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	<title>OpenMindJournal &#187; Integrale Landkarte</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Kultur und Change</description>
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		<title>Wir gestalten Zukunft</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Apr 2013 12:22:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>

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		<description><![CDATA[Gemeinsamer bewusster werden, sich engagieren, etwas bewegen Die Welt ist in Aufruhr. Nicht nur in den arabischen Ländern, auch in Russland, China und Indien gehen die Menschen auf die Straße und vernetzen sich über Facebook und Twitter, um für eine bessere Welt, für mehr Demokratie zu kämpfen. Doch je lauter der Ruf nach kulturellem Wandel [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Gemeinsamer bewusster werden, sich engagieren, etwas bewegen</h2>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2013/04/IF-tagung.jpg" rel="lightbox[5685]"><img class="alignright size-medium wp-image-5688" alt="Wir gestalten Zukunft - Tagung Integrales Forum" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2013/04/IF-tagung-300x214.jpg" width="300" height="214" /></a>Die Welt ist in Aufruhr. Nicht nur in den arabischen Ländern, auch in Russland, China und Indien gehen die Menschen auf die Straße und vernetzen sich über Facebook und Twitter, um für eine bessere Welt, für mehr Demokratie zu kämpfen. Doch je lauter der Ruf nach kulturellem Wandel erschallt, desto stärker wird auch der Widerstand der traditionellen, teils archaischen Kräfte.</p>
<p>Auch beim zweiten großen Thema unserer Zeit, der Ökologie, stellt sich die Frage: Entwickelt sich das neue Bewusstsein schnell genug? Schaffen wir den Sprung in eine nachhaltige, postmoderne Gesellschaft, in ein neues, regeneratives Zeitalter, bevor wir uns unsere Lebensgrundlagen entziehen?</p>
<p>Die integrale Theorie bietet uns völlig neue Perspektiven auf die unterschiedlichen Kulturen und oft widerstreitenden Kräfte. Perspektiven von großer Spannweite und Lösungstiefe. Doch mit einer Theorie allein werden wir die Welt nicht retten. Und deshalb widmet sich die <b><span style="text-decoration: underline;">Jahrestagung des Integralen Forums, die vom 14. bis 16. Juni 2013 in Nürnberg</span></b> stattfindet, der Frage, wie wir uns <b>gemeinsam entwickeln und engagieren können, um etwas in der Welt zu bewegen</b>.</p>
<p>Führende deutschsprachige und internationale Referentinnen und Referenten werden illustrieren, welche neuen Ideen, Werte und Fähigkeiten es in Zeiten extrem beschleunigten Wandels, Krisen aller Couleur und globaler Vernetzung braucht. Sie stellen aktuelle Entwicklungen und Projekte aus <b>Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft </b>vor, werfen einen Blick in die Zukunft und zeigen auf, wie wir mit einer integralen Ausrichtung dazu beitragen können, eine neue Lösungsqualität in die Welt zu tragen.</p>
<p>Der<b> <i>integrale Philosoph Ken Wilber</i></b> wird per Skype mit <b><i>Sean Esbjörn Hargens</i></b>, Mitautor des Buches „Integral Ecology“, die neuesten integralen Erkenntnisse aus internationaler Perspektive beleuchten: Welcher <b>Geist der Zukunft</b> artikuliert sich in der Welt? Was bedeutet dies für eine <b>kulturelle Evolution zwischen Einheit und Vielfalt</b>? Welche konkreten Aufgaben stellen sich für uns, und wo sind wir (heraus)gefordert?</p>
<p>Ein weiterer prominenter Redner ist der österreichische <b><i>Gemeinwohlaktivist Christian Felber</i></b>, der in seinem Vortrag den Weg zu einer Ökonomie skizziert, in der Geld und Märkte wieder den Menschen dienen anstatt umgekehrt. Er stellt <b>Tools und Methoden</b> vor, die den Bezug wirtschaftlichen Handelns auf größere gesellschaftliche, soziale und ökologische Kontexte ermöglichen (wie zum Beispiel Gemeinwohlbilanzen), gibt einen Überblick über <b>unternehmerische Ansätze</b>, die dem Gemeinwohlgedanken bereits folgen, und vermittelt Impulse, wie sich in diesem Geiste neue Initiativen entwickeln lassen.</p>
<p>Stargast aus den USA ist <b><i>Steve McIntosh</i></b>, einer der international führenden integralen Denker und Autor der Bücher „Integrales Bewusstsein“ und „Evolution’s Purpose“. McIntosh wird in einem Impulsdialog mit Sonja Student, Vorstandsvorsitzende des Integralen Forums, über „Die Intentionalität des Werdens“ sprechen und den Fragen nachgehen, welches <b>Spannungsfeld zwischen Wissen und Werden-Wollen</b> besteht, wie Werte, Wandel und Wirken zu einer konstruktiven Synthese finden können und welche Herausforderungen dies für unser Selbstverständnis und unser Handeln mit sich bringt. Ergänzend moderiert McIntosh einen Vertiefungsworkshop zum Thema „Die Dynamik der Evolution erkennen und leben“.</p>
<p>Weitere Themen der Jahrestagung sind „Aus der Zukunft führen“, ein Beitrag (via Skype) von Barrett Brown, der schon auf der Jahrestagung 2012 stehende Ovationen erhielt, „Beyond Now“ – ein Workshop mit <b><i>Dr. Elizabeth Debold</i></b>, die den evolutionären Impuls zum Ausgangspunkt <b>ko-kreativer Prozesse</b> macht, „<b>Politische Partizipation</b> global gestalten“ mit <b><i>Dirk Weller</i></b> (SIMPOL) oder „Zwischen Entfaltung und Verbindlichkeit“ mit <b><i>Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming</i></b>.</p>
<p>Insgesamt spannt die integrale Jahrestagung einen Bogen von der persönlichen Entwicklung über kulturelle und soziale Zusammenhänge hin zu einem gemeinsamen Handeln. Dieser Dynamik trägt auch das neue Tagungsdesign Rechnung: Vortrags– und Workshop-Blöcke wechseln sich mit interaktiv-explorativen Phasen ab, es werden Open-Space und gemeinsame Erkundungsräume geschaffen, um den gemeinsamen Austausch zu fördern. Unter dem Motto „Von der Zukunft her denken, fühlen, wollen und können“ führt ein U-Prozess die Erkenntnisse der Tagung zusammen und schlägt eine Brücke zur konkreten Zukunftsgestaltung.</p>
<p>Verantwortlich für dieses interaktive Tagungsdesign zeichnen sich zwei erfahrene Großgruppenmoderatorinnen und Kennerinnen der integralen Theorie und Praxis, Regina Hunschock von 3Blüten Integral Facilitation und Susanya Manz, Expertin für Salonkultur und Art of Hosting. Die gesamte Tagung wird von einem professionellen Prozess-Team „gehostet“ und begleitet, was schon jetzt neugierig auf das veränderte Format macht.</p>
<p>Weitere Informationen zur Jahrestagung des Integralen Forums entnehmen Sie der <a href="http://integralesleben.org/if-home/if-integrales-forum/jahrestagung/2013-nuernberg/tagungsprogramm/" target="_blank" rel="external nofollow">Webseite</a>.</p>
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		<title>Eine Theorie von allem</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2013 22:28:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>connection</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
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		<category><![CDATA[Wolf Schneider]]></category>

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		<description><![CDATA[Ken Wilbers Genie, Größenwahn und intellektuelle Schärfe Hat seit dem Renaissance-Genie Leonardo da Vinci nochmal jemand versucht, das gesamte menschliche Wissen zusammenzufassen? Da fallen mir erstmal nur die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt ein, und dann … Ken Wilber. Und das in einer Zeit, von der man sagt, das sich das menschliche Wissen alle [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Ken Wilbers Genie, Größenwahn und intellektuelle Schärfe</h2>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2013/02/kenwilber.png" rel="lightbox[5600]"><img class="alignright  wp-image-5623" style="margin-left: 10px;" alt="Ken Wilber" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2013/02/kenwilber-300x168.png" width="200" /></a>Hat seit dem Renaissance-Genie Leonardo da Vinci nochmal jemand versucht, das gesamte menschliche Wissen zusammenzufassen? Da fallen mir erstmal nur die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt ein, und dann … Ken Wilber. Und das in einer Zeit, von der man sagt, das sich das menschliche Wissen alle zwei Jahre verdoppelt, ungefähr so schnell (und exponentiell) wie die Geschwindigkeit der Prozessoren unserer Computer. Allein für den Versuch, eine solche Zusammenfassung zu wagen und den Reichtum an Ergebnissen, die dieser Versuch bisher schon gebracht hat, darf man dem Helden dieses megalomanen Versuchs einen Tempel bauen – und kann dann viel leichter akzeptieren, dass seine »Theorie von allem« an einigen Punkten nicht hält, was sie verspricht.</p>
<p>Meine vertiefte Beschäftigung mit Ken Wilber hat leider erst im Jahr 2012 begonnen. Vorher wusste ich von seiner Theorie nicht viel mehr als die Unterscheidung zwischen prä– und trans– (-konventionell, –rational, –personal), die immerhin bereits sehr, sehr nützlich ist. Und dass alle Frauen, die sich mit ihm beschäftigt haben, das Buch »Mut und Gnade« in den höchsten Tönen lobten und die meisten von ihnen über seine ach so abstrakten, »verkopften« Werke der Jahre danach seufzten. Heute halte auch ich Ken Wilber für den größten lebenden Philosophen. Seine Größe sehe ich vor allem darin, dass er den Mut hat, eine »Theorie von allem« zu wagen und zudem genügend Intelligenz, Forschungseifer und Ausdauer, ein solch größenwahnsinniges Projekt auch so weitgehend durchzuführen. Wenn auch nur zwei Drittel seiner Thesen sich in den nächsten Jahren auch nur vorübergehend als stichhaltig erweisen sollten, dürfte er schon damit einen Platz in der Walhalla der ganz großen Systematiker des menschlichen Wissens beanspruchen.</p>
<blockquote><p>Seine Größe sehe ich vor allem darin, dass er den Mut hat, eine ›Theorie von allem‹ zu wagen</p></blockquote>
<h3>Der große Bogen</h3>
<p>Mit Wilber hat zum ersten Mal ein Philosoph auf zutiefst plausible und unübertroffen weitreichende und umfassende Weise westliche Wissenschaft (vor allem <em>science</em>) mit östlicher Weisheit und Spiritualität unter einen Hut gebracht. Viele vor ihm haben das versucht, verglichen mit Wilbers‹ Werk aber wirken diese Vorgänger (Jean Gebser, Teilhard de Chardin, Arthur Koestler und viele andere) aber nur wie Wegbereiter des großen Theoretikers der »Theorie von allem«.</p>
<p>In Ken Wilbers Büchern zu lesen (zur Zeit lese ich <em>Eros, Kosmos, Logos</em> in der englischen Originalausgabe) ist für mich ein intellektueller Genuss und eine Fundgrube tiefer Einsichten, die auch mein praktisches Leben bereichern. Wie ich mit Menschen umgehe, mit Themen, mit Zeit und Raum, mit dem Verhältnis von meditativer Versenkung und begrifflichem Verstehen, all das ist davon berührt. Neulich sagte ich zu einem Freund, der sich schon viel länger mit Wilber befasst: Hätte ich schon 1995 dieses Buch gelesen (viele nennen es sein Hauptwerk), mein Leben wäre anders verlaufen. Inwiefern denn?, fragte er. Zum Beispiel hätte ich mich mit einigen der wirklich dummen Glaubensmustern der Babyboomer-Generation (»Spirituell reife Menschen werten nicht«, »Du musst werden wie die Kinder«, »Die Welt, die du erlebst, hast du mit deinen eigenen Überzeugungen erschaffen« – ich habe einige dieser Muster in Connection ja immer mal wieder aufgezählt) nicht so lange aufgehalten, sondern hätte diejenigen, die solchen Eso-Plattitüden verfallen, viel eher einfach links liegen gelassen und mich intelligenteren Menschen zugewandt. Als Verleger und Autor gesprochen: Ich hätte mich schneller und mit mehr Mut auf die Suche nach einer neuen Zielgruppe gemacht. Denn die gibt es. Sie ist klein, aber – dem Himmel sei Dank, sie wächst an!</p>
<h3>Was für ein Mut!</h3>
<p>Wer Wilber liest, stößt früher oder später auf die Frage, ob dieser Mensch mit seiner »Theorie von allem« nicht größenwahnsinnig ist. Welcher Teufel hat ihn da nur geritten, <em>das</em> zu beanspruchen? Dabei stimme ich gerade diesem Anspruch zu, denn jeder von uns muss irgendwie Inneres und Äußeres unter einen Hut bringen, die eigene Besonderheit und die Ansprüche des Kollektivs, Liebessehnsüchte und Steuererklärungen, Zahnschmerzen, Orgasmusstörungen und den Tod. Wie schaffen wir das nur? Die meisten schlagen sich dann auf eine Seite und werden <em>entweder</em> Steuerberater <em>oder</em> Poeten,<em>entweder</em> Gläubige <em>oder</em> Skeptiker, oder wie die Parteien alle heißen, aber auch Steuerberater haben manchmal Liebeskummer, und auch inbrünstig Glaubende zweifeln – wir haben eben alles in uns, und nur einen Teil davon anzuerkennen hat viele böse Folgen, von Bauchschmerzen bis hin zu Kriegen. Ich bewundere Wilbers Mut, es überhaupt <em>zu versuchen</em>, alles, wirklich alles in eine einzige Theorie zu packen und bin entsprechend nachsichtig mit ihm an den Stellen, wo mir diese Theorie fehlerhaft zu sein scheint.</p>
<p>Außerdem stehe ich auf Intelligenz! Bei Wilber finde ich ein so hohes Maß davon, bin hingerissen, entzückt und immer wieder im »Verstehensrausch«: Ah, was hat er da nicht alles auf dieser so erstaunlich detaillierten Landkarte des Kosmos‹ unterbringen können! Ich entdecke dort Bezüge ohne Ende zwischen Dingen, Ereignissen, Personen und Einzelerkenntnissen, die mir bislang noch nichts miteinander zu tun zu haben schienen, aber doch, sieh da, es gibt einen Zusammenhang! Insofern meine ich, dass Wilber den Heldenstatus verdient, den viele seiner Fans ihm geben.</p>
<blockquote><p>Der analytische Geist und das liebende Herz müssen sich beide entwickeln, sonst kommt es zu Auf– und Abwinden mit Neigung zu Gewittern.</p></blockquote>
<h3>Herz und Intellekt</h3>
<p>Eine Gefahr sehe ich allerdings, ein bisschen bei Wilber selbst, vor allem aber bei den Menschen, die sich von der Schärfe seines Denkens und dem Umfang seines Wissens faszinieren lassen: Wenn der analytische Geist (der <em>mind</em>) sehr weit entwickelt ist und das liebende Herz, das alles Wahrgenommene einfach schon deshalb umarmt, weil »es da ist«, nicht ebenso weit entwickelt ist, dann kommt es im Menschen zu einem Ungleichgewicht. Das ist dann sowas wie starke Thermik in der Atmosphäre, wenn etwa eine Fläche sich in der Sonnenhitze sehr viel schneller aufgewärmt hat als eine andere, dann gibt es starke Auf– und Abwinde und Neigung zu Gewittern. Wenn die intellektuelle Seite zu weit voraus ist, wird die Sprache tendenziell scharf und verletzend; der Mensch wird zum Kritikaster und trotz all seines Wissens, das ja sehr wertvoll ist, immer unerträglicher. Andererseits tut den im unendlichen Ozean der alles akzeptierenden Liebe Schwelgenden ein scharfer Geist gut – er holt sie aus der Kitschzone raus, verhindert dummes Mitläufertum und gibt den starken Gefühlen Sinn, Gehalt und Tiefe. Wilber scheint mir in der Hinsicht ein bisschen zu hirnig zu sein, aber <em>bei dem Intellekt</em>, da müsste er das Herz einer Liebesgöttin haben, damit es ohne Thermik ginge.</p>
<h3>Warum ignoriert ihn die akademische Welt?</h3>
<p>Nach dem Lesen von einigen der Kritiker Ken Wilbers frage ich mich, warum dieser große Denker in der akademischen Welt bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde. Das ist ja auch eine der Fragen, die sich Frank Visser stellt (s. unser Interview mit ihm in der <em>connection</em> 01/02/2013 auf S. 34–37). Ich hatte nun das Glück oder Pech (wie man’s nimmt), unter Akademikern und Wissenschaftlern aufzuwachsen und konnte sie so auch in ihrem Alltags– und Privatleben beobachten, deshalb erlaube ich mir hierzu folgende These: Weil Wilber eine sehr neue, »umwerfende« Theorie bietet, die so vieles fundamental in Frage stellt, trifft er bei denen, die das etablierte Wissen verwalten, auf Widerstand oder Totschweigen (»Den ignorieren wir nicht ›mal«). Zu vieles des bisher als sicher oder selbstverständlich Geltenden wirkt angesichts von Wilbers Theorie obsolet oder kleinlich. Wenn ein Heidegger immerhin einige Jahre lang einem Hitler zujubelt, was soll man dann von der von Heidegger &amp; Co vertretenen abendländischen Philosophie halten? Oder von der Philosophie überhaupt? Was gibt es da seit Sokrates für Fortschritte? Auch der Marxismus ist, gelinde gesagt, nicht gut durchdacht und konnte nur durch die Wut und Verzweiflung der vom Kapitalismus gedemütigten Massen gedeihen und durch Führerkulte (die ihn dann politisch scheitern ließen).</p>
<h3>Zweifel</h3>
<p>Obwohl ich mich, was das Verständnis von Wilbers Philosophie anbelangt, noch ganz am Anfang befinde und dabei auch weiterhin ein gutes Maß an Anfängergeist beibehalten möchte (im Sinne von Suzukis »Zen mind, beginner’s mind«) – jetzt doch auch ein bisschen Kritik an dem Helden.</p>
<p>Wilbers Verständnis von »Bewusstsein« als Tiefe in der Holarchie der immer komplexer werdenden Strukturen finde ich hochinteressant, aber noch nicht wirklich schlüssig. Bewusstsein scheint mir auch mit Abbildung zu tun zu haben. Ein Molekül oder eine Zelle, die (noch) nicht eine wahrgenommene Außenwelt abbilden, wie können die Bewusstsein haben?</p>
<p>Ethik halte ich für das vielleicht am meisten unterschätzte Thema im Feld des Wissens und der menschlichen Kultur. Wilber packt es in den Quadranten links unten und scheint es, wie viele andere auch, als Gegensatz zum »platten Darwinismus« zu sehen. Ich protestiere: Ethik ist absolut darwin-kompatibel! Überhaupt scheint Wilber ein Ding mit Darwin zu haben und wird meines Erachtens der Evolutionstheorie nicht gerecht.</p>
<p>Und dann die teleologische Strähne in Wilbers Werk, die betrachte ich mit Skepsis. Hat denn alles einen Sinn (gemäß der Perspektive der sinngebenden linken Quadranten) oder Zweck oder Ziel? Ergänzen sich die rechten Quadranten, in der Kausalität gilt, mit den linken, den Zielstrebenden und Sinnfindenden?</p>
<p>Aber das sind Zweifel – <em>meine</em> Zweifel und Fragen. Vielleicht finde ich während meiner weiteren Wilber-Lektüre darauf Antworten, pro oder contra Wilber, wie auch immer.</p>
<h3>Kritik der Geisteswissenschaftler</h3>
<p>Die Kritik an Wilber aus der Sicht der deutschen Geisteswissenschaft, wie sie etwa Johannes Heinrichs vorträgt (<em>connection</em>01/02/2013 auf den Seiten 38–42) empfinde ich hingegen schon deshalb nicht als stichhaltig, weil ich Wilbers Grundsatz für richtig halte, dass <em>genau genommen</em> das Bewusstsein sich nicht selbst betrachten kann, so wie ein Messer sich nicht selbst schneiden kann. Der so genannten Selbstreflexivität des Intellektuellen fehlt meines Erachtens die Genauigkeit in der Selbstbeobachtung. Ich halte sie aber auch in dieser Ungenauigkeit (»Oh, da habe <em>ich mich</em> wieder mal bei einem Irrtum erwischt«) für wertvoll.</p>
<p>Einige von Wilbers Gegnern halten ihn für arrogant. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber wenn ich seine Schriften lese, spüre ich seine große Begeisterung für geistige Entdeckungen, keine Arroganz, und große Bereitschaft, sich mit anderen Menschen über diese Entdeckungen auszutauschen. Wilber mag auch mal wütend und abweisend sein, warum denn nicht, und sicher fühlt er sich vielen Menschen überlegen – reale Gründe dafür hat er ja genug, er <em>ist</em> vielen überlegen. Aber er sucht Menschen, die mit ihm auf Entdeckungsreise gehen, ihn verstehen und dann weitergehen, er sucht keine Nachbeter seiner Theorien.</p>
