weil es etwas zu verraten gäbe, sondern weil es etwas gibt, was niemand der Beteiligten kennt.</p>
<p>Wer lange genug als spiritueller Lehrer oder Lehrerin arbeitet, wird wissen, dass mancher Fortschritt nur durch diese spezielle Beziehung möglich war. Und er wird wissen, dass er Schülerinnen und Schüler manchmal auch ablehnen muss. Denn Teil dieses Geheimnisses ist es auch, dass nicht jede Konstellation für ein Geheimnis geeignet ist.</p>
<p>Anthroposophische Lehrerinnen und Lehrer üben gegenüber diesem Geheimnis eine umfassende Diskretion aus. Sie spannen bewusst eine Art geistige Eierschale um die Beziehung zwischen sich und ihre Schülerinnen und Schülern.</p>
<p>Sie vertrauen darauf, dass das allgemeine Leben in diesem Geheimnis konkret lebensfähig wird. Wir glauben an den Samen. Wir hegen und pflegen ihn. Aber wir schneiden ihn weder auf, um zwischendurch den Fortschritt zu überprüfen, noch ziehen wir an den grünen Hälmchen, um das Wachstum zu fördern. Erst recht nicht üben wir irgendeine Form von Druck aus, um das Wachstum zu fordern. „<em>Richte jede deiner</em><strong> </strong>Taten<strong>, </strong><em>jedes deiner Worte</em> so ein, dass durch dich in keines Menschen freien Willensentschluss eingegriffen wird“, formuliert Steiner. Wir respektieren, dass wir Teil eines Wunders sind. Rudolf Steiner sagt: „Jede sittliche Tat muss ein Wunder sein; sie darf nicht bloß eine Naturtatsache sein, sie muss ein Wunder sein. Der Mensch muss des Wunders fähig sein.“</p>
<p>Dieses Wunder benötigt unsere Diskretion. Diskretion kommt im Wortsinn von „discernere“ und bedeutet „unterscheiden“. Das Sortieren von Wichtigem und Unwichtigen. Mit dem Denken lässt sich manchmal schwer das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden – denn das Unwichtige macht sich gerne wichtig. Nur einem hält das Unwichtige nicht stand: der Stille.</p>
<p>Darum kann über das Wesentliche einer SchülerInnen-LehrerInnen-Beziehung nicht gesprochen werden – versuchte man es doch, käme bestenfalls nur Gestammel hervor. Schlimmstenfalls eine spirituelle Totgeburt.</p>
<p>Für die Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners hat dieses Geheimnis auch etwas mit der Vorstellung von Reinkarnation und Karma zu tun. Dabei geht es nicht um einen allzu kindlichen Glauben an „Seelenwanderung“. Es geht nicht darum, dass man herumphantasieren soll, ob mein Schüler im letzten Leben vielleicht mal mein eigener Lehrer war – oder andersherum. Es geht bei diesem karmischen Aspekt schlicht darum, dass unser Wissen über dieses Thema nicht erforscht genug ist. Das könnte bedeuten, dass man es einfach ausschließt – aber wir haben zu viele Berichte zu diesem Thema, als das wir sagen könnten, dass wir es hier mit einem kollektiven und kulturübergreifenden Irrtum zu tun hätten. Das Thema Reinkarnation und Karma ist somit Teil dieses Geheimnisses.</p>
<p>Durch das Bild mit dem Ei oder dem Samen kann deutlich werden, dass die Beziehung ein Schutzraum ist. Ein Schutzraum, in dem sich das Geheimnis des höheren Lebens entfalten kann. Auch hier gilt: Ja, wir wissen viel über die Entstehung des Lebens, aber wenn wir den Samen oder das Ei aufschneiden um das Geheimnis anzufassen, dann stirbt nicht nur das Geheimnis, sondern auch das neue Leben.</p>
<p>Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die <em>dritte Maxime</em>: „Ich ehre das Geheimnis unserer Beziehung. Nicht weil ich nicht jeden Gedanken, jedes Wort und jede Tat öffentlich vertreten könnte, sondern weil das höhere Leben, zu dem meine Schülerinnen und Schüler streben, diesen Schutzraum braucht, um ein lebensfähiges höheres Leben zu werden. Aus dieser Haltung heraus gestalte ich die Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern. Sie sind – wie ich – Teil von einem Geheimnis, welches sich unserem forschenden Blick entziehen darf. Das ist mehr als Respekt für die Menschen in dieser Beziehung. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“</p>
<h4>DAS GEHEIMNIS DES SCHICKSALS</h4>
<p>Es ist nicht wichtig, was genau wir unter dem Begriff des Schicksals jeweils verstehen. Ob es eine höhere Macht, Ordnung und Richtung gibt, oder nur kosmische Anarchie, Chaos und zufällige Mutationen: Uns allen ist unmittelbar einsehbar, dass wir Menschen die Biographie nicht vorhersehen können. Jedem Lebenslauf wohnt ein Geheimnis inne und wir müssen immer und überall mit dem Unberechenbaren rechnen. In allen Lebensbereichen ereignen sich völlig unvorhersehbare Sprünge, Abstürze, Begegnungen, Verluste, Gewinne, Erkenntnisse, Entdeckungen und Revolutionen, die den menschlichen Lebenslauf nicht nur marginal beeinflussen, sondern radikal ändern. Im Nachhinein mag manches als eine heilige Ordnung erscheinen – in der Voraussicht ist diese nicht erkennbar. Schon gar nicht in einem individuellen Lebenslauf.</p>
<p>Als spirituelle Lehrerinnen und Lehrer kennen wir solche schicksalhaften Ereignisse. Wir halten vielleicht einen Vortrag oder schreiben einen Artikel über ein uns wichtiges Thema. Wir richten unsere ganze Aufmerksamkeit auf dieses Thema und konzentrieren uns auf die wichtigsten Botschaften. Und was passiert? In einem ungeplanten Nebensatz, der uns selbst als belanglos erscheint, vielleicht sogar aus Unkonzentriertheit entstand, öffnet sich für einen Zuhörer ein Kosmos. Sein Leben ändert sich, weil wir nicht ganz bei der Sache waren.</p>
<p>Besonders wunderlich ist es, wenn wir missverstanden werden und daraus die konstruktivsten Dinge passieren. Ich verdanke einem Druckfehler in meinem ersten Buch eine eigene Vortragsreihe. In dem Text meines ersten Buches steht der Satz: „No faith.“ (Kein Glaube) . Doch eigentlich sollte dort stehen „No fate“ (Kein Schicksal). Ich habe noch nie über diesen, im doppelten Sinne, schicksalhaften Druckfehler gesprochen, aber er führte zu fruchtbaren Dialogen und einer Vortragsreihe.</p>
<p>Das vielleicht wichtigste Lehrmodell Rudolf Steiners ist die Holzplastik-Figur des Menschheitsrepräsentanten. Der Blick der Betrachtenden konzentriert sich auf die mittlere Menschenfigur, die nach rechts und links die beiden großen Ego-Anteile im Blick hat.</p>
<p>Ohne die kleine, unscheinbare und leicht lächerliche Figur am Rande aber stünde die ganze Figurenkonstellation in einer Asymmetrie. Diese kleine Figur nannte Rudolf Steiner den „Weltenhumor“. Ich erwähne das um zu sagen, dass das Geheimnis des Schicksals kein sentimentales Geheimnis ist. Im Gegenteil: Es ist ein Schutz vor spiritueller Sentimentalität. Schicksal ist – wie in meinem Buchbeispiel – oftmals ein humorvolles Element. „Das gibt’s doch gar nicht – das glaub ich jetzt nicht“, ist unsere erste Reaktion, wenn wir von solchen schicksalhaften Ereignissen hören – und wir sagen es mit einem fassungslosen Lächeln.</p>
<p>In diesem Sinne spielte der Weltenhumor im Schicksal des Menschen für Steiner immer eine bedeutsame Rolle: „Dieses Hinunterschauen mit Humor über den Felsen hat seinen guten Grund. Es ist durchaus nicht richtig, sich in die höheren Welten nur mit einer bloßen Sentimentalität erheben zu wollen. Will man sich richtig in die höheren Welten hinaufarbeiten, so muss man es nicht bloß mit Sentimentalität tun. Diese Sentimentalität hat immer einen Beigeschmack von Egoismus. Sie werden sehen, dass ich oftmals, wenn die höchsten geistigsten Zusammenhänge erörtert werden sollen, in die Betrachtung etwas hineinmische, was nicht herausbringen soll aus der Stimmung, sondern nur die egoistische Sentimentalität der Stimmung vertreiben soll. Erst dann werden sich die Menschen wahrhaftig zum Geistigen erheben, wenn sie es nicht erfassen wollen mit egoistischer Sentimentalität, sondern sich in Reinheit der Seele, die niemals ohne Humor sein kann, in dieses geistige Gebiet hineinbegeben können …“</p>
<p>Beim Schreiben dieser Zeilen erreicht mich – seit sehr langer Zeit einmal wieder – die Mail meines Freundes Jelle van der Meulen. Sie ist nicht an mich gerichtet. Ich erhalte sie als Kopie. Jelle van der Meulen schrieb das Nachwort für mein eben zitiertes erstes Buch. Jetzt, in diesem Moment, schreibt er: „Manchmal ist es schwierig zu sagen, auf welchem Weg man sich genau befindet. Wir sind unterwegs und bauen kleine Kapellen, größere Kirchen und vielleicht einmal auch eine Kathedrale. Und vielleicht liegt die Kraft der heutigen Zeit gerade darin, nicht das Bauen der Kapellen und Kirchen und Kathedralen als Ziel zu verstehen, sondern die Ereignisse und die menschlichen Verbindungen, die im und am Bauen entstehen.“</p>
<p>Wie auch immer wir diese E-Mail im Kontext des Themas „Schicksal“ jetzt interpretieren – niemand von uns konnte wissen, dass diese Mail jetzt mitten in diese Zeilen platzt. Und das, was diese E-Mail sagt, ist ziemlich exakt das, was für die anthroposophische Lehrerin und den anthroposophischen Lehrer von größter Bedeutung ist: Vielleicht geht es von Fall zu Fall gar nicht darum, dass meine Schülerin diese Lektion lernt und am Ende des Seminars erleben konnte, was es zum Beispiel bedeutet, in das Gesicht zu blicken, welches sie hatte bevor ihre Eltern geboren wurden. Vielleicht ist viel wichtiger, dass sie auf der Rückfahrt von diesem Seminar den Mann im Zug kennenlernte, mit dem sie ein Kind zeugt, welches das Energieproblem der Zukunft löst.</p>
<p>Vielleicht erscheint uns die Widerspenstigkeit eines Schülers als radikaler Rückfall in den geschlossenen Teufelskreis des Ego (und vermutlich ist es das sogar) und vielleicht verlässt er uns enttäuscht, vorwurfsvoll und knallt die Tür zu. Aber vielleicht wird er beim Verlassen des Hauses von einem Auto erfasst, welches ihm nicht nur ein gebrochenes Bein, sondern auch schlagartig und nachhaltig vor Augen führt, was er in meiner Umgebung sein Leben lang nie verstanden hätte. Das klingt ein bisschen lächerlich – aber genau so ist das Leben. Und wenn wir das Geheimnis des Schicksals wahren, bewahren wir auch die Reinheit unserer Seele – und die Reinheit der Seele lächelt.</p>
<p>Wir können immerzu vorbereitet sein – aber die Vorbereitung ist erst dann vollendet, wenn wir vollkommen vergessen haben, wer wir sind und was wir eigentlich erwarten.</p>
<p>„Höhe des Geistes kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird.“ Dieses Wort Rudolf Steiners ist auch ein Hinweis auf das Geheimnis des Schicksals. Diese Demut macht uns weit und offen. Für eine Intelligenz, die über uns hinausgeht. Alles Wissen stirbt – auch das Schulwissen der „Schule integraler evolutionärer Spiritualität“ – und erst so kann sich das ereignen, worauf wir vollkommen ausgerichtet sind: das Neue.</p>
