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	<title>OpenMindJournal &#187; Ethik</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Kultur und Change</description>
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		<title>Was wir zu uns nehmen</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 11:56:31 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
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		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
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		<category><![CDATA[Mind]]></category>
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		<category><![CDATA[Wolf Schneider]]></category>

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		<description><![CDATA[Gedanken zur körperlichen und geistigen Ernährung Körperlich wie geistig sind wir Menschen Fließgleichgewichte. Was wir in uns aufnehmen und nicht gleich wieder ausscheiden, zu dem werden wir. Deshalb ist die Beachtung der Ernährung beim sich entwickelnden, wachsenden, an Bewusstsein gewinnenden Menschen das Fundament. Und auch der geistige Input verdient Beachtung: von welchen Quellen wir uns [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Gedanken zur körperlichen und geistigen Ernährung</h2>
<div id="attachment_4744" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/561943_web_R_K_B_by_Peter-Hebgen_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4741]"><img class=" wp-image-4744 " title="Nicht alles passt durch’s Sieb" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/561943_web_R_K_B_by_Peter-Hebgen_pixelio.de_-300x201.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Peter Hebgen / pixelio.de</p></div>
<p>Körperlich wie geistig sind wir Menschen Fließgleichgewichte. Was wir in uns aufnehmen und nicht gleich wieder ausscheiden, zu dem werden wir. Deshalb ist die Beachtung der Ernährung beim sich entwickelnden, wachsenden, an Bewusstsein gewinnenden Menschen das Fundament. Und auch der geistige Input verdient Beachtung: von welchen Quellen wir uns beeinflussen oder gar bestimmen lassen, auch hier braucht es Entscheidungen, was hinein darf, und manchmal eine Entschlackung.</p>
<p>Was uns ernährt ist das Grundsätzlichste, was es in unserem Leben gibt. Alles andere baut darauf auf, fügt sich oder widersetzt sich dem, kein Aspekt unseres Lebens bleibt davon unberührt. Was wir essen und trinken, daraus bestehen wir körperlich, und das bewegt und berührt uns auch geistig, seelisch, emotional wie nichts anderes, nicht einmal Sex. Womit wir das Geld verdienen, das wir brauchen, um uns etwas zu essen zu kaufen, auch das bestimmt uns fundamental: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing, sagt ein altes Sprichwort. Wenn wir andere, uns gemäßere Lieder singen wollen als die unserer Arbeits– und Auftraggeber, dann müssen wir uns ins Risiko der Selbständigkeit begeben — und dann singen wir das Lied unserer Kunden. Oder spalten uns innerlich. Und lernen mit einem gewissen Maß an solcher Gespaltenheit zu leben.</p>
<p>So beginnt unsere Stammesgeschichte als Menschen: Wir müssen essen, um zu überleben, eh wir uns Sprache, Schrift, Häuser, Computer und Mobiltelefone leisten können. Und so beginnt auch unser individuelles Leben: Sobald die Nabelschnur durchtrennt ist, müssen wir atmen und saugen, um uns zu ernähren. Das ist dann erstmal viele Monate lang unser wichtigster Lebensinhalt — und es bleibt ein sehr wichtiger Lebensinhalt, bis nach dem letzten Atemzug der Körper keine Nahrung mehr braucht.</p>
<h4>Die Ernährung ist das Fundament</h4>
<p>Wer sich auf den spirituellen Weg begibt – den Weg der Entwicklung der Persönlichkeit, des lebenskünstlerischen Lernens, der Weisheit, des Verständnisses und der Liebe – der wird sich auch mit der Ernährung beschäftigen müssen. In der Ordnung des Yoga entspricht die Ernährung dem untersten Chakra. Das unterste ist fundamental, dort beginnt die Entwicklung. Dieses Fundament dürfen die Aufbauten der vermeintlich höheren Stufen nie außer acht lassen. Wer sich geistig, seelisch, emotional entwickeln will und dabei die Ernährung außer acht lässt, wird nicht weit kommen. Wir bleiben daran gebunden. Wir können uns von dem, was wir einatmen, trinken und essen nie ganz lösen, wie sehr wir auch versuchen, uns von Licht allein, von Bewusstsein und Liebe zu ernähren.</p>
<h4>Du sollst nicht töten</h4>
<p>Deshalb beginne mit der Achtsamkeit bei dem, was du in deinen Mund hineinschiebst: Es sollte dem Körper gut tun, mit Genuss eingenommen werden, und es sollte nicht zu viel und nicht zu wenig sein. Die alten religiösen Wege hatten Vorschriften wie etwa koscher zu essen, kein Schweinefleisch und zu bestimmten Zeiten (Ramadan) dieses nicht, dafür an anderen jenes (rituelle Speisen). Das hat historische Gründe, aber meist keinen tieferen Sinn. Außer dem ethischen Gebot, anderen empfindenden Wesen keinen Schaden zuzufügen, das heißt: nicht zu töten oder töten zu lassen, nicht zu verletzen oder weh zu tun, wo das vermieden werden kann. Das Tötungsverbot beginnt bei der Tabuisierung des Kannibalismus und anderer Arten des Mordens und hört dort auf, wo wir vermuten können, dass das getötete Wesen keine Schmerzen empfindet, wie etwa bei den Wurzelpflanzen (Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln), die wir töten müssen, um sie essen zu können.</p>
<h4>Pflücken, was die Natur hergibt</h4>
<p>Die tiefe, archaische Befriedigung des Pflückens von Früchten in der Wildnis lernt jeder kennen, der sich mal für ein paar Tage auf ein Visionquest begibt oder an einem Survival Training teilnimmt. Manchmal genügen dafür ein paar Stunden einsamer Wanderung durch wildes Gelände, wenn Hunger aufkommt oder Durst, und du hast nichts dabei, was diese Bedürfnisse stillt. Du gehst durch eine Landschaft, die niemandem gehört oder von ihrem Besitzer nicht beachtet wird, und die Bäume und Büsche geben ihre Früchte her ohne nach einer Gegenleistung zu verlangen, sie schenken sie her, sie »wollen«, dass sie gegessen werden, denn das ist das Prinzip des Lebens: den eigenen Samen weiter zu geben. Die Früchte sind ja nicht zufällig so lecker, sondern weil sie den Samen der Pflanze enthalten, der durch das Gegessenwerden weitergegeben wird. So wird das Essen zu einer Art sexuellem Akt.</p>
<p>Auch der Besitzer, Besetzer oder Pächter von Boden empfindet beim Essen von dessen Früchten noch sehr archaische Gefühle: die <em>eigene </em>Tomate, Kirsche oder Nuss zu essen. Der Bauer, der zum Landwirt geworden ist und der Käufer von Lebensmitteln im Supermarkt, sie spüren davon kaum mehr etwas: Sie sind entfremdet. Ein paar Tage draußen in der wilden Natur, sich dort hinunterbeugen zu einem  Bach, um Wasser zu trinken und Essbares zu finden in der Erde, auf der Erde, über der Erde, das kann einen auch seelisch zurückbringen zum Wesentlichen.</p>
<h4>Für die Tiere, die Menschen und die Natur</h4>
<p>Meine Entscheidung, mich nur noch vegetarisch zu ernähren, liegt 35 Jahre zurück. Es ist gesünder, es schmeckt mir besser, und es ist auch ein politisches Bekenntnis, denn eine Welt ohne Fleischindustrie bräuchte keine Urwälder mehr zu roden, die Gewässer nicht mehr mit Antibiotika zu verseuchen, die Äcker nicht mehr zu überdüngen, und es wäre dann auch genug zu essen da für uns alle. Außerdem ist der Verzicht auf das Essen von Tieren für mich ein ethisches Thema: Für meine Ernährung brauchen keine Tiere getötet zu werden. Für die normalen Fleischesser werden die Tiere nicht nur unter schrecklichen Umständen getötet, sondern sie verbringen ihr Leben auch unter Umständen, die kaum ein Fleischesser auch nur anzusehen ertragen könnte ohne in Wut zu geraten oder sich zu ekeln. Inzwischen gilt das auch für die meisten Fische, für Geflügel sowieso schon längst. Die käuflichen Fische werden heute ja überwiegend nicht mehr in der Wildnis gefangen, sondern stammen aus Fischfarmen, in denen Antibiotika eingesetzt werden, damit die Fische oder Krustentiere nicht erkranken.</p>
<h4>Verdrängung</h4>
<p>Was mir seit je ein Rätsel war, ist die geistig-seelische Spaltung, die ein Fleischesser mit sich anstellt, wenn er sagt: Ich könnte das Tier nicht töten, aber ich esse es. Die Katze dieses Tierfreundes muss zum Tierarzt schon wenn sie sich die Pfote verletzt hat. Das Schwein, das er isst, aber lebt unter Bedingungen, die nicht sieht und nicht ertragen würde, sie anzusehen. Und wenn das Vieh (so nennt man die Tiere, wenn man sie zu Fleisch– oder Milchlieferanten degradiert hat,) dann zum Schlachthof transportiert wird, kommt es noch schlimmer: Viele Tiere werden bei lebendigem Leibe gehäutet und zerlegt, die Angsthormone, die dabei ausgeschüttet werden, isst der Fleischesser mit, und allmählich, unmerklich verändern sie seine Seele.</p>
<p>Wenn ich mit Fleischessern darüber spreche, erhalte ich bizarr verdrängende Antworten. Du liebst Tiere, aber du isst sie. Aha. Einem Menschen würdest du nichts zuleide tun, sagst du, schon gar nicht ihn töten, aber einen Killer zu bestellen ist für dich in Ordnung? Dann begeht der Killer den Mord, nicht du. Und der Killer sagt: »Es gibt einen Markt für Morde, ich bediene hier nur eine vorhandene Nachfrage; würde ich den Mord nicht ausführen, täte es ein anderer, kein Mensch oder Tier wäre gerettet; der Unterschied ist nur, dass ich dann als dummer, aber ethischer guter Mensch, meinen Lebensunterhalt verloren hätte.« So die Logik der Metzger, Fleischproduzenten, Viehzüchter, Fleischviehhalter, Futtermittelhersteller, dieser ganzen Industrie, die daran hängt. Inzwischen wird sie »fleischindustrieller Komplex« genannt, ähnlich dem »militärisch-industriellen« Komplex, deren Lobby in hohem Maß die Entscheidungen unserer Politiker bestimmt.</p>
<p>Vielleicht sind wir Menschen in Sachen Tiere lieben und Fleisch essen so gespalten wie in unserer Liebe zur Natur, die wir durch unser Verhalten vernichten. Die naturliebende Delphinfreundin fliegt für einen »Schwimmen mit Delphinen« Workshop nach Hawaii. Einmal auf die andere Seite das Globus, 20 Stunden Flugzeit hin, 20 Stunden Flugzeit zurück, mit unbesteuertem Flugbenzin — unbesteuert, solange nationale Regierungen das entscheiden. Für diese lieben, natürlichen Wesen, denen die Japaner mit ihren brutalen Fangmethoden so zusetzen, fliegt sie dort hin. Dann zurück an ihren Arbeitsplatz bei einer dieser Investmentbanken in Frankfurt. Eine solche Erholung in der Natur hat sie sich in ihrem harten Job redlich verdient, an dem sie, wenn es schlimm kommt, auch noch auf Mais oder Weizen setzen muss, was die Nahrungsmittelpreise weltweit explodieren lässt, so dass es zu Hungersnöten in den armen Ländern kommt. Denn Gold und Kupfer bringen nicht mehr die nötigen Renditen, von den Öl– und Autoaktien ganz zu schweigen.</p>
<h4>Entscheidungen</h4>
<p>Auch in geistiger Hinsicht gilt, dass wir zu dem werden, womit wir uns ernähren. Die Informationen, die wir in uns aufnehmen, prägen uns. Sie gestalten nicht nur unsere Sprache und all die Phrasen und Sprichwörter, die wir im Kopf und auf den Lippen haben, sie prägen auch unser Selbstverständnis, unsere Identität – das, wofür wir uns halten.</p>
<p>In Zeiten der Infoflut ist es deshalb noch unentbehrlicher und notwendiger denn je, Entscheidungen zu treffen und sehr wählerisch zu sein, auch was unseren geistigen Input anbelangt und unseren sozialen und freundschaftlichen Umgang. Es ist erst gerade erst ein paar Generationen her, da konnten unsere Vorfahren nur unter durchschnittlich hundert Menschen auswählen, mit denen sie sich befreunden oder befeinden konnten; wir können heute zwischen Millionen auswählen. Unsere Vorfahren hatten im Winter nur das Wenige zu essen, was sie gelagert hatten, vielleicht Kohl oder Rüben oder getrocknete Äpfel und Nüsse – wir können heute im Supermarkt sogar im Winter unter mehr als hundert frischen Früchten auswählen, deren Namen wir zum Teil nicht einmal kennen, und unter Tausenden haltbar gemachter Nahrungsmittel. Wir können wählen – und wir müssen es.</p>
<h4>Spirituelle Freundschaft</h4>
<p>So ähnlich geht es uns auch mit den uns möglichen Jobs, Standorten, Ausbildungsangeboten und Freunden. <em>Kalyana Mitta</em> nannten die alten Buddhisten den Freund, der einen mit ähnlichen ethischen Werten auf dem Weg begleitet. In Zeiten der sozialen Netzwerke gewinnt die spirituelle Freundschaft noch viel größere Bedeutung als je. Freunde können uns Rat geben auf dem Weg, uns liebevoll und nachhaltig auf eigene blinde Flecken hinweisen, uns trösten, wenn mal etwas nicht klappt. Sie können uns helfen bei einer guten, aber schwer einzuhaltenden Disziplin – einer Diät, der täglichen Meditation oder dem Vorsatz vom letzten Silvester, mit dem Rauchen aufzuhören. Vielleicht kann sogar eine Zeitschrift wie diese hier, ausgewählt unter tausenden anderer Möglichkeiten der Lektüre, ein solcher Freund sein, der durchs Leben begleitet.</p>
<h4>Anders essen, für eine bessere Welt</h4>
<p>Was würde sich weltweit ändern, wenn mehr Menschen weniger Fleisch äßen? Erstmal würden weniger Tiere leiden. Wir wären gesünder. Es würden weniger Menschen hungern – zur Zeit hungert ungefähr ein Siebtel der Menschheit, eine Milliarde von den sieben Milliarden Erdbewohnern, denn zur Produktion von 1 kg Fleisch werden etwa 16 kg Getreide verbraucht. Wenn weniger Fleisch gegessen würde, könnte der Markt der Fleischindustrie keinen so großen Druck mehr ausüben auf diejenigen, die aus Not und um selbst zu überleben, sich an der Rodung der Urwälder beteiligen, wie etwa in Brasilien, Indonesien und vielen anderen Ländern. Die Erderwärmung würde verlangsamt – Rinder sind für etwa ein Drittel des weltweiten Ausstoßes an Methan verantwortlich, das als Treibhausgas um ein Vielfaches wirksamer ist als Kohlendioxid. 62 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in Deutschland werden für Futtermittel verwendet — wie viel mehr hätten zu essen, wenn die Fläche nicht für Tiere verwendet würde, und der wirtschaftliche Druck auf die maximale Ausbeutung der Böden (Ertrag pro Hektar) wäre geringer.</p>
<p>Und der Fleischkonsum nimmt nicht etwa ab, sondern er nimmt noch zu, und zwar drastisch: Laut FAO stieg die weltweite Fleischindustrie von 1961 bis 2011 auf fast das Vierfache, in China hat er sich in dieser Zeit sogar versiebenundzwanzigfacht. Auch wenn der Fleischkonsum in der kleinen Szene der ›Bewusstseinsavantgarde‹ der Welt inzwischen sinkt, steigen die Gesamtzahlen noch immer drastisch an, denn immer mehr Menschen (in absoluten Zahlen vor allem Chinesen) können sich Fleisch leisten und haben ethisch, politisch und gesundheitlich nichts dagegen einzuwenden.</p>
<h4>Die geistige Nahrung</h4>
<p>Wissen die Fleischesser, dass ihnen und der Welt das Fleischessen nicht gut tut? Wenn ja, dann war immerhin ihre geistige Nahrung nicht die allerschlechteste. Denn nicht nur das, was wir durch unseren Mund zu uns nehmen macht uns zu den Menschen, die wir sind, sondern mindestens ebenso das, was wir durch unsere Augen und Ohren zu uns nehmen. Die Nachrichten, Meinungen und Weltbilder, die uns dabei vermittelt werden, prägen uns, und ebenso die Hoffnungen und Befürchtungen, Drohungen und Belohnungen, die wir durch diese Sinnestore in uns aufnehmen, und vor allem die Anerkennung oder Aberkennung von dem, was wir sind oder zu sein glauben.</p>
<p>Auch bei diesem geistigen Input müssen wir hoch selektiv sein, sonst werden wir krank, dumm, irre oder bösartig, denn auch geistige Nahrung kann einen Menschen vergiften oder gesunden lassen. Sogar lehren kann die geistige Nahrung, erhellen, vielleicht sogar erleuchten.</p>
<h4>Wählerisch, aber ohne strenge Zensur</h4>
<p>Kann sie das wirklich? Ich meine, dass wir auch bei der geistigen Nahrung zwar hoch selektiv sein sollten, dass wir dort aber nicht annähernd eine so strenge Zensur des Inputs brauchen wie bei der körperlichen Nahrung. Ein körperliches Gift ist imstande, einen Menschen sehr schnell gesundheitlich zu schädigen, bis hin zum schnellen Tod. Wenn das Gift in Darm und Leber eingetreten ist, wird auch das Auspumpen des Magens nicht mehr viel helfen.</p>
<p>Anders bei den geistigen Giften. Sie sind die Gegenpole der Wahrheiten und Weisheiten, wir brauchen uns nicht einmal wirklich vor ihnen zu schützen, es genügt sie als solche zu erkennen. Dann kann die Lüge gegenüber der Wahrheit, die Dummheit gegenüber der Weisheit den Bogen weit spannen zur Erkenntnis des Ganzen.</p>
<p>Wer seinen geistigen Input durch Zensur vor »zersetzenden« Gedanken oder sonstwie als böse stigmatisiertem Geistesgut glaubt schützen zu müssen, ist in Gefahr, sich damit eine Gehirnwäsche zu verpassen. Der Geist muss frei bleiben. Auch seinen Input muss er prinzipiell unzensiert aufnehmen dürfen, ohne Verbote, Scheuklappen oder Angst vor Beschmutzung. Auch im Geistigen müssen wir wählerisch sein, aber diese Wahl sollte eine sein, die eher Tendenzen gewichtet, als Ge– und Verbote auszusprechen.</p>
<h4>Aufnahme ohne Aneignung</h4>
<p>Ich esse kein Fleisch und meide, so gut ich kann Vergiftetes zu essen oder zu trinken, nehme aber täglich ausreichend viele Dummheiten, Lügen und Halbwahrheiten zu mir, ohne das Bedürfnis, sie ausfiltern zu müssen. Ich nehme sie auf, eigne sie mir aber nicht an. Sie beleben meine Wahrnehmung, meinen »Arbeitsspeicher«, werden aber nur dann auf der Festplatte abgespeichert, im Langzeitgedächtnis, wenn ich sie satirisch oder sonstwie polar verwenden kann.</p>
<p>Denn alles, was als wahr erscheint, trägt auch sein Gegenteil in sich, das es ergänzt. Keine Weisheit ist so weise, dass sie nicht in irgendeiner Situation, aus irgendeinem Blickwinkel betrachtet, eine Dummheit wäre. Das Geistige trägt das Polare in sich, was sich vom Körperlichen so nicht sagen lässt. Unser Immunsystem schätzt es zwar, gelegentlich durch Angriffe herausgefordert zu werden. Falls diesen Angriffe nicht lebensbedrohlich sind, gilt vielleicht sogar: je öfter desto besser (das Prinzip des Impfens). Es gibt jedoch körperliche Gifte, die zum sofortigen Tod führen, und es gibt essentielle Heil– und Nahrungsmittel, die für die Gesundheit unentbehrlich sind. Im Geistigen gibt es das nicht: Der klare Geist ruht in der Stille und kann auch die größten Lügen und Dummheiten in sich aufnehmen – er scheidet sie aus, ohne dass sie Spuren hinterlassen würden.</p>
<p>Zwischen dieser großen geistigen Klarheit und der völligen Unwissenheit aber liegt das Land, in dem wir Menschen uns die meiste Zeit aufhalten: der ganz normale Alltag. Dort sind wir nur halb bewusst, nur halb wissend und immer ein bisschen unentschieden. Dort spielt es eine große Rolle, was wir geistig in uns aufnehmen. Hier sollten wir hoch selektiv sein mit dem, was wir in uns reinlassen und ebenso wie beim Wasser, das wir trinken, darauf achten, aus welcher Quelle es kommt.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Connection Spirit, <a href="http://connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 03/12</a></em></p>
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		<title>Die Illusion vom vollkommenen Glück</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Mar 2012 10:15:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was uns alles happy macht Ob und wie anhaltendes Glück möglich ist, untersuchen die menschen unaufhörlich. Zahlreiche Rezepte versprechen uns eine Steigerung der Lebensqualität. Der Zwang zum Dauerglück kann auch zur Belastung werden. Die üblichen Angebote, welche uns «happy» machen sollten, sind konsumierbar und flüchtig wie aktuelle Börsendaten. Wir finden sie in Form von Ratgebern, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Was uns alles happy macht</h2>
<div id="attachment_4715" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/573782_web_R_by_Julien-Christ_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4709]"><img class=" wp-image-4715 " title="Das vollkommene Glück bleibt oft unerreichbar." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/573782_web_R_by_Julien-Christ_pixelio.de_-300x200.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Julien Christ / pixelio.de</p></div>
<p>Ob und wie anhaltendes Glück möglich ist, untersuchen die menschen unaufhörlich. Zahlreiche Rezepte versprechen uns eine Steigerung der Lebensqualität. Der Zwang zum Dauerglück kann auch zur Belastung werden.</p>
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<p>Die üblichen Angebote, welche uns «happy» machen sollten, sind konsumierbar und flüchtig wie aktuelle Börsendaten. Wir finden sie in Form von Ratgebern, in Last-Minute-Angeboten, im richtigen Shampoo, im Well– ness-Studio, auf der Couch, im Porno oder in der Kirche. Wer in den USA Präsident werden will, muss mit wenigen Schlagworten der Wählerschaft eine glückliche Zukunft versprechen: Ein Wirtschaftsaufschwung wird dort zum Beispiel nur als möglich prophezeit, wenn sich die Leute an traditionell-christlichen Familienbildern orientieren. Dahinter verbirgt sich das Credo, dass eine florierende Wirtschaft und ein angepasstes Verhalten alles zum Guten wenden. Natürlich ist der Umkehrschluss genauso problematisch. Schauen die Wohlhabenden auf die Hungernden, möbeln sie ihr schlechtes Gewissen gerne mit dem Bild der glücklichen Armen auf, die sich tanzend und lachend auf einem kargen Dorfplatz vergnügen. Arm sein bedeutet nicht zwingend, zufrieden zu sein, aber man kann auch erfüllt reich sein, könnte man provokativ sagen.</p>
<h4>Schweiz auf platz vier</h4>
<p>Keine Wissenschaft übergeht das Thema, das vielversprechende Bücher und Studien füllt. «Wie zufrieden sind Sie, alles in allem, zurzeit mit Ihrem Leben als Ganzes?» Diese Frage hat</p>
