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	<title>OpenMindJournal &#187; Wolf Schneider</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
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		<title>Was wir zu uns nehmen</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 11:56:31 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Wolf Schneider]]></category>

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		<description><![CDATA[Gedanken zur körperlichen und geistigen Ernährung Körperlich wie geistig sind wir Menschen Fließgleichgewichte. Was wir in uns aufnehmen und nicht gleich wieder ausscheiden, zu dem werden wir. Deshalb ist die Beachtung der Ernährung beim sich entwickelnden, wachsenden, an Bewusstsein gewinnenden Menschen das Fundament. Und auch der geistige Input verdient Beachtung: von welchen Quellen wir uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Gedanken zur körperlichen und geistigen Ernährung</h2>
<div id="attachment_4744" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/561943_web_R_K_B_by_Peter-Hebgen_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4741]"><img class=" wp-image-4744 " title="Nicht alles passt durch’s Sieb" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/561943_web_R_K_B_by_Peter-Hebgen_pixelio.de_-300x201.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Peter Hebgen / pixelio.de</p></div>
<p>Körperlich wie geistig sind wir Menschen Fließgleichgewichte. Was wir in uns aufnehmen und nicht gleich wieder ausscheiden, zu dem werden wir. Deshalb ist die Beachtung der Ernährung beim sich entwickelnden, wachsenden, an Bewusstsein gewinnenden Menschen das Fundament. Und auch der geistige Input verdient Beachtung: von welchen Quellen wir uns beeinflussen oder gar bestimmen lassen, auch hier braucht es Entscheidungen, was hinein darf, und manchmal eine Entschlackung.</p>
<p>Was uns ernährt ist das Grundsätzlichste, was es in unserem Leben gibt. Alles andere baut darauf auf, fügt sich oder widersetzt sich dem, kein Aspekt unseres Lebens bleibt davon unberührt. Was wir essen und trinken, daraus bestehen wir körperlich, und das bewegt und berührt uns auch geistig, seelisch, emotional wie nichts anderes, nicht einmal Sex. Womit wir das Geld verdienen, das wir brauchen, um uns etwas zu essen zu kaufen, auch das bestimmt uns fundamental: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing, sagt ein altes Sprichwort. Wenn wir andere, uns gemäßere Lieder singen wollen als die unserer Arbeits– und Auftraggeber, dann müssen wir uns ins Risiko der Selbständigkeit begeben — und dann singen wir das Lied unserer Kunden. Oder spalten uns innerlich. Und lernen mit einem gewissen Maß an solcher Gespaltenheit zu leben.</p>
<p>So beginnt unsere Stammesgeschichte als Menschen: Wir müssen essen, um zu überleben, eh wir uns Sprache, Schrift, Häuser, Computer und Mobiltelefone leisten können. Und so beginnt auch unser individuelles Leben: Sobald die Nabelschnur durchtrennt ist, müssen wir atmen und saugen, um uns zu ernähren. Das ist dann erstmal viele Monate lang unser wichtigster Lebensinhalt — und es bleibt ein sehr wichtiger Lebensinhalt, bis nach dem letzten Atemzug der Körper keine Nahrung mehr braucht.</p>
<h4>Die Ernährung ist das Fundament</h4>
<p>Wer sich auf den spirituellen Weg begibt – den Weg der Entwicklung der Persönlichkeit, des lebenskünstlerischen Lernens, der Weisheit, des Verständnisses und der Liebe – der wird sich auch mit der Ernährung beschäftigen müssen. In der Ordnung des Yoga entspricht die Ernährung dem untersten Chakra. Das unterste ist fundamental, dort beginnt die Entwicklung. Dieses Fundament dürfen die Aufbauten der vermeintlich höheren Stufen nie außer acht lassen. Wer sich geistig, seelisch, emotional entwickeln will und dabei die Ernährung außer acht lässt, wird nicht weit kommen. Wir bleiben daran gebunden. Wir können uns von dem, was wir einatmen, trinken und essen nie ganz lösen, wie sehr wir auch versuchen, uns von Licht allein, von Bewusstsein und Liebe zu ernähren.</p>
<h4>Du sollst nicht töten</h4>
<p>Deshalb beginne mit der Achtsamkeit bei dem, was du in deinen Mund hineinschiebst: Es sollte dem Körper gut tun, mit Genuss eingenommen werden, und es sollte nicht zu viel und nicht zu wenig sein. Die alten religiösen Wege hatten Vorschriften wie etwa koscher zu essen, kein Schweinefleisch und zu bestimmten Zeiten (Ramadan) dieses nicht, dafür an anderen jenes (rituelle Speisen). Das hat historische Gründe, aber meist keinen tieferen Sinn. Außer dem ethischen Gebot, anderen empfindenden Wesen keinen Schaden zuzufügen, das heißt: nicht zu töten oder töten zu lassen, nicht zu verletzen oder weh zu tun, wo das vermieden werden kann. Das Tötungsverbot beginnt bei der Tabuisierung des Kannibalismus und anderer Arten des Mordens und hört dort auf, wo wir vermuten können, dass das getötete Wesen keine Schmerzen empfindet, wie etwa bei den Wurzelpflanzen (Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln), die wir töten müssen, um sie essen zu können.</p>
<h4>Pflücken, was die Natur hergibt</h4>
<p>Die tiefe, archaische Befriedigung des Pflückens von Früchten in der Wildnis lernt jeder kennen, der sich mal für ein paar Tage auf ein Visionquest begibt oder an einem Survival Training teilnimmt. Manchmal genügen dafür ein paar Stunden einsamer Wanderung durch wildes Gelände, wenn Hunger aufkommt oder Durst, und du hast nichts dabei, was diese Bedürfnisse stillt. Du gehst durch eine Landschaft, die niemandem gehört oder von ihrem Besitzer nicht beachtet wird, und die Bäume und Büsche geben ihre Früchte her ohne nach einer Gegenleistung zu verlangen, sie schenken sie her, sie »wollen«, dass sie gegessen werden, denn das ist das Prinzip des Lebens: den eigenen Samen weiter zu geben. Die Früchte sind ja nicht zufällig so lecker, sondern weil sie den Samen der Pflanze enthalten, der durch das Gegessenwerden weitergegeben wird. So wird das Essen zu einer Art sexuellem Akt.</p>
<p>Auch der Besitzer, Besetzer oder Pächter von Boden empfindet beim Essen von dessen Früchten noch sehr archaische Gefühle: die <em>eigene </em>Tomate, Kirsche oder Nuss zu essen. Der Bauer, der zum Landwirt geworden ist und der Käufer von Lebensmitteln im Supermarkt, sie spüren davon kaum mehr etwas: Sie sind entfremdet. Ein paar Tage draußen in der wilden Natur, sich dort hinunterbeugen zu einem  Bach, um Wasser zu trinken und Essbares zu finden in der Erde, auf der Erde, über der Erde, das kann einen auch seelisch zurückbringen zum Wesentlichen.</p>
<h4>Für die Tiere, die Menschen und die Natur</h4>
<p>Meine Entscheidung, mich nur noch vegetarisch zu ernähren, liegt 35 Jahre zurück. Es ist gesünder, es schmeckt mir besser, und es ist auch ein politisches Bekenntnis, denn eine Welt ohne Fleischindustrie bräuchte keine Urwälder mehr zu roden, die Gewässer nicht mehr mit Antibiotika zu verseuchen, die Äcker nicht mehr zu überdüngen, und es wäre dann auch genug zu essen da für uns alle. Außerdem ist der Verzicht auf das Essen von Tieren für mich ein ethisches Thema: Für meine Ernährung brauchen keine Tiere getötet zu werden. Für die normalen Fleischesser werden die Tiere nicht nur unter schrecklichen Umständen getötet, sondern sie verbringen ihr Leben auch unter Umständen, die kaum ein Fleischesser auch nur anzusehen ertragen könnte ohne in Wut zu geraten oder sich zu ekeln. Inzwischen gilt das auch für die meisten Fische, für Geflügel sowieso schon längst. Die käuflichen Fische werden heute ja überwiegend nicht mehr in der Wildnis gefangen, sondern stammen aus Fischfarmen, in denen Antibiotika eingesetzt werden, damit die Fische oder Krustentiere nicht erkranken.</p>
<h4>Verdrängung</h4>
<p>Was mir seit je ein Rätsel war, ist die geistig-seelische Spaltung, die ein Fleischesser mit sich anstellt, wenn er sagt: Ich könnte das Tier nicht töten, aber ich esse es. Die Katze dieses Tierfreundes muss zum Tierarzt schon wenn sie sich die Pfote verletzt hat. Das Schwein, das er isst, aber lebt unter Bedingungen, die nicht sieht und nicht ertragen würde, sie anzusehen. Und wenn das Vieh (so nennt man die Tiere, wenn man sie zu Fleisch– oder Milchlieferanten degradiert hat,) dann zum Schlachthof transportiert wird, kommt es noch schlimmer: Viele Tiere werden bei lebendigem Leibe gehäutet und zerlegt, die Angsthormone, die dabei ausgeschüttet werden, isst der Fleischesser mit, und allmählich, unmerklich verändern sie seine Seele.</p>
<p>Wenn ich mit Fleischessern darüber spreche, erhalte ich bizarr verdrängende Antworten. Du liebst Tiere, aber du isst sie. Aha. Einem Menschen würdest du nichts zuleide tun, sagst du, schon gar nicht ihn töten, aber einen Killer zu bestellen ist für dich in Ordnung? Dann begeht der Killer den Mord, nicht du. Und der Killer sagt: »Es gibt einen Markt für Morde, ich bediene hier nur eine vorhandene Nachfrage; würde ich den Mord nicht ausführen, täte es ein anderer, kein Mensch oder Tier wäre gerettet; der Unterschied ist nur, dass ich dann als dummer, aber ethischer guter Mensch, meinen Lebensunterhalt verloren hätte.« So die Logik der Metzger, Fleischproduzenten, Viehzüchter, Fleischviehhalter, Futtermittelhersteller, dieser ganzen Industrie, die daran hängt. Inzwischen wird sie »fleischindustrieller Komplex« genannt, ähnlich dem »militärisch-industriellen« Komplex, deren Lobby in hohem Maß die Entscheidungen unserer Politiker bestimmt.</p>
<p>Vielleicht sind wir Menschen in Sachen Tiere lieben und Fleisch essen so gespalten wie in unserer Liebe zur Natur, die wir durch unser Verhalten vernichten. Die naturliebende Delphinfreundin fliegt für einen »Schwimmen mit Delphinen« Workshop nach Hawaii. Einmal auf die andere Seite das Globus, 20 Stunden Flugzeit hin, 20 Stunden Flugzeit zurück, mit unbesteuertem Flugbenzin — unbesteuert, solange nationale Regierungen das entscheiden. Für diese lieben, natürlichen Wesen, denen die Japaner mit ihren brutalen Fangmethoden so zusetzen, fliegt sie dort hin. Dann zurück an ihren Arbeitsplatz bei einer dieser Investmentbanken in Frankfurt. Eine solche Erholung in der Natur hat sie sich in ihrem harten Job redlich verdient, an dem sie, wenn es schlimm kommt, auch noch auf Mais oder Weizen setzen muss, was die Nahrungsmittelpreise weltweit explodieren lässt, so dass es zu Hungersnöten in den armen Ländern kommt. Denn Gold und Kupfer bringen nicht mehr die nötigen Renditen, von den Öl– und Autoaktien ganz zu schweigen.</p>
<h4>Entscheidungen</h4>
<p>Auch in geistiger Hinsicht gilt, dass wir zu dem werden, womit wir uns ernähren. Die Informationen, die wir in uns aufnehmen, prägen uns. Sie gestalten nicht nur unsere Sprache und all die Phrasen und Sprichwörter, die wir im Kopf und auf den Lippen haben, sie prägen auch unser Selbstverständnis, unsere Identität – das, wofür wir uns halten.</p>
<p>In Zeiten der Infoflut ist es deshalb noch unentbehrlicher und notwendiger denn je, Entscheidungen zu treffen und sehr wählerisch zu sein, auch was unseren geistigen Input anbelangt und unseren sozialen und freundschaftlichen Umgang. Es ist erst gerade erst ein paar Generationen her, da konnten unsere Vorfahren nur unter durchschnittlich hundert Menschen auswählen, mit denen sie sich befreunden oder befeinden konnten; wir können heute zwischen Millionen auswählen. Unsere Vorfahren hatten im Winter nur das Wenige zu essen, was sie gelagert hatten, vielleicht Kohl oder Rüben oder getrocknete Äpfel und Nüsse – wir können heute im Supermarkt sogar im Winter unter mehr als hundert frischen Früchten auswählen, deren Namen wir zum Teil nicht einmal kennen, und unter Tausenden haltbar gemachter Nahrungsmittel. Wir können wählen – und wir müssen es.</p>
<h4>Spirituelle Freundschaft</h4>
<p>So ähnlich geht es uns auch mit den uns möglichen Jobs, Standorten, Ausbildungsangeboten und Freunden. <em>Kalyana Mitta</em> nannten die alten Buddhisten den Freund, der einen mit ähnlichen ethischen Werten auf dem Weg begleitet. In Zeiten der sozialen Netzwerke gewinnt die spirituelle Freundschaft noch viel größere Bedeutung als je. Freunde können uns Rat geben auf dem Weg, uns liebevoll und nachhaltig auf eigene blinde Flecken hinweisen, uns trösten, wenn mal etwas nicht klappt. Sie können uns helfen bei einer guten, aber schwer einzuhaltenden Disziplin – einer Diät, der täglichen Meditation oder dem Vorsatz vom letzten Silvester, mit dem Rauchen aufzuhören. Vielleicht kann sogar eine Zeitschrift wie diese hier, ausgewählt unter tausenden anderer Möglichkeiten der Lektüre, ein solcher Freund sein, der durchs Leben begleitet.</p>
<h4>Anders essen, für eine bessere Welt</h4>
