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	<title>OpenMindJournal &#187; Gemeinwohl Ökonomie</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Kultur und Change</description>
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		<title>Aus freien Stücken</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Mar 2012 00:30:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinwohl Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Schenkökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Solidarische Landwirtschaft auf dem Weg zur Schenkökonomie. Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entstehen nicht automatisch mit dem Wegfall von kapitalistischen Strukturen, sondern setzen Bewusstseins– und Beziehungsarbeit sowie Experimentierfreude voraus. Wir waren fünf Gärtnerinnen und Gärtner auf der Suche nach neuen Formen, unsere Arbeit und die Menschen, für die wir Gemüse anbauten, zu verknüpfen. Ein halber Hektar Ackerland [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Solidarische Landwirtschaft auf dem Weg zur Schenkökonomie.</h2>
<div id="attachment_4645" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/574415_web_R_K_B_by_Petra-Bork_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4643]"><img class=" wp-image-4645 " title="574415_web_R_K_B_by_Petra Bork_pixelio.de" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/574415_web_R_K_B_by_Petra-Bork_pixelio.de_-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Petra Bork / pixelio.de</p></div>
<p><em>Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entstehen nicht automatisch mit dem Wegfall von kapitalistischen Strukturen, sondern setzen Bewusstseins– und Beziehungsarbeit sowie Experimentierfreude voraus.</em></p>
<p>Wir waren fünf Gärtnerinnen und Gärtner auf der Suche nach neuen Formen, unsere Arbeit und die Menschen, für die wir Gemüse anbauten, zu verknüpfen. Ein halber Hektar Ackerland stand uns im nordhessischen Witzenhausen-Freudenthal als Experimentierfeld für solidarische Landwirtschaft zur Verfügung. Im Gespräch mit Menschen aus der Region entstand eine verbindliche Gemeinschaft: 60 »Begärtnerte«, wir als Kollektiv von Gärtnerinnen und Gärtnern und das Land, auf dem nun von April bis November Gemüse für alle Beteiligten wachsen sollte.</p>
<p>Die Gemeinschaft fand ihre Spielregeln auf der Grundlage der jeweiligen Bedürfnisse: Wann und in welchem Maß wir in diesem Projekt gärtnernd tätig sein wollten, wurde von jedem einzelnen selbstverantwortlich flexibel festgelegt. Den Teil unserer finanziellen Bedürfnisse – landläufig »Lohn« genannt – bestimmten wir weitgehend unabhängig von der Zeit, in der wir tätig waren. Zusammen mit den laufenden Betriebskosten (ohne Investitionen) ergaben sich daraus die Gesamtkosten einer Jahresproduktion, das »Budget«, das gebraucht wurde, um das Projekt zu realisieren.</p>
<p>Die Begärtnerten boten dann anonym auf den Zeitraum der Produktion einen monatlichen finanziellen Beitrag, der ihren individuellen Möglichkeiten entsprach und in der Summe das Budget deckte. Von null Euro aufwärts war alles möglich. Der von den Einzelnen zugesagte Betrag wurde auf einer Vereinbarung festgehalten, so dass Verbindlichkeit entstand. Auch weitere Spielregeln über die Entscheidungsfindung, zu Ausstiegsgründen oder Kriterien, an denen die Zusammenarbeit scheitern würde, wie auch zur gemeinsamen Übernahme von Verantwortung und Risiko waren Teil der Vereinbarung. Damit wir den Anbau planen konnten, befragten wir die Begärtnerten zu Beginn nach ihrem Bedarf an Gemüse für das kommende Jahr. Alle waren zur Mitarbeit eingeladen, besonders zu Erntezeiten und beim Einmachen. Selbstverständlich stand auch das Mithelfen jedem Einzelnen frei, war aber ausdrücklich erwünscht. Was geerntet wurde, stellten wir in dafür eingerichteten Depots allen Beteiligten frei zur Verfügung. Bemerkenswert war hierbei: Dies führte nicht dazu, dass Menschen zuviel nahmen; das Gegenteil war der Fall: Wir mussten dazu ermutigen, kräftig zuzulangen. Aus Angst, andere könnten zu wenig bekommen, hielten sich die Unterstützerinnen und Unterstützer zurück. Da erzähle mir noch einer, der Mensch sei nun mal von Natur aus gierig …</p>