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<p>Professor Ruut Veenhoven von der Erasmus– Universität in Rotterdam 148 Nationen gestellt. In der so erstellten «World Database of Happiness» erreicht die Schweiz Platz vier und gehört damit zu den glücklichsten Nationen. Vergleichen wir das Resultat aber mit Freitod– statistiken, dann finden wir die Schweiz eben– falls an der Spitze.</p>
<p>Statistiken zur Zufriedenheit können im– mer unterschiedlich interpretiert werden. In den meisten Studien korreliert das Mass an Wohlgefühlen mit Gesundheit, Zugang zu Bildung und Wohlstand. Der Einfluss von Sonnenschein wird ebenfalls als Moment für eine positive Lebenseinstellung diskutiert.</p>
<p>In der Philosophie hat die Untersuchung des Glücks eine lange Tradition. Eine Analyse unserer Visionen kann verdeutlichen, ob wir uns auf dem Holzweg befinden, auf den uns falsche Erwartungen geführt haben. Eine wesentliche Aufgabe von philosophischen Praxen besteht darin, solche Bilder im gemeinsamen Gespräch zu hinterfragen. Denn oft ist es eine Ansichtssache, ob eine Situation als bedrückend oder harmonisch empfunden wird. Durch die Veränderung des Blickwinkels können sich ganz neue Horizonte auftun. Dass man immer einen Grund zum Unglück findet, wenn man möchte, beschreibt Paul Watzlawick mit Witz in seiner «Anleitung zum Unglücklichsein»: «Selbst aber wenn einmal auf der ganzen Welt Glücklichkeit ausgebrochen sein wird, würde ein tugendboldiger Pessimist noch lange nicht verzagen […], indem er dem unschuldig sich freuenden Partner vorhält: ‹Wie kann es dir nur Spass machen, wo Christus für dich am Kreuze starb? Hat es Ihm etwa Spass gemacht?› Der Rest ist betretenes Schweigen.»</p>
</div>
<div>
<h4>«Unvollkommen» zufrieden</h4>
<p>Wenn wir akzeptieren würden, dass jede Situ– ation ihren Makel hat, könnte dies zu einer gewissen Entspannung im Glücksmarathon führen. Da wir jedoch ständig mit völlig übertriebenen Bildern der Vollkommenheit bombardiert werden – Reichtum, interessante Arbeit, Heirat, Geburt, die Familie, fit im Alter, ewig jung und sexy –, braucht es schon den Mut zur Eigenständigkeit, um auch «unvollkommen» zufrieden zu sein. Denn im Leben gibt es auch das Scheitern von Liebesbeziehungen, die krumme Nase, nervige Vorgesetzte, eine Zangengeburt, Arbeitslosigkeit und die vom Nachbarn vergiftete Katze. Wenn wir davon ausgehen, dass die nächste Veränderung diese Makel verschwinden lässt, leben wir im permanenten Zustand der Erwartung. Wir können nämlich sicher sein, dass bald schon wieder ein neues Mobiltelefon erworben werden sollte oder nach der Nasen-OP noch die Lippen dran wären und dass doch erst die nächste Liebesbeziehung die beste wird.</p>
<p>Dennoch plädiere ich dafür, weiterhin nach dem eigenen Glück zu fragen. Vielleicht ist es nicht spektakulär, was uns zwischendurch froh macht. «Das Glück ist kein guter Stoff […] Es ist selbstgenügsam. Es braucht keinen Kommentar. Es kann in sich zusammengerollt schlafen wie ein Igel.» (Carl Seelig, «Wanderungen mit Robert Walser», Frankfurt 1977). Wenn wir uns die Zeit nehmen, uns über den unauffälligen, zufälligen Reichtum des Lebens zu freuen, der sich in einem Gespräch mit unerwarteten Wendungen, einem guten Buch oder einem ehrlichen Kompliment verbirgt, kommen wir der Sache vielleicht auf die Spur. Dazu müssen wir aber den Mut finden, innezuhalten. Eine Tätigkeit, die etwas aus der Mode gekommen, aber jederzeit möglich ist: auch im Pornokino oder in der Kirche.</p>
</div>
</div>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin MONETA, Ausgabe <a href="http://www.abs.ch/de/zeitung-moneta/moneta-archiv/" target="_blank" rel="external nofollow">Nr. 1/2012</a>. MONETA ist das Magazin der <a href="https://www.abs.ch/" rel="external nofollow">Alternativen Bank Schweiz</a></em></p>
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		<title>Wenn Vertrauen tiefer reicht als Beweise</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/03/05/wenn-vertrauen-tiefer-reicht-als-beweise/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 11:50:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
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		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
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		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein neues Gastmahl für Wissenschaft und Spiritualität Gerne betonen spirituell interessierte Menschen, dass neuere Ergebnisse der Naturwissenschaft ihr Weltbild bestätigen. Dabei wird übersehen, dass wir weite Teile unseres Lebens auf ganz andere Qualitäten als das Messen und Wissen bauen. Der folgende Essay plädiert für ein spielerisches Miteinander von Wissen und Ahnen. Es ist nämlich Unerzogenheit, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Ein neues Gastmahl für Wissenschaft und Spiritualität</h2>
<div id="attachment_4596" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/147998_web_R_by_kaemte_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4588]"><img class=" wp-image-4596 " title="keine Ahnung…" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/147998_web_R_by_kaemte_pixelio.de_-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: kaemte / pixelio.de</p></div>
<p><em>Gerne betonen spirituell interessierte Menschen, dass neuere Ergebnisse der Naturwissenschaft ihr Weltbild bestätigen. Dabei wird übersehen, dass wir weite Teile unseres Lebens auf ganz andere Qualitäten als das Messen und Wissen bauen. Der folgende Essay plädiert für ein spielerisches Miteinander von Wissen und Ahnen.</em></p>
<p><em>Es ist nämlich Unerzogenheit, nicht einzusehen, mit Bezug worauf es nötig ist, nach Beweisen zu suchen, und in Bezug worauf dies nicht nötig ist.</em> – Aristoteles, Metaphysik <sup class='footnote'><a href="#fn-4588-1" id='fnref-4588-1'>1</a></sup></p>
<p>Viel wird heute geschrieben über den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität. Wenig indessen darüber, welche Kraft es ist, der bei einer vermittelnden Annäherung eine entscheidende Bedeutung zukommt. Unhinterfragt gilt weithin die Annahme, dass uns die Methoden der Naturwissenschaft die einzig „zuverlässige“ Form des Verstehens und Erklärens (durch eine möglichst objektive Beweisführung) liefern. Doch diese Voraussetzung schließt wesentliche Bereiche unseres Menschseins von vornherein aus: Wie etwa bringen wir durch dieses beschränkte Verfahren unser Gefühlsleben zum Vorschein? Wie die zarten, innerlichen Regungen unserer romantischen, leidenschaftlichen und religiös-spirituellen Empfindungen? Das Mysterium der Liebe kann weder bewiesen noch erklärt werden. Keine Rechen– oder Untersuchungsmethode lässt sich je darauf anwenden. Dennoch nehmen wir die strikte Unterscheidung zwischen der beweisbaren Welt der äußeren Tatsachen und den unergründlichen Gestimmtheiten unseres Innenlebens allzu leichtfertig hin. Dabei bleibt unausgelotet, welch weitreichende Folgen die naturwissenschaftliche Methode auch für unser persönliches Erleben, jenseits der Forschungslabore hat. Machen wir uns das an einem Beispiel klar:</p>
<h4>Liebe kann man nicht messen</h4>
<p>Den Zustand des objektiven Beobachters, wie ihn die Naturwissenschaft fordert, können wir der Liebe gegenüber nie einnehmen, da man sie ja nur dann empfindet, wenn man sie, subjektiv, in sich selbst spürt. Auch bekennende Wissenschaftler werden wohl in den allermeisten Fällen von der Gewissheit getragen sein, dass sie (um in einem Beispiel zu sprechen) Lebenspartner und Kinder lieben. Wie innig die Zuneigung in Wahrheit ist, vermag niemand objektiv zu beurteilen. Dennoch fühlen auch Naturwissenschaftler (wie andere Menschen) Gewissheiten, die auf subjektiven Gefühlsregungen beruhen. Es gibt folglich einen – und zwar sehr wesentlichen! – Bereich des Lebens, von dem wir auch dann mit Recht etwas zu wissen glauben, wenn wir von ihm überhaupt nichts im naturwissenschaftlichen Sinne „erforscht“ haben. Keiner von uns hat sich je über viele Jahre mit einem geliebten Menschen verkabeln und von einem vermeintlich objektiven Beobachter die Emotionsströme messen lassen, um so im Experiment festzustellen, wie tief und innig die Liebe wirklich ist. Im Gegenteil, gerade die subjektivste aller Empfindungen genügt oft, um uns dessen sicher zu sein. Gleichwohl können Liebesgefühle ins Wanken geraten, wenn wir nicht genug Vertrauen haben und (berechtigte oder unberechtigte) Zweifel hegen. In diesen Fällen – und sie sind durchaus häufig anzutreffen – sind wir dazu verlockt einen konkreten Beweis der Liebe zu fordern und dadurch aus dem, was der freien Hingabe unterstellt ist, einen Kontrollzwang zu machen. Wir halten dann nach einer offenkundigen Geste Ausschau oder sehnen uns danach, endlich einmal wieder die berühmten drei Worte zu hören, so, als könnte das Lippenbekenntnis eines Menschen etwas zwingend beweisen. Kein Gericht eines demokratischen Staates würde es für einen Schuldspruch als ausreichend erachten, wenn ein einziger Mensch in Worten etwas ausspricht. Es bedürfte dazu zumindest zwei sich deckender Zeugenaussagen. Immer werden zur Untermauerung eines Verdachts auch die objektiven Tatsachen untersucht. Es wird nach Beweismitteln und Fakten gefahndet. Wenn wir jedoch nach diesem Prinzip in der Beziehung zu unseren Mitmenschen verfahren, dann werden wir paranoid, ängstlich und misstrauisch. Wir geraten in große Verwirrung, sobald wir unserer inneren Stimme kein Vertrauen mehr schenken können. Wir werden zu den allerunsichersten, neurotischsten Menschen, wenn wir im Bereich der Empfindungswelten nicht von der exakten Beweisführung ablassen und stattdessen eine andere Form der Wahrnehmung und Beurteilung entfalten und gelten lassen können. Gelingt uns dieser Befreiungsakt nicht, dann wird die ausschließliche wissenschaftliche Denkungsart uns krank machen und uns immerfort in tiefe emotionale Vertrauenskrisen stürzen. So sehr uns das naturwissenschaftliche Verstehen und Erklären auf der einen Seite Sicherheit bietet und uns stärkt, so sehr kann es uns auf der anderen Seite unserer Existenz ins Chaos stürzen und ein Gefühl der Ohnmacht, Schwäche und Hilflosigkeit hinterlassen. Um als ganze Menschen im Leben bestehen zu können, bedarf es notwendigerweise auch des Glaubens und Vertrauens. Allein dadurch zeigt sich, welch unermessliche Bedeutung eine spirituelle Dimension für die menschliche Gesundheit (selbst für die von Atheisten) hat. <sup class='footnote'><a href="#fn-4588-2" id='fnref-4588-2'>2</a></sup></p>
<h4>Verkabelt auf der Wohnungssuche?</h4>
<p>Wir alle werden täglich von intuitiven Ahnungen durchströmt, die wir meist nicht klar fassen können. Ihre genaue Herkunft bleibt uns verhüllt und doch erleben wir immer wieder Momente, in denen wir vollkommen auf diese vagen, in uns auftauchenden Intuitionen vertrauen. Wenn wir etwa bei der Suche nach einem neuen Zuhause eine Wohnung besichtigen und diese rein äußerlich den gewünschten Daten entspricht (sie hat drei Zimmer, die gewünschte Größe, einen Garten, liegt in einer ruhigen Gegend etc.), so kann es doch sein, dass uns in der Wohnung eine Empfindung überkommt, die uns das Gefühl vermittelt, dass wir hier nicht würden wohnen können. Etwas fühlt sich nicht richtig an und die innere Stimme sagt: „Nein, hier will ich auf keinen Fall einziehen!“ Würden wir nur nach der äußeren Messbarkeit funktionieren, dann gäbe es keinen Grund die Wohnung auszuschlagen. Wieso wollen wir nicht in die Wohnung einziehen, obwohl sie doch faktisch alle Kriterien erfüllt? Einzig die Stimmung ist „komisch“, etwas stimmt also nicht mit unserem Innern überein. Vielleicht wird eine Wissenschaft der Zukunft einige dieser Phänomene erklären können, dennoch ist kaum vorstellbar, dass wir irgendwann mit tausend Gerätschaften verkabelt zur Wohnungssuche gehen um zu messen, wie sich der jeweilige Raum zum eigenen Organismus verhält. Zum Glück sind wir verbunden mit der inneren Stimme, die zwar trügen kann, aber uns doch oft auch als zuverlässiger Ratgeber zur Seite steht. Wir brauchen daher für viele dieser alltäglichen Entscheidungen gar keine wissenschaftlichen Methoden, die uns etwas erklären oder bestätigen. Eher brauchen wir so etwas wie einen intuitiven Seismographen, der unsere innere Stimme wahrnimmt, aufzeichnet und ggf. verstärkt, so dass wir sie überhaupt bewusst wahrnehmen können. Wichtig wäre es, diese Ahnungen zu schärfen und zu differenzieren. Dabei kann uns ein gut ausgebildeter Intellekt nur zum Teil von Nutzen sein. Er kann durchaus beim Bewusstwerdungsprozess unterstützend helfen, aber er kann nicht selbst die ahnungsvolle Intuition erzeugen, er kann sie nur beobachten und artikulieren, aber <em>er ist sie nicht selbst</em>.</p>
<h4>Durchlässige Zwischenwände</h4>
<p>Jenen Bereich, aus dem die Intuitionen und Inspirationen auftauchen, möchte ich den <em>transzendenten Bereich</em> nennen, im genauen etymologischen Wortsinne den Bereich also, der die empirische Beweisbarkeit überschreitet, da er in ein geistiges Gebiet, jenseits der äußeren Sinne, hineinragt. Wir kommen durch unsere Empfindungswelten (aber auch durch unser Denken) mit Bereichen der Transzendenz in Kontakt, die aus einem unsichtbaren Hintergrund durch durchlässige Zwischenwände in das Sichtbare hinüberleuchten. Die Sichtbarkeit ist nicht äußerlich direkt wahrnehmbar, aber doch spürbar. Es gibt gewissermaßen einen Grenzbereich, der seine Fühler nach beiden Seiten ausstreckt: in die himmlische Welt des Geistes und in die irdische Sinnenwelt. Die allereinfachsten und alltäglichsten Erfahrungen können uns dahin führen einzusehen, dass es diesen transzendenten Bereich gibt, einen Bereich also, der nicht völlig in der Erforsch– und Beweisbarkeit der Wissenschaft aufgeht. Aber – und dies ist sehr wichtig – bewiesen ist der transzendente Bereich durch unsere Überlegungen keineswegs. Wozu sollten wir ihn auch beweisen wollen, wenn es allein von unserer Offenheit abhängt, wie sensibel wir auf die Zwischentöne anschlagen?</p>
<h4>Lauschendes Spüren</h4>
<p>Es wäre eine gute Übung einmal einen Tag lang ganz bewusst darauf zu achten, wo und wie oft wir von Ahnungen durchkreuzt werden, von Stimmungen, Intuitionen. Wir wachen morgens auf. Aber mit welchem Gefühl eigentlich? Ist es nicht wundersam, dass wir an manchen Tagen voller Tatendrang erwachen, so, als könnten wir Bäume ausreißen, während wir uns an anderen Tagen depressiv verstimmt fühlen und uns am liebsten verkriechen würden? In der lauten Hektik des Alltagslebens übergehen wir solche Stimmungen meist geflissentlich, obwohl es sehr wichtig wäre ihnen etwas nachzuspüren. Vielleicht hängen Stimmungsschwankungen auch mit den Träumen zusammen. Aber wenn wir uns an keine nächtlichen Bilder erinnern? Wollen wir es dann auf das Wetter schieben, auf die Mondphasen, auf die Menstruation? Doch selbst wenn wir das alles im Blick behalten, bleibt oft nur eine dunkle Ahnung, woher die Stimmungen in Wahrheit rühren. Die Psychologie nennt als Ursprungsbereich der nebulösen Launen und Affekte das Unbewusste. Ich vermeide diesen Begriff an dieser Stelle absichtlich, da er doch zu leicht den Eindruck erwecken könnte, als handle es sich bei den menschlichen Stimmungen ausschließlich um rein körperliche, quasi medizinische Erscheinungen, die auf irgendwelche Außenreize zurückzuführen sind und mittels der Hirnforschung irgendwann erklärt werden könnten. Doch das Unbewusste wird <em>auch</em> gespeist aus einem nur schwer zu fassenden, transzendenten Bereich (Jung nennt ihn das kollektive Unbewusste). Wir leben in der Welt der Entwicklung, in der Welt der Evolution, in der Welt des Werdens – und doch werden wir genährt und am Leben erhalten von der Welt des Seins. Einer Welt, in der Vergangenes und Zukünftiges gleichzeitig im Jetzt da sein können, eine Welt also, die jenseits der physikalischen Gesetzmäßigkeiten existiert. In den unausgesprochenen Zwischentönen verbirgt sich jenes mythische Zauberreich und spricht doch gerade in den schweigsamen Zwischenräumen zu uns. Unsere Ohren sind noch nicht dafür eingestimmt, dieser Stille zu lauschen. Doch hören wir einmal auf den Moment des Aufwachens. Hören wir einmal, wieso uns plötzlich, wie aus dem Nichts, in dem einen Moment große Lust überfällt und im nächsten große Unlust.</p>
<p>Doch lauschen wir nur behutsam. Denken und bewerten wir nicht. Erklären wir nicht. Ordnen wir nicht gleich das Empfangene in ein System ein. Sehen wir es nicht mit der philosophischen, psychologischen, biologischen, medizinischen Brille, nennen wir es nicht Zwang, Komplex, Neurose, Hirngespinst, Außenreiz, sondern lassen wir den Impuls des Moments in seiner Unmittelbarkeit zu uns sprechen und fragen noch einmal: <em>Wie</em> sind wir gestimmt? Fragen wir zunächst nicht: Was <em>bedeutet</em> das Gefühl, wodurch wird es ausgelöst, welcher Grund liegt dahinter? Fragen wir möglichst neutral: <em>Wie</em>fühlen wir uns? <em>Wie</em> meint hier nicht eine Wertung im Sinne von gut oder schlecht. <em>Wie</em> meint: <em>Was</em> sagt die Stimme, <em>wie</em> spricht sie zu uns, <em>wie</em> tönt sie, <em>wie</em> ist sie beschaffen? Verzichten wir für einen Moment auf jede Stütze und fallen wir in dieses lauschende Spüren hinein, damit es uns ausfüllen kann und wir das Empfundene ganz bewusst in seinem So-Sein vernehmen. Jetzt … in diesem Moment des Lesens … Wie sind wir gestimmt? Wie sind wir gestimmt, wenn wir arbeiten und ausruhen, wenn wir diesem und jenem Menschen begegnen? Welche Gestimmtheit bringen wir mit in die Begegnung? Liegt vielleicht in unserer Gestimmtheit ein Wink zu einem Impuls, dem wir als Erkenntnis-Spiegel begegnen wollen? Was geschieht eigentlich hinter der Oberfläche, im Grenzbereich der zwei Welten? Dort ist der Bereich, wo wir uns selbst als Mensch und auch den anderen Menschen näherkommen. Es ist der Bereich, für den wir <em>uns selbst</em> brauchen und ganz ohne Beweise und Methoden auskommen. Es ist die Schatzkammer unserer Seele, die uns immerzu verstellt wird, die erschwert wird mit allerlei Ballast. Doch nur weil jene stille Stimme des transzendenten Zwischenspiels ständig überlagert wird, heißt dies nicht, dass es sie nicht gibt … dass sie sich uns nicht gibt … dass sie nicht immerfort sich geben will. Sie will sich uns zu verstehen geben in jedem Augenblick. Es liegt an uns sie zu vernehmen … die Gabe des Zwischenspiels anzunehmen. Sie spielt unentwegt. Wir müssen nur beiseite rücken und dem Ver-Rückten einen Ort einräumen.</p>
<h4>Das neue Gastmahl</h4>
<p>Als in Platons Gastmahl alle Anwesenden eine Rede über den Eros vorgetragen haben, kommt abschließend der betrunkene, schalkhafte Narr Alkibiades zur Gesellschaft hinzu. Er setzt sich mitten zwischen den Gastgeber Agathon und den großen Philosophen Sokrates. Sokrates wird bei seiner Rede über den Eros von der weisen Diotima inspiriert, er spricht aus dem transzendenten Bereich. Agathon, als Gastgeber, bietet den irdischen Rahmen. Alkibiades aber, der Dritte, der Mittlere, ist derjenige, der im Grenzbereich zwischen den Welten zuhause ist und dort spielt. Er verkörpert die Prise Ver-Rücktheit, derer es bedarf, um die Kunde des Sokrates zu vernehmen. Sokrates, der auch als der verkopfte Philosoph gilt und dem seine Träume mehrfach eingegeben haben, er solle Musik treiben (d.h. sich intensiver der Gestimmtheit seiner Gefühle zuwenden), jener Sokrates, der sich von niemandem belehren lässt, sondern selbst alle belehrt, er tritt im Gastmahl beiseite und lässt Diotima durch sich sprechen. Doch die Diotima in Sokrates, also die inspirierende Liebes-Weisheit hinter dem intellektuellen Denken, können wir nur vernehmen, wenn wir in der Mitte Platz bewahren für den unbekümmerten, unvoreingenommen Narren Alkibiades. Er bringt eine Prise dionysischen Rausch ins Spiel, indem er die Anwesenden fragt: „Wollt ihr mit mir zechen oder nicht?“ Da hatten nun alle aufgejubelt und ihn aufgefordert einzutreten, heißt es im Text. Nur der Narr in uns vermag auf die erdrückende Beweislast zu pfeifen und den Spruch des Aristoteles, der diesem Artikel vorangestellt ist, zu verstehen und zu beherzigen. So bemerkt dann auch Sokrates, dass der kunstgerechte Tragödiendichter zugleich auch Komödiendichter sein müsse. Der Narr ist (im Sinne des Aristoteles) gerade der Wohl-Erzogene, da er unverdorben ist von gelehrten Meinungen. Er kann dort lachen und Humor zeigen, wo andere mit ernster Miene meinen, um jeden Preis ein festgeschriebenes Gesetz achten zu müssen. Um einen fruchtbaren Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität in Gang zu setzen, bedarf es zur Vermittlung einer heiteren Ver-Rücktheit und eines spielerischen Humors. Weder mit dem dogmatischen Ernst religiöser Gläubiger noch mit dem Ernst des Beweisen-Müssens der Wissenschaftsvertreter kann eine Annäherung stattfinden – wohl aber, wenn beide Seiten im Sinne von Platons Gastmahl miteinander zechen, spielen und disputieren.</p>
<h4>Wissen und Vertrauen</h4>
