<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	xmlns:series="http://unfoldingneurons.com/"
	>

<channel>
	<title>OpenMindJournal &#187; Integrale Landkarte</title>
	<atom:link href="http://www.openmindjournal.com/category/mind/integrale-landkarte/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.openmindjournal.com</link>
	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
	<lastBuildDate>Thu, 17 May 2012 11:01:36 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.2</generator>
		<item>
		<title>Wider die spirituelle Denkfaulheit</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/12/19/wider-die-spirituelle-denkfaulheit/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/12/19/wider-die-spirituelle-denkfaulheit/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 09:06:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=4069</guid>
		<description><![CDATA[Eine Tagung des Integralen Forums Der Tantralehrer Saleem Matthias Riek ist überzeugt, dass Denkfaulheit keine gute oder gar ausreichende Voraussetzung ist, um die so vielfach begehrte Herzöffnung zu erreichen, und nahm an einer Tagung der Ken-Wilber-Fans teil. Hier sein subjektiver Bericht. Unter dem Motto »Integral Handeln« fand vom 17. bis 19. Juni 2011 in Nürnberg die Jahrestagung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Tagung des Integralen Forums</h2>
<p><em>Der Tantralehrer Saleem Matthias Riek ist überzeugt, dass Denkfaulheit keine gute oder gar ausreichende Voraussetzung ist, um die so vielfach begehrte Herzöffnung zu erreichen, und nahm an einer Tagung der Ken-Wilber-Fans teil. Hier sein subjektiver Bericht.</em></p>
<div id="attachment_4072" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_15857769.jpg" rel="lightbox[4069]"><img class=" wp-image-4072 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_15857769-300x200.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">© Raja Reddy Chadive | Dreamstime.com</p></div>
<p>Unter dem Motto »Integral Handeln« fand vom 17. bis 19. Juni 2011 in Nürnberg die Jahrestagung des <a href="http://if.integralesforum.org/" target="_blank" rel="external nofollow">Integralen Forums</a> statt. Um den Begriff des »Integralen« versammeln sich vor allem die Anhänger des Philosophen <a href="#wikipopFrame" class="wikipopLink" onclick="setFrameSrc('Ken Wilber', 'de');">Ken Wilber</a> und seiner in vielen Veröffentlichungen dargelegten Integralen Theorie. Diese bringt in einer umfassenden Sicht des Menschen und der Welt verschiedenste Perspektiven in einen gemeinsamen Kontext wie z.B. zeitlose spirituelle Einsichten, wissenschaftliche Forschung und individuelle Lebenspraxis, jeweils aus verschiedensten Kulturen und Epochen. Wahrlich ein Mammutprojekt.</p>
<h4>Den Kopf abschalten?</h4>
<p>In der spirituellen Szene und vor allem im Tantra ist der Wunsch weit verbreitet, den Kopf abschalten zu wollen. Entsprechend unterentwickelt ist das theoretische Verständnis dessen, was hier eigentlich geschieht. Ich halte dies nicht immer für hilfreich, denn selbst wenn es gelingen sollte, sich beispielsweise in einem Workshop zeitweilig von der allgegenwärtigen Dominanz des Kopfes zu befreien und mehr auf Herz und Sinne zu lauschen, so bestehen die Muster des Verstandes leider von den neuen Erfahrungen weitgehend unbehelligt weiter fort und übernehmen im Alltag schnell wieder das Zepter. Die Integrale Theorie scheint das passende Mittel gegen spirituelle Denkfaulheit zu sein. An der manchmal mühevollen Auseinandersetzung mit dem Verstand führt leider kein Weg vorbei, wenn wir uns nachhaltig weiter entwickeln wollen. Und wer bereits entwickelte Theorien im Bereich undogmatischer Spiritualität sucht, kommt um das Studium von Ken Wilbers Werken kaum herum, auch wenn seine Schriften gelinde gesagt anspruchsvoll formuliert sind.</p>
<h4>»World Café« und »Open Space«</h4>
<p>Vor der Kopflastigkeit der Anhänger Ken Wilbers war ich verschiedentlich gewarnt worden. Das konnte mich jedoch nicht vom Besuch der Tagung abhalten. Nach dieser Art Ausgleich stand mir ja der Sinn. Das Programm bestand denn auch hauptsächlich aus Vorträgen im Plenum, die sich mit kleineren Special-Interest-Workshops abwechselten, die jeweils parallel angeboten wurden. Außerdem standen Morgenmeditationen und offenere Strukturen wie »World Café« oder »Open Space« auf der Tagesordnung, die Raum für Spontanes bieten und Kongressteilnehmer dazu anregen sollten, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen. Und auch die Samstag-Abend-Party fehlte nicht. Als absolutes Highlight wurde ein Life-Telefon-Interview mit Ken Wilber angekündigt, eine seltene Gelegenheit, ihn zumindest mal direkt zu hören, denn er tritt kaum in der Öffentlichkeit auf.</p>
<h4>Buntes Bewusstsein, von blau bis gelb</h4>
<p>Am Freitag Mittag fand ich mich also in den Räumen der katholischen Akademie in der Altstadt Nürnbergs ein. Schon bald wurde die Tagung von dem Veranstalterteam auf lockere (»Wie sprechen uns hier mit einem Arbeits-Du an!«) und sympathische Art und Weise eröffnet und der Tagungsablauf erläutert. Als Intro dienten unter anderem kleine Theatersketche, in denen unterschiedliche Bewusstseinsstufen karikiert wurden. Diese stehen im Mittelpunkt der Integralen Theorie und werden jeweils mit Farben gekennzeichnet. Blau (autoritär), orange (effektiv) und grün (gemeinschaftlich) bekamen jeweils ihr Fett ab. Die nächsthöhere Stufe wäre gelb. Gelb kennzeichnet den Sprung ins Integrale Bewusstsein, welches nicht mehr die tieferen Bewusstseinsebenen bekämpft, sondern aus einer höheren Warte heraus ihnen ihren jeweils eigenen Wert zuerkennt. Gelb bekam leider keinen eigenen Sketch. Zum Ausgleich gerieten allerdings Teile der Tagung zur wohl eher unfreiwilligen Karikatur integralen Bewusstseins. So wurde allseits mit den Farben der Integralen Lehre so virtuos jongliert, dass es jedem Magier zur Ehre gereichen würde.</p>
<blockquote><p>»Wer bereits entwickelte Theorien im Bereich undogmatischer Spiritualität sucht, kommt um das Studium von Ken Wilbers Werken kaum herum«</p></blockquote>
<h4>Haben wir an alles gedacht?</h4>
<p>Die Tagung war nahezu perfekt und sehr ideenreich organisiert. In mir erweckte dies den Eindruck, hier werde wirklich an alles gedacht und alles nur Erdenkliche berücksichtigt. Möglicherweise liegt allerdings genau hierin ein Problem der integralen Bewegung. Über allem schwebt die Frage: Haben wir auch an alles gedacht? Eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Bewegung von einem virtuosen Denker begründet wurde. Ohne dass dies explizit ausgesprochen wurde, schien man davon überzeugt zu sein, dass ein integral entwickeltes Bewusstsein in der Lage sei, uns nicht nur mental, sondern auch praktisch die Richtung unserer spirituellen Entwicklung vorzugeben. Integrale Einsichten müssten nur entsprechend konsequent umgesetzt werden, um die Evolution voranzubringen und damit letztlich uns selbst und die kriselnde Welt zu retten. Kaum etwas könnte meiner Meinung nach leichter in die Irre führen. Für eine echte Evolution des Bewusstseins brauchen wir immer wieder die Bereitschaft, uns auf offene Risiken einzulassen, deren Ergebnis unvorhersehbar ist, sonst gerät sogar die integrale Theorie zum Dogma.</p>
<h4>Räume für Unerwartetes</h4>
<p>Eine gute Theorie ist wie ein Sprungbrett. Je höher entwickelt sie ist desto größer wird die Fallhöhe, ein Sprung vom Beckenrand ist nicht das Gleiche wie der Sprung vom Zehner. In keinem Fall ersetzt das Sprungbrett jedoch den Sprung, dessen Folgen immer ungewiss sein werden. Die Theorie ist nur die Vorbereitung, doch der Sprung muss folgen, sonst bleibt unsere Erfahrung blutleer. Allerdings ist der Sprung in die Ungewissheit bei einem Idioten nicht der Gleiche wie der eines Weisen. Aber beide sind herausgefordert, sich über die eigenen Begrenzungen hinaus zu wagen, wenn sie sich entwickeln wollen. Tragischerweise fällt das dem Idioten oft leichter als demjenigen, der sich bereits vielerlei Gefahren auszumalen vermag. Umso wichtiger erscheint mir, wenn wir die integrale Idee einer Evolution des Bewusstseins ernst nehmen, Räume zu schaffen, in denen Unerwartetes geschehen kann und dann vor allem genügend Wertschätzung bekommt. Es gab solche Räume im Verlauf der Tagung — es war ja an alles gedacht — aber sie bekamen nach meinem Geschmack nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, und in direkter Konkurrenz zu prominenten Vortragsrednern, die ihre Zeit überzogen, wurden sie leichtfertig aus dem Programm genommen. Dennoch, die Tagung gab mir vielfältige Inspirationen und Möglichkeiten zu persönlichem Austausch auf hohem Niveau. Mein persönliches Risiko konnte ich auch eingehen, in dem ich im »Open Space« einen Austausch zum Thema »Hat Liebe etwas in der Politik zu suchen?« anregte und dabei nur eine weitere Interessentin fand. Ich fiel sanft, denn später verrieten mir noch andere, dass sie das Thema durchaus spannend fänden.</p>
<h4>Die »Prinzipien von Vergnügen«</h4>
<p>Die brillantesten Vorträge waren wohl die von Rabbi Marc Gafni über die Prinzipien von Vergnügen (»Pleasure«). Selten habe ich etwas so überraschend Einleuchtendes gehört. Der Rabbi arbeitet an nicht weniger als an einer »Landkarte zur Erleuchtung der Fülle«, ein Pendent zu den reichlich vorhandenen Landkarten der Leere, wie sie vor allem im Buddhismus entwickelt wurden und dort Millionen von Schülern Orientierung bieten. Ich meine allerdings, dass die im Lauf dieser Tagung bevorzugte Form der Vermittlung — der Vortrag — nicht genügend Raum für kollektive Überraschung und damit echte Bewusstseinserweiterung schaffen kann. Wenn die integrale Bewegung wirklich historisch wirksam werden will — daran ließen die Protagonisten keinen Zweifel — dann braucht es weit mehr als die Umsetzung einer brillanten Theorie in die Praxis. Integrale Praxis braucht Räume, in denen der Verstand und damit auch alle Theorie zurücktritt, um sich immer wieder eines Besseren belehren zu lassen.</p>
<h4>Die Landkarten und das Land</h4>
<p>Also doch lieber mal den Kopf abschalten? Nein, ganz und gar nicht. Es braucht unsere Bereitschaft, nicht kopflos, sondern bei vollem Bewusstsein zu erleben und zu erfahren, dass unsere Erwartungen und Theorien nur die Landkarten, aber nicht das Land selbst sind. Wie kann es gelingen, die genialen Fähigkeiten unseres Verstandes und das vollständige Loslassen seines allgegenwärtigen Herrschaftsanspruchs zu integrieren? Ich wünsche innerhalb und außerhalb der Integralen Bewegung den Mut, auf Tagungen nicht nur bereits Gewusstes zu reproduzieren, sondern die Zusammenkünfte mehr für das zu öffnen, was wir noch nicht wissen — und letztlich auch für das Nichtwissen selbst. Das kann gründlich misslingen. Aber wäre nicht auch das ein Erfolg?</p>
<p>Dieser Bericht erschien erstmals im Magazin connection spirit, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/wider-die-spirituelle-denkfaulheit.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 12/11–01/12</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/12/19/wider-die-spirituelle-denkfaulheit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Evolution der Magie</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/11/26/die-evolution-der-magie/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/11/26/die-evolution-der-magie/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 00:16:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=3768</guid>
		<description><![CDATA[Die Vermischung von Natur und Kultur Wir alle haben schon von den drei universellen Kategorien der Natur, Kultur und des Selbst gehört. Doch was heute relativ leicht zuzurechnen ist – z.B. unser Körper als Teil der Natur, unsere Beziehungen und auch unser tradiertes Wissen als Teil der Kultur und unser Bewusstsein und Intuition als Teil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Die Vermischung von Natur und Kultur</h4>
<div id="attachment_3788" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad8a63ac11f3_s.jpg" rel="lightbox[3768]"><img class="size-medium wp-image-3788 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad8a63ac11f3_s-300x153.jpg" alt="" width="300" height="153" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / märchenwald II © Christoph Ruhland</p></div>
<p>Wir alle haben schon von den drei universellen Kategorien der <em>Natur</em>, <em>Kultur</em> und des <em>Selbst</em> gehört. Doch was heute relativ leicht zuzurechnen ist – z.B. unser Körper als Teil der Natur, unsere Beziehungen und auch unser tradiertes Wissen als Teil der Kultur und unser Bewusstsein und Intuition als Teil unseres Selbst – war nicht immer so sauber voneinander getrennt. Das liegt vor allem deshalb, weil es sich bei diesen Bereichen – aus der Sicht des Individuums – zunächst erst mal um drei <em>Kategorien</em> handelt. Wie uns Piaget gezeigt hat, müssen Kinder solche Kategorien (im Allgemeinen) erst einmal entwickeln, um sich später in der Welt zurechtzufinden; und wie wir aus der Medizin wissen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-1" id='fnref-3768-1'>1</a></sup> können wir durch Gehirnschäden sogenannte <em>Agnosien</em> erfahren, die diese kognitiven Kategorien auch wieder auflösen, mit dem Resultat, dass Menschen z.B. keine <em>Bewegung</em> mehr beobachten können, oder keine Formen (und die damit einen Stuhl, der vor einer Tür steht, nicht mehr unterscheiden können), oder Gesichter, je nachdem, welche Hirnregion eine Schaden erlitten hat.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-2" id='fnref-3768-2'>2</a></sup></p>
<p>Wie Habermas, Lévi-Strauss und andere mehrfach gezeigt haben, waren in der archaischen Vormoderne des Mensch-Seins zwei dieser drei existenziellen Erfahrungsbereiche des Menschen, nämlich <strong>Natur und Kultur,</strong> miteinander vermischt. Es herrschte noch keine klare Trennung vor, oder genauer gesagt: Der archaische Mensch hatte diese Kategorien noch nicht klar voneinander differenziert. „<em>Der Mythos</em>“, so Habermas, „<em>erlaubt keine klare grundbegriffliche Differenzierung zwischen Dingen und Personen, zwischen Gegenständen, die manipuliert werden können, und Agenten, sprach– und handlungsfähigen Subjekten, denen wir Handlungen und sprachliche Äußerungen zurechnen. So ist es nur konsequent, wenn die magischen Praktiken die Unterscheidung zwischen teleologischen und kommunikativen handeln […] nicht kennen</em>“ <sup class='footnote'><a href="#fn-3768-3" id='fnref-3768-3'>3</a></sup> Natur und Kultur wurden so auf eine Ebene projiziert und wird erst mit der Moderne und dem rationalistischen Weltbild vollständig getrennt.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-4" id='fnref-3768-4'>4</a></sup></p>