<p>Dass Wilber auch scharf schießende Gegner hat, wundert mich überhaupt nicht. Viel Feind, viel Ehr, würde ich in diesem Falle sagen. Die meisten seiner Kritiker haben nicht annähernd seine Größe, manche nörgeln nur an ihm herum, um sich wichtig zu machen. Es scheint mir aber auch sinnvolle Kritik zu geben, wie etwa die, dass er, von dem so viele sagen, dass er ihre Thesen nicht richtig darstelle (sie misrepräsentiere) seinen ärgsten Gegnern vorwirft, von ihnen falsch dargestellt zu werden. Anscheinend eine Schattenprojektion, vermutlich auf beiden Seiten.</p>
<h3>Die Wortgläubigkeit</h3>
<p>Ich ahne, dass eine Lösung dieses Streits (und einiger anderer im Umfeld der Integralen) in einer Erkenntnis der Gefahren der Wortgläubigkeit liegen könnte – unser aller Bereitschaft, uns von Worten faszinieren zu lassen. Wilber selbst scheint mir fasziniert zu sein von seinen eigenen Entdeckungen, dabei aber nicht wirklich wortgläubig im engeren und gefährlichen Sinn. Damit ich beim Lesen möglichst nah am Atem seiner Forschung bin, lese ich Wilber übrigens lieber im Original. Wenn ich dabei stutzig werde und ihm nicht mehr glaube – was oft vorkommt – lese ich seinen Text einfach so weiter, wie ich Rilke lesen würde oder Erich Fried, Gottfried Benn, Khalil Gibran oder auch vieles von Osho – die Worte eines Dichters. Dann steht für mich nicht mehr sein scharfes Denken im Vordergrund, sondern seine große Sehnsucht nach dem Ganzen und danach, alles in einer einzigen Theorie unterzubringen. Was auch wir alle tun, jeder von uns auf seine Weise, mit vielen Flicken, Brücken und schlechten Übergängen, unser Menschsein erfordert und impliziert den Versuch, alles zu integrieren. Wir mögen das unvollständiger tun als Wilber, aber wir tun es doch auch.</p>
<h3>Wilbers Holon-Theorie</h3>
<p>Für viele Wilber-Fans ist seine Holon-Theorie ein oder sogar <em>das</em> zentrale Element seiner »Theorie von allem«. Er knüpft damit an Arthur Koestler an und stellt die steile These auf, dass alles, wirklich alles, was es gibt, ein Holon sei, das heißt aus Teilen zusammengesetzt (insofern ein Ganzes) und selbst wieder Teil von Größerem oder Komplexerem. Mich fasziniert diese These. Zum einen, weil sie so umfassend ist: Gilt das wirklich für <em>alles?</em> Zum anderen, weil ich bei der Erforschung der Frage, ob er damit recht hat, auf so vieles stoße, das sich fügt oder löst oder klärt und neue Perspektiven sichtbar werden lässt, von der Biologie über das Soziale und die Politik (dort zum Beispiel das föderale Prinzip) bis hin zur Ethik. Manchmal löst dieses holonische oder holarchische Denken bei mir ganze Kaskaden von Aha-Erlebnissen aus. Zum Beispiel auch an diesem Punkt: Alle Holone haben vier Tendenzen, sagt Wilber: Selbsterhaltung, Anpassung, Transzendenz und Auflösung. Diese Passage in Wilbers <em>Eros, Kosmos, Logos</em> zu lesen war für mich pure geistige Ekstase. Wenn Wilber sonst nichts geschaffen hätte als diese Holon-Theorie, schon dann wäre er ein Studium wert – aber es gibt ja noch so viel mehr bei ihm.</p>
<blockquote><p>Obwohl Ken Wilber als Kartograph viel Größeres geleistet hat denn als Reisender, lässt er keinen Zweifel daran, dass es ums Reisen geht.</p></blockquote>
<h3>Das Land und die Landkarte</h3>
<p>Nicht zu vergessen: Wilber ist nicht nur ein Theoretiker, er ist auch ein Mystiker. Er denkt nicht nur, er meditiert auch. Obwohl er als Kartograph viel Größeres geleistet hat denn als Reisender, lässt er keinen Zweifel daran, dass es ums Reisen geht. Wozu sonst die Landkarte? Wozu eine Theorie, wenn sie nicht hilft, sich damit in der Wirklichkeit besser zurecht zu finden und ein besseres Leben zu führen? Was für ein Glück für uns Reisende, dass Wilber ein solch scharfer Denker und grandioser Kartograph ist! Reisen müssen wir nun selbst. Meditieren und leben und lieben und weiterforschen müssen wir selbst. Eine Landkarte ist noch keine Reise, aber sie hilft ungemein dabei, sich nicht zu verirren und gesund und guter Dinge ans Ziel zu kommen.</p>
<p>Auf S. 42, am Ende des Textes von J. Heinrichs findet sich eine recht gute <strong>Literaturliste </strong>von Ken Wilber Büchern bis zum Jahr 2000. Zu den periodisch erscheinenden Medien, die sich in herausragender Weise auf Deutsch mit der Weiterentwicklung von Ken Wilbers Theorien beschäftigen, gehören die Printmedien <em>Integrale Perspektiven</em> und das Andrew Cohen nahe stehende <em>EnlightenNext</em> (S. 77). Außerdem Thomas Steiningers Sender <strong>Radio EnlightenNext</strong> (dort gibt es im Archiv viele Interviews, auch mit Connection-Autoren, darunter Katharina Ceming, Margrit Kennedy, Annette Kaiser und mir selbst). Das <strong>Integrale Forum</strong> (<a href="https://service.gmx.net/de/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fwww.integralesforum.org" target="_blank" rel="external nofollow">www.integralesforum.org</a>) mit Sitz in Berlin, der Hrsg. der <em>Integralen Perspektiven</em> organisiert außerdem Tagungen und vieles andere mehr.</p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Connection Spirit, <a href="http://www.connection.de/index.php/magazintexte/spirits/1640-connection-spirit-1-2-13" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 1–2/2013</a></em></p>
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		<title>Der Fluch der Freiheit und die Suche nach einer Theorie von allem</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2013 22:15:48 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die »Work-Life Balance« finden, so nennen die Coaches von heute den Anspruch, die Anforderungen der Arbeit mit den Ansprüchen der Familie, des Privatlebens, der Freizeit zu vereinbaren. Aber das ist noch lange nicht alles. Wir müssen auch mit unseren Krankheiten zurecht kommen, mit dem Tod, der Suche nach dem Sinn im Leben, vielleicht auch einer [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5610" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2013/02/627995_web_R_by_Peter-Kalks_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[5598]"><img class=" wp-image-5610 " style="margin-left: 10px;" alt="Foto: Peter Kalks  / pixelio.de" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2013/02/627995_web_R_by_Peter-Kalks_pixelio.de_.jpg" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Peter Kalks / pixelio.de</p></div>
<p>Die »Work-Life Balance« finden, so nennen die Coaches von heute den Anspruch, die Anforderungen der Arbeit mit den Ansprüchen der Familie, des Privatlebens, der Freizeit zu vereinbaren. Aber das ist noch lange nicht alles. Wir müssen auch mit unseren Krankheiten zurecht kommen, mit dem Tod, der Suche nach dem Sinn im Leben, vielleicht auch einer täglichen spirituellen Praxis – und währenddessen einkaufen gehen, die Wohnung sauber halten, fürs Alter vorsorgen, für die eigenen Eltern und die Kinder, dann braucht das Auto Winterreifen, und bald muss es auch durch den TÜV, außerdem war heute morgen der Duschabfluss verstopft, und der WLAN-Router, nein, nicht auch das noch …</p>
<h3>Entscheiden müssen</h3>
<p>Für alles das brauchen wir, wenn wir in die hierfür erforderlichen Entscheidungen nicht einfach hineinstolpern, sondern sie tatsächlich <em>treffen</em> wollen, eine »Theorie von allem«. Jeder von uns hat eine solche, normalerweise entscheidet ja irgendetwas in uns alle diese kleinen oder großen Dinge, meist sind uns die Kriterien dabei jedoch nicht ausreichend bewusst. Es muss ja oft schnell gehen, und nie reicht unser Wissen aus für alles das. Wie soll ich finanzielle und spirituelle Ziele unter einen Hut bringen? Wie gewichte ich mein privates Beziehungsleben gegenüber dem Beruf? Hilft mir dabei die Wissenschaft, die Religion, meine beste Freundin oder eher ein Astrologe?</p>
<h3>Waaaas??? Der spinnt doch!</h3>
<p>Als ich zum ersten Mal von Ken Wilbers Anspruch hörte, eine »Theorie von allem« zu erschaffen, musste ich lachen. Noch nicht einmal den Physikern gelingt es, eine Theorie zu finden, die alle physikalischen Phänomene erklärt, den Linguisten nicht, eine zu finden, die auf alle Sprachen zutrifft, vom Seelischen und der Kunst und der Spiritualität mal ganz zu schweigen, und dann will dieser Kerl …. ? Nein, das geht nicht, der spinnt. Aber irgendwie sympathisch fand ich es doch, dass er sich traut, überhaupt nur daran zu denken, dass das möglich sein könnte. Und jetzt, nach Fertigstellung dieses Heftes (<a href="http://www.connection.de/index.php/magazintexte/spirits/1640-connection-spirit-1-2-13" target="_blank" rel="external nofollow"><em>connection</em> 01/02 2013</a>), das sich diese größenwahnsinnige Theorie als Schwerpunkt gesetzt hat, schickte mir Dennis Wittrock vom Integralen Forum ein Zitat von diesem Wilber, das zeigt, dass er ja selbst über den Wahnwitz dieses Anspruchs schmunzelt:</p>
<h3>Ein bisschen Ganzheit ist besser als gar keine</h3>
<p>»Alle diese Versuche sind natürlich durch die vielen Arten gekennzeichnet, in denen sie scheitern. Die vielen Arten, wie sie zu kurz greifen, unvertretbare Verallgemeinerungen machen, Spezialisten in den Wahnsinn treiben und ganz allgemein dabei versagen, ihr proklamiertes Ziel der ganzheitlichen Umarmung zu erreichen. Nicht nur, weil diese Aufgabe jeden menschlichen Verstand überfordert, sondern auch, weil sie implizit unmöglich ist: Das Wissen explodiert schneller als die Arten, es zu kategorisieren. Die Suche nach der Ganzheit ist ein ewig unerreichbarer Traum, ein Horizont, der sich in dem Maße entzieht, wie wir uns ihm nähern, eine Schale Gold am Ende des Regenbogens, den wir nie erreichen werden. Warum das Unmögliche dann überhaupt versuchen? Weil ich denke, dass ein bisschen Ganzheit besser ist als gar keine, und eine integrale Sicht beträchtlich mehr Ganzheit bietet als die zerstückelnden Alternativen.«</p>
<h3>Die Überforderung</h3>
<p>Versuchen wir’s also. Und vergessen wir dabei nicht, dass die moderne Gesellschaft mit ihren nie da gewesenen Freiheiten und Optionen für uns Menschen sowieso schon längst eine permante Überforderung darstellt – in den Jahrzehntausenden, in denen <em>homo sapiens</em> wurde, was er heute ist, hat er es einfacher gehabt. Dass wir heute neben allem anderen auch noch unser Smartphone selbst einrichten müssen, die richtige Krankenversicherung wählen und wissen sollten, ob die Riesterrente sich für uns lohnt, ist ja bereits System: das Prinzip, den Bürger durch Überforderung kapitulieren zu lassen und auf diese Weise fügsam zu machen – nun kann man ihm selbst die Schuld geben, wenn er bei so viel Freiheit nicht für sich das Beste herausholt.</p>
<p>Ja, wir brauchen eine Theorie von allem!</p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Connection Spirit, <a href="http://www.connection.de/index.php/magazintexte/spirits/1640-connection-spirit-1-2-13" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 1–2/2013</a></em></p>
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		<title>Naturals</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Sep 2012 12:52:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tom Amarque</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

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		<description><![CDATA[The only thing I know about the dark is you can’t see in it. Robert Redford – The Natural (1984) Wir alle kennen die Faszination, die wir Naturtalenten (engl. Naturals) entgegenbringen. (Ich mag diesen Begriff, deshalb bleibe ich beim Englischen) Diese Naturals scheinen einen unmittelbaren und intuitiven Zugang zu bestimmten Erfahrungswirklichkeiten zu haben und dabei [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>The only thing I know about the dark is you can’t see in it.<br />
<em>Robert Redford – The Natural (1984)</em></p></blockquote>
<div id="attachment_5320" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/09/559229_web_R_by_Helene-Souza_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[5310]"><img class=" wp-image-5320 " title="Naturtalent am Klavier" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/09/559229_web_R_by_Helene-Souza_pixelio.de_-300x183.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Helene Souza / pixelio.de</p></div>
<p>Wir alle kennen die Faszination, die wir Naturtalenten (engl. <em>Naturals</em>) entgegenbringen. (Ich mag diesen Begriff, deshalb bleibe ich beim Englischen) Diese <em>Naturals</em> scheinen einen unmittelbaren und intuitiven Zugang zu bestimmten Erfahrungswirklichkeiten zu haben und dabei relativ leicht erfolgreich in dem zu sein, was sie tun – was nicht bedeutet, dass sie nicht hart dafür arbeiten müssen. Auch scheinen sie vor allem etwas Neues zu produzieren, dass sie in dem Feld, in dem sie arbeiten, sofort erkennbar und erfolgreich macht. Man denke an Boris Becker (Körper/Tennis), Albert Einstein (Vorstellungskraft/Physik), Barack Obama (Bewegung der Massen/Politik), Eddie Vedder (Stimmmodulation/Poesie/Musik) oder Ken Wilber (Schreiben/Mustererkennung). Häufig, wenn auch nicht immer, sind solche Naturals im sozialen Sinne berühmt (obwohl sie es selten anstreben). Aber sie müssen es nicht sein. Man kann auch ein Natural in Bezug auf Flirten und Balzverhalten sein oder darin, Papierflieger zu bauen. Ohne zu viel vorwegzunehmen sei gesagt, dass solche <em>Naturals</em> sich stets auf sich selbst verlassen und ihr Talent dazu nutzen, auch ihren Lebensunterhalt zu gestalten. Vor allem aber speist sie dieses Talent mit einer tiefen Lebensfreude, die <em>Distress</em> in <em>Eustress</em> umwandelt (F. Fester) und die <em>Naturals</em> dazu führt, mit stetem Enthusiasmus und <em>Flow</em> (M. Czikzentnihaly) auch am Wochenende zu arbeiten, wo die Menschen, die sich ihres Talents nicht bewusst sind, nach einer harten (und manchmal unerfüllten) Arbeitswoche entspannen wollen. <em>Naturals</em> finden ihre Entspannung in der Arbeit.</p>
<p>Wir alle bewundern in gewissem Maße solche <em>Naturals</em> und streben selbst danach, diese Quelle der Freude, Inspiration und Kreativität in uns selbst zu finden und nutzbar zu machen. Wes dreht sich um Talent, <em>Daimone</em> oder ums innere <em>Charisma</em>, also den von Gott gegebenen Gaben, die nach außen dringen und Menschen mit einer gewissen Ausstrahlungskraft versehen, wenn wir von <em>Naturals</em> sprechen. Freilich benutzen wir das Wort Charisma heute nicht mehr in seiner eigentlichen Bedeutung, sondern nutzen es für die äußere Ausstrahlungskraft von Menschen, die selbst nicht immer <em>Naturals</em> sein müssen. ‚Charisma‘ bezeichnete ursprünglich jedoch die inneren Gaben. Ich persönlich glaube, dass die Obsession unserer Kultur mit den sogenannten ‚Stars‘ eine Art exoterisches oder nach außen projiziertes Bedürfnis nach diesen inneren Werten sind.</p>
<p>Wie dem auch sei, die Fragen, was <em>Naturals</em> eigentlich genau sind, woher ihre Gaben denn genau kommen, was das Ganze mit Spiritualität zu tun hat, sind natürlich auf der Hand liegend und furchtbar interessant. Auch können einem Antworten auf die Natur von solchen Daimonen oder dem Charisma Antworten über die Natur des Selbst und der Wirklichkeit geben, mit der wir leben.</p>
<h4>Daimonen und Spiritualität</h4>
<p>Zunächst die Gretchenfrage: Was hat Talent mit Spiritualität zu tun? Einen ersten Hinweis darauf gibt uns Mircea Eliade in seinem Buch <em>Schamanismus und archaische Ekstasetechnik</em>: Hier beschreibt er, dass diejenigen Schüler, die ihre Initiation ‚zufällig‘ erhalten, also gewissermaßen spontan und aus dem Nichts heraus, sozial von ihrem Stamm höher bewertet werden als diejenigen Schüler, die sich hat Erkenntnisse und das Schamanentum erarbeiten müssen. Sie sind <em>natürlicherweise</em> mit besseren Fähigkeiten ausgestattet. Man kann sagen: In den schamanischen <em>Naturals</em> wirken die Geister stark.</p>
<p>Nun beschrieb Eliade aus heutiger Sicht prä-traditionelle, also archaische Gesellschaftsformen. Mit dem Zuwachs und der Komplexitätssteigerung von Bewusstsein in den letzten paar tausend Jahren müssen wir fragen, ob diese Unterscheidung noch gültig ist und ob ein Zuwachs an innerer Komplexität und Bewusstheit nicht auch dazu führt, die Bedingungen zu erkennen, durch welche wir unsere Daimonen, unser Charisma, unser Talent zum Ausdruck bringen können.</p>
<p>Ken Wilber spricht, in Anlehnung an ein Konzept von Mark Gaffni, auch vom <em>Unique Self</em>, also der Eigenschaft des Selbst, die einzigartig ist. Er argumentiert: Wenn fünf erleuchtete Wesen an einem Tisch sitzen, so wird doch jeder von ihnen, obwohl jeder vollkommen verwirklicht ist, eine besondere Perspektive einnehmen und mit einer bestimmten Anordnung von Talenten und Neigungen ausgestattet sein. Wilber fragt nicht, woher diese Perspektive oder Talente kommen – zumal sie nach archaischer und traditioneller Vorstellung eben ja auch von Gott gegeben sind und damit einem Bereich zuzuordnen sind, den man mit Worten nicht durchdringen kann. Man muss aber auch fragen, ob die Frage nach der Letztbegründung, also woher diese Daimonen kommen, überhaupt Sinn ergibt.</p>
<p>Doch gehen wir dieser Frage einmal kurz nach: Woher kommt eigentlich das Talent, dass z.B. Boris Becker dazu veranlasst hat, diesen besonderen Zugang zum Tennis zu finden und zu einem der besten Spieler der Welt zu werden? Woher kommt dieses Quentchen etwas, was man nicht lehren kann? Natürlich kann man nun argumentieren:</p>
<ol style="list-style-type: lower-alpha;">
<li>Es war psychologische Disposition, oder</li>
<li>Es war eine neurologische Disposition, oder</li>
<li>Es war eine soziale Disposition im Sinne: Es bestand ein deutsches kulturelles Bedürfnis nach einem Siegfried-ähnlichen Helden, oder</li>
<li>Es war eine soziale Disposition im Sinne: Familiäre Konditionierung und Trainingsumfeld bestanden in einer besonderen Konstellation, oder</li>
<li>Es war alles gleichzeitig, oder</li>
<li>Es war alles gleichzeitig + eine Dimension, die wir nicht erklären können</li>
</ol>
<p>Punkt a) bis e) drängt einem natürlich Wilbers AQAL-Modell auf. Nach allem, was wir aber wissen, reicht es nicht aus, um das Vorkommen von Daimonen zu erklären. Da ist ein Faktor, numinos und ungewusst, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Ich würde also für f) votieren.</p>
<p>Und noch einmal die Frage: Was hat dies mit Spiritualität zu tun? Denn Boris Becker ist weder – soweit ich weiß – ein spiritueller Mensch noch jemand, der die grüne, postmoderne Komplexitätsstufe des Bewusstseins verfügt (ich mag mich irren). Was hat also sein Tennis-Daimon mit Spiritualität zu tun?</p>
<h4>Tanz – Tänzer – Bühne</h4>
<p>Ich hatte eingehend angedroht, im Zuge dieser Frage auch auf das Wesen der Wirklichkeiten zu sprechen zu kommen. Um einer möglichen Antwort näherzukommen, stellen wir uns einmal einen Tänzer vor. Es ist unerheblich für diese Vorstellung, ob der Tänzer für das Tanzen begabt ist. Was wir aber unmittelbar erkennen können ist, dass wir den Tänzer nicht von seinem Tanz oder der (Trainings-)Bühne trennen können. Nehmen wir ein Element weg, so zerfällt das Ganze. Ohne Tänzer kein Tanz. Ohne Tanz kein Tänzer. Ohne (Trainings-)Bühne kein Tanz und kein Tänzer. Wir können freilich artifiziell eine Unterscheidung der drei Elemente vornehmen, doch lasst uns dies einmal nicht tun! Wir betrachten nun Tanz, Tänzer und Bühne als ein konzeptionelles Ganzes.</p>