<p>Durch dieses Experiment hofften wir, kapitalistische Prinzipien in unserem Verhältnis zueinander zu transformieren:<br />
→ freiwilliges Beitragen und Schenken statt Tausch, Wert, Ware;<br />
→ niemand muss, alle können nach ihren Fähigkeiten (finanziell und praktisch) beitragen;<br />
→ wir stellen keine Produkte her, für die erst noch ein Bedürfnis geweckt werden müsste;<br />
→ die Produkte haben keinen Tausch– bzw. Geldwert; damit werden Dinge nicht abstrakt mit einem Wert gleichgesetzt wie im Kapitalismus, in dessen Logik alles, was einen Euro kostet, gleich viel, und alles, was nichts kostet, nichts »wert« ist;<br />
→ Geld entfällt als primäre Wertschätzung; wir können mit neuen Formen der Wertschätzung experimentieren: durch Worte, Gesten und vor allem gegenseitige Verantwortung.</p>
<p>Wir glaubten: Tätigkeit wird zu Arbeit und Arbeit zur Last, wenn unsere Produkte auf dem Markt einen Wert erzielen müssen oder wir primär für einen Lohn arbeiten. In unserem Projekt wollten wir beides nicht: Wir liefern keine normierten Waren, und unsere finanziellen Bedürfnisse werden von vornherein abgedeckt. Wir können somit Anbauweise und Arbeitsabläufe frei bestimmen. Probleme versuchen wir durch kollektive Ansätze zu lösen.<br />
Und selbstverständlich gab es Schwierigkeiten. Knapp elf Monate nach Beginn des Projekts versuchten wir rückblickend eine Analyse der Problemfelder, die ich im Folgenden wiedergebe.</p>
<h4>Der verinnerlichte Kapitalismus</h4>
<p>Menschen und Tätigkeiten durch Geld zu vergleichen und gleichzusetzen, scheinen wir tief verinnerlicht zu haben. Wir individuell Gärtnernde vergleichen weiterhin, wieviel Zeit wir in das Projekt »investieren«. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, weil wir »zu wenig« tun, oder werden grummelig, weil wir »zu viel« machen. Schnell kommt es zu Situationen, in denen wir uns für unsere Bedürfnisse – die ja so sind, wie sie sind – rechtfertigen wollen oder denken, dass wir es müssten. Oft ist es aber gar nicht die Gruppe, die diesen Druck erzeugt, sondern wir, die Einzelnen selbst.</p>
<p>Eine Abhilfe für das Problem bieten scheinbar die konventionellen wirtschaftlichen Gepflogenheiten: Der Ruf nach einer Abstraktion der Zeit in greifbare »Arbeitsstunden« oder »Urlaubszeiten« wird laut. Und darauf aufbauend das Verlangen nach einem abstrakten Gerechtigkeitsbegriff. Statt zu sagen: »Es soll allen gut gehen mit dem, was und wieviel sie tun«, sagen wir schnell: »Alle sollen das gleiche Maß an Arbeit verrichten«. Doch kann sich bekanntlich eine Stunde an einem Tag anfühlen wie acht Stunden an einem anderen. Und: Wer Arbeitsstunden normieren will, ist auch schnell dabei, die ganze Tätigkeit zu normieren: Was zählt als Arbeitszeit? Welche Tätigkeit ist wichtig, welche nicht? Was, wenn eine Person schneller oder »effizienter« (was ist das?) arbeitet als die andere? Diese Fragen sowie das Erinnern an unsere Prämisse, dass es statt Gleichmacherei dar­um gehen sollte, dass sich alle Beteiligten wohlfühlen, führen diese Abstraktionsversuche schnell ad absurdum.</p>
<p>In den ersten Monaten unseres Projekts ließ sich beobachten: Wenn – in einem schleichenden Prozess – Tätigkeit doch wieder zur abstrakten Arbeit wird, wird »der Rest der Zeit« schnell wieder zur »Freizeit«. Letzteres macht Spaß, das erstere »muss getan« werden. Sollte die aktuelle »Arbeits«-Situation tatsächlich unerträglich sein, könnte die Wiedereinführung der Kategorie Freizeit hilfreich sein, um zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Dazu braucht es aber wahrscheinlich die oben beschriebene Normierung von Zeit und Tätigkeit. Ich finde, eine Überwindung dieser Trennung von Arbeit und Freizeit sollte an unserem Hof dennoch immer das Ziel bleiben.</p>