<p>Diese Vermischung (oder mangelnde Differenzierung) führte so zu prä-rationalen <em>magischen Praktiken</em>, durch Veränderung der Sprachgewohnheit oder des Mythos Einfluss auf die Natur-Spähre des Menschen zu nehmen: Die piktografische und künstlerische Darstellung der erfolgreichen Jagd führt zum tatsächlichen Jagderfolg; die besonders elaborierte Lüge führt zur Heilung der Krankheit,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-5" id='fnref-3768-5'>5</a></sup> die besondere Deutung des Omens zu Heil und Unheil für das Individuum und seine Familie, Freunde und Feinde und der speziell gefertigte Talisman zur Beeinflussung des Wetters. Man sollte dabei nicht den Fehler machen, anzunehmen, dass solche Techniken, nur weil sie ‚prä-rational‘ sind, nicht ‚funktionieren‘. Das hieße, unser rationalistisches Weltbild, indem so etwas <em>per definitionem</em> nicht möglich ist, mit den archaischen Weltbildern zu verwechseln, die ihnen zugrunde zu liegen. Tatsächlich haben Anthopologen und Forscher wie Lévi-Strauss, Mircea Eliade<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-6" id='fnref-3768-6'>6</a></sup> aber auch Systemtheoretiker wie Allan Combs<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-7" id='fnref-3768-7'>7</a></sup> immer wieder darauf hingewiesen, dass solche magischen Praktiken, zu denen auch z.B. Telepathie, zählt, bei archaischen Gesellschaften eher die Regel als die Ausnahme waren. Sie sind möglich, nicht nur weil ihnen ein anderes Weltbild zugrunde liegt, sondern weil wir, wie ich unten zeigen werden, über den Kosmos letztendlich nichts anderes wissen als Weltbilder, die sich kontinuierlich verändern. Das heißt, wenn man Voodoo praktizieren will, reicht es nicht, die besonderen Techniken zu lernen; man muss vielmehr auf eine frühere Entwicklungsstufe und Weltbild zurückfallen und sich in einer Gemeinschaft von Menschen bewegen, die dieses prä-rationale Weltbild teilen (dies ist auch der Grund dafür, warum solche magischen Praktiken auch niemals in einem wissenschaftlich-rationalen Setting ‚funktionieren‘, also mit Menschen [z.B. „Wissenschaftlern“] die das rationale Weltbild haben). Ich werde weiter unten darauf zurückkommen.</p>
<h4>Die Vermischung von Kultur und Selbst</h4>
<p>Interessanterweise finden wir mit dem Aufkommen der Postmoderne eine ähnliche Vermengung zweier Existenzbereiche, nämlich von<strong> Kultur und Selbst</strong>. Sie entsteht zunächst mit der beginnenden Differenzierung der Kategorie des Selbst durch das Aufkommen der methodischen Psychologie und Spiritualität am Ende des 19ten Jahrhunderts, dem Beginn der Postmoderne. Mit jeder weiteren Unterscheidung nimmt die kategoriale Trennung von Kultur und Selbst zu, zunächst aber sind sie ähnlich vermengt wie die Kategorien Natur und Selbst beim archaischen Menschen.</p>
<p>Am einfachsten erkennt man die Vermischung (oder fehlende Differenzierung) daran, dass Menschen heute den oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen, den sie ‚Persönlichkeit‘ oder ‚Charakter‘ nennen – und zu denen auch ihre Gedanken, Gefühle, Stimmungen, ihr Selbstbild und Rollenverhaltensweisen, ganz besonders aber ihre Intentionen und ihr Wille zählen – zwar dem Bereich ihrer Psyche oder ihres ‚Selbst‘ zurechnen, dabei aber verkennen, dass dieses Selbstbild und dazugehörenden Verhaltensweisen und Gefühle und Meinungen ausschließlich <em>sozial konditioniert</em> ist. Mit anderen Worten: Sie rechnen ihre Persönlichkeit und Wertvorstellung dem (Bereich des) <strong>Selbst</strong> zu, obwohl er eigentlich dem Bereich der <strong>Kultur</strong> entspringt. Besonders deutlicher sieht man das an postmodern-pluralistischen Rollenkonzeptionen wie etwa dem <em>Hipster</em>, der Individualität ausdrücken soll, dabei aber in Wirklichkeit ein vollkommen sozial konditionierter Bereich von stereotypen Verhaltensweisen, Meinungen, Habitus und Kleidungscode darstellt, den alle kopieren (und damit der Idee der Individualität paradoxerweise zuwiderlaufen) und der massiv von der Mode-, Entertainment– und Werbeindustrie beworben wird.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-8" id='fnref-3768-8'>8</a></sup> Interessanterweise ist es nun stets auch eines der Ziele der Spiritualität und aufgeklärten Psychologie/Philosophie, das Individuum von diesem oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen, Werten, Stimmungen, Gedanken, Gefühlen und Meinungen zu befreien und zum wahren, authentischen Selbst (<em>unique self</em>) zu führen, welches tatsächlich dem Bereich des ‚Selbst‘ zugehört. Insofern ist es nicht weit hergeholt, die Spiritualität als ein Vehikel zu einer post-postmodernen Bewusstseinsstruktur zu verstehen, in der die Trennung von Kultur und Selbst vollständig ist.</p>
<p>Diese Vermischung von Kultur und Selbst kann als eines der grundlegendsten Probleme der Postmoderne betrachtet werden, da sie auch zu so merkwürdigen Phänomenen wie die schon so oft beschrieben <em>performativen Widersprüchen</em> führt, bei dem der (individuelle oder selbstbezogene) Sprechakt mit der (sozialen oder kulturellen) Aussage vermengt wird, wie z.B. „Alles ist relativ“ ( … wenn alles relativ ist, denn auch dieser Satz; das heißt es gibt Dinge die nicht relativ sind, im Gegensatz zur Aussage des Satzes). Das es sich dabei um mehr als Satzspiele handelt, hat Habermas deutlich gezeigt, und uns wird es auch ganz klar, wenn wir uns den Habitus (und mithin Ethik) mancher Postmoderner vor Augen halten, wenn sie implizit meinen: „Ich verabscheue jene, die nicht lieben“.</p>
<p>Eine weitere Verzerrung, die sich aufgrund der Vermischung (und nicht vollständigen Trennung) der beiden Bereiche Kultur und Selbst ergibt, wird in dem Allgemeinverständnis des Begriffs der ‚Intersubjektivität‘ deutlich, die gleichzeitig Teil der Kognition und des Sozialen sein soll (wie der Begriff auch schon andeutet). Kaum wird dabei berücksichtigt, dass jede ‚intersubjektive‘ Erfahrung, die wir haben (und damit jede menschliche Beziehung, die wir führen) vom Standpunkt des Bewusstseins tatsächlich nur eine kognitive Projektion sein kann, und zwar auf ähnliche Weise, wie uns unsere Erfahrung der <em>Qualia</em>,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-9" id='fnref-3768-9'>9</a></sup> also jener rudimentären Bewusstseinseinheiten verleitet, zu Projektionen auf die materielle Welt verleitet. Tatsächlich ist der Begriff der Intersubjektivität einer jener ‚Black Box‘-Begriffe, die auf etwas zeigen, was wir tatsächlich nicht wirklich erfahren können – obwohl es schwerlich zu leugnen ist, dass es Formen von Intersubjektivität gibt –, denn sobald wir behaupten, ein intersubjektives Phänomen zu beobachten, tun wir dies im Rahmen unserer eigenen Informationsverarbeitung und Kognition, bewegen uns also im psychischen (und nicht im sozialen) Raum.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-10" id='fnref-3768-10'>10</a></sup> Das heißt also nicht, dass es den sozialen Raum oder Formen der Intersubjektivität nicht gibt. Es heißt nur, dass wir schnell in eine Grube fallen, wenn wir von einem allgemeinen oder <em>gefühlten</em> Verständnis der Intersubjektivität ausgehen, wie es heutzutage häufig geschieht.</p>
<p>Dasselbe gilt auch für Modebegriffe wie ‚geteilte Erfahrung‘ [shared experience], die es eigentlich nicht geben kann, da Erfahrung ein psychologischer Begriff ist und sich die Erfahrung zweier Personen aufgrund ihrer Perspektive, ihrer Gefühle, Stimmungen, Gedanken Entwicklungsstufe, Kontext immer unterscheiden. Je genauer man hinschaut und die angeblich geteilte Erfahrung zweier Personen untersucht, umso mehr Unterschiede sieht man. Man kann indessen den Begriff der geteilten Erfahrung für <em>grobe</em> Kriterien verwenden wie etwa: Menschen teilen die Erfahrung der Existenz, des Sterbens, von Problemen und das lösen von Problem im Alltag, von Krankheiten etc., doch sobald man vom Abstrakten ins Konkrete versucht zu gehen, muss man erkennen, dass sich die jeweiligen Erfahrungen, wie jemand diese Dinge erfährt, vollkommen unterscheiden. Wie wir sehen werden, werden diese Dilemmas und Problem erst mit der vollständigen Differenzierung von Selbst und Kultur aufgehoben, und eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die Magie.</p>
<h4>Magie</h4>
<p>Diese Vermischung und Differenzierung der drei Kategorien und Erfahrungsbereiche Natur, Kultur und Selbst bringt nun, ganz allgemein gesagt, spezielle (Geistes-) Technologien hervor; Technologien, die man auch ganz einfach ‚Magie‘ nennen könnte, wenn man auf das viel bemühte Zitat von Arthur C. Clarke zurückgreift: „<em>Jede hinreichend fortgeschrittene</em> Technologie ist von <em>Magie</em> nicht zu unterscheiden.“ Das heißt anders herum formuliert: Magisch ist jede hinreichend fortgeschrittene Technologie. Diese Definition reicht vollkommen, um auch die Evolution der Magie aufzuzeigen.</p>
<p>Es wird insofern vielleicht überraschen zu erfahren, das Zauberkräfte, magische Praktiken oder <em>Siddhis</em>, nicht zwangsläufig <em>immer</em> irr– oder prärational sind. Tatsächlich treten magische Praktiken oder Geistestechnologien <em>mit jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins auf</em>, und damit immer dann, wenn eine Entwicklungsstufen möglichen und Technologien ermöglicht, die für die darunter liegende Stufe unmöglich sind. Um die Natur dieser Praktiken zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf die Weltbilder selbst richten, und damit natürlich auf die Entwicklungsstufen des Bewusstseins.</p>
<h4>Archaisches Weltbild und Magie</h4>
<p>Ich hatte oben schon einiges über das magisch-mythische oder auch archaische Weltbild gesagt. Wie uns die Anthropologen gezeigt haben, existiert in den archaischen Gesellschaften kein kohärenter <em>physikalischer,</em> sondern <em>mythologischer</em> Gesamtzusammenhang der Weltdeutung, d.h. ein Netz von unterschiedlichen Geschichten und Beschreibungen, die sich von geografischem Standort zu Standort unterscheiden.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-11" id='fnref-3768-11'>11</a></sup> Wie Habermas hervorhebt: Nicht das <em>Denken</em> oder die <em>Logik</em> unterscheidet den archaischen vom modernen Menschen, sondern die Inhalte oder Begründungen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-12" id='fnref-3768-12'>12</a></sup> und diese mythologischen Inhalte werden erst mit der Moderne durch die Physikalischen ersetzt. Mit einfachen Worten: Der archaische Mensch ist nicht ‚dumm‘ oder denkt anders als wir. Er begründet sein logisches Schließen genauso wie wir. Er geht nur von einem anderen Weltbild und damit Kontext aus.</p>
<p>Dementsprechend finden wir hier archaische Formen von magisch rituellen Praktiken, die sich lokal, wie auch die Mythen, unterschieden. Eine große Rolle spielt hier, ich sagte es schon, die Vermischung der Bereiche Natur und Kultur, was zu Phänomenen der <em>Synchronizität</em> führt. Nur aufgrund dieser Synchronizität oder Zufälligkeit kann der rituelle Akt oder die bildliche Darstellung der wirklichen Handlung vorausgehen: Wie etwa der bildlichen Darstellung der Jagd und der tatsächlichen Tötung des Wildes. Prärationale Magie heißt, sich in diesen Netzen der Synchronizität und Koinzidenz zu bewegen; das heißt also, dass nicht der sprachliche Akt einen ‚magischen‘ Einfluss auf das tatsächliche Ergebnis aufweist, sondern dass der sprachliche Akt nur dann getan wird, wenn das Ereignis auch eintreten kann. Man muss hier sehr aufpassen, nicht in eine modern-rationalen Kategorie und dem Schema <em>Ursache/Wirkung</em> abzugleiten. Man könnte also sagen: Der Schamane hat ein Gespür für diese synchronistischen Tänze, und je klarer seine Intuition, umso größer seine Macht.</p>
<p>Telepathie ‚funktioniert‘ ebenfalls durch diese synchronistische Zusammenhänge. Wie der Nobelpreisträger Thomas Schelling zeigen konnte, nutzen Menschen, wenn sie keine Möglichkeit der direkten Kommunikation haben, eine Technik, die in der „Erwartung einer Person, was der andere von ihm erwartet, dass er es erwartet, was erwartet wird, zu tun“ besteht.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-13" id='fnref-3768-13'>13</a></sup> Diese sogenannten <em>Schelling Points</em> (also einfach gesagt wenn die Erwartungsstrukturen zweier Personen konvergieren) treten aber auch ganz häufig in unserem Alltag auf, z.B. wenn wir mit unserem Partner oder Freund im Auto sitzen, eine bestimmte Kreuzung passieren, und beide an dasselbe denken (was sie auch überrascht ausdrücken). Je intimer und vertrauter man mit einer Person ist, umso häufiger treten auch diese Schelling Points auf, denn die Erwartungsstrukturen passen sich aneinander an.</p>
<h4>Traditionelles Weltbild und Magie</h4>
<p>Aus der Vielzahl von örtlichen oder lokal-ansässigen Mythen erzeugt hier im Westen die traditionell-christliche Bewusstseinsstruktur (oder das blaue <sup>v</sup>Mem [Spiral Dynamics]) vor knapp 2000 Jahren einen einheitlichen mystischen Erzählzusammenhang: <em>Gott hat die Welt in 6 Tagen erschaffen, am 7 Tag ruhte er.</em><sup class='footnote'><a href="#fn-3768-14" id='fnref-3768-14'>14</a></sup> Dies ist die große Leistung des Christentums: Die unterschiedlichen Geschichten und Mythen in einem großen Mythos zu vereinen. Aus den Schamanen sind Priester geworden, doch ihre Macht ist ungleich größer. Sie verfügen über die magische Kraft der Absolution und des Seelenheils und die Fähigkeit, die Stämme, Klans, Landstriche und Länder unter ein mythisches Dogma zu stellen und zu integrieren. Die Funktion des Priesters ist ähnlich wie die des Schamanen: Nämlich den Zusammenhalt und die Gesundheit und die Zukunftsfähigkeit des Stammes zu gewährleisten. Und diese Funktion konnte vom Priester in einem viel größeren Ausmaß ausgeübt werden.</p>
<p>Bedingt dadurch, dass die vollständige Differenzierung von Natur und Kultur erst mit dem später auftauchenden modernen Weltbild eintritt, gilt in Bezug auf die Magie für dieses Zeitalter vieles, was auch für das archaische Zeitalter galt. Den bedeutendsten Unterschied kann man jedoch durch den Zusammenhang von Weltbild und Erlösungsvorstellung verdeutlichen. Wie Ken Wilber und Allan Combs deutlich gezeigt haben, hängt die Art, wie wir besondere (auch spirituelle) Zustände unseres Seins interpretieren und erfahren (grob/subtil/kausal/nondual), von dem Weltbild und den Erfahrungshorizont ab, den wir haben. Ein traditionell-christlicher Mensch wird eine kausale Erfahrung anders interpretieren als ein Postmoderner. <em>Doch wir können diese Zustände auch als tatsächliche Existenzebenen betrachten</em>,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-15" id='fnref-3768-15'>15</a></sup> zu denen wir Zugang finden; wir finden hier also eine Dichotomie von bewusstseinseigenen Zuständen und tatsächlichen Existenzebenen (wie auch die auch die materielle Welt eine tatsächliche Existenzebene ist), die gleichberechtigt nebeneinander steht.</p>