<p>Was würde sich weltweit ändern, wenn mehr Menschen weniger Fleisch äßen? Erstmal würden weniger Tiere leiden. Wir wären gesünder. Es würden weniger Menschen hungern – zur Zeit hungert ungefähr ein Siebtel der Menschheit, eine Milliarde von den sieben Milliarden Erdbewohnern, denn zur Produktion von 1 kg Fleisch werden etwa 16 kg Getreide verbraucht. Wenn weniger Fleisch gegessen würde, könnte der Markt der Fleischindustrie keinen so großen Druck mehr ausüben auf diejenigen, die aus Not und um selbst zu überleben, sich an der Rodung der Urwälder beteiligen, wie etwa in Brasilien, Indonesien und vielen anderen Ländern. Die Erderwärmung würde verlangsamt – Rinder sind für etwa ein Drittel des weltweiten Ausstoßes an Methan verantwortlich, das als Treibhausgas um ein Vielfaches wirksamer ist als Kohlendioxid. 62 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in Deutschland werden für Futtermittel verwendet — wie viel mehr hätten zu essen, wenn die Fläche nicht für Tiere verwendet würde, und der wirtschaftliche Druck auf die maximale Ausbeutung der Böden (Ertrag pro Hektar) wäre geringer.</p>
<p>Und der Fleischkonsum nimmt nicht etwa ab, sondern er nimmt noch zu, und zwar drastisch: Laut FAO stieg die weltweite Fleischindustrie von 1961 bis 2011 auf fast das Vierfache, in China hat er sich in dieser Zeit sogar versiebenundzwanzigfacht. Auch wenn der Fleischkonsum in der kleinen Szene der ›Bewusstseinsavantgarde‹ der Welt inzwischen sinkt, steigen die Gesamtzahlen noch immer drastisch an, denn immer mehr Menschen (in absoluten Zahlen vor allem Chinesen) können sich Fleisch leisten und haben ethisch, politisch und gesundheitlich nichts dagegen einzuwenden.</p>
<h4>Die geistige Nahrung</h4>
<p>Wissen die Fleischesser, dass ihnen und der Welt das Fleischessen nicht gut tut? Wenn ja, dann war immerhin ihre geistige Nahrung nicht die allerschlechteste. Denn nicht nur das, was wir durch unseren Mund zu uns nehmen macht uns zu den Menschen, die wir sind, sondern mindestens ebenso das, was wir durch unsere Augen und Ohren zu uns nehmen. Die Nachrichten, Meinungen und Weltbilder, die uns dabei vermittelt werden, prägen uns, und ebenso die Hoffnungen und Befürchtungen, Drohungen und Belohnungen, die wir durch diese Sinnestore in uns aufnehmen, und vor allem die Anerkennung oder Aberkennung von dem, was wir sind oder zu sein glauben.</p>
<p>Auch bei diesem geistigen Input müssen wir hoch selektiv sein, sonst werden wir krank, dumm, irre oder bösartig, denn auch geistige Nahrung kann einen Menschen vergiften oder gesunden lassen. Sogar lehren kann die geistige Nahrung, erhellen, vielleicht sogar erleuchten.</p>
<h4>Wählerisch, aber ohne strenge Zensur</h4>
<p>Kann sie das wirklich? Ich meine, dass wir auch bei der geistigen Nahrung zwar hoch selektiv sein sollten, dass wir dort aber nicht annähernd eine so strenge Zensur des Inputs brauchen wie bei der körperlichen Nahrung. Ein körperliches Gift ist imstande, einen Menschen sehr schnell gesundheitlich zu schädigen, bis hin zum schnellen Tod. Wenn das Gift in Darm und Leber eingetreten ist, wird auch das Auspumpen des Magens nicht mehr viel helfen.</p>
<p>Anders bei den geistigen Giften. Sie sind die Gegenpole der Wahrheiten und Weisheiten, wir brauchen uns nicht einmal wirklich vor ihnen zu schützen, es genügt sie als solche zu erkennen. Dann kann die Lüge gegenüber der Wahrheit, die Dummheit gegenüber der Weisheit den Bogen weit spannen zur Erkenntnis des Ganzen.</p>
<p>Wer seinen geistigen Input durch Zensur vor »zersetzenden« Gedanken oder sonstwie als böse stigmatisiertem Geistesgut glaubt schützen zu müssen, ist in Gefahr, sich damit eine Gehirnwäsche zu verpassen. Der Geist muss frei bleiben. Auch seinen Input muss er prinzipiell unzensiert aufnehmen dürfen, ohne Verbote, Scheuklappen oder Angst vor Beschmutzung. Auch im Geistigen müssen wir wählerisch sein, aber diese Wahl sollte eine sein, die eher Tendenzen gewichtet, als Ge– und Verbote auszusprechen.</p>
<h4>Aufnahme ohne Aneignung</h4>
<p>Ich esse kein Fleisch und meide, so gut ich kann Vergiftetes zu essen oder zu trinken, nehme aber täglich ausreichend viele Dummheiten, Lügen und Halbwahrheiten zu mir, ohne das Bedürfnis, sie ausfiltern zu müssen. Ich nehme sie auf, eigne sie mir aber nicht an. Sie beleben meine Wahrnehmung, meinen »Arbeitsspeicher«, werden aber nur dann auf der Festplatte abgespeichert, im Langzeitgedächtnis, wenn ich sie satirisch oder sonstwie polar verwenden kann.</p>
<p>Denn alles, was als wahr erscheint, trägt auch sein Gegenteil in sich, das es ergänzt. Keine Weisheit ist so weise, dass sie nicht in irgendeiner Situation, aus irgendeinem Blickwinkel betrachtet, eine Dummheit wäre. Das Geistige trägt das Polare in sich, was sich vom Körperlichen so nicht sagen lässt. Unser Immunsystem schätzt es zwar, gelegentlich durch Angriffe herausgefordert zu werden. Falls diesen Angriffe nicht lebensbedrohlich sind, gilt vielleicht sogar: je öfter desto besser (das Prinzip des Impfens). Es gibt jedoch körperliche Gifte, die zum sofortigen Tod führen, und es gibt essentielle Heil– und Nahrungsmittel, die für die Gesundheit unentbehrlich sind. Im Geistigen gibt es das nicht: Der klare Geist ruht in der Stille und kann auch die größten Lügen und Dummheiten in sich aufnehmen – er scheidet sie aus, ohne dass sie Spuren hinterlassen würden.</p>
<p>Zwischen dieser großen geistigen Klarheit und der völligen Unwissenheit aber liegt das Land, in dem wir Menschen uns die meiste Zeit aufhalten: der ganz normale Alltag. Dort sind wir nur halb bewusst, nur halb wissend und immer ein bisschen unentschieden. Dort spielt es eine große Rolle, was wir geistig in uns aufnehmen. Hier sollten wir hoch selektiv sein mit dem, was wir in uns reinlassen und ebenso wie beim Wasser, das wir trinken, darauf achten, aus welcher Quelle es kommt.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Connection Spirit, <a href="http://connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 03/12</a></em></p>
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		<title>Vom Kannibalismus zum Vegetarismus</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 11:55:01 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Kulturelle Errungenschaften brauchen manchmal Zeit, sich durchzusetzen Vereinfacht gesagt ist der Mensch eine Art Darm, der über den Mund Dinge in sich aufnimmt und einen Teil davon über den Anus wieder ausscheidet. Wir sind Verdauungstrakte, die imstande sind, sich fortzupflanzen. Zwischen Mund und Anus wird die Nahrung verwandelt, und die ihr entzogene Energie erlaubt uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Kulturelle Errungenschaften brauchen manchmal Zeit, sich durchzusetzen</h2>
<div id="attachment_4739" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/374998_web_R_by_E.-Vogel_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4737]"><img class=" wp-image-4739 " title="Land der Dichter und Henker" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/374998_web_R_by_E.-Vogel_pixelio.de_-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: E. Vogel / pixelio.de</p></div>
<p>Vereinfacht gesagt ist der Mensch eine Art Darm, der über den Mund Dinge in sich aufnimmt und einen Teil davon über den Anus wieder ausscheidet. Wir sind Verdauungstrakte, die imstande sind, sich fortzupflanzen. Zwischen Mund und Anus wird die Nahrung verwandelt, und die ihr entzogene Energie erlaubt uns Bewegung und all das andere.</p>
<p>Habe ich das zu sehr vereinfacht? Mag sein. Die Reduktion aufs Wesentliche hat jedoch durchaus etwas für sich, denn unser Leben ist sehr kompliziert geworden – zu kompliziert. Tagein, tagaus haben wir Entscheidungen zu treffen, deren Folgen wir nicht überblicken können und für die wir nie gut genug informiert sind. Dann kommt der Tod oder sonst eine Katastrophe, und mit ihm der Schock, die meiste Zeit mit Kiki-Kram verplempert zu haben. Nun aber ist es zu spät. Deshalb: Reduziere beizeiten!</p>
<h4>Was wir aufnehmen</h4>
<p>Was wir durch den Mund in uns aufnehmen, ist wesentlich. Ebenso was wir hören, sehen und lesen. Wenn du nicht schicksalsergeben hinnehmen willst, was das Leben dir so zuspielt, musst du hier beginnen: Achte auf das, was du durch den Mund in dich aufnimmst! Ebenso wem du zuhörst, was du liest, was du siehst, welche Menschen du triffst und was du von alledem in dir behältst, denn auch der Geist muss verdauen und das Unbrauchbare wieder ausscheiden. Es gibt auch geistige Völlerei, Durchfall, Verstopfung und vor allem mangelnde Auswahl bei der Aufnahme. Geistiges FastFood (im Sinne von Junkfood) ist ebenso ungesund wie Körperliches. ComfortFood stopft, ohne nachhaltig zu trösten, und an der Makrobiotik ist immerhin das richtig: ausdauernd kauen!</p>
<h4>Die Verwandten essen?</h4>
<p>Kannibalismus erscheint uns heute als barbarischer Exzess einiger unserer Vorfahren. Wenn wir die Tiere als unsere Verwandten anerkennen, ist der Schritt vom Verzicht auf das Essen von Menschen zum Verzicht auf des Essen von Tieren jedoch kein großer mehr.</p>
<p>Jahrtausende lang war die Sklaverei unter den Hochkulturen der Menschheit ganz normal. Im perikleischen Athen, der gefeierten Wiege unserer europäischen Kultur, gab es sogar weitaus mehr Sklaven als Bürger; Platon hatte fünf Sklaven für seinen Haushalt, und auch Aristoteles verteidigte diese Praxis. Erst vor weniger als 200 Jahren begann die Kritik an der Sklaverei heftiger zu werden. Dann dauerte es keine 100 Jahre, und sie war fast überall in der Welt geächtet. Vielleicht wird auch das Essen von Tieren bald in ähnlicher Weise als Barbarei geächtet sein – es wäre ein Fortschritt in der Zivilsierung der Menschheit und ein wichtiger Schritt auf dem Weg, eine Weltbevölkerung von bald neun Milliarden Menschen ernähren zu können. Es wäre auch ein riesiger Gewinn für die Schonung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten. Noch immer werden Tag für Tag weit mehr als 100 Quadratkilometer an tropischem Regenwald gerodet, ein fast irreversibler Prozess der Vernichtung – er geschieht für die Fleischindustrie.</p>
<h4>Religionen als Folklore</h4>
<p>Kulturelle Errungenschaften brauchen eben manchmal Zeit, um sich durchzusetzen. Dazu gehört wohl auch die Überwindung des Fundamentalismus in den religiösen und politischen Kulturen der Welt. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass eine von Menschen überlieferte Schrift nicht »die« Heilige Schrift sein kann? Anscheinend ja. Bis dann eines Tages, vielleicht in ein oder zwei Generationen, die Religionen nur noch als von der UNESCO zu schützendes Kulturgut gelten und nicht mehr als Autoritäten bei der Wahrheitsfindung.</p>
<p>Auch in den Gesellschaften, die sich für aufgeklärt halten, hat die Aufklärung um die Festungen der Religionen bisher einen großen Bogen gemacht. War es die Angst, dass mit dem Glauben auch die Ethik verloren ginge, was uns dabei einschüchterte? Ungläubige Menschen sind in ihrem Verhalten jedoch nicht weniger altruistisch als Gläubige. Wenn die unzähligen in der Welt praktizierten Varianten von Meditation, Gebet und Religiosität endlich ihre alten, fundamentalistischen Klamotten ablegen würden, wäre das ein weiterer großer Schritt in Richtung Zivilisation.</p>
<p>»Was halten Sie von der (westlichen) Zivilsation?«, soll Mahatma Gandhi einmal gefragt worden sein. Seine ernüchternde Antwort: »Das wäre eine gute Idee!«</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Connection Spirit, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/editorial-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 03/12</a></em></p>
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		<title>Kleine Wege, grosse Wege</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 23:54:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Getrieben von Ereignissen stellst du dir nicht die Frage: Wohin des Wegs? Denn dann treiben dich die Ereignisse, nicht du sie. Du wirst hin und hergeworfen im Dämmerlicht eines gelegentlich diffus aufscheinenden Bewusstseins und hast dabei vielleicht das Gefühl, dass hier etwas geschieht, was eigentlich nicht sein sollte. Das Steuer haben andere in der Hand, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2186.png" rel="lightbox[4557]"><img class="alignright  wp-image-4567" style="margin-left: 10px;" title="Wohin des Weges?" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2186-300x224.png" alt="" width="200" /></a>Getrieben von Ereignissen stellst du dir nicht die Frage: Wohin des Wegs? Denn dann treiben dich die Ereignisse, nicht du sie. Du wirst hin und hergeworfen im Dämmerlicht eines gelegentlich diffus aufscheinenden Bewusstseins und hast dabei vielleicht das Gefühl, dass hier etwas geschieht, was eigentlich nicht sein sollte. Das Steuer haben andere in der Hand, und die sind vielleicht selbst Getriebene von wieder anderen – von einer Navigation irgendeines Weges kann keine Rede sein. Erst wenn ein klarer werdendes Bewusstsein einsetzt, dass du dich auch anders verhalten könntest als jetzt – dass vor dir Weggabelungen liegen, wo du entweder hierhin oder dorthin gehen kannst, und dass <em>du</em> es bist, der das entscheidet, erst dann stellt sich diese Frage: Wohin des Wegs? Und dann stellt sie sich mit Dringlichkeit. Denn ist es <em>die entscheidende Frage</em> <em>überhaupt.</em></p>
<h4>Was willst du hier eigentlich?</h4>
