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	<title>OpenMindJournal &#187; a_Editors Choice</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
	<lastBuildDate>Thu, 17 May 2012 11:01:36 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Wir brauchen alle Stimmen</title>
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		<pubDate>Tue, 15 May 2012 21:08:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Theresa Zimmermann, Studentin, und Johannes Heimrath, Oya-Herausgeber , bekamen bei ­einem Konzeptionsgespräch zu dieser Ausgabe von Oya Lust, sich in Form eines E-Mail-Duetts durch junge und alte Gedanken zu den aktuellen Fragestellungen treiben zu lassen. Draußen ist es grau und duster, und ich denke nach. Viele Menschen prophezeien, dass auch unsere Zukunft duster aussehen wird. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Theresa Zimmermann, Studentin, und Johannes Heimrath, Oya-Herausgeber , bekamen bei ­einem Konzeptionsgespräch zu dieser Ausgabe von Oya Lust, sich in Form eines E-Mail-Duetts durch junge und alte Gedanken zu den aktuellen Fragestellungen treiben zu lassen.</h4>
<p><em><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/image1_hires.jpg" rel="lightbox[4886]"><img class="alignright  wp-image-4889" style="margin-left: 10px;" title="Wir brauchen alle Stimmen" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/image1_hires-300x168.jpg" alt="" width="200" /></a>Draußen ist es grau und duster, und ich denke nach. Viele Menschen prophezeien, dass auch unsere Zukunft duster aussehen wird. Energie– und Rohstoffkrisen sind das eine, aber auch die Gesellschaft als Ganze wird leiden und immer ungerechter werden. Mir wurde mal gesagt, wir seien die erste Generation, der es »schlechter« ­gehen werde als ihrer Elterngeneration. Wenn ich das im Studium Gelernte reflektiere, fällt es nicht schwer, die Aussage für wahr zu halten. Ein schöner Ausblick ist das nicht – doch entmutigen lassen sollte man sich auch nicht. Was bleibt also?</em></p>
<p>Wir sind auch die erste Generation der Spezies Homo, in deren Händen allein es liegt, ob sie die letzte sein wird. Es lauern noch immer über 20 000 Atomsprengköpfe in den Bunkern der Nuklear­mächte, fast 5000 davon werden von Tausenden ganz normaler Menschen in ständiger Gefechtsbereitschaft gehalten. Die Verseuchung der Welt durch genetisch veränderte Organismen, Ackergifte und Nanopartikel, eine Klimaentwicklung, die sich fast im Wochenrhythmus als immer komplexer und unvorhersagbarer entpuppt – es muss etwas der gefühlten Ohnmacht des Einzelnen gegenüberstehen, das der ganzen krisenhaften Erscheinung Bedeutung und Sinn verleiht. Das Leben selbst beweist es in jedem Augen­blick: Es gibt keine aufsteigende Bewegung, die nicht zugleich eine absteigende als Komplementärin hat und umgekehrt. Der Zyklus ist Geheimnis und Prinzip allen Lebens. – Wie heißt nun der aufsteigende Kreisbogen der Weltentwicklung, der den Niedergang des Bisherigen aus der Würdelosigkeit des bloßen Verfalls herausholt und ihn als sinnvolle Voraussetzung für einen neuen Lebensentwurf annimmt?<br />
<em><br />
Wie können wir diesen Kreislauf, das Auf und Ab, gemeinsam nutzbringend gestalten? Wie können wir scheinbar verheerende Situationen in solche wenden, die Positives generieren? Wer sich stark fühlt, auf sein Herz hört und tut, worauf er Lust hat, schafft oft enorm viel Gutes durch das pure Sein. Gleichzeitig birgt jedes Handeln unzählige Konsequenzen, die nie allesamt abzuschätzen sind. Die wirtschaftliche, politische, kulturelle, soziale und mediale Globalisierung übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen. Wer viel über die Lage der Welt nachdenkt und möglichst »richtig« agieren will, erstickt leicht in der Komplexität der Zusammenhänge. Wie ist es zu schaffen, die Gesellschaft und uns selbst vor einer Lethargie zu bewahren, die den Zukunftssorgen nur ausweichen will? Woher nehmen wir die Hoffnung, die Zuversicht, das Vertrauen, die eigene Handlungsbereitschaft?<br />
</em><br />
Schwierige Frage. Die Antwort heißt vermutlich: Liebe. Ich versuche, mich zu erinnern, was ich in den Phasen fühle, in denen der dunklere Teil der Wirklichkeit meine Vision verschattet. Gibt es so etwas wie ein Trotzdem? Das würde einen Widerstand bedingen, gegen den ich anzurennen hätte. Ich habe mal, da ging ich in die dritte Klasse, ein Mädchen umgerannt, um meinen Schulkameraden zu beweisen, dass ich kein Weiberheld sei. Sie hatten mich damit aufgezogen, dass ich unmännlich, weil verliebt sei – und ich wollte nicht aus der Bubenclique fliegen. Noch während sie fiel, wurde mir zugleich mit der Schändlichkeit meiner Tat bewusst, wie tief ich mich selbst damit verletzte, indem ich ihr Schaden zufügte. Denn – ahnungslos, wie ich noch war – ich spürte plötzlich, dass die Kameraden recht gehabt hatten: Ein ungeheuer sehnsuchtsvolles Ziehen riss mir schier das Herz aus dem Leib, und ich weiß seitdem wie nichts anderes, dass ich nicht in einer Welt leben möchte, in der sanfte Menschen zu harten Monstern gepresst werden. Es kostete mich mehr als meinen ganzen Mut, mich ein paar herzzerklopfte Nächte später bei ihr zu entschuldigen. Ihre Antwort bleibt mir genauso unvergesslich: Sie hatte meine innere Zwangslage verstanden und lud mich ein, in Zukunft mit ihr den Schulweg zu teilen. Bestimmt haben wir dann in vielen Monaten auch Belangloses geredet, aber ich erinnere mich an präzise Bilder einer jungen, hellen, friedlichen Welt, die wir uns gegenseitig mit allen unseren Kräften zu schaffen versprachen. Das fühle ich heute noch, und das treibt mich bis heute an. Wir waren Kinder, acht Jahre alt. Ich wünschte mir damals, jemand wie der, der ich heute glaube zu sein, hätte sich so für unsere Weltvision eingesetzt, wie ich es heute tue.</p>
<p><em>Willst du damit sagen, es gab damals keine Visionäre, die sich für ihre Träume eingesetzt haben? Gab es diese nicht immer? Sie haben sich in anderen Zeiten nur auf andere Themen und Bedürfnisse konzentriert.<br />
Ich bin in einem Idyll aufgewachsen und wurde auch früh mit Themen wie Nachhaltigkeit, bewusster Konsum, gemeinschaftliches Miteinander konfrontiert – Bereiche, die mir noch immer wichtig sind. Dennoch habe ich wahrscheinlich eine ganz ähnliche Frustration gefühlt wie du damals. Auf eine Art dachte ich, ich bin anders als die anderen, habe andere Bedürfnisse, mache mir andere Gedanken um die Welt als die Menschen um mich herum. Dann kamen das Internet, meine Auslandsaufenthalte und die neuen Medien, die es mir schon früh ermöglichten, mich mit der Welt zu vernetzen, Informationen aus nah und fern zu beziehen und von Menschen zu erfahren, die auch die von dir beschriebene junge, helle, friedliche Welt fühlen. Da war ich sicher in einer glücklicheren Situation als noch deine Generation. So wie dich das von dir beschriebene Ereignis im Kindesalter bis heute prägt und ermutigt, sind es für mich die entstandenen Netzwerke, Freundschaften und Erfahrungsberichte, die mich ermutigen und immer wieder meine Handlungsbereitschaft und mein Handlungsbedürfnis erneuern. Und trotzdem: Mir wird mehr und mehr bewusst, dass jeder ein eingeschränktes Blickfeld hat, so auch du und ich. Manchmal wünsche ich, ich könnte noch offener für die Blicke und Motive derjenigen sein, die scheinbar entgegen meinen Visionen agieren. Wäre das nicht der effektivste Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander? Welchen Weg bist du gegangen? Hast du dir primär angeschaut, was für Bedürfnisse du und dein Umfeld haben, und hast dann weitergreifende Visionen und Taten entwickelt? Wenn ja, hast du noch die Offenheit für die Meinungen und Bedürfnisse derer, die scheinbar ganz anders sind als du?<br />
</em><br />
Freilich gab es auch damals Visionäre. Und es stimmt: Wann hätte es sie nicht gegeben? Aber die Kommunikationswege waren so unvergleichlich viel langsamer als heute, und bis ich mich dann mit fünfzehn bis zu Hesses Siddhartha vorgetastet hatte, während ich gleichzeitig versuchte, zu verstehen, was die Notstandsgesetze mit Freiheit zu tun hatten, verfloss die Zeit viel weniger gequirlt als im Zeitalter des Milchschaums. Es gab ja auch erst eine italienische Eisdiele, die im Sommer aufhatte, und bedeutungsschwangere Gespräche bei Latte Macchiato konnten nicht geführt werden, weil es gar keine Latte gab. Deshalb hat es auch länger gedauert, bis ich beispielsweise zu einer soliden Antwort auf deine letzten Fragen in der Lage war. Dafür hat die Frage nach dem Umgang mit denen, die anders sind als ich, eine besonders tiefe Wurzel in mich gegraben. Als ich vor 35 Jahren mit meinen Lebensgefährtinnen und –gefährten beschloss, ein gemeinsames Leben zu führen, geschah das aus dem Anschauen der Bedürfnisse dieser Welt, und wir waren überzeugt, dass wir selbst diejenigen sein müssten, die wir in der Welt sehen wollten. Erst viel später kam mir dieses sinngemäße Wort von Gandhi entgegen, als unsere Gemeinschaft schon manche Festungsmauer zwischen uns und der Welt »der Anderen« abgetragen hatte. Eine letzte massive Übung ist noch nicht so lange her: Vor zehn Jahren war in dem Ländchen, in dem ich nun seit fünfzehn Jahren lebe, ein Teil der Einwohnerschaft infolge eines Herbizidunfalls, in dem die Agroindustrie unter anderem einen Ökobetrieb von uns schwer beschädigte, in eine ganz und gar irrationale Gegnerschaft zu uns geraten. Man wollte uns und alle Neubürger der umliegenden Dörfer vertreiben. Wir konnten aber rechtzeitig erkennen, dass diejenigen, die sich als unsere Gegner verstanden, dasselbe anstrebten wie wir selbst: eine Heimat zu haben, an deren glücklicher Zukunft man aktiv mitwirken kann. Es war die letzte Lektion dahin, zu verstehen, dass ein Konflikt nicht Grund für Spaltung und Trennung sein muss, sondern vielmehr beweist, dass man mit dem anderen etwas Gemeinsames hat, das beide essenziell angeht. Sie hat mich tief in die Wahrheit hineingeführt, die in dem Wort »Biodiversität« liegt: Wir brauchen alle Stimmen, wenn wir ein überlebensfähiges, resilientes Ökotop bilden wollen. – Aber lass mich jetzt doch hören, wie deine Palette der sinnvollen Beiträge aussieht, die du konkret zur Verwirklichung deiner Version einer enkeltauglichen Welt leisten willst.</p>
<p><em>Während ich durchs Leben schreite, entwickeln sich meine Visionen weiter. Wie oben beschrieben, fällt es mir immer schwerer, mich mit meinen Wünschen und Ideen auf unseren geografischen Raum und unsere Gesellschaft zu beschränken. Wie ich die Umsetzung nun aber angehe, ist eine schwierigere Frage.<br />
Einerseits möchte ich mir gewisse Probleme ins Bewusstsein holen und mich dafür einsetzen, dass sich auch andere dieser Situationen bewusst werden. Ich möchte also mit möglichst vielen Menschen mein und unser Leben und Tun diskutieren und reflektieren. So organisiere ich beispielsweise Konferenzen, auf denen eine Plattform für die Auseinandersetzung mit wichtigen Themen geschaffen wird. Gleichzeitig versuche ich, meine Offenheit zu bewahren und möglichst viele Eindrücke in mich aufzusaugen und so zu verarbeiten, dass ein immer runderes Bild entsteht. Ich bemühe mich, das Gelernte zu hinterfragen und nachzuhaken, wo immer es geht. Oftmals ist damit verbunden, sich für die »Rechte meiner Generation« starkzumachen und Forderungen zu stellen – an Politiker, an Wirtschaftler, an Wissenschaftler, an alle diejenigen, die diese Welt mitgestalten – ja, auch an dich.<br />
Andererseits jedoch muss und will auch ich aktiv mitgestalten, ausprobieren, verändern. Mein Vegetarierinnendasein rettet sicherlich nicht die Welt (wobei ich eh immer mehr davon ausgehe, dass es nicht darum geht, die Welt vor »dem Untergang« zu bewahren, sondern immer weiter zu gestalten) – dafür braucht es schon weitergreifende strukturelle Änderungen. Wer aber meint, er habe das Patentrezept zur Behandlung eines bestimmten Pro­blems, kann meiner Meinung nach nicht Recht haben – zu komplex und vielschichtig ist diese Welt. Mein ewiges »Suchen« langsam in ein »Machen« zu wandeln, darin sehe ich derzeit noch eine große Herausforderung. Nun hast du mich wieder und wieder gefragt, wie ich mich für die Verwirklichung meiner Visionen einsetze. Wie aber steht es um dich? Du gehörst zur Generation, die Entscheidungen trifft und bereits getroffen hat, die mich, meine Kinder und Enkel betreffen werden. Bist du zufrieden mit dem Einsatz, den du geleistet hast? Was würdest du anders machen? Wo siehst du noch Potenziale für ein aktives Mitwirken?<br />
</em><br />
Gerade erst gestern war ich auf einer Konferenz zu einem ziemlich einzigartigen Projekt: In unserem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hat sich vor wenigen Wochen eine Genossenschaft von Gemeinden gegründet, die sich auf den Weg zur Energie-Selbstversorgung gemacht haben. In den kommenden Jahren sollen sich 500 (Bio-)Energiedörfer etablieren. Auf der Konferenz im Schweriner Landtag diskutierten Abgeordnete, Regierungsangehörige, Landräte, Bürgermeister und Fachleute engagiert über die nächsten Schritte zur Umsetzung der Energiewende. Aber: Wo waren die jungen Generationen? Die Generation der Zwanzigjährigen war gar nicht vertreten, die der Dreißigjährigen war an zwei Händen abzuzählen, der Rest der fast 200 Teilnehmer war über 40, und »Teilnehmer« stimmt auch, denn die ganze Bewegung wird zum überwiegenden Teil von Männern in Gang gesetzt. Dabei nahm das Projekt seine Uranfänge unter anderem in den Regionalkonferenzen, zu denen ich vor einigen Jahren hier an meinem Lebensort eingeladen hatte, und da waren es überwiegend junge Menschen gewesen, die die Initialgedanken in die Welt gesetzt hatten.<br />
Ich habe gestern diesen eigenartigen Spalt zwischen dem »jungen« Geist und der »alten« Verwirklichung angesprochen. In dem Zuspruch, den ich danach bekommen habe, wurde immer wieder das Wort »Partizipation« verwendet, und es waren sich alle einig, dass wir uns von einem bloßen »Mitmachen« der jungen Generatio­nen verabschieden müssen und echte, paritätische Mitgestaltung anzustreben sei. Insofern bin ich in diesem Beispiel für die Wirksamkeit meines Einsatzes nur halb zufrieden. Die Frage blieb unbeantwortet, wie wir die jungen Menschen erreichen können, so dass sie mittun und im Mittun auch die Formen verändern, in denen sich solche Unternehmungen äußern. Ja, ich möchte, dass die Entscheidungen, die meine Generation bisher getroffen hat, breiteste Revision durch die Jungen erfahren, denn es gibt überhaupt keine Entscheidung, die nicht euch beträfe. Ich sehe, dass in vielen Bereichen die Alten erkannt haben, dass es nicht ohne die Jungen geht, aber ich sehe noch nicht, welches Angebot der – willigen – Jungen da ist, die – willigen – Alten in ihre Kultur der Zukunft einzuladen und mitzunehmen. Any idea?</p>
<p><em>Du meinst, dass hier zwei »Kulturen« parallel leben und sich nicht treffen, absprechen und ergänzen? Nun, aus junger Sicht kann ich sagen, dass es eine ganze Reihe von Projekten, Ideen, Veranstaltungen und viel Engagement zu zukunftsrelevanten Fragestellungen gibt – die allesamt von jungen Menschen ins Leben gerufen werden und auf Kooperation mit den Älteren bauen. Doch was oft fehlt: (finanzielle) Kapazitäten und wirkliche Einflussmöglichkeiten. Man darf nicht vergessen, dass wir jüngeren Menschen meist in der Ausbildung stecken, oft von Eltern oder BAföG abhängig sind und Entscheidungen für die individuelle Zukunft treffen müssen. Das alles beansprucht Zeit und Kraft. Für viele ist es dadurch gar nicht möglich, noch »zusätzliches« Engagement zu leisten. Für diejenigen, die es dennoch können und tun, bedeutet es eine Gratwanderung zwischen dem Einsatz für den eigenen Alltag und die persönliche Zukunft und dem für das Allgemeinwohl.<br />
Als Beispiel ein Projekt, in dem ich selbst involviert bin: Seit eineinhalb Jahren setzen wir – Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten aus ganz Deutschland – uns für eine Veranstaltung »Visionaries in Action« ein, mit der wir eine Plattform für den Austausch von jungen Menschen und erfahrenen »Älteren« schaffen wollen, die dann gemeinsam zukunftsweisende Projekte entwickeln können. Wir haben bereits viele Wochenenden, viel Herzblut und viel eigenes Geld in die Organisation gesteckt, und dennoch steht das Projekt auf der Kippe. Von denjenigen, die auf den Fördertöpfen sitzen, bekommen wir bislang keinen Zuspruch. Da ist es schon frustrierend, zu sehen, wenn stattdessen Millionen in eine neue Autobahn fließen.<br />
Habt ihr denn »die Jungen« zu eurer Konferenz eingeladen? Konntet ihr ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie tatsächlich Partizipations– und Mitentscheidungsmöglichkeiten haben? Wäre es nicht schön, wenn wir einen Austausch schaffen könnten, in dem die »Alten« Erfahrung, Zeit und nötige Ressourcen und die »Jungen« Ideen, Engagement und frischen Wind geben würden? In einer Atmosphäre, in der gemeinsam nach Lösungen gesucht wird, anstatt gute Ideen von den Entscheidungshierarchien erdrücken zu lassen? Wenn wir als Gesellschaft erkennen würden, dass wir ­gemeinsam viel mehr erreichen können als einzeln?<br />
</em><br />
Du triffst den Nagel auf den Kopf, mehrfach. Selbstverständlich wurden »die Jungen« eingeladen, es sind ja Anbindungen an Hochschulen da. Aber der erste Nagelkopf heißt »Partizipation«: Mich würde es auch nicht interessieren, zum Mitmachen eingeladen zu werden, wenn es womöglich gar nicht dorthin führt, wo ich ein sinnvolles Ziel sehe. Partizipation ist eben nicht voll verwirklichte Gemeinsamkeit. Aber andererseits: Wenn niemand da ist, der ­genau das aus authentischem Eigeninteresse einfordert, wie sollen es dann die willigen anderen überhaupt verstehen? So kommt es, dass die »gestandenen Männer« das verwirklichen werden, was sie für das Beste für alle halten, und die eigentliche Innovation, die aus ­euren Reihen artikuliert werden müsste, nicht stattfindet.<br />
Ja, es braucht eine »Youth and Elders Alliance«, ein Bündnis der Generationen, das sich an die gemeinsame Sache der neuen Kultur macht und nach jungen Ideen sucht, wie wir die Hilflosigkeiten gegenüber dem Alten umgehen und hinter uns lassen können. Vielleicht wissen wir heute noch nicht, wie wir das anstellen sollen. Aber wir fangen einfach damit an. Unseren Mailwechsel empfinde ich als einen – zugegeben winzigkleinen, aber richtigen – Schritt auf dem Weg. Ich rede jedenfalls nicht für die Autobahn, und ich rede in der Energiekonferenz über die Notwendigkeit, das ganze Vorhaben mit eurer, der jungen Welt zu verknüpfen, auch auf die Gefahr hin, dass der Verständigungsprozess harzig sein könnte.</p>
<p><em>Dabei sollten wir aber vermeiden, nur die schwierigen Aspek­te zu beleuchten, und uns stattdessen den Beispielen widmen, in denen es bereits zukunftsfähige Entscheidungen und ein kon­struk­tives Miteinander der Generationen gibt. Lass uns nach »Posi­tiv-Beispielen« suchen und von diesen lernen. Ich hoffe, dass ich mich nicht früher oder später in den Sog einer frustrierten Konsumgesellschaft ziehen lasse und ich mir stattdessen ein bisschen von meinem »jungen Idealismus« bewahren kann. Wenn ich es schaffe, sowohl meiner eigenen Generation als auch den vor und nach mir liegenden fair gegenüber zu sein und Brücken zu bauen, wo immer es geht, dann kann ich zufrieden sein. Weiter wünsche ich mir, dass nicht nur mir und meiner Generation, sondern all denjenigen, die von unserem Handeln auf irgendeine Weise betroffen sind, wahre Partizipationsmöglichkeiten gegeben werden. Auf lang oder kurz wird das allen zugutekommen.</em></p>
<p> </p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken. anders leben, Ausgabe <a href="http://www.oya-online.de/article/issue/14-2012.html" rel="external nofollow">14/2012</a></em></p>