<p>Das heißt, dass das Heilsversprechen, das der Christ erfahren kann, eng mit der Funktion des Priesters verbunden ist. Das Seelenheil, was dieser verspricht, wirkt für den Christen real. Der Siegeszug des Christentums hier im Westen kommt also nicht von ungefähr; so wird deutlich, warum sich im Mittelalter die Frauen selbst als Hexen anzeigten, um ihre Seele zu retten und zu brennen.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-16" id='fnref-3768-16'>16</a></sup> <em>Es entsprach ihrer unmittelbaren Erfahrung</em>, das etwas unreines, ja teuflisches, von ihrem Sein Besitz ergriffen hatte, von dem sie sich zu läutern hofften. Auch hier dürfen wir nicht mit modernen-rationalen Kontexten solche Erfahrung entwerten.</p>
<h4>Modernes Weltbild und Magie</h4>
<p>Das christliche Weltbild, das Gott nicht nur die Welt erschaffen hat, sondern dass sie von ihm durchdrungen ist und das die Erde das Zentrum der Schöpfung ist, wurde mit der Aufklärung ersetzt durch das physikalisch-biologische Weltbild, indem sich das Universum, ausgehend von Urknall und durch bekannte und noch unbekannte physikalische Gesetzmäßigkeiten (wie etwa die Dunkelenergie) stets weiter ausbreitet. Die Macht dieses Weltbildes und der Physik übersteigt die der mythischen Weltbilder bei Weitem; jeder hat schon die Erfahrung gemacht, sich die Weite des Universums vorzustellen und seine eigene Stellung im unendlichen Kosmos zu verorten.</p>
<p>Weltbilder drücken sich stets, so konnte Korzybski zeigen, in unserer Sprache aus, und Relikte des alten, mystischen Weltbildes haben sich bekanntlich in unserer Sprache erhalten, wie etwa der Formulierung: „Die Sonne geht auf/unter“; sie macht in dem modernen Weltbild ja nicht mehr richtig Sinn; an solchen sprachlichen Verzerrungen kann man den Einfluss der Weltbilder gut bemerken. Und wer hat als Kind nicht die erschreckende Erfahrung gemacht, als er zum ersten Mal realisierte, dass sie Sonne tatsächlich auch in der Nacht scheint; hier spiegeln sich im Kleinen die Übergänge von dem einen mythischen ins rationale Weltbild.</p>
<p>Auch dieses Weltbild bringt seine ganz eigene Technologie, seine eigene Magie mit sich, nämlich in der Moderne die technologischen Errungenschaften an sich. Auf der anderen Seite sind es genau die technologischen Errungenschaften, die eine weitere Ausdifferenzierung des modernen Weltbildes über wissenschaftliche Theorie und Experiment möglich machen. Das geht soweit, wie es Carl Sagen formulierte, dass wir durch unsere wissenschaftliche Technik wieder „in den Bereich des Mythos vordringen“:</p>
<p><em>„Raumfahrt spricht etwas Tief in uns an, bei vielen von uns, wenn nicht allen. Eine wissenschaftliche Kollegin berichtet mir von einer Reise nach Neu Guinea, wo sie eine Steinzeitkultur besuchte, die kaum von der westlichen Zivilisation berührt worden ist. Sie kennen dort keine Armbanduhren, Erfrischungsgetränke oder Tiefkühlnahrung. Aber sie haben von Apollo 11 gehört. Sie wissen, dass Menschen auf dem Mond waren. Sie kennen die Namen von Armstrong, Aldrin und Collins. Sie wollten wissen, wer heute auf dem Mond spazieren geht.“</em></p>
<p>Doch diese externen Errungenschaften sind nur ein Spiegel der Geistestechnologie, die mit der Aufklärung, mit besserer Bildung und eben einem rationalistischen Weltbild einhergeht. Den dieses Weltbild ermöglicht Disziplin, Konzentration, Lernen und Lernen des Lernens, Hingabe an ein Forschungsfeld und nicht zuletzt Logik und rein abstraktes Denken. Diese Geistestechnologie ist allen vorhergehenden Formen von Geistestechnologien (Magie) weit überlegen.</p>
<h4>Postmodernes Weltbild und Magie</h4>
<p>Mit der Postmoderne trat plötzlich ein neuer Erzählzusammenhang und ein neues Weltbild auf, nämlich <em>dass alle vorhergehenden Weltbilder sozial konstruiert sind</em>. Es braucht Menschen und Gesellschaft, um überhaupt zu Weltbildern zu gelangen, es sind sozio-kulturelle Konzepte, die wir uns als Menschen zueigen machen können. Deutlich sieht man auch hier die Vermischung von Kultur und Selbst, und interessanterweise führt diese Vermischung zu neuen und starken Formen der Magie.</p>
<p>Eines der besten Beispiele postmoderner Magie ist sicherlich das <em>Neuro-lingustische Programmieren</em>, das als Blaupause für alle Formen von ‚Mentalprogrammierung‘ dienen kann. Ursprünglich als eine Metatherapieform gedacht, erkannten die Psychologen John Grinder und Richard Bandler jene Sprachmuster, durch die wir unsere Verhaltensweisen, Denkmuster, Gefühle und vor allem <strong>Beobachtungen </strong>von In– und Umwelt des Menschen nachhaltig verändern können,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-17" id='fnref-3768-17'>17</a></sup> also jene Sprachmuster, die die erfolgreichsten Psychotherapeuten mehr oder weniger intuitiv verwendeten. Durch das Aufdecken der ‚Fehlgeformtheiten‘ der Sprache verändern wir uns selbst. (Schopenhauers rhetorische Tricks sind übrigens im Wesentlichen deckungsgleich mit jenen Fehlgeformtheiten des NLP, dienen aber nicht dazu, sich selbst zu befreien, sondern um eine Diskussion zu gewinnen).</p>
<p>Die heutige Spiritualität, die zum Teil auch ihre Wurzeln in der hermetisch-magischen Orden des ausgehenden 19ten Jahrhunderts hat, basiert zu einem guten Teil darauf, dem Schüler durch Veränderung dieser Sprachmuster &amp; Affirmationen zu einer Veränderung von Selbstbeobachtung und Verhaltensweisen zu bringen, man denke nur an Anweisungen wie „Be here now“, „Ich bin der Schöpfer meines Schicksals“, „I am Love, I am Light“ , „All is well, as it should be“ u.s.w. Ein Großteil spiritueller Seminare und Workshop dreht sich um die Deutung und sprachliche Implementierung solcher Affirmationen; selten wird der soziale und psychologische Mechanismus dieser Methode diskutiert; tatsächlich haben wir es hier aber mit einer besonderen Mentaltechnik zu tun, durch diese Affirmationen Selbst– und Weltbild zu verändern. Im Gegensatz zu der modernen Technik des abstrakten Denkens und den archaischen Techniken der Synchronizität verfügt diese Magie über wesentlich mehr Macht; denn wie es so schön heißt (und was selbst eine Affirmation ist): „Verändere erst dich selbst, bevor du die Welt verändern willst.“<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-18" id='fnref-3768-18'>18</a></sup> Denn wie erwähnt ist es auch die Funktion der Spiritualität, dass sich das Individuum durch die Dekonstruktion und Neuerschaffung mittels solcher Affirmationen von dem Ego befreit und zu dem wahren, authentischen oder auch evolutionären (also sich stets verändernden und Entwickelnden) Selbst gelangt.</p>
<h4>Post-postmodernes (oder integrales) Weltbild und Magie</h4>
<p>Mit dem post-postmodernen Weltbild wird dann die Differenzierung zwischen Kultur und Selbst vollständig, nämlich indem die gesamten kulturell tradierten Perspektiven und vor allem Weltbilder auf ein internes psychologisches Modell überführt und integriert werden können. Die vielen Perspektiven werden vereinigt, ob jetzt in Form Ken Wilber integraler Theorie oder anderen. Das post-postmoderne Weltbild besteht auch in der (Selbst-)Erkenntnis, dass sich Weltbilder entwickeln und quasi nebeneinanderstehen können. Unsere kognitive Vorstellung von der Welt, ihre Entwicklung, soziale Tradierung <strong>und</strong> das Konzept eines realen Universums (was wir an sich nur schwerlich wahrnehmen können) stehen so als Ganzes nebeneinander.</p>
<p>Damit geht auch eine neue Form von Magie einher, die in den hermetischen Systemen als ‚<em>die Vision der Harmonie der Dinge</em>‘ bekannt ist: Zu erkennen, wie alles – alle Weltsichten, Perspektiven und Entwicklungsstufen – zusammengehört, sich ergänzt und vor allem: wie sie sich entwickeln.</p>
<p>Für das Individuum, welches diese mächtige Vision erfährt, verändert sich das eigene Leben grundlegend. Hier hat es das erste Ziel der Spiritualität erreicht; es ist zum ersten Mal ‚at home in the Universe‘, hat seinen Sinn gefunden, weiß woher es kommt, und noch bedeutender: wohin es geht. Es hat jenen oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen abgelegt, von dem es vorher dachte, es sei seine Persönlichkeit, sein Ego, sein Wille, seine Besonderheit. Mit dieser Freiheit ist das Individuum endlich fähig zu tun, was es will, ohne von den Limitationen des Egos – Ängste, Sorgen, Zweifel – gehindert zu werden. Es erreicht daher Dinge und ist zu Unternehmungen fähig, die ein weniger entwickeltes Individuum, welches in einem ständigen Konflikt mit den Blockaden und Maniriertheiten seines Egos liegt, niemals erreichen kann. Es verfügt über eine fortgeschrittene Geistestechnologie, mithin Magie, die es zum Wohle von allen einsetzen kann, und es handelt stets in Übereinstimmung mit der Evolution und Entwicklung aller (sich selbst eingeschlossen). Streng genommen ist auch dies noch eine magische Fähigkeit <em>zweiter Ordnung</em>. Die wahren <em>Siddhies</em>, (die magischen Kräfte erster Ordnung) treten erst mit der nächsten Stufe der Entwicklung auf.</p>
<h4>Siddhis</h4>
<p>Sogenannte Siddhis treten auf, wenn das Individuum fähig ist, seine Weltbilder grundlegend abzulegen und wenn es volle Erleuchtung erlangt hat. Im tantrischen Buddhismus bezieht der Begriff ‚Siddhis‘ ursprünglich auf magische Fähigkeiten, sind aber tatsächlich exoterische Beschreibungen von z.B. Meditationserfahrungen und besonderer Phänomene; ich nutze den Begriff insofern in einer leicht anderen Form.</p>
<p>Im Vergleich dazu ist selbst das post-postmodernen Individuum noch an die Funktion und Faktizität der Weltbilder gebunden. Momente der Leere und Non-Dualität können zwar erreicht werden, aber die Fähigkeit, den Maschinenraum der Psyche wirklich langfristig abzuschalten zu können, liegt noch nicht vor. Es geht hier freilich um solche Phasen wie die <em>Dunkle Nacht der Seele</em>, <em>das schwarze Beinahe-Erlangen</em> oder auch <em>samadhi-nirvikalpa</em>, bei der die „Geistestätigkeit in der Meditation tatsächlich über lange Zeiträume endet“,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-19" id='fnref-3768-19'>19</a></sup> und damit alle Kontexte, Konzepte und alle Weltbilder zum Erliegen kommen, wie auch jener Dämon, der für endlose chatter und Hintergrundrauschen des Geistes verantwortlich ist. Das heißt auch, dass auch Konzepte und Kategorien wie hell und dunkel, oben und unten, Körper und ‚Ich‘ usw. abgelegt werden können. Mit dieser Form der Freiheit gehen auch eine bestimmte Form von Fähigkeiten einher, die man <em>magische Kräfte ersten Ranges</em> nennen könnte.</p>
<p>Eine einfach Analogie für diese Siddhis ersten Ranges findet man beim morgendlichen Aufwachen. Jeder mag es schon einmal erlebt haben, wie der erste Gedanke, den man morgens dachte, den <em>Ton</em> für den ganzen folgenden Tag bestimmt hat. Auf eine ähnliche Weise ist der erste Gedanke, den man hat, nachdem man das <em>samadhi nirvikalpa</em> verlässt, ähnlich bestimmend, nur ungleich gravierender. Aus diesem Grund zeigt ist auch luzides Träumen oder Zeugenbewusstheit in Tiefschlafphasen von Bedeutung, denn sie sind ein Indikator darauf, ob der Maschinenraum des Geistes tatsächlich und vollständig unter Kontrolle des Steuermanns ist.</p>
<h4>Fazit</h4>
<p>Man sieht darin, ich sagte es schon, wie Weltbilder immer eine Form der Magie erzeugen, also eine Technologie, die durch die Grenzen und Eigenschaften des Weltbildes und den entsprechenden soziokulturellen und psychologischen definiert wird. Magie ist nicht zwangsläufig prä-rational; es gibt auch rationale und transrationale Formen von Magie, oder besser gesagt ‚Geistestechnologien“. Sie werden komplexer und in gewisser Hinsicht mächtiger mit jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-3768-1'>Wir springen kurz in Oberen Rechten Quadranten Wilbers AQAL Modells. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-2'>Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Agnosia <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-3'>Habermas, <em>Theorie des kommunikativen</em> Handelns. S 81 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-4'>A.a.O. S 79 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-5'>Lévi-Strauss, <em>Strukturale Anthopologie</em> <em>I</em>, S. 184. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-6'>Vgl. Mircea Eliade, <em>Yoga</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-7'>Vgl. Allan Combs, <em>Die Psychologie des menschliche Bewusstseins</em>. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-7">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-8'>Dies gilt für alle sozial angebotenen Rollenkonzeptionen. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-8">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-9'>Vgl. Thomas Nagel: <em>What is it like to be a bat?</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-9">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-10'>Dementsprechend gibt es auch kein ‚soziales Bewusstsein‘, wie viele New Age Fans behaupten. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-10">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-11'>A.a.O., S. 76 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-11">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-12'>A.a.O. S. 74 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-12">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-13'>Schelling, Thomas, <em>The Strategy of conflict</em>, S.57 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-13">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-14'>Spiral Dynamics argumentiert hier allgemeiner und besagt, dass das „Blaue <sup>v</sup>Mem“ etwa 3000 Jahre v. Chr. Aufgetaucht ist. Ich beziehe mich hier explizit auf das Auftauchen des christlichen Mythos. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-14">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-15'>Vgl. Allan Combs, <em>Consciousness explained better</em>, S 98. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-15">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-16'>Vgl. Joseph Campbell, <em>Schöpferische Mythologie</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-16">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-17'>Vgl. Grinder/Bandler, Die Struktur der Magie. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-17">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-18'>Eine Affirmation von Gandhi. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-18">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-19'>Vgl. Mircea Eliade, Yoga. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-19">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/11/26/die-evolution-der-magie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Depression integral wahrnehmen</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/09/21/depression-integral-wahrnehmen/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/09/21/depression-integral-wahrnehmen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 21 Sep 2011 20:07:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andres Pellegrini</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Emotionen]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2920</guid>