<p>Nehmen wir in der angedeuteten Weise an dem gemeinsamen Gastmahl teil, dann vermag auch jeder dem anderen das Seine zu lassen. Gerade durch die bahnbrechenden Ergebnisse der neueren Wissenschaft besteht auch für die spirituelle Seite die Gefahr, allzu sehr mit dem großartigen Beweismaterial zu liebäugeln. Wir sollten uns endlich mit dem Gedanken anfreunden, dass es für den transzendenten Bereich keinen zwingenden Beweis im herkömmlichen Sinne geben kann und auch gar nicht geben muss. Auch die neuesten Entdeckungen der Quantenphysik können jene Beweise nicht liefern. Ebenso wenig wie etwa die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, auch wenn ihr Name dies – vielleicht etwas missverständlich – suggeriert. Man kann, als ver-rückter Mensch – der sich aber gerade dadurch erst in sein wahres Menschenwesen zurecht rückt – einsehen, dass es etwas Transzendentes gibt, aber diese denkerische Einsicht spricht sich uns gerade nicht durch den Beweis zu (es wäre dies lediglich ein berechnendes Denken), sondern durch die innere Erfahrung eines Herz-Denkens. Die Hoffnung, die Wissenschaft könne in Zukunft das Menschen<em>wesen</em> immer besser erklären, beruht auf einem Denkfehler. Auch wenn etwa durch die Biologie in der DNA eine ähnliche Struktur entdeckt wurde wie im jahrtausendealten chinesischen I Ging <sup class='footnote'><a href="#fn-4588-3" id='fnref-4588-3'>3</a></sup>, beweist diese Forschung keineswegs die Wahrheit oder Gültigkeit des I Ging. Es zeigt sich eine Analogie, eine Entsprechung von Psyche und Materie, einer geistigen und körperlichen Ebene, die uns wundervoll anmutet. Und sie<em>ist</em> auch voller Wunder, aber nicht voller Beweise. Es würde in das heilloseste Chaos führen, wenn spirituelle Menschen heute ihre Bestätigung aus den neuesten Forschungen der Wissenschaft beziehen und infolgedessen stolz verkünden würden: „Und Meister Eckhart hatte doch recht, und Laotse auch und auch die Mythen und die religiösen Schriften.“ Das Denken hat eine völlig andere Qualität, wenn es durch sich selbst, aus eigener Kraft, zu der Einsicht gelangt, dass etwa im <em>Tao te king</em>und in den Mythen tiefe Wahrheiten ausgesprochen sind. Dann wurzelt das Herz-Denken in sich selbst. Nur wenn das Denken misstrauisch und wankelmütig wird, wenn es den Bezug zu den Empfindungen verliert, wenn es schwach wird und seiner eigenen Kraft nicht mehr vertraut, dann bedarf es der Stützen durch wissenschaftliche Beweise. Sie sind dann wie Krücken für den Beinbruch des Denkens.</p>
<p>Aber auch wenn das Herz-Denken der Wissenschaft nicht als Stütze bedarf, wird diese Wissenschaft nicht überflüssig oder unwichtig. Viele neueste wissenschaftliche Ergebnisse künden von dem Wunder der Analogie, von dem hermetischen Grundsatz „wie oben, so unten“. Die Naturwissenschaft beweist nicht die Wahrheit dieses Satzes, aber sie lässt uns teilhaben am Staunen über die Struktur der Welt. Wenn die Wissenschaft uns in dieser wundervollen Weise staunen lässt, dann befeuert sie uns und wird selbst zu etwas Wunderbaren. Wenn uns die Wissenschaft lediglich als Beweis für einen letzten Rest-Zweifel dient, durch den wir endlich nicht mehr glauben müssen, dann schwächt sie uns. Das Vertrauen ist ja gerade eine Kraft, die wir dann benötigen, wenn wir nicht wissen können. Würden wir alles wissen, dann würden wir in einer vertrauenslosen Welt leben, es wäre eine sehr kalte, mechanistische Welt. Doch was für ein zauberhaftes Geschenk ist es, wenn uns ein Mensch Vertrauen schenkt, wenn er an uns glaubt, gerade dann, wenn er nicht weiß, ob wir das in uns gesetzte Vertrauen auch bestätigen werden. Vertrauen-Geben ist immer eine freiwillige Herzens-Gabe des Nicht-Wissens. Vertrauen-Empfangen ist immer eine aufbauende Herzens-Gabe, die uns zu mutvollen Taten befähigt. Spielen wir also ein bisschen ver-rückt und wagen wir wie der Narr den vertrauensvollen Sprung ins Ungewisse, denn dort und nur dort finden wir Vertrauen in uns und unsere Weggefährten: in die Menschen und ihr Wesen.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmal im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/september/wenn-vertrauen-tiefer-reicht-als-beweise/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe Sept. 2011</a></em></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4588-1'><em> 4. Buch</em>, 4. Kapitel, 1006a 6f. / vgl. auch Martin Heidegger, <em>Zollikoner Seminare</em>, Frankfurt 2006, S.6 sowie <em>Der Satz vom Grund</em>, Pfullingen 1957, S.29 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4588-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-4588-2'>Wodurch freilich noch nichts über den Sinn oder Unsinn des jeweiligen spirituellen Inhalts ausgesagt ist. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4588-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-4588-3'>Die Arithmetik des I-Ging ist verwandt mit der des genetischen Codes. Die 64 Hexagramme (Doppeltrigramme) des I-Ging  entsprechen den 64 möglichen Codons des genetischen Codes, die ebenfalls aus Tripletts aufgebaut sind.  – vgl. u.a. Marie-Louise von Franz, Psyche und Materie, Daimon Verlag &amp; Martin Schönberger, Weltformel I Ging und genetischer Code, Windpferd Verlag <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4588-3">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Der goldene Faden</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 21:56:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vom Mut, sich dem Missbrauch zu widersetzen. Jede ausbeuterische, autoritäre Struktur ist menschenverachtend, und wenn sie im Mantel des »Spirituellen« daherkommt, umso mehr. Von dort einen Weg in die Freiheit zu finden, kann außerordentlich schwierig sein. Eines Morgens im Herbst erwachte ich früh, und es war, als würde mich etwas rufen. Das Licht lockte golden [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Vom Mut, sich dem Missbrauch zu widersetzen.</h2>
<p><em>Jede ausbeuterische, autoritäre Struktur ist menschenverachtend, und wenn sie im Mantel des »Spirituellen« daherkommt, umso mehr. Von dort einen Weg in die Freiheit zu finden, kann außerordentlich schwierig sein.</em></p>
<div id="attachment_4243" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/01/OYA-goldener_faden.jpg" rel="lightbox[4242]"><img class=" wp-image-4243 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/01/OYA-goldener_faden-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: OYA — anders denken. anders leben</p></div>
<p>Eines Morgens im Herbst erwachte ich früh, und es war, als würde mich etwas rufen. Das Licht lockte golden durch die Ritzen des metallenen Rollos vor dem Wohnwagenfenster. Barfuß und im Schlafanzug huschte ich, von meinen schlafenden Eltern unbemerkt, zur Tür hinaus. Draußen erwartete mich ein Wunder: Das Tal, das direkt unter uns begann, war angefüllt mit dichtem, wallendem Nebel, und darüber hinweg strahlte sanftes, frühes Morgenlicht. Mit pochendem Herzen warf ich mich hinein ins Nichts, in das Grau, lief den Abhang hinab, die Wiese hinunter, in den Nebel hinein. Lief und lief und lief, abwärts, bis um mich herum nichts mehr zu sehen und zu hören war. Alle Geräusche waren verstummt, keine Welt mehr, nur das kalte Gras unter meinen Füßen und der Nebel und ich. Ich stand lange da, staunte, lauschte in die Stille. Und auf einmal dehnte ich mich aus, verlor meinen Körper, war überall. War das Gras, die Wassertropfen in der Luft, war die Bäume, die ich in der Ferne spüren konnte, war der weite Himmel, war alles, alles, und alles war ich. Ich erfuhr eine große Liebe, die plötzlich in allem da war und mich hielt. Mein Herz wollte schier platzen angesichts dieser großen Gewissheit des All-ein(s)-Seins und dieses unbekannten Gefühls, das ich heute als Erwachsene Demut nenne. Ich war acht Jahre alt und wusste nicht, dass diese kostbare Erfahrung der Beginn meines langen Wegs in die Freiheit sein würde.</p>
<p>Aus heutiger Sicht denke ich, dass dieses Kindheitserlebnis wahrscheinlich meine erste echte spirituelle Erfahrung war. Mein Begriff von Spiritualität ist für mich sowohl universell als auch individuell, öffentlich und gleichzeitig von höchster, verletzlichster Intimität. Und sie scheint unbeschreiblich und sich letztlich nur über eigene Erfahrung zu erschließen.</p>
<p>Spiritualität hat eine dunkle Schwester, die schwer zu fassen ist. Wie alles im Dunkeln sieht man sie nur dann, wenn man sie nicht direkt anschaut, sondern den Blick auf ihre Konturen richtet: Fanatismus, Aberglaube, Fatalismus, Wahrheitsanspruch. Es können im Namen beider Schwestern Gebete gesprochen werden, sogar an dieselbe Gottheit. In beider Namen wird überall auf der Welt meditiert, es werden Rituale abgehalten, Tausende von Buchseiten mit »Wahrheiten« bedruckt, Millionen von Menschen machen tief berührende und sie für immer verändernde Erfahrungen von universeller Einheit, Liebe, Stille und Ekstase. Gibt es Wegweiser und Zeichen, die hilfreich dabei sein können, zwischen den guten und den manipulativen und schädlichen Einflüssen zu unterscheiden?</p>
<p>Es gab in meinem Leben immer mehrere spirituelle Identitäten, die sich wie Zwiebelhäute um mein Inneres legten: Ich wurde katholisch getauft und nahm am Religionsunterricht in der Schule teil, meine Familie zeigte sich an Weihnachten und Ostern in der Kirche: Das war meine spirituelle Deckidentität, die äußerste Haut. Weitaus grundlegender wurde mein Leben dadurch bestimmt, dass ich in eine totalitäre Sekte hineingeboren wurde, als älteste Tochter eines der »Führer« und mit einem vorgezeichneten Lebenslauf als »Priesterin« – das war meine Hauptidentität, mehrere dicke Zwiebelschichten von Glaubenssätzen und Überzeugungen. Und dann war da noch etwas Tieferes, ein Glaube an einen wundersamen Stoff, der alles und alle um mich herum durchwirkt, ein unerklärlicher Glaube an Reinkarnation, ein Absinken in Naturrituale, innere Reisen, Träume. Das war die innerste, manchmal mir selbst verborgene Identität, die ich in der Rückschau als die einzige wirklich meinige bezeichne.</p>
<h4>Leben und Aufwachsen in einer Sekte</h4>
<p>Das Glaubenssystem der Sekte war totalitär, durchdrungen von Geboten und Verboten. Eine Loge, ein exklusiver Club von Menschen, mit dem Heilsversprechen der absoluten psychischen Optimierung und Stärkung ihrer Mitglieder, »experimentierfreudig« in den Mitteln. Im Hintergrund ein faschistoid-sozialdarwinistisches Menschenbild, das den satanisch-magischen Anstrich im Vordergrund legitimierte: Tu was du willst, das war das erste Gebot, denn es ist naturgemäß und richtig, dass die Stärkeren die Schwächeren beherrschen. Alle Lehren bildeten einen perfekt logischen Kreislauf. Gerade die Widersprüchlichkeit mancher Sätze galt als Beweis für die Richtigkeit des Großen und Ganzen. Disziplin wurde durch Schuld– und Schamrituale und öffentliche Bestrafungen aufrechterhalten. Verrat wurde belohnt, Vertraulichkeit zu einem schweren Risiko. Verwirrende Rhetorik, stundenlange eintönige Gesänge, Reizüberflutung durch laute Musik und Drogen, Reizdeprivation durch tagelanges Eingesperrtsein und »Meditieren«, sexualmagische Rituale, dokumentierte Mutproben, welche die Mitglieder erpressbar machten. Sex, Geld und Macht für diejenigen, die dieses Spiel am besten mitspielten.</p>
<p>Ich war die stolze Erstgeborene und wuchs auf in dem Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein. Eine besondere Inkarnation, eine geborene Führerin – eine, die besonders diszipliniert werden musste. Im Rahmen meiner »Erziehung« wurde ich schwer sexuell missbraucht und misshandelt, indoktriniert und dazu gebracht, Handlungen zu tun, die ich mit meinem Gewissen nie werde vereinbaren können.</p>
<p>Das Schmerzlichste meiner Erfahrungen waren die Manipulation und der Missbrauch meines Vertrauens, meiner Neugier und meiner kindlichen Suche nach Anerkennung. Ich war existenziell abhängig von der Liebe meiner Bezugspersonen, die ich jedoch nur durch absoluten Gehorsam sichern konnte. Tu was du willst – aber was ich zu wollen hatte, das wurde mir so lange eingetrichtert, bis ich das Gespür von dem, was ich selbst wollte, so gründlich verloren hatte, dass ich selbst dann davon überzeugt war, nach meinem Willen zu handeln, wenn ich mir oder anderen Leid zufügte. Alles im Namen der göttlichen Macht.</p>
<p>Ein kleinster, gut versteckter Teil in mir blieb jedoch heil. Die Erinnerung an die allumfassende Liebe, die ich im Nebeltal erfahren hatte, war wie ein goldener Faden in meiner Mitte, der mich leitete. Es blieb eine Sehnsucht, ich blieb auf der Suche. Mit zunehmendem Alter wuchsen die Zweifel. Ich las philosophische und religiöse Schriften und begann, mir andere Freundschaften aufzubauen. Die Erkenntnis, dass abweichende Ansichten wertvoll und diskutierbar sind, wurde immer mehr zu meiner Richtschnur. Die war jedoch kaum fassbar, weil durch die Indoktrination alle Zweifel zu massiven Schuldgefühlen und Ängsten führten. Mein Zwiespalt brachte mich ­darüber hinaus in reale Gefahr.</p>
<h4>Der Ausstieg</h4>
<p>Ich funktionierte nicht mehr. Mit 18 Jahren versuchte ich zum ersten Mal, mir das Leben zu nehmen. Mit Anfang 20 setzte ich eine Ausbildung in einer anderen Stadt durch und begann eine Psychotherapie. Die Zerrissenheit zwischen der Loyalität zu meiner Familie und ihrer Sekte und der Sehnsucht nach Freiheit und Heilung wurde unerträglich. Schließlich wagte ich den Ausstieg. Aus Angst vor Vergeltung tauchte ich unter, änderte meinen Namen und beendete so gut wie alle Kontakte meines bisherigen Lebens. Es folgten Jahre der Angst, der physischen und psychischen Verfolgung und Bedrohung, die mich immer wieder dazu zwangen, alles abzubrechen. In dieser Zeit erfuhr ich viel Hilfe durch kirchliche Einrichtungen wie Beratungsstellen und Klöster, die mich trotz meines tiefen Misstrauens gegenüber aller organisierten Spiritualität unterstützten. Es gelang mir mit viel Kraft, mich zu stabilisieren, Freundschaften aufzubauen, ein Studium zu beginnen, Sicherheit zu gewinnen. Dennoch blieb mein Leben ein Überleben, durchtränkt von einem lähmenden Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit.</p>
<p>Immer jedoch gab es Momente, die mich an die Existenz meines goldenen Fadens erinnerten. Momente in der Natur, wie ein Sonnenstrahl, der mich unvermittelt aus dunklen Wolken traf, Orte, die eine reine Kraft zu vermitteln schienen, Wasserfälle, Berge, das Meer. Diese Momente waren meine Gottesdienste, meine Gebete an die große Kraft, an das Leben. An manchen dieser Orte entstanden spontane Meditationen und Rituale, und daraus wuchs der Wunsch, mich wieder auf die Suche nach etwas zu machen, das ich »meinen Glauben« nennen könnte. Zuerst war es eine holprige, vorsichtige Praxis, ganz für mich allein, aus Meditationen und Übungen. Die Wende kam, als ich beschloss, meine aufgezwungene, aber dennoch verinnerlichte Priesterinnenschaft endgültig abzulegen. In einem selbstentwickelten Ritual trug ich meine innere Priesterin zu Grabe, verabschiedete mich von ihr und allen damit verbundenen Ansprüchen und Glaubenssätzen. Ich akzeptierte, nichts Besonderes zu sein. In dieser Kränkung lag die große Erleichterung, mich als Teil des Ganzen zu begreifen, so wie ich bin. Meine leidvolle Geschichte wurde zu etwas Relativem, das ich nun aus einer Distanz betrachten konnte. Durch die regelmäßige Praxis buddhistischer Achtsamkeitsmeditation lernte ich, dass ich meine Gefühle und Leiden erfahre, aber dass ich sie nicht bin. So konnte ich erkennen, was ich gelernt habe durch diese Kindheit – die dennoch so nicht hätte sein sollen. Ich kann die Verwirrung und Angst meiner Eltern erkennen und nicht mehr nur Angst und Wut ihnen gegenüber empfinden, sondern auch Mitgefühl und Trauer. Ob ich ihnen jemals verzeihen kann, weiß ich nicht – ich bin keine Heilige.</p>
<h4>Den Unterschied erkennen</h4>
<p><strong></strong>Oft wird Spiritualität und Glauben vorgeworfen, sie würden die Menschen unpolitisch, abhängig, unkritisch und mundtot machen. Es stimmt: Wenn Glaubende die Verantwortung für ihr Leben in die Hände einer höheren Macht legen, kann eine schicksalsergebene, ignorante Haltung entstehen, Abhängigkeits– und Ausbeutungsverhältnisse akzeptiert werden. Damit sind wir plötzlich auf der anderen Seite, bei der dunklen Schwester, die ich nicht spirituell nennen kann und will, auch wenn sie sich auf den ersten Blick sehr ähnlich anfühlen mag. Eine solche Haltung durchbricht keine inneren geistigen Gefängnismauern, sie verstärkt sie.</p>
<p>Für mich ist Spiritualität ein Prozess, ein beständiges Überprüfen der Wirklichkeit, ein Dialog mit dem Ganzen. Es sind freie Momente und Erfahrungen von großer, umfassender Liebe. Durch sie erhalte ich erst die Kraft, den wachen Blick, die Berührbarkeit und den inneren Halt, die es braucht, um Missstände in der Welt wahrzunehmen und aktiv zu verändern. Jegliche Relativierung von Leiden, Ausbeutung und Unterdrückung anderer ist mit dieser Liebe und Wachheit nicht zu vereinbaren. Meine Alarmglocken läuten heute beispielsweise, wenn ich in Gruppen Angst habe, bestimmte Fragen zu stellen, wenn Lehrende den Anspruch erheben, die alleinige Wahrheit zu kennen, wenn Andersdenkende als minderwertig angesehen werden, wenn Menschen sich an einen Führer oder eine Führerin binden, wenn sie in schwer zu durchbrechenden Hierarchien organisiert sind und wenn Menschen im Namen eines höheren Ganzen Schmerzen zugefügt werden. Das geschieht beileibe nicht nur in sogenannten spirituellen Kreisen. Jede Ideologie und jede Bewegung und Gemeinschaft kann zur Sekte werden. Dennoch üben gerade Gruppierungen wie die, in der ich aufgewachsen bin, eine Anziehung auf Menschen mit einer spirituellen Sehnsucht aus, und sie bedienen Wünsche nach einem Aufgehobensein in etwas Größerem, nach Sinn, Führung und Halt.</p>
<p>Auch ich hatte innerhalb dieser Gruppierung ekstatische Momente, die in den magischen Ritualen entstanden, die ich mit Spiritualität verwechselte. Es brauchte viele andere Erfahrungen und braucht noch immer Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, um zu verstehen, dass diese Ekstase, entstanden aus einer Adrenalinüberflutung meines ganzen Körpers, mit Liebe nichts zu tun hatte, sondern nur mit Angst und Macht.</p>
<p>Letztlich liegt die Erkenntnis, ob ein eingeschlagener Weg in die Freiheit oder in Abhängigkeit führt, bei jeder und jedem Einzelnen von uns. Die Liebe in uns selbst zu erkennen, ist die Aufgabe, die uns auf jedem Weg erwartet. Meiner hat mich trotz allem in die Mitte einer liebevollen Gemeinschaft geführt, die meinen besonderen Weg kennt und unterstützt. Hier leben Menschen mit sehr unterschiedlichen spirituellen und politischen Ansichten, und das ist trotz der dadurch entstehenden Reibung sehr gut so. Durch die Liebe, Wertschätzung und Achtsamkeit der Menschen in meinem Leben wird mir ein Raum geschenkt, in dem ich Heilung erfahren darf. Ich werde weiter suchen – und wachsam sein.</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin OYA — anders denken. anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/554-Der_goldene_Faden.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 11/2011</a></p>
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		<title>Entwicklungsstufen des Willen</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Aug 2011 15:18:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2517" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4d6c1255b8b87_small.png" rel="lightbox[2505]"><img class="size-full wp-image-2517" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4d6c1255b8b87_small.png" alt="" width="200" height="113" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / ampelevolution grün © Martin Wimmer</p></div>
<p>In dem Buch <em>Der Wille</em><sup class='footnote'><a href="#fn-2505-1" id='fnref-2505-1'>1</a></sup> beschäftigte ich mich mit Frage, wie das non-duale Handeln realisiert werden kann, und habe dort in Übereinstimmung mit gängigen Entwicklungsmodellen drei Entwicklungsstufen vorgeschlagen. Anstatt mich in dem Buch auf östliche oder westliche Ideologien zu beziehen, nutzte ich vor allem Konzepte aus der Systemtheorie, um diese Entwicklung zu beschreiben. Hier möchte ich nun eine umfassendere Perspektive zum Willen vorschlagen, die zeigt, wie sich auch Handlungen vom einfachen zum komplexen hin entwickeln können, und welche Rolle dabei die Daimonotechnik spielt.</p>
<p>Mit jeder Stufe der Entwicklung von Selbst und Psyche des Individuums entwickelt sich auch der Wille des Individuums, und das heißt natürlich, dass sich seine Werte, seine Perspektiven, seine Ziele und auch, <em>worauf sich der Wille bezieht</em>, verändern, sei es zunächst Natur oder Biosphäre, sei es Kultur oder Soziosphäre oder Psyche oder Noosphäre (psychische Geistsphäre). In unserer kollektiven wie individuellen Entwicklung erobern wir schrittweise diese drei Bereiche der Existenz und entwickeln uns hier vom Einfachen zum Komplexen.</p>
<p>Insofern ist es keine große Überraschung, dass man wie bei der kognitiven Entwicklung des Selbst<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-2" id='fnref-2505-2'>2</a></sup> leicht mehrere Stufen der Willensentwicklung nachvollziehen kann, wobei man diese grob in prä-konventionelle, konventionelle und post-konventionelle Stufen unterteilen kann.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-3" id='fnref-2505-3'>3</a></sup> Ganz vereinfachend gesagt stellen die konventionellen Entwicklungsstufen jene Stufen dar, die heute unter den erwachsenen Individuen vorherrschend sind; also jene Stufen, die auch etwas mit werte– und normengeleitetem Verhalten zu tun haben wie auch mit Vernunft und Individualismus etc. Die prä-konventionellen Stufen repräsentieren die vor-modernen und archaisch-mythischen Weltsichten, wie sie von früheren Kulturen oder auch von Kindern eingenommen werden.</p>