<p>Für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners ergibt sich daraus die <em>vierte Maxime</em>: „Ich ehre das Geheimnis des Schicksals. Nicht in einer magisch-mythischen New Age-Gläubigkeit – sondern aus zahlreichen persönlichen Erfahrungen und dem Wissen um die kulturübergreifenden Überlieferungen aller Traditionen. Dieses Geheimnis führt mich nicht in eine fatalistische Haltung, sondern bringt mich zu meiner wirklichen Verantwortung meinen Schülerinnen und Schülern gegenüber: In jedem Moment nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln – und zu erkennen, dass mein Wissen auch das Wissen um mein Nicht-Wissen umfasst. Und mein Gewissen fordert mich auf, jede meiner Schülerinnen und Schüler so zu behandeln, dass das Geheimnis des Schicksals gewahrt wird. Das ist mehr als Respekt für die Menschen in dieser Beziehung. Es nähert sich der Würde des Menschen. Und die Würde des Menschen ist unantastbar.“</p>
<blockquote><p><em>Ergebenheits-Gebet</em></p>
<p><em>Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste Tag bringen mag: </em><em>Ich kann es zunächst, wenn es mir ganz unbekannt ist, durch keine Furcht ändern.</em> <em>Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe, mit vollkommener Meeresstille des Gemütes.</em> <em>Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt; wir weisen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was in unsere Seele aus der Zukunft herein will.</em><br />
<em>Die Hingabe an das, was man göttliche Weisheit in den Ereignissen nennt, die Gewissheit, dass das, was da kommen wird, sein muss, und dass es auch nach irgendeiner Richtung</em> <em>seine guten Wirkungen haben müsste, das Hervorrufen dieser Stimmung in Worten, in Empfindungen, in Ideen, das ist die Stimmung des Ergebenheitsgebetes.</em><br />
<em>Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen: Aus reinem Vertrauen zu leben, ohne Daseinssicherung, aus dem Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen Welt. Wahrhaftig anders geht es heute nicht, wenn der Mut nicht sinken soll.</em><br />
<em>Nehmen wir unseren Willen gehörig in Zucht und suchen wir die Erweckung von innen jeden Morgen und jeden Abend.</em></p>
<p><em>Rudolf Steiner</em></p></blockquote>
<h4>SCHLUSSWORT</h4>
<p>Während die Mission anderer spiritueller Lehrer und Meister das Erwachen des reinen Geistes über alles stellte, ging Rudolf Steiner immer mehr dazu über, sich dem Menschen als lebendigem Ausdruck dieses Geistes zuzuwenden. Er wollte einen Beitrag dazu leisten, dass das kosmische Bewusstsein sich als menschliches Selbstbewusstsein manifestieren kann. Wenn Rudolf Steiner postuliert, „frei ist der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist“, dann richtet er sein Engagement nicht nur darauf, dass der Mensch sich der kosmischen Freiheit bewusst wird, sondern auch darauf, diese auf der Erde lebendig werden zu lassen. Jedes spirituelle Streben wollte er in ein moralisches Wachstum zum Guten eingebettet wissen: „Die goldene Regel ist: Wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.“</p>
<p>Und dieses Gute war für ihn konkret: Kindern mit geistiger Behinderung gab er kleine Übungen mit großer Wirkung, für sozial benachteiligte Menschen entwickelte er eine praktische Pädagogik, Bauern lehrte er den Boden mit den Sternen in Beziehung zu bringen, ringenden Künstlern verhalf er durch Vorbild und Nachahmung zu mutiger Innovation, für Krebskranke hatte er neue Rezepte und auch wer an Durchfall oder Stottern litt, konnte darauf hoffen, einen hilfreichen Fingerzeig zu erhalten.</p>
<p>Steiners Mission hatte damit zu tun, dass er den Strom der kosmischen Liebe nicht nur in Erkenntniswahrheit, sondern zunehmend in Menschenleben strömen ließ. Anthroposophie ist ein Gottesdienst, aber wir feiern ihn auf und mit der Erde.</p>
<p>Für uns ist Weisheit und Barmherzigkeit untrennbar miteinander verbunden.</p>
<p>Wenn wir sagen: Im Zweifel für den Menschen – so wie er ist, dann ist das nicht resignativ gesagt: Wir sagen es im absoluten Vertrauen und in der totalen Hingabe zum Leben selbst – denn dieses Leben ist Gott. Und in dieser Haltung – mit all unserem immer besser werdenden Wissen, reichen wir Gott die Hand, um die Erde zu einem Stern zu machen. Um unser eigenes „Prinzip Hoffnung“ zu erfüllen. Die wirkliche Genesis kommt nicht am Anfang der Schöpfung, sondern an ihrem Ende, also JETZT.</p>
<p>Vor einhundertfünfzig Jahren wurde Rudolf Steiner geboren. Als Lehrerinnen und Lehrer in seiner Tradition begrüßen wir jede Schülerin und jeden Schüler, um in ihm die evolutionären Kräfte zu einer nie endenden Entwicklung zu wecken und zu stärken – und alles fängt immer wieder damit an, dass wir diese Menschen lieben.</p>
<p>Für uns gilt, was Steiner allen Waldorfpädagogen ins Stammbuch schrieb: „Es gibt nur drei wirksame Erziehungsmittel: Furcht, Ehrgeiz und Liebe. Wir verzichten auf die ersten beiden.“ Anthroposophische Lehrerinnen und Lehrer lieben den Menschen, so wie er werden könnte – aber eben auch so, wie er ist. Wir lieben ihn als vollkommenen Ausdruck eines Göttlichen, welches ungetrennt ist von uns selbst. Für Rudolf Steiner – und somit auch uns, seine Erben – ist das Licht des Geistes immer auch eine Wärme des Herzens.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/mai/das-licht-des-geistes-und-die-waerme-des-herzens/" target="_blank" rel="external nofollow">Aufgabe Mai 2011</a></em></p>
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		<item>
		<title>Der Mensch als Ursprung der Welt</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/08/12/der-mensch-als-ursprung-der-welt/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Aug 2011 08:54:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Hinduismus]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Entstehung der Frucht aus der Getrenntheit, die Zweiheit von Mann und Frau und die Einheit des Menschen Welchen Weg gibt es aus der Getrenntheit, die uns in Angst und Verlangen gebannt hält? Was ist die Bedeutung der Zweiheit von Männlichem und Weiblichem? Anknüpfend an einen Text aus den Upanischaden und Aussagen der Kabbala entwickelt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Die Entstehung der Frucht aus der Getrenntheit, die Zweiheit von Mann und Frau und die Einheit des Menschen</h2>
<div id="attachment_2398" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4dc786480a58a_small.jpg" rel="lightbox[2395]"><img class="size-full wp-image-2398" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4dc786480a58a_small.jpg" alt="" width="200" height="124" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / .…. und abflug ! © walter dannehl</p></div>
<p><em>Welchen Weg gibt es aus der Getrenntheit, die uns in Angst und Verlangen gebannt hält? Was ist die Bedeutung der Zweiheit von Männlichem und Weiblichem? Anknüpfend an einen Text aus den Upanischaden und Aussagen der Kabbala entwickelt unser Autor eine überraschende Nähe von östlicher Weisheit und spirituellem Judentum.</em></p>
<p>Martin Buber sagt einmal, dass das Judentum aufgrund seiner Denktradition mehr zur östlichen als zur westlichen Welt gehört: Demnach verfügen die fernöstlichen Religionen und die jüdischen Quellen in ihrem Kern über das gleiche Vermögen einer retrospektiven Sichtweise.</p>
<p>Was meint Buber damit? Wir sind an die westliche Denkweise gewöhnt; es fällt uns schwer das östliche Denken zu verstehen, dem die Annahme zugrunde liegt, dass das Drama der äußeren Welt lediglich das Drama widerspiegelt, das sich in unserer inneren Welt ereignet. Diese Denkweise erscheint uns als „primitiv“, da sie den Vorstellungskräften und der Intuition des Menschen einen zentralen Platz einräumt, die in unseren Augen nicht als geeignete Mittel erscheinen, um die realen Herausforderungen des Lebens zu bewältigen. Ein gutes Beispiel für dieses Denken sind die spannenden Mythen der Upanischaden, die erklären, wie die äußere Welt aus dem Chaos der Vernunft in der inneren Welt des Menschen entsteht.</p>
<p>Die in diesen Mythen ausgedrückte Vorstellung besagt, dass die erste reale Existenz ein entwickelter Zustand ist, in dem wir in innerer Ruhe und ohne eine zielgerichtete Intention leben. Dieser Lehre zufolge existiert die scheinbar „reale“ Welt, in der wir leben, nicht wirklich, sondern ist eine Illusion, ja eine absolute Halluzination. In unserer Phantasie stellen wir uns das Nichtvorhandene vor und erschaffen so unsere Wünsche, aus denen erst unsere Schwierigkeiten entstehen.</p>
<p>Die Tragödie des menschlichen Zustandes ist eine doppelte: Wir leiden am Mangel der Fähigkeit, unsere Existenz zu leben und schaffen uns dafür eine illusionäre Welt. Die Schwierigkeit besteht jedoch in der Tatsache, dass die Objekte, die wir „kreieren“, die von uns geschaffene Leere nicht wirklich beseitigen können. Wir sind dazu verurteilt, im Zustand des Sisyphus zu verharren, dessen Wesen in der Erzeugung einer endlosen Kette von Problemen besteht. Unsere Bemühungen diese Probleme zu lösen verstricken uns aber nur in einen „noch problematischeren Zustand“.</p>
<h4>Zweiheit und Furcht</h4>
<p>Der folgende „Midrash“ (Auslegung) über die Schöpfung taucht im Brihadaranyaka-Upanischad auf:</p>
<p>1. Am Anfang war diese Welt allein der Âtman, in Gestalt eines Menschen […]. Der blickte um sich: da sah er nichts andres als sich selbst. Da rief er zu Anfang aus: „Das bin ich!“ Daraus entstand der Name Ich. – Daher auch heutzutage, wenn einer angerufen wird, so sagt er zuerst: „Das bin ich!“ und dann erst nennt er den andern Namen, welchen er trägt. – Weil er vor diesem allem alle Sünden vorher (<em>pûrva</em>) verbrannt hatte (<em>ush</em>), darum heißt er <em>pur-ush-a</em> (der Mensch, der Geist). Wahrlich es verbrennt den, welcher ihm vor zu sein begehrt, wer solches weiß.</p>
<p>2. Da fürchtete er sich; darum fürchtet sich einer, wenn er allein ist. Da bedachte er: „Wovor sollte ich mich fürchten, da nichts andres außer mir da ist?“ Dadurch entwich seine Furcht; denn wovor hätte er sich fürchten sollen? Denn vor einem Zweiten ist ja die Furcht.</p>
<p>3. Aber er hatte auch keine Freude; darum hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn sie sich umschlungen halten. Dieses, sein Selbst zerfällte er (<em>apâtayat</em>) in zwei Teile; daraus entstanden Gatte (<em>pati</em>) und Gattin (<em>patnî</em>). Darum ist dieser Leib an dem Selbst gleichsam eine Halbscheid; so nämlich hat es Yâjnavalkya erklärt. Darum wird dieser leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt. – Mit ihr begattete er sich; daraus entstanden die Menschen.</p>
<p>4. Sie aber erwog: „Wie mag er sich mit mir begatten, nachdem er mich aus sich selbst erzeugt hat? Wohlan! Ich will mich verbergen!“ – Da ward sie zu einer Kuh; er aber ward zu einem Stier und begattete sich mit derselben. Daraus entstand das Rindvieh. – Da ward sie zu einer Stute; er aber ward zu einem Hengste; sie ward zu einer Eselin, er zu einem Esel und begattete sich mit derselben. Daraus entstanden die Einhufer. – Sie ward zu einer Ziege, er zu einem Bocke; sie zu einem Schafe, er zu einem Widder und begattete sich mit derselben; daraus entstanden die Ziegen und Schafe. – Also geschah es, dass er alles, was sich paart, bis hinab zu den Ameisen, dieses alles erschuf.</p>
<p>5. Da erkannte er: „Wahrlich, ich selbst bin die Schöpfung; denn ich habe diese ganze Welt erschaffen“. – So entstand der Name Schöpfung. – Der, fürwahr, ist in dieser seiner Schöpfung [Schöpfer], wer solches weiß.</p>