		<description><![CDATA[Ein Erfahrungsbericht Einführung und Absicht Seit etwa fünfzehn Jahren begleiten mich Phasen von leichten bis mittelschweren Depressionen. Im Laufe dieser Zeit hat sich mein Verständnis dieses Phänomens fortlaufend – und teilweise radikal – gewandelt und vertieft. Aus einem anfänglich als Katastrophe wahrgenommenen Bewusstseinszustand ist eine Brücke zur Inspiration geworden. Während ich auf das depressive Zustandsbild [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/schwarz_4.jpg" rel="lightbox[2920]"><img class="size-medium wp-image-2927 alignright" style="margin-left: 10px;" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/schwarz_4-300x238.jpg" alt="" width="240" height="190" /></a>Ein Erfahrungsbericht</h2>
<h4>Einführung und Absicht</h4>
<p>Seit etwa fünfzehn Jahren begleiten mich Phasen von leichten bis mittelschweren Depressionen. Im Laufe dieser Zeit hat sich mein Verständnis dieses Phänomens fortlaufend – und teilweise radikal – gewandelt und vertieft. Aus einem anfänglich als Katastrophe wahrgenommenen Bewusstseinszustand ist eine Brücke zur Inspiration geworden. Während ich auf das depressive Zustandsbild als solches liebend gerne verzichten würde, möchte ich die tiefen Einblicke ins Leben, die ich dadurch erhalten habe, keineswegs missen. Die Absicht dieses Artikels ist nicht das Erzählen meiner „Depressions-Geschichte“, sondern die Förderung eines befreienden und integralen Verständnisses bezüglich des Phänomens an und für sich. Es geht darum Beziehung zu schaffen. Ich möchte versuchen anhand meines Beispiels gewisse Aspekte aufzuzeigen, die viele Menschen, die mit Depressionen leben, teilen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2920-1" id='fnref-2920-1'>1</a></sup> Depression kann als schreckliches Ende wahrgenommen werden, als etwas, dass unbedingt verhindert oder wenigstens möglichst schnell beendet werden muss. Depression kann aber auch als Einstieg in die unendlichen Tiefen unseres Bewusstseins und das darin liegende Potenzial gesehen werden, als Tor zu vielfältigen Qualitäten; und genau darum wird es in den folgenden Abschnitten gehen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2920-2" id='fnref-2920-2'>2</a></sup></p>
<h4>Depression und Spiritualität</h4>
<p>Rückblickend kann ich sagen, dass ich in zwei ganz entscheidenden Punkten grosses Glück hatte: zum einen konnte ich von Anfang an die spirituelle Dimension fühlen, die in und hinter der Depression liegt und war nicht dazu verdammt das Ganze einfach als sinnlosen Defekt wahrzunehmen, den es mit psychologischen und medizinischen Mitteln auszumerzen gilt; zum anderen konnte ich mich relativ schnell auf die Depression einlassen und musste nicht allzu lange den ermüdenden und aussichtslosen Kampf dagegen führen (auch wenn Kleinkriege diesbezüglich natürlich immer mal wieder vorkommen können…). In anderen Worten: Ich fühle mich in etwas Umfassenderes eingebettet und kann sehen, dass darin auch Depression vorkommen kann. Hier ist der Begriff Gnade durchaus angebracht, wenn das Ganze in dieser Einfachheit und Offenheit stehen gelassen und nicht mit – aus meiner Sicht zutiefst perversen – Interpretationen »vergewaltigt« wird (»Du bist depressiv geworden, weil Du dies und das falsch gemacht hast und jetzt endlich lernst, dass…«, »Du hast Dir die Depression selber ausgewählt«, »Wärst Du spiritueller, hättest Du keine Depressionen«, »Deine Depression zeigt, dass Du besonders spirituell bist«…). Viele Menschen teilen diese Erfahrung von Gnade inmitten einer Krise; und zwar nicht nur solche, die eine Depression erleben, sondern einfach Menschen, die von etwas berührt werden, das ihr bisheriges Vorstellungsvermögen übersteigt: eine Krebsdiagnose, ein Todesfall, eine Naturkatastrophe, ein Unfall, eine Trennung etc. Für mich persönlich bilden der Zugang zu erweiterten Bewusstseinsdimensionen und die Erfahrung von Gnade die heilsame Basis im Umgang mit Depression.</p>
<h4>Depression und Meditation</h4>
<p>Meditation ist ein geniales Tool, um Depression vollumfänglich wahrzunehmen. Das stille Beobachten von depressiven Gedanken-Gefühls-Körperempfindungs-Mustern und die damit einhergehende Desidentifikation stellen etwas ganz Wesentliches dar. Desidentifikation bedeutet nicht, dass die Depression einfach so verschwindet; es entsteht jedoch mehr Space und Freiheit im Umgang mit dieser. Der Eindruck »diese Depression gehört mir« wandelt sich in »Depression ist einer von unendlich vielen Aspekten, die ich wahrnehmen kann«. Depression wird plötzlich als eine von vielen Möglichkeiten gesehen. Meditation hilft mit, der Depression sowohl nüchtern als auch mitfühlend zu begegnen. Eine Transformation kann nur stattfinden, wenn zuerst nichts anderes als pure Wahrnehmung ohne Reaktion ist. »Sein-Lassen-Können« ist etwas ganz Zentrales im Umgang mit depressiven Mustern. Wenn wir das Phänomen Depression rein energetisch betrachten, können wir sagen, dass es sich um komprimierte Energie handelt. Meditation schafft natürliche Ausdehnung, was einem Fliessen der Energie gleichkommt. Es ist, als würden wir ein Eisstück an die warme Sonne legen. Früher oder später wechselt der Aggregatzustand: aus fest wird flüssig. Fahren wir fort, kommen wir zu gasförmig, d.h. wir haben Space kreiert. Es ist, als würden wir durch Meditation immer wieder ins Licht am Ende des dunklen Tunnels eintauchen und bei der Rückkehr ein bisschen von diesem Strahlen mitnehmen. Mit dem folgenden Sound-Beispiel haben Sie die Möglichkeit, sich diesem Prozess nicht über die Sprache, sondern über Schwingung anzunähern (Hinweis: computerinterne Lautsprecher »verschlucken« viele Frequenzen; nur über externe Boxen oder gute Kopfhörer wird die Vibration wirklich erfahren).</p>
<p><a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/09/licht-am-ende-des-tunnels.wav" rel="external nofollow">Licht am Ende des Tunnels</a></p>
<p>An diesem Beispiel wird deutlich, dass Depression nicht – wie häufig vermutet – ein energiearmer, sondern eigentlich ein sehr energiereicher Zustand ist. Die Schwierigkeit liegt also nicht in einem Verlust von Energie, sondern vielmehr in dem Zustand der Energie. Es ist nicht das Fehlen, sondern die Kompression, welche die ganze Dunkelheit verursacht.</p>
<p>Ein Stolperstein, der im Zusammenhang mit Meditation auftreten kann, ist die Dissoziation, d.h. statt einer Desidentifikation (ich kann die Depression klar sehen, bin ihr jedoch nicht mehr ausgeliefert) findet Abspaltung statt (ich meditiere, um die Depression nicht mehr wahrnehmen zu müssen). Diese Sackgasse kann umgangen werden, wenn Meditation in Kombination mit einer auf Mitgefühl und Stille basierten Gesprächstherapie angewendet wird (s. folgender Abschnitt).</p>
<h4>Depression, Psychotherapie und Beziehungen</h4>
<p>Es ist einfach zu sagen, was mein Versuch mit psychoanalytisch orientierter Therapie gebracht hat: nichts. Ich habe selten eine grössere Beziehungslosigkeit erlebt wie in diesen Sitzungen. Es war nichts anderes als ein Selbstbetrug, eine gedankliche Beruhigungspille. Ich will nicht behaupten, dass die Vergangenheit keinen Einfluss auf die Bildung einer späteren Depression hat. Ich bin jedoch überzeugt, dass das »Wissen« um vermeintliche Ursachen den Weg der Heilung eher blockiert als fördert. Einerseits frisst psychologische Ursachensuche eine Unmenge an Energie, die direkt für eine Heilung eingesetzt werden könnte, andererseits kann man sich bei den gefundenen Ursachen nie sicher sein ob sie echt sind oder bloss konstruiert. Aus meiner Sicht ist dieser ganze »Ursachen-Such-Wahn« nichts anderes als eine unfruchtbare Endlosschlaufe unseres Minds. Ein destruktives Spiel ohne Wirklichkeits– und Gefühlsbezug. Als umso hilfreicher hat sich jedoch Gesprächstherapie erwiesen, die nichts anderes tut als kontinuierlich den eben erwähnten Wirklichkeits– und Gefühlsbezug herzustellen. Dadurch wird es möglich die heilende Kraft der Trauer freizusetzen, die in Depressionen oft unter einem diffusen Mix aus Angst, Schuld– und Schamgefühlen, Ärger, Leere und Gefühlslosigkeit zu ersticken droht. Ich kenne nichts, das die Depression ehrlicher, tiefgreifender und effizienter auflösen kann als Trauer; und mit Trauer meine ich Trauer und nicht Selbstmitleid. Trauer ist Fluss ohne Geschichte, der immer in Stille und Freiheit mündet und dem Neuen den Weg bereitet. Für alle anderen – nicht therapeutischen – Beziehungen gilt schlussendlich derselbe Grundsatz. Alle Beziehungen, in denen Qualitäten wie Herzlichkeit, Wärme und Stille im Vordergrund stehen, helfen mit Depressionen aufzulösen. Beziehungen, die von fixen Vorstellungen, Leistung und Erwartungen geprägt werden, verschlimmern den Zustand. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass das Leben an der Seite eines depressiven Menschen bisweilen schwierig bis unmögliche sein kann. Depression kann eine harte Liebesprüfung sein. Diese Perspektive möchte ich hier jedoch nicht ausleuchten, da sie für sich alleine einen Artikel füllen würde. Nicht zuletzt möchte ich erwähnen, dass nicht nur Beziehungen zu Menschen, sondern auch solche zu Tieren sehr heilsam wirken können.</p>
<h4>Depression und moderne Medizin</h4>
<p>Wir leben in einer rationalen Welt mit der entsprechenden »objektiven« Sprache. Dieser Welt entspringt auch der medizinische Begriff »Depression«, welcher ein Krankheitsbild benennt. Aus einer spirituellen Perspektive liegt es nahe zu beklagen, dass dadurch das ursprüngliche Phänomen seiner ganzen Tiefe, Qualität und Kraft beraubt wird. Der Verbindungsfaden zur spirituellen Dimension wird zerschnitten! Die Dunkle Nacht der Seele, Bardozustände, Jesus‹ Aufenthalt in der Wüste und der Tunnel vor dem Licht werden auf verzerrte Wahrnehmungen des Gehirns reduziert, welche sich wissenschaftlich erklären und beheben lassen! Was wie ein Widerspruch zwischen Medizin und Spiritualität aussieht, ist in Wirklichkeit keiner. Gut dreizehn Jahre habe ich gebraucht, um dies wirklich zu erfassen. Solange habe ich mich verbissen gegen Antidepressiva gewehrt nur um zu beweisen, dass die Medizin sich irrt. Wenn ich beschreiben müsste, was dieser jahrelange Widerstand gebracht hat, fällt mein Fazit gleich aus wie vorhin bei der psychoanalytisch orientierten Therapie: nichts. Seit ich Antidepressiva einnehme hat sich meine Lebensqualität enorm verbessert. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ein Eingriff in die Hirnphysiologie soviel bewirken kann und bin dankbar, dass unsere moderne Medizin die Möglichkeit bietet genau auf dieser Ebene anzusetzen. Ich habe jetzt weniger Angst in der dunklen Nacht, in Bardozuständen, in der Wüste oder im Tunnel. Ich leide weniger und kann die Qualitäten von spirituellen Erfahrungen intensiver wahrnehmen. Spirituelle und medizinische Perspektiven konnten in ein grösseres Bild integriert werden.</p>
<h4>Depression, Körper und Energiesystem</h4>
<p>Jegliche Art von Berührung und Bewegung, die nicht nur den Körper und das Energiesystem, sondern auch das Herz (im symbolischen Sinne) miteinschliessen, wirken unterstützend bei Depressionen. Als sehr wirksam erwiesen sich bei mir: Sound, Tanz, Tai Chi, Qi Gong und Nicht-Leistungs-Sport. Ebenso wirksam sind Körpertherapien, die mit achtsamer Berührung arbeiten. Ich selber habe keine grossen Erfahrungen mit TCM und Homöopathie; auf Grund dessen, was ich darüber lese und höre, denke ich jedoch, dass in diesen Feldern ein grosses Potential liegt. Die häufig gestellte Frage, ob aktive oder passive Ansätze sinnvoller sind, lässt sich nicht beantworten (z.B. Massage vs. Tanz). Eigentlich ist diese Fragestellung falsch. Viel mehr sollte die Frage gestellt werden bei welcher Intervention am meisten innere Berührung und Bewegung entsteht. Die Wirkung sollte in den Vordergrund rücken, anstelle von oberflächlichen Diskussionen wie »aktiv oder passiv«.</p>
<p>Ein etwas heikles Gebiet können die Bereiche der Sexualität darstellen oder präziser formuliert: die Bilder von Sexualität und dem entsprechenden Verhalten, die in unseren Köpfen herumgeistern. In depressiven Zuständen ist die Lust nicht gerade das, was im Vordergrund steht und die Angst zu versagen wartet so ziemlich an jeder Ecke. Das heisst, wenn Leistung, Aufregung und Erwartungen das Feld dominieren ist die Chance relativ gross während der sexuellen Interaktion in den untersten UG’s der Depression zu landen. Das Gegenteil ist der Fall, wenn Qualitäten wie Achtsamkeit, Vertrauen, Intimität, Verständnis und Gelassenheit Eingang in die erotische Beziehung finden können.</p>
<h4>Depression und Natur</h4>
<p>Die Natur kann bei Depressionen über verschiedene Wege unterstützen und Vertrauen schenken. So kann zum Beispiel die Kontemplation über die vier Jahreszeiten zur Einsicht führen, das Depression ein fester Bestandteil der Natur ist. Sie heisst dort einfach anders: Herbst und Winter. So wie z.B. bei einem Baum das ganze Energiesystem in den kalten Jahreszeiten heruntergefahren wird, verhält es sich auch beim depressiven Menschen; und das Sehen, dass der Winter nicht das Ende, sondern in gewissem Sinne die Vorbereitung auf den Frühling ist, kann innerlich eine tiefe Wirkungen hinterlassen. Drei Aspekte der Natur möchte ich besonders hervorheben: Sonnenlicht, Wasser und frische Luft. Sonnenlicht wirkt v.a. auf zwei Arten. Einerseits wird der Melatoninspiegel gesenkt (Schlafbedürfnis nimmt ab) und der Sereretoninspiegel erhöht (Stimmung hellt sich auf). Andererseits ist die direkte Erfahrung von Wärme – die in depressiven Episoden oft verloren zu gehen droht – schlichtweg wohltuend. Wasser hat mir persönlich immer Qualitäten wie Vertrauen und Aufgehobensein vermittelt und zwar am intensivsten in der freien Natur (Treibenlassen im Fluss, durch den Regen rennen und die nassen Kleider auf der Haut fühlen…). Frische Luft wirkt dem »Erstickungsgefühl«, welches in Depressionen oft auftaucht, entgegen und kann – wenn auch nur für kurze Momente – innere Weite entstehen lassen. Auch wenn die Natur einen eher kurzfristigen Einfluss auf Depression haben mag – gut zu wissen, dass auch sie als Möglichkeit vorhanden ist.</p>