<p>Und die post‐konventionellen Stufen sind jene, die im weitesten Sinne in der Zukunft von Individuum und Kultur liegen, bzw. auch heute schon zunehmend auftreten. Dementsprechend können wir prä-konventionelle, konventionelle und postkonventionelle Formen des Willens beobachten. Wir können beispielsweise leicht sehen, dass der prä-konventionelle Wille, den ein archaischer Jäger formt(e), um das Wild zu erlegen, von ganz anderer Natur ist als der, durch und mit dem wir langfristige Ziele und Karriere erreichen können. Während ich nun in <em>Der Wille</em> vor allem die post-konventionellen Stufen untersuchte, möchte ich hier kurz eine umfassendere Darstellung der Willensentwicklung präsentieren. So eine konkretere Darstellung kann uns einen detaillierteren Kontext und Hintergrund für die Daimonotechnik sowie die Funktion des Willens selbst bieten.</p>
<p>Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es nicht ‚den Willen‘ gibt. ‚Wille‘ ist, wie ‚Bewusstsein‘ oder ‚Psyche‘, eine strukturelle Beschreibung für einen Prozess, und der Prozess ändert sich auf jeder Entwicklungsstufe, sei sie prä‐konventionell, konventionell oder post‐konventionell. So gibt es nicht ‚einen‘ Willen, der sich auf unterschiedliche Dinge bezieht, sondern so viele Willen, wie wir Entwicklungsstufen beobachten können. Wie die unterschiedlichen Weltsichten verändert sich auch der Wille auf jeder Entwicklungsstufe.</p>
<p>Wenn wir den Prozess des Willens beobachten, kann man sich leicht auf den Konsens einigen, dass Wollen stets Ausdruck des Lebendigen ist. Wir projizieren stets auf irgendeine Weise unsere Vorstellungen in die Zukunft und handeln dementsprechend, um letztendlich weiterzuleben, um so die günstigsten Bedingungen zu schaffen, um weiterzuwollen. Im biologischen Kontext nennt man das Streben nach Fitness oder eben Autopoiese. Oder, wie es Karl Jaspers sagte: „<em>Wille ist nicht nur nach vorwärtsdrängende Aktivität, sondern seine Freiheit liegt darin, dass er sich selbst will.“</em><sup class='footnote'><a href="#fn-2505-4" id='fnref-2505-4'>4</a></sup> Wille selbst ist immer an Leben und Überleben, ist damit immer an Weiterwollen gekoppelt.</p>
<p>Ich werde zeigen, dass Wille an sich keine andere Funktion hat, als das Weiterleben – und damit auch weiter zu wollen zu sichern. Die Frage, wie das umgesetzt wird, wird freilich auf jeder Ent‐ wicklungsstufe unterschiedlich beantwortet. <em>Leben</em>, nicht als Status quo, sondern als Prozess, kann in diesem Sinne und für uns Menschen nur schlecht von dem Willen getrennt werden. Wir können, wie wir weiter oben sahen, nicht nicht handeln, und genauso wenig können wir nicht nicht wollen. Leben und Han‐ deln, und Leben und Wollen sind damit unweigerlich mitein‐ ander verknüpft. Hinzu kommt, dass Leben wie Wollen nur unter Rückbezug auf die Autopoiese der Psyche vonstattengehen kann. Jeder Wille, auf welcher Entwicklungsstufe auch immer, muss auch immer im Kontext des Lebens und Überlebens betrachtet werden. Genau genommen orientiert er sich, wie ich zeigen werde, an der Differenz von Leben und Tod (Aufhören des Wollens). Jeder Wille besteht immer in dem Versuch, zunächst kurz‐ fristig und mit jeder Entwicklungsstufe immer langfristiger, das Überleben zu sichern – genau dass macht seine autopoietische Funktion für Psyche und Leben aus.</p>
<h4>1. Bio‐Überlebenswille</h4>
<p>Jedes Entwicklungsmodell beginnt mit einer Inbezugnahme auf den Körper und den grundsätzlichen Überlebensbedürfnissen des Körpers, das heißt den Überlebensbedürfnissen Nahrung, Wasser, Schlaf, Wärme, Luft, und wie Eric Berne pointiert betonte, mit Streicheleinheiten, damit das Rückenmark nicht verkümmert. Es ist natürlich schwierig auf dieser Stufe, wie sie etwa bei Säug‐ lingen auftritt, von einem Überlebenswillen zu sprechen – weil es eher so etwas wie ein unbewusster Drang ist; doch wie alles andere auch fängt der Wille irgendwo an, sich zu entwickeln. Er tut dies aus einfachsten Bioüberlebensbedürfnissen und dem Drang nach rezeptiver Befriedigung. Es ist hier ein sehr instink‐ tiver Wille, oder besser: <em>kaum von Instinkt zu unterscheiden</em>, ein körperbezogener Wille, aber dennoch einer, der die Grundlage aller weiteren Willensformen bildet, die im Laufe der Evolution des Geistes und der Kultur auftauchen.</p>
<p>Wir finden den Bio‐Überlebenswillen besonders prägnant beobachtbar bei Säuglingen auf der senso‐motorischen Entwicklungsstufe wie auch bei älteren Menschen, um deren biologische Bedürfnisse man sich kümmern muss. Aber auch in unserem Alltag macht er sich immer bemerkbar, wenn wir hungrig oder müde sind. Wie stark dieser ‚Wille‘ ist, zeigt sich allein darin, wenn man mal versucht, über längere Zeit zu fasten oder nicht zu schlafen. Dieser Bio‐Überlebenswille zeigt sich aber auch, wenn der Sexualität als unmittelbare Triebabfuhr stattgegeben wird, und zwar als biologisches Programm zur Arterhaltung. Die wesentliche Information und das Ziel des Willens ist <em>Leben</em>; der Zeithorizont und die Komplexität des Willens mag sich über die folgenden Stufen ändern, nicht jedoch die Intention des Willens selbst, also zu <em>überleben</em>.</p>
<p>In der Psychologie markiert dieser Bio‐Überlebenswille die erste der prä‐konventionellen Entwicklungsstufen; dieser ‚Wille‘ ist der erste der Naturstufen des Willens – im Gegensatz zu den Kultur‐ und Selbststufen des Willens. Doch sie bleibt immer Teil unserer Existenz: So weit, wie wir uns auch entwickeln, solange wir als biologische Organismen leben, so lange formen wir auch den Bio‐Überlebenswillen. Er ist in alles eingebettet, was wir tun. Jede Stufe bleibt bei der Emergenz <em>der darauf folgenden </em>Stufe ebenfalls erhalten und aktiv. Was wir auch tun, so sehr wir uns auch entwickeln, so bleiben die vorherigen Errungenschaften der Psyche stets erhalten.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-1-Der_Bio-Ueberlebenswille.png" rel="lightbox[2505]"><img title="Tab. 1: Der Bio‐Überlebenswille." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-1-Der_Bio-Ueberlebenswille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 1: Der Bio‐Überlebenswille.</p></div>
<p>Zusammengefasst finden wir die Eigenschaften des Bio‐Überlebenswillens in Tab.1. Der Punkt ‚zu befriedigende Bedürfnisse‘ bezieht sich auf Maslow und seine Bedürfnispyramide. Ich habe zudem auch noch andere Entwicklungsmodelle zu der Beschreibung dieser Stufe assoziiert, nämlich das sozio-kulturelle Entwicklungsmodell <em>Spiral Dynamics</em>von Don Beck, die Selbstentwicklungstheorie von Susanne Cook‐Greuter, ein Entwicklungsmodell des Nervensystem von Timothy Leary sowie die Kabbala. Die ‚Funktion‘ (in der Tabelle) bezieht sich auf den Nutzen des Willens für den ganzen Menschen, während die ‚Leistung‘ der unmittelbare Ausdruck dieses Willens ist.</p>
<h4>2. Sicherheitswille</h4>
<p>Der Sicherheitswille ist der zweite prä‐konventionelle Wille. Er stellt den ersten Versuch dar, Überleben in dem als Umwelt begriffen Raum zu sichern. Wie erwähnt haben Säuglinge auf der vorhergehenden senso‐motorischen Stufe diese Unterscheidung zwischen Innen und Außen noch nicht gefällt; Kleinkinder auf dieser selbst‐schützenden Stufe (siehe Tabelle unten) versuchen nun jedoch, den Willen auf die als Außenwelt begriffene Erfahrung auszuweiten. Hier wird also aus dem passiven und rezep‐ tiven Überlebensdrang der ersten Stufe das aktive Streben nach Überleben. Hier beginnen wir unser körperliches Überleben selbst zu sichern. Wir beginnen zu arbeiten und hier entwickelt sich Aggression, wenn Aggression (lat. <em>aggressiō</em>)‚ sich nähern‘ oder ‚heranschreiten‘ bedeutet.</p>
<p>Auch der Sicherheitswille tritt wie der Bio‐Überlebenswille bei anderen Säugetieren auf. Man beobachte nur einmal zwei miteinander spielende Hunde, deren Interaktion, das Spiel, plötzlich in Kampf und Statusverhalten umschwenken kann. Auf dieser Stufe tritt der starke, physische Wille als solcher auf, unterscheidbar vom bloßen <em>survival‐craving</em>, erstmals sich selbstbewusst, aktiv und mächtig: Hier wird für das eigene Überleben gekämpft. Hier wird gespielt, auch, um das Kämpfen zu üben. Status und Statusauseinandersetzungen sind das unmittelbare Resultat zweier solcher Willen, die aufeinandertreffen, ob dies nun vor etlichen tausend Jahren in den Stammeskulturen oder heute in den Universitäten stattfindet. In diesem Sinne ist das Ziel dieses Willens immer die Selbstbehauptung in einer häufig als feindlich begriffenen Umwelt.</p>
<p>Das Leitthema des Willens auf dieser Stufe ist Sicherheit und damit der Versuch das Überleben vor einem längeren Zeithorizont in einem größeren Raum zu sichern. Sicherheit kann durch vielerlei Mittel erlangt werden, etwa durch Arbeit oder eben durch physischen Kampf. Wichtig ist, das hier – im Vergleich zu der eher empfänglichen Bioüberlebensstufe – im wahrsten Sinne des Wortes <em>physische Bewegung </em>ins Spiel kommt, der Ausdruck und die Freisetzung von Energie, von Emotion, von Aggression, in Form von Arbeit, Kampf und Spieltrieb. Andererseits hängt dieser Wille auch mit innerer Sicherheit zusammen und zeigt sich z.B. im impulsiven, emotionalen Selbstausdruck, beobachtbar etwa bei der narzisstischen Selbstdarstellung von Kindern vor einem Spiegel oder der von Rockstars auf der Bühne. Das Credo lautet natürlich: „Dies bin ich, dies ist mein Wille, dies ist meine Emotion“; „Ich will“, heißt die Devise, „und zwar ohne Rücksicht auf Verluste oder andere.“ Das Individuum findet Sicherheit im machtvollen Selbstausdruck, in der Bewegung des Selbstausdrucks.</p>
<p>Insofern bezieht sich dieser Wille auf Menschen, die die Welt einzig aus Perspektive ihrer eigenen Wünsche, Ziele und Bedürfnisse beschreiben, und die ihre Egozentrik in jedem Fall durch‐ setzen, ihr Überleben in jedem Fall gewährleisten wollen. Wie die Entwicklungspsychologin Susanne Cook‐Greuter diese Stufe, die <em>s</em><em>elbst‐schützende </em>Stufe, beschreibt:</p>
<blockquote><p>Diese Stufe ist den meisten von uns durch das Beobachten oder den Umgang mit Kleinkindern vertraut. Eine Zeit lang wird für Zweijährige alles zu einem Willenstest. Kann der eigene Wille nicht durchgesetzt werden, ist das Ergebnis ein Wutanfall (auch als eine Reaktion auf widerstrebende Bedürfnisse und Wünsche). Diese Verhaltensweisen sind auch bei Erwachsenen der Stufe ʺSelbst‐schützendʺ üblich. Sie stehen generell fremden Absichten argwöhnisch gegenüber und vermuten das Schlimmste. Für diese Menschen ist alles ein Willenskrieg und das Leben ein Nullsummenspiel.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-5" id='fnref-2505-5'>5</a></sup></p></blockquote>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-2-Der_Sicherheitswille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 2: Der Sicherheitswille." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-2-Der_Sicherheitswille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 2: Der Sicherheitswille.</p></div>
<p>Bei uns Erwachsenen wird der Alltag von diesem Sicherheitswillen auch dann gespeist, wenn wir beginnen, den Zeithorizont der unmittelbaren Befriedigung von Bio‐Überlebensbedürfnissen auszudehnen. Er hilft uns zu arbeiten, um mit dem Gehalt 30 Tage später unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wir bauen Häuser, um uns vor Dunkelheit, Kälte und Nässe zu schützen; wir unterhalten Viehherden und betreiben Landwirtschaft, um uns für die Zukunft abzusichern. Es ist in diesem Zusammenhang relativ irrelevant, ob man Landwirt ist oder Wall‐Street‐Broker, sofern man seiner Arbeit nachgeht, um im nächsten Monat seine Miete, seine Nahrung, seinen Unterhalt zu finanzieren. Wir bemerken diesen Willen in uns immer dann, wenn uns klar wird, dass wir etwas tun müssen, um körperlich zu überleben. In diesem Sinne ist auch dieser Wille ein natur‐ und körperbezogener Wille.</p>
<p>Insofern ist auch dieser Wille noch ein egozentrierter Wille; aus dem passiven Überlebenswillen wird der aktive Kampf.</p>
<h4>3. Konformistischer Wille</h4>
<p>Dies waren gewissermaßen die beiden Naturstufen des Willens, die sich auf den Körper und seine Beziehung zur Umwelt beziehen. Nun machen wir einen Sprung zu den <em>Kulturstufen </em>des Willens – man könnte sie auch die konventionellen Stufen des Willens nennen, im Gegensatz zu den prä‐konventionellen Stufen, die wir schon besprochen haben.</p>
<p>Dies ist die erste der konventionellen Stufen des Willens, die über den narzisstischen Vollzug und Ausdruck hinausgeht. Der Wille findet hier erstmals die Wir‐ und Sozial‐Dimension menschlichen Verhaltens und reicht über den eigenen Körper hinaus. <em>Hier wird der Wille des Individuums erstmals mit dem Willen des Kollektivs assoziiert</em>: Das ist richtig, was das Kollektiv konsensuell als richtig beschließt/begreift; das kann gewollt werden, was das Kollektiv als wollenswert definiert. Das Credo lautet in etwa: „Wenn alle X wollen, so will ich es auch!“.</p>
<p>Ein ganz einfaches Beispiel für diesen konformistischen Willen finden wir in den sozialen Räumen, in denen wir uns alltäglich bewegen. In Bibliotheken, Arbeitsämtern, Parks, Kinos, Restaurants usw. gibt es jeweils ganz bestimmte, meist implizite Verhaltensregeln, die eingehalten werden <em>müssen</em>, und die das Individuum meist auch gerne einhält, um an diesen Räumen partizipieren zu können. Wenn wir uns in diesen Räumen bewegen, akzeptieren wir auch meist die Regeln dieser Räume, und wir ‚dürfen‘ dann jene verurteilen, die es nicht tun. Man darf sich eben nicht an der Kasse vordrängeln, im Kino ist das Handy auszumachen und in der Bibliothek hat man zu schweigen. Allgemein aber gilt: Unsere Bewegung in den sozialen Räumen ist mehr oder minder freiwillig; wir passen unser Verhalten den vorherrschenden Regeln an und sichern so das soziale Auskommen.</p>
<p>Der Sicherheitsaspekt der vorherigen Stufe wird hier also auf die Sozio‐Sphären ausgedehnt, Regeln erleichtern das Zusammenleben. Der konformistische Wille zeigt sich genau darin, dass sich das Individuum an diese Regeln anpassen will. Verbrechen und Strafe sind die beiden Phänomene, die hier im Kontext des konformistischen Willens Sinn ergeben.</p>
<p>Auf kultureller Ebene entsteht hier aus dem narzisstischen, prä‐konventionellen Bedürfnis nach Rache, welche ein Ausdruck des Sicherheitswillens ist, das kollektive Recht<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-6" id='fnref-2505-6'>6</a></sup>, und dieser Wille sowie die damit einhergehende Entwicklungsstufe hat auch heute noch eine große Verteilung. Das Kollektiv kann die eigene Familie, die Clique, die Arbeitsgemeinschaft, die Dorfgemeinschaft oder der Staat sein<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-7" id='fnref-2505-7'>7</a></sup> – im letzten Fall überdeutlich zu beobachten im scheinbar unerklärlichen blinden Rudelverhalten Nazi‐Deutschlands. Selbst‐Identität wird über die Gruppe geschmiedet; immer dann, wenn wir auf die Straße gehen und demonstrieren, weil es alle unsere Arbeitskollegen tun, immer dann, wenn wir uns zu Konferenzen treffen, weil es sozialer Konsens und soziale Notwenigkeit ist, immer dann, wenn wir Fußball schauen, um am Montag mitreden zu können, immer dann wirkt genau diese Bewusstseins‐ und Willensstruktur. Das heißt, viel mehr als bei dem Sicherheitswillen dreht es sich hier um das soziale Überleben des Menschen.</p>
<p>Wir nutzen beispielsweise auch diesen Willen, wenn wir nicht selbstständig arbeiten, sondern wenn wir, vorgegeben durch einen sozialen Konsens – z.B. die ‚40‐Stunden Woche‘ – die Eigenverantwortung für unsere Zeitstrukturierung abgeben, und tagein, tagaus unserem Job nachgehen. Wenn wir also arbeiten, um Geld zu verdienen, aber auch, um unsere Zeit zu strukturieren – eine höchst wichtige Frage, wie jeder weiß, der einmal ausprobiert hat, über eine Woche tatsächlich nichts zu tun. Wie wir sehen werden, ist die Errungenschaft, seine Arbeit mit Pas‐ sion, Talent und Selbstverwirklichung zu verbinden, erst etwas, was mit der Postmoderne auftaucht und damit erst in den letzten einhundert Jahren langsam an Bedeutung gewinnt. Der konfor‐ mistische Wille hingegen tut etwas, weil es sich so gehört, und weil es die soziale Realität darstellt.</p>
<p>Allgemein entsteht dieser konformistische Wille immer genau dann, wenn gemeinsam (Verhaltens‐)Normen kondensiert werden, die eingehalten werden müssen: <em>onto‐memetisch</em>, wenn das Kind schon tradierte Regeln übertritt, um sie zu internalisieren, und <em>phylo‐memetisch</em>, wenn kulturell neue Normen und Regeln entwickelt werden, seien sie nun absolutistisch, mystisch, religiös oder lebensweltlich, um das Zusammenleben zu sichern. Die enge Anbindung des Individuums an das Kollektiv wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass das Individuum im Kontext dieser Normen nach Anerkennung von anderen strebt, wenn es sich richtig verhält, wie implizit auch Zurechtweisung, wenn das Verhalten nicht passt<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-8" id='fnref-2505-8'>8</a></sup>; andererseits will das Individuum auch andere bestärken und belohnen, wenn es das rechte Ver‐ halten zeigt, wie auch, andere dafür abstrafen, wenn dies nicht der Fall ist. Nochmals Cook‐Greuter, die diese generelle Entwick‐ lungsstufe ‚Diplomat‘ nennt:</p>
<blockquote><p>Wegen der Notwendigkeit akzeptiert zu werden ist die Sprache unpersönlich, oft übertrieben positiv und voller Plattitüden. ‚Diplomaten‘ sind im Wesentlichen Diplomaten. Sie wollen kein Anlass für Unruhe sein, möchten nicht ausgeschlossen werden und starten keine Initiativen, die nicht von der Gruppe sanktioniert sind. Es ist dem Diplomaten wichtig, mit den Nachbarn mitzuhalten und als Zeichen des eigenen Erfolgs materielles Vermögen und Statussymbole zu erwerben.</p>
<p>Um gemocht zu werden, braucht man eine gefällige soziale Persönlichkeit. Es ist wichtig freundlich, angenehm und gut aussehend zu sein. Menschen werden danach beurteilt, wie sie aussehen. Große Aufmerksamkeit wird auf Ordentlichkeit, äußere Erscheinung und Reinlichkeit gelegt.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-9" id='fnref-2505-9'>9</a></sup></p></blockquote>
<p>Vermögen und Statussymbole sind auf dieser Stufe insofern wichtig, weil sie ein Symbol oder Beweis für das rechte Verhalten und damit auch für das Nachleben sind; häufig wurden in Früh‐ kulturen, als sich diese Entwicklungsstufe langsam sozio‐kulturell durchzusetzen begann, ja Schmuck und Wertgegenstände dem Grabe beigelegt, nicht nur um den Status des Verstorbenen zu verkünden, sondern um ihn mit Mitteln im Nachleben zu versorgen. Es ist dabei wichtig zu berücksichtigen, dass viele Men‐ schen heute auf dieser Stufe nicht zwangsläufig gottesfürchtig oder religiös sind. Als diese Entwicklungsstufe vor etwa 3000 Jahren jedoch soziokulturell aufgetaucht ist und sich immer mehr durchsetzte, war sie an religiöse oder mythische Bilder gekoppelt, und diese Bilder oder Meme<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-10" id='fnref-2505-10'>10</a></sup> sind heute immer noch aktiv und eingebettet in das moderne Leben.</p>
<p>Insofern müssen wir auch hier die Tatsache berücksichtigen, dass auf dieser Stufe des Willens das grundlegende Ziel, nämlich das Überleben, besonders codiert und eingebettet wird. Das geschieht auf zweierlei Weisen. Einerseits wird auf dieser Stufe versucht, via normen‐ und werteorientiertem Verhalten das langfristige, generationsbedingte Überleben in einem Kollektiv zu gewährleisten. Das individualisierte Sicherheitsdenken der vorherigen Stufe wird z.B. hier auf die Familie und die nachkommenden Generationen ausgedehnt. Reichtum und damit Sicherheit entsteht, wenn Geld vererbt und weiter angehäuft wird. Es entsteht dementsprechend mit dem Auftauchen der entsprechenden sozio‐kulturellen Entwicklungsstufe (s.u.) realer und wirtschaftlicher Adel. Hier wird also der Überlebens‐ und Sicherheitshorizont generationsbedingt weiter ausgedehnt und nach hinten verschoben.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-3-Der_Konformistische_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 3: Der Konformistische Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-3-Der_Konformistische_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 3: Der Konformistische Wille</p></div>
<p>Viel bedeutender aber ist das Unternehmen, dass das Kollektiv Verhaltensnormen codiert und auf längere Sicht die institutionelle Religion erschafft, durch die versucht wird, durch normenbe dingte Verhaltenskontrolle und die richtige Lebensführung das Leben nach dem Tod zu sichern. Daher geht mit allen Religionen, die historisch/sozio‐kulturell aus dieser generellen Entwicklungs‐ stufe hervortreten64 auch eine irgendwie geartete Vorstellung von einem Nachleben mit einher, sei es in Form eines Paradieses, dem Nirwana, der Inkarnation etc. Die grundlegende Idee des Willens auf dieser Stufe ist es also, jetzt durch rechtes Verhalten das eigene Überleben oder das der Sippe nach dem eigenen Tod zu gewährleisten.</p>
<h4>4. Der Leistungs‐Wille</h4>
<p>Kommen wir nun zur zweiten Kulturstufe des Willens, dem Leistungswillen. Der Leistungswille entsteht, wenn das Kollektiv den Wert entwickelt und <em>pädagogisch </em>umsetzt, den Willen selbst der <em>Erziehung </em>zu unterwerfen und das Individuum diesen Wert übernimmt. ‚Selbst‐Disziplin‘ ist hier das ins Bewusstsein tretende Stichwort. Hier entsteht der individualisierte Wille zur Leistung, zur Karriere, zum Erreichen langfristiger Ziele, sei es wissenschaftlich, wirtschaftlich, politisch, athletisch o.ä., d.h. zu der langfristigen Weiterentwicklung der Kultur.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-11" id='fnref-2505-11'>11</a></sup> Dieser Leistungswille ist auch noch ein konventioneller Wille, denn das Individuum übernimmt das Leistungsdenken‐ und Streben, die damit verbundenen sozialen Rollen und Werte aus dem Kollektiv. Der konformistisch ausgerichtete Wille der vorherigen Stufe wird hier zum Ausdrucksmittel der Individualität; das Individuum beginnt hier, vor dem Hintergrund sozial‐konditionierter Werte, selbst‐ verantwortlich seine Ziele zu erreichen, und und sei es, dass diese Ziele in der selbstverantwortlichen Gestaltung des eigenen Lebens bestehen. Mit anderen Worten: Identifiziert das konformistische Individuum seinen Willen mit dem kollektiven Willen – á la: Wenn es richtig ist, am Sonntag zur Kirche zu gehen, will auch ich dies tun – so übernimmt das Leistungsindividuum nun den Wert, sein Leben durch seinen Willen selbst zu gestalten.</p>