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		<title>Eros, Sex, Lust und Liebe</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/05/06/eros-sex-lust-und-liebe/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 May 2012 18:22:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Suche nach dem „Motor“ der Evolution hat eine lange philosophische und in der jüngeren Geschichte auch wissenschaftliche Tradition. Beide versuchen, die letztere von zwei Grundfragen zu beantworten: - Warum ist überhaupt irgendetwas? und - Warum entwickelt sich dieses Irgendetwas (und bleibt nicht einfach so, wie es ist)? Warum bleiben die ersten Wasserstoffatome und Gaswolken [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4848" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/4650_original_R_by_Henning-Hraban-Ramm_pixelio.png" rel="lightbox[4834]"><img class=" wp-image-4848 " title="Talk about Sex" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/4650_original_R_by_Henning-Hraban-Ramm_pixelio-300x217.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Henning Hraban Ramm / pixelio.de</p></div>
<p>Die Suche nach dem „Motor“ der Evolution hat eine lange philosophische und in der jüngeren Geschichte auch wissenschaftliche Tradition. Beide versuchen, die letztere von zwei Grundfragen zu beantworten:</p>
<p>- Warum ist überhaupt irgendetwas? und</p>
<p>- Warum entwickelt sich dieses Irgendetwas (und bleibt nicht einfach so, wie es ist)?</p>
<p>Warum bleiben die ersten Wasserstoffatome und Gaswolken im Universum nicht einfach Atome und Gaswolken, sondern formen sich zu Sonnen, die nach ihrem Sterben in gewaltigen Explosionen neue Elemente hervorbringen? Warum formen sich aus dem Sternenstaub dieser frühen Explosionen Sonnensysteme mit Planeten, auf denen dann immer komplexere Formen von Leben (und Bewusstsein) entstehen? Warum kommt dieses Leben nicht irgendwann einmal an den Punkt, an dem es „genug ist“, sondern schreitet in aufeinanderfolgenden Stufen von Komplexität und Bewusstheit immer weiter fort? Warum kann dieser Augenblick und der nächste und der darauffolgende nicht einfach so bleiben, wie er ist, sondern präsentiert sich in einer unablässigen Folge von Veränderungen, die, auf längere Sicht betrachtet und unter Berücksichtigung vieler Schlingen und Schlaufen, wieder in eine Richtung von zunehmender Komplexität und Bewusstheit zeigen? Wer oder was steckt hinter dieser Dynamik, die sich wie ein roter Faden und kosmischer Strang durch die gesamte Geschichte der Manifestation zieht und heute so quicklebendig ist wie am ersten Schöpfungstag?</p>
<blockquote><p>Eros ist ein liebender, schöpferischer Impuls, der in einer unbändigen Freude und Kreativität unsere Entwicklung, vorantreibt.</p></blockquote>
<h4>LIEBE als Prinzip der Entwicklung</h4>
<p>Eine frühe philosophische Antwort auf diese Frage, oder, genauer, eine Bezeichnung dieser geheimnisvollen Kraft, ist Eros, der als ein liebender, schöpferischer Impuls in einer unbändigen Freude und Kreativität die Entwicklung, unsere Entwicklung, vorantreibt. Dieser Eros ist die Kraft und Liebe, welche die Sterne ebenso bewegt wie unsere Gefühle, Gedanken und Taten. In diesem Sinne ist alles, wirklich <em>alles</em>, was sich im Universum ereignet, ein Ausdruck von LIEBE. Ausgedrückt in der wissenschaftlichen Sprache der Systemtheorie wird in diesem Zusammenhang von Autopoiesis oder der Kraft der Selbstorganisation gesprochen. Das klingt „vernünftiger“ als Liebe oder Eros, bezeichnet aber letztendlich auch nur etwas, was sich zwar ständig erfahren, beobachten und in seiner Wirkung beschreiben, aber im Hinblick auf seine Herkunft nicht erklären lässt, und so landen wir wieder beim Fragenpaar</p>
<p>- Warum ist überhaupt irgendetwas? und</p>
<p>- Warum entwickelt sich dieses Irgendetwas (und bleibt nicht einfach so, wie es ist)?</p>
<p>Die Beschreibung und das Philosophieren aus einer kosmischen-universellen Perspektive heraus ist das eine, doch so richtig interessant wird es, wenn wir die irdisch menschliche Dimension in ihrem Eingebettet-Sein in diese evolutionäre Strömung eines die Entwicklung immer weiter vorantreibenden Geschehens betrachten. Die Aussage „alles ist letztendlich ein Ausdruck von LIEBE“ wird buchstäblich relativiert, wenn wir unseren Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und –wesen und unseren Umgang mit der Natur betrachten. Im Rahmen der allumfassenden LIEBE gibt es hier ein breites  Erlebensspektrum von totaler Lieblosigkeit bis zu einer übermenschlich erscheinenden Liebesfähigkeit. Die LIEBE bringt offensichtlich in einer unerschöpflichen Kreativität immer neue, höhere und weitere Möglichkeiten und Formen von Liebe hervor, die wir Menschen in uns, zwischen uns und auch gegenüber der Natur zum Ausdruck bringen können. Die Entwicklung schreitet offenbar voran, auch die Entwicklung von Liebe, und wir mit ihr, mehr oder weniger.</p>
<h4>Entwicklungsstufen auf dem Weg zur LIEBE</h4>
<p>Können wir in einer kosmischen Dimension von einem allumfassenden Eros und einer alles durchdringenden und absoluten LIEBE sprechen, müssen wir in einem sich entwickelnden Universum, wenn wir die durch die LIEBE hervorgebrachte Formen– und Erscheinungswelt wirklich würdigen wollen, von Ebenen des Eros, der Liebe, der Lust und der Sexualität sprechen. Auf jeder Entwicklungsstufe, so einer der wichtigen Hinweise einer integralen Theorie und Praxis, wird der begrenzte Liebeshorizont erweitert und umfasst immer mehr Perspektiven, Wesen und Sein – von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch zu kosmozentrisch, von narzisstisch zu absolutistisch zu aufgeklärt/modern zu multiperspektivisch/postmodern zu integral und noch weiter. Doch was bedeutet das konkret, wie wird Liebe auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen gelebt und drückt sie sich aus, welche Formen von Beziehung sind weiter entwickelt als andere, und was bedeutet „Sexualität  auf einer höheren Stufe“ konkret?</p>
<blockquote><p>Auf jeder Entwicklungsstufe wird der Liebeshorizont erweitert und umfasst immer mehr Perspektiven – von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch zu kosmozentrisch.</p></blockquote>
<p>Eine Personengruppe die diesbezüglich unter besonderer Beobachtung steht, ist die der spirituellen Lehrer. Deren Lehren betonen immer wieder die Dimensionen von Absolutheit, Liebe und Eros, und viele sprechen auch konkret über Sexualität (oder „erleuchtete Sexualität“ und „tranzendente Beziehungen“). Da liegt es nahe zu schauen, wie diese Lehrer diesen Ansprüchen in ihrem öffentlichen und privaten  Leben genügen, und inwieweit „talk“ und „walk“ übereinstimmen. Ein aktueller „Fall“ diesbezüglich ist Marc Gafni, ein Lehrer, mit dem auch das Integrale Forum (IF) im Austausch steht und der bereits an IF-Tagungen beteiligt war. Ohne auf die aktuelle Diskussion einzugehen (Stellungnahmen des IF finden sich auf <a href="http://www.integralesforum.org/" rel="external nofollow">www.integralesforum.org</a>), sollen hier einige allgemeine Hinweise gegeben werden, abgeleitet aus Elementen der integralen Theorie und Praxis, als Möglichkeiten der Orientierung bei der schwierigen Diskussion der Beurteilung der Integrität von Menschen in Liebesbeziehungen (einschließlich der eigenen Person).</p>
<h4>Ebenen von Beziehungen</h4>
<p>Die Bedeutung der Berücksichtigung einer Entwicklungsperspektive für das Thema Beziehungen wurde schon erwähnt und soll hier noch einmal unterstrichen werden. Auf jeder der Entwicklungsstufen, z. B. traditionell zu modern zu postmodern und darüber hinaus wird Beziehung neu definiert, im Sinne eines „transzendiere und bewahre“. Bewährtes wird übernommen, als eine notwendige Voraussetzung für weiteres Wachstum, und neue Elemente und Perspektiven kommen hinzu. Die gesunde Weiterentwicklung von Beziehungen braucht daher neben einem progressiven Element immer auch etwas Konservatives. Die Frage, was sich in Beziehungen bewährt hat und „treu und verlässlich“ beibehalten werden sollte und was nicht, ist bereits eine erste große Herausforderung. Was hat sich wirklich überlebt und gilt es loszulassen, mit den dazugehörigen (Verlust)Ängsten, und wo läuft man einfach nur vor einer Verantwortung oder Schwierigkeiten davon?</p>
<h4>Ebenen von Beziehungsaspekten</h4>
<p>Durch eine Ebenenbetrachtung bekommen auch Diskussionen um Begriffe und Grundaspekte von Beziehungen eine Tiefe, die ohne die Berücksichtigung einer Entwicklungsdimension verschlossen bleibt. Treue, Zuverlässigkeit, Freiheit, Integrität, Selbstverwirklichung, Transparenz und vieles mehr haben jeweils eine unterschiedliche Bedeutung, je nach dem, auf welcher Entwicklungsstufe sie betrachtet werden. Manche Merkmale wie Egozentrik sind typisch für eine Entwicklungsstufe, andere hingegen wie Treue werden auf jeder Stufe neu definiert und verhandelt.</p>
<h4>Form und Inhalt</h4>
<p>Kann man einer Beziehung von außen (an ihrer Form) ansehen, auf welcher Entwicklungsstufe sie gelebt wird? Die Antwort darauf ist „Nein“, jedenfalls für die meisten Formen von Beziehungen. Monogamie gibt es traditionell, modern, postmodern und sicher auch auf Ebenen darüber hinaus, wenn auch im Innenverhältnis ganz unterschiedlich gelebt, von strikten Rollenfestlegungen (traditionell, „bis dass der Tod euch scheidet“) zu modernen Ehen (mit Scheidungsrecht) über gleichberechtigte monogame Partnerschaften (postmodern) bis hin zu „conscious monogami“, einer bewussten, post-postmodernen Monogamie (ein Begriff des Psychotherapeuten und Lehrers Robert Augustus Masters).</p>
<p>Ähnliches gilt für polygame Beziehungen, von denen es traditionelle Formen wie den Harem und die „Vielehe“ gibt, moderne Formen wie die „offene Ehe“, postmoderne Weiterentwicklungen wie in der Bewegung der Polyarmorie, und sicher auch Formen, die darüber hinaus weisen. Entscheidend für die Bestimmung der Entwicklungshöhe sind einmal mehr das innere Gelebte dieser Formen und die Anzahl der Perspektiven, Gesichtspunkte, Gefühle und Gedanken der die Beziehungen Lebenden, die dabei berücksichtigt und integriert werden. Und die Frage, wie kann die „größte Tiefe für die größte Anzahl“ gefördert werden, d. h. was trägt zur Weiterentwicklung aller Beteiligten und der Welt als Ganzes am besten bei?</p>
<h4>Spanne und Tiefe</h4>
<p>Die Spannweite und Tiefe einer Beziehung hängt nicht nur von der Entwicklungsstufe ab, auf der sich Beziehungspartner befinden, sondern auch von deren Fähigkeit, die ihrem gegenwärtigen Entwicklungsschwerpunkt vorangehenden Stufen auf gesunde Weise zu integrieren. Diese Fähigkeit zur Integration verwirklicht sich nicht von selbst, sondern ist Ergebnis bewusster Reflexionsprozesse und der konstruktiven, auch praktischen Auseinandersetzung mit Beziehungsmodellen verschiedener Stufen.</p>
<p>Die Spannweite und Tiefe einer Beziehung hängt nicht nur von der Entwicklungsstufe ab, auf der sich Beziehungspartner befinden, sondern auch von deren Fähigkeit, die ihrem Entwicklungsschwerpunkt vorangehenden Stufen auf gesunde Weise zu integrieren.</p>
<p>Entscheide ich mich für eine monogame Beziehung, weil ich mich bereits in postmodern-polygamen Beziehungen ausgetobt habe und nun ganz bewusst mit einer Partnerin/einem Partner eine Eins-zu-Eins-Beziehung des Wachstums eingehen möchte (=integrales Verständnis) oder ist das Verteidigen eines monogamen Standpunkts meinen Verlustängsten geschuldet (=egozentrische Perspektive mit ungeheilten Anteilen früherer Entwicklungsstufen)?</p>
<p>Kreisen meine Werte, mein Denken, Fühlen und Handeln auf gleicher Entwicklungshöhe oder ist meine Entwicklung in einzelnen Bereichen noch ausbaufähig? Lässt beispielsweise mein postmodernes oder vielleicht schon integrales Denken mich nach einer polyarmoren Beziehung streben, die dann von Eifersucht oder meiner mangelnden Fähigkeit, mich auf alle meine Partner/innen in gleichem Maße einzulassen, überschattet ist? Und: Auf welcher Flughöhe vollzieht sich die Interaktion zwischen den Beziehungspartnern? Ist sie symmetrisch oder asymmetrisch? Ist ein/e Partner/in „weiter“ als der/die andere – und kann er/sie ihn/sie auf dem Weg „mitnehmen“?</p>
<h4>Wahrheit, Täuschung und Lüge</h4>
<p>Die „Wahrheit“ einer Beziehung entsteht in der Wechselseitigkeit zwischen den Partnern. So werden „polyarmore“ Beziehungen zum schlichten „Fremdgehen“, wenn ein Beziehungspartner sich auf die Monogamie des/der anderen verlässt und in dieser Haltung ent-täuscht wird. Oder ein bewusst gegebenes Einverständnis mit diesem Beziehungsmodell basiert auf einer Selbsttäuschung, wenn ich mir meiner Besitzansprüche nicht bewusst bin und dann darunter leide, dass sie nicht erfüllt werden.</p>
<blockquote><p>Immer stellt sich die Frage, ob Beziehungspartner dem jeweiligen Entwicklungsschwerpunkt der eigenen und der anderen Person gerecht werden.</p></blockquote>
<p>Wo der Raum der Wahrheit verlassen wird und der Grenzbereich der Täuschung sich öffnet, ist dabei ein sehr subtiles Feld, denn immer stellt sich die Frage, ob die Beteiligten in ihrer Selbsteinschätzung und dem Erkennen des Beziehungspartners dem jeweiligen Entwicklungsschwerpunkt der eigenen und der anderen Person gerecht werden. So können sich zwei Partner zu einer „offenen“ Beziehung bekennen, aber ganz unterschiedliche Motivationen haben, z.B. egozentrische Triebhaftigkeit oder ein pluralistisches Denken, das aus der Vielfalt der Beziehungspotentiale schöpfen möchte. Solche Asymmetrien werden ob kurz oder lang zu Problemen führen, wenn die Divergenzen von den Partnern schließlich wahrgenommen werden.</p>
<p>Schwierig wird es auch, wenn einer der Partner bereits ein integrales Beziehungsverständnis entwickelt hat und sein Gegenüber sich in der eigenen Zustimmung zu einem solchen Modell überschätzt, denn nicht geheilte Beziehungsperspektiven früherer Entwicklungsstufen werden sich dann zeigen. Nimmt der höher entwickelte Partner dies wider besseres Wissen einfach hin, wird die Beziehung schnell zur Lüge, an der mindestens der weniger entwickelte Partner leidet.<strong> </strong></p>
<h4>Schatten und Projektion</h4>
<p>Womit wir bei der Frage der Schatten und Projektionen sind, denn asymmetrische Beziehungen sind nicht zwingend einer klar erkennbaren Lüge geschuldet, sondern können ebenso durch das Unerkannte, nicht Bewusste entstehen. Ist meine kognitive Entwicklung stärker vorangeschritten als meine emotionale, werde ich mir vielleicht ein Partnerschaftsmodell aussuchen, dem ich gefühlsmäßig noch gar nicht gewachsen bin. Die spürbare Unerfülltheit meiner Beziehung werde ich dann unbewusst auf meinen Partner projizieren. Umgekehrt kann es mir immer wieder passieren, dass ich an Partner oder Partnerinnen gerate, die mir emotional „noch nicht gewachsen“ sind. Die Vorwürfe, mit denen ich dann im Zweifel konfrontiert werde, sind jedoch nicht nur Indiz für die tatsächliche Asymmetrie, sondern konfrontieren mich mit dem eigenen Schatten, den/die Partner/in nicht auf seinem/ihrem Beziehungsschwerpunkt angemessen berühren zu können.</p>
<blockquote><p>Überall da, wo heftige Abwehrreaktionen auftreten, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass eigene Aspekte und Selbstanteile auf dem Entwicklungsweg verdrängt und projiziert werden.</p></blockquote>
<p>Die heutige Pluralität und Vielfalt gelebter Beziehungsformen ist auch eine Möglichkeit, eigenen Schattenanteilen nachzuspüren. Überall da, wo heftige Abwehrreaktionen auftreten, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass eigene Aspekte und Selbstanteile auf dem Entwicklungsweg verdrängt und projiziert wurden und im Außen bekämpft werden, anstatt sie innerlich zu integrieren. Wer Monogamie aufwertet unter gleichzeitiger Ablehnung, Abwehr oder gar Verteufelung von Polyarmorie, der oder die hat dort wahrscheinlich einen Schatten, und würde selbst gerne mehr polyarmor leben. Andersherum kann sich eine uneingestandene Sehnsucht nach monogamer Verlässlichkeit und Konvention in einer heftigen Gegenreaktion auf alles „Traditionelle“ zeigen. Beziehungen, in welcher Form auch immer, sind ein sehr direkter Weg zur Schattenintegration, vorausgesetzt wir sehen unsere Irritationen darin auch als eine eigene Lernaufgabe und nicht nur als Fehler oder Probleme der anderen. <strong></strong></p>
<h4>Schüler-Lehrer-Beziehungen</h4>
<p>Das angesprochene Dilemma von Asymmetrie und die Schattendynamik ganz allgemein zeigen sich immer wieder auch in Schüler-Lehrer-Beziehungen, im schlimmsten Fall als Missbrauch. Ob Schüler-Lehrer-Beziehungen platonisch oder sexuell sind – immer bildet ihren Rahmen eine institutionalisierte Asymmetrie, die darauf basiert, dass der Lehrer/die Lehrerin höher entwickelt ist als diejenigen, die ihm/ihr folgen. Der wunde Punkt: Kaum ein Mensch erreicht in allen Lebensbereichen die gleiche Entwicklungshöhe. Sexuelle Verfehlungen spiritueller Lehrer sind dann ein Indiz dafür, dass sie die eigene Kompetenz überschritten und/oder die Fähigkeiten der Betroffenen überschätzt haben.</p>
<blockquote><p>In der Schüler-Lehrer-Beziehung wird das Thema Verantwortlichkeit zum heißen Eisen.</p></blockquote>
<p>Die Frage der Verantwortlichkeit wird hier zum heißen Eisen. Traditionell argumentierend trägt der Lehrer die Verantwortung für seine Schüler, so dass ihm die „Schuld“ an Grenzüberschreitungen zugemessen wird. Ein moderner Blickwinkel wird auch die Eigenverantwortlichkeit der Schüler ins Spiel bringen, die Notwendigkeit, die eigenen Grenzen zu erkennen und ihnen gemäß zu handeln. Entwickelt sich dann eine vermeintlich transzendente Liebesbeziehung zum amourösen Desaster, kann die damit verbundene Ent-Täuschung im günstigen Fall zu einem konstruktiven Lernprozess werden (der, das scheint unvermeidlich, auch mit schmerzhafter Selbsterkenntnis verbunden ist).</p>
<p>Eine solche Einsicht führt nicht zwangsläufig zu postmoderner Beliebigkeit, die Lehrer von ihrer Verantwortung freispricht. Sie könnte es bestenfalls sogar ermöglichen, dass Lehrer, die von einem mündigen Gegenüber mit den eigenen Schwächen konfrontiert werden, Einblicke in die eigenen Schatten gewinnen. Das tatsächliche Gefälle zwischen Lehrer und Schüler wird im postmodernen Pluralismus gerne unterschätzt. Wo der Lehrer zum Geliebten wird, gewinnt auf Schülerseite nur allzu leicht (nicht zuletzt aus hormonellen Gründen) eine emotionale Komponente die Oberhand, die sich nach integraler Flughöhe sehnt, diese aber noch nicht halten kann. Erkennt der Lehrer das nicht, sind die Konsequenzen tragisch; erkennt er es und setzt sich über diese Einsicht wissend hinweg, verletzt er bewusst die Integrität seines Gegenübers.</p>
<h4>Öffentlichkeit und Privatsphäre (Transparenz und Diskretion)</h4>
<p>Da diese Schattenaspekte für die Betroffenen nicht erkennbar sind, kommt der Frage der Transparenz im Kontext von Schüler-Lehrer-Beziehungen eine besondere Bedeutung zu. Die Dramatik vieler Missbrauchsfälle ist nämlich der Heimlichkeit geschuldet, dem Fehlen einer konstruktiven Außenperspektive auf die Beziehungsrealität, die manche Verwerfung bereits im Keim hätte sichtbar machen können. Während in Beziehungen auf Augenhöhe die Frage, welche Aspekte der Beziehung öffentlich gelebt werden wollen und welche sich in diskreter Privatheit abspielen, eine bewusste Entscheidung unter Gleichen abbildet, kann davon in per se nicht symmetrischen Beziehungen nicht ausgegangen werden. Transparenz wird dann zur Chance, das eigene Verhalten in weiteren Kontexten zu spiegeln und einer kritischen Supervision zu unterziehen, während Heimlichkeiten eher ein Indiz für unbewusste Verschleierungstaktiken sind.</p>
<blockquote><p>Transparenz ist eine Chance, das eigene Verhalten in weiteren Kontexten zu spiegeln und einer kritischen Supervision zu unterziehen.</p></blockquote>
<h4>Zeitgeist und skilful means</h4>