<p>6. Darauf rieb er [die vor den Mund gehaltenen Hände] so; da brachte er aus dem Munde als Mutterschoß und aus den Händen das Feuer hervor; darum ist dieses beides von innen ohne Haare; denn der Mutterschoß ist inwendig ohne Haare. Darum, wenn die Leute von jedem einzelnen Gotte sagen: „Opfere diesem, opfere jenem!“ so [soll man wissen, dass] diese erschaffene Welt von ihm allein herrührt; er also allein ist alle Götter. Alles nun, was auf der Welt feucht ist, das erschuf er aus dem Samenerguss; dieser aber ist der Soma; denn diese ganze Welt ist nur dieses: Nahrung und Nahrungesser. Der Soma ist die Nahrung, das Feuer der Nahrungesser. Diese [Schöpfung] hier ist eine Überschöpfung des Brahman. Weil er als höhere [als er selbst ist] die Götter schuf, und weil er, als Sterblicher, die Unsterblichen schuf, darum heißt sie die Überschöpfung. – In dieser seiner Überschöpfung ist [Schöpfer], wer solches weiß.</p>
<p>7. Die Welt hier war damals nicht entfaltet; eben dieselbe entfaltete sich in Namen und Gestalten, so dass es hieß: „Der so und so mit Namen Heißende hat die und die Gestalt“. Eben dieselbe wird auch heute noch entfaltet zu Namen und Gestalten, sodass es heißt: „Der so und so mit Namen Heißende hat die und die Gestalt“. In sie ist jener [Âtman] eingegangen bis in die Nagelspitzen hinein […]. Darum siehet man ihn nicht: denn er ist zerteilt; als atmend heißt er Atem, als redend Rede, als sehend Auge, als hörend Ohr, als verstehend Verstand; alle diese sind nur Namen für seine Wirkungen. Wer nun eines oder das andre von diesen verehrt, der ist nicht weise; denn teilweise nur wohnt jener in dem einen oder andern von ihnen. Darum soll man ihn allein als den Atman verehren; denn in diesem werden jene alle zu einem. Darum ist dieses die [zu verfolgende] Wegespur des Weltalls, was hier [in uns] der Atman ist; denn in ihm kennt man das ganze Weltall; ja, fürwahr, wie man mittels der Fußspur [ein Stück Vieh] auffindet, also [erkennt man mittels des Atman diese Welt]. – Ruhm und Ehre findet, wer solches weiß!<sup class='footnote'><a href="#fn-2395-1" id='fnref-2395-1'>1</a></sup></p>
<p>Die Upanischaden gehören in die letzte Entwicklungsphase der indischen Literatur, welche sehr früh, nämlich um 1500 vor unserer Zeitrechnung, mit dem Eindringen der Indo-Arier in diese Gebiete einsetzt. Die Werke der letzten Phase können auf das 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert werden. Der vorliegende Text gilt als einer der bekannteren Upanischaden und wird dem Weisen Yâjnavalkya zugeschrieben.</p>
<p>Dieser Text ist ein tiefsinniges Gespräch über das Wesen und die Existenz des Menschen. In Fortsetzung der eingangs erwähnten Äußerung Bubers hätte man eine Liste von Quellen des Judentums vom Talmud bis zur chassidischen Literatur hinzufügen können, welche ihre enge Verwandtschaft zu den indischen Quellen zeigen. Aufgrund des begrenzten Raumes meines Beitrages möchte hier jedoch davon absehen. Stattdessen möchte ich lediglich einige Beispiele der haggadischen und der späteren kabbalistischen Literatur vorstellen und sie nach einer kurzen Erläuterung des mythischen Denkens, das diesem Upanischad zugrunde liegt, mit der indischen Quelle vergleichen.</p>
<h4>Der Mensch ist die Grundform</h4>
<p>Im Midrash Berishit Rabba wird der Gedanke dargelegt, dass Adam, der erste Mensch, „von einem Ende der Welt bis zum anderen reichte.“ (GenRab 8,1) Anderen Gelehrten zufolge „erfüllte der erste Mensch die ganze Welt vom Osten bis zum Westen und vom Norden bis zum Süden […] und auch den äußeren Raum der Welt.“ (GenRab 8,1) In einem anderen Midrash wird die sukzessive Erschaffung des riesigen Körpers von Adam durch eine geringfügige zeitliche Verzögerung bei der Aktivierung der einzelnen Körperteile geschildert: „Der Fußballen Adams verdunkelte den Globus der Sonne – und weitaus glänzender war sein Antlitz.“ (LevRab 20,2) Das heißt, die Intensität seiner Lichtstrahlen war so stark, dass sie den Schein der Sonne bei Weitem übertrafen. Diese Beschreibungen ähneln den Darstellungen des Upanishad: Obschon der Mensch den gesamten Zwischenraum der Welt einnimmt, enthält er in potentieller Weise zugleich die gesamten Einzelheiten des Entstehenden, welche sich nacheinander aus ihm entwickeln und den Raum außerhalb seiner selbst ausfüllen.</p>
<p>Auch wenn der Midrash diesen Denkansatz nicht bis zu der mutigen Schlussfolgerung des Upanischad fortsetzt, der selbst noch die abgesonderte Existenz der Gottheit außerhalb der Grenzen der Seele auflöst, so deutet er diese Vorstellung doch an. Denn in demselben Midrash wird die Meinung von Resh Lakish erwähnt: „‚Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser’ (Gen. 1,2); das bedeutet: ‚der Geist des ersten Menschen’.“ Es ist durchaus möglich, dass diese Idee bereits derjenigen Darstellung zu Grunde liegt, in welcher die Gottheit zum Schluss den Menschen verkleinert, aber dennoch in ihm die ganze Welt in einer verkleinerten Form enthält.<sup class='footnote'><a href="#fn-2395-2" id='fnref-2395-2'>2</a></sup> Eine solche Feststellung scheint richtig zu sein, da andere jüdische Quellen solche Vorstellungen in Bezug auf die Erschaffung der Frau ausdrücken, die als Idee alle Bedürfnisse des Menschen symbolisiert. So heißt es im Sohar, dem zentralen Werk der Kabbala:</p>
<p>„Rabbi Aha begann und sagte: ‚Und Gott sprach: <em>Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei</em> (Gen. 2,18) … War er denn alleine? Es steht doch geschrieben: <em>Und er erschuf einen Mann und eine Frau</em> (Gen. 1,27). Und wir haben gelernt: Der Mensch wurde mit zwei Gesichtern erschaffen – und du sagst: ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei’. Die Bedeutung ist: Er bemühte sich nicht um seine Frau und sie war ihm keine gegenüberstehende Gehilfin, da sie sich an seiner Rückseite befand und sie Rücken an Rücken miteinander verbunden waren – daher war der Mensch alleine. <em>Ich werde eine ihm gegenüberstehende Gehilfin machen</em> (Gen. 2,18) – Was bedeutet das ‚ihm gegenüberstehende’? Eine seinem Gesicht zugewandte, damit sie einander anhangen (Gen. 2,24) und sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen.“<sup class='footnote'><a href="#fn-2395-3" id='fnref-2395-3'>3</a></sup></p>
<h4>Das Spiel des Schöpfers</h4>
<p>Die große Frage, welche hier gestellt wird, ist die nach dem Wesen des Lebens. Der Mythos, der das Leben beschreibt, ist uns als eine Verkettung innerer Spannungen bekannt: Leid, die Erschaffung eines Befriedigung versprechenden Objekts und sein erneuter Verlust. Die Quelle des Lebens ist diesem Mythos zufolge ein geistiges Zentrum, welches sich in verschiedenen Aspekten ausbreitet. Diese Ausbreitung betrachte ich als ein inneres Spiel des Schöpfers, das darin besteht, dass er mit sich selbst spielt, indem er sich zuvor selbst erfüllt. Ursprünglich bestand in dieser Einheit nicht die Möglichkeit einer Ausbreitung vom Männlichen zum Weiblichen. Aber nachdem in diesem Schöpfer, der eine Einheit gebildet hatte, das Gefühl einer mangelnden Freude an seiner Existenz aufgestiegen war, entwickelte er in sich selbst Männlichkeit und Weiblichkeit, um diese Leere zu überwinden.</p>
<p>Die Erzählung der Selbsterschaffung betont, dass der Schöpfer in dem kritischen Augenblick der großen, inneren Kreation auch über die Wahlfreiheit verfügt, das innere Spiel <em>nicht</em> zu spielen. In der vorliegenden Quelle litt der Schöpfer zunächst nicht an dem Mangel der Freude. Doch wenn nun die Wahl bei uns liegt, so beginnt sie zuerst damit, dass wir an der mangelnden Erfüllung leiden. Erst danach können wir in uns den „inneren Raum“ kreieren, welcher es uns ermöglicht, hier auch die „Welt“ zu erschaffen.</p>
<h4>Abhängigkeit und Befreiung</h4>
<p>Um dies etwas genauer zu erklären, lohnt es sich, die psychische Entwicklung eines Abhängigkeitsverhältnisses zu beobachten. Bevor wir uns beispielsweise auf das Abenteuer des Drogenkonsums (auch in Form von Zigaretten zum Beispiel) einlassen, befinden wir uns noch immer in dem Zustand vor der „Erschaffung“ – nämlich in dem Vermögen, kein Objekt zu sein. Die Entscheidung, diesen Zustand der Gelassenheit zu brechen, ist unsere Entscheidung. Jedoch führt sie uns dazu, ein Objekt zu „erschaffen“. Bevor wir mit dem Rauchen anfingen, hatte die abhängig machende „Zigarette“ für uns gar nicht existiert; sie war eigentlich nur eine Rolle aus Papier und Kraut. Der „Griff zur Zigarette“ macht sie zu einem Objekt, das einen zentralen Platz in dieser Welt einnimmt. Wir erschaffen dadurch die „Zigarette“, so wie wir uns in der romantischen Liebe ein Bild vom Partner entwickeln, ohne den wir nachher nicht mehr zu leben vermögen. Wir laufen der „Zigarette“ hinterher, so, dass wir ihr niemals mehr entkommen können, da wir einem fortwährenden Gefühl unterliegen, dass wir Mangel erleiden. Und nachdem wir meinen, diesen Mangel gestillt, also eine zeitliche Lösung für das Problem gefunden zu haben, beginnen wir wieder nach der „Zigarette“ zu suchen, die sich dann erneut in Luft auflöst.</p>
<p>Der Irrtum dieser Auffassung, welche im Denken der westlichen Welt als die eigentliche „Realität“ verstanden wird, besteht in der Annahme, materielle Objekte könnten Befriedigung oder Freude verschaffen. Aber allmählich beginnt der Mensch die Gefahr dieses Spiels zu begreifen: Nicht nur, dass seine Probleme damit nicht gelöst werden, sondern dass der neue Zustand eine Reihe weiterer Konflikte entstehen lässt. Die Einbildung, an etwas zu leiden, wurde zur „objektiven Realität“, die wiederum das Gefühl erzeugt, dass der Rückweg nahezu vollständig abgeschnitten ist. Auf diesem Wege will sich im Sinne unseres Textes die „Frau“ grundsätzlich nicht mit dem Mann „paaren“, so dass er dazu gezwungen ist, sie zu verfolgen. Bei diesem sich wiederholenden Prozess der Entfremdung und Annäherung entstehen weitere Objekte, welche „abhängig“ machen.</p>
<h4>Schöpfung ist Gegenwart</h4>
<p>Die optimistische Botschaft besteht darin, dass die Vereinigungen, welche am Anfang der Schöpfung stehen, kein historisches Ereignis beschreiben möchten. Vielmehr bezeichnet die Schöpfung die tatsächliche Gegenwart. Die erste göttliche Wahrheit des Lebens existiert im Hier und Jetzt und ist in allem verborgen – genau wie die „Frau“, die sich auf der anderen Seite der Barriere befindet. Der Upanischad behauptet, dass für den Menschen der Kern des Problems nur darin besteht, die „Frau“ zu erreichen und er nicht daran interessiert ist, das Geheimnis der Vereinigung zu erkennen. Denn letztlich erscheint sie dem Fragenden zunächst als eine Bedrohung der eigenen Existenz, als Bedrohung des Schlüsselwortes „Ich“.</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/maerz/der-mensch-als-ursprung-der-welt/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe März 2011.</a></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2395-1'>Die Brihâdaranyaka-Upanishad des weißen Yajurveda, 1. Adhyâya, 4,§1–7. Aus: Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda. In der Übersetzung von Paul Deussen. Herausgegeben und eingeleitet von Peter Michel. Wiesbaden 2006, S. 489–492. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2395-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2395-2'>Zur Vorstellung des Menschen als „kleine Welt“ vgl. Midrash Tanhuma §3. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2395-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-2395-3'>Sohar, II, 44b. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2395-3">↩</a></span></li>