<p>Dass wir selbst nach diesem Aufscheinen als einigermaßen selbständige, aufgeklärte, aufgeweckte, nicht mehr völlig programmgesteuerte Wesen zunächst nicht wissen wo es lang geht, ist normal. Wer das leugnet, steckt vermutlich noch viel tiefer in Programmen, die aber unbewusst sind, und zieht es vor, besser nicht zu wissen, wo es lang geht – ein Zombie, der glaubt, wach zu sein. Also erstmal zurück auf Null und zur Frage: Was willst du hier eigentlich, auf dieser Erde, in diesem Leben, in diesem Körper? Diese Frage kann einen durchaus ein paar Wochen, Monate oder Jahre lang beschäftigen, manchmal Jahrzehnte lang. Und dann die zweite: Welcher Weg führt dorthin?</p>
<h4>Weg der Wandlung</h4>
<p>Du bist nicht der erste, den diese Fragen beschäftigen, das ist schon mal tröstlich. Manche sind ihr Leben lang bei der ersten Frage geblieben und haben doch ein heiligeres, wacheres, bewussteres Leben geführt als die meisten von uns. Andere haben eine passabel befriedigende Antwort auf die erste Frage gefunden, blieben dieser Antwort viele Jahre lang treu und trafen dann Entscheidungen, was den Weg zu diesem Ziel anbelangt und blieben dann auch diesem Weg treu, mit bewundernswerter Konsequenz und Beharrlichkeit und großen Erfolgen, was ihre persönliche und charakterliche Entwicklung anbelangt. Und wandelten sich – und ihr Weg, ihre Weggefährten, ihr Progamm alias Navi mit ihnen.</p>
<h4>Der Weg löst sich auf</h4>
<p>Denn der wirkliche spirtuelle Weg führt nicht zu einem Ziel, so wie eine Wanderung oder ein sportlicher Wettlauf zum Ziel führen. Ziele erreichen nur die »kleinen Wege«, wie zum Beispiel: »Ich will im Yoga besser werden«, oder »meine Kommunikation soll gewaltfrei werden«. Diese Wege sind sehr wertvoll, man darf sie nicht verachten und sollte sie keinesfalls vernachlässigen. Aber es gibt darüber hinaus auch noch »große Wege«. Die haben die merkwürdige Eigenschaft, dass sie, wenn man sie geht, sich selbst auflösen: Du gehst und gehst und wähnst dich auf dem Weg zu einem Ziel, und unterdessen – bei manchen geschieht das plötzlich, bei anderen allmählich – merkst du, dass du dich wie auf einem Laufband bewegst. Die Landschaft zieht vorüber, aber du bleibst immer dort, wo du bist. Das Leben zieht vorüber, nur eines ändert sich nicht: dass du hier bist, jetzt. Immer ist es jetzt. Es ist nicht mehr so, dass du gehst und dich bewegst, sondern die Welt zieht an dir vorüber, die Zeit, alles. Wenn das passiert, weißt du, dass du auf einem großen Weg angekommen bist.</p>
<h4>Der Horizont</h4>
<p>Auch dann ist es noch gut und nützlich, im Yoga besser zu werden und friedliche Kommunikation zu üben. Aber das geschieht dann auf einem anderen Hintergrund. Dein Weg ist auch dann immer noch ein Weg von hier nach dort, du bewegst dich, aber nun hast du gecheckt, dass der Horizont immer dort ist, wo er schon immer war, wie weit auch immer du gegangen sein magst. Er bleibt ein Kreis um dich herum, in der Ferne – und du bist hier.</p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Connection <a href="http://connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-0312.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 3/12</a></em></p>
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		<title>Vom Wert der Abschottung auf dem Markt der Möglichkeiten</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 11:58:34 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Für die meisten Menschen ist Treue heute zunächst vor allem das Verbot von sexuellen Seitensprüngen während einer als exklusiv verstandenen Zweierbeziehung. Unser Bedürfnis nach Treue hat jedoch eine Tiefendimension. Und sogar ein Blick in die Ökonomie lohnt: Was ist der Wert einer Abschottung vom Markt der Möglichkeiten – und worauf verzichte ich dabei? Treue – was für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3886" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4c4aadcf576a1_s.jpg" rel="lightbox[3884]"><img class="size-medium wp-image-3886 " title="Vom Wert der Abschottung auf dem Markt der Möglichkeiten" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4c4aadcf576a1_s-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / bunte Mischung © jadon</p></div>
<p>Für die meisten Menschen ist Treue heute zunächst vor allem das Verbot von sexuellen Seitensprüngen während einer als exklusiv verstandenen Zweierbeziehung. Unser Bedürfnis nach Treue hat jedoch eine Tiefendimension. Und sogar ein Blick in die Ökonomie lohnt: Was ist der Wert einer Abschottung vom Markt der Möglichkeiten – und worauf verzichte ich dabei?</p>
<p>Treue – was für eine schöne Tugend! Wie schade, dass die meisten Menschen darunter nur die sexuelle Treue innerhalb einer Zweierbeziehung verstehen. Die Treue eines Verbots: Du darfst nicht mit anderen! Dabei vergessen sie die Treue des <em>Ge</em>bots: Du sollst mit mir!</p>
<p>Dies sind die zwei betrüblichsten Einengungen des Begriffs: Die erste ist, dass es nur um Sex geht. Du darfst reden, handeln, Geschäfte machen, verreisen oder Sport treiben mit anderen, vielleicht sogar bussi-bussi, tanzen, flirten – nur das eine darfst du nicht: Sex.</p>
<p>Die zweite – wahrscheinlich noch leidwirkendere – ist: Du darfst nicht mit anderen Freude haben oder gar Lust, egal wie freudlos und lustlos es zwischen uns inzwischen geworden ist. Wichtiger als dass du mich liebst ist mir, dass du keine anderen liebst. Der Zaun um unseren Garten ist wichtiger als das, was sich darin befindet. Mach ihn lieber noch einen Meter höher und mit Stacheldraht, auch wenn unterdessen die Pflanzen im Garten verkümmern.</p>
<h4>Von der Liebesheirat zum Efafi-Modell</h4>
<p>Dabei ist Treue, verstanden als Beständigkeit in unseren menschlichen Beziehungen, eine seit Jahrtausenden – oft zu recht – hoch geschätzte Tugend. In kriegerischen Zeiten war es vor allem die Loyalität, die Beständigkeit des Verbleibs in der kämpfenden Partei, mit der »wir« uns jeweils identifizierten – so wird die Treue in den Nibelungensagen gefeiert und in vielen anderen Mythen der patriarchalen Zeit. Bleib bei uns! Sei kein Überläufer! Ein Überlaufen zu den anderen wäre Verrat. Abtrünnige und Verräter wurden seit je hart bestraft, durch Missachtung, Verbannung oder Auslöschung (physische, oder aus den Geschichtsbüchern). Deserteure und Fraternisierer wurden mit dem Tod bestraft. Oft richtete sich die Grausamkeit gegenüber den Treulosen nicht nur auf die kämpfenden Männer, sondern ebenso auf die Frauen, die aus der Ehe »desertierten«.</p>
<p>Dass Untreue vor allem den sexuellen Seitensprung meint, ist erst ein Ergebnis des romantischen Zeitalters, in dem die Liebesheirat zum Modell wurde. Hieraus entwickelt sich auch das Ideal des Traum– und Lebenspartners und das des Seelenpartners der Esoteriker, und schließlich das Efafi-Modell (so nennt es der Paartherapeut Michael Mary):<strong>e</strong>iner <strong>f</strong>ür <strong>a</strong>lles <strong>f</strong>ür<strong> i</strong>mmer – der Partner als bester Freund, einziger Lover, Mitbewohner, Co-Elter für die eigenen oder zugewachsenen Kinder und Compagnon im eigenen Haushaltsbetrieb (in der Beziehung ohne Gütertrennung).</p>
<h4>Konservativ versus progressiv</h4>
<p>Ich schätze Beständigkeit. Auch wenn ich mich politisch nicht zu den Konservativen zähle, finde ich, dass es so viel zu bewahren gibt. Was gut ist, dass sollten wir bewahren – und es gibt sehr viel Gutes in der Welt. Andererseits gibt es auch Schlechtes, das sollten wir verändern, da bin ich dann »progressiv«, reformistisch oder gar revolutionär. Und da das Private das Politische zusammenhängen, sage ich das jetzt mal über das Private: Jede Beziehung, die ein Mensch bei passabel wachem Bewusstsein eingeht, hat etwas, das es wert ist, erhalten zu werden. Diesem zu Erhaltenden sollten wir treu bleiben. Und was nicht gut ist, dem sollten wir untreu sein, sollten es ändern oder verlassen. Und auch hier wieder ähnelt das Politische dem Privaten: Als die DDR von der BRD kassiert wurde, warum hat man da nicht das Bildungs– und Gesundheitssystem (nicht ganz so, aber doch in sehr vielem) übernommen? Weg mit der Stasi, der Diktatur der SED, der Idiotie dieses verkrusteten Pseudo-Sozialismus, aber mit dem Guten an der DDR hätte man nicht »Schluss machen« müssen, so wie man heutzutage oft mit einem Partner Schluss macht, der das Efafi-Ideal nicht erfüllt.</p>
<h4>Sei flexibel!</h4>
<p>Unsere Wirtschaft schätzt die Flexibilität. Vor allem die Arbeitnehmer sollen flexibel sein und mit immer neuen Marktbedingungen umgehen können, so wie die Produzenten mit immer neuen Situationen auf den sich ständig bewegenden Märkten. Die Arbeitnehmer sollen bereit sein zur Untreue gegenüber ihrer Heimat, ihrer Muttersprache, dem erlernten Beruf, ihrer Lebens(abschnitts)partnerschaft und Familie, wenn es woanders einen besseren Job gibt, sodass die Gestalter unserer politisch-wirtschaftlichen Ordnung nicht flexibel sein müssen, sondern dem System treu bleiben dürfen. Wer darf hier beim Alten bleiben, wer muss sich ändern? Das Verhältnis der beiden Seiten ist ungleich. Damit die Global Players und Inhaber größer Vermögen dem wirtschaftlichen System, das ihnen nützt, treu sein können, müssen die Arbeitnehmer flexibel sein. Das Ergebnis ist die Verarmung großer Anteile der Bevölkerung, Millionen von Migranten, die geduldete Skrupellosigkeit ihrer Schlepper (über das Mittelmeer und über die mexikanisch-amerikanische Grenze), die Heimatlosigkeit der im Exil Arbeitenden, die Fremdenfeindlichkeit bei den dort Ansässigen gegenüber den Zugewanderten.</p>
<p>Die in der der Eso-Szene so beliebte Devise »lerne loszulassen« passt insofern sehr gut zu unserem Wirtschaftssystem, das gewachsene Bindungen missachtet, wie Karl Marx das schon in seinem kommunistischen Manifest so eindrucksvoll beschrieben hat: »Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen, und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose ›baare Zahlung‹. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt.«</p>
<h4>Freiheit</h4>
<p>Und auch der Aufbruch der spirituell Bewegten, der aus ihren alten Heimaten Aufbrechenden passt hierzu: Binde dich an nichts, sei frei! Frei für den Markt? Der wirklich Aufbrechende, Freie (indisch: <em>mukti</em>) lässt sich von der Konsumgesellschaft nicht verführen, er ist durch Geld, Macht und Ruhm nicht zu bestechen – aber wer ist das schon? So führt das naive Verständnis des spirituellen Aufbruchs in die grenzenlose Freiheit ebenso wie die esoterische Devise des »Lerne loszulassen« zu einer Befreiung, die Menschen in gewachsenen Bindungen dem globalen Markt zur Verfügung stellt. Sie sind nun dazu verdammt teilzunehmen an einem grenzüberschreitenden Rattenrennen, das an einem Ende sehr wenige sehr reich werden lässt, am anderen aber die Mehrheit zu Verlierern macht, mit einem systembedingt immer schmächtiger werdenden Mittelstand.</p>
<h4>Markentreue</h4>
<p>Wem bin ich treu? Vielleicht passt es diesem Wirtschaftssystem auch recht gut, wenn wir das Thema Heimat vergessen und Treue vor allem als sexuelle Treue in der Zweierbeziehung verstanden wird, allenfalls noch als Treue eines Konsumenten zu seiner bevorzugten Marke. Viele Menschen sind heutzutage ihrer Auto-, Kleidungs– oder Computermarke treuer als ihrem jeweiligen Lebensabschnittsgefährten – an irgendwas muss man sich ja festhalten. Von Windows Vista zu Mac OS 10 zu wechseln ist um einiges aufwändiger als das Schlussmachen mit einem Lebensabschnittsgefährten – so viele der alten Programme passen da nicht mehr, vom Zugang zu den gesammelten Daten der letzten zehn Jahre auf meiner Festplatte mal ganz zu schweigen. Da bleib ich dann doch lieber in der Windowswelt – oder entsprechend bei Mac.</p>
<h4>Polarität</h4>
<p>Wie so oft, hilft es auch hier nicht weiter, sich auf die eine Seite dieser Polarität zu schlagen und zu versuchen, etwa nur flexibel sein zu wollen, aber nicht treu, oder nur treu und beständig, aber ohne Bereitschaft zur Veränderung. Der harte Kern der Flexibilitätsverfechter unserer Wirtschaftsordnung preist die Arbeitnehmer– und Produktflexibilität ohne Abstriche, hält aber dafür daran fest, dass Banken von Regierungen gerettet werden müssen, Firmen sich ihren Sitz in Steueroasen suchen dürfen, Finanztransaktionen unbesteuert bleiben, die Weltmeere ausgebeutet werden dürfen, und so weiter, an irgendwas muss man sich ja festhalten.</p>
<p>Andererseits halten sich diejenigen, die »progressiv« sind und einen schnellen Wandel des Systems wollen, oft an Denkweisen fest, die dann zu Ideologien erstarren. Je stürmischer die Veränderungen im Diesseits, umso fester der Glaube an meine historisch-kritische Dialektik oder an ein Jenseits – an Religionen und apokalyptische Szenarien. Freies, flexibles Denken über andere und über »das System« gedeiht am besten in Systemen sozialer, politischer Sicherheit. Es sei denn, dieses freie Denken ist auch ein Denken über sich selbst und das eigene Leben mit der impliziten Forderung, dann konsequent auch sich selbst verändern zu müssen, dann halten wir eisern fest. Vor allem in vier Bereichen: Ernährung, Beziehung, Religion und Geldordnung.</p>
<h4>Ernährung, Beziehung, Religion</h4>