<p>Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass Spiritualität und Eros ein Wachstumsfeld der besonderen Art markieren, das – schlicht weil die Menschheit als Ganzes noch weit von einer integralen Perspektive entfernt ist – allzu leicht zum Minenfeld wird. Gerade wenn es um die Betrachtung von Verfehlungen anderer geht, schwingt nur allzu leicht auch die Kompensation des eigenen – oft unbewussten – Schmerzes mit. Der Standpunkt unserer Urteile und Erklärungen ist immer relativ, und gerade dann, wenn es uns gelingt, diesen Standpunkt zu erkennen, können wir die Reibungen, die in unseren Beziehungen entstehen, konstruktiv als Wachstumsimpulse nutzen. Deshalb möchten wir Sie an dieser Stelle einladen, Ihre eigene Perspektive zum Thema tiefer zu erkunden. Im Kasten „Das spirituelle Urteilsvermögen schärfen“ finden Sie verschiedene Fragen, die Ihnen dabei helfen können. „Junge Menschen, die Anfänger in allem sind, können die Liebe noch nicht: Sie müssen sie lernen. Mit dem ganzen Wesen, mit allen Kräften, versammelt um ihr einsames, banges, aufwärts schlagendes Herz, müssen sie lieben lernen. Lernzeit aber ist immer eine lange, abgeschlossene Zeit, und so ist Lieben für lange hinaus und weit ins Leben hinein“, sagte der große Dichter Rainer Maria Rilke. In diesem Sinne wächst unsere Liebesfähigkeit mit den Fragen, denen wir uns stellen.</p>
<blockquote>
<h4>Eros und Ethik: Das spirituelle Urteilsvermögen schärfen</h4>
<p><em>Möge ein jeder von euch seine oder ihre größte Tiefe und Fähigkeit für Weisheit und Beurteilung dabei finden, und diese nicht nur auf die Gafni-Situation anwenden, sondern auch auf das eigene Leben, von Augenblick zu Augenblick. Lasst uns diesen Fall als eine weitere Gelegenheit betrachten, bei der wir unser spirituelles Urteilsvermögen schärfen, um es dann weise anzuwenden.</em> (Ken Wilber in einem aktuellen Kommentar zu Marc Gafni)</p>
<ul>
<li>Was informiert mich in Diskussionen (wie der über das Verhalten von Marc Gafni) über das Thema Eros und Ethik, und was affektiert mich (regt mich auf, ärgert mich, lässt mich nicht los …)?</li>
<li>Tauchen dabei Gefühle von Hass, Wut, Unversöhnlichkeit, Selbstgerechtigkeit, Schadenfreude, Rache in mir auf – und wie gehe ich damit um?</li>
<li>Welche Themen stehen für mich im Vordergrund (Macht, Ohnmacht, Sex, Abhängigkeit, Wahrhaftigkeit, Täuschung, Gerechtigkeit, Missbrauch, …)</li>
<li>Warum sind es gerade diese Themen, und wie ist mein biografischer Hintergrund dazu (wie habe ich diese Themen auf meinem Lebensweg erfahren)?</li>
<li>Um welche anderen Themen könnte es dabei noch gehen (die ich bisher ausgeblendet habe)?</li>
<li>Informiere ich mich offen oder selektiv?</li>
<li>Ist mir bewusst, dass sich eine Informationslage entwickelt und dass niemand jemals eine „totale Informiertheit“ haben wird?</li>
<li>In welcher Art von hierarchischer Abfolge sehe und werte ich das ethische Verhalten von Beziehungs-Beteiligten (z.B. egozentrisch, traditionell-soziozentrisch, modern-weltzentrisch, integral)?</li>
<li>Wie verhält es sich meiner Meinung nach mit Vorsatz (Absicht) und Fahrlässigkeit (z. B. Leichtgläubigkeit) in einer gegebenen Situation?</li>
<li>Welche meiner Mindsets und Glaubenssätze werden durch die Thematik aufgerufen (welche „Voices“ höre ich in mir – und kann sie mir damit bewusst machen)?</li>
<li>Übernehme ich für meine Wahrnehmung die volle Verantwortung?</li>
<li>Habe ich eine klare Meinung zum Thema Eros und Ethik und wie würde ich diese in ein paar Sätzen formulieren?</li>
<li>Welche Perspektiven sind für mich völlig inakzeptabel und warum?</li>
<li>Wie erlebe ich in dieser Situation die „Täter/Opfer“-Dynamik?</li>
<li>Bin ich bereit, meine Meinung auch zu ändern, oder habe ich mich festgelegt?</li>
<li>Wie wäge ich in diesem Kontext die Balance von Gnade und Recht ab?</li>
<li>Inwieweit kann ich (will ich) die Perspektiven von verschiedenen Beteiligten einnehmen (soweit ich Kenntnis davon habe)?</li>
<li>Wie ist die Ausgewogenheit von a) subjektiver eigener Reflektion, b) intersubjektivem Austausch und c) objektiver Faktensuche bei mir?</li>
</ul>
</blockquote>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Integrale Perspektiven, <a href="http://integralesleben.org/home/if-integrales-forum/zeitschrift-integrale-perspektiven/ip-aktuelle-ausgabe/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 21</a></em></p>
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		<title>Der Buddha des Bösen</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/04/22/der-buddha-des-bosen/</link>
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		<pubDate>Sun, 22 Apr 2012 20:27:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Attentäter von Oslo und die geistige Signatur unserer Zeit Über die geistige Dimension der Morde in Norwegen und was sie mit uns und unserem Zeitalter zu tun haben. Als der Norweger Anders Behring Breivik mitten in diesem regnerischen Juli das Blut von Monica Bøsei, Johannes Buø, Gunnar Linaker, Tore Eikeland und vierundsiebzig weiteren Menschen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Der Attentäter von Oslo und die geistige Signatur unserer Zeit</h2>
<div id="attachment_4766" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/04/539308_web_R_K_B_by_Katharina-Wieland-Müller_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4761]"><img class=" wp-image-4766 " title="Norwegen trauert" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/04/539308_web_R_K_B_by_Katharina-Wieland-Müller_pixelio.de_-300x182.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de</p></div>
<p><em>Über die geistige Dimension der Morde in Norwegen und was sie mit uns und unserem Zeitalter zu tun haben.</em></p>
<p>Als der Norweger Anders Behring Breivik mitten in diesem regnerischen Juli das Blut von Monica Bøsei, Johannes Buø, Gunnar Linaker, Tore Eikeland und vierundsiebzig weiteren Menschen vergoss, tat er dies konzentriert und seelenruhig. Als die Polizei kam, legte er zügig, aber ohne Eile die Waffe nieder und ging entspannt auf die Polizei zu. Und als er im Polizeiwagen saß, zeigte er der Welt das zurückhaltende Lächeln eines Menschen, der ganz im inneren Frieden mit sich selbst zu sein scheint. Ein neues Bild im kollektiven Gedächtnis. Vor zehn Jahren hatte er sich diesen Tag und diese Tat als Ziel gesetzt und ging seitdem darauf zu. Nach allem, was wir wissen, tat er dies diskret, willensstark und mit aufmerksamer Selbstbeobachtung. In seinem 1500 Seiten langen Manifest notierte er detailliert, wie er Jahre, Monate, Wochen und Tage auf dieses Blutvergießen hingelebt hat.</p>
<p>Für viele mag Breivik nur ein Irrer und sein Manifest bloß das schauerliche Ergebnis eines kranken Hirns sein, das keinerlei  Be– und höchstens Verachtung verdient. Ich sehe das anders und ich gebe zu, dass mich etwas fasziniert an diesem Mann – nicht an seinen Taten. Und es macht mir auch Angst. Es ist nicht das Fremde und nicht das Monströse. Es ist das Bekannte und das Normale – und damit meine ich nicht normale menschliche Gefühle wie Zorn oder Hass, und ich meine nicht bekannte dunkle Fantasien oder tierische Instinkte. Ich meine etwas, was speziell Menschen auf einem geistigen Schulungsweg bekannt und normal vorkommen kann – ja muss.</p>
<h4>DIE GOLDENE REGEL UND DAS NEUE ZEITALTER</h4>
<p>Als ich früher Rudolf Steiners Warnungen las, dass jeder geistige und so auch der anthroposophische Schulungsweg zu krassem Egoismus führen könne und voller todbringender Gefahren sei, da kamen mir diese Hinweise reichlich übertrieben, bestenfalls düster-poetisch vor. Auch Steiners andauerndes  Beharren auf der „Goldenen Regel“ hatte in meinen Augen eher etwas Romantisches: „Und diese Goldene Regel ist: wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.“</p>
<p>Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich ziehe keine einzige Parallele zwischen jemandem, der auf einem spirituellen Weg ist, und einem Massenmörder. Aber ich glaube, sowohl an Breivik als auch an der Reaktion der Norweger etwas zu entdecken, was unsere höchste Aufmerksamkeit verlangt – weil es jeden von uns betrifft. Unser ganzes Zeitalter.</p>
<p>Ähnlich wie andere Weisheitstraditionen formuliert auch die Anthroposophie bestimmte Charakteristika für bestimmte Zeitspannen. Wir leben gerade – so nennt Rudolf Steiner es  – im Zeitalter der „Bewusstseinsseele“. Ein wesentliches Merkmal dieser Epoche ist eine bestimmte seelische Grundstruktur des Menschen – teilweise angeboren, teilweise kulturell konditioniert und teilweise bewusst antrainiert. Was sich theoretisch kompliziert anhört, ist praktisch sehr einfach. Erst die komplizierte Theorie: Wir sind zunehmend in der Lage, unsere Gefühle, Empfindungen und inneren Regungen von unserem Denken und intellektuellen Reflexionen zu trennen und darüber hinaus unsere Taten, unseren Willen und auch die praktische Lebensweise von Fühlen und Denken zu separieren. Jetzt die einfache Praxis: Sehr freundliche Jugendliche, mit einem durchaus normalen geistigen Horizont, sind in der Lage, einen Obdachlosen stundenlang zu foltern und schließlich zu töten, um die Tat später glaubhaft damit zu begründen, dass es sie „einfach mal interessiert hat, wie das ist, wenn man einen Menschen umbringt“.</p>
<p>So gerne wir diesen Tätern Verwahrlosung oder Verblödung vorwerfen würden, die psychologischen Untersuchungen erlauben diesen einfachen Schluss nicht. Im Gegenteil: Das nüchterne Töten, das bewusste Vernichten, das seelenruhige Morden beschreiben Kriminologen als ein neues Phänomen, welches in diesem Maße früher unbekannt war. Normale Menschen – aus unserer Mitte – nehmen sich vor, das Böse zu tun, ohne dabei wie Tiere nur ihrem unbewussten Instinkt zu folgen. Wir glauben immer noch gerne an das Monster des Bösen: Ein durch und durch gehässiges Wesen, welches nur seinen dunklen Trieben folgt und zwanghaft um sich kratzt und beisst. Aber wir müssen spätestens seit Norwegen sehen, dass es zunehmend Menschen gibt, die sehr bewusst und mit einer – bitte erlauben Sie sich kurz diesen unfassbaren Gedanken – großen inneren Freiheit Blut vergießen. Keine Monster des Bösen. Eher Buddhas des Bösen. Und tatsächlich gehört laut Steiner die Konfrontation mit der Möglichkeit böser, abscheulicher Taten, die in so bisher nicht vorstellbarer Weise heute in allen Menschen unbewusst veranlagt sind, zum Geheimnis des Zeitalters der Bewusstseinsseele und zum Geheimnis der Freiheit.</p>
<h4>DIE TRENNUNG VON DENKEN, FÜHLEN UND HANDELN</h4>
<p>Vor dem Zeitalter der Bewusstseinsseele waren das Denken, das Fühlen und das Handeln unzertrennbar verflochten – um nicht zu sagen: total verworren. Ein Gedanke ging nahtlos und unreflektiert in ein Gefühl über – oder umgekehrt – und eine Tat folgte nahezu instinktiv. Taten ließen bestimmte Gefühle aufkommen, die wiederum bestimmte Gedankenmuster kreierten. Eher kollektiv, als individuell. Handeln, Fühlen und Denken waren ein großer Kuddelmuddel. Im Zeitalter der Bewusstseinsseele beginnt sich dieser Kuddelmuddel langsam aufzudröseln – in drei verschiedene und grundsätzlich getrennte Phänomene: Denken, Fühlen, Handeln.</p>
<p>Und das ist auch gut so. Rudolf Steiner sah darin die wichtigste Voraussetzung für inneres Wachstum,  für eine neue Kultur des Geistes und den freien Menschen. Er gab Übungen und Anleitungen, wie man bewusst etwas denken kann – ohne ein Gefühl dazu zu entwickeln. Er beschrieb, wie man ganz in das Gefühl eintauchen solle – ohne mit Gedankenurteilen dazwischenzufunken. Auch die vom Denken und von Gefühlen abgetrennte Stärkung des Willens gehört zu den Grundlagen der Anthroposophie.</p>
<p>Wir dürfen uns diese innere Freiheit und die Arbeit an dem Seeleninhalt nicht kleinlich vorstellen. Denn am Ende hat dieses Aufräumen unseres Innenraumes nichts weniger zur Folge als eine bewusste Leere. Steiner: „Man löscht ja nichts Geringeres aus als den Inhalt seines Seelenlebens selbst.“ Die so erworbene Freiheit ist der Beginn des schöpferischen Menschen – oder eben der totalen Zerstörung. Der Unterschied liegt am Ende nur in der Goldenen Regel.</p>
<h4>TU WAS DU WILLST</h4>
<p>Innere Freiheit hört sich ja zunächst nur gut an. Sie kann aber eben auch Schattenseiten haben, die ebenfalls jeder spirituelle Schüler kennen mag: Denn damit geht erst einmal auch jeglicher, kollektiv erworbener Zusammenhang zwischen einer Tat und dem gefühlten, gedachten oder tradierten Urteil über diese Tat verloren. Man weiß an einer bestimmten Stelle des Schulungsweges nicht mehr, was falsch und was richtig, was im traditionellen Sinne gut und böse ist. Man schwebt orientierungslos im luftleeren Raum und ist dennoch bei klarem und reflexivem Verstand.</p>
<p>Blutiges, praktisches Beispiel, wie es von Kriminologen immer wieder geschildert wird: Ein Mann tötet – aber seine durchaus existenten Gefühle greifen nicht dazwischen und sein Denken fällt kein Urteil. Es wird alles einfach so erlebt, wie es aus einer objektiven Zeugenposition erscheint: „Baseballschläger trifft auf Schädel, Blut spritzt, Mann fällt um, mit Gesicht auf Asphalt, der ein paar Risse hat und ein paar weiße Flecken von ausgespucktem Kaugummi.“ Es ist sogar so, dass die Täter – so wie es Breivik in seinem Tagebuch schrieb – sehr genau ihr Gefühlsleben beobachten und beschreiben können. Auch ihre Ängste und Schwächen. Ja, sie haben alle Gefühle, aber sie identifizieren sich nicht damit und trennen zwischen ihrem einen Ziel und ihren vielen Gefühlen.</p>
<p>Wir sagen dann, der Täter sei „eiskalt“ gewesen. Aber ich denke, dieses Urteil trifft nur auf einen kleineren Teil der Täter zu, einen Teil, den es immer schon gegeben hat.</p>
<p>Das neue Täterprofil sieht so aus wie das von Breivik und es ist sehr einfach: Es ist von der Freiheit und dem Willen zur Tat geprägt. Man könnte sagen, dass das Zeitalter der Bewusstseinsseele dieses Tor zur Freiheit aufgestoßen hat. Und ob jemand eine „Killermaschine“ oder ein „Krieger des Lichts“ wird, darüber entscheidet nur die ernsthafte Praxis der Goldenen Regel.</p>
<p>Michael Endes Romanfigur Bastian Balthasar Bux war nicht der Erste und nicht der Letzte, der an diesem „Tu was Du willst“ fast zerbrochen wäre. Er war vollkommen fasziniert von einer tiefen Erkenntnis: Diese Erkenntnis, dass wir nicht Gefangene unserer Gefühle und Gedanken sind, nicht Gefangene genetischer Systeme und bürgerlicher Gesetze, keine höheren Automaten, in die man oben moralische Gesetze einwirft und unten kommen dann ethische Taten hervor – nein: Das Zeitalter der Bewusstseinsseele schenkt uns diese Erkenntnis: Wir sind frei. Und ich wette, der Mörder aus Norwegen hatte diese Erkenntnis.</p>
<h4>DAS ALLUMFASSENDE GUTE</h4>
<p>Und das ist es, was mich fasziniert. Und das ist es, was mir Angst macht und schlagartig alle Warnungen und Regeln Steiners ins Gewissen ruft: „Und diese Goldene Regel ist: wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.“ Dieses Gute ist aber nicht wieder irgendein moralisches Gutes, welches in dieser Kultur so und in jener Kultur anders verstanden und dann doch wieder automatisiert wird. Es ist DAS GUTE. Es ist <em>die</em> Gutheit. Es ist eins mit <em>dem</em> Leben, eins mit <em>dem</em> Göttlichen, eins mit <em>dem</em> Geist, eins mit Bewusstheit, eins mit Liebe. Und zu eben diesem allumfassenden Guten soll sich der Charakter desjenigen vervollkommnen, der sich auf dem Schulungsweg befindet und seinem höchsten Ziel folgt.</p>
<p>Diese Ziele selber müssen nicht in einem engen moralischen Sinne gute Ziele sein. Nicht die Ziele sind gut, sondern der Mensch, der handelt. Das macht ihn frei. Es ist ein Handeln aus seiner charakterlichen Gutheit heraus und diese Gutheit ist darum gut, weil sie aus der Einheit mit <em>allem</em> erwächst. Das ist ein faszinierender Vorgang: Wir können nun einfach das tun, was für uns im individuellen Falle zu tun ist, weil wir aus der Einheit heraus handeln. Wir sind als einzelne Menschen ganz frei und einzigartig in unseren Taten und gleichzeitig kommt unser Handeln aus dem ganzen kosmischen Zusammenhang heraus. Nicht anders hat es Steiner als Ideal in seiner Philosophie der Freiheit beschrieben.</p>
<p>So ein Mensch ist weder von flüchtigen Gefühlen, noch von hinderlichen Gedanken, weder von Unlust oder Trägheit abhängig und kann tun und lassen, was er will – als jemand, der das Gute <em>ist</em>. Das Gute in seiner Essenz. Das Gute als das Ganze. Das Gute als eine Ich-Präsenz mit goldenem Glanz. Dahin zielt die Goldene Regel – und sie könnte das Credo dieses Zeitalters werden. Damit das leere Herz des Buddhas nicht mit Bösem gefüllt werden kann.</p>
<h4>DAS SPIRITUELLE NORWEGEN</h4>
<p>Zum Schluss noch etwas Versöhnliches: Das Zeitalter der Bewusstseinsseele verlangt von uns, dass wir uns bewusst für diese spezifischen Veränderungen öffnen und sie gezielt unterstützen. Norwegen darf als ein Land gelten, welches sich wie kaum ein anderes für diese Spiritualisierung des Lebens engagiert. Die starken anthroposophischen Initiativen und die (abgesehen von Liechtenstein) meisten Waldorfschulen pro Einwohner auf der Welt sind nur einer von vielen Indikatoren dafür. Auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg, der in diesen schweren Tagen so beeindruckend über sich selbst und das übliche Format eines Politikers hinausgewachsen ist, hat übrigens eine Waldorfschule besucht.</p>
<p>Und so scheint sicher, dass viele Menschen in Norwegen sich nicht nur unbewusst in diesem Zeitalter der Bewusstseinsseele befinden und nicht nur passiv die Verwandlung über sich ergehen lassen. Wir dürfen annehmen, dass in kaum einem anderen Land der Welt sich die Menschen so aktiv und so bewusst auf diesem inneren Schulungsweg befinden. So gesehen, hat sich das Morden in einem Land ereignet, welches vielleicht von allen Ländern innerlich am intensivsten auf diese Prüfung der Seele vorbereitet war.</p>
<p>Genau ab dem Moment, als der Norweger Anders Behring Breivik mitten in diesem regnerischen Juli das Blut von Monica Bøsei, Johannes Buø, Gunnar Linaker, Tore Eikeland und vierundsiebzig weiteren Menschen vergoss – seelenruhig und konzentriert –, da bewies das norwegische Volk, dass es keinen Automatismus mehr gibt, wo auf eine böse Tat die Rache folgen muss. Kein zwanghaftes Denken in Kategorien, die noch mehr staatliche Überwachung fordern. Keine kurzschlüssigen Verdächtigungen konservativer oder rechtsgerichteter Meinungen. Norwegen zeigt, dass die Trennung von Fühlen, Denken und Handeln zu den großen seelischen Errungenschaften unserer Zeit gehört und uns hilft, gesünder zu leben. Norwegen zeigt, dass eine bewusste Seele zu jedem Schmerz fähig ist, ohne in Hass, Rachsucht und Verhärtung zu fliehen. Norwegen zeigt, dass ein trauerndes Herz sich nicht verschließen muss und dass man auch in tiefer Trauer den Willen aufrechterhalten kann, für das zu stehen, was wir uns als geistige Kulturleistung errungen haben: Bewusste Menschlichkeit. Ein Mörder kann heute morden wie immer, vielleicht sogar noch aus einer neuen Bosheit heraus. Aber er muss damit rechnen, dass die Menschen in dieser Prüfung der Seele nicht hinter ihre Entwicklung zurückfallen, sondern über sich hinauswachsen. Einer hat versagt, aber viele haben bestanden.</p>
<p> </p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/september/der-buddha-des-boesen/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe September 2011</a></em></p>
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		<title>Was wir zu uns nehmen</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 11:56:31 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Gedanken zur körperlichen und geistigen Ernährung Körperlich wie geistig sind wir Menschen Fließgleichgewichte. Was wir in uns aufnehmen und nicht gleich wieder ausscheiden, zu dem werden wir. Deshalb ist die Beachtung der Ernährung beim sich entwickelnden, wachsenden, an Bewusstsein gewinnenden Menschen das Fundament. Und auch der geistige Input verdient Beachtung: von welchen Quellen wir uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Gedanken zur körperlichen und geistigen Ernährung</h2>
<div id="attachment_4744" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/561943_web_R_K_B_by_Peter-Hebgen_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4741]"><img class=" wp-image-4744 " title="Nicht alles passt durch’s Sieb" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/561943_web_R_K_B_by_Peter-Hebgen_pixelio.de_-300x201.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Peter Hebgen / pixelio.de</p></div>