</ol>
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		<title>Was bleibt</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jul 2011 08:56:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
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		<description><![CDATA[„The Tree of Life“ konfrontiert die Postmoderne mit einer kosmischen Sicht des Menschen. Ein Zitat aus dem Buch Hiob, strömende Lichtphänomene und flüsternde Stimmen, die etwas von Natur und Gnade erzählen – so beginnt einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Zeit. Nahaufnahmen von Gesichtern, rasche Schwenks auf vom Wind bewegtes Gras, Hunde die aus Pfützen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>„The Tree of Life“ konfrontiert die Postmoderne mit einer kosmischen Sicht des Menschen.</h2>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-2195" title="Evolution © Heinz Robert" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/evolution_heinz_robert.png" alt="" width="470" /></p>
<p>Ein Zitat aus dem Buch Hiob, strömende Lichtphänomene und flüsternde Stimmen, die etwas von Natur und Gnade erzählen – so beginnt einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Zeit. Nahaufnahmen von Gesichtern, rasche Schwenks auf vom Wind bewegtes Gras, Hunde die aus Pfützen trinken; Baumstämme und Äste, spielende Kinder, kaum Dialoge. Irgendwann dazwischen eine lange Sequenz mit Sternengalaxien, brodelnder Lava und Lebewesen im Meer. Ein Saurier, an den Strand gespült. Ein Meteorit trifft die Erde. Dann wieder spiegelnde Hochhausfassaden und Menschen in Büros. Eine Frau, die im Wasser eines Rasensprengers tanzt.</p>
<p>Es fällt schwer, von <a href="http://www.youtube.com/watch?v=WXRYA1dxP_0" rel="external nofollow">diesem Film </a> zu erzählen, der selbst keine gewöhnliche Geschichte erzählt. Da ist zum einen ein geradezu biblisches Epos mit überbordender Lichtmetaphorik, metaphysischer Stimmung und durchgehend sakraler Musik. Da ist zum anderen eine durchschnittliche Familie im Süden der USA in den 50er Jahren. Eine sanfte, fürsorgliche Mutter, die ihr Glück zwischen drei Söhnen und einer übermächtigen Ehemann-Vater-Figur zu halten sucht. Aber nicht ein persönliches Drama, sondern das Grundmotiv des liebend-gewalttätigen Vaters bildet hier das Motiv. Zu Beginn des Films der einzige äußere Spannungspunkt: Einer der inzwischen erwachsenen Söhne ist gestorben, wir wissen nicht wie und werden es auch nicht erfahren. Der Film entwickelt sich als Rückblende aus Sicht eines der Brüder, den am Jahrestag des Unglücks noch immer die Frage nach dem „Warum“ umtreibt. Aber nicht um eine besondere Geschichte, nicht um individuelle Charaktere wird es hier gehen, sondern um die Frage nach dem Warum von Unglück und Leid schlechthin in der besten aller möglichen Welten. Die Figuren sind durchgehend exemplarisch gezeichnet und es sind keine persönlichen, sondern repräsentative Erfahrungen, die sie machen: Bei den Kindern das unbekümmerte Spiel, die Begegnung mit Leid und der Verlust der Unschuld, der Zweifel an der Welt der Erwachsenen; bei den Erwachsenen ist es vor allem das Scheitern am eigenen Unvermögen.</p>
<p>Selten hat mich ein Film so von Schönheit betört und verwirrt hinterlassen wie <em>The Tree of life</em> von Terence Malik. Er unternimmt etwas Übermächtiges: Er will den Kosmos des Menschen mit all seinen Dramen von Zuneigung, Hoffnung, Schwäche und Schuld in die Geschichte des Kosmos fügen, will Grenzen des Hier und Dort durchlässig machen, denn die menschliche Innenwelt mit ihren Gedanken und Gefühlen gehört genauso zum Ganzen der Welt wie Tiere, Pflanzen und Gestirne. Es gibt nur einen Baum des Lebens. Aber welche Frucht können wir dazu beitragen?</p>
<p>Die in jeder Szene ungewöhnliche Kameraführung zeigt uns die Menschen nicht aus der Perspektive alltäglicher Handlungsketten, sondern wie aus der Sicht eines überpersönlichen Zeugen heraus. Zustände, die kommen und gehen. In dieser nicht-linearen Perspektive, eingebettet in die grandiosen Sequenzen zur Entwicklung von Kosmos und Erde, verschwindet die Dimension des Menschen an den Rand der Bedeutungslosigkeit. Und gerade da, wo das Ego so lächerlich unbedeutend und hilflos wirkt, erscheint das ganze Gewicht des Menschen: Wir können uns entweder für den auf Vorteil bedachten „Weg der Natur“ oder für den liebenden „Weg der Gnade“ entscheiden, wie es ganz am Anfang des Films hieß.</p>
<p>Das grandiose Finale deutet auf eine Form der Erlösung durch Ergebenheit. Gerade mit diesem Schluss strapaziert Regisseur Terence Malik unsere noch vielfach von Zynismus und Beliebigkeit geprägte Kulturwelt bis zur Schmerzgrenze. Sein mutiger und auf nicht-konfessionelle Weise tief religiöser Film wird wohl kein großer Publikumserfolg werden, könnte aber im Rückblick doch einmal zu dem zählen, was wichtig war in einem Jahrhundert.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmalig im <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/1021/info3-blog/?category=3" target="_blank" rel="external nofollow">Redaktionsblog</a> des Magazins <a href="http://www.info3.de" target="_blank" rel="external nofollow">Info3</a>.</em></p>
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		<title>Gespräch über Gott</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Jun 2011 21:20:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
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		<description><![CDATA[Wie können wir über die höchsten Dinge reden? Was ist eigentlich aus der Anthroposophischen Gesellschaft geworden? Warum für Steiner das Denken Liebe in geistiger Art ist und wie in unsere Gespräche wieder Herzlichkeit einziehen kann. Ich sitze im Cafe und sehne mich. Ich schreibe Wörter auf Papier und denke und sehne mich. Ich sehne mich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Wie können wir über die höchsten Dinge reden?</h2>
<p><img class="size-medium wp-image-2019 alignright" style="margin-left: 10px;" title="Reden über Gott" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/06/anthroposophie_tanz-300x169.png" alt="" width="200" height="113" /><em>Was ist eigentlich aus der Anthroposophischen Gesellschaft geworden? Warum für Steiner das Denken Liebe in geistiger Art ist und wie in unsere Gespräche wieder Herzlichkeit einziehen kann.</em></p>
<p>Ich sitze im Cafe und sehne mich. Ich schreibe Wörter auf Papier und denke und sehne mich. Ich sehne mich nach Gespräch. In der Lärmglocke der Außenwelt geht mein Denken auf Zeitreise.</p>
<p>In der Antike, in Griechenland, sehe ich Gestalten in Gärten gehen und miteinander sprechen. Sie tauschen Worte in einer Art und Weise, dass es wie Atemluft wird für die Seele, wie leibliche Nahrung aus Brot und Wein. Es ist kein Schlagabtausch, kein Kampf, dieses Ringen miteinander ist Kunst. Ihr Sprechen ist Denken. Und sie haben aufgeschrieben, wie es geht, es uns überliefert wie eine Gebrauchsanweisung. Wir würden ganz andere Wörter verwenden, aber der Gesprächsweg ist doch nicht überholt oder ungültig. Während ich weiter fliege durch die Zeit, klagt mein Herz wie ein Kranich. Können wir nicht mehr so sprechen miteinander, so voll Freude am Wort? Dass man eintritt in ein Gespräch wie in einen Raum, in ein Haus und darüber sich selbst vergisst?</p>
<p>Im Mittelalter sehe ich sie in dunklen Kutten in stillen Gängen wandeln, es ist kalt. Aber welches Feuer lodert in ihnen, welche Glut. Sie schmieden Wörter wie Waffen, aber sie kämpfen damit gegen sich selbst. Gegen den eigenen Hochmut, den geistigen Stolz. Jede Kerbe ins eigene Herz stärkt dasjenige, was über die Enge des Eigenherzens hinausgeht. Kristallklares Licht leuchtet und auch sie haben schriftlich hinterlassen, wie man solche Gespräche in Begeisterung führt. Ist es denn langweilig für uns, einmal so ernsthaft über Engel zu streiten und den Alltag der Seele komplett hinter sich zu lassen?</p>
<h4>»Erquicklicher als Licht«</h4>
<p>Der Kranich fliegt klagend weiter. Da ist Weimar und unten sitzt Goethe mit seinen Freunden an vielen kleinen Spieltischen, die in seinem Haus stehen. Goethe liest ein Rätsel vor, das er gerade geschrieben hat. Das neue Rätsel korrespondiert mit jenem alten, das die Sphinx einst Theseus stellte. Was morgens auf allen vieren, mittags auf zweien und am Lebensabend auf drei Beinen – nämlich am Stock – geht: der Mensch. Er erhält im neuen Rätsel Auskunft über die eigentliche Lebenskraft seiner Seele. Das miteinander geteilte Wort, die Weltsubstanz im zwischenmenschlichen Stoffwechsel. Kostbarer als Gold und erquicklicher als Licht – das Gespräch. Goethe und all die anderen deutschen Idealisten, auch ihre Texte sind Gesprächsempfehlungen, Rezepte. Können wir denn nicht mehr lesen, nicht mehr hören, wie man spricht?</p>
<p>Wenn ich noch ein paar Jahre weiterfliege, lande ich am selben Ort, bei Rudolf Steiner. Da wird die Sehnsucht nicht kleiner, sie wächst sich geradezu aus in seinem Wort. Einer seiner Sätze lautet: Denken sei Kraft der Liebe in geistiger Art. Aber das geht doch nicht allein! Niemand kann lieben, auch nicht in geistiger Art, ohne einen anderen. Man muss sich verständigen. Ich lande in der Gegenwart.</p>
<p>Kein Kranich mehr, eher ein Taubenherz mit verkrüppelten Füßen, im Rinnstein der Stadt. Sich nach Gespräch sehnend, während der Lärm in den Ohren klingelt. Das Gehör geradezu leiblich in klirrenden Ketten, hinter der Stirn fluten akustische Folterbilder. Ich sehe Talkshows vorüberziehen, unendliche verbale Verhandlungen, moderierte Streit– und Friedensgesprächsrunden. Dazu Millionen Seiten bedrucktes Papier, auf denen Wörter, Wörter, Wörter vorüberflimmern, die alle ausgesprochen werden und etwas besagen wollen. Ich stehe still, fassungslos, mein Herz fragt ganz naiv: Können wir nicht erquicklich sprechen? Was immer die Form, was immer der Inhalt sein mag, so sprechen, dass es wieder Leben würde, Lebensprozess?</p>
<h4>»Liebe in Geistiger Art«</h4>