<p>Das freie Tätigsein förderte noch andere Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zutage, zum Beispiel in Bezug auf Rollenverhalten und Emanzipation. Wenn das Gemüse ruft und wir alle Hände voll zu tun haben, stellt sich stereotypes Verhalten ein, und es bleibt wenig Zeit, unsere Privilegien zu reflektieren und uns gegenseitig Fähigkeiten beizubringen, vor deren Aneignung wir sonst Scheu hätten. Oder: Ich – ein männlich sozialisierter Gärtner – habe den ganzen Tag auf dem Acker verbracht, komme zurück in meine WG und ärgere mich darüber, dass gerade ich es bin, der um neun Uhr abends noch anfangen »muss«, zu kochen und zu spülen. – Als ob die anderen nichts zu tun gehabt hätten. Wir wollen die herkömmliche geschlechtliche Arbeitsteilung überwinden? Pustekuchen!</p>
<h4>Lustprinzip und Verantwortung</h4>
<p>Das zweite Problemfeld betrifft die Verantwortung und Verbindlichkeit, die es in jedem Wirtschaftsmodell geben muss. Wir hatten 60 Menschen zugesagt, für sie Gemüse zu produzieren. Man darf hoffen, dass eine vernetzte, nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion Lücken in der Versorgung wie Ernteausfälle durch Risikostreuung, zum Beispiel durch verschiedene Anbaustandorte, überbrücken kann. Aber das gilt vermutlich nicht, wenn alle Produzierenden immer nur tun, was sie gerade wollen. Das Lustprinzip mag eine Leitlinie sein, doch ist Landnutzung vor allem die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, und das erzeugt Druck. Wir mussten uns zum Beispiel durch eine beispiellose Trockenheit kämpfen: Die Pflanzen warten nicht darauf, bis jemand Lust hat, sie zu gießen. Sie vertrocknen einfach.</p>
<p>Druck erzeugen wir allerdings auch durch uns selbst. Lohnenswert bleibt deshalb, darüber nachzudenken, welches Handeln wir gerade für unbedingt erforderlich halten und welches nicht. Wie weit wollen wir das Lustprinzip fallenlassen? Was passiert mit meiner Lust, wenn alles vertrocknet und es nichts mehr zu ernten gibt? Wie weit geht unsere Verantwortung für andere? Auch hier ist offensichtlich ein umfassender Lernprozess nötig.</p>
<h4>Abhängigkeit von Technik</h4>
<p>Das dritte Problemfeld betrifft eine Schnittstelle: Durch den Kauf moderner Technik greifen wir mit unserem landwirtschaftlichen Projekt auf die kapitalistische Gesellschaft und ihre Durchsetzungsmechanismen zurück. Auf der einen Seite wünsche ich mir arbeitserleichternde Landmaschinen statt Selbstausbeutung. Auf der anderen Seite wünscht sich wohl eine Bäuerin in einem chilenischen Bergbaugebiet, aus dem die für den Bau der Landmaschine benötigten Rohstoffe kommen, dass ich dem System, das ihre Lebensgrundlage zerstört, keinen Vorschub leiste, indem ich darauf basierende Waren kaufe. Solange wir die Maschinen nicht selbst produzieren können, bleibt nur, unsere landwirtschaftliche Produktion mit wenig technisierten Verfahren zu organisieren, oder diesen Widerspruch zu akzeptieren und bei der Anschaffung neuer Geräte auf Haltbarkeit, Reparabilität und Recycelbarkeit zu achten, sowie auf deren ökologische Verträglichkeit in Produktion und Nutzung. Die vermutlich entstehende Mehrarbeit in einem wenig technisierten System könnte auch, wenn gewollt, von der Konsumenten-Gemeinschaft übernommen werden.</p>
<p>Ein weiterer Schritt läge darin, das Produktionssystem unabhängiger von Geld zu machen. Größere Investitionen in ­In­fra­struktur sollten nur dann getätigt werden, wenn sie uns langfristig vor weiterem Geldbedarf bewahren, wie es zum Beispiel ausgeklügelte Handmaschinen tun, Ölpressen zur Kraftstoffgewinnung, Infrastruktur und Geräte zur eigenen Saatgutgewinnung etc. Oder aber wir integrieren andere Betriebe in das Netzwerk, die diese Möglichkeiten besitzen.</p>