<p>Körperlich wie geistig sind wir Menschen Fließgleichgewichte. Was wir in uns aufnehmen und nicht gleich wieder ausscheiden, zu dem werden wir. Deshalb ist die Beachtung der Ernährung beim sich entwickelnden, wachsenden, an Bewusstsein gewinnenden Menschen das Fundament. Und auch der geistige Input verdient Beachtung: von welchen Quellen wir uns beeinflussen oder gar bestimmen lassen, auch hier braucht es Entscheidungen, was hinein darf, und manchmal eine Entschlackung.</p>
<p>Was uns ernährt ist das Grundsätzlichste, was es in unserem Leben gibt. Alles andere baut darauf auf, fügt sich oder widersetzt sich dem, kein Aspekt unseres Lebens bleibt davon unberührt. Was wir essen und trinken, daraus bestehen wir körperlich, und das bewegt und berührt uns auch geistig, seelisch, emotional wie nichts anderes, nicht einmal Sex. Womit wir das Geld verdienen, das wir brauchen, um uns etwas zu essen zu kaufen, auch das bestimmt uns fundamental: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing, sagt ein altes Sprichwort. Wenn wir andere, uns gemäßere Lieder singen wollen als die unserer Arbeits– und Auftraggeber, dann müssen wir uns ins Risiko der Selbständigkeit begeben — und dann singen wir das Lied unserer Kunden. Oder spalten uns innerlich. Und lernen mit einem gewissen Maß an solcher Gespaltenheit zu leben.</p>
<p>So beginnt unsere Stammesgeschichte als Menschen: Wir müssen essen, um zu überleben, eh wir uns Sprache, Schrift, Häuser, Computer und Mobiltelefone leisten können. Und so beginnt auch unser individuelles Leben: Sobald die Nabelschnur durchtrennt ist, müssen wir atmen und saugen, um uns zu ernähren. Das ist dann erstmal viele Monate lang unser wichtigster Lebensinhalt — und es bleibt ein sehr wichtiger Lebensinhalt, bis nach dem letzten Atemzug der Körper keine Nahrung mehr braucht.</p>
<h4>Die Ernährung ist das Fundament</h4>
<p>Wer sich auf den spirituellen Weg begibt – den Weg der Entwicklung der Persönlichkeit, des lebenskünstlerischen Lernens, der Weisheit, des Verständnisses und der Liebe – der wird sich auch mit der Ernährung beschäftigen müssen. In der Ordnung des Yoga entspricht die Ernährung dem untersten Chakra. Das unterste ist fundamental, dort beginnt die Entwicklung. Dieses Fundament dürfen die Aufbauten der vermeintlich höheren Stufen nie außer acht lassen. Wer sich geistig, seelisch, emotional entwickeln will und dabei die Ernährung außer acht lässt, wird nicht weit kommen. Wir bleiben daran gebunden. Wir können uns von dem, was wir einatmen, trinken und essen nie ganz lösen, wie sehr wir auch versuchen, uns von Licht allein, von Bewusstsein und Liebe zu ernähren.</p>
<h4>Du sollst nicht töten</h4>
<p>Deshalb beginne mit der Achtsamkeit bei dem, was du in deinen Mund hineinschiebst: Es sollte dem Körper gut tun, mit Genuss eingenommen werden, und es sollte nicht zu viel und nicht zu wenig sein. Die alten religiösen Wege hatten Vorschriften wie etwa koscher zu essen, kein Schweinefleisch und zu bestimmten Zeiten (Ramadan) dieses nicht, dafür an anderen jenes (rituelle Speisen). Das hat historische Gründe, aber meist keinen tieferen Sinn. Außer dem ethischen Gebot, anderen empfindenden Wesen keinen Schaden zuzufügen, das heißt: nicht zu töten oder töten zu lassen, nicht zu verletzen oder weh zu tun, wo das vermieden werden kann. Das Tötungsverbot beginnt bei der Tabuisierung des Kannibalismus und anderer Arten des Mordens und hört dort auf, wo wir vermuten können, dass das getötete Wesen keine Schmerzen empfindet, wie etwa bei den Wurzelpflanzen (Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln), die wir töten müssen, um sie essen zu können.</p>
<h4>Pflücken, was die Natur hergibt</h4>
<p>Die tiefe, archaische Befriedigung des Pflückens von Früchten in der Wildnis lernt jeder kennen, der sich mal für ein paar Tage auf ein Visionquest begibt oder an einem Survival Training teilnimmt. Manchmal genügen dafür ein paar Stunden einsamer Wanderung durch wildes Gelände, wenn Hunger aufkommt oder Durst, und du hast nichts dabei, was diese Bedürfnisse stillt. Du gehst durch eine Landschaft, die niemandem gehört oder von ihrem Besitzer nicht beachtet wird, und die Bäume und Büsche geben ihre Früchte her ohne nach einer Gegenleistung zu verlangen, sie schenken sie her, sie »wollen«, dass sie gegessen werden, denn das ist das Prinzip des Lebens: den eigenen Samen weiter zu geben. Die Früchte sind ja nicht zufällig so lecker, sondern weil sie den Samen der Pflanze enthalten, der durch das Gegessenwerden weitergegeben wird. So wird das Essen zu einer Art sexuellem Akt.</p>
<p>Auch der Besitzer, Besetzer oder Pächter von Boden empfindet beim Essen von dessen Früchten noch sehr archaische Gefühle: die <em>eigene </em>Tomate, Kirsche oder Nuss zu essen. Der Bauer, der zum Landwirt geworden ist und der Käufer von Lebensmitteln im Supermarkt, sie spüren davon kaum mehr etwas: Sie sind entfremdet. Ein paar Tage draußen in der wilden Natur, sich dort hinunterbeugen zu einem  Bach, um Wasser zu trinken und Essbares zu finden in der Erde, auf der Erde, über der Erde, das kann einen auch seelisch zurückbringen zum Wesentlichen.</p>
<h4>Für die Tiere, die Menschen und die Natur</h4>
<p>Meine Entscheidung, mich nur noch vegetarisch zu ernähren, liegt 35 Jahre zurück. Es ist gesünder, es schmeckt mir besser, und es ist auch ein politisches Bekenntnis, denn eine Welt ohne Fleischindustrie bräuchte keine Urwälder mehr zu roden, die Gewässer nicht mehr mit Antibiotika zu verseuchen, die Äcker nicht mehr zu überdüngen, und es wäre dann auch genug zu essen da für uns alle. Außerdem ist der Verzicht auf das Essen von Tieren für mich ein ethisches Thema: Für meine Ernährung brauchen keine Tiere getötet zu werden. Für die normalen Fleischesser werden die Tiere nicht nur unter schrecklichen Umständen getötet, sondern sie verbringen ihr Leben auch unter Umständen, die kaum ein Fleischesser auch nur anzusehen ertragen könnte ohne in Wut zu geraten oder sich zu ekeln. Inzwischen gilt das auch für die meisten Fische, für Geflügel sowieso schon längst. Die käuflichen Fische werden heute ja überwiegend nicht mehr in der Wildnis gefangen, sondern stammen aus Fischfarmen, in denen Antibiotika eingesetzt werden, damit die Fische oder Krustentiere nicht erkranken.</p>
<h4>Verdrängung</h4>
<p>Was mir seit je ein Rätsel war, ist die geistig-seelische Spaltung, die ein Fleischesser mit sich anstellt, wenn er sagt: Ich könnte das Tier nicht töten, aber ich esse es. Die Katze dieses Tierfreundes muss zum Tierarzt schon wenn sie sich die Pfote verletzt hat. Das Schwein, das er isst, aber lebt unter Bedingungen, die nicht sieht und nicht ertragen würde, sie anzusehen. Und wenn das Vieh (so nennt man die Tiere, wenn man sie zu Fleisch– oder Milchlieferanten degradiert hat,) dann zum Schlachthof transportiert wird, kommt es noch schlimmer: Viele Tiere werden bei lebendigem Leibe gehäutet und zerlegt, die Angsthormone, die dabei ausgeschüttet werden, isst der Fleischesser mit, und allmählich, unmerklich verändern sie seine Seele.</p>
<p>Wenn ich mit Fleischessern darüber spreche, erhalte ich bizarr verdrängende Antworten. Du liebst Tiere, aber du isst sie. Aha. Einem Menschen würdest du nichts zuleide tun, sagst du, schon gar nicht ihn töten, aber einen Killer zu bestellen ist für dich in Ordnung? Dann begeht der Killer den Mord, nicht du. Und der Killer sagt: »Es gibt einen Markt für Morde, ich bediene hier nur eine vorhandene Nachfrage; würde ich den Mord nicht ausführen, täte es ein anderer, kein Mensch oder Tier wäre gerettet; der Unterschied ist nur, dass ich dann als dummer, aber ethischer guter Mensch, meinen Lebensunterhalt verloren hätte.« So die Logik der Metzger, Fleischproduzenten, Viehzüchter, Fleischviehhalter, Futtermittelhersteller, dieser ganzen Industrie, die daran hängt. Inzwischen wird sie »fleischindustrieller Komplex« genannt, ähnlich dem »militärisch-industriellen« Komplex, deren Lobby in hohem Maß die Entscheidungen unserer Politiker bestimmt.</p>
<p>Vielleicht sind wir Menschen in Sachen Tiere lieben und Fleisch essen so gespalten wie in unserer Liebe zur Natur, die wir durch unser Verhalten vernichten. Die naturliebende Delphinfreundin fliegt für einen »Schwimmen mit Delphinen« Workshop nach Hawaii. Einmal auf die andere Seite das Globus, 20 Stunden Flugzeit hin, 20 Stunden Flugzeit zurück, mit unbesteuertem Flugbenzin — unbesteuert, solange nationale Regierungen das entscheiden. Für diese lieben, natürlichen Wesen, denen die Japaner mit ihren brutalen Fangmethoden so zusetzen, fliegt sie dort hin. Dann zurück an ihren Arbeitsplatz bei einer dieser Investmentbanken in Frankfurt. Eine solche Erholung in der Natur hat sie sich in ihrem harten Job redlich verdient, an dem sie, wenn es schlimm kommt, auch noch auf Mais oder Weizen setzen muss, was die Nahrungsmittelpreise weltweit explodieren lässt, so dass es zu Hungersnöten in den armen Ländern kommt. Denn Gold und Kupfer bringen nicht mehr die nötigen Renditen, von den Öl– und Autoaktien ganz zu schweigen.</p>
<h4>Entscheidungen</h4>
<p>Auch in geistiger Hinsicht gilt, dass wir zu dem werden, womit wir uns ernähren. Die Informationen, die wir in uns aufnehmen, prägen uns. Sie gestalten nicht nur unsere Sprache und all die Phrasen und Sprichwörter, die wir im Kopf und auf den Lippen haben, sie prägen auch unser Selbstverständnis, unsere Identität – das, wofür wir uns halten.</p>
<p>In Zeiten der Infoflut ist es deshalb noch unentbehrlicher und notwendiger denn je, Entscheidungen zu treffen und sehr wählerisch zu sein, auch was unseren geistigen Input anbelangt und unseren sozialen und freundschaftlichen Umgang. Es ist erst gerade erst ein paar Generationen her, da konnten unsere Vorfahren nur unter durchschnittlich hundert Menschen auswählen, mit denen sie sich befreunden oder befeinden konnten; wir können heute zwischen Millionen auswählen. Unsere Vorfahren hatten im Winter nur das Wenige zu essen, was sie gelagert hatten, vielleicht Kohl oder Rüben oder getrocknete Äpfel und Nüsse – wir können heute im Supermarkt sogar im Winter unter mehr als hundert frischen Früchten auswählen, deren Namen wir zum Teil nicht einmal kennen, und unter Tausenden haltbar gemachter Nahrungsmittel. Wir können wählen – und wir müssen es.</p>
<h4>Spirituelle Freundschaft</h4>
<p>So ähnlich geht es uns auch mit den uns möglichen Jobs, Standorten, Ausbildungsangeboten und Freunden. <em>Kalyana Mitta</em> nannten die alten Buddhisten den Freund, der einen mit ähnlichen ethischen Werten auf dem Weg begleitet. In Zeiten der sozialen Netzwerke gewinnt die spirituelle Freundschaft noch viel größere Bedeutung als je. Freunde können uns Rat geben auf dem Weg, uns liebevoll und nachhaltig auf eigene blinde Flecken hinweisen, uns trösten, wenn mal etwas nicht klappt. Sie können uns helfen bei einer guten, aber schwer einzuhaltenden Disziplin – einer Diät, der täglichen Meditation oder dem Vorsatz vom letzten Silvester, mit dem Rauchen aufzuhören. Vielleicht kann sogar eine Zeitschrift wie diese hier, ausgewählt unter tausenden anderer Möglichkeiten der Lektüre, ein solcher Freund sein, der durchs Leben begleitet.</p>
<h4>Anders essen, für eine bessere Welt</h4>
<p>Was würde sich weltweit ändern, wenn mehr Menschen weniger Fleisch äßen? Erstmal würden weniger Tiere leiden. Wir wären gesünder. Es würden weniger Menschen hungern – zur Zeit hungert ungefähr ein Siebtel der Menschheit, eine Milliarde von den sieben Milliarden Erdbewohnern, denn zur Produktion von 1 kg Fleisch werden etwa 16 kg Getreide verbraucht. Wenn weniger Fleisch gegessen würde, könnte der Markt der Fleischindustrie keinen so großen Druck mehr ausüben auf diejenigen, die aus Not und um selbst zu überleben, sich an der Rodung der Urwälder beteiligen, wie etwa in Brasilien, Indonesien und vielen anderen Ländern. Die Erderwärmung würde verlangsamt – Rinder sind für etwa ein Drittel des weltweiten Ausstoßes an Methan verantwortlich, das als Treibhausgas um ein Vielfaches wirksamer ist als Kohlendioxid. 62 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in Deutschland werden für Futtermittel verwendet — wie viel mehr hätten zu essen, wenn die Fläche nicht für Tiere verwendet würde, und der wirtschaftliche Druck auf die maximale Ausbeutung der Böden (Ertrag pro Hektar) wäre geringer.</p>
<p>Und der Fleischkonsum nimmt nicht etwa ab, sondern er nimmt noch zu, und zwar drastisch: Laut FAO stieg die weltweite Fleischindustrie von 1961 bis 2011 auf fast das Vierfache, in China hat er sich in dieser Zeit sogar versiebenundzwanzigfacht. Auch wenn der Fleischkonsum in der kleinen Szene der ›Bewusstseinsavantgarde‹ der Welt inzwischen sinkt, steigen die Gesamtzahlen noch immer drastisch an, denn immer mehr Menschen (in absoluten Zahlen vor allem Chinesen) können sich Fleisch leisten und haben ethisch, politisch und gesundheitlich nichts dagegen einzuwenden.</p>
<h4>Die geistige Nahrung</h4>
<p>Wissen die Fleischesser, dass ihnen und der Welt das Fleischessen nicht gut tut? Wenn ja, dann war immerhin ihre geistige Nahrung nicht die allerschlechteste. Denn nicht nur das, was wir durch unseren Mund zu uns nehmen macht uns zu den Menschen, die wir sind, sondern mindestens ebenso das, was wir durch unsere Augen und Ohren zu uns nehmen. Die Nachrichten, Meinungen und Weltbilder, die uns dabei vermittelt werden, prägen uns, und ebenso die Hoffnungen und Befürchtungen, Drohungen und Belohnungen, die wir durch diese Sinnestore in uns aufnehmen, und vor allem die Anerkennung oder Aberkennung von dem, was wir sind oder zu sein glauben.</p>
<p>Auch bei diesem geistigen Input müssen wir hoch selektiv sein, sonst werden wir krank, dumm, irre oder bösartig, denn auch geistige Nahrung kann einen Menschen vergiften oder gesunden lassen. Sogar lehren kann die geistige Nahrung, erhellen, vielleicht sogar erleuchten.</p>
<h4>Wählerisch, aber ohne strenge Zensur</h4>
<p>Kann sie das wirklich? Ich meine, dass wir auch bei der geistigen Nahrung zwar hoch selektiv sein sollten, dass wir dort aber nicht annähernd eine so strenge Zensur des Inputs brauchen wie bei der körperlichen Nahrung. Ein körperliches Gift ist imstande, einen Menschen sehr schnell gesundheitlich zu schädigen, bis hin zum schnellen Tod. Wenn das Gift in Darm und Leber eingetreten ist, wird auch das Auspumpen des Magens nicht mehr viel helfen.</p>
<p>Anders bei den geistigen Giften. Sie sind die Gegenpole der Wahrheiten und Weisheiten, wir brauchen uns nicht einmal wirklich vor ihnen zu schützen, es genügt sie als solche zu erkennen. Dann kann die Lüge gegenüber der Wahrheit, die Dummheit gegenüber der Weisheit den Bogen weit spannen zur Erkenntnis des Ganzen.</p>
<p>Wer seinen geistigen Input durch Zensur vor »zersetzenden« Gedanken oder sonstwie als böse stigmatisiertem Geistesgut glaubt schützen zu müssen, ist in Gefahr, sich damit eine Gehirnwäsche zu verpassen. Der Geist muss frei bleiben. Auch seinen Input muss er prinzipiell unzensiert aufnehmen dürfen, ohne Verbote, Scheuklappen oder Angst vor Beschmutzung. Auch im Geistigen müssen wir wählerisch sein, aber diese Wahl sollte eine sein, die eher Tendenzen gewichtet, als Ge– und Verbote auszusprechen.</p>
<h4>Aufnahme ohne Aneignung</h4>
<p>Ich esse kein Fleisch und meide, so gut ich kann Vergiftetes zu essen oder zu trinken, nehme aber täglich ausreichend viele Dummheiten, Lügen und Halbwahrheiten zu mir, ohne das Bedürfnis, sie ausfiltern zu müssen. Ich nehme sie auf, eigne sie mir aber nicht an. Sie beleben meine Wahrnehmung, meinen »Arbeitsspeicher«, werden aber nur dann auf der Festplatte abgespeichert, im Langzeitgedächtnis, wenn ich sie satirisch oder sonstwie polar verwenden kann.</p>
<p>Denn alles, was als wahr erscheint, trägt auch sein Gegenteil in sich, das es ergänzt. Keine Weisheit ist so weise, dass sie nicht in irgendeiner Situation, aus irgendeinem Blickwinkel betrachtet, eine Dummheit wäre. Das Geistige trägt das Polare in sich, was sich vom Körperlichen so nicht sagen lässt. Unser Immunsystem schätzt es zwar, gelegentlich durch Angriffe herausgefordert zu werden. Falls diesen Angriffe nicht lebensbedrohlich sind, gilt vielleicht sogar: je öfter desto besser (das Prinzip des Impfens). Es gibt jedoch körperliche Gifte, die zum sofortigen Tod führen, und es gibt essentielle Heil– und Nahrungsmittel, die für die Gesundheit unentbehrlich sind. Im Geistigen gibt es das nicht: Der klare Geist ruht in der Stille und kann auch die größten Lügen und Dummheiten in sich aufnehmen – er scheidet sie aus, ohne dass sie Spuren hinterlassen würden.</p>
<p>Zwischen dieser großen geistigen Klarheit und der völligen Unwissenheit aber liegt das Land, in dem wir Menschen uns die meiste Zeit aufhalten: der ganz normale Alltag. Dort sind wir nur halb bewusst, nur halb wissend und immer ein bisschen unentschieden. Dort spielt es eine große Rolle, was wir geistig in uns aufnehmen. Hier sollten wir hoch selektiv sein mit dem, was wir in uns reinlassen und ebenso wie beim Wasser, das wir trinken, darauf achten, aus welcher Quelle es kommt.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Connection Spirit, <a href="http://connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 03/12</a></em></p>
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		<title>Die Schönheit des Geldes</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 10:40:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Bewusster Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Charles Eisensteins Vision einer Wirtschaft aus dem Geist des Gebens und die neue Verbindung von Spiritualität und sozialer Frage. Geld, so wie wir es kennen, ist die verborgene, geheime Macht unserer Welt: Geld regiert sie nicht nur, sondern sorgt der englischen Version dieses Ausspruchs zufolge sogar dafür, dass sie sich dreht. Geld gilt unhinterfragt für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Charles Eisensteins Vision einer Wirtschaft aus dem Geist des Gebens und die neue Verbindung von Spiritualität und sozialer Frage.</strong></em></p>
<div id="attachment_4732" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/564764_web_R_K_B_by_Katharina-Bregulla_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4728]"><img class=" wp-image-4732 " title="Jeder Cent zählt" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/564764_web_R_K_B_by_Katharina-Bregulla_pixelio.de_-300x198.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Katharina Bregulla / pixelio.de</p></div>
<p>Geld, so wie wir es kennen, ist die verborgene, geheime Macht unserer Welt: Geld regiert sie nicht nur, sondern sorgt der englischen Version dieses Ausspruchs zufolge sogar dafür, dass sie sich dreht. Geld gilt unhinterfragt für die meisten Menschen als letzter Antrieb alles Daseins. Nimmt man noch hinzu, dass es allein das Geld ist, das – per Kreditvergabe der Banken – buchstäblich aus dem Nichts geschöpft wird und dass es in der natürlichen Ordnung der Dinge sogar das Einzige ist, das dem Kreislauf des Werdens und Vergehens enthoben ist, weil es nicht vergeht, sondern auf wundersame Weise durch sich selbst immer mehr werden kann –  spätestens dann dürfte uns klar werden, dass wir das Geld mit Attributen ausstatten, wie sie in früheren Zeiten nur dem Göttlichen und Heiligen zuerkannt wurden.</p>
<p>Dass wir dem Geld als einem Götzen huldigen, ist sprichwörtlich. Was aber, wenn es möglich wäre, eine wirklich heilige Dimension des Geldes wiederzuentdecken und daraus eine neue, heilige Praxis des Wirtschaftens zu entwickeln? In nichts Geringerem besteht die Vision des amerikanischen Autors <a href="http://charleseisenstein.net/" rel="external nofollow">Charles Eisenstein</a>, der mit einem kürzlich erschienenen Buchtitel für eine „Heilige Wirtschaft“ wirbt. Mit Texten, Blogeinträgen und Vorträgen – einige davon hielt er während der Occupy Wall Street-Aktionen – setzt sich der charismatische junge Mann, der an einem privaten Collage als Dozent arbeitet, für seine Vision ein.</p>
<h4>Tauschmittel des Gebens</h4>
<div id="attachment_4733" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/19_Charles-Eisenstein-klein1-243x300.jpg" rel="lightbox[4728]"><img class=" wp-image-4733 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/19_Charles-Eisenstein-klein1-243x300.jpg" alt="" width="150" /></a><p class="wp-caption-text">At its core, money is a beautiful concept. Charles Eisenstein</p></div>