<p>Mein Herz ist ratlos, aber es zuckt. Es zuckt zurück vor dem, was ich als sein Träger im Begriff bin zu tun. Das Herz erfindet sofort Ausreden. Pass mal auf, sagt es, das wird der Chefredakteur keinesfalls durchgehen lassen, er wird sagen, das sei zu privat, das kannst Du Dir also gleich sparen … Aber der Einfall, wenn nun doch etwas dran wäre? Könnte es nicht sein, dass es schlicht die Feigheit ist sich selbst auszusprechen, die dem Wort neuerdings im Weg steht? Die allgemeine Verabredung, alles Öffentliche so zu sagen, dass es standhält, dass die Person vollkommen gedeckt und verdeckt darin verschwindet. Dass man sich mit Worten sichern soll wie in einer Festung, die mit stichhaltigen Argumenten verteidigt wird – oder mit Worten nur wie mit Federn schmücken soll, weil niemand mehr stehen kann zu seinem Wort, ohne sogleich missverstanden zu werden. Sobald es heraus ist, wird es ein Leichnam, ein Aas, das zum Rupfen und Fleddern bestimmt scheint. Ist es also Angst so zu sprechen, dass man darin identifizierbar wird? Weil jede Person, die etwas sagt, sogleich zur Provokation wird für eine andere Person, die sich zur Zustimmung oder zum Widerspruch aufgerufen fühlt. Haben wir als Denkende, miteinander Sprechende solche Angst voreinander, weil es die Kraft der Liebe in geistiger Art ist, die so unendlich verletzbar macht?</p>
<p>Denn wenn die Seele spricht, ach, dann spricht sie schon nicht mehr, sie geht sofort über sich hinaus und tut etwas. Sie will zum Anderen überlaufen. Sie will gar nicht in ihrer Burg sitzen bleiben. Wie viel Mut zur Wahrhaftigkeit gehört aber dazu, auf die Kraft der Liebe in geistiger Art zwischen Menschen zu bauen. Sich selbst damit dem Denken des Anderen vollkommen auszuliefern, ihm anzuvertrauen. Auf eben dieses Vertrauen hat Rudolf Steiner die Anthroposophische Gesellschaft ausdrücklich gegründet. Sie basiert darauf. Ihr Herzorgan ist die Sprache. Aussprache und Gespräch.</p>
<p>Nun mein Herz, du hast eine geistige Frage. Teile sie doch einfach mit, um zu erfahren, ob sie auch andere bewegt. Wenn das so einfach wäre … Unterschwellig und im Hinterkopf spricht die Stimme der Erfahrung. Sie sagt Folgendes: Du weißt doch genau, wie das abläuft. Es gibt keine Frage im Weltraum der Anthroposophie, die man einfach so stellen könnte. Wer so doof ist und so unbelesen, dass er einfach drauflos fragt – egal ob sich oder andere –, der ist von vornherein diskreditiert. Dessen öffentliches Fragen nimmt kein Mensch ernst. Du musst die Frage erst als solche rechtfertigen. Rhetorisch verkleiden, gewichtig herleiten, richtig aufblasen, begründen, warum sie bedeutsam ist. Aber auch das geht schief, es muss ja schiefgehen, denn entweder erweist du dich bei der Rechtfertigungsaktion als rechter Anthroposoph und versierter Gedankenkünstler, na bitte schön, dann hat sich doch die blöde Fragerei erübrigt –, oder du offenbarst dich als Dummling, dessen Denken keine Ergebnisse bringt. Na, dann wird man dich sofort anständig belehren. So oder so, sagt die Erfahrung, das anthroposophische Gespräch neigt dazu, entweder Selbstgespräch im stillen Kämmerlein oder eine Unterrichtslektion zu werden, wo die Rollen klar verteilt sind. Und wenn’s dann doch mal geht, irgendwie in Gang gebracht, hui, da ist dann gleich der Teufel los und es wird mit Zitaten aufeinander eingedroschen, dass es kracht … Mein Herz muss lachen, es sieht ein Bild vor sich. Es ist das gallische Dorf des Asterix. Meist beginnt es beim Fischhändler, ein Wort genügt und schon ist die schönste Schlägerei im Gange. … Nein, im Ernst mein Herz, heute einmal nicht. Sage, was dich bewegt, ohne jede sprachliche Verstellung.</p>
<h4>Rätselhafte Trinität</h4>
<p>Es ist die Frage nach der Gottheit. Mit ihr steht man im Grunde selbst vor Gott und befragt ihn: Wer bist du? Wer ist Christus? Wie auch immer ich dieses Wesen nenne und verstehe, es muss doch sein, was es ist. Es ist ein Wesen, das unablässig in seinen „Ich bin“-Worten Selbstauskunft gibt und zugleich das Gegenüber befragt: Wisst ihr, wer ich bin – erkennt ihr mich (an)? Schon dreißig Jahre lang, seit der ersten Begegnung mit Anthroposophie, hüte ich diese Frage nach der göttlichen Trinität, nach der Stellung des Christuswesens und mir ist unklarer denn je, wie ich das ineinander denken soll, was Rudolf Steiner dazu geäußert hat. Christus als Teil einer gesonderten dreifaltigen Gottheit „über“ allen Hierarchien und von ihnen unterschieden? Oder Christus als Sonnenwesen eine „Zusammenfassung“ der Elohimkräfte, innerhalb der Hierarchien – ihnen wesentlich angehörig? Oder Christus, eine flutende Dynamik zwischen diesen beiden Wesenswelten und –räumen – wie aber dann gesonderte göttliche Sohnesperson? Christus mehr als die Summe all dieser Teile, wie soll ich ihn verstehen? Kann mir das jemand sagen aus seiner spirituellen Einsicht, ohne meine Frage zu erschlagen und das Herz gleich mit?</p>
<p>Sich klar zu machen, wie wenig wirkliches Gespräch miteinander bisher möglich war in der Anthroposophischen Gesellschaft – in dieser Gesellschaft der geistigen Liebe zueinander – , das ist wirklich herzzerreißend. Das könnte es auch sein, was letztlich diese Gesellschaft davon abhält, eine Weltbewegung zu sein – der Grund für das instinktive Misstrauen der Menschen. Wenn bei anthroposophischen Treffen statt eines Gesprächs aus geistiger Liebeskraft immer wieder nur Vortrag, Arbeitsgruppe oder Belehrung, höchstens Bekenntnis herauskommt. Doch auf der anderen Seite eindeutig durchsetzungsfähige Initiativkraft sich zeigt – dann muss man den Auswirkungen der Anthroposophie wohl Respekt und Achtung zollen, aber ihren Vertretern nicht unbedingt über den Weg trauen. Wenn das Ziel aller Weisheit aber Liebe heißt, muss der Weg bei aller Freiheit irgendwann anfangen, ein herzlicher zu werden.</p>
<p>Dieses Schlussplädoyer soll keinesfalls die Frage entschuldigen. Sie steht ganz allein für sich und wartet auf Begegnung. Ich sehne mich nach Gespräch, sagt die Seele und nicht nach dem Stein der Weisen, den mir jemand ans Herz legt oder an den Kopf wirft. Verstehst du?</p>
<p>Dieser Beitrag erschien im Original in <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/februar/gespraech-ueber-gott/" target="_blank" rel="external nofollow">Info3 — Ausgabe Februar 2011</a></p>
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		<title>Anthroposophie: Wissenschaft oder Wissenskultur?</title>
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		<pubDate>Fri, 20 May 2011 17:40:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Charakter einer »Wissenschaft«, auf den manche Anthroposophen großen Wert legen, erscheint unter den Vorzeichen des 21. Jahrhunderts einerseits immer fragwürdiger, könnte aber angesichts vielfältiger zeitgenössischer Ansätze einer Wissenschaft des Spirituellen auch neu gegriffen werden. Eine lose Folge von Beiträgen zu einer Debatte um das Wissenschaftsverständnis der Anthroposophie eröffnet der Filmemacher Rüdiger Sünner mit dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-medium wp-image-1782 alignright" style="margin-left: 10px;" title="anthroposophie wissenschaft oder wissenskultur" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/05/anthroposophie-wissenschaft-300x169.png" alt="" width="200" height="113" />Der Charakter einer »Wissenschaft«, auf den manche Anthroposophen großen Wert legen, erscheint unter den Vorzeichen des 21. Jahrhunderts einerseits immer fragwürdiger, könnte aber angesichts vielfältiger zeitgenössischer Ansätze einer Wissenschaft des Spirituellen auch neu gegriffen werden. Eine lose Folge von Beiträgen zu einer Debatte um das Wissenschaftsverständnis der Anthroposophie eröffnet der Filmemacher Rüdiger Sünner mit dem Blick in ein wichtiges Buch.</p>
<p>Rudolf Steiner hat die Anthroposophie selbst auch als »Geisteswissenschaft« bezeichnet. Dieses Selbstverständnis schafft der Anthroposophie bis heute manche Gegner, die in ihr eher eine dubiose Okkultlehre sehen, die in keiner Weise wissenschaftlichen Überprüfungen standhalten könne. Dabei werden gerne Inhalte angeführt, die in der Tat für den Nichtanthroposophen wenig »wissenschaftlich« klingen: Steiners Überzeugung von der Existenz des Kontinentes Atlantis etwa, seine Auffassung von Naturgeistern oder Engeln oder seine Evolutionstheorie, die, anders als der Neodarwinismus, das Bild des Menschen und nicht Einzeller oder Mikroorganismen an den Anfang der Schöpfung stellt. Würden diese Dinge, so die Kritiker, nur als Glaubensartikel vorgetragen, könne man sie vielleicht noch tolerieren. Aber mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit machten sich die Anthroposophen geradezu lächerlich und grenzten sich aus der gesellschaftlichen Reflexionskultur aus. Besonders schlimm werde es, wenn solche »Pseudowissenschaft“ auch noch in gesellschaftliche Praxisfelder wie Medizin oder Erziehung getragen werde. Als Beispiel wird gerne die von manchen Anthroposophen empfohlene Verweigerung der Masernimpfung genannt oder die Einteilung von Kindern in »Jahrsiebte«, die den Erkenntnissen der modernen Erziehungswissenschaften widerspräche. Noch Besorgnis erregender werde es, wenn auch noch Steiners z.T. diskriminierende Rassentypologie als »Geisteswissenschaft“ eines großen Forschers dargestellt werde. Spätestens hier erweise sich die Anthroposophie als ein bedenkliches Konglomerat esoterischer Versatzstücke, das eigentlich unter strenge staatliche und wissenschaftliche Kontrolle gestellt werden müsste, wie es manche Anthroposophie-Gegner fordern.</p>
<h4>Wissenschaftsanspruch als Provokation</h4>
<p>Unter allen spirituellen Bewegungen der Gegenwart scheint die Anthroposophie von Kritikern und »Aufklärern« besonders hart angefasst zu werden. Niemand regt sich sonderlich auf über Anhänger der christlichen Mystik, der jüdischen Kabbala, des Zen-Buddhismus, der Ayurveda-Heilkunst, indianischer oder keltischer Naturreligion, über spirituelle Lehrer wie Eckhart Tolle, Willigis Jäger oder den Dalai Lama, der – trotz der okkulten Untiefen des tibetischen Lamaismus – sogar als verehrungswürdige humanistische Kraft gewürdigt wird. Die Esoterik der Weltreligionen unterscheidet sich, was ihren Konflikt mit der »rationalen“ Wissenschaft angeht, in nichts von den Impulsen Steiners. Hat die Gereiztheit gegenüber der Anthroposophie womöglich auch mit ihrem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit zu tun, den ja all diese anderen Richtungen nicht haben? Warum war es Steiner so wichtig, nicht nur als spiritueller Anreger zu gelten, sondern eine »Geisteswissenschaft“ zu begründen, die deutlich von dem abweicht, was im akademischen Raum unter den Geisteswissenschaften verstanden wird? Im universitären Bereich ist mit »Geisteswissenschaft« die verstehende Beschäftigung mit Kulturen, Geschichte, sozialen Ideen, philosophischen oder künstlerischen Werken gemeint, die das Tätigsein des menschlichen Geistes spiegeln. Bei Steiner jedoch geht es um die Erforschung von für ihn objektiv im Kosmos wirkenden geistigen Kräften, an der jeder durch die Verstärkung bestimmter Erkenntnismethoden teilnehmen könne. Doch wo sind – im äußerlich empirischen Sinne, die wissenschaftlichen Belege für die Existenz von Atlantis, von Wesenheiten wie Luzifer, Ahriman oder dem Erzengel Michael, von Ätherleibern, Elementarwesen, Elfen und Gnomen in Wald, Feld und Flur, die Steiner angeblich mit »geistigen Augen“ sehen konnte? – So zumindest die verständliche Frage des skeptischen Zeitgenossen, der hier das Etikett »Wissenschaft« anzweifelt und Anthroposophie – wenn überhaupt – eher als ein Glaubenssystem tolerieren möchte.</p>