<p>Enorm, wie sehr Menschen der Art der Ernährung ihrer Kindheit treu bleiben. So wie bei uns zuhause gekocht und gegessen wurde, so lieben wir es ein Leben lang. Oder hassen es ein Leben lang – auch die Anti-Bindung ist eine Bindung. So wie wir als Kinder und Jugendliche die übliche Beziehungsform erlebt haben, so halten wir es unser Leben lang für richtig (oder falsch). An den in der Kindheit geprägten Formen halten wir fest wie an einer Sucht (oder umgekehrt, an der Scheu vor einer Sucht; dann mit Gefahr zum Kippen). Selbst harsche medizinische Kontraindikationen können einen Menschen kaum vom Nudelessen, Fleischessen, hohem Zuckerkonsum oder Rauchen abbringen. Ebenso die Beziehungssüchtigen und Beziehungsphobiker, das sitzt tief. »Das ist bei uns eben so, das gehört sich so, so macht man das bei uns«. Nur selten sind wir diesen Überzeugungen und Verhaltensweisen willentlich treu, dennoch haften sie an uns und wir an ihnen.</p>
<p>Auch in den Bereichen der Religion und der Geldordnung geht diese Anhaftung tief und hat Suchtcharakter. Menschen, die nicht mehr in die Kirche gehen, nicht mehr an Gott glauben und im Finanziellen höchst geizig sind, bei der Kirchenzugehörigkeit setzt dies alles aus, da bleiben sie unbeweglich. Treu. Manchmal mit einem leichten Gefühl der Beschämung über diese Art der Treue. Vielleicht sind die Menschen außerhalb der Kirchen im Durchschnitt sogar religiöser als die innerhalb, aber die drinnen halten fest. Eisern. Es könnte ja was passieren, wenn ich nicht mehr dazu gehöre. Vielleicht gibt es wider alle Raison Gott und den Teufel doch? Wer weiß. Besser ich bleibe drin.</p>
<h4>Glaubensüberzeugungen</h4>
<p>Und auch das Festhalten am Geldsystem geht tief. Es hat irrationale, religionsähnliche Züge und ist dem Verhalten eines Süchtigen vergleichbar, der von seinem Stoff nicht los kommt. Wer in unserem System BWL oder VWL studiert hat, denkt den Rest seines Lebens wie der Zögling einer Kaderschmiede, so wie die einst in den Kaderschmieden der den kommunistischen Länder Geschulten. Abtrünnige werden bekämpft und verfemt, in den glücklicheren Fällen nur ignoriert. Man kann eben nicht raus aus seiner Haut. Oder wie Thomas Kuhn es von den Revolutionen in der Wissenschaft sagt: Die alten Weltbilder verschwinden erst, wenn ihre Vertreter aussterben. Wissenschaftler und Wirtschaftler sind eben auch nur Menschen, sie halten an den Glaubensüberzeugungen fest, mit denen sie groß geworden sind.</p>
<p>So konnte »das Wunder von Wörgl« sich nicht ausbreiten, und auch heute noch haben die freiwirtschaftlichen Modelle nach Silvio Gesell kaum eine Chance. Auch der Sozialismus, der siebzig Jahre lang weltweit so viel bewegte (auch unendlich viel Schreckliches), wird mit dem Ende von Nordkorea und Cuba tot sein. Es sei denn, aus dem jetzt herrschenden kapitalistischen System heraus wächst eine Generation heran, die das nicht mehr glaubt, was die Alten sagen. Die bereit ist zum Aufstand, zur Untreue. In diesem Falle hoffentlich ein Aufstand gegen den Kapitalismus, der auch dem alten sozialistischen Denken untreu ist.</p>
<h4>Fremdgehen</h4>
<p>Jetzt noch einmal zurück zur Zweierbeziehung, wo die Worte »Treue« und »Untreue« am häufigsten verwendet werden. Der Konflikt zwischen Festhalten und Loslassen, Beständigkeit und Flexibilität wühlt uns hier anscheinend noch mehr auf als im Politischen und in Bezug zur Warenwelt. Wenn mein Partner sich in eine andere verliebt beziehungsweise meine Freundin fremdgeht, tut mir das anscheinend noch mehr weh, als wenn sie oder er eine andere Partei wählt, aus der Kirche austritt, den Euro abschaffen will oder plötzlich anfängt, sich vegan zu ernähren. Warum das? Weil unsere Beziehungen noch tiefer gehende Beheimatungen sind als die Währung, die politische oder religiöse Partei und die Ernährungsweise. Und weil wir dort, als Tiere, die wir sind, Konkurrenz befürchten: Wird sie sich von einem anderen befruchten lassen? Wird er dann aufhören, mich beim Großziehen unserer Kinder zu unterstützen? Deshalb ist die Angst vor der Untreue in der Zweierbeziehung so groß (bei Männern signifikant prioritär vor ihrer emotionalen Untreue, bei Frauen vor ihrer sexuellen Untreue).</p>
<h4>Neue Modelle</h4>
<p>Würden wir uns diesen Ängsten stellen, könnten wir Lösungen finden. Aber wir stellen uns ihnen nicht. Doch, ein paar wenige Pioniere stellen sich ihr, ein paar mutige Avantgardisten, Vorreiter der Beziehungsmodelle von morgen, aber sie haben es schwer, weil die Mehrheiten anders denken, anders verängstigt sind und entsprechend anders ängstigen. Würden wir uns stellen, dann würden wir erfahren, dass Männer, die sich neu verlieben in eine andere Frau als die Mutter ihrer Kinder dennoch der Sorge um ihre Kinder treu bleiben und oft auch ihrer alten Liebe, auch der körperlichen. Die Mutter aber hat Angst, nun ungünstig verglichen zu werden: Was hat <em>sie</em> denn, das <em>ich </em>nicht habe? Und wehrt diese Angst ab und flüchtet sich ins Moralische: Das darfst du nicht, das tut man nicht. Worauf der Mann zu heucheln beginnt, sich zügelt, an Lebenslust und Elan verliert, oder heimlich fremdgeht, mit all dem Stress der Heimlichkeit, der Energien bindet, und damit die alte Beziehung belastet.</p>
<p>Ähnlich ist es auch für ihn, wenn sie sich verliebt und entweder dem nachgibt oder ihe Wünsche unterdrückt. Weil der Mann nicht den Mut hat, sich der Tatsache zu stellen, dass auch andere Männer für seine Frau, seine Geliebte, die Mutter seiner Kinder attraktiv sein könnten. In einigen Kulturen haben die Männer einst sogar die genitale Beschneidung der Frauen durchgesetzt, so groß war diese Angst, und müssen nun mit Frauen leben, die keine Lust am Sex haben. Der Kult um diese grausame Praxis ist so tief ins Unterbewusste gesunken, dass nun auch die Frauen (oft mehrheitlich) für ihre Fortsetzung eintreten, so sehr sind sie abgeschnitten von ihren wirklichen Bedürfnissen, ihren Wünschen, ihrer Lust.</p>
<h4>Der Beziehungsmarkt</h4>
<p>Nur für den Zweck einer Erkenntnis: Schauen wir uns diese Situation einmal marktwirtschaftlich an. Die exklusive Zweierbeziehung ist die Verabredung von zwei Menschen zur Abschottung von dem Markt, dem großen Markt der Möglichkeiten – es könnte ja noch einen anderen Menschen geben, der für meine Lust, meine Wünsche und Bedürfnisse ein besserer Garant auf Erfüllung ist. Versprich mir, dass du dich abschottest, dann schotte auch ich mich ab! Der Vorteil bei diesem Deal, wenn er denn glückt: Die beiden ersparen sich die Beschäftigung mit den Angeboten anderer, deren Beurteilung ja auch immer anstrengend und herausfordernd ist, und sie sparen sich den erneuten Aufwand der Anbahnung einer Beziehung, die ja oft erst mit der Zeit wirklich gut wird. Der Nachteil: Es könnte der Verzicht auf was Besseres sein. Jedenfalls stirbt bei diesem Deal in der Regel die Hoffnung, dass »noch alles möglich ist«, der Flirt mit dem Unbekannten, die Erotik des Gefühls sich als freier Mensch in einem Markt der unbegrenzten Möglichkeiten zu bewegen.</p>
<h4>Der Wert der Abschottung</h4>
<p>Ist es gut, einen Markt abzuschotten, um die einheimischen Industrien zu schützen? Wie wirkt es sich auf die Produktqualität aus, wenn ein regionaler Markt durch Zölle oder Gesetze künstlich vom Weltmarkt abgeschnitten ist? Haben wir dann Trabbis statt Mercedes und BMW? Wie geht es den Arbeitnehmern dabei? Wir brauchen doch keine Weltklasseautos, jedenfalls nicht unter diesen Opfern … und so weiter. Ich finde diesen Vergleich reizvoll, aber auch nur das. Menschen sind keine Autos, der Vergleich mit der Wirtschaft / dem Markt ist bloß ein Vergleich. Die Ruhe, in der sich eine verbindliche Beziehung unter stabilen Bedingungen entfalten kann, schätze ich sehr hoch ein. Dennoch: Auch Herausforderungen können einen stärken. Möglicherweise gilt das, was wir aus dieser Überlegung für unsere Beziehungen schließen, in mancher Hinsicht auch für die zu unseren Waren: Es hat was für sich, wenn die Beziehung zu einem Produkt sich in Ruhe entfalten kann. Dass die zweijährliche (vielleicht bald jährliche) Erneuerung des Handys jetzt im Rahmen einer monatlichen Flat angeboten wird, beunruhigt mich schon etwas. Nicht nur wegen der Ökobilanz, sondern auch, weil das Handy ein Gegenstand ist, den man täglich benutzt und dabei auch lieb gewinnt.</p>
<h4>Nachhaltigkeit</h4>
<p>Wäre ich ein Vermarkter, der mit der Zeit gehen möchte, so würde ich mein Beziehungskonzept jetzt das der »nachhaltigen Beziehung« nennen. Nicht gleich auf den Müll damit, wenn etwas mit dem Objekt meiner Begierde nicht stimmt, sondern sich etwas anschaffen, das lange hält – das eben nachhaltig ist. Und was ist mit dem Zweitauto, dem Zweithandy oder Zweitcomputer? Die meisten Menschen haben ja auch mehr als ein paar Schuhe. Es ist ja nicht jedes Schuhwerk für alle Wetter gut, und die alten, ausgelatschten … aber ich wollte doch nicht wieder beim Thema Beziehung landen. Nein, ich bleibe meinen alten Tretern treu. Sie sind eingelaufen, sie haben sich meinem Füßen angepasst und ich mich an sie, ich mag sie einfach. Erst wenn sie ganz auseinanderfallen, brauche ich neue. Schuster, die sie reparieren, die gibt es ja heute nicht mehr, das lohnt sich nicht, neue Schuhe sind viel zu billig.</p>
<h4>Treue ohne Abschottung</h4>
<p>Aber das möchte ich doch noch erwähnen: die Lösung, die die Vertreter der Polyamorie anbieten, die ist nämlich gar nicht so dumm. Sie versuchen die Offenheit mit der Verbindlichkeit zu vereinbaren. Verbindlichkeit insofern, als der Wert einer gewachsenen Beziehung bei ihnen sehr hoch angesetzt wird als etwas, das man nicht mal so eben schnell entsorgt, wenn die Möglichkeit von was Besserem einem zuwinkt. Dabei aber gehen sie mit der Abschottung anders um: Beziehung bedeutet für sie keine so strenge Abschottung. Wenn eine Frau oder ein Mann in einer festen Beziehung sich neu verliebt, gilt das nicht als pfui (wie im vorromantischen, stark moralisierenden Beziehungsmodell) und auch nicht als Ende der bestehenden Beziehung (wie im aktuellen Modell der seriellen Monopartnerschaften), sondern die alte Beziehung wird erhalten und der neuen eine Chance gegeben.</p>
<h4>Mitfreude</h4>
<p>Im Idealfall freut sich der feste Partner in einer polyamoren Beziehung, dass seine Liebste oder sein Liebster sich frisch verliebt hat und freut sich mit ihr oder mit ihm über dieses schöne Ereignis – Mitgefühl als Mitfreude, nicht nur als Mitleid. Ja, das gibt’s! Ist selten, kommt aber vor: bei stark Liebenden, die ohne Scheu und ohne Selbstwertverlust der Tatsache ins Auge schauen können, dass es für meinen Partner außer mir auch noch andere gibt auf dem Markt der Möglichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit ist ja hoch, dass diese frische Verliebtheit nur von kurzer Dauer ist, dass mein Partner auch in der Zeit den Kontakt zu mir wird halten wollen und dass nach der euphorischen Phase dieser neuen Verliebtheit ich wieder der wichtigste Mensch in seinem/ihrem Leben bin. Oder dass mein Partner auf diese Weise einen Menschen findet, der etwas hat, was ich nicht bieten konnte, und dass sich so etwas ergänzt, was auch mir zugute kommt: Mein Partner ist nun glücklicher und versucht nicht dauernd etwas von mir zu bekommen, was ich nicht habe oder nicht bieten will.</p>
<h4>Polyamorie</h4>
<p>Ich halte dies für einen sehr intelligenten Umgang mit unserem Bedürfnis nach Beständigkeit und Abwechslung, Sicherheit und Abenteuer, Bewahren und Erneuern.  Denn wir alle haben diese beiden Seiten in uns, auch wenn viele von uns nur eine dieser beiden Seiten expressiv ausleben, die andere vernachlässigen, verstecken oder verdrängen sie. Ich weiß aber auch, wie sehr diejenigen, die den Mut haben, diese Art von Beziehung zu leben, damit anecken. »Polyamorie ist sicherlich die beste Art der Beziehung, aber sie verlangt viel von einem – und der Widerstand der Umgebung war schließlich so stark, dass ich es aufgegeben habe«. Aufgegeben so zu leben oder ohne Heimlichkeit so zu leben, beides höre ich des öfteren. Und auch das: »In zehn oder zwanzig Jahren wird das anders sein. Unsere Kinder werden es leichter haben.«</p>
<p>Einer starken Liebe zu folgen war in der Zeit bis zur Romantik und auch noch danach ein Wagnis, in vielen Fällen ein Skandal. An starken Widerständen der Umgebung scheiteren die beiden Verliebten, so wie Romeo und Julia in Shakespeares Drama. Gegenwärtig wird Indien vom Ideal der romantischen Liebesbeziehung erfasst, in der Oberschicht und im städtischen Mittelstand schon länger, per Bollywood allmählich auch im ganzen Land. Nicht mehr die Eltern sollen den Lebenspartner für dich bestimmen, sondern du selbst: Folge deinem Herzen!</p>
<p>Auch das Modell der Aneinanderreihung von Beziehungen, das die Celebrities der westlichen Welt uns vorgelebt haben und noch vorleben (sie haben auf dem Markt der Möglichkeiten den höchsten Wert, entsprechend schnell wird gewechselt), wird irgendwann durch ein anderes abgelöst – durch eine andere Art, mit Treue umzugehen. Was bleiben wird ist die Sehnsucht nach Beständigkeit, Kontinuität, Verlässlichkeit, Sicherheit, Treue. Aber auch die nach Abenteuer.</p>
<h4>Die ›polyspirituelle Treue‹</h4>