<p>Geld ist im Kern eine wunderschöne Sache, ist Eisenstein überzeugt – als Tauschmittel, das berufen wäre, ein Instrument gegenseitigen Gebens zu sein und das Geflecht der Weltwirtschaft zu impulsieren.  Eisenstein erinnert hier an die Rolle des Herzens, das er im Gegensatz zum herrschenden Verständnis nicht als Blut entsendende „Pumpe“ sieht, sondern als ein Organ der Empfänglichkeit. Ähnlich sollen für ihn auch Banken zu Organen werden, die auf die Bedürfnisse des Systems achten und ihnen dienen.</p>
<p>Wie zahlreiche andere Experten heute auch sieht Eisenstein das Hauptproblem der Finanzwelt in der falschen Verselbständigung des Geldes: Es ist zur Ware geworden und wird so selbst Gegenstand spekulativen Handelns. Dadurch und durch das (seit den 1930er Jahren bestehende) Recht der Privatbanken zur Geldschöpfung per Kredit lebt sich der Drang, aus Geld immer noch mehr Geld zu machen, in Form meist hoch spekulativer Finanzgeschäfte aus, die mit realer Wertschöpfung nichts mehr zu tun haben. Überzeugend zeigt Eisenstein auf, wie der Drang des Geldes nach immer neuen Anlagemöglichkeiten zu einer totalen Ökonomisierung aller Lebensbereiche geführt und insbesondere auch den Bereich der früheren Gemeingüter ausgesaugt hat.</p>
<h4>Ökonomie der Gabe</h4>
<p>Das Besondere bei Eisenstein liegt aber weder in seiner Kapitalismus-Kritik noch in einzelnen Vorschlägen zu einem alternativen Verständnis von Geld, die es andernorts auch gibt. Ungewöhnlich ist bei ihm vielmehr der Ansatz, unser Verständnis von Wirtschaft, Geld und Zinsen als Ausdruck unseres Bewusstseins zu sehen. Seine Zusammenschau von Spiritualität und sozialer Frage zeigt sich zum Beispiel bei der direkten Verknüpfung von Zinsverständnis und Menschenbild: „Das für sich stehende, getrennte Ich eines Descartes und eines Adam Smith hat sich totgelaufen“, sagt Eisenstein, „Zins täuscht über diese Einheit hinweg, weil er auf das Wachstum des getrennten Ichs abzielt“. Die heutige Wirtschaft ist eine konsequente Folge der Ansicht, dass jeder Mensch eine Insel ist. Künftige, heilige Wirtschaft soll Ausdruck der Einheit aller Menschen werden. Wer sich seines All-Seins bewusst ist, will nicht sein kleines Ego mehren, er will schenken, so Eisenstein.</p>
<p>Für ihn muss deshalb das Geld neu definiert werden, und zwar so, dass es sich einfach nicht mehr vermehren kann. Das wäre dann der Fall, wenn es mit der Zeit – ebenso wie alle Waren und Dienstleistungen auch – seinen Wert verliert. Eisenstein bezieht sich dabei unter anderem auf Silvio Gesells „Freigeld“-Theorie und die deutsche Zinskritikerin Margrit Kennedy. Auch Rudolf Steiner, auf den Eisenstein bisher wohl nicht aufmerksam wurde, vertrat bereits die Idee eines „alternden Geldes“. Die Umsetzung wäre nach Eisenstein denkbar einfach: Auf Geld, das nicht ausgegeben, sondern auf Konten geparkt wird, ergeht kein Zins, sondern im Gegenteil eine Gebühr. In der Folge würde nicht nur der Konsum ansteigen, sondern es würden auch Investitions-Kredite zu Bedingungen unterhalb des Negativ-Zinses verfügbar werden, weil für die Banken (oder auch wohlhabende Privatpersonen) zinslose oder gar leicht verlustbehaftete Darlehen immer noch wirtschaftlicher wären als die dauerhaften Gebühren für „lagerndes“ Geld. Das Ziel für Eisenstein:  „Die Wiederherstellung des Geldes in seiner wahren Funktion als ein verbindendes Element für Schenkungen und Bedürfnisse.“</p>
<p>Konsequent wäre dann für Eisenstein auch – um eine entsprechende „Flucht“ in Sachwerte zu vermeiden – die höhere Besteuerung von Grund und Boden und im weiteren Sinne aller Güter, die bereits aus dem Fundus der Allgemeingüter (commons) herausgelöst und ökonomisiert wurden.</p>
<p>In wie großen Zusammenhängen Eisenstein denkt, zeigt übrigens auch seine sehr interessante Variante der Grundeinkommens-Idee, die bei ihm als „soziale Dividende“ vorkommt und sich aus der Vorstellung ableitet, dass die gesamte Menschheit heute von der Arbeitsersparnis profitieren sollte, die vergangene Generationen durch ihre Erfindungen ermöglicht haben.</p>
<h4>Geld-Schmelze als Chance</h4>
<p>Fragt sich nur, was wir Einzelnen angesichts des drohenden Zusammenbruchs mit unserem Geld tun können. Eisensteins Antwort lautet: Wir sollen keine Vorräte anlegen, keine Festungen bauen und nicht nach Sicherheiten fragen, sondern danach: „Was ist das Schönste, das ich tun kann?“ Die Finanzkrise mit ihrer Zerstörung von Geld ist für ihn nur unter dem Gesichtspunkt grundsätzlich schlecht, dass die Erschaffung von Geld grundsätzlich gut wäre. Die Vernichtung von Geld kann uns sogar bereichern, so Eisenstein: „Sie gibt uns die Möglichkeit, Teilbereiche des verlorenen Gemeinwesens aus dem Reich des Geldes und des Eigentums zurückzuerobern“, heißt es in seinem Büchlein Keine Forderung ist groß genug, das ein deutscher Verlag kürzlich von ihm herausgegeben hat. Die Zeit sei dafür reif, „Dinge aus dem Reich der Waren und Dienstleistungen zu holen und sie in das Reich der Gaben, der Gegenseitigkeit und der Gemeinschaftlichkeit zurückzubringen“, sagt Eisenstein.</p>
<p>Seine Gedanken vermitteln an jeder Stelle etwas tief Menschliches und Schönes, ein Gefühl für eine mögliche Zukunft, die über die üblichen ideologischen Rufe nach Umverteilung ebenso hinausgeht wie technokratische Ausbesserungsvorschläge. Seine Botschaft begeistert gerade durch ihre Kompromisslosigkeit: „‚Praktikabel’ ist keine Option“, so Eisenstein, „wir müssen nach dem Einzigartigen streben“.</p>
<p> </p>
<p><em>Dieser Text erschien in der <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/1021/news-blog/?date=201203" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe März 2012</a> der Zeitschrift <a href="http://www.info3.de" target="_blank" rel="external nofollow">Info3 – Anthroposophie im Dialog</a> “Die Schönheit des Geldes”.</em></p>
<p> </p>
<p><em><strong>Buchtipp: Charles Eisenstein: Keine Forderung kann groß genug sein. Die Revolution der Liebe. Zwei Vorträge, Scorpio Verlag, € 5,-.</strong></em></p>
<p><em><strong>Charles Eisenstein: Sacred Economics. Money, Gift &amp; Society in The Age of Transition, Evolver Editions,California, $ 22,95</strong></em></p>
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		<title>Die Notwendigkeit utopischer Entwürfe</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/03/29/die-notwendigkeit-utopischer-entwurfe/</link>
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		<pubDate>Thu, 29 Mar 2012 16:23:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
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		<category><![CDATA[Konstruktiver Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neues Bewusstsein]]></category>

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		<description><![CDATA[Visionen und deren Realisierung Utopien haben derzeit wenig Konjunktur. Sie stehen unter dem Generalverdacht, blosse Fantasiegebilde zu sein, denen jeglicher Realitätsbezug fehlt. lieber spricht man von Szenarien oder Visionen einer besseren Gesellschaft. tatsächlich lassen wir uns in unseren Lebensentwürfen jedoch täglich von Utopien leiten. Die klassischen Utopisten (zum Beispiel Platon und Thomas Morus) entwickelten Entwürfe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Visionen und deren Realisierung</h2>
<div id="attachment_4724" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/569736_original_R_B_by_Rainer-Sturm_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4719]"><img class=" wp-image-4724 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/569736_original_R_B_by_Rainer-Sturm_pixelio.de_-300x189.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Rainer Sturm / pixelio.de</p></div>
<p>Utopien haben derzeit wenig Konjunktur. Sie stehen unter dem Generalverdacht, blosse Fantasiegebilde zu sein, denen jeglicher Realitätsbezug fehlt. lieber spricht man von Szenarien oder Visionen einer besseren Gesellschaft. tatsächlich lassen wir uns in unseren Lebensentwürfen jedoch täglich von Utopien leiten.</p>
<div>
<p>Die klassischen Utopisten (zum Beispiel Platon und Thomas Morus) entwickelten Entwürfe eines Idealstaats, ohne Streit, Gewalt und Krieg. Darin bestand auch das Ziel der marxistischen Utopie, die für soziale Gerechtig– keit plädierte und für eine Gesellschaft, in der alle Klassenunterschiede beseitigt sind. Doch die Realisierungsversuche in der ehemaligen UdSSR und der DDR, in Kuba und China haben diese Utopien diskreditiert. Der Misserfolg ist nicht dem utopischen Konzept anzulasten, sondern dessen Pervertierung. Unter der Hand wurden nämlich die alten Machtverhältnisse mitsamt ihren Hierarchien weitergeführt oder neu installiert, was in krassem Widerspruch zu jenem Reich der Freiheit steht, das Karl Marx vorschwebte.</p>
<p>Utopien sollten wieder als Korrektiv des Bestehenden gesehen werden. Sie sind Platzhalter einer Freiheit, die individuelle Vielfalt und Differenz ermöglicht. Das Wort «Utopie», zusammengesetzt aus den beiden griechischen Wörtern «ou» und «topos», bedeutet: Nichtort. Utopische Entwürfe haben keine Raum-Zeit-Koordinaten; man kann das, was sie beschreiben, weder geografisch noch historisch verorten. Dies mag zunächst befremden, doch wir gehen ständig mit solchen Nichtort-Gebilden um, denn wir müssen ja in jedem Augenblick unser Leben aktiv gestalten. Menschen blicken in die Zukunft und projizieren dabei ihre eigenen Ziele.</p>
<blockquote><p>Die Gestaltung der Zukunft mittels utopischer Entwürfe lässt sich mit der Entstehung einer Skulptur vergleichen. Wir gestalten unser Leben wie der Bildhauer den Stein.</p></blockquote>
<p>Der Entwurf von Zukunft ist nicht einfach eine Eins– zu-eins-Nachahmung oder Wiederholung von bereits Erreichtem, das seinen festen, datierbaren, historischen Ort in der Vergangenheit hat. Jede Konstellation verlangt neue Anpassungen und öffnet der Fantasie Möglichkeiten eines neuen Entwurfs. Indem wir unsere nähere oder fernere Zukunft planen, nehmen wir die neu gesetzten Ziele als Wirklichkeit in Gedanken vorweg.</p>
<div>
<div>
<p>Diese vorerst in der Fantasie existierende Wirklichkeit ist, vielleicht nur vorläufig, vielleicht aber auch auf lange Zeit, ein Nichtort. Als bloss ersehntes Traum– und Wunschgebilde bleibt sie ein Nichtort, was ihre Bedeutung aber keineswegs schmälern muss. Wenn der Sog der Ziele stark genug ist, dienen sie als ständige Orientierungshilfe für ein Handeln, das sich am Ideal ausrichtet.</p>
</div>
<div>
<p>Mit jedem erreichten Teilziel nähert man sich dem utopisch «Vor-Entworfenen» an, bis dieses verwirklicht ist und damit der Nichtort sich in einen tatsächlichen Ort verwandelt.</p>
<h4>Immer neu interpretierte Mythen</h4>
<p>Ohne Utopien wäre unser Blick vollständig an die Ver– gangenheit gefesselt. Wir könnten unsere Gegenwart nur rückwärtsgewandt gestalten, in einem versteinerten Konservatismus. Alle Kreativität würde sich in der immer gleichen Ausmalung des Paradieses oder des Goldenen Zeitalters erschöpfen, mit dem unsere Geschichte angefangen haben soll. Doch letztlich ist auch dies schon eine Utopie, denn solche Anfänge sind nicht historisch dokumentiert, sondern in Form von Mythen überliefert, die von Generation zu Generation neu interpretiert und anders ausgeschmückt wurden. Sie regen die Fantasie an, ein dem jeweiligen Welt– und Menschenbild entsprechendes Paradies zu entwerfen und als neuen Garten Eden in die Zukunft zu projizieren.</p>
<p>Die Gestaltung der Zukunft mittels utopischer Entwürfe lässt sich vergleichen mit der Herstellung eines Kunstwerks. Wie ein Bildhauer den Stein, so gestalten wir unser Leben. Wir fangen nicht in jedem Augenblick bei null an. Unsere bereits verlebte Zeit ist das Material, das wir im Vorgriff auf den utopischen Gesamtentwurf unserer Zukunft bearbeiten wollen. Wir können daher nicht völlig neue oder ganz andere Menschen werden, sondern müssen unsere individuellen Besonderheiten beachten, die das Resultat dessen sind, was wir erlebt und erlitten, gelernt und gemacht haben. Dies alles beeinflusst unsere Zukunftsprojekte ebenso stark, wie es unsere Sehnsüchte und Wünsche tun.</p>
<p>Endgültig Bilanz ziehen, ob es uns gelungen ist, unser individuelles utopisches Profil zu verwirklichen, lässt sich allenfalls am Lebensende. Aber das Kunstwerk Individuum ist ja ein «work in progress», und wir können jederzeit – wie der Bildhauer an seinem Stein – an uns etwas abschleifen, glätten, Überstehendes wegschlagen, um zu dem Menschen zu werden, als den wir uns entworfen haben. Manche Prozesse sind schmerzhaft, andere Eingriffe beglücken, weil durch sie etwas entstanden ist, was genau dem Ideal entspricht, das uns vorschwebte.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin MONETA, Ausgabe <a title="Nr. 1/2012" href="http://www.abs.ch/de/zeitung-moneta/moneta-archiv/" rel="external nofollow" target="_blank">Nr. 1/2012</a>.MONETA ist das Magazin der <a title="Alternativen Bank Schweiz" href="https://www.abs.ch/" rel="external nofollow" target="_blank">Alternativen Bank Schweiz</a></em></p>
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		<title>Erotische Ökologie</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Mar 2012 00:46:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Das hartnäckige Streben nach persönlicher Erfüllung in der Liebe ist, bei Licht betrachtet, ein ökologisches Drama. Es folgt dem Prinzip des Nehmens von begehrenswerten Ressourcen statt dem der Gabe, des ­Teilens und des Loslassens. In den ersten Februartagen, als es eisig war und in weniger als einer Woche die Gewässer um Berlin erstarrten, überzogen mit einer unwirklich weißen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4651" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/image_wide.jpg" rel="lightbox[4649]"><img class=" wp-image-4651 " title="Erotische Ökologie" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/image_wide-300x168.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: www.natalietoczek.de</p></div>
<p><em>Das hartnäckige Streben nach persönlicher Erfüllung in der Liebe ist, bei Licht betrachtet, ein ökologisches Drama. Es folgt dem Prinzip </em><em>des Nehmens von begehrenswerten Ressourcen statt dem der Gabe, </em><em>des ­Teilens und des Loslassens.</em></p>
<p>In den ersten Februartagen, als es eisig war und in weniger als einer Woche die Gewässer um Berlin erstarrten, überzogen mit einer unwirklich weißen Decke, ging ich mit Esther und den Kindern zum Eislaufen auf den Glienicker See. Eine gelbe Sonne verlieh den Figuren lange Schatten und legte einen Hauch von Wärme in die gefrorene Luft.</p>
<p>Halbwüchsige hatten Flächen vom Schnee befreit und zu Eishockey-Feldern verwandelt, auf denen sie einander jagten, mit fliegenden Schals und roten Gesichtern. Eltern zogen ihre Kleinen auf Schlitten über die Ebene. Alles schien in Bewegung. Und doch war der See so groß, dass weite Flächen unberührt dalagen und erst unsere sirrenden Kufen Spuren hineinschnitten.</p>
<p>Esther hatte sich von mir gelöst und glitt über das leere Weiß. Sie war eine große Sportlerin, der es heute oft fehlt, ihren Körper in der Lust seiner Bewegung zu spüren. Sie zog Kreise über das Eis, drehte sich im Schwung, fuhr ein Stück rückwärts, beschrieb Pirouetten, kehrte zurück und flog an mir vorbei. Sie saugte die Ferne, die ihr zu Füßen lag, geradezu auf. Es war kalt auf meinen Wangen, und ich konnte die Kälte auf ihren sehen, den Glanz ihrer Augen, die mich nicht wahrnahmen, während sie mich passierte.<br />
Sie war hingegeben an den rasenden Schwung, den fliegenden Puls, die bebende Lust der Glieder. Sie hatte für einen Zeitbruchteil in der Bewegung ihr Gleichgewicht gefunden. Ich aber war nicht Teil dieser Harmonie. Es sah aus wie ein Tanz. Ja, es war ein Tanz, im singenden Eis, und sie tanzte ihn mit einem Schemen, der aus einer Sinnlichkeit gemacht war, die ich nicht zu teilen vermochte, nicht beim besten Willen.</p>
<p>Es versetzte mir einen Stich, Esther so verloren zu sehen, auf diesem frischesten Weiß, das sich langsam mit der Röte des Abends vollsog. Es versetzte mir einen Stich, und doch erfüllte es mich mit Leichtigkeit und Freude, den Tanz dieser Sehnsucht zu sehen, die sich schon in der Grazie der Bewegungen erfüllte, ohne dass sie mich in irgendeiner Weise enthielt. Ich liebte ihre Eleganz plötzlich mit derselben Intensität wie diese ganze gefrorene Welt in ihrer Strahlkraft, die nicht wärmte. Durch das Eis liefen Schauer, sein Panzer klagte gequält unter dem Druck. Der See stieß langgezogene Seufzer aus, als wären unter seiner Decke Wale gefangen. Eine unheimliche Welt, durch die ich glitt, und doch konnte ich nicht anders, als sie für ihre Schönheit zu verehren.</p>
<h4>Von mir fort lieben</h4>
<p>Auch Esther, so wusste ich auf einmal, konnte ich nur lieben. Ich musste sie geradezu von mir fort lieben und hin zu ihr selbst, in jene Welt der Grazie und der wortlosen motorischen Lust, die mir nicht im Geringsten angehörte. Wirkliche Empathie für sie hieß, eine Freiheit zuzulassen, die mir gefährlich schien. Aber es ging nicht um mich. Es ging um diesen kristallscharfen Splitter Schönheit, der aus ihren Augen funkelte und der in meiner Seele steckte.</p>
<p>Ich dachte zurück an die langen Nachmittage meiner Kindheit auf den kleinen, eisbedeckten Teichen, als ich meinem Schwarm Mara auf Kufen hinterhergehastet war, einfältig und atemlos, begierig nach einem Splitter Aufmerksamkeit, und als ich doch immer nur Stürze produzierte, die ihr ein verächtliches Naserümpfen und ein abschätziges Schütteln des blonden Pagenkopfs abnötigten.</p>
<p>Ich sah Esther nach, und plötzlich schien mir: Nicht das warme Lächeln, das aufmunternde Nicken im Vorbeigleiten war die wahre Übung der Liebe, sondern die Ferne zwischen uns. Diese Ferne auszuhalten, sogar zu erweitern und sie sich ganz mit der Persönlichkeit des anderen füllen zu lassen. Ich kam auf dem Eis unbeholfen zum Stehen und staunte.<br />
Konnte es sein, dass wir uns alle in der Liebe täuschten? Dass wir übersahen, dass Bindung nicht im Gegensatz zur eigenen Freiheit und der des anderen steht, sondern mit ihr eine fruchtbare Polarität bildet? Wenn wir über Liebe sprechen, denken wir vor allem an Paare, an Zweisamkeit und Einklang. Wir denken an die Liebe zu uns selbst, nicht an die Liebe zur Welt. Aber Eros, der griechische Gott, galt schon in der Antike als tragische Gestalt. Er war nicht der Gott der genussvollen Erfüllung, sondern jener der emotionalen Intensität, die auch oder gerade in der Abwesenheit brennt.</p>
<p>Wenn lieben hieße, den Geliebten von mir fort zu lieben statt ihn zu meinem Besitz zu machen, waren wir dann nicht alle in einem gewaltigen Irrtum befangen? Hatten wir womöglich kollektiv vergessen, was als entscheidendes Moment Liebe erst gebar? Dass sie nicht ein beglückender Flirt war, sondern Maßstab des Gelingens jeder Beziehung? Hatten wir uns im Streben nach einer möglichst angenehmen Existenz, Anerkennung und allabendlichem Vergessen in ein Bild des Liebens verrannt, das uns von der Lebendigkeit fortführte und immer tiefer in eine Spirale der Bedürfnisse hineinsaugte, in deren Mitte nur das optimierte eigene Ich stand? Wir leben heute zwar in einer Zeit, in der das Gefühl für den anderen beständig im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht. Menschen wandern als permanente Liebessucher durch die Welt. Doch es scheint gegenwärtig, in der Zeit ubiquitärer Erotik und immerfort winkenden Verliebtheitsglücks geradezu eine Seltenheit, wenn jemand, der die Liebe gefunden hat, sie nicht wieder verliert.</p>
<h4>Festhalten und loslassen</h4>