<p>Wir wissen aus der Linguistik und Philosophie, dass wir Welt und Sprache nicht als singuläre Elemente betrachten können – ebenso wenig wie den Tanz (Sprache) oder die Bühne (Welt). Unsere Erkenntnis von der Welt und unser Handeln in der Welt ist immer an Sprachspiele gebunden (Wittgenstein), und die großen modernen Erzählungen von Welt als Ganzes und Sprache als Ganzes sind zerfallen (Lyotard). Es gibt, mit anderen Worten, nicht ‚die‘ deutsche Sprache. Sprache ist ein Prozess, verändert sich stetig, unterliegt Einflüssen und Interpretationen und ist kein ‚Ding an sich‘ oder existiert unabhängig von uns. Auch ist Welt ganz stark an unsere Vorstellung von Welt gebunden und existiert nicht ohne uns, sondern ist ein integrales Ganzes; bestes Beispiel ist der Hausmeister, der beim Anblick des ersten Hubble Depp Field Bildes, welches einen kleinen Teil des Sternenhimmels darstellt, ausruft: „Ihr Idioten! Ihr habt also für mehrere Milliarden Dollar eine Maschine gebaut, die Punkte auf schwarzem Hintergrund ausdrucken kann?“ Unsere Vorstellung vom Universum ist <em>auch</em> ein kollektiver Konsens und ist <em>auch</em> sozial konstruiert. Das Universum kann nicht ohne uns und unsere Beschreibung davon existieren.</p>
<p>Es ist jedenfalls offensichtlich, dass <em>Naturals</em> eine ganz innige Beziehung zu ihrer Erfahrungswirklichkeit haben. Sie scheinen über einen metaphysischen Schlüssel zu verfügen, sich bestimmte Wirklichkeiten – wie baut man den besten Papierflieger und welche Erfahrung geht dabei einher – erschließen zu können. Czikzentmihali argumentiert, dass man im Flow eine Ordnung im Geiste erzeugt und Entropie durch Komplexität ersetzt; mit andern Worten: Man stellt eine Einheit von Tanz-Tänzer und Bühne her. Vielleicht ist dies die zunächst beste Annäherung an das Phänomen der <em>Naturals</em>. Boris Becker hat einen anderen und einzigartigen Zugang zu Wirklichkeiten als Einstein, Obama, Vedder oder Wilber. Von diesem Standpunkt ist es schwer zu sagen, dass ein Zugang besser oder schlechter, einfacher oder komplexer ist. Genauso wenig, wie mein Haustürschlüssel weder besser noch komplexer als mein Garagenschlüssel ist.</p>
<p>Doch wir haben die Frage nach der Natur von Daimonen oder ihrer Herkunft oder, was das alles mit Spiritualität zu tun hat, immer noch nicht einmal annähernd beantwortet.</p>
<h4>Kennzeichen des Daimone</h4>
<p>Wieder in bester AQAL-Manier: Was sind denn eigentlich die Kennzeichen der Daimone? Vielleicht können wir uns so einer Antwort an die obigen Fragen annähern:</p>
<ol style="list-style-type: lower-alpha;">
<li>Ein inneres Erleben der Sinnhaftigkeit, der Freude &amp; Flow, der Kreativität, der Ordnung und ‚Losgelöstheit‘</li>
<li>Es findet eine ‚Daimonotechnik‘ statt.</li>
<li>Ein soziales ‚Dazugehören‘, ein kulturellen wertvollen Beitrag leisten</li>
<li>Lebensunterhalt (Geld verdienen) schaffen durch die daimonische Arbeit, mit anderen Zusammenarbeiten und ‚Systeme‘ formen</li>
</ol>
<p>Zu A) Gibt den inneren Wert daimonischen Handelns an. Wie jeder, der schon einmal <em>Flow</em> erlebt hat, weiß, befreit einen das daimonische Handeln von jeglicher ‚Ich-Zurechnung‘. Da Tanz, Tänzer und Bühne verschmelzen, setzt auch die personale Zurechnung aus. Nicht selten wird die daimonische Handlung beschrieben vielmehr als etwas, was ‚mir passiert‘, als etwas, ‚was ich selbst tue‘. Meister des Pranayama wissen: ‚Es atmet mich‘. Mit dieser Lösung von egoischen Selbst tritt Intensität und Ekstase auf, bestens bekannt aus sämtlichen spirituellen Praxen. An den postmodern-psychologischen Konzepten wie Flow erkennt man eine ‚Spiritualisierung des Profanen‘, d.h. man kann auch Glückseligkeit und Ekstase und innere Befreiung erfahren, wenn man, seinem Charisma entsprechend, handelt, und sei es, mit Holz zu arbeiten oder einen neuartigen Papierflieger zu bauen. Nicht das ‚Was‘ der Handlung ist entscheident, sondern das ‚Wie‘!</p>
<p>Zu B) Eine <em>Daimonotechnik</em> ist das angewandte Wissen, wie man sein Charisma findet und ausdrückt. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen, die ein Ganzes sind. Man darf die einfache ethische Injunktion ausdrücken: Tu was Du willst! Damit ist kein (prä-)egoisches Wollen gemeint, sondern die innere Verpflichtung, tatsächlich zu tun, was man als moralisch richtig empfunden hat, um sich damit zu befreien und zu entwickeln. Einfachstes Beispiel: Wenn ich mir meines Talentes als Heimwerker bewusst bin, werde ich auch meinen Lebensunterhalt (d) damit bestreiten und nicht als Beamter mein Unwesen treiben, nur weil es finanziell ‚sicherer‘ ist. (Heutzutage ist übrigens nichts sicher). Wenn ich mich entschieden habe, dass es sinnvoll ist, zwei Stunden täglich zu meditieren, muss ich lernen, auch dies zu tun, und mich mit den unsäglichen psychischen Programmen, denen das gar nicht gefällt, auseinandersetzen.</p>
<p>Daimonotechnik heißt aber auch: Wiederhole das gewünschte Verhalten, differenziere es aus, forme neue (kognitiven) Strukturen und erzeuge eine neue psychologische und sozial Form (einen wertvollen Beitrag) ©; dies ist Darwins Evolutionstheorie vom systematischen Standpunkt auf individuelles Handeln angewendet. (Ich habe übrigens ein fantastisches Buch über die <em>Daimonotechnik</em> geschrieben.)</p>
<p>Freilich muss man ein Gespür dafür haben/entwickeln, was es ist, was man will, oder was der eigene Daimon oder die eigene Perspektive ist; das kann einem leider niemand sagen. Man ist in dieser Existenz ‚leider‘ dazu verpflichtet, herauszufinden, was sein Charisma ist, oder dazu verdammt, jene Unzufriedenheit zu spüren, von der jeder genau weiß, welche ich meine.</p>
<h4>Summa Summarum</h4>
<p>Wenn immer noch nicht klar geworden ist, was Daimone mit Spiritualität zu tun haben, möchte ich hinzufügen, dass Spiritualität vor allem immer etwas mit Handeln zu tun hat. Eine Erkenntnis, die sich nicht ins Handeln überführen lässt, ist nichts wert. Wenn ich lautstark gegen die Regenwaldabholzung protestiere und dennoch mein täglich Fleisch haben will, ist ernsthaft was in meiner Psyche kaputt. Daimone drücken sich in Handlung aus. Daimone sind Ausdruck des <em>Unique Self</em>, sind angewandtes Werkzeug zur spirituellen Befreiung. Es ist ganz unwesentlich herauszufinden, ‚woher‘ Daimone oder das Charisma stammt, denn dies ist eine rein theoretische Fragestellung. <em>Tu was Du willst, und tue dies in Liebe</em>. Wenn es je eine spirituelle Anweisung gegeben hat, wie man seinen Alltag ‚spiritualisiert‘, wie man sein Talent nutzt und seine Evolution vorantreibt, so wird es diese sein.</p>
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		<title>Das Ganze und seine Teile</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Sep 2012 12:34:47 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wir sind wie Inseln oder Schiffe im Fluss – aber aus Wasser Wer bin ich, und wo gehöre ich hin? Und alle diese Dinge, wo gehören die hin, wie sind die einzuordnen? Uns selbst und das Erfahrene einzuordnen beschäftigt uns ein Leben lang. Und dabei unvermeidlich auch das: Wovon bin ich ein Teil? Und was eigentlich [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Wir sind wie Inseln oder Schiffe im Fluss – aber aus Wasser</h2>
<div id="attachment_5237" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/09/36080_original_R_by_momosu_pixelio.png" rel="lightbox[5235]"><img class=" wp-image-5237 " title="Wir sind wie Inseln oder Schiffe m Fluss, nur aus Wasser" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/09/36080_original_R_by_momosu_pixelio-300x225.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: momosu / pixelio.de</p></div>
<p>Wer bin ich, und wo gehöre ich hin? Und alle diese Dinge, wo gehören die hin, wie sind die einzuordnen? Uns selbst und das Erfahrene einzuordnen beschäftigt uns ein Leben lang. Und dabei unvermeidlich auch das: Wovon bin ich ein Teil? Und was eigentlich ist das Ganze?</p>
<p>Wir sind eingebunden in ein größeres Ganzes, das stimmt. Ja, und? Der Satz ist in spirituellen Kreisen so oft zu hören, dass er zu einer Phrase geworden ist, die oft genug als Ausrede dient für weniger große, partielle Zwecke. Statt für ein größeres Ganzes handeln wir mit diesen Worten im Mund dann für ein kleine, oft mickrige Ziele. Obwohl es doch wahr ist, dass wir eingebunden sind in etwas Großes, viel Größeres als wir denken und überschauen können. Wie mit all den anderen spirituellen Weisheiten aber ist es auch hier so, dass sie häufiger irreführend verwendet oder sogar missbraucht werden als dass sie der Wahrheitsfindung dienen. Wer das Echte und Wahre sucht, nimmt deshalb oft schon Reißaus, wenn mal wieder einer dieser Sprüche geklopft wird wie: »Alles ist eins«, »Alles hängt mit allem zusammen«, »Die einzige Zeit ist jetzt« oder »Wir sind eingebunden in ein größeres Ganzes«.</p>
<h4>Das Ganze und die Ethik</h4>
<p>Deshalb möchte ich hier mal nachdrücklich auf das Gegenteil verweisen. Es ist eben <em>nicht</em> bloß alles eins, sondern wir sind auch getrennt. Die Welt der zehntausend Dinge und all der Trennungen ist eine Realität, wenn auch innerhalb der Einheit des Großen, Ganzen. Und wenn wir uns verbinden, kommt es drauf an, <em>mit wem</em> wir uns verbinden. Verbindung allein ist noch nichts Gutes. Sie kann sogar etwas sehr Schlechtes sein, nämlich dann, wenn ich mich mit Schlechtem verbinde – mit schlechten Zielen oder schlechten Menschen. Dass alles eins ist und alles mit allem zusammenhängt, erübrigt die Ethik nicht und erspart uns nicht die Beschäftigung mit den ethischen Fragen, wie der, was gut ist und was nicht.</p>
<p>Es ist zwar alles eins, aber nicht alles egal. Gerade als einheitsbewusste Menschen müssen wir zwischen dem Guten und dem Schlechten, Brauchbaren und Unbrauchbaren unterscheiden – und können das nun endlich auch viel besser. Das Bewusstsein einer höheren Einheit »jenseits von gut und böse« gibt der Ethik erst ihren richtigen Platz.</p>
<h4>Für eine bessere Welt</h4>
<p>Speziell die Generation der Babyboomer drückt sich gerne um die ethischen Fragen herum. Das liegt daran, dass wir die Moralpredigten satt haben, zumal die selbstgerechten und wirkungslosen unter ihnen, die von den frommen Predigern und Verdrängern ihres eigenen Schattens. Das 20. Jahrhundert war das der größten Schlächter aller Zeiten, und die meisten von ihnen waren Prediger einer besseren Welt. Und auch die moralische und politische Heuchelei hat nicht abgenommen, vom alten Babylon über Athen und Rom bis heute, aller »Aufklärung« unbenommen.</p>
<p>Trotz dieser Ernüchterung in Sachen Moral und Ethik unterscheiden wir Menschen immer zwischen dem, war wir bevorzugen und dem was wir ablehnen, einfach deshalb, weil wir Wünsche und Bedürfnisse haben und Lust, Glück und Schmerzen kennen. Würden wir das Werten und Beurteilen generell ablehnen, weil es so viele Heuchler unter den Predigern gibt, käme es durch die Hintertür wieder hereinspaziert, denn wir brauchen diese Fähigkeit. Wir bewerten und entscheiden sowieso, den ganzen Tag lang, das ganze Leben lang; es nützt nichts, das zu leugnen; wenn wir versuchen, diese wertvolle Fähigkeit zu »überwinden«, schaden wir damit nur uns selbst. Trotzdem wird das Werten und Beurteilen verdrängt, was das Zeug hält. Im Klima einer solchen Verdrängung heißen dann Menschen, die eine bessere Welt wollen »Die Alternativen«. Weil sie eine Alternative wollen zu dem, was ist. Wir wollen aber nicht nur etwas Anderes, Alternatives, wir wollen etwas Besseres als das, was ist.</p>
<h4>Etwas und sein Gegenteil</h4>
<p>So gehört auch die Phrase »Das sage ich jetzt mal ganz wertfrei« zum üblichen Geschwätz unserer Zeit, die so gerne grenzenlos tolerant wäre, auch gegenüber den Intoleranten. Bei dem Geschwätz über das Ganze (das seine Teile natürlich nicht bewertet, igitt) und über das Wir statt dem Ich (Umarmung ist doch besser als Isolation) vergessen wir außerdem, dass jedes größere Ganze auch wieder Teil ist von einem noch größeren Ganzen, wie das in den Holarchien (nach Arthur Koestler und Ken Wilber) sehr schlüssig dargestellt wird.</p>
<p>Wenn ich nur mit mir identifiziert bin, nennt man das »Ego«. Da will ich das Beste nur für mich, alles andere ist mir egal. Das macht einsam. Dann verliebe ich mich und will mit einem anderen Wesen verschmelzen. Dann sind wir zwei. Aber dieses Paar ist immer noch ein abgesondertes, einsames Wesen innerhalb eines noch größeren Ganzen: der Familie, dem Sportclub, der Region, Nation, Religion, Sprachgemeinschaft oder Rasse. Und auch wenn mit meinem großen Gefühl die ganze Menschheit umarme (»Seid umschlungen, Millionen«), hat das so Umschlungene noch immer ein Gegenteil: Es gibt andere Wesen, Dinge oder Phänomene, die nicht zur Menschheit gehören und sie bedrohen können. Solange das größere Ganze nicht auch sein Gegenteil enthält und damit zum allumfassenden Ganzen wird, steht es in immer Konflikt mit irgendwas oder irgendwem.</p>
<h4>Mystische Erfahrung</h4>
<p>Vor ein paar Jahren hielt ich auf einer Konferenz über »Psychologie und Spiritualität« an der Universität Salzburg einen Vortrag. Die Studenten wollten von mir nicht nur wissen, wie ich Mystik definiere, sie wollten es selbst erfahren und baten um eine Anleitung. Das machte ich kurzerhand so: Ich ließ sie erst mal die Lenkbarkeit ihrer Aufmerksamkeit ausprobieren durch Fokussierung auf ein Objekt: einen Stuhl im Raum, ihren Atem, irgendwas. Dann: Versenke dich in das, was du unter »Ich« verstehst, was dich ausmacht und zu dir gehört. Zunächst mal nur in das Materielle, deinen eigenen Körper. Dann spüre die Grenzen dieses Ich: Ist das deine Haut? Dann fokussier dich auf das, was nicht Ich ist, das »andere« – alles Materielle, was nicht dein Körper ist. Dann: <em>Sei</em> das! Auch die Aufforderung, das zu »sein« ist nichts Mysteriöses, sie erleichtert nur das Weglassen der Idee eines separaten, dies beobachtenden Subjektes. Wer seine Aufmerksamkeit auf etwas lenken kann, der kann auch mal für ein paar Sekunden vom beobachtenden Subjekt absehen und sich in das Objekt »versenken«, es »sein«. Wenn dieses Hinlenken mit einem »darin Verschwinden« (des Ich, des Subjekts) einhergeht, wenn auch erstmal nur für ein paar Sekunden, dann gibt das schon einen Geschmack von Mystik, von der Verschmelzung mit dem Ganzen. Mystik ist ja nichts Mysteriöses, sondern nur eine Art der Wahrnehmung, in der das Subjekt sich nicht als separat versteht.</p>
<h4>Das allumfassend Ganze</h4>
<p>Das Tückische und Vertrackte an der Wahrnehmung einer Welt von Dingen und Einzelwesen ist nämlich: Wenn es solche Dinge, Phänomene und Einzelwesen gibt, dann gibt es zu jedem von ihnen auch jeweils ein anderes. Wenn es dich gibt, dann gibt es auch alles das, was nicht du bist. Wenn es Bäume gibt, dann gibt es auch alles das, was kein Baum ist. Erst Baum und Nicht-Baum zusammen ergeben das Ganze, das wirklich allumfassend Ganze. Der Schritt vom Baum zur Pflanze und von dort zum Lebewesen und von dort zur organischen Materie ist zwar jedes Mal ein Schritt zu etwas Größerem, aber noch nicht zum allumfassend Ganzen.</p>
<p>So verstehe ich die »verborgene Harmonie«, von der der Mystiker und Philosoph Heraklit im vorsokratischen Griechenland sprach: Jedes Etwas hängt mit seinem Gegenteil zusammen und steht mit ihm in einer Beziehung, die für die normalen, weltlichen Augen verborgen ist, für den Mystiker oder Philosophen aber erkennbar. Alles kann in sein Gegenteil umschlagen. So sagt Heraklit in einem seiner Fragmente: »Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes, Waches wie Schlafendes, Junges wie Altes. Das eine schlägt um in das andere, das andere wiederum schlägt in das eine um.«</p>
<h4>Wer ist da irrational?</h4>
<p>Die Kritiker des Religiösen und Spirituellen, der Mystik und Meditation tun diesen ganzen Bereich gerne als »irrational« ab. Dabei übersehen sie, dass schon der erste Schritt ihres rationalen oder vermeintlich rationalen Vorgehens, das die Welt mit Begriffen in Dinge und Einzelwesen unterteilt, eigentlich ein irrationaler oder jedenfalls unrealistischer Schritt ist, denn »in der Welt da draußen« gibt es keine Teile. Die Teile machen erst wir. Wir erschaffen sie aus dem Kontinuum heraus durch unsere begriffliche Wahrnehmung, die sehr eng mit unserer Sprache verbunden ist.</p>
<h4>Grenzen ziehen</h4>
<p>Jeder Begriff, den wir auf dieses Kontinuum »drauflegen« oder mit dem wir es »zerschneiden« ist eine kleine Vergewaltigung. Wobei wir den Schnitt nur in unserem Weltbild machen, in der Wirklichkeit wird nichts zerschnitten, und sie wird auch nicht vergewaltigt. Allenfalls vergewaltigen wir damit unsere eigene, sinnliche, realitätsbezogene Wahrnehmung. Zum Beispiel der Begriff »hier«, wo fängt das Hier an, und wo hört das auf im Kontinuum des Raums? Ab wie viel Meter von mir entfernt ist es nicht mehr »hier«? Oder die Vokale unserer Sprache – a, o, u, e, i – mit denen teilen wir das Lautkontinuum, das unser Mund herstellen kann, in fünf. Die Grenze, wo das A ins O übergeht, ist im Lautkontinuum nicht enthalten, sie ist nur in unserer Wahrnehmung. Ab einer gewissen Rundung des Mundes haben wir die Grenze, die es »da draußen in der Realität« gar nicht gibt, überschritten und nennen den Laut nun ein O. Wo wir diese Grenze ziehen, hängt auch von unserer Muttersprache ab und von dem Dialekt, mit dem wir aufgewachsen sind, es ist eine vom Sprachkollektiv gezogene Grenze. Andere Muttersprachler »hören« andere Laute als wir Deutschen und haben Mühe unser Ü, Ö oder Ä nachzuahmen, es fällt ihnen sogar schwer, es überhaupt zu hören. So wie es mir schwer fällt, beim Spanischlernen zwischen B und V <em>nicht</em> zu unterscheiden, wo diese beiden Laute doch so verschieden sind. <em>Sind </em>sie das wirklich? Für Spanier offenbar nicht.</p>
<h4>Hol mich hier raus!</h4>
<p>Natürlich bietet sich eine Kartoffel an, für sie ein Wort zu finden, das nicht auch noch die Erde drum rum mitbedeutet, in der sie gewachsen ist, oder den Kochtopf, in dem ich sie gerade zum Garen bringe. Manches in der Wirklichkeit bietet sich dafür an, als ein Trennbares wahrgenommen zu werden: Früchte, Tiere, Pflanzen, Autos, Legosteine. Bei anderem ist das schwieriger. Ab wann ist es draußen kalt, windig oder regnerisch? Was ist ein Sturm, wie kann ich den vom Wind unterscheiden, und wie groß ist er genau, wie viele Kubikmeter? Wo hört der Stein auf und fängt der Fels an? Bin ich jetzt noch in der Bucht oder schon auf dem Meer draußen? Ab wann bist du groß, nett, weise? Ist es »gut«, was wir hier tun, diese Analyse dessen, wie die Begriffe das Kontinuum zerschneiden? Dass in einem Fall ein physisch oder geistig gut abtrennbarer Teil des realen Kontinuums uns sozusagen zuwinkt und sagt »Benenn mich! Hol mich hier raus aus dieser primordialen Suppe des Ganzen!«, das ist noch kein hinreichender Grund vergessen zu dürfen, dass es diese Ursuppe immerhin gibt. Biografisch war sie als erste da, bevor wir eine Sprache und mit ihr das Trennen erlernten. Die Ursuppe des ungetrennten Ganzen ist die Urahnin unserer Wahrnehmung; zu ihr kehren wir in gewisser Hinsicht in der mystischen Wahrnehmung zurück – back to the roots.</p>
<h4>Füg mich wieder ein!</h4>