<p>Die Zeitdimension des Leistungswillens wird – im Verhältnis zum konformistischen Willen – vergrößert. 30 oder 40 Jahre für ein Ziel zu arbeiten ist dabei keine Seltenheit und genau diese Ausdauer ist ein bemerkenswertes Kennzeichen dieses Willens.</p>
<p>Die Bedingungen für den Leistungswillen werden erschaffen, wenn der fremdreferenzielle Glaube an ein Nachleben und das Anpassen an eine entweder soziale oder religiöse höhere Ord‐ nung zugunsten eher ich‐bezogener und rationaler Konzepte abgelegt werden. Die Wahrheit kann dann durch wissenschaftliche Methoden gefunden werden.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-12" id='fnref-2505-12'>12</a></sup> Das geschah z.B. sozio‐kulturell, als die Moderne und die <em>Aufklärung </em>als solche eingeläutet wurden, als auch psychologisch, wenn das Individuum die formal‐operationale Entwicklungsstufe betritt, die, nach Susanne Cook‐Greuter die ‚Zielstufe unserer westlichen Kultur‘ ist. Glauben wird auf dieser Stufe durch Wissen, Logik, Rationalität und Technik ersetzt. Hier begreift sich das Individuum nicht mehr als Teil von Gottes Schöpfung, sondern als ein separates Rädchen im kosmischen Getriebe, das lernen kann, sich die Regeln der Welt zunutze zu machen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-13" id='fnref-2505-13'>13</a></sup></p>
<p>Besondere Bedeutung kommt hier der institutionalisierten Wissenschaft zu, die mit der Aufklärung einen besonderen Stellenwert bekam. Denn genau genommen arbeitet die Wissenschaft an nichts anderem als der Verbesserung der Lebensbedingungen und damit der <em>Lebensverlängerung</em>. Jede Wissenschaft ist in diesem Sinne eine Wissenschaft des Überlebens. Man kann heute z.B. klar sehen, dass das Durchschnittslebensalter seit der Aufklärung und Institutionalisierung der Wissenschaften dramatisch angestiegen ist, denn Wissenschaft ermöglicht z.B. bessere Ernährung, bessere Medizin und Vorsorge. Während vor noch 400 Jahren, also kurz vor dem Auftauchen der Institutionalisierung der Wissenschaft, das durchschnittliche Sterbealter bei etwa 30 Jahren lag, liegt es heute bei etwa 75 Jahren. Die Errungenschaften aus Medizin, Physik, Biologie, Chemie usw. finden so ihre direkten Anwen‐ dungen in den Verbesserungen der lokalen und globalen Lebens‐ bedingungen. Hieran können wir erkennen, dass auch auf dieser Stufe das Ziel des Willens, nämlich <em>zu überleben</em>, eingebaut ist. Nur durch die wissenschaftliche Leistung der Einzelnen, die die Forschung vorantreiben, werden wir die Lebenserwartung stetig weiter anheben und vielleicht sogar irgendwann den biologischen Code des Alterns knacken.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-4-Der_Leistungswille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 4: Der Leistungswille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-4-Der_Leistungswille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 4: Der Leistungswille</p></div>
<p>Es entsteht darüber hinaus mit der entsprechenden sozio‐kulturellen Entwicklungsstufe auch ein neuer Techno‐, Wissens‐ und vor allem Körper/Sportkult, wie er sich in den Anstrengungen des Pädagogen Coubertins, die Olympischen Spiele wieder zum Leben zu erwecken, sowie der Gottgestalt des modernen Athleten, der für einen Moment, nämlich den des Sieges, nichts anderes erlangt als Unsterblichkeit selbst, ausdrückt.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-14" id='fnref-2505-14'>14</a></sup> Hier finden wir den binären Code von Gewinner und Verlierer, sowie von Erfolg und Misserfolg, der hier mehr als auf jeder anderen Stufe zur Geltung kommt. Man will schließlich <em>besser </em>sein als seine Konkurrenten, um seine Lebensbedingungen zu verbessern. Durch diese soziale Konditionierung in Bezug auf die Gewinner/ Verlierer‐Differenz stellt Gesellschaft sicher, dass sie als starke Nation überleben kann, spielerisch, indem beispielsweise möglichst viele Medaillen bei den Olympischen Spielen oder ähnlichen Events gewonnen werden können, oder wirtschaftspolitisch, in dem eine Nation über viel Kauf‐ und Produktionskraft verfügt.</p>
<h4>5. Der kreative Wille</h4>
<p>Wir haben bislang die Natur‐ und Kulturstufen des Willens besprochen. An dieser Stelle findet nun ein Übergang zu den Selbststufen des Willens statt, also einem Willen, der sich nicht mehr auf das Überleben des Individuums in einer physischen oder sozialen Umwelt bezieht, sondern auf das Bewusstsein selbst, dass diese Umwelten beobachtet.</p>
<p>Zunächst tritt hier der kreative Wille auf, also jener Wille, der mit dem Auftauchen der Postmoderne so gut beobachtbar ist: Der Wille zum kreativen und authentischen Selbstausdruck, sei es bei wirtschaftlichen, künstlerischen, spirituellen, ökologischen oder ähnlichen Projekten und Ambitionen. Ganz einfach gesagt überwindet der kreative Wille konventionelle Wertvorstellungen; es ist der erste post‐konventionelle Wille und der Versuch des Menschen, unabhängig von gesellschaftlichen Konzepten und Angeboten seinen eigenen Weg in der Welt zu finden. Dieser kreative Wille zeigt sich in dem Streben nach Selbstausdruck, Selbsterfüllung und Selbsterforschung. Es zeigt sich auch in dem Versuch, in einer bestimmten Lebenspraxe zu Gipfel‐ oder Flowerfahrungen zu kommen, sei es in der Kunst, der Spiritualität, beim Sport, oder gemeinsam bei Gruppenprojekten, die durch flache Hierarchien gekennzeichnet sind.</p>
<p>Der kreative Wille taucht – einfach gesagt – mit der postmodern‐konstruktivistischen Erkenntnis auf, dass es keinen objektiven Beobachterstandpunkt gibt, sondern dass uns alle unsere Subjektivität verbindet.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-15" id='fnref-2505-15'>15</a></sup> Während sich der Leistungswille in diesem Sinne noch auf die als manifest verstandene wirkliche Außenwelt bezieht und den Versuch, das Räderwerk der Weltmaschine besser als jeder andere beherrschen zu lernen, richtet das postmoderne Individuum den eigenen Willen entweder auf diese eigene Subjektivität oder die Intersubjektivität zwischen uns Menschen. Das heißt nicht, dass real existierende Probleme wie die drohende Klimakatastrophe in und mit dieser Subjektivität geleugnet werden. Sondern es heißt vielmehr, dass mit der Erkenntnis der Beobachterabhängigkeit auch das Bewusstsein dafür entsteht, dass wir uns erst mal selber und unsere Verhaltensweisen ändern müssen, um die Welt ändern zu können, und etwa das Ökobewusstsein durchaus damit anfängt, seine eigenen Nahrungsgewohnheiten zu überprüfen … anstatt etwa zu hoffen, die Politik würde etwas verändern. Wir sehen hieran, dass zusätzlich zu dem (modernen) Versuch, auf die Umwelt Einfluss zu nehmen, das (postmoderne) Moment der Subjektivität mit hinzukommt. Der Mensch muss nun nicht nur sein Leben in der Welt bewältigen; er muss auch sein Leben mit sich selbst bewältigen.</p>
<p>Das heißt, es entwickelt sich das Bewusstsein darüber, dass Außenwelterfahrung nicht gleich Außenwelt ist, und dass wir uns selbst verändern können – ein entscheidender Fortschritt im Ver‐ hältnis zu dem Leistungswillen, der noch an die strikte Unterschei‐ dung von Innen und Außen gebunden ist. Und statt nach Status, Karriere und Geld zu streben, setzt sich immer mehr der Wunsch – oder besser: der Wille – durch, sich selbst und seine eigene Subjektivität, ja die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen, sei es durch Musik, Kunst, Sport, Technik o.ä. Hier wird zunehmend von althergebrachten Rollenkonzepten Abstand genommen, man will sich selbst und seinen Weg im Leben finden. Überhaupt tritt hier der Wunsch nach Selbstveränderung auf, und es ist kein Zufall, dass mit dem Auftauchen der Postmoderne auch ein neues spirituelles Bewusstsein auftritt. Susanne Cook‐Greuter dazu:</p>
<blockquote><p>Da eigene alte Identitäten nicht mehr ungefragt akzeptiert werden, ist der Wunsch nach einer persönlichen Leistung unabhängig von sozial anerkannten Rollen oder Aufgaben eines der Hauptanliegen des Pluralisten. Sie ziehen sich oft zeitweise von äußeren Angelegenheiten oder dem Tagesgeschäft ihrer Unternehmen zurück. Stattdessen wenden sie sich nach innen auf ihrer Suche nach ihren außergewöhnlichen Talenten oder gehen ihren eigenen brennenden Fragen nach. So sie den Raum bekommen sie selber zu sein, können sie häufig einen kreativen Einfluss auf ihren Arbeitsplatz haben, neue Möglichkeiten entwickeln auf Probleme zu schauen oder andere mit ihrem Enthusiasmus dazu inspirieren, ihre eigenen Interessen oder Fragen zu verfolgen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-16" id='fnref-2505-16'>16</a></sup></p></blockquote>
<p>Hier tritt, eingebettet in viele Formen des Lernens, auch die Erste Daimonotechnik auf, also das Streben danach, sich in einer besonderen Lebenspraxis weiter zu entwickeln und euphorische Gipfelerfahrungen zu erzeugen; nicht des Status oder der Anerkennung willens, sondern wegen des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Allgemein ist der kreative Wille der erste post‐konventionelle Wille, der sich heute nach und nach im Westen durchsetzt. Sofern und solange also die autopoietischen Prinzipien der Psyche auf eine besondere Lebenspraxis selbst angewendet werden, so sprechen wir also von einem kreativen Willen. An anderer Stelle definierte ich diesen kreativen Willen als die <em>Einheit von Ziel, Flow und Verhalten</em><sup class='footnote'><a href="#fn-2505-17" id='fnref-2505-17'>17</a></sup>, und damit ist nichts anderes ausgedrückt, als dass wir in einer Zielerreichung versuchen, mit und in <em>Flow </em>non‐dual zu handeln. Das ist natürlich eine sehr technische Beschreibung für eine relativ einfache Sache, die man erfährt, wenn man daimonisch handelt.</p>
<p>Auch hier, auf der diesem Willen entsprechenden, soziokulturellen Entwicklungsstufe (siehe Tabelle unten), lautet die grundsätzliche Frage: Wie können wir unser Überleben sichern? Wie wir sahen, wird dieses Problem auf jeder Stufe anders codiert und gelöst. Im Fall dieser postmodernen Entwicklungsstufe und dieses Willens wird dieses Problem einerseits in die globalen Finanzkrisen und die drohende Ökokatstrophe eingebettet, die, wie James Lovelock bemerkte<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-18" id='fnref-2505-18'>18</a></sup>, weniger eine Frage dessen ist, ob das Ökosystem Erde – Gaia – überlebt, sondern vielmehr, ob wir unseren eigenen Lebensraum zerstören. Hier wird die Frage des Überlebens insofern auf uns als Spezies als Ganzes ausgedehnt. In der (globalen) Klimadebatte sehen wir hier also jene Aufeinander‐zu‐Bewegung der Kulturen, auf die u.a. Ken Wilber hingewiesen hatte<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-19" id='fnref-2505-19'>19</a></sup>, und das die sozio‐kulturelle Entwicklung seit Aufkommen des Homo‐Sapiens kennzeichnet – von Sippen zu Dorfgemeinschaften, von Dorfgemeinschaften zu Städten, von Städten zu Fürstentümern und Ländern, von Nationen zu einem ‚globalen Dorf‘.</p>
<p>Zum Zweiten wird das Thema ‚Überleben‘ mit dem Import östlich-spiritueller Praxen und der Ausdifferenzierung westlich‐spiritueller Übungssysteme seit dem ausgehenden 19ten Jahrhundert zunehmend in unserer Kultur thematisiert, wo Fragen der Erneuerung, der psychischen Unsterblichkeit und der Erleuchtung ins Bewusstsein dringen; psychische Unsterblichkeit heißt hier, die Bedingungen des kognitiven Konzepts des ‚Egos‘ zu überwinden und in den Seinsgrund einzutauchen, jenem erleuchteten psychisch‐spirituellen Zustand jenseits aller Dualität, in dem man, wie es im Zen-Buddhismus heißt, ‚nicht geboren wird und auch niemals sterben kann.‘</p>
<p>Drittens tritt mit der Postmoderne neben der modernen Spiritualität auch die institutionalisierte Psychologie auf, und mit ihr auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Existenz, wie sie Victor Frankl so nachhaltig als ‚Wille zum Sinn‘ einfängt, denn ohne Sinn sind wir, wie jeder, der schon einmal eine Depression hatte weiß, nicht lebens‐ oder überlebensfähig. Welchem Sinn sollen wir also folgen, wenn wir die modernen Werte und das Leistungsstreben oder das traditionell‐bürokratische Herdendenken ablehnen? Wo können wir den Sinn finden? Die zeitgenössisch‐postmoderne, erkenntnistheoretische Antwort lautet natürlich: ‚Sinn‘ – als Einheit von Differenzen – ist ein Konstrukt des Bewusstseins; also können wir auch lernen, Sinn unabhängig von bislang sozial tradierten Konzepten selbst zu setzen; und Individuen, die diesen Sinn noch nicht in sich finden oder formen können, fühlen sich auf dieser Stufe zerrissen, gespalten und unausgefüllt; es ist gerade diese innere Zerrissenheit, die oftmals zum Lackmustest unserer postmodernen Kultur gemacht wird.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-20" id='fnref-2505-20'>20</a></sup></p>
<p>Wenn mit Postmoderne etwas Neues auftritt, so ist es damit auch der Wille, mehr Verantwortung für unsere Umwelt und das eigene Bewusstsein zu übernehmen. Der kreative Wille ist insofern der erste Wille, der sich durch die Reaktion des Bewusstseins auf sich selbst ergibt und der konstruktivistischen Erkenntnis, dass alles Erkennen beobachterabhängig ist. Das Resultat ist, dass <em>der Wille beginnt, das Bewusstsein zu formen</em>. In diesem Sinne tritt der kreative Wille als sich selbstbewusste Begeisterung auf: Für Umweltschutz, für die Kunst, für das musizieren, für die ganzheitliche Sexualität oder die Spiritualität per se. Weil dieser Wille der erste ist, durch den versucht wird, das Bewusstsein selbst zu verändern, ist dieser kreative Wille auch der erste Versuch des Menschen, Daimonotechnik zu verwenden. Er strebt mit seinem Willen erstmals bewusst Emergenz an, und zwar als Flow‐ oder Gipfelerfahrung. Für viele kreative Menschen ist es gerade Flow, diese temporäre Erfahrung der Emergenz, die das, was sie machen, so interessant macht. Hier offenbart sich dann auch die Spitze der ursprünglichen Maslowschen Bedürfnispyramide, nämlich das Bedürfnis nach kreativem Selbstausdruck. Hier finden wir den kreativen Ausdruck, und zwar in der Gipfelerfahrung, in der Transzendenz; hier finden wir das besondere Engagement, über seine traditionellen ‚Konditionierungen‘ hinauszuwachsen, oder auch eine neue ökobewusste und spiritualitätsbewusste Kultur zu erzeugen, die ebenso im Einklang mit den Kräften der Natur wie auch mit den Kräften der Psyche ist.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-5-Der_kreative_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 5: Der kreative Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-5-Der_kreative_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 5: Der kreative Wille</p></div>
<p>Das kreative Individuum wird so durch den kreativen Selbstausdruck sozial betrachtet zum Produzenten von Memen (im Sinne Susan Blackmores), von eben gedanklichen wie sozio‐kulturellen Informations‐Einheiten, und sorgt damit für die Aufrechterhaltung und Erneuerung der sozialen Autopoiese und der Realität als soziales Konstrukt. Diesen Zusammenhang zwischen dem individuellen Versuch, neue Meme zu produzieren, dem kreativen Selbstausdruck und der inneren Selbstfindung kann man nicht deutlich genug betonen. Eine besondere Rolle spielt dabei besonders das Internet, durch das die Produktion und die soziale Darstellung von Memen beobachtbar angestiegen sind.</p>
<h4>6. Der evolutionäre Wille</h4>
<p>Der evolutionäre Wille basiert zunächst auf der Erkenntnis, dass sich der Wille schrittweise entwickelt; das wir uns mit jedem Sprech– und Denkakt, mit jedem Handlungsakt entwickeln und deshalb der Drift der Evolution nicht entkommen können. Hier auf dieser Stufe wird diese Erkenntnis in alles Handeln bewusst miteinbezogen. Jede Handlung wird so zu einem Weiterentwicklungsakt. Damit stehen wir auch vor bestimmten ethischen Pro‐ blemen, die ich hier erörtern will. Zunächst aber noch ein paar Vorbemerkungen.</p>
<p>In ganz einfachen Worten taucht der evolutionäre Wille genau dann auf, wenn das grundlegende Paradigma der vorherigen Stufe auf die gesamte Erfahrung übertragen wird, das heißt, wenn der Mensch in <em>jeder</em> Lebenspraxis seinen kreativen Selbstausdruck, seine Selbstverwirklichung und seine Euphorie und Freude findet. Hier tritt ganz natürlich die Zweite Daimonotechnik in Erscheinung, und es ist kein Zufall, dass die diesem Willen korrespondierende Entwicklungsstufe häufig mit solaren Eigenschaften oder Symbolen dargestellt wird. Die grundsätzliche und teilweise jahrtausende Jahre alte Haltung des Menschen zum Leben – Existenz ist Leid, Leben ist voller Mühsal und Probleme – wird hier überkommen. Das Paradigma dieser Stufe lautet in etwa: Existenz ist reine Freude, Existenz ist Veränderung, Existenz ist Evolution. Auch mit dieser Stufe tritt ein grundsätzlicher Wandel in der Verantwortlichkeit in Bezug auf die eigenen Erfahrungen auf. Hier wird nicht nur intuitiv verstanden, wie Entwicklung und Evolution des Geistes vonstattengehen; hier können diese Prinzipien der Evolution vollends angewendet werden. Aus diesem Grunde sind der evolutionäre Wille und die Zweite Daimomotechnik deckungsgleich.</p>
<p>Auf dieser Stufe operiert der Wille auf der Ebene der Autopoiese der Psyche und Gesamterfahrung selbst. Die Prinzipien der Autopoiese – Wiederholung, Differenzierung, Emergenz und Innovation – können reflexiv und selbstbewusst in und auf allen Lebensbereichen, auf die gesamte Erfahrung angewendet werden; damit steht alles Denken, Sprechen und Handeln im Kontext der Evolution. Es muss hierbei berücksichtigt werden, dass die wenigsten Menschen derzeit tatsächlich über die Bewusstheit ver‐ fügen, tatsächlich zu denken, was sie wollen, sodass das Denken tatsächlich ziel‐ und intentionsgerichtet ist. Dies ändert sich mit dieser Stufe, in der das Individuum sehr fein auf seine eigenen psychologischen Prozesse eingestimmt ist.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-21" id='fnref-2505-21'>21</a></sup> Hier weitet sich damit die Fähigkeit des Individuums zum kreativen, schöpferischen, daimonischen Willen aus, der nun alle Lebenspraxen und jeden Lebensbereich durchdringen kann. Durch die Fähigkeit, in jeder Lebenspraxis einen kreativ‐daimonischen Willen umsetzen zu können, lebt das Individuum auch mit steten Flow‐und Gipfel‐ erfahrungen, die vorher nur einzelnen Lebensbereichen vorbe‐ halten waren. Mit anderen Worten: Während das Individuum der vorherigen kreativen Stufe beginnt, sich mit den Bedingungen der psychischen Autopoiese auf der Mikroebene des Bewusstseins vertraut zu machen – wie kann ich in einem Attraktor <em>Flow </em>und Emergenz erzeugen? – so versucht das Individuum auf dieser Stufe dieses Prinzip auf der Makroebene zu beherrschen: Wie kann man die nächste Entwicklungsstufe anstreben und die eigentlichen psychologischen Bedingungen des Wachstums anwenden? Der Wille wird hier durch die Erkenntnis der evolutionären Entwicklung der Psyche zu einem Werkzeug der Evolution. Nur durch den Willen der vorherigen Stufen konnte das Individuum diese Stufe erlangen, und kann auch nur mittels dieses evolutionären Willens zu folgenden Stufen fortschreiten. Durch die Erkenntnis, dass sich das Bewusstsein in einem kon‐ stanten evolutionären Prozess befindet, der durch den Willen umgesetzt wird, geht eine innere Autonomie‐ und Freiheits‐ Erfahrung einher. Nochmals Cook‐Greuter, die diese Stufe ‚Synthetiker‘ nennt:</p>
<blockquote><p>Synthetiker erkennen, dass sie zwar möglicherweise in sich verschiedene miteinander in Konflikt stehende Aspekte oder Gegensätzlichkeiten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zusammenhängen bemerken, dass sie jedoch in der Lage sind, unterschiedliche Anteile ihres Selbst anzunehmen und zu integrieren. Das ist anders als bei Pluralisten, welche oft zweifeln, ob sie je herausfinden, wer sie wirklich sind. Das autonome Selbst beinhaltet die Integration von vorher getrennten Sub‐Identitäten. Die entscheidende neue Fähigkeit der Synthetiker ist es sich gewahr zu werden, dass man selber Bedeutung schafft und immer wieder eine neue Selbstgeschichte erzählt. […] Dies ist genau deshalb möglich, da Synthetiker nun verstehen, dass Bedeutung eine Interpretation ist, die wir der Erfahrung hinzufügen. Wir alle erzählen die ganze Zeit Geschichten darüber, was passiert. Synthetiker verpflichten sich bewusst, aktiv ein bedeutungsvolles Leben für sich und an‐ dere mittels Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in sich ständig ändernden Zusammenhängen zu führen. Sie besitzen ein relativ starkes autonomes Selbst, das sowohl differenziert als auch gut integriert ist. Dies umfasst die Fähigkeit, Paradoxien zu sehen und Widersprüchlichkeiten zu tolerieren, ja sogar zu schätzen. Synthetiker befinden sich in feiner Abstimmung mit ihrem eigenen psychologischen Wohlergehen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-22" id='fnref-2505-22'>22</a></sup></p></blockquote>