<p>Wir wissen zum Beispiel, dass ein Drittel aller Ehen geschieden wird, auf dem Eis der Herzen mit in die Ferne gerichtetem Blick gescheitert. Wir wissen, dass in Großstädten wie Berlin ein Drittel aller Kinder in getrennten Haushalten aufwächst, weil ihre Eltern nicht aufhören, nach dem für sie Richtigeren zu fahnden. Es gibt ein neues Waisentum, das nicht Seuchen und Kriege zur Ursache hat, sondern die Glückssuche ihrer bis zum Lebensende jung bleibenden Eltern. Die Lebenssicherheit der Kinder müsse daran nicht in Scherben gehen, glauben Psychologen und Pädagogen – etwa der Schweizer Kinderarzt Remo Largo in seinem Buch »Glückliche Scheidungskinder«. Eine amerikanische Langzeitstudie, die seit den 1980er Jahren Trennungskinder bis in ihr Erwachsenenleben begleitet, zeichnet ein anderes Bild. Es ist ein tiefes Trauma, plötzlich keine Eltern mehr zu haben, die beschirmen wie eine tröstende Macht, sondern einen separaten Vater und eine vereinzelte Mutter auf der Suche nach dem je eigenen Glück. Ich erinnere mich an das flatternde kleine Herz meiner Tochter, als sie einmal in einer schlimmen Streitsituation ihrer Eltern tonlos in mein Ohr flüsterte: »Wenn ihr euch trennt, will ich nicht mehr leben …«</p>
<p>Die Lektion, die verlassene Kinder für die Gesellschaft der Zukunft mitnehmen, könnte somit einzig darin bestehen, dass man auf dieser Welt alles an sich reißen muss, weil niemand einem etwas schenkt. Dies erst ist der Tod Gottes. Das Ende jeglicher Gnade. Auch die Kinder hieße es also von sich fort zu lieben, in ihr eigenes Leben mit seiner Neugier, seinem Glück, seiner Stabilität hinein zu leiten, ohne selbst beständig zu schauen, in welchem Maß das eigene Glück anschwillt oder abflaut.<br />
Der See unter seinem frostglitzernden Eis, welches das sonst Unerreichbare magisch zugänglich machte, sandte auch Echos dieser kindlichen Stimmen zurück. Denn es war ja eine Kinderlandschaft, die sich auf ihm gebildet hatte. Kinder mit Schlitten erkundeten die runden Eilande, die sie sonst nur in der Ferne auf dem Seespiegel hatten schwimmen sehen. Kinder karriolten durcheinander, schlitterten auf den Hinterteilen weiter, nachdem sie gestürzt waren, wälzten sich als bunte Knäuel aus frost– und wasserdichten Thermoanzügen im Schnee.</p>
<p>All diese Kinder hatten Eltern nötig, die ihnen die Welt aufschlossen – aber nicht dadurch, dass sie ihre Sprösslinge auf die besten Schulplätze drängten, sie mit Spielzeug überschütteten und schon in der Vorschule zum Englischkurs anmeldeten. All diese Kinder hatten Eltern nötig, die sie als Menschen mit dem Bedürfnis nach innerer Freiheit und schöpferischer Produktivität begriffen. Eltern, die im richtigen Moment, auch gegen ihre eigenen Bedürfnisse, festhalten konnten. Eltern, die in einem anderen Moment, wider die eigene Sehnsucht, loszulassen vermochten.</p>
<p>Das Licht wurde röter, als rührte den Himmel eine Art zärtliches Mitleid über soviel Frost auf der Erde. Ich fragte mich: Wieviel hatte ich in meinem Leben von der Liebe erfahren? Gewiss, ich hatte ihren Glutkern auf der Wange gespürt und schlagenden Herzens im Leib, ich war von dem Ergriffensein emporgetragen worden, der rauschhaften Leichtigkeit, dass mich die Gegenwart eines anderen Menschen derjenige sein ließ, der ich in der Tiefe zu sein ahnte, plötzlich, unerwartet und in blendender Klarheit. Ich hatte die Liebe immer in jener Aufwärtsbewegung gesucht. Aber gefunden hatte ich sie in Nächten, in denen ich wieder und wieder erwachte, weil unser Sohn oder unsere Tochter fieberten, an Abenden, wenn ich entkräftet ins Bett fiel nach einem Tag voll getippter Zeilen, verbesserter Hausaufgaben, kleiner Rügen, nächtlich aufgehängter Wäsche; an Tagen, als mein Sohn, nachdem er das Aquarium gereinigt hatte, plötzlich sagte: »Wenn ich die Fische sehe, wie sie leben, bin ich so glücklich.« Ich habe die Liebe in der Aufwärtsbewegung gesucht, aber gefunden habe ich sie öfter mit gekrümmtem Rücken, als Licht inmitten unspektakulärer Mühen.</p>
<p>Auf dem harten, weißen Eis, zwischen all den Menschen, fragte ich mich, ob nicht auch mein eigener Irrtum darin bestanden hatte, Liebe als etwas Privates zu verstehen. Als einen Zustand des Ichs, den ich mit Hilfe eines anderen Ichs erreichen wollte. Vielleicht war die Liebe in Wahrheit kein Gut, das sich erwerben ließ, sondern eher eine Resultierende meiner Verbundenheit inklusive aller ihrer guten – und mühseligen – Verpflichtungen? Also in Wahrheit geradezu ein ökologisches Phänomen?</p>
<h4>Leben als Gabe</h4>
<p>Wenn in der Liebeserfahrung mein Gegenüber in seinem höchsten Glück gerade mein tiefstes Begehren ist, dann enthüllt sich hier etwas Allgemeineres als ein privates Gefühl. Dann wird Liebe zu einem grundsätzlichen Aspekt des Lebendigseins. Sie ist das Erfolgserlebnis belebter Systeme, in denen es ja immer dar­um geht, die Freiheit des Individuums mit der des Ganzen in Einklang zu bringen. Unser hartnäckiges Beharren auf der erfüllenden Beziehung und ihrem privaten Genuss ist in der Tiefe ein ökologisches Drama. Es ist symbolisch für unsere ökologische Krise. Denn zur Idee der Liebe als einer Ressource, für die ich einen anderen Menschen brauche, passt spiegelbildlich die Auffassung, die ganze belebte Welt sei ein Ort des Kampfs um begrenzte Güter und die Evolution eine Geschichte der Sieger im Optimierungswettbewerb. Zu dieser Idee gehört, dass nichts geschenkt ist – weshalb man, um liebenswert zu sein, vor allem seinen Marktwert durch Attraktivität steigern müsse. Eine ökologische Auffassung der Liebe hingegen geht nicht davon aus, dass Glück nur errungen werden kann und davon schlauerweise nichts abgegeben werden darf. Sie glaubt im Gegenteil, dass alles Wesentliche immer schon geschenkt ist – aber nur, indem es von allen geteilt wird.</p>
<p>Eine Sicht der Liebe als ökologisches Phänomen orientiert sich an den Lebensbeziehungen der Biosphäre. Dort stellt ja auch die Konkurrenz nur eine Seite der Wirklichkeit dar. Um die Kaskaden der Stoffe und Existenzen überhaupt auszulösen, ist zunächst einmal eine Gabe ohne jede Gegengabe nötig: das vom Himmel geschenkte Sonnenlicht. Die Stabilität eines Lebensraums wird nicht dadurch gewährleistet, dass Arten und Individuen versuchen, andere zu überflügeln. Die Logik des Lebendigen besteht vielmehr dar­in, dass jede Art von irgendeiner anderen abhängig ist, dass ­jedes Nehmen durch ein Geben aufgewogen wird. Wie tief dieses Prinzip des Schenkens die Welt der Organismen prägt, haben wir wohl noch nicht in Ansätzen verstanden.</p>
<p>So wiegelt etwa das, was Biologen gern als evolutionären »Rüstungswettlauf« bezeichnen, Räuber und Beute nicht nur gegeneinander auf, sondern fesselt sie auch unablöslich aneinander. Winzige im Wasser schwebende Algen etwa, wie sie ähnlich auch unter dem schwarzen Eis im Glienicker See vorkamen, haben im Lauf ihrer Generationen immer kompliziertere Körperpanzer entwickelt, um Krebse, die sich von ihnen ernähren, abzuwehren. Diese brachten im Gegenzug weiter und weiter spezialisierte Mundwerkzeuge hervor. Schließlich hingen die Räuber vollkommen von einer Beuteart ab, weil sie nichts anderes mehr fressen konnten. Sie verschonen alle anderen potenziellen Beutetiere, für die sich andere Formen von Dominanz und Abhängigkeiten eröffnen. Das Resultat ist nicht ein »Besser«, sondern ein »Tiefer«: ein größeres Maß an inniger Verwobenheit, ein intensiverer Grad an realisierter Liebe in einem Biotop, die ein Beobachter vielleicht als dessen Schönheit erfährt.</p>
<p>Jeder Tod eines Organismus bereichert ein Ökosystem an Nahrung und Energie. So müssen etwa Wiesengebiete und Savannen regelmäßig abgefressen werden, um Graslandschaften zu bleiben und sich nicht in Wälder zu verwandeln. In den Worten einer Ökologie der Beziehung heißt das: Die Graspflanzen müssen ihren eigenen Leib hergeben, um weiter die sein zu können, die sie sind.</p>
<p>Vielleicht müsste man, um der Liebe als durchgängigem Lebensprinzip auf die Spur zu kommen, so etwas wie eine »erotische Ökologie« formulieren. Eine erotische Ökologie würde die schöpferischen Begegnungen der Lebewesen nachzeichnen. Sie würde in ihnen nicht nur Ursache-Wirkungs-Ketten sehen, sondern auch Sinnbilder des Existierens, Anleitungen, wie sich die Gleichgewichte der Lebendigkeit in all ihrer Poesie verstehen und nachschöpfen ließen. Eine erotische Ökologie würde die Empfindung von Freude als integralen Bestandteil eines gedeihenden Ökosystems erfassen. Eine erotische Ökologie könnte erkennen, dass jede Beziehung im Lebensnetz Sinn hervorbringt, weil es für die beteiligten Wesen um ihr ganzes Leben geht, also um das existenzielle Begehren, ein Selbst in einem Körper zu sein. Das Erotische daran ist, dass wir uns in dieser Erfahrung alle in jedem anderen widerspiegeln, weil wir alle einen sensiblen, verletzlichen, auf Bindungen wie auf die Luft zum Atmen angewiesenen Körper haben und seine Lust und sein Leid kennen. Eine erotische Ökologie folgt dem, was der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee einmal so beschrieb: Sich als lebendig zu fühlen heißt, sein eigenes Sein als Freude zu fühlen. Die Zärtlichkeit des Körpers ist das Erbarmen, nicht die Gier.</p>
<p>Es ist diese Lebenszärtlichkeit, die wir nicht von den anderen als Leistung für uns erwarten dürfen. Im Gegenteil: Wir selbst sind den anderen, mit denen wir das Leben teilen, diese Gabe schuldig. Die Liebe in der Sichtweise einer erotischen Ökologie heißt emphatisch, den anderen fort zu sich selbst lieben zu können und ihn dadurch lebendiger zu machen. Sie heißt, das Ganze aufleben zu lassen, auch unter Inkaufnahme der Versagungen, die das mit sich führen muss – ja, sogar diese Versagungen als eine besondere Übung zu betrachten. Die ökologische Liebeskunst besteht dann darin, einem Menschen über den eines Tages immer notwendigen Abschied hin zu sich selbst zu verhelfen und ihn nicht als einen Besitz zur Optimierung der eigenen Lebenskraft zu behandeln.</p>
<p>Die erotische Ökologie folgt in ihrer Auffassung der Liebe dem Bild der Familie, nicht dem des romantischen Paars. Unser Verhältnis zu den Kindern fädelt das Ökologische und das Emotionale zusammen und gibt uns klare Handlungsanweisungen. Denn hier wissen wir, was gut ist: Wir haben unseren Kindern das Leben geschenkt und wollen ihnen mehr davon schenken, wir wollen sie lebendiger machen mit jeder Faser unseres Herzens. Unsere Kinder sind der erste Ernstfall der Liebe – und unser ökologischer Nullmeridian. Mit ihnen bilden wir das kleinste Kontinuum unseres Lebensnetzes. Wir führen die Sippe fort, als deren Teil wir geboren wurden, das Rudel, das sich in einem Ausschnitt der belebten Welt aus Meeren, Wäldern, Weideland und zugefrorenen Seen behaupten muss – oder besser: dem daran gelegen ist, diesen Ausschnitt erblühen zu lassen, indem es sich klug von den von ihm hervorgebrachten Wesen ernährt – und am Ende selbst von ihnen verspeist wird.</p>
<p>Glückt die Beziehung zu unseren Kindern, haben wir es – vorerst – geschafft, unser Wohl als Teil eines insgesamt intensivierten Lebens zu realisieren. Nicht auf der Jagd nach Erfüllung. Sondern in einem Ausgleich zwischen Schenken und Beschenktwerden. Die Liebe zu den Kindern ist ein Modell der Liebe als Loslassen. Darin ist sie vielleicht das Modell der Liebe zur Welt überhaupt.</p>
<p>Wir zogen uns die hartgefrorenen Eislaufschuhe an der Heckklappe des Wagens aus. Der Hund war schon hineingesprungen, er war zuletzt im Frost von einem Fuß auf den anderen getreten. Meine Tochter maulte, weil ihre Zehen taub waren. Meine Frau sah versonnen vor sich hin, unansprechbar. Ich drehte mich noch einmal zum See. Die Sonne wälzte sich langsam über die Eisfläche und ging dann unmerklich hinter der Ebene unter. Ein rosiger Glanz blieb in der Luft. Es schimmerte wie Perlmutt, ein Licht wie im Inneren einer Muschel, die sich langsam um uns schloss.</p>
<p><em><strong>Liebeslebendigkeit, in Worte gegossen:<br />
</strong>Die Bücher »Alles fühlt« und »Biokapital« von Andreas Weber sind im Berlin Verlag erschienen. Sein letztes Buch »Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur« kam bei Ullstein heraus.</em></p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin OYA anders denken. anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/624-Erotische_Oekologie.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 13/2012</a></em></p>
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		<title>#OccupyIntegral</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Mar 2012 15:46:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Konstruktiver Aktivismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir posten dieses Manifest in einem Moment, der sich anfühlt wie die Ruhe vor dem Sturm. Es ist März 2012, nur wenige Wochen eines Jahres, das reich ist an sozialer, politischer und spiritueller Bedeutung. In den USA ist natürlich Wahljahr, das all den  durch die Medien verursachten Wahnsinn mit sich bringt. Laut dem chinesischen Kalender [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4608" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/dreamstime_xs_21497153.jpg" rel="lightbox[4604]"><img class=" wp-image-4608 " title="Revolution of the Mind" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/dreamstime_xs_21497153-300x198.jpg" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: © Michael Rubin | Dreamstime.com</p></div>
<p>Wir posten dieses Manifest in einem Moment, der sich anfühlt wie die Ruhe vor dem Sturm. Es ist März 2012, nur wenige Wochen eines Jahres, das reich ist an sozialer, politischer und spiritueller Bedeutung. In den USA ist natürlich Wahljahr, das all den  durch die Medien verursachten Wahnsinn mit sich bringt. Laut dem chinesischen Kalender ist das Jahr des Drachens, ein Symbol für Dynamik und Kraft. Im überlieferten Maya-Kalender… naja, wir kennen das.</p>
<p>Das Gefühl der Ruhe kommt wohl auch daher, weil auf der nördlichen Erdhalbkugel gerade Winter ist. Doch mehr, es scheint wie die Stille oder die Erschöpfung nach einem <em>komplizierten</em> Jahr. Von Revolutionen im Mittleren Osten bis zu den Occupy Protesten in den USA und global; es ist etwas am Gären… und am Überlaufen.</p>
<p>Wir sind vier Jahre in der globalen Wirtschaftskrise und die fundamentalen Themen in Bezug auf Nachhaltigkeit, Schulden, Ungleichheit usw. wurden nicht mal richtig angesprochen, geschweige denn gelöst.</p>
<p>Unsere politischen Systeme sind in einer Pattsituation. Signale aus der Umwelt werden immer Besorgnis erregender. Nicht nur die schmelzenden Polkappen, sondern auch das nukleare Desaster in Japan markieren die Grösse des Loches, das wir uns selbst graben. Es lässt sich feststellen, dass die Menschen gestresst sind.</p>
<p>Kein Zweifel, es passieren auch reichlich ermutigende Dinge. Neue Technologien, neues Erwachen, neue Formen von Kreativität und Zusammenarbeit und einiges mehr. Das macht es so eine ausserordentliche Zeit um am Leben zu sein.</p>
<p>Natürlich können wir 10, 500 oder 2000 Jahre zurück schauen und finden ähnliche Geschichten der Menschheit am Übergang von Krise und Transzendenz. Dennoch gibt es eine exponentielle Intensität wie unsere Situation in den letzten Jahrzehnten komplexer wurde und sich beschleunigte (in anderen Worten evolvierte), und es gibt wenig Zweifel, dass wir nun auf einem steilen Abhang sind.</p>
<p>Vielleicht erscheint es daher wie ein Moment in dem das Bewusstsein anspannt oder seine Energie für das Unbekannt konserviert, das kommen mag – dieses fremde X, das eine höhere Ordnung aus dem Chaos hervorzaubert.</p>
<p>Es ist ein Moment der sich intuitiv anfühlt wie… <em>schwanger.</em></p>
<p>***</p>
<p>Doch solange wir auf unsere tägliche News-Feeds fixiert sind, verpassen wir die volle Tiefe und den Reichtum des Moments. Ebenso kann es sich anfühlen, als wäre das grössere Bild der Bewusstseinsevolution losgelöst von unserem täglichen Leben, wenn wir uns nur intellektuell darauf beziehen.</p>
<p>Wir wachen jeden Tag auf, vollrichten unsere Arbeit, verbinden uns miteinander und finden Sinn auf so viele verschiedene Arten. Und doch gibt es einen <em>optimalen Punkt,</em> wo sich unser In-der-Welt-sein sich mit dem verbindet was wir den <em>Zeitgeist</em> nennen könnten. Unsere Existenz wird aktiviert, wie Hefe im Teig der Welt. Und die Frage was »wirklich los ist« – oder wie wir auf das transzendente und immanente X antworten und es inkarnieren – ist auf eine ganz neue Art von Bedeutung.</p>
<p>***</p>
<p>Als Integralisten – oder Menschen die sich der gesunden Evolution des Bewusstseins, der Kultur und der Systeme, die unsere Welt ausmachen, verschrieben haben – fühlen wir uns berufen aufzuwachen, um diesen wunderbaren Moment zu verstehen, sich zu engagieren, sich daran zu erfreuen und ihm zu dienen. Dennoch gibt es die Wahrnehmung, dass wir integrale Enthusiasten als Gemeinschaft, Tribe oder »We-Space«, zu wenig tiefe Beziehungen zur Welt haben, oder keine sogenannte Soziale Verantwortung. Es wird gesagt, wir sind viel mehr an der »Landkarte« interessiert als am »Territorium«. Wir werden des »Meta-Tuns« und der »Integralen Untätigkeit« bezichtigt (oder wir beschuldigen uns gegenseitig dafür).</p>
<p>Natürlich sind solche Wahrnehmungen und teilweise wahr und wir können leicht auf viele integrale Projekte verweisen und Praktizierende, die sich diesen Behauptungen widersetzen. Dennoch sind sie nicht grundlos und macht Sinn sich darüber Gedanken zu machen, warum dem so ist.</p>
<p>***</p>
<p>Die Crux des Problems scheint folgendes zu sein:</p>
<p>Einerseits fühlen wir uns nicht wohl dabei, uns mit der Art von Aktivismus zu identifizieren, oder Energie darin zu investieren, die mit den Progressiven, Umweltschützern oder anderen linksgerichteten Gruppierungen assoziiert wird (und noch weniger mit rechtsgerichteten Gruppen wie die Tea-Party). Wir finden sie zu ideologisch, rigide und nicht dynamisch, innovativ oder kreativ genug. Kulturell treten sie zu polarisierend auf, oft nicht willens oder unfähig gegensätzliche Sichtweisen zu respektieren. Obwohl viele von uns mit der progressiven Agenda sympathisieren, fühlen wir einfach nicht, dass der Anlass unseren Geist und Verständnis der Dinge widerspiegelt. Deshalb geben wir diesen Bewegungen auf eine abschätzige Weise Etiketten wie »grün«, »First Tier« oder »postmodern«.</p>
<p>Andererseits hat das integrale Bewusstsein noch keine kohärente kulturelle Bewegung geschaffen, die ihre eigene Kraft für sozio-politische Veränderung werden könnte. Vielmehr scheinen seine frühen Ausdrucksformen die Wichtigkeit oder Notwendigkeit von sozialem Aktivismus herunterzuspielen. Stattdessen neigt es dazu die Evolution des Selbst zu priorisieren. Darüber hinaus verwischt die integrale Kultur (vor allem in seinem eher ungeschickten Bestreben des Marketings) oft eine Linie der Glaubwürdigkeit, und riskiert so zu einem Teil des New-Age oder der Neugeist-Bewegung zu werden.</p>
<p>Unser Ausdruck des sozialen Commitments lässt sich zusammenfassen in dem Satz, »sei der Wandel den du in der Welt sehen möchtest«. Das ist ein schöner und grundlegend wahrer Slogan, natürlich, dennoch bleibt der Fokus auf das Individuum, was nur die halbe Wahrheit ist. Wenn wir uns darauf berufen »die Veränderung zu sein«, dann fühlt sich das oft an, als wäre dies getrieben von einem Bedürfnis die Spannungen zu lindern, die aus der Idee eines <em>sozialen Kampfes</em> kommen. Das ist natürlich paradox, denn Gandhi war ja solch ein gewaltiger Aufrührer. Trotz der Teilwahrheit dieser Aussage, hat die New-Age-Verwendung den Effekt, nicht nur der Kritik von Macht und Ungerechtigkeit auszuweichen, sondern wir nehmen uns auf einer existentiellen Ebene aus dem Kampf heraus.</p>
<p>Bevor wir weiter gehen, lasst und eines klar werden: Es gibt nichts in der Integralen Theorie, das einen eher aktivistischen Ausdruck des Integralismus ausschliesst. Im Gegenteil, das Modell ruft offensichtlich danach! Es beschreibt ausdrücklich den Pfad von individueller, sozialer und kultureller Evolution zu einer grösseren Ganzheit, Tiefe, Bewusstheit, Komplexität, Intelligenz und natürlich, der guten alten Güte, Wahrheit und Schönheit. Es gibt eine vitale Kritik an bestehenden Institutionen innerhalb unserer ganzheitlichen/evolutionären Sichtweise.</p>