<p>Wer spirituell unterwegs ist, hat noch auf einem anderen Terrain das Bedürfnis, die Balance zwischen Standbein und Spielbein auszutarieren. Hier geht es um die Treue zur ausgeübten spirituellen Praxis, manchmal auch die zu einem spirituellen Lehrer und zu einer spirituellen Gemeinschaft. Auch hier wieder würde ein moderner Vermarkter nun  »Nachhaltigkeit auf dem spirituellen Weg« fordern. Also kein Guru Hopping und kein Method Hopping, sondern schön dabei bleiben, treu und diszipliniert. Was aber, wenn doch Qi Gong besser wäre für mich als Yoga, obwohl ich schon seit fünf Jahren Yoga übe? Wo mir doch jetzt der Rücken so wehtut! Zeit für einen Wechsel der Methode? Oder soll ich mich lieber abschotten von solchen Angeboten, um leichter meinem Guru und meiner Methode treu bleiben zu können? Oder ist vielleicht auch hier der polyamore (vielliebende) Ansatz der intelligenteste – das Alte nicht aufgeben, während man das Neue zulässt? Die verschiedenen Charaktere werden auch mit dieser Situation sehr unterschiedlich umgehen. Also erst ein Charaktertest? Und neben dem Heilpraktiker für Psychotherapie auch noch den für Treueberatung abschließen?</p>
<p>Vielleicht können wir wenigstens das so stehen lassen: Das Leben braucht Erneuerung und Beständigkeit, beides. Kinder brauchen die Treue und Verlässlichkeit ihrer Eltern, aber auch viel, viel Abwechslung. Uns großen Kindern geht es da nicht viel anders. Wir wollen die Welt erforschen, Abenteuer erleben, aber das, was gut ist, das soll so bleiben wie es ist.</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Connection, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-1111.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 11/11</a>.</p>
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		<title>Auf der Suche nach dem Ewigen</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 11:31:02 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Je mehr sich in der Außenwelt bewegt, umso wichtiger wird innere Stärke. Und auch das: Treue. Aber was ist Treue? Wem oder was dürfen, wem müssen wir da treu sein? Mit dem platten Verbot eines ehelichen oder sonstwelchen Seitensprungs ist die Tiefe unseres Bedürfnisses nach Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit – nach einer Geborgenheit im Strom der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3879" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4d8301842fc0a_s.jpg" rel="lightbox[3877]"><img class="size-medium wp-image-3879 " title="Auf der Suche nach dem Ewigen" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4d8301842fc0a_s-300x300.jpg" alt="" width="200" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / zu © Lucian Binder</p></div>
<p>Je mehr sich in der Außenwelt bewegt, umso wichtiger wird innere Stärke. Und auch das: Treue.</p>
<p>Aber was ist Treue? Wem oder was dürfen, wem müssen wir da treu sein? Mit dem platten Verbot eines ehelichen oder sonstwelchen Seitensprungs ist die Tiefe unseres Bedürfnisses nach Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit – nach einer Geborgenheit im Strom der Ereignisse – ja noch nicht gestillt. Zeit für eine Neubestimmung.</p>
<h4>»Alles fließt«</h4>
<p>Eine Freundin von mir erzählte, wie sie schon als Kind bei dem Wort »Ewigkeit« ein heiliger Schauer überlief. Weil alles vergeht. Wirklich alles? Das können wir nicht akzeptieren. An irgendetwas muss sich der Mensch doch halten können! Deshalb suchen wir nach dem Ewigen, dem Zeitlosen und wenden uns der Philosophie zu, den Religionen, dem Religiösen und der Spiritualität. »Alles fließt« (<em>pantha rei</em>), das war das Fazit des weisen Heraklit. »Alles ändert sich« (<em>anicca</em>), so nannte es Buddha. Hat unsere Suche nach dem Ewigen angesichts solch gewichtiger Aussagen der Weisen überhaupt eine Chance mehr als nur tröstend zu sein?</p>
<h4>Bindungen – im Fluss</h4>
<p>Wir Menschen brauchen Bindungen. Sie können Gewächshäuser sein, Inseln im Strom der Zeit, Schutzräume vor dem Zuviel auf dem Markt der Möglichkeiten. Für Kinder sind sie unentbehrlich, für Erwachsene fast ebenso und sogar auch für Suchende nach Ungebundenheit sind Bindungen unendlich wertvoll. Wem oder was wir dabei treu sein wollen, sollen und überhaupt können, diese Frage lässt sich nicht in einem Gelübde versiegeln. Nicht bloß weil Gelübde brüchig sind, sondern auch deshalb, weil eine solche Fixierung der Form unserer Suche nach dem Ewigen vom Standpunkt des Absoluten aus widernatürlich ist. Deshalb sollten wir unsere weltlichen Versprechen halten so gut es geht und so lange es sinnvoll ist, sie aber immer wieder überprüfen vor dem, was noch viel größer ist.</p>
<h4>Treue versus Flexibilität</h4>
<p>Und das Große spielt wieder hinein ins Kleine: die Loyalität zu Freunden; die Disziplin, mit der eine Diät oder eine spirituelle Praxis durchgezogen wird; die Standfestigkeit, mit der wir bei einer einmal getroffenen Entscheidung bleiben. Alles das hat mit Treue zu tun. Und mit unserer Fähigkeit, den Wert ihres Gegenteils richtig einzuschätzen: Flexibilität. Wann soll ich standfest sein, wann flexibel? Im Alltag, und auch in der Politik: Konservative können nicht immer nur bewahren, sonst versteift alles; Progressive können nicht mit allem »fortschreiten«, sonst werden sie ihren Prinzipien untreu. Zu welchem weltanschaulichen Lager du dich auch gerade zählst: Für die einzelnen Entscheidungen braucht es Weisheit.</p>
<h4>Das vermeintlich Andere</h4>
<p>Die Lemniskate, die liegende Acht, die wir hier auf dem Titel abgebildet haben, symbolisiert das Schwingen zwischen den Polaritäten. Treue und Flexibilität ist ein solches Paar polar einander gegenüber stehender Gegensätze. Ebenso Stille und Bewegung. Bindung und Ungebundenheit. Wenn wir nur den einen Pol dieser Gegensätze für wahr, tief oder überhaupt beachtenswert halten, schwingen wir dort hinüber, und jemand anders (und meist parallel dazu unser Unbewusstes) stellt den Gegenpart dar. Oder wir selbst schwingen irgendwann von hier nach dort hinüber: von der Festigkeit zur Flexibilität, von der Bewegung wieder zum Stillstand, von der Treue zum Abenteuer, von der Erregung zur Entspannung, und so weiter. Ein tieferes Ruhen in uns selbst erreichen wir nur, wenn wir dieses Schwingen akzeptieren – oder, dass wir beides in uns haben.</p>
<p>Dann staunen wir auch nicht mehr so, wenn sich um uns Fronten bilden, von Menschen oder Konstellationen, die »ganz anders sind«. Sie sind nicht ganz anders. Sie bilden nur etwas ab, was wir in uns noch nicht erkannt haben. Sobald wir das vermeintlich Andere erkannt haben, schwingt es auch in uns.</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmals als Editorial des Magazins Connection, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/editorial-11-11.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 11/11</a></p>
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		<title>Ein Nest bauen in der offenen Weite</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 08:24:37 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Aufbruch und Heimkehr auf dem spirituellen Weg Heimat ist, womit wir identifiziert sind und uns wohlfühlen. So ist unsere Lebensreise eine Geschichte von Aufbruch und Heimkehr, und auch die spirituellen Beheimatungen darin sind bindende und eventuell zu überwindende  »Vielleicht sollte man sich doch ein wenig ernster nehmen und in dem wackeligen Weltgebäude, als ob alles [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Aufbruch und Heimkehr auf dem spirituellen Weg</h2>
<p>Heimat ist, womit wir identifiziert sind und uns wohlfühlen. So ist unsere Lebensreise eine Geschichte von Aufbruch und Heimkehr, und auch die spirituellen Beheimatungen darin sind bindende und eventuell zu überwindende</p>
<blockquote><p> »Vielleicht sollte man sich doch ein wenig ernster nehmen und in dem wackeligen Weltgebäude, als ob alles in Ordnung sei, eine lauschige Dreizimmerwohnung einrichten« - Erich Kästner</p></blockquote>
<div id="attachment_3420" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4cfe9b34445d1_s1.jpg" rel="lightbox[3416]"><img class="size-medium wp-image-3420 " title="Heimkehr, unbehaust und frei" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4cfe9b34445d1_s1-300x201.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Morgenstund.. © Stefan Zimmer</p></div>
<p>Heimat ist nicht nur ein geografischer Begriff. Und ebenso wie Liebeskitsch nicht beweist, dass es Liebe nur in der Welt der Fantasie gibt, so besagt die Existenz von Heimatkitsch nicht, dass unsere Suche nach Heimat die Suche von Unreifen, Sehnsüchtigen wäre. Für jeden Menschen gibt es Heimat und das Gefühl zuhause zu sein, geborgen, da wo er ist. Wenn wir das nicht haben, suchen wir danach. Wir sind bereit, dafür sogar Besitz, Familie und gesellschaftliche Anerkennung herzugeben, nur, um Heimat zu finden. Manchmal allerdings scheint es uns so, als hätten wir zu viel davon, dann brechen wir auf aus der Enge einer zu sehr behüteten Heimat und ziehen in die Fremde. So bestimmt das Verhältnis zu den Heimaten, in denen wir leben, nach denen wir uns sehnen oder aus denen wir aufbrechen wollen, unser Leben in hohem Maße. Man könnte das eigene Leben geradezu im Hinblick auf die Heimatbezüge beschreiben, unsere Heldenreisen als Heimatflüchtlinge, Vertriebene und Heimkehrer, wir würden dabei sehr viel entdecken.</p>
<h4>Pabbajja</h4>
<p>Ich selbst bin immer wieder aufgebrochen aus Heimaten, die mir zu eng waren, und immer wieder trieben mich Sehnsüchte nach neuen Heimaten, mich dort einzurichten. Aufbrechen und sich niederlassen, die Spannung zwischen diesen beiden Polen kennzeichnet mein Leben seit meine eigene Entscheidungen darin eine große Rolle spielen. Als ich nach Jahren des Reisens fern meiner geografischen Heimat im Alter von 23 Jahren in Thailand mich – <em>schließlich</em>, so empfand ich es – in den buddhistischen Weg initiieren ließ, nannten meine Initiatoren diese Zeremonie »<em>Pabbajja</em> – Hinausgehen in die Heimatlosigkeit«. Das ist also <em>die spirituelle Initiation</em>, dachte ich. Dieses Hinausgehen in die offene Weite, in die Heimatlosigkeit. Dort leben, unbehaust sein, unabhängig, frei!</p>
<h4>Polarität</h4>
<p>Erst viel später wurde mir klar, dass diese Unbehaustheit einen Gegenpol hat, der auf uns – auch auf uns spirituelle Initianten – einen ebenso starken Sog ausübt: die Behausung. Jede Ungebundenheit hat einen Gegenpol: die Bindung. Auch das Leben als moderner Weltbürger, Berufs– und Beziehungsnomade, hat Gegenpole: das können geografischen Heimaten sein, Sprachen, sogar Dialekte und Jargons, noch häufiger sind es Beziehungen, freundschaftliche Bindungen – an Menschen. Auch anderes, vor allem aber an Menschen. Wie sehr Beziehungen als Heimat unsere Aufmerksamkeit und Würdigung brauchen, hat der amerikanische Psychotherapeut John Welwood im Interview mit der buddhistischen Zeitschrift Tricycle sehr überzeugend dargelegt (Connection spirit Nov. 11). Vor allem für die Fans der Leere und offenen Weite ist das ein großes Thema.</p>
<p>Heimat ist das Gefühl geborgen zu sein in einer Umgebung, einem Umfeld. Für den nach innen blickenden Menschen ist Heimat mehr die Summe der gewachsenen oder gewählten Identitäten, seine Beziehungen, in denen er sich wohlfühlt oder auch nicht (mehr) wohl fühlt. Das Hinausgehen in die offene Weite hat immer ein Heimkommen zur Folge, wir sind ja nie ohne Umfeld und auch nicht ohne zugewiesene oder gewählte Identität. Draußen, in der Obdachlosigkeit, im Niemandsland der Nichtidentifikation, kann man nicht verweilen. Die es versuchen, die schaffen sich virtuelle Identitäten, also doch wieder Heimaten, oft geschieht das unbewusst. Wenn sie sich dieser neuen Identitäten jedoch bewusst sind, gehören sie zu der seltenen Spezies derer, die wirklich <em>drüben angekommen</em> sind – jenseits des uralten Konfliktes zwischen den Diesseitigen, Weltlichen und den Jenseitigen, Religiösen. Als weit gereiste und gereifte »Erwachsene« wissen sie dann mehr als die nie Aufgebrochenen, nie Entkommenen: Sie wissen um die Relativität ihrer Beheimatung.</p>
<h4>Der Urschock</h4>
<p>Zu Beginn unseres Lebens ist Heimat für uns etwas sehr Körperliches: Wir kommen aus dem Bauch unserer Mutter. Dort in der Wärme, im Wasser, in der Dunkelheit ist unsere erste Heimat. Diese Urheimat gibt, wie alle ersten Erfahrungen, das Urbild ab, mit dem sich alle weiteren Heimaten vergleichen lassen müssen. Auch später noch vermittelt körperwarmes Wasser uns ein Gefühl von Geborgenheit: In der Badewanne reinigen wir uns nicht nur, vor allem ruhen wir dort aus und kehren nach unseren diversen Ausflügen in die kalte, fordernde Welt zurück zu uns selbst. Das ist auch das Geheimnis der Warmwasssertherapien: Dort, im körperwarmen Wasser sind wir wieder in der Umgebung unserer ersten Heimat, in der maximalen Geborgenheit, die ein Mensch erfahren kann.</p>