<p>Es ist leider unmöglich, das technische Niveau einer nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Produktion abzusehen. Dafür müssten die Rohstoffe dieser Erde als globales Gemeingut eingerichtet werden. Dann erst könnte darüber verhandelt werden, ob überhaupt, wie und für welche Technik wir sie global verwenden wollen.</p>
<h4>Das Problem der Konsumhaltung</h4>
<p>Genauso wie wir Gärtnerinnen und Gärtner noch Aspekte der »arbeits-wahnsinnigen« Gesellschaft verinnerlicht haben, so haben auch die Begärtnerten die konventionelle Konsumhaltung verinnerlicht. Gerade auch der freiwillige, monatliche finanzielle Beitrag kann diese Haltung verstärken. Während sich einige eine weitreichende Selbstorganisation als radikales Experiment wünschen, ist anderen die »alternative Gemüsebeschaffungsmaßnahme« revolutionär genug. Um Enttäuschungen durch diese Tendenz vorzubeugen, kann die Formulierung der gemeinsamen Vision wichtig sein. Auf dieser Grundlage können dann selbstbestimmte, aber verantwortliche Aufgaben durch die Begärtnerten übernommen werden. Wenn die Vision sogar eine Ausweitung der schenkökonomischen Prinzipien auf andere Lebensbereiche beinhaltet, steht eine Vernetzung mit anderen umsonst-ökonomischen Projekten an. Innerhalb des Projekts wäre es zudem denkbar, die Bedürfnisbefriedigung der Gärtner nicht durch Geld, sondern durch die Fähigkeiten der Gemeinschaft zu decken. So könnte etwa ein begärtnerter Arzt andere in der Gemeinschaft, vor allem aber die Gärtnerinnen, umsonst behandeln …</p>
<p>Der Umgang der Begärtnerten miteinander warf auch Fragen zum Zugang zu den Erzeugnissen auf: Wer nimmt wieviel? Nehmen diejenigen am meisten, die als erste da waren? Auf jeden Fall hatten wir die Ungerechtigkeit aufgelöst, dass diejenigen am meisten bekommen, die am meisten bezahlen. Oder diejenigen, die die brauchbarsten Fähigkeiten einbringen. Letztlich geht es um die Entkoppelung von Geben und Nehmen. Welche Wege auch immer ausprobiert werden: Das finanzielle Budget des Projekts muss gedeckt werden. Und alle Beteiligten sollen glücklich sein. Das bedeutet wohl einen weiteren Aushandlungsprozess.</p>
<h4>Kommende Herausforderungen</h4>
<p>Überzeugt vom Potenzial der Idee, erwarten wir, dass sich in Zukunft Fragen nach der Erweiterung des Projekts stellen. Wir könnten regional mehr Gemüse und auch andere Produkte nach diesem Modell organisieren. Hier sind Imkerinnen und Obstbauern bereits am Grübeln. Allerdings stellt sich die Frage der Organisierung neu, wenn immer mehr Menschen in einer Region Teil des Projekts werden. Wie können wir uns in Großgruppen methodisch organisieren? Ab wann müssen wir uns aufteilen? Wollen wir delegieren?<br />
Wenn die beschriebene Gegenseitigkeit weiter ausgedehnt werden soll, wird es komplizierter. Es stellen sich dann ganz neue Fragen der Organisation, der Bedarfserfassung, Logistik, Ausstattung und Finanzierung. Fragen also, die wohl am besten im Tun beantwortet werden können.</p>
<p><strong>Umsonst– und Schenkökonomie sind im Kommen:</strong></p>
<p><em>Internet<br />
</em>www.solidarische-landwirtschaft.de, www.projektwerkstatt.de/hefte/download/herrschaftsfrei_wirtschaften.pdf<em><br />
Literatur<br />
</em>Andreas Exner et al.: Die Grenzen des Kapitalismus: Wie wir am Wachstum scheitern. Ueberreuther, 2008 • Andreas Exner et al. (Hrsg.): Kämpfe um Land: Gutes Leben im post-fossilen Zeitalter. Mandelbaum Verlag, 2011<br />
Eine Langfassung des Artikels ist in der Zeitschrift Streifzüge Ausgabe 53/2011 erschienen, www.streifzuege.org</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA anders denken. anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/631-Aus_freien_Stuecken.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 13/2012</a></em></p>