<h4>Die Qualität der Depression</h4>
<p>Zwei grosse Qualitäten, die in der Depression entdeckt werden können sind Tiefe und Gelassenheit. Ich habe immer das Bild eines Baumes im Winter vor Augen: Der Baum steht gelassen da, in tiefem Vertrauen auf den nächsten Frühling. Depression kann zudem ein Bewusstsein der verschiedenen Daseinsebenen wecken und ein integrales Verständnis erwachen lassen. Da sich durch Depression auf allen Bewusstseinsebenen – ausser den transpersonalen – etwas ändert, entsteht ein starkes Bewusstsein dafür; wir nehmen die Existenz von Energie– / Körper– / Gefühls– / Gedanken– / Beziehungsebene intensiver wahr, als wenn alles rund läuft. Damit will ich nicht sagen, dass erst die Depression diese Möglichkeit eröffnet. Es gibt auch viele andere Wege. Aber wenn wir schon in einer Depression landen, sollten wir auch die Möglichkeiten nutzen, die darin enthalten sind. Wenn wir die vier Quadranten von Ken Wilber auf alles bisher Besprochene anwenden, können wir sehen, dass wir uns bereits mitten in der integralen Wahrnehmung befinden (s. Abb.1).<sup class='footnote'><a href="#fn-2920-3" id='fnref-2920-3'>3</a></sup> </a>Indem wir der Depression vielfältig begegnen, erfahren wir das Potential der vier verschiedenen Perspektiven, auf welche das Quadrantenmodell hinweist.</p>
<div id="attachment_776" class="wp-caption alignnone" style="width: 291px"><a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/09/depression-integral1.jpg" target="_blank" rel="external nofollow" rel="lightbox[2920]"><img class="size-medium wp-image-776 " src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/09/depression-integral1.jpg?w=281" alt="" width="281" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Abb.1: Der Depression integral begegnen</p></div>
<h4>Rückfälle</h4>
<p>Rückfälle kommen – wie überall – auch im Umgang mit Depression vor und zeigen v.a. eines: schlussendlich liegt es nicht in unseren Händen, wo unser Lebensstrom durchführt. Natürlich können wir jeden Rückfall reflektieren und analysieren, wo die – geglaubten –Ursachen liegen und uns vornehmen, »es« das nächste Mal besser zu machen. Wir können aber auch der Erfahrung von Demut und Bescheidenheit Raum geben. Die ganze Bewusstseinsevolution verläuft sowohl im Kleinen wie im Grossen mit Vor– und Rückwärtsschritten. Dies ist das Wesen des Lernens; und wir Menschen bilden dabei keine Ausnahme.</p>
<h4>Zusammenfassung</h4>
<p>Ein Erfahrungsbericht kann befreiend wirken, wenn er nicht die Geschichte in den Vordergrund stellt, sondern universelle Aspekte beleuchtet und grössere Zusammenhänge herstellt. Depression kann als ein Zustand komprimierter Energie verstanden werden, der zuallererst einfach wahrgenommen werden kann. Hierzu eignet sich die Meditation. In einem zweiten Schritt geht es darum, auf verschiedenen Bewusstseinsebenen Space zu kreieren, sprich die komprimierte Energie zum Fliessen zu bringen. Dies kann z.B. über Meditation, herzliche Beziehungen, Antidepressiva, alternative Heilmittel, Sound, Berührung, Bewegung und die Natur geschehen. Spiritualität ist eine wesentliche Kraftquelle in diesem Prozess. In der Depression können wir Tiefe und Gelassenheit erfahren, sowie ein integrales Verständnis entwickeln. Das Modell der vier Quadranten erweist sich diesbezüglich als hilfreich.</p>
<p><em>Herzlichen Dank an Rita Borer für das Titelbild.</em></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2920-1'>In diesem Artikel geht es in erster Linie um Depressionen von leichtem bis mittelschwerem Ausmasse, die nicht rein organisch bedingt sind. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2920-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2920-2'>Es handelt sich hierbei nicht um einen wissenschaftlichen Artikel, sondern um einen Erfahrungsbericht; die Eindrücke, die ich über die Jahre aus der Literatur zu diesem Thema gewonnen habe, sind Teil dieser Erfahrung. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2920-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-2920-3'>Einführung in das Modell der vier Quadranten:<a href="http://integralesforum.org/index.php?id=211&amp;L=0" target="_blank" rel="external nofollow">http://integralesforum.org/index.php?id=211&amp;L=0 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2920-3">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/09/21/depression-integral-wahrnehmen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das kreative Potenzial der Einsamkeit</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/09/03/das-kreative-potential-der-einsamkeit/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/09/03/das-kreative-potential-der-einsamkeit/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 03 Sep 2011 09:52:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andres Pellegrini</dc:creator>
				<category><![CDATA[AndreSound]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2786</guid>
		<description><![CDATA[Ein „Schreckensgespenst“ im integralen Kontext Einführung und Absicht Wir alle kennen und vermeiden sie immer wieder auf raffinierte Art und Weise: Die Einsamkeit. Selten sprechen wir im Alltag darüber; auf Facebook und Twitter suchen wir vergeblich nach Statusmeldungen wie »bin einsam« oder „fühle mich verlassen“. Einsamkeit ist nicht chic – schon gar nicht im Zeitalter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/manuel_0021-1.jpg" rel="lightbox[2786]"><img class="size-medium wp-image-2792 alignright" style="margin-left: 10px;" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/manuel_0021-1-300x200.jpg" alt="" width="240" height="160" /></a>Ein „Schreckensgespenst“ im integralen Kontext</h2>
<h4>Einführung und Absicht</h4>
<p>Wir alle kennen und vermeiden sie immer wieder auf raffinierte Art und Weise: Die Einsamkeit. Selten sprechen wir im Alltag darüber; auf Facebook und Twitter suchen wir vergeblich nach Statusmeldungen wie »bin einsam« oder „fühle mich verlassen“. Einsamkeit ist nicht chic – schon gar nicht im Zeitalter der rasant zunehmenden weltweiten Vernetzung. Es scheint bisweilen sogar, als hätten wir die Einsamkeit endgültig überwunden. Ist dem wirklich so? Fühlen wir uns nicht manchmal trotz all der Menschen um uns herum und der vielfältigen Verbindungsmöglichkeiten via Internet einsam? Und die wahrscheinlich wichtigste Frage in diesem Zusammenhang: beruht unser Vermeidungsverhalten diesbezüglich nicht eher auf einem falschen Verständnis den auf einer wirklichen Prüfung dieses Phänomens? Höchste Zeit wieder einmal mitten ins Herz der Einsamkeit zu führen, hartnäckige Assoziationen aufzulockern und einen Blick auf das wirkliche Wesen dieses »Schreckensgespensts« zu werfen! In einem ersten Schritt möchte ich Sie dazu einladen hinter die Einsamkeit zu blicken und die dort verborgenen Qualitäten wahrzunehmen; zudem möchte ich das Verständnis für natürliche Bewusstseinsbewegungen wecken. In einem zweiten Schritt werde ich versuchen das Ganze mit Hilfe von Ken Wilbers vier Quadranten in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Dabei erlaube ich mir ein Grundverständnis dieses Konzepts vorauszusetzen <sup class='footnote'><a href="#fn-2786-1" id='fnref-2786-1'>1</a></sup>.</p>
<h4>Ausgangslage</h4>
<p>Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie surfen im Internet und klicken auf einen Link. Der Link wird geöffnet, doch alles, was Sie sehen, ist ein schwarzer Bildschirm. Sie gehen zurück und aktivieren erneut den Link – wieder landen Sie im Schwarzen. Sie werden ungeduldig, probieren es vielleicht nochmals – nichts. Spätestens jetzt geben Sie auf, surfen weiter und sind froh, wenn beim Klick auf einen anderen Link endlich etwas passiert. Im Alltag verhalten wir uns genau gleich: sobald wir in die Nähe von »Nichts« (schwarzer Bildschirm) kommen, sendet unser Gehirn die Meldung »Achtung Einsamkeit, nix wie weg!« (oder etwas in dieser Art). Und schon haben wir die passende Schokolade in der Hand, ein belangloses SMS verschickt oder uns – wenn es länger dauert – in irgendeinen Verein, eine Sucht, eine Affäre oder was auch immer gestürzt. Was wir ignorieren, ist die Tatsache, dass diese »Nichts-Momente« im Unterschied zum vorherigen Link-Beispiel keinen Programierfehler darstellen, den es auszumerzen gilt. Stattdessen steht dahinter eine ganz natürliche Bewegung unseres Bewusstseins. Diese Bewegung wollen wir im nächsten Abschnitt genauer untersuchen.</p>
<h4>Die natürliche Pendelbewegung unseres Bewusstseins</h4>
<p>Unser Bewusstsein pendelt ständig hin und her zwischen Anspannung und Entspannung, Konzentration und Expansion, ähnlich wie das Herz und die Lunge. Dies geschieht während vierundzwanzig Stunden mehrere Male; aber auch in längeren Zyklen ist dieses Phänomen beobachtbar. Aktive und stille Lebensphasen wechseln sich ab. Wenn sich unser Bewusstsein entspannt, entfernen wir uns aus dem sozialen Kontext und treten in erweiterte Bewusstseinsdimensionen ein. Genau hier reagiert unser Mind häufig mit Angst, da er den momentanen Rückzug ins Innere als tatsächlichen und endgültigen Beziehungsabbruch (zur Aussenwelt) fehlinterpretiert; daraus entsteht dann der Gedanke »Einsamkeit« (aus der Perspektive unseres Minds ist dieses Verhalten durchaus verständlich, da dieser sehr stark auf Überlebensnotwendigkeiten fokussiert, wozu auch das Funktionieren im sozialen Kontext zählt). Die zugrunde liegende Angst könnte auch als spirituelle Angst bezeichnet werden, symbolisch z.B. ausgedrückt durch Jesus in der Wüste oder die dunkle Nacht der Seele. Auch gewisse <em>Bardo</em>zustände (<em>Bardo</em>: »Zwischenzustand«; im tibetischen Buddhismus der Zustand nach dem Tod und vor der Wiedergeburt) weisen auf diese Erfahrung hin. Wir verlassen das Bekannte und Gewohnte und wenden uns dem Unbekannten zu. In diesem Geschehen gibt es Phasen, in denen wir nichts sehen können. Das Alte ist verschwunden und das Neue noch nicht erschienen. Diese Momente müssen jedoch nicht zwingend als Einsamkeit wahrgenommen werden, sondern können durch Training des Minds (z.B. Meditation) zunehmend als kreative Möglichkeiten erkannt und integriert werden.</p>
<h4>Einsamkeit im integralen Kontext</h4>
<p>Versuchen wir nun den Bewusstseinsmoment, in dem Einsamkeit auftreten kann, im Rahmen der vier Quadranten zu betrachten (s. Abb 1). In allen Quadranten ausser dem I-Quadranten sinkt die Aktivität. Unsere Körperfunktionen und unser Verhalten reduzieren sich, unser Interesse an Systemen wie Politik und Wirtschaft sinkt und wir ziehen uns vermehrt aus dem sozialen Gefüge zurück. Im individuellen Innern (I-Quadrant) steigt die Aktivität jedoch.</p>
<div id="attachment_549" class="wp-caption alignleft" style="width: 250px"><a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/09/4-q-einsamkeit.jpg" rel="external nofollow" rel="lightbox[2786]"><img class="size-medium wp-image-549  " src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/09/4-q-einsamkeit.jpg?w=300" alt="" width="240" height="240" /></a><p class="wp-caption-text">Abb.1: Einsamkeit im integralen Kontext</p></div>
<p>Es ist wie bei einem Baum im Winter: Auf der äusseren Ebene scheint er tot zu sein, auf einer tieferen ist er sehr lebendig. Wenn wir uns hier nicht mit der Einsamkeit identifizieren, findet ein Übergang in die spirituelle Dimension statt (erweitertes Bewusstsein). Einsamkeit transformiert sich in Alleinsein und mündet im All-Eins-Sein. Wir werden zeitlos. Damit ist die Geschichte jedoch nicht zu Ende. Wir kehren nach einer gewissen Zeit zurück und beginnen alle vier Quadranten mit den Qualitäten und Energien zu füllen, die wir bei unserem Aufenthalt in der Zeitlosigkeit aufgenommen haben. Der Baum, der blüht und Früchte trägt. In diesem Sinne gilt die Aussage, die Lao Tse über das Versagen macht (»Versagen ist eine günstige Gelegenheit«) auch für die Einsamkeit: Die Einsamkeit ist eine günstige Gelegenheit; eine günstige Gelegenheit in Kontakt zu kommen mit etwas Umfassenderem, ein Hinweis, dass gerade eine Bewegung in die Weite stattfindet <sup class='footnote'><a href="#fn-2786-2" id='fnref-2786-2'>2</a></sup>. Das Ende der Ablenkung und der Beginn von Verantwortung. Hätte es nicht immer wieder Menschen gegeben, die diese unglaubliche Qualität hinter der Einsamkeit und das damit einhergehende kreative Potential wahrnehmen und weitergeben konnten, wären wir heute um viele bereichernden Einsichten, Entdeckungen und Entwicklungen ärmer.</p>
<h4>Zusammenfassung</h4>
<p>Das Phänomen »Einsamkeit« ist ein Konzept unseres Minds, welches im Übergang zur spirituellen Dimension häufig auftritt. Wenn wir unseren Mind entsprechend trainieren, wird dieses Konzept durchschaut, was ein tieferes Eintauchen in die dahinter liegenden kreativen Qualitäten ermöglicht. Diese gilt es in allen vier Quadranten zu verwirklichen und auf diese Weise allen und allem zur Verfügung zu stellen.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2786-1'>Als kurze Einführung in den integralen Ansatz und die vier Quadranten empfehle ich die folgenden beiden Links: <a href="http://integralesforum.org/index.php?id=214" target="_blank" rel="external nofollow">http://integralesforum.org/index.php?id=214</a> / <a href="http://integralesforum.org/index.php?id=211&amp;L=0" target="_blank" rel="external nofollow">http://integralesforum.org/index.php?id=211&amp;L=0</a> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2786-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2786-2'>Tao Te King, 79 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2786-2">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/09/03/das-kreative-potential-der-einsamkeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Warum Spiritualität die Psychologie braucht</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/08/29/warum-spiritualitat-die-psychologie-braucht/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/08/29/warum-spiritualitat-die-psychologie-braucht/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 14:28:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2733</guid>
		<description><![CDATA[Viele Menschen werden desillusioniert auf ihrem spirituellen Pfad, und das ist nicht, weil spirituelle Praxis und Ansätze nicht effektive sind – sie sind es. Wenn wir und ernsthaft auf spirituelle Disziplinen einlassen – egal ob Meditation, Kontemplation, Yoga oder Gebet – wird unsere Praxis Früchte tragen. Wir werden mehr Erfahrungen, Einsichten, Momente der Verbindung mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2741" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4ad8003669bc6_small.png" rel="lightbox[2733]"><img class="size-full wp-image-2741" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4ad8003669bc6_small.png" alt="" width="200" height="113" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / tänzerin in blau © walter dannehl</p></div>