<p>Ein besonderer Aspekt ist in diesem Zusammenhang mit dem evolutionären Willen noch hervorzuheben. Das Individuum erkennt zum einen, das jeder Horizont, jedes Ziel naturgemäß seine Probleme und Schwierigkeiten erzeugt. Während sich so jedes Individuum vorheriger Willensstufen noch an den Pro‐ blemen des Alltags reibt, kann das evolutionäre Individuum die Schatten, Probleme und Ungereimheiten des Alltags integrieren, während sie auftreten, eben weil es erkannt hat, dass es die Pro‐ bleme durch die Wahl des Horizontes und Zieles selbst erzeugt hat. Auf diese Weise werden aus Problemen Entwicklungsmög‐ lichkeiten und die Bedingung der Möglichkeit, bestimmte Ziele oder Horizonte zu erreichen. Andere Ziele, andere Lebensziele, und seinen sie nur implizit oder unbewusst, führen immer zu anderen Problemen und dem, was man gemeinhin ‚Schicksal‘ nennt.</p>
<p>Um die Komplexität des Willens auf dieser Stufe konkret abschätzen zu können, wollen wir einen kleinen Ausflug in die Ethik machen; natürlich ist Ethik immer Gegenstand der Diskussion, sobald es sich um den Willen dreht. „Was kann ich und was darf ich wollen?“ gehört zu den Fragen, die die Moralphilosophie seit Anbeginn beschäftigt hat. Wollen wir evolutionär handeln und dabei den komplexen Problemen unseres Alltags gerecht werden, stehen wir also unmittelbar vor ethischen Problemen, und sei es, dass wir unser eigenes Wohl mit dem des Kollektivs abgleichen müssen, und dass wir uns dabei ebenso ziel‐wie regel‐ orientiert verhalten.</p>
<p>Wie nun der amerikanische Moralphilosoph William Frankena in seinem berühmten Buch <em>Analytische Ethik </em>gezeigt hat<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-23" id='fnref-2505-23'>23</a></sup>, ist jede Ethik, die die menschliche Kultur bislang entwickelt hat, entweder eine teleologische oder deontologische. Teleologisch ist jede Ethik, die sich um zukünftige Errungenschaften oder Ziele dreht, während eine deontologische Ethik sich immer mit bestimmten Verhaltensweisen beschäftigt, die an sich gut oder vorteilhaft sind. Hinzu kommt, dass es stets eher individuell‐ausgerichtete Ethiken gibt, wie es auch kollektiv‐ausgerichtete Ethiken gibt. Wir können in diesem Sinne Ethik durch das fol‐ gende Quadranten‐Schema differenzieren:</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Abbildung%202-%20Ethische%20Quadranten.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Abbildung 2. Ethische Quadranten" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Abbildung%202-%20Ethische%20Quadranten.png" alt="" width="200" height="193" /></a><p class="wp-caption-text">Abbildung 2. Ethische Quadranten</p></div>
<p>Quadrant 1 steht für die Frage: Wie genau verhalte ich mich oder wie sollte ich mich in dieser Situation am besten verhalten? Es dreht sich hier um den individuell‐deontologischen Aspekt der Ethik. Moralphilosophien, die zu diesem Quadranten gehören, beschäftigen sich also damit, wie der Einzelne sich in jeder ein‐ zelnen Situation entscheiden soll, ohne dabei auf irgendwelche Regeln zurückzugreifen. Situationen sind zu komplex, als das man mit einfachen Regeln arbeiten kann, und keiner Regel sei dem situativen Urteil Vorschub zu geben. Dies wäre das Argument der Handlungsdeontologie. Andere historische Formen, die zu diesem Quadranten gehören, finden wir hier etwa im Existen‐ zialismus.</p>
<p>Quadrant 2 steht indes für die teleologische, zielgerichtete Frage: Was soll und was kann ich wollen? Typisch für diesen individuell‐teleologischen Ansatz sind etwa der ethische Egoismus (z.B. Hobbes und Nietzsche) und der Handlungsutilitarismus (z.B. Jeremy Bentham). Der Ansatz des ethischen Egoismus besteht in dem Versuch, „für sich selbst das größtmögliche Übergewicht von guten gegenüber schlechten Folgen herbeizuführen“<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-24" id='fnref-2505-24'>24</a></sup>, während der Handlungsutilitarismus in der Ansicht besteht, man sollte nach dem Prinzip der Nützlichkeit handeln und danach, herauszufinden, welche Handlungen für einen selbst und die Welt den größten Nutzen bringen. Beide Ansätze basieren auf individuell‐situativen Entscheidungen, die sich nicht auf irgendwelche konsensuellen Regeln berufen.</p>
<p>Quadrant 3 fokussiert die Sozialdimension der Erfahrung, und damit, welchen (konsensuellen) Verhaltensregeln wir folgen sollten. Eine solche Regeldeontologie, wie etwa die von Kant, besteht in der Behauptung, dass alles sittliche Verhalten aus konkreten Regeln besteht. Die 10 Gebote etwa sind solch ein regeldeontologischer Ansatz und damit diesem Quadranten zuzuordnen. Moderne ethische Formen, die zu diesem Quadranten gehören, wären der Historische Positivismus und der Relativismus.</p>
<p>Der Quadrant 4 schließlich fokussiert die Frage: Was wollen wir sozial? Solche Ansätze wie der Regelutilitarismus verlangen etwa, nur die Ziele zu wählen, die auf das größte allgemeine Wohl ausgerichtet sind.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-25" id='fnref-2505-25'>25</a></sup> Die große Frage besteht dann darin, herauszufinden, was das größte allgemeine Wohl ist. Auch der ethische Universalismus gehört zu diesem Quadranten, da er den Standpunkt vertritt, dass das Objekt des sittlichen Handelns nicht die Individuen als solche, sondern eine Gemeinschaft ist.</p>
<p>Das Problem der einzelnen Ansätze besteht nun (offensichtlich) darin, dass sie nicht die Komplexität der menschlichen Erfahrungen und Perspektiven abdecken können. Einfach gesagt: Der ethische Egoist tilgt die Frage des Gemeinwohls, der Handlungsdeontologe die Frage des persönlichen (Entwicklungs‐)Ziels. Alle historischen Ansätze liefern aber wertvolle Beiträge. Es liegt daher auf der Hand, dass eine post‐konventionelle, in diesem Sinne integrale Ethik, alle vier Quadranten mit einschließen und dementsprechend, vereinfacht gesagt, folgende vier Fragen, die für die vier Quadranten stehen, integrieren und beantworten können muss:</p>
<ol>
<li>Wie soll ich mich jetzt am besten verhalten?</li>
<li>Was will ich erreichen?</li>
<li>Auf welche Verhaltensregeln einige ich mich mit anderen?</li>
<li>Was will ich sozial und wie können wir gemeinsam zum Wohle von Allen arbeiten?</li>
</ol>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-6-Der_evolutive_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 6: Der evolutive Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-6-Der_evolutive_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 6: Der evolutive Wille</p></div>
<p>Nur dann können wir sicherstellen, dass wir den komplexen weltlichen Anforderungen entsprechend handeln und wollen können. Erst der evolutionäre Wille vermag alle Quadranten zu harmonisieren, erst er ist in der Lage, gleichermaßen die situative Komplexität (Q1), das individuelle Ziel (Q2), das sozial konsensu‐ elle Verhalten (Q3) sowie das soziale Ziel (Q4) in Übereinstimm‐ ung zu bringen und zu befriedigen. Dies ist deshalb möglich, weil der Mensch hier die deontologische wie teleologische Dimension der Evolution der Psyche und Kultur berücksichtigen kann, und weil er sie als Teil seiner eigenen Erfahrung begreift.</p>
<h4>7. Der konstrukt‐bewusste Wille</h4>
<p>Der konstrukt‐bewusste Wille taucht dann auf, wenn der Mensch eine hochgradige Tiefenschärfe und Verständnis seinen eigenen psychologischen Prozessen entgegenbringt, sodass er begreift, dass Evolution nichts anderes ist als ein kontingentes Beobachtungsschema, welches er über die phänomenale Welt legt, um sich irgendwie zu orientieren. Dieses Schema ist nicht wahrer oder unwahrer, nicht besser oder schlechter, nicht komplexer oder einfacher, nicht effektiver oder weniger effektiv als alle anderen Beobachtungsmodelle. Dasselbe gilt für Schemas und Konzepte wie ‚Autopoiese‘, ‚Ich‘ oder ‚Selbst‘. Das konstrukt‐bewusste Individuum befindet sich, sinnbildlich gesprochen, manchmal in der misslichen Lage wie der überdosierte LSD‐Konsument, der einen Stift in der Hand nicht mehr als Stift identifizieren kann, da er durch die Droge alle Beobachtungsschemas dekomponiert hat.</p>
<p>Die einfachste Art und Weise, einen Verständniszugang zu dieser Stufe zu bekommen, liegt in einer intuitiv eingängigen Analogie. Stellen wir uns ein analoges Radio vor, in dem wir die vielen Sender – die Attraktoren und Ebenen unserer Existenz – manuel einstellen können: Einen Sender für den Tiefschlaf, einen fürs Träumen, einen für unseren alltäglichen Wachzustand und die kognitive Erfahrung unserer materiellen Wirklichkeit, einen für spirituelle oder andere non‐duale Gipfelerfahrungen usw.. Konstrukt‐Bewusstsein heißt, über die Fähigkeit, die Bewusstheit und den Willen (oder kurz: die Bewusstseinstechnologie) zu verfügen, alle Sender dieses Radios bei Bedarf genau einstellen zu können. Dazu zählt auch zu wissen, wie das Radio unserer Existenz an sich aufgebaut ist und funktioniert und entscheiden zu können, welche Programme auf den verschiedenen Sendern laufen. Konstrukt‐Bewusstsein impliziert insofern einen hoch‐differenzierten Beobachter dritten Grades, der über die Kapazität verfügt, die Konstruktionsmechanismen, die zu unseren vielfältigste kognitiven Wirklichkeitserfahrungen führen, steuern zu können. Das einfachste Beispiel wäre entscheiden zu können, was man während der Traumphase träumt, oder aber der Entscheidung, das Träumen ganz lassen zu können.</p>
<p>Mehr als auf der vorherigen Stufe beginnt hier der Mensch, tatsächlich auf die Prozesse, die seine Psyche und sein Bewusstsein, aber auch seine unterschiedlichen Perspektiven und Beobachtungen – im Allgemeinen: Die Tiefenstrukturen des Denkens – gestalten, Einfluss nehmen zu können. Hier kann das gedacht werden, was gedacht werden will; das interne chatter des Geistes kann ausgerichtet und gesteuert werden, nicht nur kurzfristig, sondern langfristig. Der konstrukt‐bewusste Wille verfügt über das Know‐how, die psychologischen Wirklichkeiten zu formen, die geformt werden sollen, an sich etwas, das weit über das subjektivistische ‚Wünsch dir was beim Universum‘ der esoterischen Postmoderne hinausgeht.</p>
<p>Es ist insofern kein Zufall, dass in den östlichen wie in westlichen Weisheitstraditionen oft behauptet wird, dass mit dieser Entwicklungsstufe auch ein gewisser magischer Wille, die <em>Shiddis</em>, einhergeht.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-26" id='fnref-2505-26'>26</a></sup> Wir haben es hier jedoch explizit nicht mit von C.G. Jung beschriebenen Prinzipien der <em>kausalen Synchronizität </em>zu tun, wie sie von archaischen Bewusstseinsstufen als Magie erfahren wurden, <em>a lá: „</em>Ich töte hier dies imaginierte Wild in diesem rituellen Akt, um das reale Wild dort zu erlegen“. Wir haben es hier viel eher mit einer Vertiefung der konstruktivistischen Erkenntnis der Postmoderne zu tun und der Umsetzung korzybskischer Prinzipien: Wenn unsere inneren Schemas, unsere Konditionierungen und Filter bestimmen, wie und was wir beobachten und erfahren, so können wir auch erlernen, genau diese Schemas, unsere Konditionierungen und Filter zu navigieren, um die psychische Gesamt‐ erfahrung zu erzeugen<em>, die wir erzeugen wollen</em>. Erinnern wir uns beispielsweise an das im ersten Teil beschriebene (Beobachtungs‐) Schema ‚Mangel‘, durch das wir manchmal geneigt sind, die Unzufriedenheiten unseres Alltags zu formen, sei es nun bezüglich Anerkennung, Status oder einfach Geld. Das Individuum befähigt sich auf dieser Stufe, diese tief liegenden psychischen Schemas zu verändern, und damit seine Wahrnehmungen von der Welt und freilich auch seiner Handlungsperspektiven. Es kann beispielsweise aus dem Beobachtungsschema ‚Mangel‘ eines des ‚Überflusses‘ machen, ohne etwa in den internen Konflikt zu kommen, diese absichtliche Änderung seiner inneren Program‐ mierung als Lüge zu empfinden. Dazu ist eine hohe Indifferenz gegenüber den eigenen inneren Prozessen nötig. Also etwas, was man, wie im Buddhismus, Zeugenbewusstsein nennen kann, oder eben, wie weiter oben beschreiben, den Beobachter dritten Grades, der die Beobachter ersten und zweiten Grades steuert.</p>
<p>Wie dem aber auch sei, wir sehen daran, dass die Entwicklung des Willens auch immer etwas damit zu tun hat, in welchem Umfange wir unsere Erfahrung formen können. Wir brauchen den konformistischen Willen, um gemeinsam unsere Erfahrungswirklichkeit erschaffen zu können; wir brauchen den Leistungswillen, um die Erfahrung zu machen, dass wir, auf uns selbstgestellt, durch großen Aufwand unsere individuelle Welt gestalten können; wir brauchen den kreativen Willen, um die Erfahrung der schöpferischen Kreativität zu machen; was zwar an sich ein Pleonasmus ist, aber doch die Tatsache ausdrücken soll, wie wir über unser kreatives, daimonisches Handeln unsere Wirklichkeit erschaffen können. Mit dem evolutionäre Willen vereinheitlichen wir unsere gesamte Erfahrung unter dem Schema der Evolution; und mit dem konstrukt‐bewussten Willen tauchen wir hinab und beginnen, all jene Schemas ändern zu können, durch die unser Alltag zu dem wird, wie wir ihn eben erfahren. Wenn wir so unser Denken (wie auch unser Sprechen) verändern, verändern wir im gleichen Zuge unsere Erfahrung. Nochmals Susanne Cook‐Greuter, die diese Stufe, auf der wir den konstrukt‐bewussten Willen ausformen, die der ‚Synergisten‘ nennt:</p>
<blockquote><p>Anders als auf früheren Stufen sind sich Synergisten über die gewandten und überaufmerksamen Machenschaften zur Selbsterhaltung des ‚Ichs‘ bewusst. Dies ist der erste Moment, wo das ‚Ich‘ durchlässig für sich selber wird. Endgültiges Wissen über das Selbst oder irgendetwas anderes wird als illusorisch und unerreichbar durch Anstrengung und Denken gesehen, da jeder bewusste Gedanke, jede Erkenntnis als konstruiert erkannt wird ‐ und daher als getrennt von der darunterliegenden zusammenhängenden nicht dualen Wahrheit. In Folge einer weiteren Wendung nach Innen, fangen Synergisten an, ihre eigenen Versuche der Bedeutungsbildung zu durchschauen und werden aufmerksam auf die tiefen Spaltungen und Paradoxien, die dem rationalen Denken innewohnen. Auf verschiedene Weise entdecken sie individuell den Gedanken Korzybskis (1948) wieder, dass „die Landkarte nicht das Gebiet” ist. Der linguistische Prozess alles in polare Gegensätze zu spalten und die damit verbundenen immanenten Werturteile können nun bewusst werden. Gut und Böse, Leben und Tod, Schönheit und Hässlichkeit erscheinen nun als die beiden Seiten der einen Medaille.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-27" id='fnref-2505-27'>27</a></sup></p></blockquote>
<p>In dem Buch <em>Der Wille </em>habe ich den evolutionären und den konstrukt‐bewussten Willen aus Gründen der Darstellung als einen behandelt. Tatsächlich kann man den Letzteren als eine Ausdifferenzierung des Vorherigen betrachten. Obwohl dies natürlich bis zu einem gewissen Grad für alle Willensformen gilt, beziehen sich diese beiden Willensformen im Gegensatz zu allen anderen auf die Geist‐Sphäre der menschlichen Erfahrung und weniger auf die Bio‐ und Soziosphäre (also Natur und Kultur). Anders herum: Wir können hier klar den ‚aufsteigenden Aspekt‘ der Willensentwicklung betrachten. Der Bio‐Überlebens und der Sicherheitswille beziehen sich in der Individualentwicklung stets auf den Körper, die Natur und das Bio‐Überleben. Der konformistische Wille und der Leistungswille beziehen sich auf die Sozio‐ Sphäre, und damit auf Kultur und die konsensuelle Erschaffung und Verwendung von Werten und Symbolen. Den kreativen Willen kann man in dieser Hinsicht als den Übergang von der Sozio‐Sphäre zur Geist‐Sphäre betrachten, in der der Wille in unterschiedlich komplexem Ausmaß auf die eigene Erfahrung angewendet wird.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-7-Der_konstrukt-bewusste_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 7: Der konstrukt‐bewusste Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-7-Der_konstrukt-bewusste_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 7: Der konstrukt‐bewusste Wille</p></div>
<p>Diesem Willen können wir auch die Dritte Daimonotechnik zurechnen: Wende die Autopoiese der Psyche an, ohne Dich an die Autopoiese der Psyche zu binden! Um dieses Paradox zu lösen, ist die hier beschriebene Tiefenschärfe des Denkens nötig, ohne die sich jeder Versuch, Indifferenz seinen eigenen Handlungen gegenüber zu erzeugen, als unmöglich erweisen wird.</p>
<h4>8. Der non‐duale Wille</h4>
<p>Wie Ken Wilber und Allan Combs in Form des berühmten ‚Wilber‐Combs‘‐Rasters gezeigt haben<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-28" id='fnref-2505-28'>28</a></sup>, können ‚non‐duale’ Erfahrungen auf jeder Entwicklungsstufe auftreten, so wie auch jede Entwicklungsstufe ihren eigenen Zugang zur materiellen, zur mentalen und kausalen Ebene der Existenz hat. Einfach gesagt ist dieser Wille non‐dual deshalb, weil er es vermag, diese unterschiedlichen Ebenen – materiell, mental, kausal und non‐dual – zu vereinen.</p>
<p>Es gibt in diesem Sinne also zwei Arten von non‐dualen Erfahrungen. Es gibt einerseits non‐duale Erfahrung <em>im Gegensatz </em>zu den dualen Erfahrungen unseres Alltags. Solche ‚einfachen‘ non‐dualen Erfahrungen können wir beim Sport, in der Spiritualität oder während der Sexualität erleben. Sie sind relativ kurzfristig und heben, auf der Ebene des Denkens, Wahrnehmens oder Handelns die duale Natur unserer Erfahrung auf. Diese Arten von non‐dualen Erfahrungen beziehen sich auf das Wilber‐Combs Raster.</p>
<p>Darüber hinaus gibt es aber auch jene Non‐Dualität, die die Differenz von Dualität und Non‐Dualität überwindet<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-29" id='fnref-2505-29'>29</a></sup>. Solch ‚komplexere‘ Non‐Dualität integriert damit die vier Ebenen materiell, kausal, mental und non‐dual, bringt sie zu einer Einheit und ist damit auch nicht so kurzlebig wie die einfachen nondualen Erfahrungen. Der hier adressierte non‐duale Wille ist der Ausdruck dieser komplexen Non‐Dualität.</p>
<p>Mit jeder Entwicklungsstufe vertiefen wir unsere Erkenntnis dessen, wer wir sind, wie wir operieren, und wie wir überlebe können, hin zu dem Punkt, in jenen Bereich einzutreten, um es noch mal in der Zen‐Formel auszudrücken, wo wir <em>weder geboren</em> <em>sind, noch jemals sterben können</em>. Dieser Punkt ist die Zielstufe aller wahren Weisheitsreligionen und wurde von spirituellen Lehrern und Meistern aller Couleur deutlich hervorgehoben. Hier wird die Differenz von Leben und Tod transzendiert und vereinigt;hier findet der Wille und das Leben seine Erfüllung; hier können wir gleichzeitig handeln und nichthandeln, hier haben wir die Differenz von Selbst und Nicht‐Selbst überwunden. Ja mehr noch<em>, hier haben wir den Gordischen Knoten von Wollen und gleichzeitig nicht‐Wollen zerschlagen</em>. Die Differenz von Handelndem und Handlung verschwindet ebenso wie die zwischen Nicht‐Handlung und Handlung, in der paradoxerweise nichts getan und alles erlangt wird. All dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Mensch hier die grundlegenden Schemas von ‚Ich‘ und ‚Selbst‘ als Handelndem, von ‚Zukunft‘, ‚Sinn‘ und ‚Handlung‘ an sich – neben vielen anderen Schemas – dekomponiert und in einer höh‐ eren Form von Ganzheit wieder zusammengefügt hat … ein gewaltiger kognitiver Akt ohne Vergleich, in und durch den die gesamte Erfahrung als ein ungebrochen non‐dualer Strom fließt. Aus dem irdischen Bewusstsein der vorherigen Stufen wird so ein kosmisches Bewusstsein, und aus dem irdischen Willen wird jener kosmische bzw. non‐duale Wille, von dem uns schon Arthur Schopenhauer berichtete:</p>
<blockquote><p>Nicht allein in denjenigen Erscheinungen, welche seiner eigenen ganz ähnlich sind, in Menschen und Tieren, wird er als ihr Innerstes Wesen jenen nämlichen Willen anerken‐ nen; sondern die fortgesetzte Reflexion wird ihn dahin leiten, auch die Kraft, welche in der Pflanze treibt und vege‐ tiert, ja, die Kraft, durch welche der Krystall anschießt, die, welche den Magnet zum Nordpol wendet, die, deren Schlag ihm aus der Berührung heterogener Metalle entge‐ genfährt, die, welche in den Wahlverwandtschaften der Stoffe als Fliehn und Suchen, Trennen und Vereinen erscheint, ja, zuletzt sogar die Schwere, welche in aller Materie so gewaltig strebt, den Stein zur Erde und die Erde zur Sonne zieht, – diese Alle nur in der Erscheinung für ver‐ schieden, ihrem Innern Wesen nach aber als das Selbe zu er‐ kennen, als jenes ihm unmittelbar so intim und besser als alles Andere Bekannte, was da, wo es am deutlichsten hervortritt, Wille heißt.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-30" id='fnref-2505-30'>30</a></sup></p></blockquote>