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		<title>Eine Bank fürs Gemeinwohl</title>
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		<pubDate>Mon, 16 May 2011 23:53:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alternatives Banking]]></category>
		<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinwohl Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Ausgehend von einem in Arbeitskreisen von Attac erarbeiteten Modell, bereitet eine wachsende Zahl engagierter Menschen in Österreich die Gründung einer »Demokratischen Bank« vor. Geld soll hier als öffentliches Gut neu gedacht werden, auf dass es der Wirtschaft und der Gesellschaft dienen möge. Im Kern der Fehlentwicklung, die zur Krise geführt hat, steht die schleichende Umwandlung [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1733" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/05/ap4c3e05e95eb12_small.jpg" target="_blank" rel="lightbox[1728]"><img class="size-full wp-image-1733" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/05/ap4c3e05e95eb12_small.jpg" alt="" width="200" height="133" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / GA_Sortierung © virra</p></div>
<p><em>Ausgehend von einem in Arbeitskreisen von Attac erarbeiteten Modell, bereitet eine wachsende Zahl engagierter Menschen in Österreich die Gründung einer »Demokratischen Bank« vor. Geld soll hier als öffentliches Gut neu gedacht werden, auf dass es der Wirtschaft und der Gesellschaft dienen möge.</em></p>
<p>Im Kern der Fehlentwicklung, die zur Krise geführt hat, steht die schleichende Umwandlung des Finanzsystems von einem dem Gemeinwohl dienenden Sektor hin zu einem Markt mit gewinn orientierten Unternehmen. Banken haben ihre ursprüngliche Funktion – die kostengünstige Umwandlung von Spar– in Kreditgeld sowie die serviceorientierte Abwicklung des Zahlungsverkehrs – verlassen und zunehmend neue Aufgaben angenommen: Vermögensverwaltung, Investmentbanking, Devisenspekulation, Kredithandel, Derivate-Entwicklung. Die Wirtschaft wurde durch diese »Innovationen« nicht effizienter, sondern ungerechter und instabiler: Wenn Geld vom Mittel zur Ware wird, sind Arbeitsplätze, Wirtschaft und Wohlstand in Gefahr.<br />
Deshalb bedarf es einer »radikalen«, also einer »wurzeltiefen« Umkehr: Geld und Kredit zählen zur Grundinfrastruktur der Wirtschaft. Sie sollten als öffentliches Gut definiert und unter demokratische Kontrolle gebracht werden. Die »Demokratische Bank« würde folgende, in ihrer Verfassung festgeschriebene Kernaufgaben erfüllen: ein kostenloses Girokonto, sichere Sparkonten mit staatlicher Einlagengarantie, menschenfreundlichen Service in einem flächendeckenden Filialnetz, kostengünstige Kredite für Unternehmen und Haushalte und schließlich kostengünstige Kredite an den Staat.</p>
<p>Die »Demokratische Bank« ist die Ad-hoc-Antwort von Attac Österreich auf die Forderung von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann nach »Bad Banks« im Dezember 2008. Ackermann, der sich jahrelang für den Rückzug des Staats aus der Wirtschaft starkgemacht hatte, wollte plötzlich, dass den profitorientierten Banken der finanzielle »Giftmüll«, an dem sie sich verschluckt hatten, von den Steuerzahlenden teuer abgekauft werde. Attac Deutschland und Attac Österreich forderten postwendend stattdessen die Einrichtung von »Good Banks«. So kam ein Nachdenken darüber in Gang, wie die ideale Bank eigentlich aussehen und funktionieren sollte. Nach 18 Monaten interner Diskussion wurde im April 2010 das Positionspapier »Die Demokratische Bank« verabschiedet.</p>