<p>Viele Menschen werden desillusioniert auf ihrem spirituellen Pfad, und das ist nicht, weil spirituelle Praxis und Ansätze nicht effektive sind – sie sind es. Wenn wir und ernsthaft auf spirituelle Disziplinen einlassen – egal ob Meditation, Kontemplation, Yoga oder Gebet – wird unsere Praxis Früchte tragen. Wir werden mehr Erfahrungen, Einsichten, Momente der Verbindung mit der Präsenz, Einheit oder Göttlichkeit haben. Das Problem sind nicht die spirituellen Technologien und die Praxis. Spirituelle Lehrer fallen nicht routinemässig in Skandale rund um Macht oder sexuellen Missbrauch weil die Praktiken die sie machen und lehren nicht funktionieren. Spirituelle Schüler werden nicht desillusioniert von ihrem spirituellen Leben weil sie nicht aufrichtig genug praktizieren. Wenn wir näher hinschauen, sehen wir, dass diese Praktiken funktionieren, und dass Teile unseres Lebens sich eigentlich verbessern.</p>
<p>Also warum macht uns das nicht endgültig glücklich? Verbessert unsere Beziehungen? Vermindert unsere Reaktionen? Depression? Ängstlichkeit? Durch die Arbeit mit hunderten von spirituellen Lehrern und Praktizierenden in der westlichen Welt, bin ich überzeugt, dass die spirituelle Arbeit allein nicht viele unserer tiefsten psychologischen Knoten und Traumen adressiert, noch bietet sie Werkzeuge um unsere Wunden aus Beziehungen zu heilen, die uns davon abhalten unsere tiefsten Sehnsüchte, Träume und spirituellen Möglichkeiten zu erfüllen.</p>
<p>Wir stecken fest, weil wir die psychologischen Wunden und Traumen nicht integriert haben, die in unseren Körpern leben und die sich immer und immer wieder wiederholen, durch unerfüllende, wenn nicht selbstzerstörerische Gewohnheiten und Dramen in unseren Leben. Wir geben uns dem Spiritual Bypassing hin, oft in der Hoffnung gegen unser Urteilsvermögen, dass unsere spirituelle Praxis unsere unangenehmen Gewohnheiten entfernt oder dabei hilft unsere Herausforderungen in der Beziehung transzendiert.</p>
<p>Oftmals fühlen spirituelle Aspiranten und Lehrer, dass sie über die psychologische Hilfe hinaus sind. Dass es heisst, es stimmt etwas nicht mit ihnen, wenn sie eine Psychotherapie machen, oder dass sie ihre spirituelle Praxis nicht gut genug machen. Es gibt Zeiten wo Menschen, die von psychopharmazeutischen Medikamenten profitieren würden, diese Hilfe nicht einnehmen, weil sie sich schämen, dass sie ihre emotionalen Hindernisse nicht mit Meditation oder Yoga überwinden können.</p>
<p>Viele Jahre in meinem Leben als spirituell Praktizierende, Schriftstellerin und Yogalehrerin, und lange nach meinem Hochschulabschluss in Counseling, kam ich zurück zu meinem Studium der Psychologie. Ich begegnete immer wieder »gefallenen Engeln« – grossartigen Lehrern und aufrichtigen Praktizierenden, die tief frustriert, unerfüllt, depressiv und ängstlich blieben, und immer noch Probleme mit Liebesbeziehungen hatten. I wollte effektive Technologien erforschen um Traumas und psychische Probleme zu bearbeiten, die weiterhin unsere Leben und Beziehungen belasten, egal wie viel spirituelle Arbeit wir geleistet haben. Ich fühlte ein leidenschaftliches Bedürfnis zu verstehen, wie wir die Traumas und psychologischen Probleme auf körperlicher Ebene durcharbeiten können. Ich wollte wissen was es wirklich heisst zu Integrieren und wie das erreicht wird.</p>
<p>Einer der grossartigen Beiträge die mein Freund, der Philosoph Ken Wilber, zu diesem Thema gemacht hat ist, zu erklären, dass menschliche Entwicklung auf einer Vielzahl von unterschiedlichsten Entwicklungsebenen geschieht. Zum Beispiel kann jemand auf der kognitiven Linie recht entwickelt sein, oder auf der spirituellen Linie, aber weniger entwickelt auf der Linie der Gefühle/Gemütsregungen, Ethik oder sexueller Entwicklung. Das Resultat ist einseitiges spirituelles Wachstum, das an sich nicht schlecht ist, doch muss als solches erkannt werden um unsere eigene integrierte Entwicklung zu optimieren, und ein Urteilsvermögen in Beziehung zu verschiedenen Therapien und spirituellen Pfaden, Lehrern und Praktiken zu kultivieren.</p>
<p>Ich glaube menschliches Wachstum und Potential hat kein Limit – es gibt keine rauf, runter oder seitwärts Expansion die wir erreichen und sagen können »Jetzt habe ich es geschafft.« Meine Erfahrung ist, je tiefer ich in mich und die Verbindung mit der Welt eintauche, desto mehr entdecke ich wie weit und endlos das alles ist. Die Schönheit daran ist, dass es wörtlich heisst, dass wo immer wir sind ist es OK, weil wir an einem Punkt auf einem Spektrum der Endlosigkeit sind.</p>
<p>Als ich 1999 in jungen Jahren das Buch <em><a href="http://astore.amazon.de/heinzrobert-21/detail/3928632957" rel="external nofollow">Auf halbem Weg zum Gipfel der Erleuchtung: Die Gefahren und Irrtümer verfrühter Ansprüche, erleuchtet zu sein</a></em> schrieb, war ich mir sicher, dass manche Menschen es nicht mögen würden. Wer würde 500 Seiten über Desillusionierung, Ego-Fallgruben, psychologischen Rätseln und gefallene Lehrer lesen? Zu meiner Überraschung wollten viele Menschen, und wollen immer noch, über dieses Thema lesen. Warum? Weil das ist wo wir leben, und lernen zu Akzeptieren wo wir sind ist irgendwie erfüllender, als ständig frustriert zu sein von einem Ideal wo wir sein sollten.</p>
<p>Ich glaube auch wir brauchen alle Hilfe und Begleitung auf dem Weg, manchmal durch professionelle Unterstützung und immer durch Freunde auf dem Weg. Einander zu bedürfen und Unterstützung auf dem Weg durchs Leben zu suchen ist ein Zeichen für Gesundheit, nicht der Unzulänglichkeit. Wir sind wahrlich kraftvoller, wenn wir uns gegenseitig unterstützen als wenn wir versuchen alleine zu stehen.</p>
<p><em>Veröffentlichung dieses Artikels mit der Erlaubnis der Autorin. Übersetzung aus dem Englischen von Heinz Robert</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/08/29/warum-spiritualitat-die-psychologie-braucht/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Sound der vier Quadranten</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/08/26/der-sound-der-vier-quadranten-3/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/08/26/der-sound-der-vier-quadranten-3/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 26 Aug 2011 00:23:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andres Pellegrini</dc:creator>
				<category><![CDATA[AndreSound]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Brainwave Entrainment]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Meditationstechnologie]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2628</guid>
		<description><![CDATA[Ein integrales Hörerlebnis Die Absicht dieses Artikels Mit diesem Artikel möchte ich versuchen Ken Wilbers vier Quadranten hörbar (mit Sound-Beispielen) und damit auch wirklich fühlbar und erlebbar zu machen; denn nicht über den Intellekt erfahren wir die wahren Qualitäten dieser Theorie, sondern in deren Anwendung, im direkten Wahrnehmen, in dem Augenblick, in dem auch die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2 style="text-align: justify;">Ein integrales Hörerlebnis</h2>
<p><img class="size-medium wp-image-2672 alignright" style="margin-left: 10px;" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/weggis_feb_08_027-300x210.jpg" alt="" width="185" height="128" /></p>
<h4>Die Absicht dieses Artikels</h4>
<p>Mit diesem Artikel möchte ich versuchen Ken Wilbers vier Quadranten hörbar (mit Sound-Beispielen) und damit auch wirklich fühlbar und erlebbar zu machen; denn nicht über den Intellekt erfahren wir die wahren Qualitäten dieser Theorie, sondern in deren Anwendung, im direkten Wahrnehmen, in dem Augenblick, in dem auch die hinterletzte Zelle unseres Wesens davon erfüllt wird. Mit den vier Quadranten haben wir ein unheimlich dynamisches Tool in unseren Händen, welches nicht nur einen wichtigen Schlüssel für unsere globalen, ernsthaften und komplexen Probleme darstellt, sondern auch einen Weg in eine freudige, spielerisch-liebevolle und kreative Lebensweise weist. Ich erlaube mir in diesem Artikel ein Grundverständnis der vier Quadranten vorauszusetzen<sup class='footnote'><a href="#fn-2628-1" id='fnref-2628-1'>1</a></sup>. Im Folgenden brauchen Sie nichts anderes zu tun, als den Sound wahrzunehmen, der auf Sie zukommt. Versuchen Sie sich auf die Schwingungen einzustimmen unabhängig davon, ob diese Ihnen gefallen oder nicht. Seien Sie einfach da und lassen Sie sich berühren. Nehmen Sie die dabei auftauchenden beschreibenden und wertenden Gedanken zur Kenntnis ohne diese schwächen oder verstärken zu wollen. Es lohnt sich richtige Musikboxen oder gute Kopfhörer zu verwenden, da nur so wirkliche energetische Berührung stattfinden kann (computerinterne Lautsprecher »verschlucken« viele Frequenzen und verzerren so die Sound-Atmosphäre).</p>
<h4>Die Einzigartigkeit der vier Quadranten</h4>
<p>Mit diesen ersten vier Sound-Beispielen haben Sie die Möglichkeit sich auf die verschiedenen Quadranten einzeln »einzutunen« (Klick auf entsprechendes Bild).</p>
<p><a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/i-sound.wav" target="_blank" rel="external nofollow"><img class="size-medium wp-image-279" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/ie28093sound.jpg?w=266" alt="" width="149" height="167" /></a> <a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/it-sound.wav" target="_blank" rel="external nofollow"><img class="size-medium wp-image-287" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/ite28093sound1.jpg?w=265" alt="" width="148" height="168" /></a><br />
<a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/we-sound.wav" target="_blank" rel="external nofollow"><img class="size-medium wp-image-281" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/wee28093sound.jpg?w=266" alt="" width="149" height="168" /></a> <a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/its-sound.wav" target="_blank"><img class="size-medium wp-image-282" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/itse28093sound.jpg?w=266" alt="" width="149" height="168" /><br />
</a><span class="Apple-style-span" style="font-size: 10px; font-weight: bold;">Abb.1: Die vier Quadranten als Sound</span></p>
<p>Was sie jetzt getan haben, ist nichts anderes als differenziert wahrzunehmen, d.h. die Quadranten voneinander zu unterscheiden. Im nächsten Abschnitt wollen wir dazu übergehen, die Quadranten in ihrem Zusammenhang zu sehen (hören).</p>
<h4>Die Verbundenheit der vier Quadranten</h4>
<p>Die vier Quadranten führen kein Eigenleben, sondern sind miteinander verbunden. In den nächsten beiden Sound-Beispielen können Sie sich in zwei verschiedenen Richtungen durch die Quadranten hören (Beginn mit »I-Sound«).</p>
<p><a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/4-quadranten_uhrzeigersinn.wav" target="_blank" rel="external nofollow"><img class="size-medium wp-image-331" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/4-quadranten_uhrzeigersinn2.jpg?w=281" alt="" width="158" height="168" /></a> <a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/4-quadranten_gegenuhrzeigersinn.wav" target="_blank" rel="external nofollow"><img class="size-medium wp-image-330" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/4-quadranten_gegenuhrzeigersinn2.jpg?w=281" alt="" width="158" height="168" /></a><br />
<span class="Apple-style-span" style="font-size: 10px; font-weight: bold;">Abb.2: Die vier Quadranten im Uhrzeiger– und Gegenuhrzeigersinn</span></p>
<p>Hier haben Sie in gewissem Sinne transformativ wahrgenommen: Die vier Quadranten fliessen nahtlos ineinander über, was den Eindruck einer sich ständig wandelnden (transformierenden) »Form« erzeugt<sup class='footnote'><a href="#fn-2628-2" id='fnref-2628-2'>2</a></sup>. Die Bewegung steht im Vordergrund.</p>
<h4>Die Gleichzeitigkeit der vier Quadranten</h4>
<p>Nachdem wir in den letzten beiden Abschnitten den Schritt von der differenzierten zur transformativen Wahrnehmung nachvollzogen haben, wollen wir jetzt noch einen weiteren Schritt wagen. Hören Sie hierzu das nächste und letzte Beispiel.</p>
<h6><a href="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/4-quadranten_gleichzeitig.wav" target="_blank" rel="external nofollow"><img class="alignnone size-medium wp-image-329" src="http://andrespellegrini.files.wordpress.com/2011/08/4-quadranten-gleichzeitig.jpg?w=281" alt="" width="158" height="168" /></a></h6>
<p><span class="Apple-style-span" style="font-size: 10px; font-weight: bold;">Abb.3: Die Gleichzeitigkeit der vier Quadranten</span></p>
<p>In diesem letzten Beispiel haben sie integral wahrgenommen, d.h. alle Quadranten gleichzeitig gehört. Der Augenblick steht im Zentrum, ein zeitloser »Punkt«, in dem alles zusammen erscheint.</p>
<h4>Die Bedeutung von Stille im integralen Leben</h4>
<p>Wie Sie im letzten Beispiel erleben konnten, ist integrale Wahrnehmung nicht in erster Linie »Wissen«, sondern vielmehr direkte Erfahrung und pures Erleben. Vielfältigste Eindrücke wirken auf uns ein. Wir werden von allen Seiten berührt und bewegt. In diesem Kontext stellt die Kultivierung von Stille und Mitgefühl etwas ganz Zentrales dar. Integrale Wahrnehmung ohne Stille und Mitgefühl artet schnell in eine als Überflutung oder Horrortrip interpretierte Erfahrung aus mit all dem dazugehörigen »Mindfuck«. Sobald das Gefühl entsteht, man müsse sich vor all den Eindrücken schützen (Angst), ist man verloren. Integrales Leben ist nur über eine absolut durchlässige und unerschrockene innere Haltung möglich. Qualitäten wie Humor, Bescheidenheit, Offenheit und Neugier sind hier gefragt.</p>
<h4>Zusammenfassung</h4>
<p>Die vier Quadranten sind ein sehr dynamisches Tool. Die darin enthaltenen Qualitäten können mit Sound auf einer energetischen Ebene spürbar gemacht werden. Wir haben die Möglichkeit zu wählen, ob wir differenziert, transformativ oder integral wahrnehmen möchten. Integrale Wahrnehmung kann ihre wirkliche Qualität nur über eine innere Haltung von Stille und Mitgefühl entfalten.</p>
<p><em>Herzlichen Dank an Rita Borer für das Titelbild.</em></p>
<p>Weiterführende Literatur:</p>
<p>Visser, Frank. <em>Ken Wilber – Denker aus Passion. Eine Zusammenschau</em>. Petersburg: Via Nova. 2002</p>