<p>Allerdings hat nicht nur das Wohlgefühl, das wir dort einst erlebten, sondern auch der Aufbruch aus dieser Urheimat seine Spuren in uns hinterlassen: Es war eng, die Wehen der Mutter drückten uns raus. Ob wir wollten oder nicht, um raus zu kommen, mussten wir da durch. Das tat weh, und vielleicht überfiel uns dort auch schon unsere erste Todesangst. Draußen war da plötzlich Kälte, Luft (statt dem gewohnten Wasser) und der Zwang zum Atmen (die Lunge tat weh), und die Umgebung hielt uns nicht mehr umfangen, so wie vorher der Mutterbauch. Viele Therapien (Primär, holotropes Atmen, Rebirthing) befassen sich mit der Heilung dieses Urschocks unserer Biografie, diesem Hinauswurf aus unserer ersten Heimat.</p>
<h4>Sex</h4>
<p>Als Kinder vergessen wir, dass wir da mal drin waren. Trotzdem bedeuten Umarmungen und Körperkontakt für uns Kinder und Erwachsene immer noch Heimat, und auch das, was wir bei der Mama zu essen bekamen, bleibt ein Leben lang Inbegriff für Heimat, sogar der Tonfall und Dialekt, den wir damals hörten. Noch tiefer zurück in die Urheimat weisen erst die Sehnsüchte, die mit der Pubertät aufkommen: Die werdenden Männer wollen dann mit ihrem empfindlichsten Körperteil dort hin, wo sie als ganzer Mensch einst herkamen, und die Mädchen wollen mit dem Körperteil, durch den sie einst ihre eigene Urheimat verlassen mussten, einem anderen Menschen Heimat bieten.</p>
<p>Heimatvertriebene sind wir als Geborene allemal. Aber wir wollen diesen Ausbruch in die Heimatlosigkeit ja auch, nicht erst als buddhistische Initianten, sondern schon angefangen vom Strampeln im Mutterbauch über das Ziehen am Gängelband der Eltern, bis hin zur Diskussion der 15jährigen, bis wie lange sie abends in der Disco bleiben darf.</p>
<h4>Die Utopie des totalen Ausbruchs</h4>
<p>Als ich 22 Jahre alt war, wollte ich den totalen Ausbruch aus allen Heimaten und Gehäusen, ich empfand sie alle als einengend: Deutschland, meine Muttersprache, meine soziale Herkunft (das Bildungsbürgertum), das christliche Abendland, sogar vom postchristlichen, postkolonialen Europa hatte ich randvoll genug. Ich wollte weg, weg, weg, so weit wie möglich. Wollte im Dschungel von Borneo verschwinden und kehrte nur zaghaft von dort zurück. Wollte dann in der Lehre des Buddha verschwinden und kehrte auch von dort zurück. Kehrte immer wieder zurück, denn es waren alles nur weitere Gehäuse. Neue, andere, und doch immer noch Gehäuse, ich aber wollte unter dem freien Himmel schlafen.</p>
<p>Geht ein Leben ohne Gehäuse, ein Verweilen in der Heimatlosigkeit? Heute meine ich, dass eine Verankerung in der offenen Weite, der Leere, dem Ganzen, dem Gottbezug, der Religiosität (das sind für mich alles Synomyme) möglich ist und allem Weltlichen gut tut. Wir können dort aber nicht unsere Zelte aufschlagen, wir können dort nicht verweilen. Die Gehäuse, die wir uns dort bauen, sind künstlich. Die Niederlassungen, die wir uns in der Anderswelt, drüben in Transistan, im »Reich Gottes« zu errichten suchen, sind wie die Immobilien, die die Avatare in Second Life sich errichten, es sind Fiktionen.</p>
<h4>Das böse Ego</h4>
<p>Das Problem der Spiris mit ihrem Ego, auf das sie so gerne einprügeln oder sich moralisch darüber erheben (in sich selbst und in anderen), ist auch eines der Heimatlosigkeit. Wir können das Ego in seiner Künstlichkeit und Substanzlosigkeit durchschauen, aber wir können es so wenig vernichten wie unseren Schatten. Wir können nicht ohne persönliche Identität leben und sollten das auch nicht versuchen. Wir brauchen die persönliche Identität so sehr wie wir eine Heimat brauchen und in irgendeiner Hinsicht immer eine haben, denn unsere Gewohnheiten und alle anderen Spezifika, die wir haben oder gerne hätten (auch unsere Sehnsüchte gehören zu uns), das ist unsere Heimat. In der Verbannung oder im Exil fühlen wir uns immer dann, wenn die Identität, die uns zugewiesen wird, nicht die ist, mit der wir uns wohl fühlen. Ödon von Horvaths »Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu« ist die Klage eines Heimatvertriebenen, der so gerne ein anderer wäre, ein Authentischer, ein Beheimateter – einer, der sich so zeigt, wie er ist, und so wie er ist, so will er sein.</p>
<h4>Migration</h4>
<p>Dieses zentrale Problem der Spiris und überhaupt aller Religiösen und Himmelsstreber ist übrigens auch ein zentrales Problem der heutigen globalen Politik. Migranten gibt es vor allem deshalb, weil es reiche und arme Länder gibt und die Bewohner der armen in die reichen Länder streben und dort befremdet werden, sich dort beheimaten oder dort ihre Wurzelheimat, die Region und Kultur, aus der sie stammen, vermissen. Das Werden eines Menschen ist immer auch die Geschichte seiner Heimatfluchten, oder –vertreibungen und seiner neuen Beheimatungen. Dieser Wandel in dem, womit wir uns identifzieren und worin wir uns geborgen fühlen, ist ein wichtiger Teil unserer Heldenreise. Insofern hat jeder von uns »Migrationshintergrund« – hoffentlich. Wir sind Wandernde auf einer Reise, mit sich wandelnden Identitäten, vor dem Hintergrund wechselnder Umgebungen, die immer auch selbst in Bewegung sind.</p>
<h4>»Bist du« Bayern?</h4>
<p>Dabei ist die Identifizierung (oder die Verweigerung einer solchen) manchmal lächerlich einfach und aus der Distanz betrachtet urkomisch. Ich bin als Sechsjähriger mit meinen Eltern von Schwaben nach Bayern eingewandert, nach München. Dort wurde ich von den Jungs (den »Buam«) auf der Straße gefragt: »Bist du Bayern oder 60er«. Sie meinten: Bist du Anhänger des Fußballclub FC Bayern oder Anhänger von 1860 München? »Bin ich« das? Ich wollte mich keiner dieser beiden Parteien zuordnen lassen, wodurch ich für die Fans zu einem Niemand wurde. Sie »waren« Bayern oder 60er, ich war niemand. Ganz sicher hätte es meine Beheimatung in Bayern erleichtert, wenn »zum 60er« oder »zum Bayern« geworden wäre. Wen wundert’s, dass der frühe Identitätsverweigerer dann als Erwachsener auf die Suche nach sich selbst gehen musste, er wollte ja nicht einmal der Fangemeinde eines Fußballclubs angehören!</p>
<h4>Er oder ich</h4>
<p>Und auch das ist merkwürdig: Dass ein Mann auf die Frage, wo er sein Auto geparkt hat, sagt: »Ich stehe dort gleich ums Eck«. Wenn ihm aber die Erektion versagt, dann steht »er« nicht. Offensichtlich identifiziert sich ein Mann mehr mit seinem Auto als mit seinem Geschlechtsteil. Kann das Folgen haben für sein Sexualleben? Mir naheliegender ist es, wenn die in Frankreich geborene Künstlerin Niki St. Phalle für eine Kunstausstellung (ich glaube, es war die Dokumenta in Kassel) einen riesigen weiblichen Körper gestaltet, in den die Besucher durch das Tor der Vulva in ihre alte Heimat zurückkehren konnten, Männer wie Frauen.</p>
<p>Sex haben heißt für mich nicht, dass ich »ihn« dir reinstecke, sondern dass »ich« zu dir reinkomme, in den intimsten Teil deines Körpers, der eben auch Symbol ist für meine alte Heimat. Ist das ein spiritueller Vorgang? Eine Re-ligio (Rückverbindung)? Das indische Wort »Ashram« heißt immerhin übersetzt »Herberge«. Wer die körperliche Beherbergung in einer Frau nicht schätzt – es ist ja immer nur für kurz, leider – sucht die Herberge vielleicht in einem Ashram. Zuhause, geborgen, beheimat sein aber wollen wir alle.</p>
<h4>Geborgenheit</h4>
<p>Der moderne Single schätzt die Freiheit. Was er in all seiner Freiheit aber oft vermisst, ist die Geborgenheit in Bindungen, Beziehungen, in Gehäusen, die ihn beheimaten. Welche davon aber sind keine Gefängnisse? Da bleibt wohl nur die Beheimatung im Ganzen, in der er sich (mit Bonhoeffers Worten) »Von guten Mächten wunderbar geborgen« fühlt und dann »getrost erwarten kann, was kommen mag«. Das ist die mystische Geborgenheit, die Beheimatung im Universum als Ganzes.</p>
<p>Die Weltbürger, die sich bei Mutter Erde (<em>pachamama</em>) beheimatet fühlen, sind schon sehr nah dran an dieser Ganzheit. Für sie mag sich das Universum noch kalt und lebensfeindlich anfühlen gegenüber der kuscheligen Erde, die uns als genau für uns gemacht erscheint (– obwohl es doch umgekehrt ist: Wir sind auf ihr die geworden, die wir heute sind). Immerhin sind in diesem Bild des Erdenbürgers die nationalen, ethnischen und rassischen Grenzen aufgehoben und die zwischen reich und arm, die uns Menschen üblicherweise so sehr trennen und unsere diversen Heimaten als einander fremde gegenüberstellen. Sogar die Pflanzen und Tiere gehören in diesem Bild der Erdheimat mit dazu – die »Natur« – wir wollen sie schützen, sie sind ein Teil von unserer Heimat.</p>
<h4>Mystik</h4>
<p>Damit die aus Sicht des Universums als kleinlich erscheinenden Konflikte zwischen den Insassen des Raumschiffs Erde lösbar sind, haben sich weitsichtige Politiker schon des öfteren einen eventuell fiktiv zu erzeugenden »Angriff aus dem All« vorgestellt. Denn Einheit entsteht in einem Kollektiv am leichtesten immer dann, wenn es angegriffen wird. Die Geborgenheit des Mystikers im Weltganzen ist allerdings eine noch größere. Sie braucht keinen Angriff, um sich beheimatet und als ungeteilt zu empfinden.</p>
<p>Der Meditierende (Mystik praktizierende) fühlt sich umhüllt von seiner Umgebung wie die Frucht in ihrer Schale, das Kind im Mutterleib, der Lingam in der Yoni – er ist drin, zuhause, ganz bei sich. Das ist die maximale Beheimatung, die uns Menschen möglich ist. Die Verschmelzung der Gegensätze, die Einheit, aus der jedoch jederzeit wieder neue Teilungen entstehen können. Die Einheit gebiert ständig neue Teilungen, neue Heimaten, die einander wieder als mehr oder weniger fremd, mehr oder weniger willkommend oder gastfreundlich gegenübertreten. Diese Heimaten sind Gehäuse, die ihre Bewohner wieder als sich separat wähnende Wesen durch die Welt tragen können.</p>
<h4>Heimat ist relativ</h4>
<p>Falls sie sich an ihre Herkunft erinnern, wissen die Bewohner dieser Gehäuse jedoch: Wir sind aus der Einheit entstanden, wir kehren unvermeidlich wieder dorthin zurück – »Sterben« nennt man diesen Vorgang. Wir – als Helden weit gereiste – Bewohner dieser Gehäuse wissen, dass unsere Heimat eine erschaffene ist, eine historisch bedingte, künstliche, relative, von so Vielem abhängige. Würden doch alle Bewohner der Nationen, alle vermeintlich einem Volk, einer Religion, Ethnie oder Kultur Zugehörigen wissen, dass diese Heimaten erschaffene sind, historisch bedingte! Wüssten sie, dass ihr Gefühl der Zugehörigkeit ein bedingtes ist, das sich jederzeit ändern kann, dann gäbe es keine Kriege mehr, und die politischen Konflikte wären friedlich lösbar.</p>
<h4>Grenzlandbewohner</h4>
<p>Interessant finde ich in der Hinsicht die Zugehörigkeitsgefühle der Bewohner von Grenzregionen. Manchmal verhärtet sich ihre Identität (die heutigen jüdischen Siedler im Westjordanland; die amerikanischen Siedler von einst auf dem Weg nach Westen, die ein Gefühl der Verwandtschaft mit den Indianern vermissen ließen). Manchmal weicht sie auf (die Oberschlesier damals im Grenzland zu Polen; viele zweisprachige Südtiroler). Genau betrachtet sind wir alle Grenzlandbewohner: Unsere sexuelle Identität, unsere sprachliche und religiöse, je genauer wir dort hinschauen, umso diffuser werden die Grenzen dieser Heimaten. Bin ich »ein richtiger Mann«, »ein guter Deutscher«? Bin ich ein echter, oder nur ein Plastik-Schamane? Der Blödelspruch »Überall sind wir Ausländer – bis auf ein Land« bringt es auf den Punkt: Überall sind wir Fremde, außer da, wo wir uns gerade beheimatet fühlen. Heimat ist relativ.</p>
<h4>Verbannung</h4>
<p>Und das Thema ist nicht neu: »Verbannung« wurde in den Kulturen der Antike als eine der härtesten Strafen empfunden. Die von Athen oder Rom in die Provinz verbannten Dichter litten dort sehr an Heimweh (unter ihnen war auch Ovid, der Dichter der <em>ars amatoria</em>). Allerdings wird heute, in Zeiten der Tendenz zum Weltbürgertum, das Exil meist nicht mehr als so hart empfunden. Zumal ein Exil mit Internetanschluss kaum mehr als richtiges Exil bezeichnet werden kann, denn über das Internet kann jeder mit seiner Heimatkultur und Freunden Kontakt halten. Eine »Diaspora« von Exilanten gibt heute fast nur noch in Bezug auf Länder mit einem stark zensierenden oder totalitären Regime (wie etwa Iran oder Nordkorea).</p>
<h4>Wahlverwandschaften</h4>
<p>Auch Goethe kannte das Thema der Suche nach Heimat, er hat es unter anderem in dem von ihm popularisierten Begriff der »Wahlverwandtschaften« aufgefangen (sein Roman, der diesen Titel trägt, führt das Thema allerdings in der hier besprochenen Weise nicht aus). Unsere Verwandten, das ist zunächst die Herkunftsfamilie, unsere Urheimat. Diese Art der Verwandten können wir nicht selbst bestimmen. Dann aber als Erwachsene, können wir uns ein Umfeld von »Wahlverwandten« erschaffen, die uns – hoffentlich – eine wunschgemäßere Heimat sind. Das sind die Menschen, die wir uns auswählen, um mit ihnen zusammen zu sein. Sprache und Landschaft können Heimat sein, auch ein Beruf oder eine Branche, in der man tätig ist, ein Hobby, eine Sportart, ein Interessengebiet, am meisten aber sind Menschen für uns Heimat: unsere Beziehungen und Freundschaften und die Szenen, in denen wir leben (Facebook gibt an, dass die User dort im Durchschnitt 130 Freunde haben – ist also überschaubar, diese Heimat).</p>
<h4>Achtsamkeit</h4>