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<p>Deshalb ruft dieses Manifest nach einer Wiederverwendung von <a href="http://integrallife.com/node/37539" rel="external nofollow">Ken Wilber’s AQAL Matrix</a>. Jenen, die es – oder den Chefarchitekten und die Integrale Szene, die half es hervorzubringen – als zu theoretisch und wirklichkeitsfremd abtun, sagen wir, <em>occupy it!</em> Mehr als irgendjemand, hat Ken Wilber in erster Linie ein konzeptuelles Framework vorgegeben, um eine <a href="http://beamsandstruts.com/essays/item/26-post-postmodern-politics-a-going-under" rel="external nofollow">Konversation über einen »post-postmodernen«</a> Ansatz für eine soziale Transformation zu führen. Und Ken hat uns nicht nur die Landkarte gegeben, er hat tausende von uns auch in einer Kommunikationsgemeinschaft verbunden, die eine gemeinsame, multidimensionale, radikal evolutionäre Sprache spricht – eine, die fundamental adaptiv und vital ist. Deshalb bleibt er eine unverzichtbare Persönlichkeit; deshalb müssen wir unseren Weg finden, <a href="http://beamsandstruts.com/articles/item/632-the-123-of-relationship-to-ken-wilber" rel="external nofollow">zu einer reifen</a>, doch <a href="http://beamsandstruts.com/articles/item/633-the-123-of-relationship-to-ken-wilber-pt-ii" rel="external nofollow">nicht unkritischen, Wertschätzung seiner Arbeit</a>; deshalb ist es immer noch wichtig <a href="http://www.coreintegral.com/" rel="external nofollow">AQAL zu lernen</a>. (Wir können sogar verzeihen, wen manche Hardcore Studenten von Ken’s Arbeit <a href="http://www.integralworld.net/neale1.html" rel="external nofollow">zeitweise integral ausflippen</a>.)</p>
<p>Trotzdem ist es keine Option mehr für Menschen die sich »integral« nennen, sich auf praktischer Ebene, von den Angelegenheiten zu distanzieren, von denen so viele unserer Brüder und Schwestern ergriffen sind.…</p>
<p>Muss es eine Trennung geben zwischen unserer Fähigkeit für Meta-Perspektiven und der tugendhaften Empörung der »99%«? Muss unsere Leidenschaft für spirituelle Evolution heller leuchten als unsere Bereitschaft zur Wiederherstellung eines gesunden Lebensraums, oder die bittere Armut zu beenden, oder die Bekämpfung des korrupten Einflusses von Geld in unserer Politik, oder die Herausforderung des Peak-Oil, oder die direkte Teilnahme am politischen Prozess selbst – zum Beispiel, wenn wir lokale Kandidaten unterstützen oder uns selbst für ein Amt bewerben?</p>
<p>Wenn es stimmt, dass die Menschheit in einer evolutionären Krise/Geburt steckt, was wir glauben, dann scheint es, dass wir als Integralisten eine einmalige Gelegenheit haben, eine bedeutende Rolle in der weiteren Geschichte zu spielen. Am Spielfeldrand zu sitzen und auf den »Tipping Point« zu warten garantiert, dass jene mit einer engeren Agenda den Diskurs dominieren werden. Was, wenn wir den Rahmen dieses Diskurses ändern, nicht in 50 oder 100 Jahren, sondern in den nächsten 5, 10 oder 20? Was, wenn unser Engagement als »Evolutionäre« ebenso eine tiefere Art von Revolution umfassen würde?</p>
<p>Selbstverständlich sprechen wir von einer »Revolution der Liebe«, eine Revolution in der wir erkennen, dass wir nicht von den Anderen getrennt sind. Es wird eine Revolution die nicht danach strebt die politischen Gegner zu zerstören, sondern eher Gewalt sogar auf der Ebene unseres politischen Diskurses umzuwandeln. Es wird eine <a href="http://www.integralrevolution.com/" rel="external nofollow">evolutionäre Revolution</a> die »die Veränderung sein« mit »die Veränderung machen« integriert.</p>
<p><iframe width="500" height="281" src="http://www.youtube.com/embed/BRtc-k6dhgs?fs=1&#038;feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Auf einem bestimmten Level sprechen wir von der Neudefinierung oder Entwicklung einer »Integralen Marke«, wie Joe Perez es vorschlug. Wie schlagen auch ein grösseres Konzept von »Revolution« vor, eines das hoffentlich mehr Aktivisten und andere »Kulturkreative« für eine grosszügige integrale Denkweise begeistert, aus dem die Herausforderungen und Möglichkeiten unserer Zeit angegangen werden können. Letztendlich zielen wir darauf ab, eine Kulturelle Bewegung zusammenzuhalten, die eine gesunde, adaptive Antwort auf unsere planetarische Krise verkörpert und vollzieht – und vielleicht sogar dabei hilft eine schönere zukünftige Welt zu formen.</p>
<p>Um dies zu erreichen brauchen wir eine Integrale Vision die nicht nur »meta« ist – die sich konkret in einem machbaren Zeitrahmen umsetzen lässt. Wir können uns zum Beispiel fragen wir uns eine Integrale Demokratie vorstellen, eine Integrale Ökonomie, ein Integrales Gesundheitssystem – oder eigentlich, eine integrale und integriertere <em>planetarische Zivilisation</em>. Und wie beginnen wir unsere Worte in Taten umzuwandeln, um dort hin zu kommen? Einige schlaue Menschen denken bereits auf diesen Linien (und darüber hinaus), wie etwa <a href="http://www.stevemcintosh.com/" rel="external nofollow">Steve McIntosh</a>, <a href="http://www.millionhelpabillion.com/" rel="external nofollow">Robb Smith</a> und <a href="http://thehumanproject.us/" rel="external nofollow">Anna Stillwell</a>.</p>
<p>Hier könnten auch Think-Tanks geschaffen werden – wie auch die Konservativen und Liberalen sie haben – die sich nichts anderem widmen, als nach Regelungen, globalen Standards und politischen Strategien suchen. Ohne Zweifel gibt es hier auch viele unternehmerische Gelegenheiten, die eine Zahl von Menschen verfolgen. Die Bewegung des <a href="http://consciouscapitalism.org/" rel="external nofollow">Bewussten Kapitalismus</a> ist ein hoffnungsvoller Versuch um integrale Werte in die Wirtschaftswelt zu bringen, und <a href="http://www.holacracy.org/" rel="external nofollow">Holakratie</a> erneuert integrale Praktiken um Organisationsstrukturen und –dynamiken zu evolvieren. Doch das grösste Potenzial sehen wir für eine globale kulturelle Bewegung auf breiter Basis, nach Open-Source Prinzipien, die dabei hilft, dass Integrales Bewusstsein in den Mainstream eindringen kann.</p>
<p>***</p>
<p>Zusammenfassend möchten wir ein paar praktische Vorschläge bieten, die, wie wir denken, die Integrale Kultur, und die Marke Integral, in eine aktivistischere und aktivere Richtung treiben kann.</p>
<ol>
<li>Lasst uns sorgsamer sein um die Tendenz Menschen oder Gruppen mit Kategorien wie »integral« und nicht-integral« zu bezeichnen (und ebenso »First-Tier« oder »Second Tier« oder einzelne Farben von Spiral Dynamics und den AQAL Entwicklungsstufen). Als langjährige Integralisten haben wir kein Problem mit Entwicklungshierarchien, besonders in Theorie und spezifischen Anwendungen. Doch diese Etiketten können bei Interaktionen mit unterschiedlichen Menschen in der echten Welt wenig hilfreich sein. Vielmehr können sie geradezu schädlich sein in menschlichen Beziehungen, wenn sie sorglos angewandt werden. Das Bestreben sehr genau festzulegen was »wirklich integral« ist, ist ein Abtörner, der den Absolutismus widerhallt, den wir typischerweise in der Politik des rechten Flügels und der Religion sehen. Anstatt dessen können wir die Grosszügigkeit praktizieren, die <em>Integralheit überall</em> zu sehen, während wir all die Fachausdrücke komplett weglassen – einfach die <em>Wesen sein lassen</em>, wie Martin Heidegger (der abstruseste aller Philosophen) die »Essenz der Wahrheit« in seiner späten Gedanken beschrieb.</li>
<li>Engagieren wir uns für den Kampf der Ideen mit mehr Demut und Kraft. Wir können damit beginnen die Vorstellung loszulassen, dass nur, weil eine Idee »integral« ist, oder »Produkt des Integralen Bewusstseins«, sie deswegen besser ist. Das funktioniert nicht in einem rationalen Diskurs, wo nur der »zwanglose Zwang des besseren Arguments« zählt. Wir müssen uns auf eine grössere Konversation einstellen und für die integralen Ideen sprechen, nicht nur weil sie integral sind, sondern weil sie einfach zwingend notwendig sind. Das heisst, wir müssen zuerst diese Ideen entwickeln und artikulieren; und zweitens, müssen wir nicht nur andere Integralisten einbinden, sondern auch Denker, Pundits und Meinungsführer quer durch das kulturelle Spektrum.</li>
<li>Lasst uns Brücken mit Individuen und Gruppen bauen, die gute Arbeit in der Welt leisten, egal ob sie eine explizite integrale Orientierung teilen oder nicht. Die <a href="http://www.occupytogether.org/" rel="external nofollow">Occupy Bewegung</a> sollte ganz oben auf dieser Liste sein, genauso Denke wie <a href="http://charleseisenstein.net/" rel="external nofollow">Charles Eisenstein</a> und einige der Mitwirkenden von <a href="http://www.realitysandwich.com/" rel="external nofollow">Reality Sandwich</a> (wo er bloggt). Die Transition Bewegung schafft Gemeinschaften rund um den Globus, basierend auf Prinzipien der lokalen Selbstversorgung. Chris Martenson bietet <a href="http://www.chrismartenson.com/" rel="external nofollow">in seinem Crash Course</a> eine heterodoxe Analyse unserer Wirtschaftslage, mit Gedanken wie wir uns für kommende Störungen vorbereiten. Und es gibt zahlreiche weitere Beispiele. (Fühl dich frei deine eigenen Favoriten in Kommentaren zu nennen). Lasst uns eingestehen, dass wir viel lernen können von deren Erfahrung und einzigartigen Expertise, auch wenn wir wissen, wir können etwas Wertvolles bieten für deren Projekte.</li>
<li>Lasst uns ernster werden mit dem politischen Engagement. Ein offensichtlicher Ort zum Starten sind die kommenden Wahlen in den USA. Weil viele (doch sicher nicht alle) Integralisten wahrscheinlich Präsident Obama unterstützen, wäre es smart den integralen Standpunkt für (oder gegen) Obama deutlicher und kraftvoller zu machen. Jeff Salzman, in seinem <a href="http://integrallife.com/contributors/jeff-salzman" rel="external nofollow">Daily Evolver</a>, ist ein aufsteigender Integraler »Pundit« mit ganz viel Weisheit zu Politik, Kultur und aktuellen Ereignissen (unter vielen anderen Dingen). Doch Bundespolitik ist nur ein Teil des Spiels. Auf Landes– oder lokaler Ebene sind die Themen oft profaner und unmittelbarer, und die Kandidaten sind greifbarer. Sind wir willens integralere Kandidaten für Kongress oder Parlament, das Bundeshaus oder den Stadtrat zu unterstützen? Terry etwa, unterstützt <a href="http://staceylawson.com/" rel="external nofollow">Stacey Lawson</a> in seinem Kongressdistrikt, und Marco unterstützt <a href="http://shafferforcolorado.com/" rel="external nofollow">Brandon Shaffer</a>. Sind da irgendwelche Integralisten draussen, die bereit sind zu kanditieren?Und lasst uns nicht vergessen, dass in einigen Teilen der Welt »zu kanditieren« keine sinnvolle Option ist. Obwohl wir nicht auf den Strassen von Ägypten, Griechenland oder Syrien sein können, können wir zumindest unsere digitale Solidarität mit unseren Freunden an diesen schwierigen Orten zeigen. In manchen Fällen können wir sogar als »Bürgerdiplomaten« reisen, wie Terry <a href="http://www.integraliran.com/" rel="external nofollow">2007 in den Iran</a>, um sich direkter mit echten Menschen zu verbinden und Wege für den kulturellen Dialog zu erkunden.</li>
<li>Lasst uns die offen integralen Individuen und Gruppen kräftig unterstützen, die ®evolutionäre Arbeit in der Welt leisten. Sie sind da draussen – <a href="http://www.kosmosjournal.org/bios/barrett-c-brown" rel="external nofollow">beraten die Vereinten Nationen</a>, schaffen Bildungsprogramme in <a href="http://www.integralheartfoundation.org/" rel="external nofollow">kleinen Dörfern in Guatemala</a> und <a href="http://integralwithoutborders.org/" rel="external nofollow">Nigeria</a>, und <a href="http://www.humanemergencemiddleeast.org/" rel="external nofollow">visionieren die Zukunft</a> für den <a href="http://www.sudanesethinker.com/" rel="external nofollow">Mittleren Osten</a>. Das heisst eine Art Stammessystem des 21. Jahrhunderts zu umarmen – global, vielseitig, durchdringbar und hyperverlinkt; in Koexistenz mit unseren anderen Identitäten und Zugehörigkeiten; tolerant genug um Streitigkeiten und Dissens zu erlauben; doch auch zusammenhalten und liebend sein, pulsierend mit der Stimmung, dass wir uns gegenseitig anspornen und rückhalten gebieten.</li>
</ol>
<p>In anderen Worten, »let’s Occupy Integral«. Es bedarf keiner Erlaubnis. Keine offizielle Mitgliedschaft oder Zertifizierung ist notwendig für unser Recht auf friedvolle Versammlung. Gewiss können und müssen wir die Landkarte noch verfeinern, die Linsen putzen, unsere Meta-Perspektiven ausbauen, sowie die Realisierung von, und die Erdung in dem Zeugen, dem Mysterium, der Leere, Gottheit, purem Bewusstsein oder dem Wahren Selbst, vertiefen. Und lasst uns niemals vergessen, dass <em>»<a href="http://www.coreywdevos.com/2010/04/22/revolutions" rel="external nofollow">eine Revolution ohne Tanzen</a> keine Revolution wert ist«.</em> Und lasst uns noch einmal beteuern und unser Commitment radikalisieren, nicht nur uns selbst zu verändern, sondern wirklich, <em>wirklich</em> auch die Welt.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals auf <a href="http://beamsandstruts.com/articles/item/814-occupy-integral" target="_blank" rel="external nofollow">Beams &amp; Struts</a>, 20. Februar 2012. Übersetzung von <a href="http://www.openmindjournal.com/redaktion/?uid=1">Heinz Robert</a>.</em></p>
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		<title>Wenn Vertrauen tiefer reicht als Beweise</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 11:50:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein neues Gastmahl für Wissenschaft und Spiritualität Gerne betonen spirituell interessierte Menschen, dass neuere Ergebnisse der Naturwissenschaft ihr Weltbild bestätigen. Dabei wird übersehen, dass wir weite Teile unseres Lebens auf ganz andere Qualitäten als das Messen und Wissen bauen. Der folgende Essay plädiert für ein spielerisches Miteinander von Wissen und Ahnen. Es ist nämlich Unerzogenheit, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Ein neues Gastmahl für Wissenschaft und Spiritualität</h2>
<div id="attachment_4596" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/147998_web_R_by_kaemte_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4588]"><img class=" wp-image-4596 " title="keine Ahnung…" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/147998_web_R_by_kaemte_pixelio.de_-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: kaemte / pixelio.de</p></div>
<p><em>Gerne betonen spirituell interessierte Menschen, dass neuere Ergebnisse der Naturwissenschaft ihr Weltbild bestätigen. Dabei wird übersehen, dass wir weite Teile unseres Lebens auf ganz andere Qualitäten als das Messen und Wissen bauen. Der folgende Essay plädiert für ein spielerisches Miteinander von Wissen und Ahnen.</em></p>
<p><em>Es ist nämlich Unerzogenheit, nicht einzusehen, mit Bezug worauf es nötig ist, nach Beweisen zu suchen, und in Bezug worauf dies nicht nötig ist.</em> – Aristoteles, Metaphysik <sup class='footnote'><a href="#fn-4588-1" id='fnref-4588-1'>1</a></sup></p>
<p>Viel wird heute geschrieben über den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität. Wenig indessen darüber, welche Kraft es ist, der bei einer vermittelnden Annäherung eine entscheidende Bedeutung zukommt. Unhinterfragt gilt weithin die Annahme, dass uns die Methoden der Naturwissenschaft die einzig „zuverlässige“ Form des Verstehens und Erklärens (durch eine möglichst objektive Beweisführung) liefern. Doch diese Voraussetzung schließt wesentliche Bereiche unseres Menschseins von vornherein aus: Wie etwa bringen wir durch dieses beschränkte Verfahren unser Gefühlsleben zum Vorschein? Wie die zarten, innerlichen Regungen unserer romantischen, leidenschaftlichen und religiös-spirituellen Empfindungen? Das Mysterium der Liebe kann weder bewiesen noch erklärt werden. Keine Rechen– oder Untersuchungsmethode lässt sich je darauf anwenden. Dennoch nehmen wir die strikte Unterscheidung zwischen der beweisbaren Welt der äußeren Tatsachen und den unergründlichen Gestimmtheiten unseres Innenlebens allzu leichtfertig hin. Dabei bleibt unausgelotet, welch weitreichende Folgen die naturwissenschaftliche Methode auch für unser persönliches Erleben, jenseits der Forschungslabore hat. Machen wir uns das an einem Beispiel klar:</p>
<h4>Liebe kann man nicht messen</h4>
<p>Den Zustand des objektiven Beobachters, wie ihn die Naturwissenschaft fordert, können wir der Liebe gegenüber nie einnehmen, da man sie ja nur dann empfindet, wenn man sie, subjektiv, in sich selbst spürt. Auch bekennende Wissenschaftler werden wohl in den allermeisten Fällen von der Gewissheit getragen sein, dass sie (um in einem Beispiel zu sprechen) Lebenspartner und Kinder lieben. Wie innig die Zuneigung in Wahrheit ist, vermag niemand objektiv zu beurteilen. Dennoch fühlen auch Naturwissenschaftler (wie andere Menschen) Gewissheiten, die auf subjektiven Gefühlsregungen beruhen. Es gibt folglich einen – und zwar sehr wesentlichen! – Bereich des Lebens, von dem wir auch dann mit Recht etwas zu wissen glauben, wenn wir von ihm überhaupt nichts im naturwissenschaftlichen Sinne „erforscht“ haben. Keiner von uns hat sich je über viele Jahre mit einem geliebten Menschen verkabeln und von einem vermeintlich objektiven Beobachter die Emotionsströme messen lassen, um so im Experiment festzustellen, wie tief und innig die Liebe wirklich ist. Im Gegenteil, gerade die subjektivste aller Empfindungen genügt oft, um uns dessen sicher zu sein. Gleichwohl können Liebesgefühle ins Wanken geraten, wenn wir nicht genug Vertrauen haben und (berechtigte oder unberechtigte) Zweifel hegen. In diesen Fällen – und sie sind durchaus häufig anzutreffen – sind wir dazu verlockt einen konkreten Beweis der Liebe zu fordern und dadurch aus dem, was der freien Hingabe unterstellt ist, einen Kontrollzwang zu machen. Wir halten dann nach einer offenkundigen Geste Ausschau oder sehnen uns danach, endlich einmal wieder die berühmten drei Worte zu hören, so, als könnte das Lippenbekenntnis eines Menschen etwas zwingend beweisen. Kein Gericht eines demokratischen Staates würde es für einen Schuldspruch als ausreichend erachten, wenn ein einziger Mensch in Worten etwas ausspricht. Es bedürfte dazu zumindest zwei sich deckender Zeugenaussagen. Immer werden zur Untermauerung eines Verdachts auch die objektiven Tatsachen untersucht. Es wird nach Beweismitteln und Fakten gefahndet. Wenn wir jedoch nach diesem Prinzip in der Beziehung zu unseren Mitmenschen verfahren, dann werden wir paranoid, ängstlich und misstrauisch. Wir geraten in große Verwirrung, sobald wir unserer inneren Stimme kein Vertrauen mehr schenken können. Wir werden zu den allerunsichersten, neurotischsten Menschen, wenn wir im Bereich der Empfindungswelten nicht von der exakten Beweisführung ablassen und stattdessen eine andere Form der Wahrnehmung und Beurteilung entfalten und gelten lassen können. Gelingt uns dieser Befreiungsakt nicht, dann wird die ausschließliche wissenschaftliche Denkungsart uns krank machen und uns immerfort in tiefe emotionale Vertrauenskrisen stürzen. So sehr uns das naturwissenschaftliche Verstehen und Erklären auf der einen Seite Sicherheit bietet und uns stärkt, so sehr kann es uns auf der anderen Seite unserer Existenz ins Chaos stürzen und ein Gefühl der Ohnmacht, Schwäche und Hilflosigkeit hinterlassen. Um als ganze Menschen im Leben bestehen zu können, bedarf es notwendigerweise auch des Glaubens und Vertrauens. Allein dadurch zeigt sich, welch unermessliche Bedeutung eine spirituelle Dimension für die menschliche Gesundheit (selbst für die von Atheisten) hat. <sup class='footnote'><a href="#fn-4588-2" id='fnref-4588-2'>2</a></sup></p>
<h4>Verkabelt auf der Wohnungssuche?</h4>