<p>Wilber, Ken; Patten, Terry; Leonard, Adam; Morelli Marco. <em>Integral Life Practic. A 21st– Century Blueprint for Physical Health, Emotional Balance, Mental Clarity, and Spiritual Awakening. </em>Boston and London: Integral Books. 2008</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2628-1'>Als kurze Einführung in den integralen Ansatz und die vier Quadranten empfehle ich die folgenden beiden Links: <a href="http://integralesforum.org/index.php?id=214" target="_blank" rel="external nofollow">http://integralesforum.org/index.php?id=214</a> / <a href="http://integralesforum.org/index.php?id=211&amp;L=0" target="_blank" rel="external nofollow">http://integralesforum.org/index.php?id=211&amp;L=0</a> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2628-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2628-2'>Der Begriff »Transformation« wird hier nur im Sinne von »Gestaltwandel« verwendet und hat in diesem Zusammenhang nichts mit mit einem Übergang von einer tieferen zu einer höheren Bewusstseinsstufe zu tun. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2628-2">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/08/26/der-sound-der-vier-quadranten-3/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Integrale Suchtgenesung</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/07/25/integrale-suchtgenesung/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/07/25/integrale-suchtgenesung/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 25 Jul 2011 12:50:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Emotionen]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2298</guid>
		<description><![CDATA[Meine Reise der Entwicklung eines integralen Ansatzes für die Behandlung von Alkohol– und Drogensucht begann im Frühjahr 2003, als ich zum ersten Mal Ken Wilbers AQAL Modell kennen lernte. Zuvor hatte ich viele Jahre damit zugebracht, mit Süchtigen und ihren Familien zu arbeiten und bessere Behandlungsmodelle zu entwickeln. Die Branche, in der ich arbeitete, war [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2301" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/ap4ad66f5e57b0c_small.jpg" target="_blank" rel="lightbox[2298]"><img class="size-full wp-image-2301" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/ap4ad66f5e57b0c_small.jpg" alt="" width="200" height="192" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Frühstück ist fertig… © Peter Ehmann</p></div>
<p>Meine Reise der Entwicklung eines integralen Ansatzes für die Behandlung von Alkohol– und Drogensucht begann im Frühjahr 2003, als ich zum ersten Mal Ken Wilbers AQAL Modell kennen lernte. Zuvor hatte ich viele Jahre damit zugebracht, mit Süchtigen und ihren Familien zu arbeiten und bessere Behandlungsmodelle zu entwickeln. Die Branche, in der ich arbeitete, war die <em>Wildnistherapie</em> in den Vereinigten Staaten, wo Jugendliche und Erwachsene für durchschnittlich 2 Monate in die Wildnis gebracht werden, um spezifische therapeutische Ziele zu erreichen. Die Zahlen der häufigsten Programme zeigten, dass ganze 85–90 % der gegenwärtigen Probleme der Klienten mit Drogen und Alkohol zu tun hatten. Während einige der Klienten gerade eine Zeit der Rebellion und des Drogen– und Alkoholmissbrauches durchmachten, waren viele bereits klinisch abhängig von diesen Substanzen. Damals wurde mir klar, dass ich entweder einen besseren Weg finden musste, um mit diesen Problemen umzugehen, oder dass ich meinen Rucksack an den Nagel hängen und mir einen anderen Job suchen konnte.</p>
<p>Obwohl behauptet wird, dass Suchterkrankungen das Gesundheitsproblem Nummer 1 in den USA sind, sind bisher kaum Mediziner und Therapeuten für die Behandlung von Suchtkrankheiten ausgebildet. Als Genesungs-„Experte“ galt oftmals schon jemand, der einmal selbst ein Abhängiger gewesen war und es geschafft hatte, von seiner Sucht loszukommen, gewöhnlich unter der Schirmherrschaft der Anonymen Alkoholiker (A.A.). Ein genesener Süchtiger zu sein ist eine hilfreiche Perspektive, doch man qualifiziert dadurch nicht <em>mehr</em> als Genesungsexperte, als z. B. ein Kind bekommen zu haben einen zum Geburtshelfer qualifiziert. Selbst die Grundfaktoren eines Suchtverhaltens schienen unseren Ärzten nicht bekannt zu sein, wie das Beispiel der Verschreibung von Schmerzmitteln illustriert. Dies kann für einen Substanzabhängigen extrem gefährlich sein und zu einem Rückfall und sogar zum Tod führen. In diesem dunkle Tal wanderten wir also dahin – Seite an Seite mit ziemlich fundamentalistisch-religiösen A.A. Anhängern und ignoranten Medizinern: in überfüllte Gefängnisse, deren Insassen zu 80% aufgrund von Drogen– und alkoholbezogener Delikte einsitzen.</p>
<p>Das wäre genug, um einen Menschen in die Verzweiflung zu treiben, dennoch machte ich weiter, und der große Durchbruch kam dann 2003, durch die Webseite <a href="http://www.integralnaked.org/" rel="external nofollow">www.integralnaked.org</a>, auf der ich ein 40-seitiges PDF von Ken fand mit dem Titel „Einführung in integrale Theorie und Praxis: IOS Grundlagen und die AQAL Landkarte“. Schlagartig hatte ich eine dieser schaulogischen Erfahrungen, in der ich das Ganze klar und deutlich vor meinem geistigen Auge stehen sah: Ich verstand nicht nur die AQAL Landkarte, sondern ich verstand die Krankheit der Sucht auf eine Weise wie nie zuvor, sogar nach Jahren der Arbeit mit Hunderten Süchtigen und deren Familien. Diese Erfahrung revolutionierte nicht nur mein Verständnis von Sucht, sondern brachte mich auch auf den Pfad eines ernsthaft Übenden der Integralen Lebenspraxis. Ich wusste intuitiv, dass – sofern diese Vision einer integralen Suchtgenesung reifen sollte – sie sich nur auf eine völlig integrale Weise entfalten könnte, gegründet auf eine wirkliche Praxis. Im Folgenden nun eine kurze Übersicht über Integrale Suchtgenesung und über die bisherigen Lernerfahrungen.</p>
<p>Ein Grundverständnis von AQAL darf hier vorausgesetzt werden. Grundsätzlich verwenden wir die<em> vier Quadranten </em>als ein diagnostisches Werkzeug .So finden wir z.B. im oberen rechten Quadranten (Es) oftmals ein beträchtliche Schädigung, die dem Gehirn und somit dem physischen Körper des Süchtigen angetan wurde. Daher müssen wir in therapeutischer Hinsicht wiederherstellende Maßnehmen ergreifen, um den grobstofflichen Schaden, der durch die Krankheit angerichtet wurde, heilen und ausgleichen zu helfen. Das bedeutet körperliches Training, Nahrungsergänzung, eine gesunde Ernährung, Yoga, Körper-Arbeit und bin-aurales Hirn-Training durch technisch unterstützte Meditation (z.B. Holosync). Im oberen linken Quadranten (Ich) herrscht eine Menge mentales Chaos, Wut, Angst, Depression, Hass auf andere und Selbsthass, usw. Diese innerlichen Erfahrungen müssen gleichermaßen als Symptome und als auslösende Faktoren behandelt werden, durch individuelle und Gruppentherapie, Meditation, Schattenarbeit, Trauma-Arbeit, sowie durch kognitives Lernen über die Krankheit der Sucht und die integrale Landkarte. Im unteren linken Quadranten (Wir) gibt es gewöhnlich eine Verwüstung nahezu aller Beziehungen des Patienten, aufgrund seines negativen Verhaltens, ausgelöst durch fortschreitende Krankheit. In dieser Dimension gibt es einen Bedarf an Familientherapie, Paartherapie, um das zerfetzte soziale Gewebe so gut es geht wieder herzustellen. Im unteren rechten Quadranten (Es plural) gibt es oftmals rechtliche, finanzielle und andere System-bezogene Probleme, die angegangen werden müssen.</p>
<p>Man kann keinen Schaden in einem Quadranten anrichten, ohne den anderen drei ebenfalls Schaden zuzufügen. Umgekehrt hilft jeglicher Fortschritt in einem der Quadranten, alle anderen mit emporzuheben und zu heilen. Daher muss in einem integralen Behandlungsprogramm mit allen vier Quadranten gearbeitet werden. Jegliches Behandlungsprogramm, das nicht alle vier Quadranten wirkungsvoll anspricht, ist einseitig und letztendlich ineffektiv.</p>
<p>Ginge es in der AQAL Landkarte lediglich um die vier Quadranten, wäre das immer noch genug, um eine Revolution unseres Ansatzes der Suchtbehandlung auszulösen und viele große Brüche und Risse zu heilen. Doch es kommt noch besser. Viel besser.</p>
<blockquote><p>Genauso wie die Suchterkrankung chronisch ist und ein Leben lang dauert, ebenso muss die Hingabe an die Praxis eine lebenslange sein.</p></blockquote>
<p>Das <em>Linien</em>–Element der AQAL-Landkarte zeigt uns sehr genau, welche großen Teile des Selbst-Systems trainiert und entwickelt werden müssen, um Nüchternheit und optimale Gesundheit zu erreichen. Eine integrale Lebenspraxis (oder eine integrale Genesungspraxis) wird zum Vehikel, um diese Ziele durch Fokussierung auf die vier essentiellen Linien (oder „Haupt-Module“) von Körper, Geist, Herz und Seele zu erreichen. Ein integrales Behandlungszentrum ist letztendlich ein <em>Training</em>szentrum: ein Ort wo der Patient lernt, wie man praktiziert und die Disziplin und den Antrieb entwickelt, um eine ILP im eigenen Leben zu implementieren. Das bedeutet körperliche Ertüchtigung, Ernährung, Meditation, Schattenarbeit und Arbeit mit der Freisetzung von Emotionen, sowie fortgesetzte Studien und Lernen. Die Praxis wird so die Achse, auf der das Leben wieder anfängt, sich zu drehen und zu funktionieren. Für integrale Suchtgenesung beginnt der Rückfall tatsächlich bereits in dem Moment, wo jemand seine Praxis unterbricht, noch lang bevor irgendeine Droge eingenommen wird. Genauso wie die Suchterkrankung chronisch ist und ein Leben lang anhält, ebenso muss die Hingabe an die Praxis eine lebenslange sein. Es ist offensichtlich, dass dies eine Anleitung zum Erfolg und Glücklichsein für jedermann ist, nicht bloß für einen Suchtkranken. Doch für den Süchtigen wird es zum Überlebensimperativ, nicht bloß eine Frage des Lifestyles. Damit AQAL als wahrer psychoaktiver Katalysator dienen kann, der uns von einem <em>kognitiven</em> (Zweiten-Rang) Denken zu einer <em>verkörperten</em> (Dritten-Rang) Ebene der Entwicklung bringt, müssen wir vom Sofa hochkommen, auf unsere Meditationskissen setzen und uns ins Fitnessstudio gehen und so praktizieren, als ob die Zukunft davon abhinge, indem wir persönlich Verantwortung für unser Wachstum und für unsere Entwicklung übernehmen.</p>
<p>Eine detaillierte Behandlung von Spiral Dynamics und Ken Wilbers eigener Karte der Entwicklung würden den Rahmen dieses Artikels sprengen. Doch vereinfacht gesagt lässt sich beobachten, dass, während die Krankheit der Sucht fortschreitet, der Süchtige, welche Entwicklungshöhe er auch immer vorher erlangt hatte, z.B. ethnozentrisch oder weltzentrisch, zu einer sehr ungesunden egozentrischen Stufe regrediert, wo das Einzige, das zählt, das süchtige Selbst ist und die Bemühung, high zu bleiben ist. Auf dieser Stufe ist der Süchtige bereit, nahezu alles zu tun, um die fortdauernde Versorgung mit der Droge sicherzustellen. Der Ort der Kontrolle im Süchtigen bewegt sich von dem höher entwickelten Neokortex zum basalen Reptilien-Hirnstamm. Das überwältigende Verlangen nach der Droge wird vom Gehirn des Süchtigen als notwendig für das nackte Überleben interpretiert. Alle anderen höheren menschlichen Werte und Bestrebungen werden unterdrückt und zurück bleibt ein Süchtiger, der die Kontrolle über sein Leben verloren hat und Sklave eines übermächtigen Meisters ist: dem Verlangen nach der begehrten Substanz. Hier herrscht wieder das Gesetz des Dschungels und 100.000 Jahre menschlicher Moralentwicklung werden der Gier preisgegeben.</p>
<p>Entwicklungslandkarten zu besitzen und zu verwenden, um diesen Abstieg in die Hölle, sowie den Ausweg daraus aufzuzeichnen, ist eine revolutionäre neue Perspektive. Bald nachdem die Arbeit der Heilung und Transformation begonnen hat, wird die Wahrheit des „Ich bin ein Süchtiger“ zu „ Ich habe eine Sucht“, während das ehemalig kontrollierende <em>Sucht-Selbst </em> transzendiert wird von einem auf einer höheren Ebene auftauchenden gesunden Selbst. Die Sucht wird zu einem <em>weiteren Objekt</em> im Gewahrsein, mit dem geschickt umgegangen werden muss. Irgendwo in diesem Prozess transformiert sich das Ziel der integralen Suchtgenesung jenseits des Erreichens von Nüchternheit zu einem Streben, sein bestes und wahrsten Selbst zu werden. Ziel der Praxis ist nicht länger das nackte Überleben oder das Fortschreiten der Krankheit zu verhindern, sondern Selbst-Verwirklichung in der relativen Welt und Selbst-Realisierung in der zeitlosen Gegenwart.</p>
<p>Wir verwenden dabei Methoden wie Genpo Roshis <em>Big Mind Training</em> und die binaurale Gehirntraining-Technologie von Holosync. Unsere Klienten lernen schnell, wie sie in Zustände der tiefen Meditation und Kontemplation eintreten können und wie sie negative Emotionen, vergangene Traumata und negative Geschichten, die sie sich über sich selbst, über andere und die Wirklichkeit gebildet haben, auflösen und loslassen können. Währenddessen entwickeln sie zusätzlich die Fähigkeit, im immer schon gegenwärtigen Zeugen zu ruhen, sowie einen Zugang zu Zuständen von gesteigerter Kreativität und Problemlösefähigkeit zu finden. Somit werden Probleme, die zuvor vielleicht als unlösbar erschienen, von einer höheren Ebene und aus unterschiedlichen Perspektiven aufgelöst.</p>
<p>Schließlich lassen wir auch noch nach Wilbers Modell <em>Typen</em> einfließen: Zuerst männlich und weiblich und später verschiedene andere Typologien, wie das Enneagramm oder Meyers-Briggs. Auch hierzu könnte außerordentlich viel gesagt werden, doch es genügt festzustellen, dass wir durch die Berücksichtigung der Typen in unserem integralen Genesungsmodell Raum für eine größere Sensibilität und Geschicklichkeit schaffen. So besagt z.B. eine feministische Kritik der A.A., dass dieses Programm für die Männer einer erfolgreichen weißen Oberschicht-Männer konzipiert wurde, und dass seine Betonung auf Ego-Deflation nicht so hilfreich ist, wenn man mit anderen Typen von Suchtkranken umgeht. Die Straßenprostituierte, die ebenfalls suchtkrank ist, benötigt oftmals viel mehr den Wiederaufbau des Egos und Unterstützung statt Ego-Deflation.</p>
<p>Kurz gesagt, was Integrale Suchtgenesung und die AQAL Landkarte uns ermöglichen, ist, alle essentiellen Faktoren zu erfassen, so dass im Dienste unserer Patienten und ihrer Suche nach Heilung und Gesundheit kein Stein zurückbleibt, der nicht umgedreht worden wäre</p>
<p>Für eine umfassendere Darstellung dieses Themas (auch in deutscher Sprache) siehe mein Papier auf unserer Webseite: <a href="http://www.integralrecovery.com/" rel="external nofollow">www.integralrecovery.com</a></p>
<p> </p>
<p><em><a href="http://integralrecovery.com/wp-content/uploads/2007/11/john_dupuy_-_integrale_suchtgenesung.pdf" target="_blank" rel="external nofollow">Auf dem Weg zu einem Integralen Suchtgenesungsmodell für Drogen– und Alkoholsucht</a> (von John Dupuy mit Marco Morelli)</em></p>