<p>Die Demokratische Bank wird hier als eine im Endausbau öffentliche Bank beschrieben, bleibt jedoch im Unterschied zu traditionellen »Staatsbanken« von der Regierung unabhängig. Ihre Leitungs– und Aufsichtsgremien kommen durch direkte Wahl auf kommunaler Ebene zustande; der kontrollierende Bankenrat setzt sich aus Beschäftigten, Sparenden und Kreditnehmerinnen sowie Anwälten und Anwältinnen für Gender-, Umwelt– und Zukunftsfragen zusammen. Alle gewählten Positionen können jederzeit vom Souverän abgewählt werden. Parteien, Parlament und Regierung haben keine Mitspracherechte, denn die Bank gehört der souveränen Bevölkerung.</p>
<p>Diese Idealvorstellung hat einen Schönheitsfehler: Ihre Umsetzung ist von der Zustimmung im Parlament oder von einer Volksabstimmung abhängig. Beides ist unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Machtverhältnissen nicht sehr wahrscheinlich. Deshalb hat Attac Österreich beschlossen, diese Bank in der ersten Umsetzungsstufe selbst zu gründen – als private Genossenschaftsbank. Diese sollte bereits alle Charakteristika der idealtypischen Demokratischen Bank vorleben.</p>
<h4>Gemeinwohlmaximierung und Ausstieg aus dem Zinssystem</h4>
<p>Die Demokratische Bank betreibt nicht Gewinnmaximierung, sondern Gemeinwohlmaximierung. Das bedeutet dreierlei: Erstens: Sie beschränkt sich auf das Bankenkerngeschäft, das heißt Verwaltung der regionalen Sparvermögen, Abwicklung des Zahlungsverkehrs und Ausgabe kostengünstiger Kredite in der Region. Spekulation, Wertpapierhandel und Derivate sind tabu – die Demokratische Bank beteiligt sich nicht am globalen Finanzcasino und schmäht Steueroasen. Zweitens: Sie schüttet keine Gewinne aus – genauso wenig wie eine Volksschule, ein kommunaler Trinkwasserversorgungsbetrieb oder ein öffentliches Krankenhaus. Drittens: Sie fördert mit eventuellen Überschüssen, die nicht für Rücklagen benötigt werden, gemeinnützige Projekte.<br />
Auch lockt die Demokratische Bank nicht mit hohen Spar zinsen, sie lädt vielmehr ihre Kundinnen und Kunden ein, aus dem Zinsanspruchsdenken auszusteigen, indem sie Bewusstsein dafür schafft, dass Sparzinsen systemisch negativ wirken und der großen Mehrheit der Menschen direkt Nachteile bringen.</p>
<p>Zinsen sind langfristig gar nicht möglich. Wenn private Finanzvermögen verzinst werden, wächst das Vermögen der Privaten bald schneller als die reale Wirtschaft (= das Bruttoinlandsprodukt BIP). Verzinsung ist nur möglich, wenn das Finanzkapital in die reale Wirtschaft investiert und daraus verzinst wird. Schon heute beträgt das globale Finanzvermögen das Dreieinhalbfache des Welt-BIPs. Erreicht das Geldvermögen die zehnfache Größe der realen Wirtschaftsleistung, bräuchte dieses für eine fünfprozentige Verzinsung bereits die Hälfte der Wirtschaftsleistung (50 % des BIP). Ist das Finanzvermögen dereinst hundertmal so groß, würde ein Verzinsungsanspruch von nur einem Prozent erfordern, dass die gesamte Weltwirtschaftsleistung – das globale Einkommen eines Jahres – dafür aufgewendet werden müsste, diesen Verzinsungsanspruch zu erfüllen. Es bliebe kein Cent für Löhne, Gehälter und Steuern.</p>
<p>Darüber hinaus führen Sparzinsen zu ungerechter Verteilung, und das umso stärker, je höher sie sind, weil die große Mehrheit der Menschen weniger Sparzinsen erhält, als sie an Kreditzinsen bezahlt – über den Konsum von Produkten und Dienstleistungen, in denen die Kreditzinsen vollständig enthalten sind. Während alle konsumieren (je geringer das Einkommen, desto höher die Konsumneigung), fließen die Sparzinsen jenen zu, die das Vermögen besitzen. Berechnungen von Helmut Creutz zufolge bezahlen 80 bis 90 Prozent der Haushalte mehr – unsichtbare – Kreditzinsen über den Konsum, als sie an – sichtbaren – Sparzinsen erhalten.</p>
<p>Letztlich wirken Sparzinsen auch volkswirtschaftlich negativ, weil sie die Kredite verteuern. Systemisch vorteilhafter sind niedrige Spar– und Kreditzinsen, weil Unternehmen mehr (real) investieren, was wiederum mehr Arbeitsplätze schafft, und die Arbeitseinkommen stärker steigen lässt.</p>