<p>Nun ist Erleuchtung, kosmisches oder non‐duales Bewusstsein dieser Stufe etwas, was selbst gestandene Geister wie Sloterdijk aus dem Gleichgewicht bringt. In seiner Kritik der Erleuchtung85 geht Sloterdijk etwa auf die Erleuchtung des „‘Substanz‘ bzw. Geist‐ontologischen Typus“ ein, wie sie „im hinduistischen System“ vorliegt: „Hier wird eine Gleichsetzung zwischen der All‐Seele und der Einzelseele bzw. zwischen dem unendlichen und dem endlichen Intellekt gründlich vollzogen.“ An dieser Fassung wäre an sich nichts auszusetzen, würde Sloterdijk nun nicht plötzlich eine Kehrtwendung vornehmen und ein paar Zeilen später seine Kritik damit begründen, dass der hinduistische Typ der Erleuchtung damit „der Welt mehr Intelligenz und Seele unterstellt, als ihr zukommt.“ Damit vertauscht er plötzlich den „unendlichen Intellekt“ mit „der Welt“, und begeht hiermit einen grundsätzlichen Kategorienirrtum, wo er Erleuchtung plötzlich mit einer Art Animismus gleichsetzt. Nun ist indes das non‐duale oder kosmische Bewusstsein ein psychologisch derart gut untersuchtes Phänomen, das wenig mit Animismus zu tun hat; hier kommt einem die Wilbersche Unterscheidung zwischen prä‐rational und trans‐rational<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-31" id='fnref-2505-31'>31</a></sup> in den Sinn, also der Fehlleistung, globale, undifferenzierte Ganzheitserfahrungen der frühen Entwicklungsstufen als differenzierte und komplexere Ganzheitserfahrungen misszuverstehen. Wie etwa David Loy, selbst Professor für Philosophie und anerkannter Zen‐Lehrer festhält, handelt es sich bei non‐dualem oder kosmischen Bewusstsein eher darum, die Differenzen von Subjekt und Objekt, von Subjekt und Welt im Denken, Handeln und Wahrnehmen zu überkommen, und zwar im Bewusstsein des Individuums. Wie Loy zeigt, sind genau dies die tragenden und übereinstimmenden Säulen der Erleuchtung im Buddhismus, Hinduismus und Taoismus.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-8-Der_non-duale_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 8: Der non‐duale Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-8-Der_non-duale_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 8: Der non‐duale Wille</p></div>
<p>Erwähnenswert ist abschließend noch, dass ‚non‐duales‘ oder ‚kosmisches Bewusstsein‘ strukturelle Begriffe für eine Sache sind, die eigentlich eher prozessual und nicht ohne Einfluss des Willens geschehen, der hier aber nicht mehr als unser eigener Wille in Erscheinung tritt. Kosmisches Bewusstsein ist eine Form unserer Moment‐zu‐Moment Erfahrung, an deren Konstruktion das Individuum ebenso teilhat, wie es realisiert, dass es sich selbst als ‚Individuum‘ eigentlich gar nicht gibt. Wir kommen hier natürlich an die Grenzen des mit Worten Beschreibbaren. Selbst‐ Identität und Selbst‐Identifikation enden, und damit natürlich auch ‚mein‘ Wille; was bleibt, ist, das unendliche phänomenale Spiel der Formen in der Leere zu bezeugen, nämlich als unfassbarer Punkt in einem unendlichen Kosmós.</p>
<h4>Die Spirale des Willens</h4>
<p>Soweit die Entwicklungsstufen des Willens. Ungeachtet dieser strukturell‐hierarchischen Darstellungsform muss berücksichtigt werden, dass der Wille Ausdruck des Prozessaspektes des Bewusstseins ist, der zunehmend komplexer wird und sich in der individuellen Entwicklung zunächst auf Bio‐Sphäre und dann auf die Sozio‐Sphäre bezieht, um schließlich seinen Einflussbereich und sein Wirkungsfeld auf die Psyche und das Bewusstsein selbst auszudehnen. Insofern sind die Stufen natürlich wachsende Emergenzen und keine starren Formen, jede Form geht aus der vorherigen hervor und ist nur durch die vorhergehende denkbar. Zwischenformen des Willens sind zu erwarten, wenn man das Modell höher auflöst und andere Perspektiven anwendet.</p>
<p>Obwohl eine Daimonotechnik in diesem Sinne mit den prä‐konventionellen und konventionellen Stufen vorbereitet wird – wie etwa durch das Leistungs‐Motto: „Üben‐üben‐üben!“ – kann eine Daimonotechnik, die sich immer die Autopoiese des Bewusstseins zunutze macht, erst zur Anwendung kommen mit den post‐konventionellen Stufen, wo nicht nur eine gesteigerte Transparenz interner Prozesse vorliegt, sondern auch die Gesamterkenntnis, dass diese stets in einen evolutionären Prozess eingebettet sind. Wie schon mehrfach gesagt: Der evolutionäre Rückbezug des Bewusstseins auf sich selbst hat stattgefunden. Mit den post‐konventionellen Stufen des Willens differenziert sich damit die Daimonotechnik aus, kann – generell gesagt – auf immer mehr Lebensbereiche und Lebenspraxen angewendet werden, kann der Evolution der Psyche immer mehr Momentum gegeben werden.</p>
<p>Wir können auch anhand dieser Darstellung der Entwicklung des Willens die wunderbare Spirale des Willens selbst beobachten. Der Wille entsteht als reiner Überlebensinstinkt aus einem Zustand relativer und unspezifischer Globalität des Bewusstseins und erzeugt in seinem weiteren Verlauf und Entwicklung zunehmende Differenzierung und höhere Komplexität; mit dem ersten Bio‐Überlebenswillen erzeugt der Mensch die Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen Bedürfnis (z.B. nach Nahrung) und der Bedürfnisbefriedigung (wie etwa durch die Mutter). Mit der Unterscheidung von Innen und Außen taucht dann langsam der Sicherheitswille auf mit dem Paradigma, dass Selbst in der Welt zu sichern und ihm Ausdruck zu verleihen. Hier findet das Selbst das Kollektiv, und das Individuum identifiziert seinen Willen mit dem des Kollektivs; es werden Werte entwickelt und Rollenkonzepte. Mit und durch das Kollektiv kann dann eine erste Erziehung erfolgen und der Leistungswille entsteht mit dem Versuch, langfristig Ziele zu erreichen durch Disziplin, Ausdauer, Anstrengung. Hier erscheinen die Ziele, die zum Zeitpunkt des Aufstellens aufgestellt werden, zunächst scheinbar unerreichbar.</p>
<p>Doch einen besonderen Antrieb verleiht, der den Willen selbst auf eine neue Ebene hebt: Plötzlich wird der Wille auf die Bedingungen des Willens selbst angewendet, auf das kreative Moment, auf die Idee von Emergenz und Gipfelerfahrung. An sich ist das eine Emergenz vorher ungekannten Ausmaßes; mit diesem Rückbezug beginnt das Individuum, sich mit den Bedingungen und Prinzipien der Autopoiese selbst auseinanderzusetzen, die die vorherigen Stufen selbst erzeugt hat! Doch hier endet die Spirale des Willens nicht, sondern hier taucht dann der evolutionäre Wille auf, der das Momentum der vorherigen Stufe aufnimmt und auf das ganze Leben überträgt. Die daimonische Begeisterung und Kreativität wird zur Grundlage alltäglicher Existenz …</p>
<p>Wir leben in einer wirklich bemerkenswerten Zeit, einer Zeit, in der sich die Evolution des Geistes zum ersten Mal selbst bewusst wird und wir gemeinsam darüber zu sprechen beginnen. Wir beginnen nicht nur zu verstehen, wie die Psyche und das Bewusstsein operieren und wir Bewusstsein über Bewusstsein erlangen, sondern auch, wie wir zu dem kommen, was wir Erfahrung und Wirklichkeit nennen. Wir stehen an dem Punkt, an dem wir entscheiden können, ob wir unsere Kreativität auf unser gesamtes Leben, jede unserer Lebenspraxen, übertragen und unsere Entwicklung selbst in die Hand nehmen wollen. Während dieser Gedanke – wir erzeugen unsere Erfahrung selbst und können eine geistige Entwicklungsstufe erlangen, die wir der Einfachheit halber ‚Erleuchtung‘ nennen – noch bis vor ein paar hundert Jahren nur den Weisen, den Gurus und Heiligen vorbehalten war, die aufgrund einer spontanen Erlangung oder eines besonderen Trainings zu dieser evolutionären Selbstbewusstheit gelangten, so sind wir sozio‐kulturell an einem Punkt angelangt, an dem wir diesen evolutionären Rückbezug des Bewusstseins auf sich selbst untersuchen können. Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann, Allan Combs, Heinz von Foerster oder George Spencer Brown, Psychologen wie Jean Piaget oder Susanne Cook‐Greuter, Philo‐ sophen wie Ken Wilber und Paul Watzlawik, Linguisten wie Alfred Korzybski und Ernst von Glasersfeld, Biologen wie Hum‐ berto Maturana und Fransisco Varela, alle arbeiten an einem immer deutlicher werdenden Bild, wie wir zu dem wurden, wer wir sind, und wie wir diese Kräfte und Mechanismen nutzen können, um aktiv an der Evolution teilzuhaben. Und um mit von Foerster zu sprechen: Hier wird aus dem ‚human being‘ ein ‚human becoming‘<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-32" id='fnref-2505-32'>32</a></sup>, ein stets sich im Werden begreifendes menschliches Wesen.</p>
<p>All diese Überlegungen beantworten natürlich nicht die überaus drückende Frage, was genau man tun soll, oder welche Methode oder Beschäftigung man wählen sollte – sei es nur im spirituellen Kontext die Frage: ob man Tai Chi, Qui Gong, Meditation, Body-Cleansing oder Pranayama wählen soll, oder aber im lebensweltlichen Kontext: Was soll man tun, welchen Sinn wählen, mit welchen Menschen verkehren, welchen Job wählen, und allgemein: wie seine Zeit strukturieren? Tatsächlich ist es so, dass es vom Standpunkt der Daimonotechniken relativ egal ist; Evolution kann in allen Lebensformen und Praxen stattfinden. Dennoch muss man herausfinden, was genau man tun will, und dies ist bekanntlich, folgt man Ortega I´Gasset, die schwierigste Aufgabe von allen. Und doch kann man hier nur anraten, seinen eigenen Genius, also diejenige okkulte wie numinose Instanz in uns, zubefragen, deren Stimme uns, in den Stunden der Ruhe, der Meditation und manchmal im Traum, unser Schicksal und unseren Willen weist. Zugang zu diesem Genius zu erhalten und Rat zu empfangen auf die Frage: Was genau soll ich tun? – auf diese Frage bieten die Traditionen ausreichend Antworten und Methoden. Und es ist nicht nur die schwierigste Frage, sondern meines Erachtens auch die wichtigste Frage. Denn letztlich geht es in unserem Leben um nichts anderes: nämlich zu wissen, warum man morgens aufsteht, und was man den Rest seines Lebens tun will.</p>
<p><em>Aus dem Buch »Entwicklung als Passion«, erschienen im <a href="http://www.phaenomen-verlag.de/" target="_blank" rel="external nofollow">Phänomen-Verlags</a>, 2011.</em></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2505-1'>Amarque, Tom; Der Wille, 2009. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-2'>Und natürlich wie bei der Entwicklung der Liebesfähigkeit und der ‚zunehmenden Umarmung‘ des emotionalen Bereiches des Selbst. Sie etwa die Arbeiten von Carol Gilligan. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-3'>Vgl. Wilber, Ken, Integrale Psychologie, 2000. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-4'>Jaspers, Karl, <em>Existenzerhellung</em>, S. 150; 1973. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-5'>Cook Greuter, Susanne, <em>9 Stufen zunehmenden Erfassens</em>, S. 8, 2007. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-6'>Vgl. Peter Sloterdijk<em>, Zorn und Zeit</em>, 2006 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-7'>Tatsächlich kann das Kollektiv aber auch das globale Dorf sein, eine Tatsache, die darauf hinzeigt, dass nur weil man in einer post‐modernen Kultur aufgewachsen ist, noch lange nicht post‐modern oder post‐konventionell sein muss, sofern man den Willen des Kollektivs als Identitätsdeterminante nimmt … eine Tatsache auf die Wilber mehrfach hingewiesen hat in der Erkenntnis, dass ein Großteil der 60er‐Jahre‐Hippies eben nicht post‐konventionell waren, sondern konformistisch‐konventionell. Vgl. Wilber, <em>Boomeritis</em>, 2009. Auch wird hieran ersichtlich, dass die sogenannte <em>Nettiquette </em>und <em>political correctness </em>keine Errungenschaft eines postmodernen‐postkonventionellen Willens ist, sondern eines konformistisch‐konventionellen! <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-7">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-8'>Man vergegenwärtige sich nur, dass sich Unmengen von Frauen im Mittelal‐ ter bei der Inquisition selbst anzeigten, weil sie von Schuldgefühlen geplagt waren, vgl. Oswald Sprenglers <em>Untergang des Abendlandes</em>, S. 912, 2007. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-8">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-9'>A.a.O.. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-9">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-10'>In der Bedeutungsverwendung von Richard Dawkins und Susan Blackmore. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-10">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-11'>Wie Susanne Cook‐Greuter hervorhebt, glauben solche Leistungsmenschen der ‚Selbst‐bewussten‘‐ Stufe, an die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen. S. a.a.O., S.18. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-11">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-12'>Vgl. Cook‐Greuter, Susanne, a. a. O.; S. 18. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-12">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-13'>Vgl. Amarque, Tom, Wie wir wurden, wer wir sind, 2010. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-13">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-14'>A.a.O., S. 144. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-14">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-15'>Vgl. Tom Amarque, <em>Wie wir wurden, wer wir sind</em>, S. 83, 2010. Hier stelle ich als eines der Kennzeichen der Postmoderne die Aufgabe des descartschen, objektiven Beobachterstandpunktes zugunsten einer mehr relativen und subjektiven <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-15">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-16'>A.a.O. S. 24. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-16">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-17'>A.a.O. . S. 69. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-17">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-18'>Vgl. Lovelock, James, <em>Gaia</em>, 1992. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-18">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-19'>Vgl. Wilber, Ken, <em>Halbzeit der Evolution</em>, 1996. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-19">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-20'>Die KI und der Versuch, das Bewusstsein künstlich zu erzeugen, spiegelt einen weiteren Aspekt dessen, wie die Postmoderne wissenschaftliche Forschung beein‐ flusst. Einerseits ist KI nicht denkbar ohne den postmodernen Interessenschwer‐ punkt ‚Bewusstsein‘; andererseits stellt es einen wissenschaftlichen Versuch dar, auch hier das Leben zu verlängern. Der KI‐Pionier Ray Kurzweil etwa prognostiziert, dass um 2050 die KI eine derartige Komplexität haben wird, dass wir unser Bewusstsein darin einspeisen können! Vgl. Ray Kurzweil<em>, The Singularity is near</em>, 2006. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-20">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-21'>Vgl. Cook‐Greuter, a.a.O. S. 27. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-21">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-22'>A.a.O. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-22">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-23'>Frankena, Wilhelm, Analytische Ethik, S. 32., 1994. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-23">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-24'>Frankena, William, <em>Analytische Ethik</em>, S. 37, 1994. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-24">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-25'>Vgl. William Frankena, A.a.O. S. 56. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-25">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-26'>Der Religionsforscher Mircea Eliade geht explizit auf diesen Punkt ein, Vgl. <em>Yoga</em>; S. 94, 2004. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-26">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-27'>A.a.O.; S. 31. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-27">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-28'>Vgl. z.B. Combs, Allan, <em>Die Psychologie des menschlichen Bewusstseins</em>, 2011. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-28">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-29'>Vgl. Loy, David. A.a.O. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-29">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-30'>Schopenhauer, Arthur, <em>Die Welt als Wille und Vorstellung</em>, S. 163, 1991. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-30">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-31'>Vgl Wilber, Ken, Eros Logos, Kosmos, S. 259. 1996. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-31">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-32'>Vgl. Heinz von Foerster, KybernEthik, 1993. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-32">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Wem schenken wir Glauben?</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Aug 2011 16:01:29 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Glaube ist mächtig, und das nicht nur im religiösen Bereich. Durch den Glauben an die richtigen Menschen, Projekte und Eigenschaften in uns selbst und anderen können wir die Welt positiv verändern. Um das tun zu können, sollten wir nicht wider besseres Wissen glauben, sondern so wie das lateinische Wort credere es ursprünglich meinte: Wortgeschichtlich rührt [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2480" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4ad8a71a4de85_small.jpg" target="_blank" rel="lightbox[2478]"><img class="size-full wp-image-2480" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4ad8a71a4de85_small.jpg" alt="" width="250" height="173" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / schwarzweiss © Fernando Roumiguière</p></div>
<p>Glaube ist mächtig, und das nicht nur im religiösen Bereich. Durch den Glauben an die richtigen Menschen, Projekte und Eigenschaften in uns selbst und anderen können wir die Welt positiv verändern. Um das tun zu können, sollten wir nicht <em>wider besseres Wissen</em> glauben, sondern so wie das lateinische Wort <em>credere</em> es ursprünglich meinte: Wortgeschichtlich rührt es nämlich von <em>cor dare</em> he– das Herz (<em>cor</em>) geben (<em>dare</em>). Also von sowas wie: Vertrauen geben, jemandem etwas zutrauen, einem Projekt die Möglichkeit des Gelingens zutrauen.</p>
<p>Aber ehe ich zu diesem »guten«, Vertrauen schenkenden Glauben komme, möchte ich zwei Irrwege dieser wertvollen Ressource nennen. Zwei Arten »schlechten« Glaubens, die, wiewohl millionenfach praktiziert, die Fähigkeit, jemanden oder etwas zu unterstützen, missbrauchen.</p>
<h4>Die fundamentalistische Verirrung</h4>
<p>Die erste ist der religiöse Fundamentalismus. Der Glaube, die Bibel oder der Koran oder die Veden oder das Buch Mormon oder sonst irgendein Buch sei »Die Heilige Schrift«. Und der dort gefeierte Herrscher der Welt (oder die Herrscher, wenn es mehrere sind) seien zu verehren, und bitte niemand anders. Das zu glauben ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich und extrem schädlich – es führt in der Regel zu einem engherzigen Kulturklima voller Verdächtigungen, zu Ausgrenzungen und Fremdenhass bis hin zu Krieg, Mord und Totschlag. Glücklicherweise wird diese Art des Glaubens nur noch von Minderheiten als »das wahre Herz der Religionen« verstanden.</p>
<h4>Die Kitsch-Verirrung</h4>
<p>Es gibt aber eine zweite Verirrung, die sich nicht so spektakulär als solche zeigt. Von toleranten, gutmeinenden Menschen wird sie meist für harmlos gehalten. Verglichen mit dem Fundamentalismus ist sie das gewiss. Und doch ist auch diese Verirrung – etwas schärfer formuliert: dieser Missbrauch – nicht ohne. Es ist die Verkitschung des Glaubens. Die fängt schon an da, wo vom »lieben Gott« die Rede ist, vom Christkind und den Engeln. Sie setzt sich dort fort, wo ein Universum nur auf unsere Bestellungen wartet, um sie zu erfüllen, und geht über die tausend Varianten der Religionen, Religiönchen und des Eso-Marktes weiter bis zu einem Naturverständnis, wo Pachamama uns aufnimmt wie eine Mutter und uns mit ihrer unendlichen Fülle beschenkt. Die meisten Phänomene der sogenannten Volksfrömmigkeit und ebenso der massenkompatiblen Esoterik sind eine Verkitschung von Religion.</p>
<h4>Wo der Glaube gebraucht wird</h4>
<p>Wenn in Brasilien Umweltschützer sich für den Erhalt des Regenwaldes einsetzen, obwohl die Soyabauern ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt haben, dann brauchen diese Leute unseren Glauben, dass sie gegen diese Übermacht zerstörerischer Wirtschaftsinteressen eine Chance haben. Wir müssen daran glauben, dass wir einen Atomkrieg verhindern können, die völlige Ausplünderung der Naturschätze, die weitere Zunahme des Hungers und der Unterernährung (zur Zeit hungern 940 Millionen Menschen – und es werden mehr). Wie könnten Survival International, Amnesty, Greenpeace und all die anderen NGOs ihre Arbeit machen, ohne dass ihre Organisatoren, Spender und ehrenamtlichen Helfer an die Möglichkeit <em>glauben</em> würden, damit etwas Positives zu erreichen? Ohne den Glauben, dass sie eine Chance haben, hätten sie längst aufgegeben. Und auch in unserem privaten Wirkungsfeldern brauchen wir den Glauben an unsere Projekte, um ihnen eine Chance zu geben.</p>
<h4>Unsere wertvollste Ressource</h4>
<p>Dies ist vielleicht die wertvollste unserer menschlichen Ressourcen: die Fähigkeit, jemandem unserer Vertrauen zu schenken – nicht zuletzt auch uns selbst. Diese Fähigkeit sollten wir nicht im Glauben an falsche Führer oder Heilige Schriften vergeuden. Und bitte auch nicht an religiösen Kitsch. Nach dem soundundsovielten Kauf eines Amuletts, Aurasomafläschchens oder der jeweils gerade angesagten neuen Heilmethode (»Wirkt sofort, und jeder kann es lernen«) muss es doch auch mal genug sein. Dann können wir die hier freigewordene Energie einem Projekt geben, das auch bei Licht besehen eine Chance hat. Das den Glauben an seine Verwirklichung tatsächlich verdient.</p>
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		<title>Die tabulose Wissenschaft: Zur Geschichte von sexuellen Tabus</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Jun 2011 19:21:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ELias</dc:creator>
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		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