<p><em>Erschienen in <a href="http://integralesleben.org/il-home/if-integrales-forum/zeitschrift-integrale-perspektiven/ip-bisherige-ausgaben/ausgaben-ip07-09/" rel="external nofollow">integrale perspektiven</a> Nr. 9, März 2008. Übersetzung aus dem Englischen: Dennis Wittrock</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/07/25/integrale-suchtgenesung/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Integrieren oder krepieren</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/07/22/integrieren-oder-krepieren/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/07/22/integrieren-oder-krepieren/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 22 Jul 2011 15:37:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2284</guid>
		<description><![CDATA[Oder: die Notwendigkeit eines integralen Weltbildes „Niemand ist so clever sich ständig nur zu irren“ – Ken Wilber Wo die Not groß ist, da – so sprach schon Hölderlin – „wächst das Rettende schon“. Was könnte das Not-Wendende sein angesichts von Finanzkrise, Klimawandel, Terrorismus, Fundamentalismus, drohender Ressourcenknappheit und achselzuckender Hoffnungslosigkeit? Wenn die äußeren Lebensbedingungen tatsächlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Oder: die Notwendigkeit eines integralen Weltbildes</h2>
<blockquote><p><em>„Niemand ist so clever sich ständig nur zu irren“ – Ken Wilber</em></p></blockquote>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/Nautilus-Shell.jpg" target="_blank" rel="lightbox[2284]"><img class="alignright size-full wp-image-2291" style="margin-left: 10px;" title="Quelle: Wikipedia, Chris 73" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/Nautilus-Shell.jpg" alt="" width="200" /></a>Wo die Not groß ist, da – so sprach schon Hölderlin – „wächst das Rettende schon“. Was könnte das Not-Wendende sein angesichts von Finanzkrise, Klimawandel, Terrorismus, Fundamentalismus, drohender Ressourcenknappheit und achselzuckender Hoffnungslosigkeit? Wenn die äußeren Lebensbedingungen tatsächlich die Frage darstellen, auf die die menschliche Intelligenz immer neue Antworten hervorbringt – was ist dann die Antwort auf Problemlagen, die so komplex sind, dass sie nationalstaatlichen Gebilden mehr und mehr entgleiten?</p>
<p>Man stelle sich vor, dass alle bisherigen Stationen der Menschwerdung (mit allen ihren spezifischen Stärken und Schwächen in unterschiedlichen Bereichen) in diesem Augenblick Krieg miteinander führen–  verstärkt durch ein multidimensionales Informationsgeflecht. Perspektiven, die vor einigen Jahrhunderten noch aufgrund räumlicher und zeitlicher Distanzen niemals miteinander in Berührung gekommen wären, prallen im Zeitalter von Massenmedien, modernem Transportwesen und Internet brutal aufeinander, so dass es splittert und die Fetzen fliegen – die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Wem soll man noch Glauben schenken? Was ist richtig und was falsch? Macht es Sinn an dem Begriff „Wahrheit“ festzuhalten, oder ist alles ohnehin nur Produkt kultureller Konstruktion? Ist Gott tot — und falls nicht, was soll das ganze Spielchen auf diesem Staubkorn irgendwo im Universum?</p>
<p><a href="#wikipopFrame" class="wikipopLink" onclick="setFrameSrc('Ken Wilber', 'de');">Ken Wilber</a> ist circa 1,90 m groß, glatzköpfig, durchtrainert und hat eine absurde Vorliebe für Red Bull, die so ganz und gar nicht zu seiner langjährigen meditativen Praxis oder zu seiner vegetarischen Ernährung passen will. Er ist Amerikaner, Philosoph und Autor von über zwanzig Büchern, die in über 25 Sprachen übersetzt wurden. Fast im Alleingang hat er eine wahrhaft umfassende Welt-Philosophie geschaffen – ein Rahmen, der weit genug ist, um die zentralen Erkenntnisse der Prä-Moderne, der Moderne und der Post-Moderne zu umarmen, weit genug, dass Spiritualität und Wissenschaft koexistieren können, weit genug, das jede Perspektive ein bisschen Recht haben kann, ohne dass sie andere Perspektiven notwendigerweise ausschließen muss. Weit genug für Zen und Muskelshirts. So sehen Helden aus.</p>
<blockquote><p><em>„Das Not-Wendende des Integralen Ansatzes von Ken Wilber besteht darin, dass er jedem Vertreter einer Spezial-Perspektive auf die Finger klopft, ihren Charakter einer Teil-Wahrheit würdigt und respektvoll in einen kohärenten Rahmen mit anderen Teil-Wahrheiten anderer Disziplinen integriert.“</em></p></blockquote>
<p>Zen-Meister Shunryu Suzuki sagte einmal sinngemäß: „Wenn du eine Ziege unter Kontrolle haben willst, dann gib ihr eine große Weide zum Grasen. Dann hast du sie umfassend unter Kontrolle“. Suzuki meinte dies in Bezug auf den wandernden Geist in der Meditation, doch Ken Wilber scheint das gleiche Prinzip mit Erfolg auf das Feld der Erkenntnisgewinnung angewandt zu haben. Sein bahnbrechendes (weil so überaus elegantes und schlichtes) Modell der „Vier Quadranten“ ist ein Eckpfeiler seiner „Integralen Theorie“ (oft abgekürzt mit dem Akronym ‚AQAL’). Um in obigen Bild zu bleiben könnte man sagen: Wilber hat eine Weide abgesteckt, die groß genug ist, so dass eine bunte Herde von Ziegen darauf  Platz findet und umfassend unter Kontrolle ist. Wissenschaftliche oder meditative Schulen sind zwar keine Ziegen, zicken einander aber trotzdem gerne mal an, wie wohl bekannt sein dürfte.</p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/Quadranten-Standard.jpg" target="_blank" rel="lightbox[2284]"><img class="alignright size-full wp-image-2292" style="margin-left: 10px;" title="Die vier Quadranten nach Ken Wilber" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/Quadranten-Standard.jpg" alt="" width="200" /></a>Die Vier Quadranten stattdessen helfen uns, die Puzzlestücke der Wirklichkeit zu integrieren. Da es im Bereich der relativen Wirklichkeit nichts gibt, das ausserhalb der Kombination der zwei grundlegenden Unterscheidungen „innerlich“ /„äußerlich“, bzw. „individuell“/ „kollektiv“ liegt, fällt alles was gewusst werden kann, notwendig in einen der Vier Quadranten. Verschiedene Disziplinen befassen sich bevorzugt mit verschiedenen Quadranten, und häufen darin soviel Spezialwissen ab, dass sie der Versuchung von Absolutheitsansprüchen erliegen und ihr kosmisches Kuchenstück kurzerhand zur einzig existierenden Torte umdeuten.</p>
<p>Das Not-Wendende des Integralen Ansatzes von Ken Wilber besteht darin, dass er jedem Vertreter einer Spezial-Perspektive auf die Finger klopft, ihren Charakter einer Teil-Wahrheit würdigt und respektvoll in einen kohärenten Rahmen mit anderen Teil-Wahrheiten anderer Disziplinen integriert. Denn, wie Wilber gerne sagt,  „Niemand ist so clever sich ständig nur zu irren“. Aus diesem Impuls <em>liest</em> er (buchstäblich) die Perspektiven-Bruchstück auf, ordnet sie anhand eines übergeordneten Gefüges (wovon die vier Quadranten nur <em>ein</em> Aspekt sind) und erstellt daraus ein neues Bild, das einen tieferen Raum der Selbst– / Fremd– und Problemwahrnehmung inszeniert.</p>
<p>Freud schrieb über das „Unbehagen in der Kultur“ der Moderne. Ich möchte das Unbehagen in der Kultur der <em>Post-Moderne</em> charakterisieren: es besteht in der Verflüssigung ehemals für solide befundener Standpunkte; in einem verwirrenden Kaleidoskop von Perspektiven ohne inneren Zusammenhang; in der Infragestellung übergreifender Sinnzusammenhänge; in der Preisgabe an die Variablen von Zufall und Sinnlosigkeit. Oder um es mit Ken Wilber zu diagnostizieren: „a-perspektivischer Irrsinn“. Doch das ist nur die halbe Geschichte. Alles, was ausdifferenziert wurde, muss von einer höheren Ebene aus wieder integriert werden, Atome zu Molekülen, Moleküle zu Zellen, Zellen zu Organismen. Das gilt auch für das schier unüberschaubare Panorama der ausdifferenzierten Perspektiven.</p>
<p>Aus der integralen Sicht ist die Evolution des Universums ein Prozess, der sich von der Physiosphäre (Materie), über die Biosphäre (Leben) bis hin zur Noosphäre (Geist) und darüber hinaus zum Göttlichen erstreckt. Schicht um Schicht, „Holon“ um „Holon“<sup class='footnote'><a href="#fn-2284-1" id='fnref-2284-1'>1</a></sup>, Augenblick um Augenblick wird eingefaltet in dem expandierenden Mysterium der Schöpfung. Jeder Embryo wiederholt im Zeitraffer die Entwicklungsschritte der Tierwelt. Wenn das Kind aufwächst wiederholt es auch die <em>inneren</em> Entwicklungsschritte der Menschheit im Zeitraffer: <em>archaisch</em>, <em>magisch</em>, <em>mythisch</em> (traditionell), bis hin zur <em>rationalen</em>, wissenschaftlichen Weltsicht (modern) – die ehrwürdige Errungenschaft der Aufklärung.</p>
<blockquote><p><em>„Integrales Bewusstsein sieht, dass man, um die Leiter der Entwicklung erklimmen zu können, JEDE Sprosse unabdingbar braucht.“</em></p></blockquote>
<p>Entwicklung im Erwachsenenalter kann weitergehen, wie psychologische Forschungen zeigen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2284-2" id='fnref-2284-2'>2</a></sup> Als nächstes nach diesem uneingeschränkten, rationalen Fortschritts-Optimismus (als Effizienzdenken insbesondere im Business zu finden) reift im Bewusstsein die Fähigkeit multiple Perspektive parallel halten zu können: das <em>pluralistische</em> Bewusstsein (postmodern), das in den 68er Jahren des letzten Jahrhunderts erstmals in großem Maßstab die Weltbühne betrat. Als dialektische Anti-These zur Moderne korrigiert es die Sünden der modernen, rationalen Weltsicht: Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Diskriminierung jeglicher Schattierung –  was ebenfalls ungeheuer ehrwürdig ist. Es schreibt sich Hierarchiefreiheit, Toleranz, Pazifismus und die bedingungslose Liebe aller Menschen auf die Fahnen … und <em>hasst</em> die traditionelle Weltsicht, <em>hasst</em> den modernistisch-rationalen Kapitalismus, <em>hasst</em> die auftauchende integrale Weltsicht, für die Hierarchien, genauer „Wachstumshierarchien“ wieder eine zentrale Rolle spielen. Nun, dieser Hass ist <em>nicht</em> sehr ehrwürdig, sondern eher das bedauerliche Signum einer Umarmung die einfach noch nicht weit genug war.</p>
<p>Die – aus Sicht des pluralistischen Bewusstseins – unbegreifliche Bereitschaft der nächstfolgenden, <em>integralen</em> Ebene des Bewusstseins besteht darin, dass sie genuinen Respekt und authentische Wertschätzung empfindet für Menschen, die erz-konservativ („Mein Volk zuerst!“) , oder erz-kapitalistisch („Unter dem Strich zählt der Profit.“), oder erz-pluralistisch („Liebe, Bruder! Shanti und Namaste“) sind. Das kriegen die Pluralisten einfach noch nicht hin — ihr Mitgefühl ist begrenzter. „Wie machen die das, die Integralen?“, sollte man sich als engagierter Postmoderner eindringlich fragen und dazu: „Was haben die, was ich nicht hab?“</p>
<p>Evolution, Baby, Evolution. Wenn man 10.000 Perspektiven hat, aber keinen Rahmen, in dem man sie gewichten kann, d.h. wenn man a-perspektivisch verwirrt ist und nicht begründen kann, warum eine Perspektive <em>relativ besser</em> ist als eine andere, dann ist es z.B. schwierig zu argumentieren, dass die Praxis der klitoralen Verstümmelung von jungen Mädchen verabscheuungswürdig ist, denn „Wir dürfen uns kein Urteil über eine fremde Kultur anmaßen. Das ist politisch inkorrekt“. Tja.</p>
<p>Der rote Faden heißt <em>Evolution</em> und zunehmende Tiefe der Weltsichten und des Mitgefühls. Das integrale Bewusstsein begreift intuitiv die Stationen des Lebens, an denen Menschen notwendigerweise stehen. Ihm sind die Stufen der Bewusstseinsentwicklung transparent. Es kann sehen, dass der Umfang des Mitgefühls mit jeder Ebene des Bewusstseins und der Werte immer weiter ausgedehnt wird. Von egozentrisch („Ich“) zu ethnozentrisch („Du und meine Leute“) zu weltzentrisch („alle Menschen universell“) zu kosmozentrisch ( „alle fühlenden Wesen in allen Welten“). Es sieht, dass man, um die Leiter der Entwicklung erklimmen zu können, JEDE Sprosse unabdingbar braucht. Es sieht, dass Transformation zwar möglich, aber selten ist und dass man mit jeder Ebene in der Sprache sprechen muss, die sie verstehen kann. Es weiß, dass Cross-Level Debatten (traditionell vs. modern vs. postmodern) fruchtlose Zeitverschwendung sind, weil bestimmte Dinge erst ab einer bestimmten Ebene Resonanz finden und verstanden werden können. Es spürt, dass die globalen Probleme nur gelöst werden können, wenn die gesamte Spirale der Entwicklung dabei mit einbezogen wird.</p>
<p>Der große Verdienst Ken Wilbers für die integrale Bewegung, die sich derzeit an verschiedenen Orten rund um den Erdball formiert, liegt darin, dass er in seinen Büchern ein tieferes Muster sichtbar gemacht hat: ein Muster, dass alle Perspektiven verbindet: <em>horizontal</em> anhand der Vier Quadranten und <em>vertikal</em> anhand des Verständnisses von kosmischer Evolution, die sich im menschlichen Bereich als Evolution des Bewusstseins auswirkt. Seine Theorie (AQAL) ist wie ein monumentaler Index der Perspektiven, ein „Giga-Glossar“ wie er sagt, in dem man nachschauen kann, wie Perspektiven relativ zu einander verortet sind.</p>
<p>Anders gesprochen: das hat die Welt noch nicht gesehen. Eine neue Welle der kollektiven Bewusstseinsentwicklung rollt heran, um sich an den Klippen der Gegenwartskultur zu brechen. Die beiden letzten großen Ereignisse dieser Art waren die Aufklärung vor 300 Jahren (Moderne) und die sozialen Umwälzungen der 68er vor nunmehr 40 Jahren (Post-Moderne). Im Ernst: das ist auch echt notwendig und wahrscheinlich auch Not wendend. Wollen wir nicht krepieren, dann müssen wir integrieren und umarmen was vor uns war.</p>
<p><em><strong>Weiterführende Links: </strong><br />
<a href="http://www.kenwilber.com/" rel="external nofollow">www.kenwilber.com</a> — Ken Wilber’s Homepage<br />
<a href="http://www.integralinstitute.org/" rel="external nofollow">www.integralinstitute.org</a> — Integral Institute<br />
<a href="http://www.integralesforum.org/" rel="external nofollow">www.integralesforum.org</a> — Integrales Forum e.V.<br />
<a href="http://www.dieintegraleakademie.org/" rel="external nofollow">www.dieintegraleakademie.org</a> — Die Integrale Akademie<br />
<a href="http://www.ifschweiz.ch" rel="external nofollow">www.ifschweiz.ch</a> — Integrales Forum Schweiz</em></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2284-1'>„Holon“ Begriff den Wilber von Arthur Koestler zur Bezeichnung von ineinander geschachtelten Teil/Ganzen übernommen hat: Atome – Moleküle – Zellen — Organismen– … <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2284-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2284-2'>Siehe z.B. die Arbeiten von .A.Maslow, C.Graves, J. Loevinger und S.Cook-Greuter.  <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2284-2">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/07/22/integrieren-oder-krepieren/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	
	<div style="display: none;" id="wikipopFrame"><iframe id="theFrame" style="border: none;" name="theFrame" width="340" height="400" src=""></iframe></div>

</channel>
</rss>