<p>Wir alle werden täglich von intuitiven Ahnungen durchströmt, die wir meist nicht klar fassen können. Ihre genaue Herkunft bleibt uns verhüllt und doch erleben wir immer wieder Momente, in denen wir vollkommen auf diese vagen, in uns auftauchenden Intuitionen vertrauen. Wenn wir etwa bei der Suche nach einem neuen Zuhause eine Wohnung besichtigen und diese rein äußerlich den gewünschten Daten entspricht (sie hat drei Zimmer, die gewünschte Größe, einen Garten, liegt in einer ruhigen Gegend etc.), so kann es doch sein, dass uns in der Wohnung eine Empfindung überkommt, die uns das Gefühl vermittelt, dass wir hier nicht würden wohnen können. Etwas fühlt sich nicht richtig an und die innere Stimme sagt: „Nein, hier will ich auf keinen Fall einziehen!“ Würden wir nur nach der äußeren Messbarkeit funktionieren, dann gäbe es keinen Grund die Wohnung auszuschlagen. Wieso wollen wir nicht in die Wohnung einziehen, obwohl sie doch faktisch alle Kriterien erfüllt? Einzig die Stimmung ist „komisch“, etwas stimmt also nicht mit unserem Innern überein. Vielleicht wird eine Wissenschaft der Zukunft einige dieser Phänomene erklären können, dennoch ist kaum vorstellbar, dass wir irgendwann mit tausend Gerätschaften verkabelt zur Wohnungssuche gehen um zu messen, wie sich der jeweilige Raum zum eigenen Organismus verhält. Zum Glück sind wir verbunden mit der inneren Stimme, die zwar trügen kann, aber uns doch oft auch als zuverlässiger Ratgeber zur Seite steht. Wir brauchen daher für viele dieser alltäglichen Entscheidungen gar keine wissenschaftlichen Methoden, die uns etwas erklären oder bestätigen. Eher brauchen wir so etwas wie einen intuitiven Seismographen, der unsere innere Stimme wahrnimmt, aufzeichnet und ggf. verstärkt, so dass wir sie überhaupt bewusst wahrnehmen können. Wichtig wäre es, diese Ahnungen zu schärfen und zu differenzieren. Dabei kann uns ein gut ausgebildeter Intellekt nur zum Teil von Nutzen sein. Er kann durchaus beim Bewusstwerdungsprozess unterstützend helfen, aber er kann nicht selbst die ahnungsvolle Intuition erzeugen, er kann sie nur beobachten und artikulieren, aber <em>er ist sie nicht selbst</em>.</p>
<h4>Durchlässige Zwischenwände</h4>
<p>Jenen Bereich, aus dem die Intuitionen und Inspirationen auftauchen, möchte ich den <em>transzendenten Bereich</em> nennen, im genauen etymologischen Wortsinne den Bereich also, der die empirische Beweisbarkeit überschreitet, da er in ein geistiges Gebiet, jenseits der äußeren Sinne, hineinragt. Wir kommen durch unsere Empfindungswelten (aber auch durch unser Denken) mit Bereichen der Transzendenz in Kontakt, die aus einem unsichtbaren Hintergrund durch durchlässige Zwischenwände in das Sichtbare hinüberleuchten. Die Sichtbarkeit ist nicht äußerlich direkt wahrnehmbar, aber doch spürbar. Es gibt gewissermaßen einen Grenzbereich, der seine Fühler nach beiden Seiten ausstreckt: in die himmlische Welt des Geistes und in die irdische Sinnenwelt. Die allereinfachsten und alltäglichsten Erfahrungen können uns dahin führen einzusehen, dass es diesen transzendenten Bereich gibt, einen Bereich also, der nicht völlig in der Erforsch– und Beweisbarkeit der Wissenschaft aufgeht. Aber – und dies ist sehr wichtig – bewiesen ist der transzendente Bereich durch unsere Überlegungen keineswegs. Wozu sollten wir ihn auch beweisen wollen, wenn es allein von unserer Offenheit abhängt, wie sensibel wir auf die Zwischentöne anschlagen?</p>
<h4>Lauschendes Spüren</h4>
<p>Es wäre eine gute Übung einmal einen Tag lang ganz bewusst darauf zu achten, wo und wie oft wir von Ahnungen durchkreuzt werden, von Stimmungen, Intuitionen. Wir wachen morgens auf. Aber mit welchem Gefühl eigentlich? Ist es nicht wundersam, dass wir an manchen Tagen voller Tatendrang erwachen, so, als könnten wir Bäume ausreißen, während wir uns an anderen Tagen depressiv verstimmt fühlen und uns am liebsten verkriechen würden? In der lauten Hektik des Alltagslebens übergehen wir solche Stimmungen meist geflissentlich, obwohl es sehr wichtig wäre ihnen etwas nachzuspüren. Vielleicht hängen Stimmungsschwankungen auch mit den Träumen zusammen. Aber wenn wir uns an keine nächtlichen Bilder erinnern? Wollen wir es dann auf das Wetter schieben, auf die Mondphasen, auf die Menstruation? Doch selbst wenn wir das alles im Blick behalten, bleibt oft nur eine dunkle Ahnung, woher die Stimmungen in Wahrheit rühren. Die Psychologie nennt als Ursprungsbereich der nebulösen Launen und Affekte das Unbewusste. Ich vermeide diesen Begriff an dieser Stelle absichtlich, da er doch zu leicht den Eindruck erwecken könnte, als handle es sich bei den menschlichen Stimmungen ausschließlich um rein körperliche, quasi medizinische Erscheinungen, die auf irgendwelche Außenreize zurückzuführen sind und mittels der Hirnforschung irgendwann erklärt werden könnten. Doch das Unbewusste wird <em>auch</em> gespeist aus einem nur schwer zu fassenden, transzendenten Bereich (Jung nennt ihn das kollektive Unbewusste). Wir leben in der Welt der Entwicklung, in der Welt der Evolution, in der Welt des Werdens – und doch werden wir genährt und am Leben erhalten von der Welt des Seins. Einer Welt, in der Vergangenes und Zukünftiges gleichzeitig im Jetzt da sein können, eine Welt also, die jenseits der physikalischen Gesetzmäßigkeiten existiert. In den unausgesprochenen Zwischentönen verbirgt sich jenes mythische Zauberreich und spricht doch gerade in den schweigsamen Zwischenräumen zu uns. Unsere Ohren sind noch nicht dafür eingestimmt, dieser Stille zu lauschen. Doch hören wir einmal auf den Moment des Aufwachens. Hören wir einmal, wieso uns plötzlich, wie aus dem Nichts, in dem einen Moment große Lust überfällt und im nächsten große Unlust.</p>
<p>Doch lauschen wir nur behutsam. Denken und bewerten wir nicht. Erklären wir nicht. Ordnen wir nicht gleich das Empfangene in ein System ein. Sehen wir es nicht mit der philosophischen, psychologischen, biologischen, medizinischen Brille, nennen wir es nicht Zwang, Komplex, Neurose, Hirngespinst, Außenreiz, sondern lassen wir den Impuls des Moments in seiner Unmittelbarkeit zu uns sprechen und fragen noch einmal: <em>Wie</em> sind wir gestimmt? Fragen wir zunächst nicht: Was <em>bedeutet</em> das Gefühl, wodurch wird es ausgelöst, welcher Grund liegt dahinter? Fragen wir möglichst neutral: <em>Wie</em>fühlen wir uns? <em>Wie</em> meint hier nicht eine Wertung im Sinne von gut oder schlecht. <em>Wie</em> meint: <em>Was</em> sagt die Stimme, <em>wie</em> spricht sie zu uns, <em>wie</em> tönt sie, <em>wie</em> ist sie beschaffen? Verzichten wir für einen Moment auf jede Stütze und fallen wir in dieses lauschende Spüren hinein, damit es uns ausfüllen kann und wir das Empfundene ganz bewusst in seinem So-Sein vernehmen. Jetzt … in diesem Moment des Lesens … Wie sind wir gestimmt? Wie sind wir gestimmt, wenn wir arbeiten und ausruhen, wenn wir diesem und jenem Menschen begegnen? Welche Gestimmtheit bringen wir mit in die Begegnung? Liegt vielleicht in unserer Gestimmtheit ein Wink zu einem Impuls, dem wir als Erkenntnis-Spiegel begegnen wollen? Was geschieht eigentlich hinter der Oberfläche, im Grenzbereich der zwei Welten? Dort ist der Bereich, wo wir uns selbst als Mensch und auch den anderen Menschen näherkommen. Es ist der Bereich, für den wir <em>uns selbst</em> brauchen und ganz ohne Beweise und Methoden auskommen. Es ist die Schatzkammer unserer Seele, die uns immerzu verstellt wird, die erschwert wird mit allerlei Ballast. Doch nur weil jene stille Stimme des transzendenten Zwischenspiels ständig überlagert wird, heißt dies nicht, dass es sie nicht gibt … dass sie sich uns nicht gibt … dass sie nicht immerfort sich geben will. Sie will sich uns zu verstehen geben in jedem Augenblick. Es liegt an uns sie zu vernehmen … die Gabe des Zwischenspiels anzunehmen. Sie spielt unentwegt. Wir müssen nur beiseite rücken und dem Ver-Rückten einen Ort einräumen.</p>
<h4>Das neue Gastmahl</h4>
<p>Als in Platons Gastmahl alle Anwesenden eine Rede über den Eros vorgetragen haben, kommt abschließend der betrunkene, schalkhafte Narr Alkibiades zur Gesellschaft hinzu. Er setzt sich mitten zwischen den Gastgeber Agathon und den großen Philosophen Sokrates. Sokrates wird bei seiner Rede über den Eros von der weisen Diotima inspiriert, er spricht aus dem transzendenten Bereich. Agathon, als Gastgeber, bietet den irdischen Rahmen. Alkibiades aber, der Dritte, der Mittlere, ist derjenige, der im Grenzbereich zwischen den Welten zuhause ist und dort spielt. Er verkörpert die Prise Ver-Rücktheit, derer es bedarf, um die Kunde des Sokrates zu vernehmen. Sokrates, der auch als der verkopfte Philosoph gilt und dem seine Träume mehrfach eingegeben haben, er solle Musik treiben (d.h. sich intensiver der Gestimmtheit seiner Gefühle zuwenden), jener Sokrates, der sich von niemandem belehren lässt, sondern selbst alle belehrt, er tritt im Gastmahl beiseite und lässt Diotima durch sich sprechen. Doch die Diotima in Sokrates, also die inspirierende Liebes-Weisheit hinter dem intellektuellen Denken, können wir nur vernehmen, wenn wir in der Mitte Platz bewahren für den unbekümmerten, unvoreingenommen Narren Alkibiades. Er bringt eine Prise dionysischen Rausch ins Spiel, indem er die Anwesenden fragt: „Wollt ihr mit mir zechen oder nicht?“ Da hatten nun alle aufgejubelt und ihn aufgefordert einzutreten, heißt es im Text. Nur der Narr in uns vermag auf die erdrückende Beweislast zu pfeifen und den Spruch des Aristoteles, der diesem Artikel vorangestellt ist, zu verstehen und zu beherzigen. So bemerkt dann auch Sokrates, dass der kunstgerechte Tragödiendichter zugleich auch Komödiendichter sein müsse. Der Narr ist (im Sinne des Aristoteles) gerade der Wohl-Erzogene, da er unverdorben ist von gelehrten Meinungen. Er kann dort lachen und Humor zeigen, wo andere mit ernster Miene meinen, um jeden Preis ein festgeschriebenes Gesetz achten zu müssen. Um einen fruchtbaren Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität in Gang zu setzen, bedarf es zur Vermittlung einer heiteren Ver-Rücktheit und eines spielerischen Humors. Weder mit dem dogmatischen Ernst religiöser Gläubiger noch mit dem Ernst des Beweisen-Müssens der Wissenschaftsvertreter kann eine Annäherung stattfinden – wohl aber, wenn beide Seiten im Sinne von Platons Gastmahl miteinander zechen, spielen und disputieren.</p>
<h4>Wissen und Vertrauen</h4>
<p>Nehmen wir in der angedeuteten Weise an dem gemeinsamen Gastmahl teil, dann vermag auch jeder dem anderen das Seine zu lassen. Gerade durch die bahnbrechenden Ergebnisse der neueren Wissenschaft besteht auch für die spirituelle Seite die Gefahr, allzu sehr mit dem großartigen Beweismaterial zu liebäugeln. Wir sollten uns endlich mit dem Gedanken anfreunden, dass es für den transzendenten Bereich keinen zwingenden Beweis im herkömmlichen Sinne geben kann und auch gar nicht geben muss. Auch die neuesten Entdeckungen der Quantenphysik können jene Beweise nicht liefern. Ebenso wenig wie etwa die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, auch wenn ihr Name dies – vielleicht etwas missverständlich – suggeriert. Man kann, als ver-rückter Mensch – der sich aber gerade dadurch erst in sein wahres Menschenwesen zurecht rückt – einsehen, dass es etwas Transzendentes gibt, aber diese denkerische Einsicht spricht sich uns gerade nicht durch den Beweis zu (es wäre dies lediglich ein berechnendes Denken), sondern durch die innere Erfahrung eines Herz-Denkens. Die Hoffnung, die Wissenschaft könne in Zukunft das Menschen<em>wesen</em> immer besser erklären, beruht auf einem Denkfehler. Auch wenn etwa durch die Biologie in der DNA eine ähnliche Struktur entdeckt wurde wie im jahrtausendealten chinesischen I Ging <sup class='footnote'><a href="#fn-4588-3" id='fnref-4588-3'>3</a></sup>, beweist diese Forschung keineswegs die Wahrheit oder Gültigkeit des I Ging. Es zeigt sich eine Analogie, eine Entsprechung von Psyche und Materie, einer geistigen und körperlichen Ebene, die uns wundervoll anmutet. Und sie<em>ist</em> auch voller Wunder, aber nicht voller Beweise. Es würde in das heilloseste Chaos führen, wenn spirituelle Menschen heute ihre Bestätigung aus den neuesten Forschungen der Wissenschaft beziehen und infolgedessen stolz verkünden würden: „Und Meister Eckhart hatte doch recht, und Laotse auch und auch die Mythen und die religiösen Schriften.“ Das Denken hat eine völlig andere Qualität, wenn es durch sich selbst, aus eigener Kraft, zu der Einsicht gelangt, dass etwa im <em>Tao te king</em>und in den Mythen tiefe Wahrheiten ausgesprochen sind. Dann wurzelt das Herz-Denken in sich selbst. Nur wenn das Denken misstrauisch und wankelmütig wird, wenn es den Bezug zu den Empfindungen verliert, wenn es schwach wird und seiner eigenen Kraft nicht mehr vertraut, dann bedarf es der Stützen durch wissenschaftliche Beweise. Sie sind dann wie Krücken für den Beinbruch des Denkens.</p>
<p>Aber auch wenn das Herz-Denken der Wissenschaft nicht als Stütze bedarf, wird diese Wissenschaft nicht überflüssig oder unwichtig. Viele neueste wissenschaftliche Ergebnisse künden von dem Wunder der Analogie, von dem hermetischen Grundsatz „wie oben, so unten“. Die Naturwissenschaft beweist nicht die Wahrheit dieses Satzes, aber sie lässt uns teilhaben am Staunen über die Struktur der Welt. Wenn die Wissenschaft uns in dieser wundervollen Weise staunen lässt, dann befeuert sie uns und wird selbst zu etwas Wunderbaren. Wenn uns die Wissenschaft lediglich als Beweis für einen letzten Rest-Zweifel dient, durch den wir endlich nicht mehr glauben müssen, dann schwächt sie uns. Das Vertrauen ist ja gerade eine Kraft, die wir dann benötigen, wenn wir nicht wissen können. Würden wir alles wissen, dann würden wir in einer vertrauenslosen Welt leben, es wäre eine sehr kalte, mechanistische Welt. Doch was für ein zauberhaftes Geschenk ist es, wenn uns ein Mensch Vertrauen schenkt, wenn er an uns glaubt, gerade dann, wenn er nicht weiß, ob wir das in uns gesetzte Vertrauen auch bestätigen werden. Vertrauen-Geben ist immer eine freiwillige Herzens-Gabe des Nicht-Wissens. Vertrauen-Empfangen ist immer eine aufbauende Herzens-Gabe, die uns zu mutvollen Taten befähigt. Spielen wir also ein bisschen ver-rückt und wagen wir wie der Narr den vertrauensvollen Sprung ins Ungewisse, denn dort und nur dort finden wir Vertrauen in uns und unsere Weggefährten: in die Menschen und ihr Wesen.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmal im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/september/wenn-vertrauen-tiefer-reicht-als-beweise/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe Sept. 2011</a></em></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4588-1'><em> 4. Buch</em>, 4. Kapitel, 1006a 6f. / vgl. auch Martin Heidegger, <em>Zollikoner Seminare</em>, Frankfurt 2006, S.6 sowie <em>Der Satz vom Grund</em>, Pfullingen 1957, S.29 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4588-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-4588-2'>Wodurch freilich noch nichts über den Sinn oder Unsinn des jeweiligen spirituellen Inhalts ausgesagt ist. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4588-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-4588-3'>Die Arithmetik des I-Ging ist verwandt mit der des genetischen Codes. Die 64 Hexagramme (Doppeltrigramme) des I-Ging  entsprechen den 64 möglichen Codons des genetischen Codes, die ebenfalls aus Tripletts aufgebaut sind.  – vgl. u.a. Marie-Louise von Franz, Psyche und Materie, Daimon Verlag &amp; Martin Schönberger, Weltformel I Ging und genetischer Code, Windpferd Verlag <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4588-3">↩</a></span></li>
</ol>
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		<title>Kleine Wege, grosse Wege</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 23:54:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Getrieben von Ereignissen stellst du dir nicht die Frage: Wohin des Wegs? Denn dann treiben dich die Ereignisse, nicht du sie. Du wirst hin und hergeworfen im Dämmerlicht eines gelegentlich diffus aufscheinenden Bewusstseins und hast dabei vielleicht das Gefühl, dass hier etwas geschieht, was eigentlich nicht sein sollte. Das Steuer haben andere in der Hand, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2186.png" rel="lightbox[4557]"><img class="alignright  wp-image-4567" style="margin-left: 10px;" title="Wohin des Weges?" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2186-300x224.png" alt="" width="200" /></a>Getrieben von Ereignissen stellst du dir nicht die Frage: Wohin des Wegs? Denn dann treiben dich die Ereignisse, nicht du sie. Du wirst hin und hergeworfen im Dämmerlicht eines gelegentlich diffus aufscheinenden Bewusstseins und hast dabei vielleicht das Gefühl, dass hier etwas geschieht, was eigentlich nicht sein sollte. Das Steuer haben andere in der Hand, und die sind vielleicht selbst Getriebene von wieder anderen – von einer Navigation irgendeines Weges kann keine Rede sein. Erst wenn ein klarer werdendes Bewusstsein einsetzt, dass du dich auch anders verhalten könntest als jetzt – dass vor dir Weggabelungen liegen, wo du entweder hierhin oder dorthin gehen kannst, und dass <em>du</em> es bist, der das entscheidet, erst dann stellt sich diese Frage: Wohin des Wegs? Und dann stellt sie sich mit Dringlichkeit. Denn ist es <em>die entscheidende Frage</em> <em>überhaupt.</em></p>
<h4>Was willst du hier eigentlich?</h4>
<p>Dass wir selbst nach diesem Aufscheinen als einigermaßen selbständige, aufgeklärte, aufgeweckte, nicht mehr völlig programmgesteuerte Wesen zunächst nicht wissen wo es lang geht, ist normal. Wer das leugnet, steckt vermutlich noch viel tiefer in Programmen, die aber unbewusst sind, und zieht es vor, besser nicht zu wissen, wo es lang geht – ein Zombie, der glaubt, wach zu sein. Also erstmal zurück auf Null und zur Frage: Was willst du hier eigentlich, auf dieser Erde, in diesem Leben, in diesem Körper? Diese Frage kann einen durchaus ein paar Wochen, Monate oder Jahre lang beschäftigen, manchmal Jahrzehnte lang. Und dann die zweite: Welcher Weg führt dorthin?</p>
<h4>Weg der Wandlung</h4>
<p>Du bist nicht der erste, den diese Fragen beschäftigen, das ist schon mal tröstlich. Manche sind ihr Leben lang bei der ersten Frage geblieben und haben doch ein heiligeres, wacheres, bewussteres Leben geführt als die meisten von uns. Andere haben eine passabel befriedigende Antwort auf die erste Frage gefunden, blieben dieser Antwort viele Jahre lang treu und trafen dann Entscheidungen, was den Weg zu diesem Ziel anbelangt und blieben dann auch diesem Weg treu, mit bewundernswerter Konsequenz und Beharrlichkeit und großen Erfolgen, was ihre persönliche und charakterliche Entwicklung anbelangt. Und wandelten sich – und ihr Weg, ihre Weggefährten, ihr Progamm alias Navi mit ihnen.</p>
<h4>Der Weg löst sich auf</h4>
<p>Denn der wirkliche spirtuelle Weg führt nicht zu einem Ziel, so wie eine Wanderung oder ein sportlicher Wettlauf zum Ziel führen. Ziele erreichen nur die »kleinen Wege«, wie zum Beispiel: »Ich will im Yoga besser werden«, oder »meine Kommunikation soll gewaltfrei werden«. Diese Wege sind sehr wertvoll, man darf sie nicht verachten und sollte sie keinesfalls vernachlässigen. Aber es gibt darüber hinaus auch noch »große Wege«. Die haben die merkwürdige Eigenschaft, dass sie, wenn man sie geht, sich selbst auflösen: Du gehst und gehst und wähnst dich auf dem Weg zu einem Ziel, und unterdessen – bei manchen geschieht das plötzlich, bei anderen allmählich – merkst du, dass du dich wie auf einem Laufband bewegst. Die Landschaft zieht vorüber, aber du bleibst immer dort, wo du bist. Das Leben zieht vorüber, nur eines ändert sich nicht: dass du hier bist, jetzt. Immer ist es jetzt. Es ist nicht mehr so, dass du gehst und dich bewegst, sondern die Welt zieht an dir vorüber, die Zeit, alles. Wenn das passiert, weißt du, dass du auf einem großen Weg angekommen bist.</p>
<h4>Der Horizont</h4>
<p>Auch dann ist es noch gut und nützlich, im Yoga besser zu werden und friedliche Kommunikation zu üben. Aber das geschieht dann auf einem anderen Hintergrund. Dein Weg ist auch dann immer noch ein Weg von hier nach dort, du bewegst dich, aber nun hast du gecheckt, dass der Horizont immer dort ist, wo er schon immer war, wie weit auch immer du gegangen sein magst. Er bleibt ein Kreis um dich herum, in der Ferne – und du bist hier.</p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Connection <a href="http://connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 3/12</a></em></p>
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