<p>Der Schlüssel zum Ausstieg aus diesseitigen wie jenseitigen Gefangenschaften, aus dem »sprituellen Materialismus« (Tschögyam Trungpa) ebenso wie dem profanen Pendeln zwischen Angst und Gier, ist Achtsamkeit. Achtsam uns selbst beobachtend erkennen wir, dass Aufmerksamkeit lenkbar ist. Sie kann nach außen und nach innen gelenkt werden. Nach innen gelenkt entdeckt sie, womit wir uns identifizieren, woran wir hängen. Und sie ist selbst ein Mittel der Identifizierung, der Bildung von Anhänglichkeit, von Heimat: Wohin wir unsere Aufmerksamkeit wiederholt lenken, dort bildet sich ein Heimatgefühl, eine Lust zu verweilen und schließlich Identität. Die Energie ist, wo die Aufmerksamkeit ist, sagt die hawaiianische Huna-Lehre. Dort, wo unsere Aufmerksamkeit hingeht, nisten wir uns ein, und wo unser Nest ist, dort ist unsere Heimat.</p>
<p>Auch für uns spirituelle Aussteiger aus allen Identitäten gilt: Wir dürfen ein Nest haben, wir dürfen beheimatet sein. Wir sollten uns allerdings dessen gewahr sein, dass jede Heimat relativ ist. Auch unser gewähltes Nest müssen wir irgendwann wieder verlassen. Und es muss ja auch nicht ein Fußballclub sein, wohin ich mich kuschle, es gibt noch andere Gruppen in der Welt, denen ich mich anschließen und zugehörig fühlen kann. Bei der Wahl einer solchen darf auch die Ethik eine Rolle spielen: Lasst uns beheimat sein in Nestern für eine bessere Welt!</p>
<p><em>Erschien erstmals als Editorial in der Oktober Ausgabe des Magazin <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-1011.html" target="_blank" rel="external nofollow">Connection</a>.</em></p>
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		<title>Auf zwei Beinen stehen</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 07:43:57 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die schrecklichsten Taten begehen Menschen, um ihre vermeintliche Heimat zu verteidigen oder andere Menschen abzuwehren, die sie für Fremde halten. Dabei sind beides Täuschungen: Was meine Heimat ist, täuscht, und auch, was mir oder uns fremd ist. Heimat ist eine sowohl historisch wie biografisch bedingte Identifikation, die sich im Lauf des Lebens ändert, und das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3411" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4dca3e98e1f52_s.png" rel="lightbox[3408]"><img class="size-medium wp-image-3411 " title="Heimat" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4dca3e98e1f52_s-300x169.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Heimat © Michael Kemper</p></div>
<p>Die schrecklichsten Taten begehen Menschen, um ihre vermeintliche Heimat zu verteidigen oder andere Menschen abzuwehren, die sie für Fremde halten. Dabei sind beides Täuschungen: Was meine Heimat ist, täuscht, und auch, was mir oder uns fremd ist. Heimat ist eine sowohl historisch wie biografisch bedingte Identifikation, die sich im Lauf des Lebens ändert, und das vermeintlich Fremde ist das Gegenstück dazu. Das große Glück »bei sich zuhause« zu sein ebenso wie das Ende der Angst vor dem Fremden (und damit der meisten Konflikte, die uns beschäftigen) findet man nur, wenn man die eigenen Identifikationen erforscht.</p>
<h4>Heimatschutz</h4>
<p>Mit solchen Forschungen kann man auch anecken. Als ich einmal mit meiner Mutter über den zweiten Weltkrieg sprach, und sie sagte »Wir haben ja in Stalingrad verloren« (Sie war damals 19), antwortete ich: »Wir? Wen meinst du damit? Das waren doch nicht ›wir‹!« Sie fühlte sich erwischt und nannte zu ihrer Verteidigung, dass »Wir alle« damals doch so dachten.</p>
<p>Dieses Wir-Gefühl ist die Voraussetzung dafür, dass sich Soldaten verheizen lassen. Identifikation lässt sich nicht vermeiden, aber es kommt entscheidend darauf an, <em>womit </em>man sich identifiziert. Das Ende des zweiten Weltkriegs hat leider nicht die Idiotie der besinnungslosen nationalen Identifikationen beendet. Zum Beispiel haben die USA nach 9/11 ein »office for home security« (Heimatschutz) geschaffen und durch ihre vermeintlich schützende Reaktion das geschehene Leid vervielfacht. Die anderen Nationen sind zwar weniger mächtig, aber auch nicht klüger, und so geht die Eskalation weiter. Es sei denn, wir untersuchen den Vorgang der Identifikation.</p>
<h4>Behausungen in der Anderswelt</h4>
<p>Die spirituelle Suche ist eine Suche nach Freiheit von Identifikationen, nach Aufbruch aus weltlichen und geistigen Gefängnissen. Aber was, wenn wir dort sind, in der Freiheit? Dort kann man nicht wohnen. Im Niemandsland kann keiner seine Zelte aufschlagen, geschweige denn ein Haus bauen. Und doch bleibt Wunsch, sich auch dort niederzulassen – die Folge davon sind die spirituellen Identifikationen. Diese Behausungen drüben, in der Anderswelt, erweisen sich dann als neue Gefängnisse, bewohnt von religiös (oder esoterisch) Rechtgläubigen, die sich den Insassen der weltlichen Behausungen überlegen fühlen.</p>
<h4>Das Niemandsland</h4>
<p>Besser, man wählt sich eine Identifikation, die einem wirklich zusagt; eine Heimat, in der man sich wohl und geborgen fühlt – und tut das bewusst. Und wählt diese Identifikation nicht nur, um irgendwo dazu zu gehören und eine Partei zu haben, von der man hofft, dass sie Tore schießt oder Wahlen gewinnt, sondern wählt eine, die auch wirklich Unterstützung verdient und einem zutiefst zusagt. Mit deinem zweiten Bein aber bleibe man in der Leere stehen, in der Freiheit, dem Niemandsland, dem »Reich Gottes« – dort, wo sich niemand niederlassen kann, im Namenlosen, Heimatlosen, in der offenen Weite. Denn dort kommen wir her, und eines Tages müssen wir auch wieder dorthin zurück.</p>
<h4>Wir sind nicht allein</h4>
<p>Mit dem einen Bein im Diesseits, mit dem anderen im Jenseits zu stehen, das war schon immer eine gute Lösung. Heute, in einer globalisierten Welt sich auflösender traditioneller Heimaten, ist dies empfehlenswerter denn je. Auch wir Berufs-, Standorts– und Beziehungsnomaden brauchen eine Heimat. Können wir sie in uns selbst finden? Einerseits ja. Andererseits aber sind wir nicht allein. Wir brauchen auch einen Bezug zu unserer Umgebung. Möge diese unsere Heimat sein – und nicht irgendeine, sondern eine gut gewählte.</p>
<p><em>Erschien erstmals als Editorial in der Oktober Ausgabe des Magazin <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-1011.html" target="_blank" rel="external nofollow">Connection</a>.</em></p>
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		<title>Akte voller Bedeutung</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Sep 2011 12:18:40 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Rituale können blenden, aber auch befreien Ein Ritual ist wie ein körpersprachlich formulierter Satz, es hat Bedeutung. Manchmal ist dieser Satz sehr verbindlich gemeint und von großer Bedeutung, wie etwa bei der Eidesformel. Manchmal ist es nur eine Gewohnheit, die uns bestimmt. Rituale können Befreiung bewirken, sie können aber auch Gefängnisse sein, goldene oder bleierne [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Rituale können blenden, aber auch befreien</h2>
<div id="attachment_2960" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/2675792270_4319ab8b3b_z.jpg" rel="lightbox[2952]"><img class="size-full wp-image-2960 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/2675792270_4319ab8b3b_z.jpg" alt="" width="200" height="133" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Wonderlane @ Flickr</p></div>
<p>Ein Ritual ist wie ein körpersprachlich formulierter Satz, es hat Bedeutung. Manchmal ist dieser Satz sehr verbindlich gemeint und von großer Bedeutung, wie etwa bei der Eidesformel. Manchmal ist es nur eine Gewohnheit, die uns bestimmt. Rituale können Befreiung bewirken, sie können aber auch Gefängnisse sein, goldene oder bleierne Käfige. Die tantrischen Rituale reichen von der einfachen Begrüßung (Ich grüße den Gott, die Göttin in dir) bis zum Maithuna, dem großen Ritual der Vereinigung, das seine Wurzeln im präpatriarchalen Kult der Heiligen Hochzeit hat</p>
<p>Rituale gehören zu den am wenigsten verstandenen Phänomenen menschlicher Kultur. Wissenschaftlich sind sie kaum erforscht. Es gibt hierzu Einzeluntersuchungen aus der Ethnologie und der Religionswissenschaft, auch aus der Soziologie, aber kaum allgemeine, die im Kulturvergleich das Transkulturelle dieses Phänomes erforscht hätten, die anthropologischen Konstanten, die Rolle des Rituellen in <em>allen</em> Kulturen.</p>
<p>Wir wissen nicht, warum Menschen und Tiere gähnen, wir wissen nicht einmal warum sie schlafen – sich ausruhen zu müssen ist nicht der Grund, das kann man auch im Wachzustand. Warum verlieren wir für ungefähr ein Drittel unserer Lebenszeit unser normales Wachbewusstsein und fallen in Schlaf? Auch den meisten der höher entwickelten Tiere geht es so. Ist das nicht zu gefährlich? Im Schlaf sind wir doch leichte Beute für Raubtiere. Es muss einen Grund geben, warum Menschen und Tiere dieses große Risiko eingehen. Die Wissenschaft kennt zwar viele Thesen hierzu, aber bisher nicht den wirklichen Grund für dieses so weit verbreitete und bedeutsame Phänomen. So ähnlich ist es auch mit den Ritualen.</p>
<h4>Verrückte Praktiken</h4>
<p>Überall auf der Welt vollziehen Menschen rituelle Handlungen. Anscheinend gibt es keine Kultur ohne rituelle Handlungen, sie sind jedoch je nach Kultur sehr verschieden. Warum sind diese Rituale so verschieden und manche dann doch wieder einander sehr ähnlich? Was hat das für einen Sinn? Und warum gibt und gab es Rituale, die so blödsinnig, unmenschlich, grausam, den einzelnen und die Kultur schädigend sind, wie etwa die Menschenopfer der Azteken, und dennoch überlebten diese Praktiken viele Jahrhunderte?</p>
<p>Auch im Tantra haben Rituale eine große Bedeutung. Dort gibt es als höchstes der Rituale das Ritual der Vereinigung, im Sanskrit <em>maithuna</em> genannt. Insofern Religion (von lat. <em>religio</em>) auf Rückverbindung mit dem Ganzen abzielt, trifft ein Vereinigungsritual den Kern des Religiösen überhaupt. Was läge für einen religiösen Menschen denn näher, als in der sexuellen Vereinigung selbst ein Symbol dieser Rückverbindung zu sehen? Eine Vereinigung der Gegensätze miteinander, ein Einswerden des Verschiedenen, eine Vereinigung des Irdischen mit dem Himmlischen. Insofern bietet sich die sexuelle Vereinigung als idealer religiöser Ritus an. Doch bevor ich auf dieses Ritual eingehe, möchte ich die Bedeutung von Ritualen im Allgemeinen untersuchen. Was sind Rituale – und was könnten sie sein?</p>
<p>Hierzu ist es zunächst wichtig zu verstehen, wie sehr Menschen nach Identität suchen und wie unsere verschiedenen Identitäten durch Kommunikation innerhalb einer Gemeinschaft oder Kultur entstehen. Meine zentrale These hierzu ist: Rituale sind eine Art der Kommunikation. Sie unterscheiden sich von der profanen Kommunikation dadurch, dass sie in besonderer Weise identitätsstiftend sind.</p>
<h4>Die Ursünde</h4>
<p>Wenn ein Kind eine Sprache erlernt, erlernt es auch die Regeln und Riten einer Kultur. Hierzu muss das Kind eine sehr grundsätzliche Unterscheidung treffen: die zwischen Bedeutsamem und Bedeutungslosem. Worte sind Geräusche, die Bedeutung haben. Lärm hingegen ist eine amorphe Masse bedeutungsloser Geräusche. Auch unter den Gegenständen und Vorgängen gibt es bedeutsame und bedeutungslose sowie alle Arten von Zwischenstufen.</p>
<p>Zunächst hört das Kind Laute, die aus dem Mund der Erwachsenen strömen. Nicht alle davon haben Bedeutung: Das Räuspern, Schneuzen, Niesen oder Schmatzen etwa hat zwar im Kontext eine gewisse Bedeutung, aber diese ist nicht kulturell festgelegt. Das Räuspern bedeutet nicht generell »Das darfst du nicht!« und das Schmatzen nicht »Es schmeckt mir«. Bei Geräuschen wie »Nein«, »Gut« oder »Komm her« hingegen ist das ganz anders, da ist die Bedeutung festgelegt. Das Erlernen dieser Grundunterscheidung und dann der Bedeutungen der einzelnen Zeichen (Geräusche, Bilder, Vorgänge) nennt man Akkulturation oder Prägung. Ich nenne diese Prägung hier eine Art von Ursünde, denn sie vertreibt uns aus dem kindlichen Paradies der Wahrnehmung des Ganzen, in dem alles Bedeutung hat und nichts aus diesem Ganzen herausgerissen ist.</p>
<p>Mal abgesehen davon, dass wir Kultur nicht vermeiden können: Gut, dass wir akkuluriert und geprägt werden! Gut, dass es Kultur gibt. Zugleich zeigt dieser Vorgang jedoch auch einen Verlust an: Wir beginnen mit dieser Prägung die »unbedeutenden« Vorgänge, Gegenstände, Geräusche aus unserer Wahrnehmung zu verbannen. Irgendwann bemerken wir sie gar nicht mehr. Nun sind wir in einem Wahrnehmungstunnel. Was in diesem Sinne »keine Bedeutung« hat, das hören, sehen und fühlen wir nun nicht mehr. Erst die in den meditativen Kulturen praktizierte Achtsamkeit führt uns wieder raus aus diesem Tunnel.</p>
<h4>Die Macht und Magie von Sprache</h4>
<p>Man kann kaum überschätzen, wie sehr wir uns von Sprache in Trance versetzen lassen, in eine Trance des »Ich verstehe«, die unsere Wahrnehmung einschränkt auf das vom Sender der Botschaft Suggerierte fokussieren lässt, bzw. auf das, was wir glauben, dass er meinte. Hier liegt die Wurzel aller Verführung und Verblendung. Auch Rituale sind Kommunikation. Ebenso wie Sätze einer Sprache können Rituale uns berauschen, verführen, verblenden. Wenn wir aber verstehen, was ein Ritual ist, dann können Rituale uns auch erwecken, denn der Clou dabei ist, dass sie einem eigentlich nichtsprachlichen Vorgang die Macht und Magie eines sprachlichen Vorgangs geben.</p>