<p>Die mystische Wahrnehmung ist dennoch nicht dasselbe wie das, was ein gerade geborenes Kind wahrnimmt, denn sie widerfährt uns erst, nachdem wir die Welt der Dinge, Unterscheidungen und Urteile schon kennen gelernt haben. Und wir dürfen diese Weltsicht, in der wir Dinge und Personen und Optionen voneinander unterscheiden, keinesfalls wieder zu einem Einheitsbrei vermanschen, in dem alles eins ist, gut und böse, du und ich, vorher und nachher. Die Unterscheidungen haben nämlich durchaus ihren Wert. Ken Wilber spricht in seiner Landkarte der menschlichen Entwicklung von Ebenen oder Wellen, die aufeinander aufbauen. Da mag eine höhere Ebene auf Eigenschaften einer niedrigeren zurückgreifen und ist doch von dieser sehr verschieden. Die ganzheitliche, mystische, integrale Wahrnehmung ist jedenfalls keineswegs eine Regression in einen kindlichen Zustand und sollte nicht mit einem solchen verwechselt werden.</p>
<p>Wenn Jesus sagt »Werdet wie die Kinder« spricht er diese Ähnlichkeit an. Wer den Satz wörtlich nimmt, befindet sich allerdings auf einem sehr gefährlichen Weg: dem Weg zur Regression, zur Rückentwicklung in einen in der Gegenwart nicht mehr adäquaten Zustand. Regression hat mit Weisheit nichts zu tun. Leider wird diese Unterscheidung in den spirituellen Gruppen, Zirkeln und Szenen noch viel zu selten getroffen. Den ausgiebigen Gebrauch des Jesus-Spruchs »Werdet wie die Kinder« werte ich deshalb nicht als Zeichen besonders fortgeschrittener Spiritualität und Liebe zum Meister der Bergpredigt, sondern als ein Zeichen, dass hier etwas nicht verstanden wurde. Mir fallen dazu mehrere spirituelle Gruppen ein, die in süßer bis süßlicher Weise diesen Jesusspruch ständig auf den Lippen haben. In praktischen Belangen meide ich diese Gruppen lieber.</p>
<h4>Der Wert der Teile</h4>
<p>Denn in allen lebenspraktischen Bereichen ist die Fähigkeit zur Trennung (Differenzierung) sehr wertvoll. Wenn du für zwei isst, werde ich nicht davon satt, so einfach ist das. Obwohl, wenn alles eins wäre, müsste das von dir Gegessene (oder wenigstens sein Nutzen) doch irgendwie zu mir rüberfließen? Wo doch alles fließt (<em>pantha rhei</em>), wie Heraklit so schön sagt! Nein, das Gegessene von anderen möge bitte nicht zu mir rüberfließen. Ich möchte selber essen und genießen und die Welt auch weiterhin nicht als einen pürierten Einheitsbrei wahr– und zu mir nehmen, sondern als etwas, das aus sehr vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzt ist, in denen<em>petites</em> und <em>grandes différences</em>, kleine und große Unterschiede, zum Charme des Ganzen beitragen.</p>
<p>Das Mystische, die Wahrnehmung der Einheit, ist für mich der Hintergrund von alledem. Bei einem Bild nicht zu vergessen, dass es auf eine Leinwand aufgemalt ist, bei einem Film nicht zu vergessen, dass er auf einem Monitor abgespielt wird, bei Lauten und Klängen nicht zu vergessen, dass sie aus der Stille kommen und in diese wieder hineinsinken, wenn der Ton verklungen ist, und dass es zwischen zwei Tönen immer ein Pause gibt oder ein Intervall, darauf kommt es an. Nicht zu vergessen, dass sich alles auf einem Hintergrund abspielt und in diesen wieder einsinkt, darin verendet oder verklingt, darauf kommt es an.</p>
<h4>Holarchien</h4>
<p>Und was die Holarchie anbelangt, die Hierarchie von <em>Holons</em> (das sind Ganzheiten, die selbst wieder Teile von anderen Ganzheiten sind), haben diese nach Ken Wilber vier Tendenzen. Ein Holon will sowohl seine Ganzheit bewahren, das heißt in seinen Grenzen intakt bleiben. Es will aber auch seine Teilheit bewahren, also seine Zugehörigkeit zu einem größeren Holon. Man kann das gut bei Ländern innerhalb einer Föderation sehen. Drittens haben Holons auch noch ein »vertikales Vermögen«, gemäß dem sie höhere Einheiten bilden können, sie können sich zusammentun zu einem Wir, was eine gewisse Art von Selbsttranszendenz bedeutet. Viertens können sie auch zerfallen und sich dabei in ihre Bestandteile auflösen, so wie die Sowjetunion 1991 oder die Tschechoslowakei 1992. Oder wie Vereine, die sich auflösen, Paare, die voneinander geschieden werden oder unsere Körper nach dem Tod des Individuums.</p>
<h4>Analyse und Synthese</h4>
<p>So wie wir zu den analytischen Wissenschaften auch holistische Wissenschaften – oder holistische Ausrichtungen in den Wissenschaften – brauchen, so brauchen wir auch in der Politik und im privaten Alltag ein besseres Verständnis für Teile und Ganzheiten. Nur das jeweilige Ganze gegenüber dem jeweiligen Teil hochzujubeln ist in dieser Undifferenziertheit dumm und gefährlich. Wir müssen weiterhin analysieren und differenzieren, das auseinander Genommene aber auch wieder zusammenfügen. Und das Zusammengesetzte, Höhere, Komplexe beinhaltet das Niedere, Einfache in sich. Nichts, was wir auf den spirituellen und religiösen Wegen lernen und womit uns Meditation und das mystische Erwachen beschenken, annuliert das, was wir woanders gelernt haben und aus praktischen oder ethischen Gründen beachten sollten – es sei denn, es war bereits dort ein Irrtum.</p>
<p> </p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Connection Spirit, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-07-0812.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 07–08/2012</a></p>
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		<title>Entwicklung integral: Menschen, Kulturen, Systeme verstehen und begleiten</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/06/12/entwicklung-integral-menschen-kulturen-systeme-verstehen-und-begleiten/</link>
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		<pubDate>Tue, 12 Jun 2012 15:39:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>

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		<description><![CDATA[Jahrestagung des Integralen Forums vom 15. bis 17. Juni 2012 in Berlin Berlin, 11. Juni 2012. Wir leben in einer Zeit nie dagewesener Vielfalt – sowohl was die der Menschheit zur Verfügung stehenden Wissens– und Handlungs-Ressourcen betrifft, als auch im Hinblick auf die Komplexität der Herausforderungen, die sich in der Welt zeigen. Modelle und Landkarten, die [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Jahrestagung des Integralen Forums<span style="color: #008000;"> </span>vom 15. bis 17. Juni 2012 in Berlin</h2>
<p><strong>Berlin, 11. Juni 2012. </strong>Wir leben in einer Zeit nie dagewesener Vielfalt – sowohl was die der Menschheit zur Verfügung stehenden Wissens– und Handlungs-Ressourcen betrifft, als auch im Hinblick auf die Komplexität der Herausforderungen, die sich in der Welt zeigen. Modelle und Landkarten, die aus der Integralen Theorie resultieren oder durch sie inspiriert wurden, erweisen sich dabei als hervorragender Ausgangspunkt, damit wir uns in dieser Vielfalt nicht orientierungslos verlieren, sondern der Entwicklung, die augenscheinlich notwendig und wünschenswert ist, die richtige Richtung verleihen.</p>
<p>Schon Einstein wusste, dass Probleme sich nicht mit den Mitteln lösen lassen, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Was es braucht, ist also eine <strong>Perspektive mit mehr Spannweite und Lösungstiefe</strong>. In diesem Sinne widmet sich die <strong><span style="text-decoration: underline;">Jahrestagung des Integralen Forums, die vom 15. bis 17. Juni 2012 in Berlin</span></strong> stattfindet, der Frage, wie wir <strong>Menschen, Kulturen und Systeme</strong> in ihrer <strong>Komplexität und Vielfalt</strong> besser verstehen können und was die nächsten Schritte sein sollten bei der Ausarbeitung von <strong>Lösungen</strong>, die eine <strong>wirksamere Perspektive</strong> entfalten.</p>
<p>Führende deutschsprachige und internationale Referentinnen und Referenten werden illustrieren, welche konkreten Ansätze in Bereichen wie <strong>Coaching, Business, Leadership, Nachhaltigkeit, Pädagogik, Politik, Psychologie, Partnerschaft und Spiritualität </strong>mit ihrer integralen Ausrichtung dazu beitragen, eine neue Lösungsqualität in die Welt zu tragen. Zu den Mitwirkenden gehören:</p>
<ul>
<li>Michael Habecker, Sonja Student, Rolf Lutterbeck, Dennis Wittrock und Hilde Weckmann (Vorstand des Integralen Forums) – <strong><em>Einführung ins Tagungsthema Entwicklung integral – Menschen, Kulturen, Systeme verstehen und begleiten</em></strong></li>
<li>Ken Wilber (via Telefon) – <strong><em>Evolution und Entwicklung in allen vier Quadranten</em></strong></li>
<li>Jeff Salzman – <strong><em>Integrale Morgendämmerung: Wie höheres Bewusstsein in die Welt kommt</em></strong></li>
<li>Dr. Susanne Cook-Greuter (via Skype) – <strong><em>Annahmen oder Überzeugungen? Eine Perspektive auf die heilsbringerischen Aspekte der integralen Bewegung</em></strong></li>
<li>Elizabeth Debold, PhD – <strong><em>Eine neue Kultur: Die Zukunft jenseits des Gender Divides</em></strong></li>
<li>Barrett Brown, PhD (via Skype) –<strong><em> Führung von der Leading Edge: Wie hochgradig bewusste Führungspersonen komplexe globale Veränderungen angehen</em></strong></li>
<li>John Bunzl – <strong><em>Simpol: Eine integrale Umsetzung weltzentrischen Bewusstseins in weltzentrischen politischen Aktivismus</em></strong></li>
</ul>
<p><strong> </strong></p>
<p>Neben Plenumsvorträgen und Diskurs-Foren zum Austausch stehen <strong>drei Workshop-Phasen</strong> auf der Agenda, in denen <strong>praxisnah ausgewählte Fachthemen vertieft</strong> werden, darunter:</p>
<ul>
<li>Entwicklung in Paarbeziehungen</li>
<li>Die Evolution der Zeitwahrnehmung</li>
<li>Innenansichten einer neuen integralen Elite</li>
<li>Ökodörfer als Inkubatoren für eine integrale Entwicklung</li>
<li>Meshwork – ein Netz für Entwicklung und Veränderung weben</li>
<li>Lernen vom Tahrir-Platz in Kairo</li>
<li>Integrale Unternehmensentwicklung – Aufbruch zu neuen Ufern</li>
<li>Entwicklungsorientiertes Coaching mit Führungskräften</li>
<li>Rettet mehr Spiritualität die Welt?</li>
<li>Kinder, Lehrer, Schulen können mehr – die Potenziale der Zukunft</li>
</ul>
<p><strong><a href="http://integralesleben.org/if-home/if-integrales-forum/jahrestagung/if-tagung-2012-berlin/" rel="external nofollow"><img class="alignnone  wp-image-5045" title="IF-Tagung 2012" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/Banner_IF_Tagung2012_500x200.png" alt="" width="470" /></a><br />
</strong></p>
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		<title>Sein und Werden – Die Geheimnisse des Transpersonalen</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Jun 2012 13:18:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>

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		<description><![CDATA[Wilber-V und das Modell der psychogenetischen Felder (pgF) Zustände und Strukturen des Seins – Wilber V Ken Wilber begann irgendwann, die Stadien seiner philosophischen Erkenntnisse mit römischen Ziffern zu nummerieren. „Wilber IV“ beinhaltet eine integrale Theorie der Ich-Entwicklung des Menschen bis diese in transpersonalen Strukturen aufgehen. Diese Strukturentwicklung ist in der unteren Tabelle auf der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Wilber-V und das Modell der psychogenetischen Felder (pgF)</h2>
<div id="attachment_5034" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/568348_web_R_by_Urs-Flükiger_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[5032]"><img class=" wp-image-5034  " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/568348_web_R_by_Urs-Flükiger_pixelio.de_-300x200.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Urs Flükiger / pixelio.de</p></div>
<h4>Zustände und Strukturen des Seins – Wilber V</h4>
<p>Ken Wilber begann irgendwann, die Stadien seiner philosophischen Erkenntnisse mit römischen Ziffern zu nummerieren. „<em>Wilber IV</em>“ beinhaltet eine integrale Theorie der Ich-Entwicklung des Menschen bis diese in transpersonalen Strukturen aufgehen. Diese Strukturentwicklung ist in der unteren Tabelle auf der linken Seite einzusehen. <em>Wilber V</em><sup class='footnote'><a href="#fn-5032-1" id='fnref-5032-1'>1</a></sup> nun bezieht in dieses integrale Modell Bewusstseinszustände ein, die wir alle als Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlafzustand kennen, solange sie vom Bewusstsein nicht erschlossen sind oder diese durch außergewöhnliche Lebensereignisse oder spezifische Techniken in unserem aktuellen Gewahrsein induziert werden. Diese als Gipfelerfahrungen bekannten Phänomene werden dann allerdings gemäß der aktuellen Bewusstseinsstruktur interpretiert. Während auf dem „Strukturweg“ das Ich zu umfangreicheren Perspektiven und immer komplexeren kognitiven Fähigkeiten<sup class='footnote'><a href="#fn-5032-2" id='fnref-5032-2'>2</a></sup> findet, führt der „Zustandsweg“ zu mehr Wachheit. Gewöhnlich sind wir uns unseres Wachzustandes bewusst und halten die Traumwelt für Trugbilder des Geistes. Doch lässt sich auch die Traumwelt bewusst erleben, zum Beispiel durch bestimmte Trance-Techniken, durch Hypnotherapie oder durch luzides Träumen. Somit würde die grobstoffliche Wachwelt, die wir so oft für die einzig wirkliche Welt halten, ergänzt um einen schier unendlich wirkenden inneren Psychenraum. Allerdings entscheidet die aktuelle Strukturstufe über die Interpretation des Erlebten im Psychenraum. Die folgende Tabelle soll den <em>Wilber V</em>– Gedanken illustrieren:</p>
<div id="attachment_5035" class="wp-caption alignnone" style="width: 480px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/Wilber_V_und_pgf_Tab_1.png" rel="lightbox[5032]"><img class=" wp-image-5035 " title="Wilber_V_und_pgf_Tab_1" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/Wilber_V_und_pgf_Tab_1.png" alt="" width="470" /></a><p class="wp-caption-text">Tab.1: Ein Wilber V – Modell. Der Strukturweg der Ich-­‐‑Entwicklung war Gegenstand von Wilber I-­‐‑IV (links in der Tabelle; in Wilber V ersetzt Wilber diese Benennungen durch ein an das Spiral Dynamics – Modell angelehntes Regenbogenmodell. Hier wird die alte Terminologie benutzt, da diese mehr den entwicklungspsychologischen Aspekt betont, was die Einordnung der pgF transparenter macht, siehe weiter unten.) Die Integration von Bewusstseinszuständen liefert eine elegante Erklärung für das Entstehen transpersonaler Bewusstseinsstrukturen. Erklärung dazu im weiteren Text.</p></div>
<p>Es gibt also mindestens zwei Wege – so die Erkenntnis aus Wilber V – die in der Entwicklung des Menschen wirken: Der Weg des kognitiven Wachstums, der zu tieferen, umfassenderen Einsichten (auch über das Selbst) führt, und der Weg über das Erschließen der verschiedenen Bewusstseinszustände. Bezüglich Gipfelerfahrungen gibt es zwei Möglichkeiten, wie diese mit den aktuellen Bewusstseinsstrukturen zusammenhängen können: 1. Eine Gipfelerfahrung kann in sich bereits eine Interpretation beinhalten, etwa wenn jemand während eines subtilen Zustandes mit einer Person namens Jesus spricht und wertvolle Einsichten erhält – in diesem Fall wird eine subtile Erscheinung als Person gedeutet, was den Wert der Einsichten allerdings nicht schmälert. 2. Eine Person kann eine subtile formlose Erfahrung machen, die er je nach Bewusstseinsstufe nach seiner Rückkehr in die gewohnte Wachwelt als reines Licht oder als Engel, Heilige Jungfrau oder Christus interpretiert. Zustandserfahrungen können also die kognitive Entwicklung des Ichs beeinflussen, und umgekehrt. Doch wie lassen sich dann transpersonale Bewusstseinsstrukturen erklären?</p>
<h4>Das Werden transpersonaler Strukturen</h4>
<p>Es scheint so, dass transpersonale Zustände (also Erfahrungen, die immer möglich sind) sich dann zu stabilen kognitiven Strukturen verdichten, wenn sich das menschliche Gewahrsein ihrer bemächtigt. Dazu reichen Gipfelerfahrungen nicht aus, es bedarf dazu einer sehr langen Praxis, die diese vormals temporären Erfahrungen zu einer gewohnten und stabilen innerpsychischen Welt gerinnen lassen. (Unsere grobstoffliche Wach-Welt und unser Gewahrsein darin sind so stabil, weil wir etwa 365-mal im Jahr darin eintauchen bzw. aufwachen.) Wann also kann es zu einer stabilen transpersonalen Bewusstseinsstruktur kommen? Verfügt ein Mensch der mythischen Bewusstseinsstufe (in der grobstofflichen Wachwelt des Ichs) nicht auch über eine transpersonale Struktur, wenn er, wie etwa Mönche, jahrein jahraus meditiert, kontempliert und betet? Ja und Nein. Ja, weil er in den Zuständen seiner meditativen Praxis ein zur Ich-Struktur alternatives kognitives Netzwerk aufbaut, in das er mit zunehmender Praxis immer zuverlässiger eintaucht und das immer stabiler wird. Nein, weil es eben ein <em>alternatives</em> kognitives Netzwerk (oder eine Erfahrungswelt) ist und mit der kognitiven Entwicklung des Ichs nicht verschmilzt. Deswegen meditiert er ja: um in diese Erfahrungswelt eintauchen zu können. Seine subtilen Erfahrungen mit Christus, Buddha oder anderen werden in seiner Wachwelt des Ichs auf mythische Weise interpretiert werden: Er glaubt an Christus oder Buddha auf eine ganz personale Weise, d.h. diese Erfahrungen werden personalisiert, weil seine kognitive Entwicklung die Deutung des Erlebten als „personal“ vorschreibt. Zwar hat er regelmäßigen Zugang zu diesen subtilen Erfahrungen, aber es ist dennoch ein Switchen zwischen den Zuständen. Erst wenn diese Zustände miteinander verschmelzen – und damit auch den personalen Deutungsimperativ aufgeben – kann man ganz buchstäblich von einer tatsächlichen <em>trans</em>personalen Bewusstseinsstruktur sprechen. In der obigen Tabelle habe ich diesen Sachverhalt versucht anzudeuten, indem ab der psychischen Bewusstseinsstruktur die Ich-Entwicklung mit der Erfahrung des rein Subtil-Psychischen zu einer unauflöslichen Einheit verschmilzt, in der sowohl <em>Ich</em> als auch <em>Seele </em>gemeinsam in einer größeren Identität aufgehen. Das Ich bleibt erhalten, aber als Teil eines Ganzen. Ebenso die Seele (oder welchen Begriff man dafür auch verwenden möchte).</p>
<p>Die transpersonalen Bewusstseinsstrukturen entstehen also nicht durch ausschließliche Erfahrung (Gipfelerfahrungen oder regelmäßiges Switchen) mit den anderen Bewusstseinszuständen, sondern durch einen kognitiven Verschmelzungsakt der bisher als parallel erfahrenen Entwicklungen. Dass diese im Grunde schon immer <em>Eins</em> waren, gehört zu den Trophäen des Verstehens auf dieser Stufe.</p>
<p>Dass sich <em>Ich-Entwicklung</em> und <em>subtile Entwicklung</em> einbetten in einen noch umfassenderen Urgrund, ist eine Erkenntnis des kausalen Bewusstseinszustandes (den wir als Tiefschlafzustand kennen, solange sich unser Gewahrsein nicht dessen bemächtigt hat). Von einer transpersonalen kausalen Bewusstseinsstruktur können wir allerdings nur dann sprechen, wenn jemand in Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlafzustand gleichermaßen bewusst ist und bleibt, wenn also diese Zustände dauerhaft miteinander verschmelzen.</p>
<h4>Die Großen Arkana des Tarot als psychogenetische Felder im Wilber-V-Modell</h4>
<p>In „Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis“ habe ich zu zeigen versucht, dass sich im Tarot eine projektiv entstandene Landkarte der Entwicklung des Menschen verbirgt und dabei (neben Freud, Piaget, Gebser, Bischof, Jung, Aurobindo, Leary und anderen) unter anderem Wilbers entwicklungspsychologisches Modell (also Wilber IV) als Referenzmaterial herangezogen. Ich teile die heute oft vertretene Meinung nicht, dass die transpersonalen Bewusstseinsstrukturen aus diesem Modell in Wirklichkeit Bewusstseinszustände seien, die man fälschlich auf das Modell der Strukturentwicklung „draufgestapelt“ hätte. Dass Wilber in <em>Wilber V</em> die Entdeckung von strukturunabhängigen Zuständen sinnvoll verarbeitet, ist eine wertvolle Ergänzung zur integralen Entwicklungspsychologie. Diese Entdeckung bedeutet aber nicht, dass es die transpersonalen Strukturen des Bewusstseins nicht gäbe. Tatsächlich aber hat Wilber mit der Explikation der Bewusstseinszustände eine zuhöchst elegante Theorie über das Zustandekommen transpersonaler Strukturen vorgelegt.</p>