<h4>Keine formale Abgrenzung möglich</h4>
<p>Diese Haltung ist nachvollziehbar, aber bei näherem Hinsehen wird die Sache doch etwas schwieriger. Jeder, der im obigen Sinne kritisch argumentiert, setzt voraus, dass es ein objektiv geklärtes Verständnis von Wissenschaft gibt. Doch wie grenzt man Wissenschaft von Pseudowissenschaft oder Metaphysik ab? Zu dieser auch für die Anthroposophie wichtigen Frage ist jetzt bei Suhrkamp unter dem Titel <em>Pseudowissenschaft</em> ein hoch spannender Sammelband erschienen, der mehrere neuere wissenschaftstheoretische Überlegungen zu diesem Thema enthält. Die darin oft wiederholte Grundaussage scheint die Anthroposophie zunächst zu entlasten. Es gäbe heute – so der an der ETH-Zürich lehrende Wissenschaftsphilosoph Michael Hagner – »kein diamanthartes Unterscheidungskriterium« mehr, um Wissenschaft säuberlich von Pseudowissenschaft abzugrenzen. Statt polemischer Ausgrenzung sei heute ein differenzierter Umgang mit unterschiedlichen »Wissenskulturen“ gefragt, die auf ihre historischen Entstehungsbedingungen und sinnstiftenden Potentiale hin befragt werden müssten. »Eine Überprüfung des Wertes von Wissen rekurriert nicht auf Falsifizierbarkeit, Fortschrittlichkeit oder Rätsellösung, sondern auf den Nutzen für die Menschen, die dieses Wissen betrifft. Medizin, Atomphysik oder Schamanismus wären dementsprechend gleichermaßen auf ihre gesellschaftlichen Vorzüge oder Nachteile hin zu untersuchen.«</p>
<p>Hagner weist darauf hin, dass die strenge Ausgrenzung von »Pseudowissenschaft“ auch ein – durchaus verständliches – Ergebnis der totalitären Systeme am Anfang des 20. Jahrhunderts gewesen sei. Als Reaktion auf verquere Vermischungen von Wissenschaft und Politik in Nationalsozialismus und Stalinismus habe sich nach 1945 die Wissenschaft als eine Art „Diskurspolizei“ gesehen, um den ideologischen Missbrauch von Wissenschaft zu verhindern. Eindrucksvolle Essays in dem Sammelband belegen diesen Missbrauch an Beispielen aus dem »Dritten Reich« (Welteislehre, NS-Medizin, antijüdische Wissenschaft) oder der Zeit des Kalten Krieges (Kampf der »materialistisch-leninistischen“ gegen die »westliche“ Wissenschaft).</p>
<p>Doch in den letzten Jahren scheint in der Wissenschaftstheorie eine gewisse Entkrampfung stattgefunden zu haben. Weder das Falsifikationskriterium von Karl Popper noch das der „längerfristigen Produktivität« von Imre Lakatos reichen heutzutage für die Definition von »Wissenschaftlichkeit« aus.</p>
<p>Bedeutet dies, dass jetzt auch jede esoterische Lehre gleichbedeutend neben den Entdeckungen von Darwin und Einstein stehen kann? Keineswegs. Die Verflüssigung der Grenzen zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft bedeutet nicht, dass jetzt etwa die Jung’sche Archetypenlehre oder Steiners Anthroposophie automatisch als »wissenschaftlich« anerkannt werden. Offenbar müssen neue Kriterien gefunden werden, etwa im Sinne des oben von Michael Hagner angesprochenen »Nutzen für die Menschen«.</p>
<h4>Theosophie und Auraforschung</h4>
<p>Der Historiker Helmut Zander, der 2007 mit seiner <em>Geschichte der Anthroposophie</em> für viel Wirbel sorgte, führt diese Diskussion in einem Essay für die Theosophie und Anthroposophie durch. Er fragt sich beispielsweise, welchen wissenschaftlichen oder pseudowissenschaftlichen Status die Erforschung der menschlichen Auren um 1900 besaß, die Steiner in Anlehnung an den Theosophen Charles Webster Leadbeater fortführte. Um die Jahrhundertwende, so Zander, konnten die Theosophen noch aus »guten Gründen« der Meinung sein, sich mit der Aurenforschung »auf empirisch solidem Gebiet zu bewegen.« Denn mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Radioaktivität sei auch von der klassischen Physik ein neues Tor ins »Reich des Unsichtbaren« aufgestoßen worden, was unter Wissenschaftlern zu einer allgemeinen Verunsicherung bezüglich der Grenzziehung zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem geführt habe. Prominente Forscher interessierten sich in dieser Zeit nicht nur für wissenschaftliche, sondern ebenso für spirituelle Fragen: »Marie Curie … nahm auch an spiritistischen Seancen teil, der Astronom Camille Flammarion war zugleich Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, und die Society for Psychical Research in London, die sich diesen Phänomenen widmete, war mit anerkannten britischen Naturwissenschaftlern besetzt“, so der Autor.</p>
<p>Laut Zander wäre hier auch für Esoteriker die Chance gewesen, ihre Ideen durch eine ergebnisoffene Forschung »in induktive Verfahren integrieren« zu können. Aber genau an diesem Punkt liegt für Zander das entscheidende Problem der theosophischen »Forschung«: »Die Ergebnisse lagen an ihrem Anfang fest, die Verfahren bestätigten nur mit neuen Methoden Ergebnisse, die religionshistorisch oder clairvoyant belegt waren… ›Experimente’ galten nicht der Gewinnung neuen, sondern der Bestätigung alten Wissens.«</p>
<p>Mit anderen Worten: Niemals wurde die Autorität von „Hellsehern« wie Helena Blavatsky oder später Rudolf Steiner von den Anhängern wirklich angezweifelt, wissenschaftliche Forschung verlief so, dass sie das übersinnlich Geschaute auch bestätigen konnte.</p>
<p>Ist dieser Kreislauf der Selbstbestätigung auch heute noch das Hauptproblem anthroposophischer »Wissenschaft“«? Es gibt Geologen und Historiker unter den Anhängern Steiners, die so felsenfest von der Existenz des versunkenen Atlantis überzeugt sind, dass es ihrer Meinung nach nur an der Begrenztheit der derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnismethoden liegen kann, dass man es noch nicht entdeckt hat. Die Vorstellung, dass sich Steiner hier auch grundlegend geirrt haben könnte, wird von ihnen weit von sich gewiesen, obwohl Steiner die Möglichkeit von Fehleinschätzungen selbst einräumte.</p>
<p>Wenn überhaupt, so scheint sich für Zander ergebnisoffene Wissenschaft heute auf dem Felde der anthroposophischen Medizin abzuspielen. Hier müssen sich die intuitiven Einblicke Steiners etwa bezüglich der Misteltherapie strengen Tests der »scientific community« unterziehen, um entweder zu bestehen oder als »Schamanenmedizin“ zu gelten. Immerhin gibt etwa ein Sammelband wie <em>Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung</em> (hrsg. von Kienle, Keine und Albonico, Schattauer-Verlag 2006) eine Reihe von wissenschaftlichen Studien wieder, die die Wirksamkeit von anthroposophischen Heilverfahren zu belegen scheinen. Ähnliches gilt für die bio-dynamische Landwirtschaft, deren positiver Einfluss auf Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt in der sogenannten DOK-Versuchsreihe nachgewiesen werden konnte, deren Ergebnisse sogar im renommierten Wissenschaftsjournal <em>Science</em> (Mai 2002) abgedruckt wurden.</p>
<p>Doch die mitunter erregte Debatte über die erkenntnistheoretischen Grundlagen dieser Praxisergebnisse – so Zander – gehe unvermindert weiter. Man akzeptiere in den fachwissenschaftlichen Kreisen eher die anthroposophische »Entdeckungslogik« als deren »esoterische Begründungslogik«, für die immer noch der Verdacht der »Pseudowissenschaft« gelte. Das könne sich in Zukunft aber auch wieder ändern, denn auch auf diesem Gebiet ändern sich Paradigmen und Forschungsansätze, wie der Sammelband <em>Pseudowissenschaft</em> eindrucksvoll belegt, was immerhin die Möglichkeit einer weiteren Annäherung zwischen akademischer und spiritueller Forschung denkbar erscheinen lässt. Wie diese Annäherung konkret aussehen könnte, darüber schweigen allerdings die Autoren des Suhrkamp-Bandes.</p>
<h4>Zeitgemässe Verständigung</h4>
<p>Vielleicht helfen dabei – zumindest in Umrissen – einige Kriterien weiter, die der amerikanische Philosoph Ken Wilber in seinem Buch <em>Naturwissenschaft und Religion</em> für eine solche Verständigung benannt hat. Die Wissenschaft dürfe ihren Begriff von empirischer Überprüfung nicht nur auf Sinnesdaten beschränken, sondern müsse ihn auch auf innere und geistige Erfahrungen ausdehnen, was sie ja in ihrem auf Logik und Mathematik basierenden Begründungsbereich ohnehin schon tut. Umgekehrt müsse Religion oder Spiritualität ihre Wahrheitsbehauptungen auf den Prüfstand einer intersubjektiven Untersuchung stellen lassen, statt sie als unantastbares Offenbarungswissen zu verewigen. Mit dieser Übung werden beide Bereiche – auch die Anthroposophie in ihrem oft noch unkritischen Verhältnis zu Steiner – eine Menge zu tun haben. Anthroposophie mag Wissenschaft sein oder nicht. Als vielfältige »Wissenskultur« gibt sie – das müssen selbst Kritiker eingestehen – eine Fülle von auch provozierenden Anregungen, die intellektuell aufregend sind und für die Zukunft weitere spannende Diskussionen verheißen.</p>
<p><em>Literatur:</em><br />
<em>Pseudowissenschaft</em>, hrsg. von Dirk Rupnow, Veronika Lipphardt, Jens Thiel und Christina Wessely, Suhrkamp Taschenbuch Ffm. 2008</p>
<p> </p>
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		<title>Anthroposophie in geänderter Zeitlage</title>
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		<pubDate>Thu, 12 May 2011 10:34:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
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		<description><![CDATA[Versuch einer Positionsbestimmung Foto: aboutpixel.de / Waldorfschule in Hagen 2 © Aaron Bolte Wo stehen wir heute? Wo steht heute die Anthroposophie? Wie stehen wir zu ihr? Die drei Fragen gehören zusammen. Das hat einen einfachen Grund. Wir sind Zeitgenossen. Und Anthroposophie hat sich selbst von Anfang an als Instrument und Impuls innerhalb dieser Zeitgenossenschaft, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Versuch einer Positionsbestimmung</h2>
<p class="alignright bildhinweis" style="width: 200px;"><img class="size-medium wp-image-1668" style="margin-left: 10px;"  title="aboutpixel.de / Waldorfschule in Hagen 2 © Aaron Bolte" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/05/ap4ad4c70346940_small-300x169.png" alt="" width="200" height="113" /><br />Foto: <a href="http://www.aboutpixel.de" rel="nofollow external">aboutpixel.de</a> / Waldorfschule in Hagen 2 © Aaron Bolte</p>
<p>Wo stehen wir heute? Wo steht heute die Anthroposophie? Wie stehen wir zu ihr? Die drei Fragen gehören zusammen. Das hat einen einfachen Grund. Wir sind Zeitgenossen. Und Anthroposophie hat sich selbst von Anfang an als Instrument und Impuls innerhalb dieser Zeitgenossenschaft, für diese Zeitgenossenschaft und aus dieser Zeitgenossenschaft heraus verstanden. Ihr Ausgangspunkt ist die volle Anerkennung des auf-sich-gestellt-seins des modernen Menschen, der den Bindungen an autoritative Traditionen entwachsen ist. Ihr Ausgangspunkt ist zweitens das Ernstnehmen neuzeitlicher Wissenschaftsorientierung mit allen Konsequenzen bis hinein in die gesellschaftlichen und technologischen Umgestaltungen der Moderne. Und ihr Ausgangspunkt ist nicht zuletzt der Wille zu Kultur gestaltender Wirksamkeit im Großen, um den Durchgang durch diese anspruchsvolle und kritische Situation menschengemäß zu bewältigen.</p>