<p>Beim Entfall von Sparzinsen wären Kreditzinsen nur noch in einer Höhe nötig, die es den Banken ermöglicht, ihre Betriebskosten und Kreditverluste zu decken. Bei ausreichender Größe der Bank könnte dies mit durchschnittlichen Kreditkosten von rund zwei Prozent erreicht werden.</p>
<h4>Geld als öffentliches Gut</h4>
<p>Das strukturelle Problem der Zukunft wird sein, dass aufgrund der Verzinsung ein zu großes Kapitalangebot entsteht, für das es keine Kreditnachfrage gibt. Deshalb sollten Banken mit Einlagenüberschüssen nach der Deckung des regionalen Kreditbedarfs zunächst andere Banken, die Bedarf haben, mit Spareinlagen versorgen, auch auf internationaler Ebene und anschließend, wenn auch dieser Bedarf gedeckt ist, dem Staat (Bund, Länder, Gemeinden) günstige Kredite gewähren. Das verbilligt die Staatsverschuldung im Vergleich zu teuren (und von Ratings abhängigen) Staatsanleihen und senkt dadurch die allgemeine Steuerlast: Die Verteilung wird gerechter. Um dies zu erreichen, könnte Geld als öffentliches Gut definiert werden, was bedeutet, dass die Weitergabe von Geld, das gerade nicht benötigt wird, nicht als »Leistung« angesehen wird, aus der ein Einkommensanspruch erwächst, sondern als Pflicht – damit der Geldfluss aufrechterhalten bleibt. So kämen Unternehmen und der Staat zu günstigem Geld, und der Renditedruck des Finanzkapitals auf die reale Wirtschaft würde weichen. Gleichzeitig müssten aber dem Finanzkapital sämtliche Ausweichmöglichkeiten versperrt werden: Rohstoff-, Aktien-, Immobilien– und Derivatemärkte. Geld als öffentliches Gut könnte bedeuten, dass Fonds aller Art verboten werden.</p>
<h4>Gemeinwohl fördern und Bewusstsein schaffen</h4>
<p>Bei der Kreditvergabe durch die demokratische Bank wird nicht nur die ökonomische Bonität der Kreditbewerber geprüft, sondern auch der soziale und ökologische Mehrwert der Investitionsvorhaben. Während ökologisch und sozial wenig sensible Investitionen die höchsten Kreditkosten zu berappen haben, erhalten Projekte mit dem höchsten sozialen und ökologischen Mehrwert wie Fair Trade oder eine Investition in erneuerbare Energien die günstigen Konditionen bis hin zum Null– oder sogar einem geringen Negativzinssatz. So entfaltet die Bank eine effektive Lenkungswirkung in Richtung Nachhaltigkeit.</p>
<p>Die Demokratische Bank wird auch eine Bildungsinstitution sein, die Bewusstsein zum Thema Geld schafft. Sie sagt nicht: »Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten«, was zum Wegschauen, zu Verantwortungslosigkeit und Gier führt, sondern erzieht ihre Kundinnen und Kunden hin zu Verantwortung: »Schauen Sie hin, was Ihr Geld bewegt, und bestimmen Sie mit!«</p>
<p>Die kreditvergebenden Angestellten der Demokratischen Bank sollen neben der ökonomischen auch eine humanistische Ausbildung erhalten. Eine wichtige Aufgabe der Demokratischen Bank wird ihr Einsatz für die gesetzliche Regulierung und Konversion des gesamten Bankensektors sein. Hier können die Forderungen von Attac und anderen Organisationen und den alternativen Pionierbanken zusammenwirken. Eine mögliche Regulierung wäre, dass staatliche Unterstützungsleistungen wie Garantie der Spareinlagen, Refinanzierung durch die Zentralbank, Kreditaufnahme des Staats und Bankenrettung nur noch gemeinwohlorientierten Banken gewährt werden. Wenn die gewinnorientierten Banken die Spareinlagen nicht garantieren könnten und keinen Zugang zur Zentralbank hätten, würde in Kürze die Mehrheit aller Menschen zur Demokratischen Bank und vergleichbaren Instituten wechseln.</p>
<h4>Demokratische Zentralbank</h4>
<p>Schließlich sollte auch die Zentralbank demokratisch organisiert werden. Das könnte Folgendes bedeuten:<br />
→ Die Entscheidungen in der Zentralbank fallen demokratisch in Gremien von Menschen aller Bevölkerungsschichten.<br />