<p>Als Ergänzung zu meinem Modell der pgFelder möchte ich mit der nächsten Tabelle eine Fusion aus <em>Wilber V</em> und dem pgF-Modell vorschlagen:</p>
<div id="attachment_5036" class="wp-caption alignnone" style="width: 480px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/Wilber_V_und_pgf_Tab_2.png" rel="lightbox[5032]"><img class=" wp-image-5036 " title="Wilber_V_und_pgf_Tab_2" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/Wilber_V_und_pgf_Tab_2.png" alt="" width="470" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 2: Das Modell der pgFelder und Wilber V. Erläuterungen im Text.</p></div>
<p>In der Tabelle sind die Erläuterungen aus obigem Text über die transpersonalen Strukturen modellhaft zusammengefasst. Während der Ich-Entwicklung wirken die pgFelder XVII bis XXI (Stern, Mond, Sonne, Aeon und Universum) unbewusst aus den Bewusstseinszuständen heraus und beeinflussen so aus dem psychischen Hintergrund unser Sein und Werden. Diese transpersonalen Zustände (nicht Strukturen!) gerinnen mit zunehmender Erfahrung zu immer stabiler werdenden Erfahrungswelten, bis ein bedeutsamer Qualitätssprung in der kognitiven Entwicklung eintritt, der in der traditionellen spirituellen Literatur oft als „Erleuchtung“ umschrieben wird: Bisher als autonom empfundene Erfahrungswelten (z.B. Ich-Entwicklung und subtile Erfahrungswelt) verschmelzen zu umfassenderen Einheiten. Das Ergebnis dieses Verschmelzungsaktes ist das Entstehen einer transpersonalen Bewusstseins<em>struktur</em>. Beispiel: eine im subtilen Zustand gemachte Christus-Erfahrung wird nicht mehr mythisch gedeutet (z.B. durch Personalisierung), rational erklärt (z.B. als Halluzination) oder auf postformale Weise interpretiert (z.B. als mentale autopoietische Konstruktionsleistung), sondern als Einheit mit der eigenen Wesenheit erfahren. So konnte Meister Eckhardt sagen, das göttliche Licht sei in Dir selbst zu finden. Hier steht die direkte <em>Erfahrung</em> im Vordergrund, die keine Interpretation mehr nötig hat – Christus-Erfahrung und Ich sind eins. Das Ich verliert seine personale Umgrenzung, die durch die Erfahrungen und Entwicklungen von D1 bis D6 entstanden sind.</p>
<p>Wie schon in „Tarot und die …“ ausführlich beschrieben, sind die pgFelder durch ihre Symbolhaftigkeit in der Lage, alle Facetten eines Themenbereichs abzudecken. So umfasst ein transpersonales pgF (Stern bis Universum) symbolhaft sowohl das Wirken eines Bewusstseinszustandes auf uns, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, als auch die stabile transpersonale Bewusstseinsstruktur, die daraus entstehen kann. Beispiel: das pgF XX (Aeon) weist auf Wirkungen des kausalen Bewusstseinsbereichs – ob diese bewusst sind oder nicht, ob sie als Gipfelerfahrungen in das aktuelle Sein „hineinbrechen“ oder ob sich langsam ein stabiles Bewusstsein darüber etabliert, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab.</p>
<h4>Die Reise des Bewusstseins durch die geheimnisvollen Schichten des Menschseins</h4>
<p>Zum besseren Verständnis möchte ich ein Gleichnis oder Modell vorstellen, das sowohl die Wilberschen Theorien über Entwicklung und Zustände als auch die pgFelder in sich vereint:</p>
<p>Man stelle sich den Menschen, das Menschsein, ähnlich unserem Planeten vor. Es gibt einen festen Kern, doch den kennen wir nicht näher, da wir nicht so tief bohren können. Dann folgt eine weite Schicht aus flüssigem heißen Gestein, Lava. In diesen Schichten gibt es keine festen Strukturen, bestenfalls Gesetzmäßigkeiten von Strömungsrichtungen etc. Alles scheint dort miteinander verwoben, da alles ineinander fließt und keine festen, stabilen Inseln bilden kann. Diese Schicht entspricht dem magischen Denken des Menschen. Je weiter man nach oben kommt, desto mehr gerinnen diese flüssigen Gesteinsmassen zu festen Strukturen, zu einer Erdkruste, die auf der flüssigen Masse schwimmt und von deren Fließrichtungen abhängig ist. Ein Ich etabliert sich, eine stabile Vorstellungs-Struktur des eigenen Seins, aber damit einhergehend auch der Welt. Alles wird fest, erhält Wiedererkennbarkeit, erhält Struktur. Diese Kruste entspricht der personalen Ich-Entwicklung mit all ihren stabilen materiellen und rationalen Weltinterpretationen. Doch über dieser Kruste gibt es weitere Schichten, die Atmosphäre, die Stratosphäre. Ähnlich wie in den Lava-Schichten lösen sich hier Strukturen auf, alles scheint hier wieder ganzheitlich, miteinander verwoben. Diese Schichten entsprechen den transpersonalen Strukturen des Menschen. Aus diesen Schichten hat man einen wundervollen Blick auf die Oberfläche der Erdkruste, sieht aber die Lava-Schicht nur manchmal durch Vulkane hervorbrechen. Wichtig an diesem Gleichnis ist es, dass der Mensch all das ist, der ganze Planet, von Anbeginn, alle Schichten sind immer vorhanden, immer wirksam, immer sich gegenseitig beeinflussend. Was die Entwicklung des Menschen anbelangt, ist sie eine Reise des Bewusstseins, des Gewahrseins von innen, vom Erdkern aus, nach außen, über die Erdkruste, hin bis zur Atmosphäre, vielleicht darüber hinaus. Ein Mensch ist (in diesem Gleichnis) immer Erdkern, Lava, Kruste, Atmosphäre, Stratosphäre gleichzeitig. Durch die Bewusstseinsentwicklung entstehen nicht diese Schichten erst, sondern diese sind immer vorhanden. Vielmehr ist die Bewusstseinsentwicklung als eine Reise durch dieses Menschsein zu verstehen, eine Reise, die schrittweise zur Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis der vollständigen Natur des Menschen, zum Gewahrsein des eigenen Seins führt. Wenn wir also von Entwicklungsmodellen sprechen, meinen wir nicht, dass dadurch das Menschsein entsteht. Vielmehr sind Entwicklungsmodelle immer nur Beschreibungen des umfassender werdenden Bewusstseins über sich selbst.<sup class='footnote'><a href="#fn-5032-3" id='fnref-5032-3'>3</a></sup></p>
<p>Dieses Kugel-Modell (oder planetarische Modell) bietet eine Vielzahl an möglichen Nutzungen, vor allem in Visualisierungstechniken, Kontemplationen, trance-induzierten therapeutischen Verfahren, wie der Hypnotherapie und anderen. Es hilft dem Menschen zu verstehen, dass seine derzeitige Sicht der Dinge, auf sich selbst, auf die Welt, ein Produkt aus den Erfahrungen seiner bisherigen vom Mittelpunkt ausgehenden Bewusstseinsreise ist, und dass es noch so unendlich mehr zu erforschen gibt.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-5032-1'>Vgl. Ken Wilber: Integrale Spiritualität. Kösel, 2007. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-5032-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-5032-2'>Neben der kognitiven werden von Wilber noch weitere Entwicklungslinien, etwa eine moralische, psychosexuelle, ästhetische etc., beschrieben. Siehe auch die Theorie der multiplen Intelligenzen von Howard Gardner. Da ich den Begriff des Kognitiven angelehnt an seinen etymologischen Ursprung allgemein als „erkennend“ verstehe, ist für den Zweck dieses Aufsatzes der Hinweis auf die kognitive Entwicklung als pars pro toto für weitere Entwicklungslinien zu sehen. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-5032-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-5032-3'>Es gibt aus dem Fundus magischer und mythischer Überlieferungen Modelle ähnlicher Art, etwa, wenn die vorchristlichen Germanen von neun Welten sprechen. Hier zeigt sich das Wirken all der genannten Schichten, die allerdings gemäß der magisch-mythischen Weltsicht von den Germanen (und Neoheiden unserer Tage) als Welten außerhalb des Menschseins interpretiert werden. Wenn sich das Bewusstsein auf seiner Reise durch das Menschsein innerhalb der Lavaschicht befindet, muss das Wirken der äußeren Schichten als das Wirken fremder Welten interpretiert werden. Erst transpersonales Bewusstsein kann Interpretation durch Erfahrungs-Wissen ersetzen. Ein Schamane befindet sich vermutlich nicht auf einer stabilen transpersonalen Bewusstseinsstruktur, solange er Trancetechniken benutzt, denn diese zeigen ja an, dass er in diese „Welten“ erst „reisen“ muss, um dann auch wieder zurückzukommen (in die Wachwelt des Ichs). Wäre seine Bewusstseinsstruktur anhaltend transpersonal, müsste er keine Trancetechniken mehr ausführen, sondern wäre immer in einem Zustand der Verschmelzung von Ich-Sein und subtilem Zustand. So aber switcht er mit Hilfe seiner Techniken zwischen den Zuständen, die er als Welten interpretiert.<br />
Ich möchte damit nicht behaupten, es gäbe nur das Menschsein. Um bei dem Gleichnis zu bleiben, könnte man vom Wirken anderer Planeten, der Sonne, von Galaxien sprechen. Hier zeigt sich, dass das „Menschsein“ doch wieder nur ein Begriff ist, dessen Weite von der Definition abhängig ist. Denn wie weit führt die Bewusstseinsreise? Und wo wollen wir den Begriff des Menschseins mit einem anderen ersetzen? <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-5032-3">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<item>
		<title>Das Modell der psychogenetischen Felder</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/05/19/das-modell-der-psychogenetischen-felder/</link>
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		<pubDate>Fri, 18 May 2012 22:27:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein integrales Entwicklungsmodell auf der Basis menschlicher Erfahrungswelten Das Symbolsystem des Tarots genießt, im Gegensatz etwa zum altchinesischen Yijing, kaum die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Untersuchungen. Der Grund könnte darin liegen, dass er im 19. Jahrhundert von den okkulten Strömungen und seit den 1960er Jahren von der New-Age-Bewegung vereinnahmt wurde. Aus Furcht um seine Reputation findet kaum [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Ein integrales Entwicklungsmodell auf der Basis menschlicher Erfahrungswelten</h2>
<div id="attachment_4902" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/271739_web_R_B_by_sassi_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4898]"><img class=" wp-image-4902 " title="Tarotkarten" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/271739_web_R_B_by_sassi_pixelio.de_-300x195.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: sassi / pixelio.de</p></div>
<p>Das Symbolsystem des Tarots genießt, im Gegensatz etwa zum altchinesischen Yijing, kaum die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Untersuchungen. Der Grund könnte darin liegen, dass er im 19. Jahrhundert von den okkulten Strömungen und seit den 1960er Jahren von der New-Age-Bewegung vereinnahmt wurde. Aus Furcht um seine Reputation findet kaum ein Wissenschaftler den Mut, ihn zu seinem Untersuchungsgegenstand zu machen. Ein bedauernswertes Versäumnis, wie sich nun herausstellte.</p>
<p>Als Ergebnis einer umfangreichen Untersuchung, aus der das Buch „Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis“ hervorging, zeigte sich, dass es möglich ist, aus den Großen Arkana des Tarot ein umfassendes Entwicklungsmodell des Menschen abzuleiten; ein Entwicklungsmodell, das nicht kognitive Basisstrukturen, sondern für alle Menschen gültige psychogenetische Erfahrungsfelder als zentrale Entwicklungseinheiten beinhaltet. Folgende Tabelle zeigt zusammenfassend, wie sich das aus dem Tarot extrahierte Modell der psychogenetischen Felder zu anderen integralen Entwicklungsmodellen verhält:</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/Artikel-V-Tarot-Thiele-1.png" rel="lightbox[4898]"><img class="aligncenter  wp-image-4903" title="Artikel-V-Tarot-Thiele-1" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/Artikel-V-Tarot-Thiele-1.png" alt="" width="470" /></a></p>
<h4 style="text-align: left;" align="center">Zur Herkunft des Modells der psychogenetischen Felder (pgF)</h4>
<p style="text-align: left;" align="center">Die Ursprünge des Tarots liegen im Dunkeln, die ersten überlieferten Karten allerdings stammen aus der italienischen Renaissance. Diese Epoche gilt als Geburtsstunde des abendländischen Individualismus: „…Es erwacht eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staates und der sämtlichen Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller Macht das Subjektive; der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-1" id='fnref-4898-1'>1</a></sup> Es entstand ein Gespür für die Entwicklungspotentiale des Menschen und das Bedürfnis, diese bis zur Existenz eines „uomo universale“<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-2" id='fnref-4898-2'>2</a></sup> oder „uomo unico“ auszureizen. Der Tarot wird in dieser Zeit populär, manche Fürsten lassen sich von namhaften Künstlern wertvolle Kartensets anfertigen. Es bietet sich also an, eine Untersuchung des Tarots, vor allem der Großen Arkana, die die herausragende Besonderheit des Tarots bilden, mit dieser Überlegung zu beginnen. Kulturelle Artefakte spiegeln auf eine projektive Art wider, was an implizitem Interesse der Kultur eigen ist. So darf vermutet werden, dass die Großen Arkana dem Tarot allgemeine Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen darstellen. Diese Darstellung ist im Falle des Tarots bildhaft und metaphorisch – eine verallgemeinernde Entwicklungspsychologie gab es zu dieser Zeit noch nicht. Doch allgemein-menschliche Entwicklungsstufen dürften der Menschheit schon immer zumindest intuitiv bekannt gewesen sein. Jede Mutter weiß um das Bedürfnis des Kleinkindes nach emotionaler Zuwendung und auch um das etwas später einsetzende Bedürfnis, die Welt und sich selbst auf autonome Weise zu erfahren (etwa indem es nun selbst isst, sich selbst ankleidet, die Umgebung spielerisch erkundet usw.). Diese Entwicklungsthemen können automatisch durch die Eltern und später im Erwachsenenleben von der Gesellschaft beantwortet werden – oder, falls ein besonderes Interesse an der Tatsache der Entwicklung entsteht, auch zum Gegenstand kultureller Veräußerung werden. Die Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums schienen in der Renaissance noch auf eine eher mythische Weise behandelt worden zu sein. Sigmund Freud, 450 Jahre später, war der erste, der zumindest die kindlichen Entwicklungsstufen auf rationale Weise beschrieb. Spätere (rationale) Entwicklungsmodelle umfassten immer mehr Entwicklungslinien (etwa die kognitive, moralische oder psychosoziale Linie) und drangen in immer komplexere Bewusstseinsebenen vor. Die transpersonale Psychologie konnte das Entwicklungsmodell des Menschen um Bewusstseinsebenen ergänzen, die nach der Transzendenz des Persönlichen aktuell werden und die integrale Entwicklungspsychologie vermochte es, kindliche und egoische Entwicklung mit transpersonaler Entwicklung zu einem einheitlichen Modell zu verschmelzen. Dieses „integrale“ Vorgehen ist  intentional<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-3" id='fnref-4898-3'>3</a></sup>: es sammelt valide Entwicklungsmodelle und setzt sie in Beziehung zueinander. Das Bekanntwerden östlicher, vor allem yogischer und buddhistischer, transpersonaler Beschreibungen ermöglichte es, auch die transpersonalen Entwicklungsstufen in dem integralen Modell weiter auszudifferenzieren.</p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/tarot.jpg" rel="lightbox[4898]"><img class="alignright  wp-image-4911" style="margin-left: 10px;" title="Tarotkarten" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/tarot-300x218.jpg" alt="" width="200" height="145" /></a>Die Großen Arkana hingegen sind kein Produkt rationaler wissenschaftlicher Methodik, sondern vermutlich eine projektive Veräußerung eines intuitiven Entwicklungswissens mit den Darstellungsformen des mythischen Bewusstseins. Ein unbestreitbarer Vorteil mythischer (und auch magischer) Erklärungsmodelle liegt darin, dass sie unmittelbar auf das implizite Wissen des Menschen über einen Sachverhalt zurückgreifen und zwar ohne die filternden Theorien des Rationalen. Zwar bleiben diese Sachverhalte insofern unbewusst, als sie nicht in Bezug zum eigenen Sein gesetzt werden (z.B.: ‚Die Götter sind objektive externe Wesen, und wenn sie etwas Schlechtes tun, dann sind sie es, die das tun, und nicht ich.‘), aber genau deswegen bieten sie oft einen recht offenen und vom Selbstwertgefühl unzensierten Blick in die Struktur der menschlichen Seele. Wie das Pantheon der griechischen Götter einen sehr umfassenden Einblick in die vielen Facetten der altgriechischen <em>Persönlichkeit</em> boten, so können entsprechend die Großen Arkana einen ebensolchen Einblick in die <em>Entwicklungsmöglichkeiten</em> des Menschen bereitstellen.<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-4" id='fnref-4898-4'>4</a></sup></p>
<p>Die einzelnen pgFelder entsprechen in ihren Bezifferungen exakt den Karten der Großen Arkana des Tarot. Durch einen Vergleich mit den Modellen der integralen Psychologie und anderer (klassischer) Entwicklungstheorien (z.B. Freud, Kohlberg, Piaget, Erikson, moderne Säuglingsforschung, transpersonale Psychologie, komplexe Psychologie Jungscher Prägung u.a.) konnte gezeigt werden, dass die Karten sich mit den Entwicklungsmodellen fast vollständig decken. Das projektiv veräußerte Wissen der Tarotentwickler schien sich also auf die Entwicklungs– und Entfaltungsprozesse des Menschen zu beziehen. Die italienische Renaissance gilt allgemein als Geburtsstunde des abendländischen humanistischen Individualismus, was die Interpretation der Großen Arkana als Entwicklungsthemen des einzelnen Menschen erhärten mag.</p>
<p>Einzig der Bereich zwischen den hochkomplexen kognitiven Entwicklungsstrukturen und dem Erwachen des transpersonalen Bewussteins bietet zusätzliche Erfahrungsfelder oder Entwicklungsaufgaben. Ein Blick auf diese zeigt, dass das Ich, das nun zu grandioser Entfaltung gelangt ist, nicht einfach vom postformalen Denkvermögen in ein transpersonales Bewusstsein hinüberspringt, sondern dass es dazu bestimmter Erfahrungen und Einsichten bedarf, die einen transegoischen Weg überhaupt erst anstrebenswert werden lassen. Diese pgFelder beinhalten dementsprechend Themen der egoischen Dekonstruktionen und Korrekturen, ob nun freiwillig oder unfreiwillig. Erst nach dem Bewältigen dieser ist (zumindest dem Abendländer) ein bewusstes Etablieren der transpersonalen Strukturen möglich. Nach dem Einsturz der allgemeinen welt– und selbstreferentiellen kognitiven Architekturen (<em>XVI-der Turm</em>, früher: <em>Das Haus Gottes</em>) ist die nachfolgende Reihenfolge der Großen Arkana mit den transpersonalen Stufen der integralen Psychologie, des Vedanta und des integralen Yoga wieder identisch: Stern (psychisch) – Mond (Die dunkle Nacht) – Sonne (subtil) – Äon (kausal) – Universum (nondual).</p>
<p>Für das aus den Großen Arkana extrahierte Entwicklungsmodell habe ich den Begriff des <em>Modells</em> <em>der</em> <em>psychogenetische Felder</em> (pgFelder, pgF) vorgeschlagen. Der <em>Feld</em>–Begriff soll auf eine nicht-gegenständliche Kraft hindeuten, die das Werden der menschlichen Psyche (<em>Psycho</em>-<em>Genese</em>) in eine archetypische Ordnung zwingt.</p>
<p>Das pgF-Modell umfasst mit seinen psychogenetischen Feldern die artspezifischen Erfahrung</p>
<p> </p>