<p>Sie pflanzte bedeutende Beiträge im praktischen Leben ein, die aus Mitteleuropa hinüber in alle Weltteile ausstrahlten — sei es in die Pädagogik oder die Landwirtschaft, sei es künstlerisch oder in sozialen Reformen. Weil sich in Anthroposophie das wissenschaftlich Selbstverständnis der eigenen inneren Tätigkeit als Geist bewusst wird, ist sie zugleich voraussetzungslose, nicht traditionell gebundene Weisheitslehre: das Gegenwartsbewusstsein findet selbstständig Zugang zu spirituellen Seinsdimensionen — und kann von da her zugleich einen neuartigen Anschluss an das Weltkulturerbe von Religion und Esoterik finden. Damit trägt Anthroposophie die Fähigkeiten in sich, auch in solchen Kulturzusammenhängen fruchtbar zu werden, wo die Kollision von Moderne und traditioneller, noch aus alten spirituellen Quellen gespeister Kultur, schwierige, ja kritische und konfliktreiche Situationen erzeugt hat.</p>
<p>Und doch ist die unbestrittene Erfolgsgeschichte der Anthroposophie — ihre Leistungen und Realisationen — keineswegs ungetrübt und unverschattet. Hat sie die Hürde zum 21.Jahrhundert wirklich nehmen können? Ist sie tatsächlich zu jenem heilenden Kulturfaktor geworden, der zu sein sie beansprucht? Ist die quantitativ vergleichsweise bescheidene Ausdehnung und Aufnahme ihrer Impulse nicht doch im Ganzen zu wenig wirksam geblieben? Darf man dennoch auf die homöopathische Wirkungen der kleinen und mittleren Initiativ-Inseln weltweit — Schulen, Heime, Höfe, Kliniken, Publizistik, Sozialinitiativen, Forschungsinstitute und Akademien — hoffen, wo durch mengenmäßig Kleines qualitativ Großes bewirkt wird? Oder muss eingestanden werden, dass sich die globalen Krankheitsformen, die es zu heilen galt und gilt, so verhärtet haben, dass die kleine Zahl der Träger und Freunde anthroposophischer Aktivität bislang zu wenig auszurichten vermochte? Diese Fragen können gestellt werden. Besser wäre es aber, sich eine andere ganz lapidar vorzulegen: sind die Potentialitäten dieser zu Beginn des 20.Jahrhunderts aufgetretenen Bewegung eigentlich ausgeschöpft worden? Birgt diese eigenartige Kulturerneuerungsbewegung nicht noch etwas in sich, was bislang nicht oder zu wenig ergriffen worden ist, weil mitten im Taumel einer galoppierenden Zivilisationsentwicklung — hinein in die globale elektronische Vernetzung der Welt, hinein die Allgegenwart medialer Illusionistik, hinein in die wirksam werdenden Tendenzen eines demokratisch legitimierten Überwachungsstaates, hinein in neue geopolitische Polarisierungen, hinein in rückwärtsgewandte Nationalismen oder religiöse Fundamentalismen, hinein in die ökologischen Katastrophen — etwas übersehen, vernachlässigt, verkannt worden ist: die Korrespondenz zwischen dem, was da »draußen« läuft und der inneren Bewusstseinssituation unseres individuellen Daseins? Will man eine »Positionsbestimmung« von Anthroposophie vornehmen, und nicht bloß an der Vergangenheit haften bleiben, nicht bloß historische Bilanzen ziehen, nicht bloß resignieren oder appellieren, dann bleibt gar kein anderer Weg als dieser: sich selbst zu befragen. Anthroposophie, als Impuls innerhalb dieser Zeitgenossenschaft, für diese Zeitgenossenschaft und aus dieser Zeitgenossenschaft heraus heißt dann, jenes Einbezogensein des Ich in das Drama der Zeit zu sehen, und aus diesem Sehen schöpferische Antworten zu finden. Um das zu tun gibt es sehr viele Ansatzpunkte in den alleraktuellsten Zeiterscheinungen. Ich greife im Folgenden drei große Felder stellvertretend heraus.</p>
<p><strong>Verstellte Wirklichkeit: Medienzerrbilder versus Seinserfahrung</strong><br />
Medien bestimmen in einer nie da gewesenen Weise das seelische, gesellschaftliche, sogar das wirtschaftliche Leben unserer Zeit. Bilder und Botschaften kommen heute technologisch vermittelt bis hinein in Hütten der Buschmänner Südafrikas oder in sibirische Jurten. Das sind tief greifende Wirkungen, vom suggestiven Reiz bis hin zur gelenkten Verformung von Wahrheit und Wirklichkeit. Man sollte dabei nicht allein die Oberflächlichkeiten der Unterhaltungsindustrie im Auge haben. »Leichte Muse« ist auch früher schon zu Kitsch, Glamour und Klamauk verkommen. Schwerwiegender ist, dass seriöse Information oder Wissensvermittlung selbst durch mediale, digitale, computersimulierte Vermittlung verändernd ins Bewusstsein eingreift. Die schnelle Nachrichtenmeldung aus Politik, Wirtschaft und Kultur bis hin zu Naturereignissen öffnet zwar einen ungeheuren Spielraum für die Bildung eigener Urteile. Wer damit einigermaßen umzugehen weiß, kann nur dankbar sein, dass uns diese Möglichkeiten heute zur Verfügung stehen. Wenn aber selektive Bilder und oberflächliche Kommentierung in rasendem Staccato die Bildschirme und Schlagzeilen besetzen, wird, statt Material für aktives, selbständiges Urteilen zu liefern, Passivität produziert: ein Zuschauerbewusstsein, das abzustumpfen droht, ganz abgesehen vom Phänomen des »Infotainments«, wo Nachrichtenübermittlung und Hintergrundkommentierung sich dem Unterhaltungswesen symbiotisch angepasst haben.</p>
<p>Von der Problematik technologisch-medialer Vermittlung sind auch Bildung und Unterricht, populäre wie akademische, betroffen. Was in Fernsehprogrammen, auf CDs und DVDs oder im Internet visuell und auditiv angeboten wird, ist didaktisch und inhaltlich zum Teil handwerklich solide. Und doch: filmische Inszenierungen geschichtlicher Ereignisse, animierte Rekonstruktionen antiker Ruinen, räumlich-visuell Darstellungen aus dem mikrobiologischen, molekularen oder interstellaren Bereich leisten einen in Bild und Bewegung geronnen Modelldenken Vorschub, wo nicht die Tätigkeit des Ich zum Erkennen erwacht, sondern vorfabrizierte Vorstellungen im Zauber graphischer Animationen erträumt werden. Oft wird zwischen Fotos oder Filmaufnahmen (die ja selber auch nicht das originäre Phänomen sind) und graphischen, dreidimensionalen Computersimulationen nicht einmal mehr unterschieden. Hinweise, um welche Technik es sich handelt, werden zunehmend weggelassen. Bildschaffende Simulationen haben nicht nur den populär-medialen Bildungs-, sondern den professionellen Wissenschaftsbetrieb selber ergriffen. Veranschaulichung, deren Nützlichkeit bis etwa in den medizinischen Bereich hinein außer Frage steht, fördert aber zusätzliche Ferne zum originären Phänomen. Diese Widersprüche sind nicht durch ein oberflächliches Pro und Contra zu überwinden. Sogar die bloß analysierende Kritik der Medienwissenschaft birgt eine Dialektik. Sie deckt die Verschränkung von materieller mit psychosozialer und politischer Technologie zwar scharfsinnig auf. Von Medientechnikern werden solche Erkenntnisse aber sogleich zu immer raffinierterer Manipulation instrumentalisiert. Ungenügend bleibt daher die bloße Diagnose der Wirkungen von Medien auf das Bewusstsein von außen. Aufzudecken wären umgekehrt die Wurzeln der Weltanschauung, welche die Selbstentfremdung des Bewussteins erst hervorbringt, und zwar im Menschen selbst. Nicht allein »Weltanschauung« als illusionistische und reduktionistische Ideologie ist zu hinterfragen, sondern das »Anschauen der Welt« selber, so wie es sich im Einzelnen konkret vollzieht. Das ist keine bloße Theorie, sondern erkennende und selbsterkennende Praxis des Bewusstseins. Die Medialisierung der Welt besteht ja nicht bloß und vor allem aus fatalen Einflüsterungen und Suggestionen außer uns liegender Mächte. Sie ist im Bewusstsein selbst veranlagt. Wie wären sonst die Anziehungskraft und der Zuspruch zu erklären, jene tendenzielle oder akute Süchtigkeit nach Dubletten der Wirklichkeit, mit denen wir uns zunehmend umstellen? Wirklichkeitsverlust entpuppt sich in der seelischen Beobachtung als Wirklichkeitsvergessenheit. Sie hat ihre Ursache in einer latenten Schwäche, die dazu führt, Wirklichkeit als fertig und objektartig zu vorzustellen. Nicht beobachtet wird der Prozess, in dem Wirklichkeit erst zustande kommt, ein Prozess, an dem das Bewusstsein selber mitbeteiligt ist. Die realitätstiftende Leistung des Bewusstseins wird in defizienter Weise abgekoppelt und hinausprojiziert. Die nicht durchschaute Beteiligung des Bewusstseins an der Entstehung von Realität meldet sich entstellt zurück, lässt seine Produktionen immer ungehemmter zu Formen gerinnen, die ihm als technisch-mediale Scheinwelten entfremdet entgegentreten.</p>
<p>Damit aber sind wir zugleich bei der Urwurzel von Anthroposophie, bei ihrem Erkenntnisquell als individuelle Praxis angekommen. Rudolf Steiner hat den Umgang mit Wirklichkeit im aktiven Selbsterfassen des Bewusstseins in seinem philosophischen Frühwerk nicht als bloße Vorstufe verstanden, sondern als Konstante auf dem Weg zum Geist. Der Wirklichkeitsgrund, auf dem das Individuum und die Gemeinschaften menschengemäß leben kann, ist nur durch Vollzüge des Bewusstseins offen zu legen, die über bloßes kritisches Reflektieren hinausgehen. Die Süchtigkeit nach virtueller Verstellung der Welt kann durch geistige Aktivität nachhaltig überwunden werden. Die Hinführung zu dieser Wirklichkeitssphäre — zu ihrer kräftigenden, befreienden Lebendigkeit — ist und bleibt eine sozialpädagogische Aufgabe ersten Ranges, eine Aufgabe, die im Grunde eine neue Meditationskultur intendiert.</p>
<p><strong>Neue Spiritualität – Sinnvoller Austausch</strong><br />