→ Geld kommt nicht nur als (zinsfreier) Kredit an gemeinwohlorientierte Banken in Umlauf, sondern auch in geringem Umfang als »Schöpfungsgeschenk« an den Staat, das sich dieser nicht mehr teuer gegen Zinsen ausleihen muss. Gleichzeitig wird den Geschäftsbanken jede weitere Geldschöpfung verboten bzw. die Kreditvergabe unter den Vorzeichen Systemstabilität und Gemeinwohlorientierung reguliert.<br />
→ Die demokratischen Zentralbanken könnten die Kontrolle über den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr – das sogenannte Clearing – übernehmen. Das wäre das Ende von Steuerflucht, Zins-Arbitrage-Geschäften oder Ansteckung mit Instabilität durch finanziellen Giftmüllexport.<br />
→ Damit Spekulation mit Devisen verhindert wird, könnten die Zentralbanken eine globale Währungskooperation mit stabilen Wechselkursen eingehen, wie es John Maynard Keynes schon 1944 in Bretton Woods vorgeschlagen hat, sich damit aber nicht durchsetzen konnte.</p>
<h4>Mitmachen</h4>
<p>Die Gründungsvorbereitungen für die Demokratische Bank Österreich haben im Mai 2010 begonnen. Innerhalb weniger Wochen wuchs der Kreis der Mitarbeitswilligen auf mehrere hundert an. Es wurden acht Arbeitskreise eingerichtet, die sich im ­Koordinierungskreis abstimmen. Ein gemeinsamer Visionsprozess wurde im Februar abgeschlossen, jetzt folgen der Strategieprozess und die Erstellung des Geschäftsplans. Die Einreichung bei der Finanzmarktaufsicht ist noch im Jahr 2011 geplant, die Genehmigung kann sechs bis zwölf Monate in Anspruch nehmen. Ziel ist, die Bank noch im Jahr 2012 zu starten.</p>
<p>Im März dieses Jahres trafen sich auf Schloss Goldegg in Salzburg 60 Personen aus allen österreichischen Bundesländern, um mit dem Aufbau der regionalen Strukturen zu beginnen. Wie schon im Visionsprozess waren in diesem Prozess wertschätzende Kommunikations– und Entscheidungsmethoden besonders wichtig, um die »neue Welt« auch im Umgang miteinander zu leben. Die Regeln gewaltfreier Kommunikation, »Dialoge« und »Councils« schulen das Sprechen von Herzen und das wertfreie Zuhören, wodurch das Gespräch entschleunigt wird und Verbindung entsteht. Konsensprozesse erleichtern das Finden von Entscheidungen, mit denen alle einverstanden sein können, selbst wenn sie noch Bedenken haben – ein Fortschritt gegenüber Mehrheitsentscheidungen.</p>
<p>Die Bank möchte von Beginn an eine Filiale in jedem Bundesland eröffnen. Von dort aus könnten Außendienstmitarbeiter in die Betriebe, Haushalte und Bauernhöfe kommen, um die Kredite vor Ort zu vergeben. Die Regionalgruppen beginnen schon jetzt mit Bildungsveranstaltungen zum Thema Geld, Zinsen und Finanzmärkte. Außerdem erheben sie die Bedürfnisse der zukünftigen Kundinnen und Kunden. Wie die Bank vor Ort aufgestellt sein wird, ob es Filia len, »Bank-PartnerInnen« wie Eine-Welt-Läden, aufgeschlossene Unternehmen, Cafés oder Kultureinrichtungen geben wird oder auch nur die »ambulante Bank« und eine Präsenz im Internet, entscheiden die Regionalgruppen bis zu einem gewissen Grad selbst.</p>
<p>Derzeit werden Menschen aus dem In– und Ausland gesucht, die sich mit 1000 Euro an der Bank beteiligen und mit einer Spende den Aufbau in den nächsten eineinhalb Jahren finanzieren.</p>
<p>Die Demokratische Bank ist ein Strukturelement der »Gemeinwohl-Ökonomie«, einem zu Kapitalismus und Kommunismus alternativen Wirtschaftsmodell. Derzeit wird es von einer wachsenden Gruppe von Unternehmerinnen und Unternehmern im deutschsprachigen Raum ausgearbeitet und bereits von rund 250 Unternehmen unterstützt. Mindestens 70 davon werden dieses Jahr die Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Wer eine gute Gemeinwohl-Bilanz vorweisen kann, erhält bei der Demokratischen Bank einen günstigeren Kredit.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien im Original im Magazin OYA — anders denken. anders leben, Ausgabe </em><a href="http://www.oya-online.de/article/issue/08-2011.html" rel="external nofollow"><em>08/2011</em></a></p>
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