<p>swelten, in denen sich durch die Auseinandersetzung mit den entsprechenden Entwicklungsaufgaben bestimmte Bewusstseinsstrukturen ausbilden können. Ein psychogenetisches Feld umspannt alle Quadranten des AQAL-Ordnungssystems:</p>
<div id="attachment_4904" class="wp-caption aligncenter" style="width: 480px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/Artikel-V-Tarot-Thiele-2.png" rel="lightbox[4898]"><img class=" wp-image-4904" title="Das pgF III" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/Artikel-V-Tarot-Thiele-2.png" alt="" width="470" height="231" /></a><p class="wp-caption-text">Abb.: Das pgF III (Angenommenwerden, Mütterlichkeit, Zuwendung etc.; Tarotkarte III-Kaiserin) und die vier Quadranten.</p></div>
<p>Ein pgFeld, hier am Beispiel des pgF <em>III-Kaiserin</em> (Angenommenwerden, orale Phase, Genährt werden, Wachsen dürfen), umfasst alle vier Quadranten. Somit beschreibt es sowohl eine Entwicklungsstufe, eine in ihr entstehende Bewusstseinsstruktur und andere Fähigkeitsbereiche, deren beobachtbares Verhalten (obere Quadranten), als auch kollektive Materialisierungen dieser Themen, und Theorien, die diese kollektiven Phänomene aus der Außenperspektive beschreiben (untere Quadranten).</p>
<p>Es ist bemerkenswert, dass die Großen Arkana nicht nur die Themen der klassischen Entwicklungspsychologie beschreiben, sondern darüber hinaus auch die Stufen transpersonaler Entwicklung. Vielleicht sollte man die abendländischen kulturellen Hervorbringungen nun in einem anderen Licht sehen.</p>
<p>„Der Tarot transportiert Elemente der Geschichte des Abendlandes und rührt damit an unserer okzidentalen Kollektivseele, ruft wach, was uns als Abendländern im Blut liegt. Ihn dem spekulativen Markt der Esoterik zu überlassen, wäre ein bedauernswertes Versäumnis. Unsere tatsächliche Stärke liegt im Annehmen dessen, was wir sind – nicht im Leugnen dessen, was wir nicht mehr sein wollen.“<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-5" id='fnref-4898-5'>5</a></sup></p>
<p> </p>
<p>Eine gesunde integrierte Persönlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie die inneren Holons ihrer Entwicklung im aktuellen Holon zu einer Einheit zu verschmelzen vermag. Zu diesen inneren Holons gehört auch der kulturell-historische Boden, in dem wir wurzeln, und in diesem dürfen noch eine Menge unerkannter Schätze vermutet werden, deren Entdeckung uns bereichern wird.</p>
<p> </p>
<p> </p>
<blockquote>
<h4 style="text-align: left;" align="center"><strong>Die psychogenetischen Felder (pgF) im Einzelnen</strong></h4>
<p><strong>Präpersonal:</strong></p>
<p>pgF 0 – Das Erfahrungsfeld aller Determinanten aus unserem Ursprung: genetische und innate Veranlagungen von Bios und Noos, körperliche Konstitution, Familienmerkmale etc. Beginnt mit der Zeugung.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Narr‘, ein Narr.</p>
<p>pgF Ia – Das Erfahrungsfeld dessen, der aktiv ist, „macht“ (indogerm. magh-: Wortstamm für machen, Maschine, Mechanik, Magie, engl. to make), eigene Wirksamkeit erfährt, Manipulationen durchführen kann. Beginnt mit den ersten Aktivitäten: atmen, schreien, saugen, schlucken etc.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Magier‘, ein nackter, spielerisch anmutender Mann, der mit den Vier Symbolen für die alchemistischen Elemente jongliert.<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-6" id='fnref-4898-6'>6</a></sup></p>
<p>pgF II – Das Erfahrungsfeld der großen, geheimnisvollen, unbekannten Welt mit all ihren Wirkungen auf den Erfahrenden. Beginnt mit der ersten Wahrnehmung der unbekannten Welt, in die man geboren wurde. <em>Kartensymbol</em>: ‚Die Hohepriesterin‘, ursprünglich: ‚Die Päpstin‘, eine nur schemenhaft erkennbare, machtvoll wirkende Frau, die ein feines Netz über den Wahrnehmenden ausbreitet.</p>
<p><strong>Personal:</strong></p>
<p>pgF III – Die Erfahrungen der emotionalen Zuwendung, des Angenommenseins, der leistungsunabhängigen Zuwendung und Liebe, des Versorgt– und Genährtwerdens, des Wachsendürfens. Themen der Freudschen Oralität.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Die Kaiserin‘, als Metapher für die weltliche Wirkmacht der Weiblichkeit.</p>
<p>pgF IV – Die Erfahrungen der Kontrolle und der Ordnung über sich selbst und andere, bzw. des Beherrschtwerdens durch andere. Beginnt mit den ersten autonomen Handlungen und territorialen Erkundungen, wenn das Kind laufen kann und mit den erste Erfahrungen eigener Kontrolle und Beherrschung über sich (Sauberkeitserziehung). Themen der Freudschen analen und ödipalen Phase.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Kaiser‘, als Metapher für die weltliche Wirkmacht des Männlichen.</p>
<p>pgF V – Das Erfahrungsfeld der Welterklärungen. Beginnt mit den ersten Einweisungen des Kindes in die kollektive Welt-Konstruktion. Erste Kernzeit während der Beschulung. Eigenschaften des Kindes in dieser Zeit: konop, mythisches/rationales Bewusstsein, tricksterhafte Eigenschaften (Neugierde, Hemmungslosigkeit, Erkundungsdrang, Besserwisserei, Kreativität: Tom Sawyer/Pippi Langstrumpf). Themen der Freudschen Latenzphase.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Hohepriester‘, ursprünglich: ‚Der Papst‘, ein thronender maskierter Priester als Metapher für die geistige Macht.</p>
<p>pgF VI – Das Erfahrungsfeld der Peers (der Gleichen, Gleichaltrigen, Ebenbürtigen), des Sich Erlebens als Gleicher unter Gleichen, mit entsprechenden Erfahrungen von Ressourcen und Konflikten. Die geschlechtliche Liebe. Beginnt mit der Pubertät/Geschlechtsreife. Themen der Freudschen genitalen Phase.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Die Liebenden‘, ursprünglich: ‚Die Brüder‘, zwei sich gegenüberstehende Liebende oder Brüder, Metaphern für Liebe oder Ebenbürtigkeit/Gleichrangigkeit.</p>
<p>pgF VII – Das Erfahrungsfeld der Aufbrüche in eine unbekannte Zukunft. Beginnt mit dem ersten Aufbruch aus dem Elternhaus. Kennzeichen: funktionale Überbewertung des Egos, Idealvorstellungen von der Zukunft.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Wagen‘, ein Jüngling in einem grandiosen Wagen, der von vier unterschiedlichen, geheimnisvollen Fabeltieren gezogen wird.</p>
<p>pgF VIII – Das Erfahrungsfeld der notwendigen Anpassungen an die Strukturen der Gesellschaft und Mitwelt. Beginnt mit den ersten Erfahrungen als eigenverantwortlicher junger Erwachsener. Minimale kognitive Voraussetzungen: konkret-operationales Denken (Piaget), Regeln/Rollen-Identifikationen.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Die Ausgleichung‘, ursprünglich: ‚Die Gerechtigkeit‘, die Göttin Justitia mit verbundenen Augen, Schwert und Waage.</p>
<p>pgF IX – Das Erfahrungsfeld der eigenen Individualität jenseits von Regeln und Rollen. Beginnt oft mit romantischer Innenschau, über psychologisierende Nabelschau bis hin zum Finden der eigenen Identität. Themen der Identitätsfindung und der Selbsterkenntnis (E. Erikson). Kognitive Voraussetzung: formal-operationales Denken, fähig zur Abstraktion (Piaget).<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Eremit‘, ein einzelner Mann mit einer Laterne.</p>
<p>pgF X – Das Erfahrungsfeld systemischer Zusammenhänge. Dem Erkennen des Eigenanteils an Verursachung der Ereignisse wird die Erkenntnis des Wirkens größerer multikausaler Zusammenhänge hinzugefügt. Kognitive Voraussetzung: systemisches, polyvalentes, integrales Denken.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Das Rad des Glücks‘, auch ‚Das Rad des Schicksals‘, das sich drehende Rad des Schicksal, angetrieben durch mythische Wesen, oben thronend eine Sphinx, als Metapher für die Rätselhaftigkeit der Ereignisse.</p>
<p><strong>pgF des Übergangs vom Personalen zum Transpersonalen: egoische Dekonstruktionen und Korrekturen:</strong></p>
<p>pgF XI – Das Erfahren der Einheit von Bios und Noos in der eigenen Person. Psychosomatische Zusammenhänge werden erfahren, verstanden, gelebt und praktisch angewendet. Zentaurisches Bewusstsein (Maslow, Wilber).<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Die Lust‘, ursprünglich: ‚Die Kraft‘,  eine auf einem vielköpfigen Tier reitende nackte Frau, den Eindruck eines Zentauren vermittelnd.</p>
<p>pgF XII – Das Erfahrungsfeld der Dysfunktionalität des eigenen Selbst– und Weltentwurfs, des Egos. Erfahrungen des Scheiterns und Nicht-weiter-kommens als Voraussetzung für die Hinterfragung der eigenen Person. Oft die Motivation für die Suche nach einem transpersonalen Weg oder zum C.G. Jungschen Individuationsprozess.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Gehenkte‘, ein an einem Fuß aufgehängter Mann, festgenagelt an einem feinen Raster, demselben, das die Hohepriesterin (pgF II) auswarf.</p>
<p>pgF XIII – Das Erfahrungsfeld der Konfrontation mit der Vergänglichkeit, dem Tod. Möglich als Lösung für das Dilemma aus pgF XII: Das alte dysfunktionale Ego „sterben lassen“, ihm seine übermäßige Bedeutung nehmen. Auch möglich als Einsicht in die Bedeutungslosigkeit des Egos, da es als vergänglich, flüchtig und damit als letztlich substanzlos erkannt wurde.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Tod‘, der tanzende Tod, der die Spinnweben der Welt zerreißt, in denen Neues entsteht.</p>
<p>pgF XIV – Das Erfahrungsfeld des Bemühens um eine zum alten Ego alternative Existenz: als „Zeuge“ in der Meditation, der des Egos gewahr werden und dieses demnach nicht gleichzeitig sein kann; alchemistische Bemühungen um eine „Unsterblichkeit“ oder um das Finden der unsterblichen Essenz unseres Seins. Dementsprechend umfasst dieses pgF das ernste Anwenden von Transformationstechniken und das Bemühen um eine Synthese des Selbst.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Die Kunst‘<sup class='footnote'><a href="#fn-4898-7" id='fnref-4898-7'>7</a></sup>, eine Figur, halb Mann, halb Frau, vor einem alchemistischen Kessel, angedeutet die aufsteigende Kundalini-Energie.</p>
<p>pgF XV – Das Erfahrungsfeld des bisher Verdrängten, des Un-Erhörten, des Schatten-Archetypus (C.G. Jung). Sowohl das Konfrontiertwerden mit dessen Wirkungen als auch die kontrollierte Schattenarbeit zur Integration der Schattenaspekte in das Gesamtselbst.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Teufel‘, die Figur des Teufels als Personifizierung alles Unerwünschten und Tabuisierten.</p>
<p>pgF XVI – Das Erfahrungsfeld des Zusammenbrechens von Illusionen über sich selbst und die Welt. Die bisherige Annahme einer eigenen individuellen Person (Ich) entpuppt sich als psychische Konstruktionsleistung, die Welt als dessen psychische Projektion und damit als illusionär.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Turm‘, ein Turm als Metapher für kognitive Architekturen zerbirst durch den Blitzstrahl der Erkenntnis aus dem „dritten Auge“ (Ajna, das Chakra des Erkennens).</p>
<p><strong>Transpersonal:</strong></p>
<p>pgF XVII – Das Erfahrungen einer psychischen oder seelischen Essenz, die von der bisher wahrgenommenen Personalität unabhängig ist, diese umfasst und aus dem Hintergrund wirkt (Sri Aurobindo).<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Stern‘, als Quelle von Licht und Energie, allerdings in der unendlichen Ferne aus Dunkelheit.</p>
<p>pgF XVIII – Das Erfahrungsfeld der „Dunklen Nacht“ der Seele (Johannes vom Kreuz), der Schwierigkeiten auf dem Weg des Yoga (Aurobindo), der mystischen Vereinigung (Teresa von Avila).<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Der Mond‘ als passiv Licht aussendender Himmelskörper, der die Welt in fahles Licht taucht. Möglichkeiten der Verirrung.</p>
<p>pgF XIX – Das Erfahrungsfeld der ‚subtilen‘ Bewusstseinsstruktur, in der die Materialität der Phänomene zugunsten des feinstofflichen, energetischen oder archetypischen Gewahrseins aufgegeben wurde.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Die Sonne‘ als naher und alles erhellender und aus sich selbst leuchtender Stern.</p>
<p>pgF XX – Das Erfahrungsfeld der ‚kausalen‘ Bewusstseinsstruktur (Vedanta, Wilber) oder des ‚Supramentals‘ (Aurobindo). Nicht mehr Vereinigung von Göttlichem und Seele, sondern deren Einheit wird bewusst. Das Sich Öffnen für das Supramental, das immer und stets, auch im Vitalen, Physischen und Mentalen, unerkannt wirkt.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Das Äon‘ als Weltzeitalter; das ‚Jüngste Gericht‘ als letztgültige kausale Wirkmacht.</p>
<p>pgF XXI – Das Erfahrungsfeld des nondualen Bewusstseins, der letzten Vollendungen (oder der entsprechenden Wirkungen unvollständiger Vollendungen: vgl. Bardo Thödol). Es gibt kein Innen, aus dem man schaut, und kein Außen, dass man wahrnehmen könnte, der ganze Kosmos ist der Zeuge. Alle Dinge im Universum sind Leere, ungeboren, schon immer und damit von Beginn an selbstbefreit.<br />
<em>Kartensymbol</em>: ‚Das Universum‘ mit einer darin schwebenden nackten Frau.</p></blockquote>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4898-1'>Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. In: Das Geschichtswerk, Bd. I, Frankfurt/M.: 2001-Verlag, S. 441. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-4898-2'>Universaler Mensch <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-4898-3'>Im Gegensatz zu einer unbewusst-projektiven Veräußerung innerpsychischer Sachverhalte in Form mythischer Bilder, wie es vermutlich beim Tarot der Fall ist. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-4898-4'>Die Persönlichkeitspsychologie z.B. beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Eigenschaften des Menschen, während die Entwicklungspsychologie dessen Veränderungen über die Lebensspanne beschreibt. Man könnte etwas salopp sagen, die Persönlichkeitspsychologie habe das <em>Sein</em> und die Entwicklungspsychologie das <em>Werden</em> des Menschen zum Gegenstand. So galt das Interesse der Griechen eher dem Sein und das der italienischen Renaissance dem Werden. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-4898-5'>Matthias Thiele: Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis. Phänomen-Verlag, 2012. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-4898-6'>Die vier Elemente der abendländischen Alchemie lassen Parallelen zu den indischen Konzepten von <em>Koshas</em> und <em>Skandhas</em> zu. Vgl. hierzu: Matthias Thiele: Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis. Hamburg: Phänomen, 2012.  <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-4898-7'>Als Übersetzung des lat. <em>Ars</em>, die Kunst. So nannten die Alchemisten ihr Tun. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4898-7">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Wider die spirituelle Denkfaulheit</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 09:06:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
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		<description><![CDATA[Eine Tagung des Integralen Forums Der Tantralehrer Saleem Matthias Riek ist überzeugt, dass Denkfaulheit keine gute oder gar ausreichende Voraussetzung ist, um die so vielfach begehrte Herzöffnung zu erreichen, und nahm an einer Tagung der Ken-Wilber-Fans teil. Hier sein subjektiver Bericht. Unter dem Motto »Integral Handeln« fand vom 17. bis 19. Juni 2011 in Nürnberg die Jahrestagung [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Tagung des Integralen Forums</h2>
<p><em>Der Tantralehrer Saleem Matthias Riek ist überzeugt, dass Denkfaulheit keine gute oder gar ausreichende Voraussetzung ist, um die so vielfach begehrte Herzöffnung zu erreichen, und nahm an einer Tagung der Ken-Wilber-Fans teil. Hier sein subjektiver Bericht.</em></p>
<div id="attachment_4072" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_15857769.jpg" rel="lightbox[4069]"><img class=" wp-image-4072 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_15857769-300x200.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">© Raja Reddy Chadive | Dreamstime.com</p></div>
<p>Unter dem Motto »Integral Handeln« fand vom 17. bis 19. Juni 2011 in Nürnberg die Jahrestagung des <a href="http://if.integralesforum.org/" target="_blank" rel="external nofollow">Integralen Forums</a> statt. Um den Begriff des »Integralen« versammeln sich vor allem die Anhänger des Philosophen <a href="#wikipopFrame" class="wikipopLink" onclick="setFrameSrc('Ken Wilber', 'de');">Ken Wilber</a> und seiner in vielen Veröffentlichungen dargelegten Integralen Theorie. Diese bringt in einer umfassenden Sicht des Menschen und der Welt verschiedenste Perspektiven in einen gemeinsamen Kontext wie z.B. zeitlose spirituelle Einsichten, wissenschaftliche Forschung und individuelle Lebenspraxis, jeweils aus verschiedensten Kulturen und Epochen. Wahrlich ein Mammutprojekt.</p>
<h4>Den Kopf abschalten?</h4>
<p>In der spirituellen Szene und vor allem im Tantra ist der Wunsch weit verbreitet, den Kopf abschalten zu wollen. Entsprechend unterentwickelt ist das theoretische Verständnis dessen, was hier eigentlich geschieht. Ich halte dies nicht immer für hilfreich, denn selbst wenn es gelingen sollte, sich beispielsweise in einem Workshop zeitweilig von der allgegenwärtigen Dominanz des Kopfes zu befreien und mehr auf Herz und Sinne zu lauschen, so bestehen die Muster des Verstandes leider von den neuen Erfahrungen weitgehend unbehelligt weiter fort und übernehmen im Alltag schnell wieder das Zepter. Die Integrale Theorie scheint das passende Mittel gegen spirituelle Denkfaulheit zu sein. An der manchmal mühevollen Auseinandersetzung mit dem Verstand führt leider kein Weg vorbei, wenn wir uns nachhaltig weiter entwickeln wollen. Und wer bereits entwickelte Theorien im Bereich undogmatischer Spiritualität sucht, kommt um das Studium von Ken Wilbers Werken kaum herum, auch wenn seine Schriften gelinde gesagt anspruchsvoll formuliert sind.</p>
<h4>»World Café« und »Open Space«</h4>
<p>Vor der Kopflastigkeit der Anhänger Ken Wilbers war ich verschiedentlich gewarnt worden. Das konnte mich jedoch nicht vom Besuch der Tagung abhalten. Nach dieser Art Ausgleich stand mir ja der Sinn. Das Programm bestand denn auch hauptsächlich aus Vorträgen im Plenum, die sich mit kleineren Special-Interest-Workshops abwechselten, die jeweils parallel angeboten wurden. Außerdem standen Morgenmeditationen und offenere Strukturen wie »World Café« oder »Open Space« auf der Tagesordnung, die Raum für Spontanes bieten und Kongressteilnehmer dazu anregen sollten, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen. Und auch die Samstag-Abend-Party fehlte nicht. Als absolutes Highlight wurde ein Life-Telefon-Interview mit Ken Wilber angekündigt, eine seltene Gelegenheit, ihn zumindest mal direkt zu hören, denn er tritt kaum in der Öffentlichkeit auf.</p>
<h4>Buntes Bewusstsein, von blau bis gelb</h4>
<p>Am Freitag Mittag fand ich mich also in den Räumen der katholischen Akademie in der Altstadt Nürnbergs ein. Schon bald wurde die Tagung von dem Veranstalterteam auf lockere (»Wie sprechen uns hier mit einem Arbeits-Du an!«) und sympathische Art und Weise eröffnet und der Tagungsablauf erläutert. Als Intro dienten unter anderem kleine Theatersketche, in denen unterschiedliche Bewusstseinsstufen karikiert wurden. Diese stehen im Mittelpunkt der Integralen Theorie und werden jeweils mit Farben gekennzeichnet. Blau (autoritär), orange (effektiv) und grün (gemeinschaftlich) bekamen jeweils ihr Fett ab. Die nächsthöhere Stufe wäre gelb. Gelb kennzeichnet den Sprung ins Integrale Bewusstsein, welches nicht mehr die tieferen Bewusstseinsebenen bekämpft, sondern aus einer höheren Warte heraus ihnen ihren jeweils eigenen Wert zuerkennt. Gelb bekam leider keinen eigenen Sketch. Zum Ausgleich gerieten allerdings Teile der Tagung zur wohl eher unfreiwilligen Karikatur integralen Bewusstseins. So wurde allseits mit den Farben der Integralen Lehre so virtuos jongliert, dass es jedem Magier zur Ehre gereichen würde.</p>