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		<description><![CDATA[… oder warum Freud und Foucault heute aktuell bleiben. »Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben» (Sigmund Freud »Totem und Tabu«) Es ist nicht einfach über sexuelle Tabus zu sprechen. Wie Psychiater und Psychotherapeut Dr. Samuel Widmer in seinem Interview einer [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>… oder warum Freud und Foucault heute aktuell bleiben.</h2>
<blockquote><p><em>»Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben»</em><br />
(Sigmund Freud »Totem und Tabu«)</p></blockquote>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/06/tabulose_wissenschaft_illya.png" target="_blank" rel="lightbox[2112]"><img class="alignright size-full wp-image-2116" style="margin-left: 10px;" title="Tabulose Wissenschaft © Illya Kirzhner" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/06/tabulose_wissenschaft_illya.png" alt="" width="200" /></a>Es ist nicht einfach über sexuelle Tabus zu sprechen. Wie Psychiater und Psychotherapeut Dr. Samuel Widmer in seinem Interview einer möglichen Zeitung berichtet, entziehen sich Tabus einer  vernünftigen wissenschaftlichen Analyse: „Wenn man sich mit Tabuthemen beschäftigt, wird man offenbar immer wieder falsch verstanden. Man zieht die Projektionen und Ängste anderer Menschen auf sich und gerät bald in Teufels Küche […] Ich kann mir dies nur dadurch erklären, dass Tabuthemen eben tabu sind und deshalb in den Köpfen der meisten Menschen sofort die wildesten Fantasien und Befürchtungen lostreten, wenn sie nur angesprochen werden.»<sup class='footnote'><a href="#fn-2112-1" id='fnref-2112-1'>1</a></sup></p>
<p>Der Begriff <em>Tabu</em> stammt aus dem Sprachraum Polynesiens und ist aus dem Wort <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tapu" rel="external nofollow">tapu</a></em><em> </em>abgeleitet. <em>Tabu</em> als Begriff fand Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend Eingang in die deutsche Sprache – und zwar sowohl als Adjektiv (<em>etwas ist tabu</em>) als auch als Substantiv (<em>etwas ist ein Tabu</em>). Als Eigenschaftswort bezeichnet tabu einen Zustand, der mit <em>unverletzlich</em>, <em>heilig</em>, <em>unberührbar</em> beschrieben werden kann: Tabuisierte Dinge – so die religiöse Vorstellung der Polynesier – müssten streng gemieden werden, da sie gefährliche Kräfte besäßen. Auf den Tonga-Inseln bedeutet tabu oder tapu ursprünglich <em>unter Verbot stehend</em>, <em>nicht erlaubt</em>. In seinem heutigen Gebrauch heißt das Wort auf Tonga <em>heilig</em>, <em>geheiligt</em>, aber durchaus auch in dem Sinn von <em>eingeschränkt</em> oder <em>durch Sitte und Gesetz geschützt</em>, Beispielsweise wird die Hauptinsel des Königreiches Tonga Tongatapu genannt, was hier eher <em>heiliger Süden</em> bedeutet als <em>verbotener Süden</em>. Dabei bleiben Tabus als Verhaltensregeln unausgesprochen oder werden allenfalls durch indirekte Thematisierung (z. B. Ironie) oder beredtes Schweigen angedeutet: Insofern ist das mit Tabu Belegte jeglicher rationalen Begründung und Kritik entzogen. <sup class='footnote'><a href="#fn-2112-2" id='fnref-2112-2'>2</a></sup></p>
<p>Tabus nehmen in der Geschichte der Sexualität eine besondere Stellung ein. Zwar verändern sich sexuelle Normen, Regeln, Gesetze und Verbote im Verlauf der Zeit und Kultur sehr stark, doch immer wieder handelt es sich um eine sehr feste Konditionierung auf der individuellen und kollektiven Ebene. Die Veränderungen sind oft äußerlich und betreffen innere, tief im individuellen und kollektiven Bewusstsein verwurzelte, psychologische Reaktionen auf Reize, die sexuelle Phantasien ansprechen, kaum. An dieser Stelle ist zu merken, dass wenn wir im Folgendem  über die  Notwendigkeit der Dekonstruktion von sexuellen Tabuverboten sprechen, dann meinen wir es positiv und konstruktiv, und zwar nicht als Abschaffung von Tabus im Sinne der natürlichen ethischen Regeln und Gesetzen, das zum Chaos und Schaden führen wird. Es sind nicht solche Tabus wie etwa Vergewaltigung gemeint, bei denen sexuelle Handlungen gegen den Willen des Subjekts ausgeführt werden und deshalb offensichtlich und tatsächlich schaden, sondern all die sexuelle Aktivitäten, die durchaus freiwillig und einvernehmlich stattfinden, die aber rein aus <em>moralischer</em> Sicht als „schlecht“ gelten und im Bewusstsein der meisten als <em>schädlich</em> <em>erscheinen</em>, doch nicht notwendig schädlich sind, wie z.B. Inzest unter volljährigen Personen, Sex ausserhalb der Ehe, Exhibitionismus, Sadomasochismus oder Prostitution.</p>
<p>Sexuelle Tabus entstehen innerhalb einer Kultur einerseits durch die Unterdrückung bestimmter Sexualimpulsen und Handlungen von aussen, andererseits durch innere psychische Verdrängungsmechanismen. Sie verfestigen sich in moralischen Normen und Verboten, die in religiösen Vorschriften und in juristischen Gesetzen ihren Ausdruck finden. Indem Literatur, Medien und Kunst darüber reflektieren, nehmen sie eine eigene Stellung dazu ein. Manchmal werden Tabus mittels Literatur, Kunst und Medien weiter verfestigt, manchmal aber auch dekonstruiert. So kommt es zu der Tabuisierung / Enttabuisierung von bestimmten sexuellen Dingen, Themen oder Handlungen, wie etwa Sex ausserhalb der Ehe in der (monogamen) bürgerlichen Kultur. In den Quellen der s.g. alternativen „Contra-Kulturen“ oder Subkulturen (wie etwa Esoterik, BDSM, Polyamorie-Gemeinschaften oder Sekten) werden dagegen Tabubrüche proklamiert, indem den Gesetzen / Verboten nicht gefolgt wird, z.B. allein aus Protesthaltung. So werden Tabu-Diskurse in der Kultur geschaffen, konstruiert und konstituiert. Psychologie und Philosophie, Recht und Politik, Religion und Wissenschaft gehen hier Hand in Hand.</p>
<h4>Geschichte der Sexualität als Tabugeschichte</h4>
<p>Im Folgenden möchte ich also den Fragen der Geschichte von sexuellen Tabus nachgehen, wie und warum sie funktionier(t)en, was den psychologischen Mechanismus ihrer Durchsetzung ausmacht, aber vor allem wie solche Tabus dekonstruiert werden können und müssen. Im Gegensatz zur Tabu– und Normenverfestigung bzw. zum Kampf dagegen, aber auch zum endlosen Sprechen über sie, möchte ich einen alternativen Weg vorschlagen, auf dem psychoanalytische Diskursanalyse als Praxis von sexuellen Aufklärung die wichtigste Rolle spielt und für den bewussten und verantwortlichen Umgang mit der Sexualität sorgt.</p>
<p>Sexuelle Tabus möchte ich dabei als in der Regel aufgezwungene, allgemeine psychische Verbote betrachten, die kulturell übernommen und vererbt werden. Sie sind Herrschafts– und Machtinstrumente, die für die Stabilität des individuellen und kollektiven Systems sorgen und die Steuerung des Menschen und der Masse erleichtern. Tabus sind sakrosankt und ubiquitär; je nach Ort und Zeit variieren sie, um die Interessen der Herrschaftsklassen besser zu verteidigen und vor allem um (ihre eigene) Sicherheit zu gewährleisten. Wichtig ist dabei, dass die Tabus durch Subjekte oder Gesellschaften in der Regel unbewusst übernommen und generationenlang weitergegeben werden, was eine ehrliche und gründliche Auseinandersetzung mit dem verbotenen Gegenstand verhindert. Dies findet historisch orts– und epochenübergreifend statt, dazu kann man reichlich Beispiele nennen. Auch die gängigen politischen Ideologien, Religionen und Kulte haben zum größten Teil Sexualität begrenzt und instrumentalisiert. Dabei handelte es sich fast nie um einen wirklichen Geist oder Freiheit der sexueller Kraft. Spirituelle Schulen und Philosophien, die Menschen vorurteilsfrei über Sexualität aufklärten, und wo der Sexus positiv zum Zweck der individuellen geistigen Entwicklung und Befreiung eingesetzt wurde, sind eine seltene Ausnahme geblieben. Dennoch findet man Beispiele dafür vor allem in den Quellen der fremden Kulturen und Subkulturen: z.B. in einigen alten Texten des tantrischen Vajrayana-Buddhismus, in der neo-tantrischen Szene oder auch als Utopien in der Literatur (z.B. bei Aldaus Huxley´s <em>Insel</em>). Diesen alternativen Konzepten der Sexualität scheint es notwendig auf die Spur zu kommen. Vorerst muss man aber versuchen sexuelle Tabus zu dekonstruieren, die in der westlichen Kultur sehr fest verankert sind und eine Jahrtausend lange Tradition haben.</p>
<p>Die Geschichte der Sexualität wird damit sowohl zu einer Tabugeschichte im Sinn der Konstruktion und der Verfestigung von sexuellen Normen und Tabus, als auch zu einer Geschichte des permanenten, gewaltsamen oder revolutionären Tabubruchs. Nur sehr selten findet in der Kulturgeschichte bewusste Dekonstruktion von sexuellen Tabus statt, und fast nie eine ehrliche und konsequente sexuelle Aufklärung. Als Folge distanzieren sich auch heute noch die meisten Menschen und Kulturen von der Idee der freien Sexualität. Es herrschen immer noch die Prinzipien der christlich-puritanischen Ethik und der bürgerlichen Leistungsgesellschaft Max Webers. Die  andere Gruppe wiederum, scheint vom Sex abhängig und besessen zu sein (Hedonismus, sexuell orientierte Kulturen und Subkulturen). Heutzutage spricht man sogar vom Phänomen Sexsucht.</p>
<p>Die Geschichte von sexuellen Tabus bleibt damit eine politische und oft ideologische Manipulationsgeschichte (ganz im Sinn von Foucault!), die aus unendlichen und immer wieder gescheiterten Versuchen besteht, die Sexualität zu normieren bzw. ihr bestimmte feste Regeln aufzuerlegen oder Gesetze zu erlassen, die die s.g. konservative Koalition für wahr und aktuell hält. Ob wir uns die Bücher über Selbstbefriedigung des 19. Jhd. oder die Ehegesetze der Antike, oder auch die christliche Vorschriften des Mittelalters anschauen, überall finden wir diesen Drang die Sexualität zu normieren und zu unterdrücken. Anderseits ist sexuelle Tabugeschichte die Geschichte des ständigen Versuchs seitens der s.g. liberalen Opposition gegen diese Normen, Regeln und Gesetze zu verstoßen (ganz im Sinn von Sade!), was aber auch immer nur zum Scheitern im Sinn der Erkenntnis über Tabus oder daraus gewonnener Einsicht verurteilt ist. Die Geschichte der Sexualität Foucaults ist eine diskursive Geschichte, die uns vom Sprechen und Schreiben über Sexualität erzählt. Die Psychoanalyse erklärt uns, wie sie auf tieferen Ebenen funktioniert. In der Geschichte, und auch in der Wissenschaft gab es aber kaum Versuche oder Möglichkeiten die Menschen über Sexualtabu soweit aufzuklären, dass sie eine freie und unabhängige Sexualität <em>leben</em> und sich in diesem Sexualleben persönlich individuell entfalten. Mit anderen Worten, es gab kaum eine wirklich integrative, körperliche und geistige sexuelle Ausbildung oder Aufklärung, die das Ziel hatte zur positiven Erkenntnis über die Sexualität, zur Ganzheit zu führen oder wenigstens die praktische und geistige Funktionen des Begehrens, der körperlicher Liebe zu entdecken, die nicht nur zum Glück und Freiheit, sondern auch zum Aufstieg, Kulturschöpfung und Evolution (vielleicht im Sinn von platonischen Eros-Begriff) geführt hat. Meine Arbeit will versuchen solche Möglichkeiten zu entdecken, wobei es klar ist, dass so ein  mutiger Versuch vom heutigen Leser mehr als idealistische Utopie und weniger als konstruktive Methode verstanden, definiert und interpretiert wird.</p>
<h4>Sexuelle Tabus in Geistes– und Kulturwissenschaften</h4>
<p>Anderseits scheint die Wissenschaft im Allgemeinen und die Kulturwissenschaften im Besonderen ein geeignetes Mittel zu sein, um mit Hilfe der Quellen– und Diskursanalyse die Mechanismen zu verstehen, die Tabus dekonstruieren. So kann man in erster Linie mit Hilfe der kultur-wissenschaftlichen Quellenanalyse diese Mechanismen beschreiben und erörtern, um sexuellen Tabus kulturhistorisch zu verstehen. Denn: Wenn sich die Quellen einer Kultur sexuelle Tabus dieser Kultur widerspiegeln, dann kann eine kulturhistorische Analyse dieser Quellen sexuelle Tabus (wieder) erkennen und dekonstruieren.</p>
<p>Man kann aber auch versuchen die (kultur)wissenschaftliche Texte selbst  heran zu ziehen, um  sie zu analysieren und zu interpretieren. Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ oder Foucaults „Geschichte der Sexualität“ scheinen dazu gut geeignet zu sein. Diese Autoren, die in ihren Werken einen nahen Bezug zum Verständnis der Sexualität in der Kulturwissenschaften herstellen, haben Tabus auf ihre eigene Weise präsentiert. Damit ist der Versuch, Tabus psychologisch und philosophisch zu erklären nicht neu. Dennoch, indem man diese Autoren selbst einer kulturhistorischen und philosophischen Analyse unterzieht, leistet man einen anderen, reflexiven und aktuellen Beitrag zum Thema.</p>
<p>Wie sieht aber das Verhältnis von sexuellen Tabus und Wissenschaft an sich aus? Wird die Wissenschaft von Tabus geprägt? Kann eine solche Wissenschaft echt oder gar objektiv sein?</p>
<p>Wenn es um Erkenntnisse in den Naturwissenschaften und in der Technik geht, dann spielen psychische Strukturen des Wissenschaftlers durchaus wenig Rolle, denn die Ideen und Errungenschaften müssen dort streng mathematisch belegt werden. Doch in Kultur– und   Geisteswissenschaften, und vor allem in der Psychologie und Philosophie, ist es von grosser Bedeutung, wie frei im Denken und in der Psyche der Wissenschaftler selbst ist. Denn die subjektive innere Einstellungen zur Sexualität, die in jedem Wissenschaftler als Person inne wohnen, finden mehr oder weniger direkten Zugang in die Forschung. Vor allem bei den ethischen und moralischen Fragen ist dieser Zusammenhang unmittelbar. In den Geisteswissenschaften reflektiert die Person selbst über die Quellen, und damit spiegeln sich persönliche innere Verbote und Tabus zumindest indirekt, aber unausweichlich in den Forschungsergebnissen wider.</p>
<h4>Von der Macht der öffentlichen Moral zur tabulosen Wissenschaft</h4>
<p>An dieser Stelle ist ein Beispiel aus dem akademischen Umfeld vielleicht angemessen. Zu Zeiten der griechischen Antike (die ja für die europäische Kultur massgebend ist und ihr grösste, fundamentalste Erkenntnisse gebracht hat!) galt eine homosexuelle Beziehung zwischen dem Schüler und dem Lehrer nicht nur als normal, sondern sie wurde öffentlich gelebt und war sogar die notwendige Voraussetzung für die Erkenntnis seitens des Schülers und für das Glück seitens des Lehrers. Im platonischen Dialog Symposion lesen wir über den Eros als Gott der Liebe, die vor allem in der Rede von Pausanias durch körperliche, und zwar homosexuelle Komponente definiert ist; die Liebe zwischen Schüler und Lehrer, wenn sie wahr und ehrlich gelebt wird, führt bei dem Schüler zur Erkenntnis, zur Weisheit und Tugend. <sup class='footnote'><a href="#fn-2112-3" id='fnref-2112-3'>3</a></sup></p>
<p>Heutzutage ist eine körperliche (ganz zu schweigen homosexuelle) Beziehung zwischen Schülern und Lehrern ein Tabu. Schüler und Lehrer berühren sich nicht Mal! Wenn ein Philosophieprofessor eine sexuelle Beziehung zum Student lebt, wird sie meistens als Missbrauch abgestempelt. Und auch wenn der Professor nicht rechtlich bestraft wird, z.B. falls der Student auf freiwilliges Eingehen der Beziehung besteht, werden beide bestimmt mehr oder weniger öffentlich von Kollegen und anderen Studenten verurteilt.</p>
<p>Im Raum schwebt dann einerseits die Frage, ob in unserer Kultur dieser imaginärer Professor dann ohne vertrieben zu werden noch frei über ethischen und moralischen Fragen überhaupt forschen darf und kann, und andererseits, ob das Kollegium in seinen ebenfalls moralischen Forschungsarbeiten nach dem Vorfall als objektiv oder ehrlich von moralisch unabhängigen Beobachter (wenn es ein solcher gibt!) gesehen werden kann. Ganz zu schweigen ist vom Schicksal des Studenten: was für ein Erkenntnis erlangt er durch die Situation? Wird er sich der öffentlichen Moral unterwerfen und betrachtet sich als missbraucht, als Opfer der Manipulation? Oder protestiert er gegen Moral und wird zum Sündenbock? So oder so ist seine Karriere damit beendet, vom Rest seines Lebens keine Rede. Exil und Verbannung, Gewissensbisse, Schuld, Qual und innere Konflikte sind ihm damit garantiert. Fazit: wenn die Sexualität tabuisiert wird bzw. unbewusst frei gelebt wird bzw. plötzlich sehr wichtig wird, wie es in unserer Kultur der Fall zu sein scheint, ist damit in der Regel ein Problem und ein Schaden verbunden. Ob dann ein unabhängiges Erkenntnis innerhalb der Geisteswissenschaften auf dem Feld der Ethik und der Moral geben kann, bleibt höchst fragwürdig.</p>
<p>Daher muss die Geisteswissenschaft, aber vor allem Psychologie und Philosophie tabulos sein, wenn sie den Anspruch auf Freiheit, Unabhängigkeit und Objektivität der Forschung aufrecht erhalten will. Unter tabulos versteht man nicht Unzucht oder Libertinage, und auch nicht Willkür und Missbrauch, sondern ganz banal <em>das</em> Denken und <em>die</em> gesprochene Moral, in der alles Platz haben darf, solange es bewusst und einvernehmlich geschieht.</p>
<p>Wie erreicht man aber diesen Zustand? Müssen alle Wissenschaftler und Studenten sich selbst und einander einer Psychoanalyse oder einer <em>Tabudekonstruktionstherapie</em> unterziehen?</p>
<h4>Freud trifft Foucault: Psychoanalytische Diskursanalyse als integrales Tabu-Dekonstruktionstool</h4>
<p>Das wäre an sich gar nicht so schlecht, wenn jeder bei sich selbst schaut, bleibt aber natürlich utopisch. Was man <em>real-wissenschaftlich</em> versuchen kann, ist die wissenschaftliche Diskurse zu analysieren, und zwar nach psychoanalytischer Art und Weise. Wenn sexuelle Tabus, Blockaden und Verbote sich in den Forschungsarbeiten widerspiegeln, dann kann der freie Beobachter und Analytiker diese Spiegelungen wieder erkennen und feststellen, an welchen Stellen etwas persönliches oder auch als  kollektive Konvention bzw. Glauben oder Vorurteil in die Wissenschaft projiziert wird. Den Mechanismus der Dogmenproduktion kennen wir heute gut genug um etwa mittelalterliche Moral re– und dekonstruieren zu können, aber noch nicht gut genug um es mit der Moral der klassischen, viktorianischen oder (post)modernen Zeit zu wagen. Was aber Freud und Foucault als <em>Pan-sexualisten</em> versucht haben, ist die Mechanik der kulturellen Verfestigung eines bestimmten Denkens zu verstehen und historisch zu rekonstruieren, die an sich eine Mechanik der Tabu-Produktion ist. Dieser Methode möchte ich auf die Spur kommen und genug Mut finden um nicht die Personen an sich, sondern die Diskurse einer Psychoanalyse zu unterziehen.</p>
<p>Diskursanalyse und Psychoanalyse können darin vereinigt werden. Integral-wissenschaftlich gesagt, kommt es nur auf die äussere und innere Zone <sup class='footnote'><a href="#fn-2112-4" id='fnref-2112-4'>4</a></sup> an: die Psychoanalyse nach Freud versucht die innere Welt zu erklären, die Diskursanalyse nach Foucault die äussere, und zwar als Manifestation oder Ausdruck der inneren Welt. Damit erahnt man mit der psychoanalytischen Diskursanalyse nicht nur eine integrale Sicht auf sexuelle Tabus, sondern versteht ihre Geschichte aus der inneren und äusseren Welt des Subjekts und der Kultur.</p>
<p>Was ist denn Kultur-Wissenschaft? Welche Methoden benutzt sie, um das Werden und Vergehen der Kultur zu beschreiben und zu erklären? Wie steht es heute mit der Dichotomie Natur-Kultur und mit der Kulturgeschichte überhaupt?  Sind Kultur und Zivilisation Synonyme oder Symptome im Bezug auf die Natur? Sind es Kategorien oder Entitäten? Und wie hängen diese mit sexuellen Tabus zusammen?<br />
Alles umfassende, wissenschaftstheoretische Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt.</p>
<p>Christian Kassung, Professor der Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin sagt: „Kulturwissenschaft verfügt nicht über eine (oder mehrere) Methoden, in deren reiner Anwendung sich das Studium erschöpft. Vielmehr muss sie sich ihre Gegenstände allererst suchen und erschaffen, z.B. durch Verfremdung, Assoziation oder Analogiebildung.“ Es ist also wichtig anhand eines interdisziplinären Wissens und des Studiums von Quellen unterschiedlicher Art einen eigenen Zugang zur Kultur überhaupt und zum Gegenstand der Forschung zu finden. Ohne in die Abgründe des intellektuellen Snobismus abzuschweifen oder im Dickicht der wissenschaftstheoretischen Ansätze hängen zu bleiben, möchte ich versuchen, durch einen historischen und systematischen Zugang zu ausgewählten Quellen die Konstruktion und Dekonstruktion der sexuellen Tabus diskurstheoretisch-psychoanalytisch zu erörtern.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2112-1'>„Sex, Tabus und Transzendenz“, http://www.samuel-widmer.ch/html/index.php?id=104 aus: Widmer, Samuel: Des Kaisers Nacktheit – des Kaisers Dummheit / Von Freundschaften und Feindschaften / Über Berufskollegen, die Medien, Fachschaften, Freunde und Mitbürger / Ein Protokoll über das Anderssein / Dr.med. P.Samuel Widmer Nicolet / Basic Editions 2003 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2112-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2112-2'>http://de.wikipedia.org/wiki/Tabu <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2112-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-2112-3'>Platon, Symposion, 675, 671 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2112-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-2112-4'>Den Begriff habe ich von Ken Wilber übernommen: es geht um die innere und äussere Sicht auf den oberen rechten Quadranten, der für die Sicht der zweiten Person steht und innerhalb dessen integrale Theorie die Wissenschaft platziert (als Sicht der zweiten Person auf die erste). Ausführlich dazu siehe AQAL-Modell. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2112-4">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
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