Und gerade hier liegt eine Potentialität, welche die Frage nach einer wirklich kulturverändernden Anthroposophie betrifft. Denn meditative Praxis ist heute tatsächlich ein Kulturfaktor, der in stetem Wachsen ist. Längst ist Meditation, vornehmlich von östlichen Schulen angeregt, keine Angelegenheit kleiner marginaler Gruppen mehr. Sie ist beim Mittelstand, in den Kirchen, sogar in Managerseminaren angekommen. Sie wird als Bedürfnis empfunden, um dem zweckrationalen Druck der Moderne und dem zerstückelnden Relativismus der Postmoderne ein Gegengewicht zu setzen. Darüber hinaus finden sich allenthalben Bestrebungen, auch einen Konnex zur Wissenschaft — Hirnforschung und Psychologie vor allem — zu schaffen. In der Anthroposophie, deren Wissenschaftsanspruch auf Grundlage der oben angedeuteten Bewusstseinsphänomenologie samt und sonders auf Meditation beruht, liegt diesbezüglich etwas ungeheuer Radikales vor. Sie geht als Meditationswissenschaft hinein in die Grundlagenforschung von Wissenschaftlichkeit überhaupt, nicht nur von Psychologie und Psychophysiologie. Sie legt darüber hinaus konkrete Ergebnisse einer »Geistesforschung« vor, die alle anerkannten Wissenschaftsdisziplinen betreffen: Naturwissenschaften, Kultur– und Sozialwissenschaften bis hin zur Mathematik und Theologie. Auf der anderen Seite macht sie — hier für die Öffentlichkeit am sichtbarsten und erfolgreichsten — praktischen Anwendungen im Bereich des sozialen Lebens möglich. Das konnte bisher in dieser Weise keine andere Bewegung leisten. Weder die Bestrebungen das Dalai Lama, moderne Naturwissenschaft und buddhistische Erkenntnislehre einander näher zu bringe, noch die großen Synthesen der Integralen Spiritualität eines Ken Wilber reichen an die Erträge der geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse heran, von den Anwendungsbereichen in Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft ganz zu schweigen. Das ist zunächst eine bloße Feststellung, die den Wert dieser Bestrebungen in keiner Weise herabmindern möchte. Und sie gibt auch zu keinerlei Überheblichkeit Anlass. Im Gegenteil: gerade diese Stärke der Anthroposophie entpuppt sich bei genauerem Hinsehen nämlich zugleich als ihre fundamentale Schwäche. Denn sowohl die Fülle an Anregungen und Inhalte, die sie so ungeheuer weit, tief und intensiv in verborgene Seinsdimensionen ausgreifen, als die Handlungskonsequenzen für die konkrete, weltverändernde Kulturpraxis, fußt heute noch in erheblichem Ausmaß auf den einmaligen Leistungen ihres Begründers Rudolf Steiner. Zwar ist der gelegentlich erhobene Vorwurf, Anthroposophen beriefen sich durchgehend auf die Autorität des großen Lehrers ohne selbst zureichend Einsichten und Fähigkeiten einzubringen, überzogen. Und doch springt die Diskrepanz zwischen den Vorgaben und Zielsetzungen einerseits, und den zwar soliden und kreativen, aber demgegenüber doch letztlich begrenzten Leistungen anthroposophischer Forscher und Praktiker ins Auge. Manchmal wird melancholisch darauf hingehofft, dass eine neue große Lehrergestalt nun endlich aktualisierte Durchbrüche bringe. Gerade um neue »Offenbarungen« dürfte es aber im Kern nicht gehen. Denn Anthroposophie zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie Anregung und kreatives Milieu sein will, um die autonome spirituelle Fähigkeitsbildung Vieler zu fördern. Ein neuer oder wiederkehrender Weltlehrer würde sich mit Sicherheit hüten, sein Können und Erkennen noch einmal den ohnehin großen Missverständnissen einer bloß enzyklopädischen Wissens-Anthroposophie und einer weiterhin existierenden latenten Autoritätsgläubigkeit auszuliefern.</p>
<p>Gerade in diesem Zusammenhang aber wird die Frage brennend, wie es nun wirklich um die anthroposophische Meditationspraxis bestellt ist, und wie sich eine solche Praxis innerhalb der längst angebrochenen, weiter wachsenden Meditationskultur unserer Zeit positionieren will und wird.</p>
<p>Die Stärke der Anthroposophie und der Meditationskultur, die mit ihr intendiert ist, fokussiert sich an einem ganz bestimmten, verborgenen und doch effizienten Ort: dem Angelpunkt zwischen individueller Entwicklung, Erweiterung von Wissenschaft und sozialer Praxis. Ist dieser Ort am Ende allzu lange und all zu sehr verborgen geblieben? Privilegiert wurden Inhalte und Ergebnisse. Über Meditation wurde viel geschwiegen, höchstens auf die Meditationsbücher Rudolf Steiners verwiesen. Erst in den letzten Jahren hat Meditation als Herzstück von Anthroposophie wieder begonnen, sich stärker im zwischenmenschlichen Raum zu artikulieren, nachdem eine ältere Generation sie wohl praktiziert, aber allzu sehr im Intimbereich zurückgehalten hat. Überwindet man diese Zurückhaltung — nicht plakativ, nicht appellativ, sondern durch die Praxis selbst — so ist zu erwarten, dass die spirituellen Erfahrungen, die allenthalben da sind, an Kohärenz, Lebensnähe und kreativer Kraft zunehmen werden. Unumgänglich ist dann auch, dass es dann mehr und mehr zum Gespräch nicht nur im inneranthroposophischen Raum, sondern auch mit seriösen Methoden und Schulen kommt, die längst gesellschaftlich wirksam geworden sind. Heute genügt es nicht mehr, den anthroposophischen Schulungsweg schützend gegenüber traditionsgebundenen Wegen geistiger Entwicklung bloß abzugrenzen. Es ist unumgänglich, diesen Schulungsweg — bei aller Kohärenz und Unabhängigkeit, der ihm eigen sein muss — in den Raum einer allgemeinen Meditationskultur hineinzustellen: Erstens, weil die Ortung von moderner Meditationspraxis am Angelpunkt von individueller Lebensbewältigung, Wissenschaftskultur und sozialer Praxis auch für Andere von Bedeutung sein kann, zweitens, weil es Universalien des Meditierens gibt, die jenseits von Schulen, Methoden und Weltanschauungen heute zum Tragen kommen wollen, und last but not least, weil im Kommunizieren Lernprozesse angeregt werden können, nicht nur für Andere, sondern auch für Freunde der Anthroposophie selber. Diese interspirituelle Aufgabe ist groß, und sie geht über das rein »Technische« des Meditierens weit hinaus. Denn sie kommt unausweichlich in Kontakt mit dem Mutterboden, auf dem Spiritualität und Meditation bisher weltgeschichtlich gebettet waren: den religiösen Traditionen.</p>
<p><strong>Religion – Fundamentalismus versus Spirituell Kreative</strong><br />
Religion ist heute wieder ein Politikum. Konservative Kreise unterschiedlicher Konfessionen — Christen, Juden, Moslems, Hindus — greifen in die Gestaltung der Staaten ein, in denen sie traditionell beheimatet sind. Im Fahrwasser konservativ-religiöser Bestrebungen schwimmen auch kleine radikale Gruppen mit, und nehmen zunehmend Einfluss, sei es auf einem »langen Marsch durch die Institutionen«, sei es durch Terror und Gewalt. In den letzten Jahren verzeichnen Beobachter sogar eine grenzübergreifende Vernetzung: Un-Kommissionen und internationale Kongresse zu Fragen der Frauenemanzipation oder anderer Menschenrechte werden von konservativen christlichen Aktivisten systematisch vereinnahmt, es finden auch Zusammenschlüsse mit verwandten islamischen, gelegentlich jüdischen Organisationen statt. Sie stellen sich dezidiert dem a-religiösen Säkularismus entgegen, der bisher Hauptträger der neuzeitlichen Emanzipationsbewegung war. Dieser reagiert nervös, und verschanzt sich in alten Abwehrmechanismen, indem er Religion überhaupt in Frage stellt. Offenbar ist der seit der Aufklärung laufende Kampf zwischen radikalem Laizismus und autoritär gebundener Religion noch nicht ausgestanden. Ob es zu einem »Zusammenprall der Zivilisationen« kommt — jetzt nicht zwischen Regionen oder Territorien, sondern quer durch diese hindurch zwischen einem konservativ-religiösen und einem antireligiös-progressiven Lager weltweit -, oder ob sich Brückenschläge realisieren lassen, hängt von den Wirkmöglichkeiten einer dritten Gruppe ab: den »spirituell Kreativen«, wie sie gelegentlich genannt werden. Für sie ist Religion und Freiheit nicht nur kompatibel. Sie gehören in den tieferen Schichten wahrer Zeitgenossenschaft zusammen. Sie können für die Abwehrreaktionen der Konservativen gegen Irrläufe zügelloser Entmenschlichungstendenzen der Moderne Verständnis aufbringen, müssen aber die Rückbindung an autoritäre Gesinnungs– und Gemeinschaftsnormen ablehnen. Sie teilen die Grundsätze der Freiheit, die von Progressiven vertreten werden, durchschauen aber deren antispirituellen, reduktionistischen Tendenzen als Widerspruch zu eben jener Freiheit. Diese dritte Kraft kann sich aber nicht ohne weiteres in einer festen Begriffssprache oder gezielten Aktionsstrategie artikulieren. Vieles scheint da noch in der Zukunft zu liegen, die Keime dazu sind aber eindeutig da. Und Anthroposophie hat zweifellos mit dieser dritten Kraft viel zu tun.</p>
<p>Anthroposophie ist keine Religion. Das wird oft wiederholt, aber nicht immer verstanden. Manchmal mischt sich ein sonderbar konfessioneller Zug in ihre Praxis. Und doch dringt anthroposophische Erkenntnispraxis naturgemäß zum Religiösen vor. Weil durch Anthroposophie als Wissenschaft vom Geist ein realer Kontakt zu den Quellen spiritueller Wirklichkeit entstehen kann, werden zugleich lebendige Kräfte im Menschen freigesetzt: in Gefühl und Wollen. Es sind genau diejenigen Kräfte, zu denen einst die Menschen durch Autorität hingeführt wurden, als die großen traditionellen Religionen entstanden. Jetzt aber werden sie, unter der Ägide individueller spiritueller Erkenntnispraxis, im freien Vollzug und in rückhaltloser Verantwortlichkeit des Einzelnen erschlossen und gepflegt. Ob der Einzelne dabei nun völlig abseits von jeder äußeren Religionsgemeinschaft bleibt, ob er die ererbte Religion — welche auch immer — weiterpflegt ; ob er aus schicksalhafter Affinität, oder freier Initiative Zugang zu anderen Traditionen findet: all dies bleibt für die anthroposophische Praxis völlig außerhalb jeder Determination durch Normen oder Handlungsanweisungen. Das ist die eine Seite.</p>
<p>Die andere aber ist die: werden jene Kräfte des Fühlens und Wollens freigesetzt und in freier, spiritueller Erkenntnispraxis gepflegt, so entsteht potentiell ein Milieu, das sich der Aufgabe widmen kann, den Ort von Religion im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft kreativ zu interpretieren, und zwar jenseits der Rückzugsgefechte von Links und Rechts. Das ist ein weites Feld, es reicht von der Erziehung über politische Fragen bis hin in zum interreligiösen Dialog. Besonders die großen, noch weitgehend unbewältigten ethischen Kontroversen, die das Menschsein im Kern unmittelbar betreffen — Schwangerschaftsverhütung und –abbruch, Sterbehilfe und Euthanasie, Organtransplantationen und Genmanipulation — werden von a-religiös Progressiven wie von autoritativ gebundenen Religiösen unzulänglich beantwortet. Weder die eine noch die andere Seite berücksichtigt jene Erfahrungsbereiche, denen in der anthroposophischen Forschung ein zentrales Gewicht zukommt: die Dimensionen der vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz des Menschen, bis hin zu den Perspektiven individueller Wiedergeburt und selbst verursachter Schicksalsbildung. Im Licht solcher Gesichtspunkte könnten die ungeheuer großen ethischen Fragen unserer Zeit völlig anders gewichtet werden als bisher, was zweifellos zu neuen Lösungsansätzen in der Gesetzgebung und für die individuelle Entscheidungsfindung führen kann. Es kann nicht darum gehen kann, diese Gesichtspunkte als Gedankenmodell per Agitation mehrheitsfähig zu machen. Und doch dürfte viel davon abhängen, ob sie von genügend Menschen aufgenommen werden, die sich darin wiedererkennen können. Das lässt viele Fragen hinsichtlich des Wie offen. Wer könnte sagen, was zu tun wäre? Oder kommt es gar nicht so sehr auf »Aktionsfahrpläne« an? Sicher ist: Gesucht werden müsste eine Sprache, die sich nicht im Jargon einer geschlossenen Insidergruppe erschöpft. Gesucht werden müssten Aktionsformen und Zusammenschlüsse jenseits des Hergebrachten. Gesucht werden muss vor allem der Weg hin zu den Menschen im gesteigerten Interesse und Mitgefühl: Eine Anthroposophie, die sich auf dem Experimentierfeld der Zeitgenossenschaft selbst auf die Probe stellt. Keine Anthroposophie, die fertige Antworten parat hält, sondern eine, und die das Wagnis eingeht, mit ihren eigenen Potentialitäten am Ende vielleicht doch ernst zu machen.</p>
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