<blockquote><p>»Wer bereits entwickelte Theorien im Bereich undogmatischer Spiritualität sucht, kommt um das Studium von Ken Wilbers Werken kaum herum«</p></blockquote>
<h4>Haben wir an alles gedacht?</h4>
<p>Die Tagung war nahezu perfekt und sehr ideenreich organisiert. In mir erweckte dies den Eindruck, hier werde wirklich an alles gedacht und alles nur Erdenkliche berücksichtigt. Möglicherweise liegt allerdings genau hierin ein Problem der integralen Bewegung. Über allem schwebt die Frage: Haben wir auch an alles gedacht? Eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Bewegung von einem virtuosen Denker begründet wurde. Ohne dass dies explizit ausgesprochen wurde, schien man davon überzeugt zu sein, dass ein integral entwickeltes Bewusstsein in der Lage sei, uns nicht nur mental, sondern auch praktisch die Richtung unserer spirituellen Entwicklung vorzugeben. Integrale Einsichten müssten nur entsprechend konsequent umgesetzt werden, um die Evolution voranzubringen und damit letztlich uns selbst und die kriselnde Welt zu retten. Kaum etwas könnte meiner Meinung nach leichter in die Irre führen. Für eine echte Evolution des Bewusstseins brauchen wir immer wieder die Bereitschaft, uns auf offene Risiken einzulassen, deren Ergebnis unvorhersehbar ist, sonst gerät sogar die integrale Theorie zum Dogma.</p>
<h4>Räume für Unerwartetes</h4>
<p>Eine gute Theorie ist wie ein Sprungbrett. Je höher entwickelt sie ist desto größer wird die Fallhöhe, ein Sprung vom Beckenrand ist nicht das Gleiche wie der Sprung vom Zehner. In keinem Fall ersetzt das Sprungbrett jedoch den Sprung, dessen Folgen immer ungewiss sein werden. Die Theorie ist nur die Vorbereitung, doch der Sprung muss folgen, sonst bleibt unsere Erfahrung blutleer. Allerdings ist der Sprung in die Ungewissheit bei einem Idioten nicht der Gleiche wie der eines Weisen. Aber beide sind herausgefordert, sich über die eigenen Begrenzungen hinaus zu wagen, wenn sie sich entwickeln wollen. Tragischerweise fällt das dem Idioten oft leichter als demjenigen, der sich bereits vielerlei Gefahren auszumalen vermag. Umso wichtiger erscheint mir, wenn wir die integrale Idee einer Evolution des Bewusstseins ernst nehmen, Räume zu schaffen, in denen Unerwartetes geschehen kann und dann vor allem genügend Wertschätzung bekommt. Es gab solche Räume im Verlauf der Tagung — es war ja an alles gedacht — aber sie bekamen nach meinem Geschmack nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, und in direkter Konkurrenz zu prominenten Vortragsrednern, die ihre Zeit überzogen, wurden sie leichtfertig aus dem Programm genommen. Dennoch, die Tagung gab mir vielfältige Inspirationen und Möglichkeiten zu persönlichem Austausch auf hohem Niveau. Mein persönliches Risiko konnte ich auch eingehen, in dem ich im »Open Space« einen Austausch zum Thema »Hat Liebe etwas in der Politik zu suchen?« anregte und dabei nur eine weitere Interessentin fand. Ich fiel sanft, denn später verrieten mir noch andere, dass sie das Thema durchaus spannend fänden.</p>
<h4>Die »Prinzipien von Vergnügen«</h4>
<p>Die brillantesten Vorträge waren wohl die von Rabbi Marc Gafni über die Prinzipien von Vergnügen (»Pleasure«). Selten habe ich etwas so überraschend Einleuchtendes gehört. Der Rabbi arbeitet an nicht weniger als an einer »Landkarte zur Erleuchtung der Fülle«, ein Pendent zu den reichlich vorhandenen Landkarten der Leere, wie sie vor allem im Buddhismus entwickelt wurden und dort Millionen von Schülern Orientierung bieten. Ich meine allerdings, dass die im Lauf dieser Tagung bevorzugte Form der Vermittlung — der Vortrag — nicht genügend Raum für kollektive Überraschung und damit echte Bewusstseinserweiterung schaffen kann. Wenn die integrale Bewegung wirklich historisch wirksam werden will — daran ließen die Protagonisten keinen Zweifel — dann braucht es weit mehr als die Umsetzung einer brillanten Theorie in die Praxis. Integrale Praxis braucht Räume, in denen der Verstand und damit auch alle Theorie zurücktritt, um sich immer wieder eines Besseren belehren zu lassen.</p>
<h4>Die Landkarten und das Land</h4>
<p>Also doch lieber mal den Kopf abschalten? Nein, ganz und gar nicht. Es braucht unsere Bereitschaft, nicht kopflos, sondern bei vollem Bewusstsein zu erleben und zu erfahren, dass unsere Erwartungen und Theorien nur die Landkarten, aber nicht das Land selbst sind. Wie kann es gelingen, die genialen Fähigkeiten unseres Verstandes und das vollständige Loslassen seines allgegenwärtigen Herrschaftsanspruchs zu integrieren? Ich wünsche innerhalb und außerhalb der Integralen Bewegung den Mut, auf Tagungen nicht nur bereits Gewusstes zu reproduzieren, sondern die Zusammenkünfte mehr für das zu öffnen, was wir noch nicht wissen — und letztlich auch für das Nichtwissen selbst. Das kann gründlich misslingen. Aber wäre nicht auch das ein Erfolg?</p>
<p>Dieser Bericht erschien erstmals im Magazin connection spirit, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/wider-die-spirituelle-denkfaulheit.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 12/11–01/12</a></p>
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		<title>Die Evolution der Magie</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 00:16:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Vermischung von Natur und Kultur Wir alle haben schon von den drei universellen Kategorien der Natur, Kultur und des Selbst gehört. Doch was heute relativ leicht zuzurechnen ist – z.B. unser Körper als Teil der Natur, unsere Beziehungen und auch unser tradiertes Wissen als Teil der Kultur und unser Bewusstsein und Intuition als Teil [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h4>Die Vermischung von Natur und Kultur</h4>
<div id="attachment_3788" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad8a63ac11f3_s.jpg" rel="lightbox[3768]"><img class="size-medium wp-image-3788 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad8a63ac11f3_s-300x153.jpg" alt="" width="300" height="153" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / märchenwald II © Christoph Ruhland</p></div>
<p>Wir alle haben schon von den drei universellen Kategorien der <em>Natur</em>, <em>Kultur</em> und des <em>Selbst</em> gehört. Doch was heute relativ leicht zuzurechnen ist – z.B. unser Körper als Teil der Natur, unsere Beziehungen und auch unser tradiertes Wissen als Teil der Kultur und unser Bewusstsein und Intuition als Teil unseres Selbst – war nicht immer so sauber voneinander getrennt. Das liegt vor allem deshalb, weil es sich bei diesen Bereichen – aus der Sicht des Individuums – zunächst erst mal um drei <em>Kategorien</em> handelt. Wie uns Piaget gezeigt hat, müssen Kinder solche Kategorien (im Allgemeinen) erst einmal entwickeln, um sich später in der Welt zurechtzufinden; und wie wir aus der Medizin wissen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-1" id='fnref-3768-1'>1</a></sup> können wir durch Gehirnschäden sogenannte <em>Agnosien</em> erfahren, die diese kognitiven Kategorien auch wieder auflösen, mit dem Resultat, dass Menschen z.B. keine <em>Bewegung</em> mehr beobachten können, oder keine Formen (und die damit einen Stuhl, der vor einer Tür steht, nicht mehr unterscheiden können), oder Gesichter, je nachdem, welche Hirnregion eine Schaden erlitten hat.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-2" id='fnref-3768-2'>2</a></sup></p>
<p>Wie Habermas, Lévi-Strauss und andere mehrfach gezeigt haben, waren in der archaischen Vormoderne des Mensch-Seins zwei dieser drei existenziellen Erfahrungsbereiche des Menschen, nämlich <strong>Natur und Kultur,</strong> miteinander vermischt. Es herrschte noch keine klare Trennung vor, oder genauer gesagt: Der archaische Mensch hatte diese Kategorien noch nicht klar voneinander differenziert. „<em>Der Mythos</em>“, so Habermas, „<em>erlaubt keine klare grundbegriffliche Differenzierung zwischen Dingen und Personen, zwischen Gegenständen, die manipuliert werden können, und Agenten, sprach– und handlungsfähigen Subjekten, denen wir Handlungen und sprachliche Äußerungen zurechnen. So ist es nur konsequent, wenn die magischen Praktiken die Unterscheidung zwischen teleologischen und kommunikativen handeln […] nicht kennen</em>“ <sup class='footnote'><a href="#fn-3768-3" id='fnref-3768-3'>3</a></sup> Natur und Kultur wurden so auf eine Ebene projiziert und wird erst mit der Moderne und dem rationalistischen Weltbild vollständig getrennt.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-4" id='fnref-3768-4'>4</a></sup></p>
<p>Diese Vermischung (oder mangelnde Differenzierung) führte so zu prä-rationalen <em>magischen Praktiken</em>, durch Veränderung der Sprachgewohnheit oder des Mythos Einfluss auf die Natur-Spähre des Menschen zu nehmen: Die piktografische und künstlerische Darstellung der erfolgreichen Jagd führt zum tatsächlichen Jagderfolg; die besonders elaborierte Lüge führt zur Heilung der Krankheit,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-5" id='fnref-3768-5'>5</a></sup> die besondere Deutung des Omens zu Heil und Unheil für das Individuum und seine Familie, Freunde und Feinde und der speziell gefertigte Talisman zur Beeinflussung des Wetters. Man sollte dabei nicht den Fehler machen, anzunehmen, dass solche Techniken, nur weil sie ‚prä-rational‘ sind, nicht ‚funktionieren‘. Das hieße, unser rationalistisches Weltbild, indem so etwas <em>per definitionem</em> nicht möglich ist, mit den archaischen Weltbildern zu verwechseln, die ihnen zugrunde zu liegen. Tatsächlich haben Anthopologen und Forscher wie Lévi-Strauss, Mircea Eliade<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-6" id='fnref-3768-6'>6</a></sup> aber auch Systemtheoretiker wie Allan Combs<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-7" id='fnref-3768-7'>7</a></sup> immer wieder darauf hingewiesen, dass solche magischen Praktiken, zu denen auch z.B. Telepathie, zählt, bei archaischen Gesellschaften eher die Regel als die Ausnahme waren. Sie sind möglich, nicht nur weil ihnen ein anderes Weltbild zugrunde liegt, sondern weil wir, wie ich unten zeigen werden, über den Kosmos letztendlich nichts anderes wissen als Weltbilder, die sich kontinuierlich verändern. Das heißt, wenn man Voodoo praktizieren will, reicht es nicht, die besonderen Techniken zu lernen; man muss vielmehr auf eine frühere Entwicklungsstufe und Weltbild zurückfallen und sich in einer Gemeinschaft von Menschen bewegen, die dieses prä-rationale Weltbild teilen (dies ist auch der Grund dafür, warum solche magischen Praktiken auch niemals in einem wissenschaftlich-rationalen Setting ‚funktionieren‘, also mit Menschen [z.B. „Wissenschaftlern“] die das rationale Weltbild haben). Ich werde weiter unten darauf zurückkommen.</p>
<h4>Die Vermischung von Kultur und Selbst</h4>
<p>Interessanterweise finden wir mit dem Aufkommen der Postmoderne eine ähnliche Vermengung zweier Existenzbereiche, nämlich von<strong> Kultur und Selbst</strong>. Sie entsteht zunächst mit der beginnenden Differenzierung der Kategorie des Selbst durch das Aufkommen der methodischen Psychologie und Spiritualität am Ende des 19ten Jahrhunderts, dem Beginn der Postmoderne. Mit jeder weiteren Unterscheidung nimmt die kategoriale Trennung von Kultur und Selbst zu, zunächst aber sind sie ähnlich vermengt wie die Kategorien Natur und Selbst beim archaischen Menschen.</p>
<p>Am einfachsten erkennt man die Vermischung (oder fehlende Differenzierung) daran, dass Menschen heute den oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen, den sie ‚Persönlichkeit‘ oder ‚Charakter‘ nennen – und zu denen auch ihre Gedanken, Gefühle, Stimmungen, ihr Selbstbild und Rollenverhaltensweisen, ganz besonders aber ihre Intentionen und ihr Wille zählen – zwar dem Bereich ihrer Psyche oder ihres ‚Selbst‘ zurechnen, dabei aber verkennen, dass dieses Selbstbild und dazugehörenden Verhaltensweisen und Gefühle und Meinungen ausschließlich <em>sozial konditioniert</em> ist. Mit anderen Worten: Sie rechnen ihre Persönlichkeit und Wertvorstellung dem (Bereich des) <strong>Selbst</strong> zu, obwohl er eigentlich dem Bereich der <strong>Kultur</strong> entspringt. Besonders deutlicher sieht man das an postmodern-pluralistischen Rollenkonzeptionen wie etwa dem <em>Hipster</em>, der Individualität ausdrücken soll, dabei aber in Wirklichkeit ein vollkommen sozial konditionierter Bereich von stereotypen Verhaltensweisen, Meinungen, Habitus und Kleidungscode darstellt, den alle kopieren (und damit der Idee der Individualität paradoxerweise zuwiderlaufen) und der massiv von der Mode-, Entertainment– und Werbeindustrie beworben wird.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-8" id='fnref-3768-8'>8</a></sup> Interessanterweise ist es nun stets auch eines der Ziele der Spiritualität und aufgeklärten Psychologie/Philosophie, das Individuum von diesem oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen, Werten, Stimmungen, Gedanken, Gefühlen und Meinungen zu befreien und zum wahren, authentischen Selbst (<em>unique self</em>) zu führen, welches tatsächlich dem Bereich des ‚Selbst‘ zugehört. Insofern ist es nicht weit hergeholt, die Spiritualität als ein Vehikel zu einer post-postmodernen Bewusstseinsstruktur zu verstehen, in der die Trennung von Kultur und Selbst vollständig ist.</p>
<p>Diese Vermischung von Kultur und Selbst kann als eines der grundlegendsten Probleme der Postmoderne betrachtet werden, da sie auch zu so merkwürdigen Phänomenen wie die schon so oft beschrieben <em>performativen Widersprüchen</em> führt, bei dem der (individuelle oder selbstbezogene) Sprechakt mit der (sozialen oder kulturellen) Aussage vermengt wird, wie z.B. „Alles ist relativ“ ( … wenn alles relativ ist, denn auch dieser Satz; das heißt es gibt Dinge die nicht relativ sind, im Gegensatz zur Aussage des Satzes). Das es sich dabei um mehr als Satzspiele handelt, hat Habermas deutlich gezeigt, und uns wird es auch ganz klar, wenn wir uns den Habitus (und mithin Ethik) mancher Postmoderner vor Augen halten, wenn sie implizit meinen: „Ich verabscheue jene, die nicht lieben“.</p>
<p>Eine weitere Verzerrung, die sich aufgrund der Vermischung (und nicht vollständigen Trennung) der beiden Bereiche Kultur und Selbst ergibt, wird in dem Allgemeinverständnis des Begriffs der ‚Intersubjektivität‘ deutlich, die gleichzeitig Teil der Kognition und des Sozialen sein soll (wie der Begriff auch schon andeutet). Kaum wird dabei berücksichtigt, dass jede ‚intersubjektive‘ Erfahrung, die wir haben (und damit jede menschliche Beziehung, die wir führen) vom Standpunkt des Bewusstseins tatsächlich nur eine kognitive Projektion sein kann, und zwar auf ähnliche Weise, wie uns unsere Erfahrung der <em>Qualia</em>,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-9" id='fnref-3768-9'>9</a></sup> also jener rudimentären Bewusstseinseinheiten verleitet, zu Projektionen auf die materielle Welt verleitet. Tatsächlich ist der Begriff der Intersubjektivität einer jener ‚Black Box‘-Begriffe, die auf etwas zeigen, was wir tatsächlich nicht wirklich erfahren können – obwohl es schwerlich zu leugnen ist, dass es Formen von Intersubjektivität gibt –, denn sobald wir behaupten, ein intersubjektives Phänomen zu beobachten, tun wir dies im Rahmen unserer eigenen Informationsverarbeitung und Kognition, bewegen uns also im psychischen (und nicht im sozialen) Raum.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-10" id='fnref-3768-10'>10</a></sup> Das heißt also nicht, dass es den sozialen Raum oder Formen der Intersubjektivität nicht gibt. Es heißt nur, dass wir schnell in eine Grube fallen, wenn wir von einem allgemeinen oder <em>gefühlten</em> Verständnis der Intersubjektivität ausgehen, wie es heutzutage häufig geschieht.</p>
<p>Dasselbe gilt auch für Modebegriffe wie ‚geteilte Erfahrung‘ [shared experience], die es eigentlich nicht geben kann, da Erfahrung ein psychologischer Begriff ist und sich die Erfahrung zweier Personen aufgrund ihrer Perspektive, ihrer Gefühle, Stimmungen, Gedanken Entwicklungsstufe, Kontext immer unterscheiden. Je genauer man hinschaut und die angeblich geteilte Erfahrung zweier Personen untersucht, umso mehr Unterschiede sieht man. Man kann indessen den Begriff der geteilten Erfahrung für <em>grobe</em> Kriterien verwenden wie etwa: Menschen teilen die Erfahrung der Existenz, des Sterbens, von Problemen und das lösen von Problem im Alltag, von Krankheiten etc., doch sobald man vom Abstrakten ins Konkrete versucht zu gehen, muss man erkennen, dass sich die jeweiligen Erfahrungen, wie jemand diese Dinge erfährt, vollkommen unterscheiden. Wie wir sehen werden, werden diese Dilemmas und Problem erst mit der vollständigen Differenzierung von Selbst und Kultur aufgehoben, und eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die Magie.</p>
<h4>Magie</h4>
<p>Diese Vermischung und Differenzierung der drei Kategorien und Erfahrungsbereiche Natur, Kultur und Selbst bringt nun, ganz allgemein gesagt, spezielle (Geistes-) Technologien hervor; Technologien, die man auch ganz einfach ‚Magie‘ nennen könnte, wenn man auf das viel bemühte Zitat von Arthur C. Clarke zurückgreift: „<em>Jede hinreichend fortgeschrittene</em> Technologie ist von <em>Magie</em> nicht zu unterscheiden.“ Das heißt anders herum formuliert: Magisch ist jede hinreichend fortgeschrittene Technologie. Diese Definition reicht vollkommen, um auch die Evolution der Magie aufzuzeigen.</p>
<p>Es wird insofern vielleicht überraschen zu erfahren, das Zauberkräfte, magische Praktiken oder <em>Siddhis</em>, nicht zwangsläufig <em>immer</em> irr– oder prärational sind. Tatsächlich treten magische Praktiken oder Geistestechnologien <em>mit jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins auf</em>, und damit immer dann, wenn eine Entwicklungsstufen möglichen und Technologien ermöglicht, die für die darunter liegende Stufe unmöglich sind. Um die Natur dieser Praktiken zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf die Weltbilder selbst richten, und damit natürlich auf die Entwicklungsstufen des Bewusstseins.</p>
<h4>Archaisches Weltbild und Magie</h4>
<p>Ich hatte oben schon einiges über das magisch-mythische oder auch archaische Weltbild gesagt. Wie uns die Anthropologen gezeigt haben, existiert in den archaischen Gesellschaften kein kohärenter <em>physikalischer,</em> sondern <em>mythologischer</em> Gesamtzusammenhang der Weltdeutung, d.h. ein Netz von unterschiedlichen Geschichten und Beschreibungen, die sich von geografischem Standort zu Standort unterscheiden.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-11" id='fnref-3768-11'>11</a></sup> Wie Habermas hervorhebt: Nicht das <em>Denken</em> oder die <em>Logik</em> unterscheidet den archaischen vom modernen Menschen, sondern die Inhalte oder Begründungen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-12" id='fnref-3768-12'>12</a></sup> und diese mythologischen Inhalte werden erst mit der Moderne durch die Physikalischen ersetzt. Mit einfachen Worten: Der archaische Mensch ist nicht ‚dumm‘ oder denkt anders als wir. Er begründet sein logisches Schließen genauso wie wir. Er geht nur von einem anderen Weltbild und damit Kontext aus.</p>
<p>Dementsprechend finden wir hier archaische Formen von magisch rituellen Praktiken, die sich lokal, wie auch die Mythen, unterschieden. Eine große Rolle spielt hier, ich sagte es schon, die Vermischung der Bereiche Natur und Kultur, was zu Phänomenen der <em>Synchronizität</em> führt. Nur aufgrund dieser Synchronizität oder Zufälligkeit kann der rituelle Akt oder die bildliche Darstellung der wirklichen Handlung vorausgehen: Wie etwa der bildlichen Darstellung der Jagd und der tatsächlichen Tötung des Wildes. Prärationale Magie heißt, sich in diesen Netzen der Synchronizität und Koinzidenz zu bewegen; das heißt also, dass nicht der sprachliche Akt einen ‚magischen‘ Einfluss auf das tatsächliche Ergebnis aufweist, sondern dass der sprachliche Akt nur dann getan wird, wenn das Ereignis auch eintreten kann. Man muss hier sehr aufpassen, nicht in eine modern-rationalen Kategorie und dem Schema <em>Ursache/Wirkung</em> abzugleiten. Man könnte also sagen: Der Schamane hat ein Gespür für diese synchronistischen Tänze, und je klarer seine Intuition, umso größer seine Macht.</p>
<p>Telepathie ‚funktioniert‘ ebenfalls durch diese synchronistische Zusammenhänge. Wie der Nobelpreisträger Thomas Schelling zeigen konnte, nutzen Menschen, wenn sie keine Möglichkeit der direkten Kommunikation haben, eine Technik, die in der „Erwartung einer Person, was der andere von ihm erwartet, dass er es erwartet, was erwartet wird, zu tun“ besteht.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-13" id='fnref-3768-13'>13</a></sup> Diese sogenannten <em>Schelling Points</em> (also einfach gesagt wenn die Erwartungsstrukturen zweier Personen konvergieren) treten aber auch ganz häufig in unserem Alltag auf, z.B. wenn wir mit unserem Partner oder Freund im Auto sitzen, eine bestimmte Kreuzung passieren, und beide an dasselbe denken (was sie auch überrascht ausdrücken). Je intimer und vertrauter man mit einer Person ist, umso häufiger treten auch diese Schelling Points auf, denn die Erwartungsstrukturen passen sich aneinander an.</p>
<h4>Traditionelles Weltbild und Magie</h4>
<p>Aus der Vielzahl von örtlichen oder lokal-ansässigen Mythen erzeugt hier im Westen die traditionell-christliche Bewusstseinsstruktur (oder das blaue <sup>v</sup>Mem [Spiral Dynamics]) vor knapp 2000 Jahren einen einheitlichen mystischen Erzählzusammenhang: <em>Gott hat die Welt in 6 Tagen erschaffen, am 7 Tag ruhte er.</em><sup class='footnote'><a href="#fn-3768-14" id='fnref-3768-14'>14</a></sup> Dies ist die große Leistung des Christentums: Die unterschiedlichen Geschichten und Mythen in einem großen Mythos zu vereinen. Aus den Schamanen sind Priester geworden, doch ihre Macht ist ungleich größer. Sie verfügen über die magische Kraft der Absolution und des Seelenheils und die Fähigkeit, die Stämme, Klans, Landstriche und Länder unter ein mythisches Dogma zu stellen und zu integrieren. Die Funktion des Priesters ist ähnlich wie die des Schamanen: Nämlich den Zusammenhalt und die Gesundheit und die Zukunftsfähigkeit des Stammes zu gewährleisten. Und diese Funktion konnte vom Priester in einem viel größeren Ausmaß ausgeübt werden.</p>
<p>Bedingt dadurch, dass die vollständige Differenzierung von Natur und Kultur erst mit dem später auftauchenden modernen Weltbild eintritt, gilt in Bezug auf die Magie für dieses Zeitalter vieles, was auch für das archaische Zeitalter galt. Den bedeutendsten Unterschied kann man jedoch durch den Zusammenhang von Weltbild und Erlösungsvorstellung verdeutlichen. Wie Ken Wilber und Allan Combs deutlich gezeigt haben, hängt die Art, wie wir besondere (auch spirituelle) Zustände unseres Seins interpretieren und erfahren (grob/subtil/kausal/nondual), von dem Weltbild und den Erfahrungshorizont ab, den wir haben. Ein traditionell-christlicher Mensch wird eine kausale Erfahrung anders interpretieren als ein Postmoderner. <em>Doch wir können diese Zustände auch als tatsächliche Existenzebenen betrachten</em>,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-15" id='fnref-3768-15'>15</a></sup> zu denen wir Zugang finden; wir finden hier also eine Dichotomie von bewusstseinseigenen Zuständen und tatsächlichen Existenzebenen (wie auch die auch die materielle Welt eine tatsächliche Existenzebene ist), die gleichberechtigt nebeneinander steht.</p>
<p>Das heißt, dass das Heilsversprechen, das der Christ erfahren kann, eng mit der Funktion des Priesters verbunden ist. Das Seelenheil, was dieser verspricht, wirkt für den Christen real. Der Siegeszug des Christentums hier im Westen kommt also nicht von ungefähr; so wird deutlich, warum sich im Mittelalter die Frauen selbst als Hexen anzeigten, um ihre Seele zu retten und zu brennen.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-16" id='fnref-3768-16'>16</a></sup> <em>Es entsprach ihrer unmittelbaren Erfahrung</em>, das etwas unreines, ja teuflisches, von ihrem Sein Besitz ergriffen hatte, von dem sie sich zu läutern hofften. Auch hier dürfen wir nicht mit modernen-rationalen Kontexten solche Erfahrung entwerten.</p>
<h4>Modernes Weltbild und Magie</h4>
<p>Das christliche Weltbild, das Gott nicht nur die Welt erschaffen hat, sondern dass sie von ihm durchdrungen ist und das die Erde das Zentrum der Schöpfung ist, wurde mit der Aufklärung ersetzt durch das physikalisch-biologische Weltbild, indem sich das Universum, ausgehend von Urknall und durch bekannte und noch unbekannte physikalische Gesetzmäßigkeiten (wie etwa die Dunkelenergie) stets weiter ausbreitet. Die Macht dieses Weltbildes und der Physik übersteigt die der mythischen Weltbilder bei Weitem; jeder hat schon die Erfahrung gemacht, sich die Weite des Universums vorzustellen und seine eigene Stellung im unendlichen Kosmos zu verorten.</p>
<p>Weltbilder drücken sich stets, so konnte Korzybski zeigen, in unserer Sprache aus, und Relikte des alten, mystischen Weltbildes haben sich bekanntlich in unserer Sprache erhalten, wie etwa der Formulierung: „Die Sonne geht auf/unter“; sie macht in dem modernen Weltbild ja nicht mehr richtig Sinn; an solchen sprachlichen Verzerrungen kann man den Einfluss der Weltbilder gut bemerken. Und wer hat als Kind nicht die erschreckende Erfahrung gemacht, als er zum ersten Mal realisierte, dass sie Sonne tatsächlich auch in der Nacht scheint; hier spiegeln sich im Kleinen die Übergänge von dem einen mythischen ins rationale Weltbild.</p>
<p>Auch dieses Weltbild bringt seine ganz eigene Technologie, seine eigene Magie mit sich, nämlich in der Moderne die technologischen Errungenschaften an sich. Auf der anderen Seite sind es genau die technologischen Errungenschaften, die eine weitere Ausdifferenzierung des modernen Weltbildes über wissenschaftliche Theorie und Experiment möglich machen. Das geht soweit, wie es Carl Sagen formulierte, dass wir durch unsere wissenschaftliche Technik wieder „in den Bereich des Mythos vordringen“:</p>
<p><em>„Raumfahrt spricht etwas Tief in uns an, bei vielen von uns, wenn nicht allen. Eine wissenschaftliche Kollegin berichtet mir von einer Reise nach Neu Guinea, wo sie eine Steinzeitkultur besuchte, die kaum von der westlichen Zivilisation berührt worden ist. Sie kennen dort keine Armbanduhren, Erfrischungsgetränke oder Tiefkühlnahrung. Aber sie haben von Apollo 11 gehört. Sie wissen, dass Menschen auf dem Mond waren. Sie kennen die Namen von Armstrong, Aldrin und Collins. Sie wollten wissen, wer heute auf dem Mond spazieren geht.“</em></p>
<p>Doch diese externen Errungenschaften sind nur ein Spiegel der Geistestechnologie, die mit der Aufklärung, mit besserer Bildung und eben einem rationalistischen Weltbild einhergeht. Den dieses Weltbild ermöglicht Disziplin, Konzentration, Lernen und Lernen des Lernens, Hingabe an ein Forschungsfeld und nicht zuletzt Logik und rein abstraktes Denken. Diese Geistestechnologie ist allen vorhergehenden Formen von Geistestechnologien (Magie) weit überlegen.</p>
<h4>Postmodernes Weltbild und Magie</h4>
<p>Mit der Postmoderne trat plötzlich ein neuer Erzählzusammenhang und ein neues Weltbild auf, nämlich <em>dass alle vorhergehenden Weltbilder sozial konstruiert sind</em>. Es braucht Menschen und Gesellschaft, um überhaupt zu Weltbildern zu gelangen, es sind sozio-kulturelle Konzepte, die wir uns als Menschen zueigen machen können. Deutlich sieht man auch hier die Vermischung von Kultur und Selbst, und interessanterweise führt diese Vermischung zu neuen und starken Formen der Magie.</p>
<p>Eines der besten Beispiele postmoderner Magie ist sicherlich das <em>Neuro-lingustische Programmieren</em>, das als Blaupause für alle Formen von ‚Mentalprogrammierung‘ dienen kann. Ursprünglich als eine Metatherapieform gedacht, erkannten die Psychologen John Grinder und Richard Bandler jene Sprachmuster, durch die wir unsere Verhaltensweisen, Denkmuster, Gefühle und vor allem <strong>Beobachtungen </strong>von In– und Umwelt des Menschen nachhaltig verändern können,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-17" id='fnref-3768-17'>17</a></sup> also jene Sprachmuster, die die erfolgreichsten Psychotherapeuten mehr oder weniger intuitiv verwendeten. Durch das Aufdecken der ‚Fehlgeformtheiten‘ der Sprache verändern wir uns selbst. (Schopenhauers rhetorische Tricks sind übrigens im Wesentlichen deckungsgleich mit jenen Fehlgeformtheiten des NLP, dienen aber nicht dazu, sich selbst zu befreien, sondern um eine Diskussion zu gewinnen).</p>
<p>Die heutige Spiritualität, die zum Teil auch ihre Wurzeln in der hermetisch-magischen Orden des ausgehenden 19ten Jahrhunderts hat, basiert zu einem guten Teil darauf, dem Schüler durch Veränderung dieser Sprachmuster &amp; Affirmationen zu einer Veränderung von Selbstbeobachtung und Verhaltensweisen zu bringen, man denke nur an Anweisungen wie „Be here now“, „Ich bin der Schöpfer meines Schicksals“, „I am Love, I am Light“ , „All is well, as it should be“ u.s.w. Ein Großteil spiritueller Seminare und Workshop dreht sich um die Deutung und sprachliche Implementierung solcher Affirmationen; selten wird der soziale und psychologische Mechanismus dieser Methode diskutiert; tatsächlich haben wir es hier aber mit einer besonderen Mentaltechnik zu tun, durch diese Affirmationen Selbst– und Weltbild zu verändern. Im Gegensatz zu der modernen Technik des abstrakten Denkens und den archaischen Techniken der Synchronizität verfügt diese Magie über wesentlich mehr Macht; denn wie es so schön heißt (und was selbst eine Affirmation ist): „Verändere erst dich selbst, bevor du die Welt verändern willst.“<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-18" id='fnref-3768-18'>18</a></sup> Denn wie erwähnt ist es auch die Funktion der Spiritualität, dass sich das Individuum durch die Dekonstruktion und Neuerschaffung mittels solcher Affirmationen von dem Ego befreit und zu dem wahren, authentischen oder auch evolutionären (also sich stets verändernden und Entwickelnden) Selbst gelangt.</p>
<h4>Post-postmodernes (oder integrales) Weltbild und Magie</h4>
<p>Mit dem post-postmodernen Weltbild wird dann die Differenzierung zwischen Kultur und Selbst vollständig, nämlich indem die gesamten kulturell tradierten Perspektiven und vor allem Weltbilder auf ein internes psychologisches Modell überführt und integriert werden können. Die vielen Perspektiven werden vereinigt, ob jetzt in Form Ken Wilber integraler Theorie oder anderen. Das post-postmoderne Weltbild besteht auch in der (Selbst-)Erkenntnis, dass sich Weltbilder entwickeln und quasi nebeneinanderstehen können. Unsere kognitive Vorstellung von der Welt, ihre Entwicklung, soziale Tradierung <strong>und</strong> das Konzept eines realen Universums (was wir an sich nur schwerlich wahrnehmen können) stehen so als Ganzes nebeneinander.</p>
<p>Damit geht auch eine neue Form von Magie einher, die in den hermetischen Systemen als ‚<em>die Vision der Harmonie der Dinge</em>‘ bekannt ist: Zu erkennen, wie alles – alle Weltsichten, Perspektiven und Entwicklungsstufen – zusammengehört, sich ergänzt und vor allem: wie sie sich entwickeln.</p>
<p>Für das Individuum, welches diese mächtige Vision erfährt, verändert sich das eigene Leben grundlegend. Hier hat es das erste Ziel der Spiritualität erreicht; es ist zum ersten Mal ‚at home in the Universe‘, hat seinen Sinn gefunden, weiß woher es kommt, und noch bedeutender: wohin es geht. Es hat jenen oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen abgelegt, von dem es vorher dachte, es sei seine Persönlichkeit, sein Ego, sein Wille, seine Besonderheit. Mit dieser Freiheit ist das Individuum endlich fähig zu tun, was es will, ohne von den Limitationen des Egos – Ängste, Sorgen, Zweifel – gehindert zu werden. Es erreicht daher Dinge und ist zu Unternehmungen fähig, die ein weniger entwickeltes Individuum, welches in einem ständigen Konflikt mit den Blockaden und Maniriertheiten seines Egos liegt, niemals erreichen kann. Es verfügt über eine fortgeschrittene Geistestechnologie, mithin Magie, die es zum Wohle von allen einsetzen kann, und es handelt stets in Übereinstimmung mit der Evolution und Entwicklung aller (sich selbst eingeschlossen). Streng genommen ist auch dies noch eine magische Fähigkeit <em>zweiter Ordnung</em>. Die wahren <em>Siddhies</em>, (die magischen Kräfte erster Ordnung) treten erst mit der nächsten Stufe der Entwicklung auf.</p>
<h4>Siddhis</h4>
<p>Sogenannte Siddhis treten auf, wenn das Individuum fähig ist, seine Weltbilder grundlegend abzulegen und wenn es volle Erleuchtung erlangt hat. Im tantrischen Buddhismus bezieht der Begriff ‚Siddhis‘ ursprünglich auf magische Fähigkeiten, sind aber tatsächlich exoterische Beschreibungen von z.B. Meditationserfahrungen und besonderer Phänomene; ich nutze den Begriff insofern in einer leicht anderen Form.</p>
<p>Im Vergleich dazu ist selbst das post-postmodernen Individuum noch an die Funktion und Faktizität der Weltbilder gebunden. Momente der Leere und Non-Dualität können zwar erreicht werden, aber die Fähigkeit, den Maschinenraum der Psyche wirklich langfristig abzuschalten zu können, liegt noch nicht vor. Es geht hier freilich um solche Phasen wie die <em>Dunkle Nacht der Seele</em>, <em>das schwarze Beinahe-Erlangen</em> oder auch <em>samadhi-nirvikalpa</em>, bei der die „Geistestätigkeit in der Meditation tatsächlich über lange Zeiträume endet“,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-19" id='fnref-3768-19'>19</a></sup> und damit alle Kontexte, Konzepte und alle Weltbilder zum Erliegen kommen, wie auch jener Dämon, der für endlose chatter und Hintergrundrauschen des Geistes verantwortlich ist. Das heißt auch, dass auch Konzepte und Kategorien wie hell und dunkel, oben und unten, Körper und ‚Ich‘ usw. abgelegt werden können. Mit dieser Form der Freiheit gehen auch eine bestimmte Form von Fähigkeiten einher, die man <em>magische Kräfte ersten Ranges</em> nennen könnte.</p>
<p>Eine einfach Analogie für diese Siddhis ersten Ranges findet man beim morgendlichen Aufwachen. Jeder mag es schon einmal erlebt haben, wie der erste Gedanke, den man morgens dachte, den <em>Ton</em> für den ganzen folgenden Tag bestimmt hat. Auf eine ähnliche Weise ist der erste Gedanke, den man hat, nachdem man das <em>samadhi nirvikalpa</em> verlässt, ähnlich bestimmend, nur ungleich gravierender. Aus diesem Grund zeigt ist auch luzides Träumen oder Zeugenbewusstheit in Tiefschlafphasen von Bedeutung, denn sie sind ein Indikator darauf, ob der Maschinenraum des Geistes tatsächlich und vollständig unter Kontrolle des Steuermanns ist.</p>
<h4>Fazit</h4>
<p>Man sieht darin, ich sagte es schon, wie Weltbilder immer eine Form der Magie erzeugen, also eine Technologie, die durch die Grenzen und Eigenschaften des Weltbildes und den entsprechenden soziokulturellen und psychologischen definiert wird. Magie ist nicht zwangsläufig prä-rational; es gibt auch rationale und transrationale Formen von Magie, oder besser gesagt ‚Geistestechnologien“. Sie werden komplexer und in gewisser Hinsicht mächtiger mit jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins.</p>
<div class='footnotes'>
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<li id='fn-3768-1'>Wir springen kurz in Oberen Rechten Quadranten Wilbers AQAL Modells. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-2'>Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Agnosia <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-3'>Habermas, <em>Theorie des kommunikativen</em> Handelns. S 81 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-4'>A.a.O. S 79 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-5'>Lévi-Strauss, <em>Strukturale Anthopologie</em> <em>I</em>, S. 184. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-6'>Vgl. Mircea Eliade, <em>Yoga</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-7'>Vgl. Allan Combs, <em>Die Psychologie des menschliche Bewusstseins</em>. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-7">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-8'>Dies gilt für alle sozial angebotenen Rollenkonzeptionen. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-8">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-9'>Vgl. Thomas Nagel: <em>What is it like to be a bat?</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-9">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-10'>Dementsprechend gibt es auch kein ‚soziales Bewusstsein‘, wie viele New Age Fans behaupten. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-10">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-11'>A.a.O., S. 76 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-11">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-12'>A.a.O. S. 74 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-12">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-13'>Schelling, Thomas, <em>The Strategy of conflict</em>, S.57 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-13">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-14'>Spiral Dynamics argumentiert hier allgemeiner und besagt, dass das „Blaue <sup>v</sup>Mem“ etwa 3000 Jahre v. Chr. Aufgetaucht ist. Ich beziehe mich hier explizit auf das Auftauchen des christlichen Mythos. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-14">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-15'>Vgl. Allan Combs, <em>Consciousness explained better</em>, S 98. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-15">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-16'>Vgl. Joseph Campbell, <em>Schöpferische Mythologie</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-16">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-17'>Vgl. Grinder/Bandler, Die Struktur der Magie. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-17">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-18'>Eine Affirmation von Gandhi. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-18">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-19'>Vgl. Mircea Eliade, Yoga. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-19">↩</a></span></li>
</ol>
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