<p>Worte können in Trance versetzen. Meistens tun sie das. Sie können aber auch die ganz normalen Alltagstrancen ein bisschen auflockern, aufhellen, öffnen, dann nennen wir sie »weise Worte«. Ebenso kann ein Ritual die daran Teilnehmenden oder es Beobachtenden in Trance versetzen. Es kann aber auch die Wahrnehmung öffnen und die Separation aufheben zwischen dem, was ein Zeichen ist und was keines ist. Indem das Ritual einem nichtsprachlichen Vorgang die Bedeutung einer Geste gibt, also die Bedeutung eines Signals, eines Bedeutungsträgers, so wie Worte Bedeutungsträger sind, kann es den Dualismus aufheben, die Trennung zwischen Bedeutsamem und Bedeutungslosem. So wie Worte uns einst aus dem Paradies des Alles-hat-Bedeutung in die einzelnen, trennenden Trancen geführt haben, so können weise Worte und Rituale uns aus diesem Tunnel auch wieder hinausführen.</p>
<h4>Wer wir sind</h4>
<p>Das Besondere an der rituellen Kommunikation ist, das sie Identität stiftet. Alle förmlichen Ernennungen machen sich das zunutze. Man sagt nicht einfach: Du bist jetzt ein Mann, eine Frau, unser Häuptling, oder (vor Gericht) unschuldig, sondern man inszeniert diesen Akt in der Form eines Rituals. Der Richter trägt einen Talar; wenn er in den Raum kommt, erheben sich alle; er spricht den Angeklagten schuldig oder unschuldig. Das verändert dessen Identität: Der erst noch Angeklagter war, ist nun entweder ein Verurteilter oder ein Freigesprochener. Ebenso bei Jungen, die gerade zu Männern wurden, Vorsitzenden, die eine sich Partei gewählt hat, zum Häuptling Ernannten, frisch Verheirateten, frisch Geschiedenen.</p>
<p>Rituale definieren jedoch nicht bloß die Identität von Individuen, sondern auch die von Kollektiven, von Kulturen und Nationen, Subkulturen, Cliquen, Gangs und Szenen. Von der Zweierbeziehung angefangen (»Gehen wir jetzt miteinander?«) bis zur Aufnahme in eine Weltreligion (»Hiermit bist du getauft«), wird die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen von Eintritts– und Austrittsriten bestimmt. Bist du nun einer von uns oder nicht? Das legt der Ritus fest, der oft auch ein »stillschweigender« ist, das heißt, ein von den Gruppenteilnehmern als solcher verstandener, auch ohne dass er so genannt wird. Solche Riten bestimmen unsere Identität, von der Zuckertüte des Schulanfängers über die Aufnahme in den Fußballclub (mit Trikot) bis zum Entzug des Führerscheins aus Altersgründen.</p>
<p>Und auch das einzelne Ego pflegt eine identitätsstiftende Praxis, die einen quasi-rituellen Charakter hat: Es sind sein Denk– und und Verhaltensgewohnheiten. Als einzelne definieren wir uns nicht nur durch »echte Rituale« wie Einweihungen oder Ernennungen, sondern auch durch das, was sich in unserem Leben wiederholt. »Einmal ist keinmal« – etwas einmal zu tun, stiftet noch keine Identität. »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment«, so brachten die 68er die Verhaftung durch Wiederholung auf den Punkt, auch wenn das nur als Witz gemeint war. Die sich wiederholenden Handlungen in unserem Alltag sind die Mantren, aus denen sich unser Alltagsego konstituiert.</p>
<h4>Gewohnheiten</h4>
<p>Was unterscheidet »echte Rituale« von Gewohnheiten? Rituale sind kulturelle Vorgänge in einer Gemeinschaft, die einem Muster folgen, in dem diese Gemeinschaft einen Sinn sieht. Etwa die Eucharistie der Christen (der Empfang von Jesu Leib und Blut), das nach Mekka ausgerichtete Gebet der Moslems oder der Fahneneid, den die Soldaten eines Landes ausführen. »Identitätsstiftend« heißt: Wer das Ritual ausführt, hat danach ein anderes Bewusstsein der Zugehörigkeit, wie subtil auch immer diese Veränderung sein mag. Eine während der Messe seelenlos eingenommene Hostie ändert das Bewusstsein der Zugehörigkeit für den diese Empfangenden natürlich nicht.</p>
<p>Gewohnheiten sind ebenfalls identitätsgestaltende Vorgänge, die ein Individuum prägen. Die Prägung geschieht hier aber nicht durch das Bewusstsein der Bedeutung (im religiösen Kontext: der Heiligkeit) des Aktes, sondern einfach, indem der Akt oft genug wiederholt wird. Er entspricht keiner verbindlichen kulturellen Vorschrift, sondern wird ausgeführt, weil es dem Individuum so behagt, oder weil es in süchtiger oder suchtähnlicher Weise daran gebunden ist. Gewohnheiten können auch massenhaft auftreten, wie etwa das Kauen der Coca-Blätter bei den Andenvölkern. Dies ist dort aber im Normalfall kein Ritual; es entspricht keiner Vorschrift, sondern man kaut, weil man das mag oder, als Süchtiger, nicht anders kann.</p>
<p>Bei lästigen oder schädlichen Gewohnheiten spricht man, auch wenn sie sehr stark prägen, nicht von einer »Stiftung« von Identität, denn ein Stiftung soll ja etwas Gutes bewirken. Es sind aber nicht alle Identitäten gut. Der Fahneneid und auch etliche religiöse Ritualen können auch zu etwas Negativem »anstiften«.</p>
<p>Der in der englischen Aristokratie traditionell so beliebte Spleen ist ein Beispiel für die Aneignung einer Gewohnheit, die der Profilbildung dient – man will als englischer Lord (vor allem die Lords wollen das, weniger die Ladies) eben etwas Besonderes sein. Die Profilbildung – der Erwerb einer einzigartigen Identität – geschieht hier nicht abrupt, durch einen einzigen Vorgang, sondern allmählich, durch die vielen Wiederholungen.</p>
<h4>Zwangshandlungen</h4>
<p>Die »fortgeschritte« Art der Gewohnheit ist die Zwangshandlung, die die Psychiatrie als OCD (<em>obsessive-compulsive disorder</em>), eine Untergruppe der Angststörungen, kennt. Beides rührt aus derselben Quelle: aus unserer Angst vor dem Ungewohnten, Wechselhaften des Lebens. Deshalb legen wir uns Gewohnheiten zu. Die Zwangshandlung ist nur die Überspitzung eines Verhaltens, das in seiner maßvollen Form für das Überleben des Menschen als Art – und des Individuums in einer komplexen Gesellschaft – durchaus Sinn macht. Wenn wir jeden Vorgang in unserem Alltag jedes Mal auf seinen Sinn und Nutzen hin durchdenken müssten, wären wir völlig überfordert. Es macht also Sinn, sich Gewohnheiten zuzulegen, und auch, dass sie uns mit einem Gefühl von Geborgenheit belohnen, ist insofern sinnvoll. Es darf nur nicht zu viel sein, sonst erstarrt der Mensch.</p>
<p>Das Festhalten an Ritualen, die die eigene Religion, Ethnie, Kultur, Subkultur, Clique, Gang oder Familie prägen, hat immer auch ein bisschen was von dem Zwanghaften einer psychiatrischen Störung: Wir haben Angst, etwas zu verlieren, von dem wir glauben, uns daran festhalten zu können. In Zeiten schneller kultureller Veränderungen ist dies jedoch eine Illusion. Macht nichts: Auch das Festhalten an einer gut gepflegten Illusion kann einem Geborgenheit geben.</p>
<h4>Lebensabschnittsrituale</h4>
<p>Allmählich werden wir andere, das ist der Lauf des Lebens. Wir wachsen. Besonders in den Phasen, in denen wir körperlich, psychisch oder geistig stark wachsen, kommt irgendwann der Punkt, an dem unser Ich eine neue Form finden, eine neue Gestalt annehmen muss. Das ist zum Beispiel beim Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen der Fall. Da haben wir die erste Mens oder den ersten Samenerguss erlebt, nun können wir – gerade noch Kinder – selbst Leben zeugen oder gebären. Wir haben Gefühle, die denen der Erwachsenen ähneln, und irgendwann dürfen wir den Führerschein machen, an politischen Wahlen teilnehmen und unser Leben auch gegen den Willen der eigenen Eltern selbst bestimmen. Damit dieser Übergang friedlich vonstatten geht, ist ein Ritual nützlich: das Ritual der Aufnahme der Kinder in die Welt der Erwachsenen. Die meisten Kulturen hatten solche Rituale, unserer heutigen Kultur fehlen sie in auffälliger Weise, mit den entsprechenden Folgen: Generationenkonflikte, Pubertätsdramen zwischen Eltern und Kindern, Aufstände der Jugendlichen gegen die bestehende Ordnung (wobei der letzte Punkt durchaus einige Vorzüge hat).</p>
<p>Aber auch andere Lebensphasen enden schöner und können besser starten, wenn sie rituell begangen werden. Dazu gehören Hochzeit, das erste Kind, die Gründung einer Firma oder Selbständigkeit, für Frauen das Ende der Fruchtbarkeit, für angestellt Arbeitende der Übergang ins Rentenalter. Auch das Beenden einer Sportlerkarriere, einer Sucht oder die Aufnahme in eine Religionsgemeinschaft können rituell begangen werden und so einen neuen Lebensabschnitt markieren.</p>
<p>Insbesondere »das erste Mal« Sex markiert einen neuen Lebensabschnitt. Ich habe ihn beinahe heimlich begangen, aber voller großer Freude. Noch viele Tage, ja Wochen lang danach war ich in Euphorie. Nun gehörte ich dazu. Nun war auch ich einer von denen, die »es« gemacht hatten, ein Eingeweihter. Nun war ich in der Welt der Erwachsenen angekommen.</p>
<h4>Gute und schlechte Rituale</h4>
<p>In den schamanischen und tantrischen Szenen werden Rituale generell als etwas Gutes angesehen, weil sie Sinn stiften, »intensiv« sind (ein Lieblingswort dieser Szenen) und aus dem drögen Alltag rausreißen. Es gibt aber auch schreckliche Rituale. Dazu gehört die weibliche Genitalverstümmelung, die in vielen Teilen Afrikas das Initiationsritual darstellt, mit dem ein Mädchen zur Frau wird. Der Artikel von Julia Koloda ab Seite 62 in diesem Heft geht näher auf dieses scheußliche Ritual ein und nennt Zahlen.</p>
<p>Auch der Vergleich erschreckt: Es gibt weltweit etwa 150 Millionen genital verstümmelte Frauen. Tantra Praktizierende gibt es (vom formalen tibetischen Buddhismus, abgesehen, der ja auch als tantrischer Weg gilt) meiner Schätzung nach weltweit vielleicht 100.000. Da sind wir, noch nicht weit, auch wenn es vermutlich Millionen gibt, denen bewusst ist, dass Sexualität etwas Heiliges ist und ein Weg zur Transzendenz, zum Göttlichen. Aber diese Millionen gehen in der Regel nicht so bewusst und diszipliniert mit dieser gewaltigen Kräften um, dass daraus ein <em>sadhana</em> wird, ein spirituell hilfreiches Instrument.</p>
<p>Auf tausend genital Verstümmelte kommt schätzungsweise weniger als ein Mensch, der bewusst die Entwicklung der Sexualität und sexuellen Lust als Mittel (im Sanskrit <em>sadhana</em>) auf dem spirituellen Weg einsetzt – auf tausend genital Verstümmelte ein Tantriker. Mir hat dieses Verhältnis wieder bewusst gemacht, wie wenige wir sind, inmitten einer Welt voll krasser Barbarei. Und was für ein Luxus es ist, Tantra praktizieren zu dürfen, ohne dafür ermordet zu werden, verstümmelt, oder im Gefängnis zu landen.</p>
<p>Wir sexuell »Befreiten« und Tantriker sollten nicht die anderen vergessen, die solchen schrecklichen Traditionen ausgesetzt sind. Dass wir hier unseren Gourmet-Sex pflegen, wie Margot Anand es genannt hat, die Tantra nach Europa brachte, daran gibt es nichts auszusetzen. Wir nehmen damit ja niemandem etwas weg. Aber während wir hier schlemmen, sollten wir nicht vergessen, dass andere hungern. Während wir hier den multiplen Orgasmus üben, wird woanders Millionen von Frauen die Klitoris weggeschnitten und die Scheide zugenäht, aus Angst vor ihrer Sexualität. Ich wünsche mir eine weltweite Bewegung, die das verhindert. Dort sollten wir Tantriker an vorderster Front stehen. Organisationen wir Target, Terre des Femmes und Tabu e.V. verdienen unsere Unterstützung (die Webadressen findet ihr am Ende von Julia Kolodas Artikel).</p>
<h4>Begrüßungsriten</h4>
<p>Nicht nur die Initiationsriten, auch die Begrüßungsriten in den Kulturen der Welt sind sehr verschieden und führten bei Reisenden seit je zu Erstaunen und Verwirrung; manchmal sogar zu tödlichen Konflikten, weil ein friedlich Anreisender für einen Feind gehalten wurde. In Zeiten der Globalisierung sind die hieraus entstehenden Verwirrungen Alltag, und man kann beobachten, wie das Händeschütteln oder die Begrüßungsumarmung als Mem ihren Weg um die Welt gehen. Witzig finde ich die Verwirrungen, die schon in Europa entstehen, wenn man nicht weiß, ob der zu Begrüßende einen links-rechts-links oder nur einen links-rechts Begrüßungkuss gewohnt ist. Und wann darf, wann soll man sich umarmen? Zwischen Männern, zwischen Frauen, zwischen Mann und Frau? Begrüßungen und Abschiede bieten die Möglichkeit einer sozial akzeptierten, unaufdringlichen Berührung, vor allem in Gesellschaften mit starkem Berührungstabu ist das mitunter sehr willkommen. Anstatt sich von diesen Riten eingezwängt zu fühlen kann man auch kreativ damit umgehen, wie etwa die Bewegung »Free Hugs for all« es tut (<a href="x-msg://133/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fwww.freehugscampaign.org" target="_blank">www.freehugscampaign.org</a>).</p>
<h4>Das Maithuna-Ritual</h4>
<p>Das höchste der tantrischen Rituale ist das Maithuna, das Ritual der Vereinigung. Für dieses Ritual »weihen« sich die Partner vorab als Gott (Shiva) und Göttin (Shakti). Etwa so, wie im Ritual der Wandlung in der Heiligen Messe der Christen ein Stück Brot zu einem Teil des Leibes von Jesus Christus wird und ein Schluck Wein zu seinem Blut. Die so Geweihten vereinigen sich dann sexuell. Mehrere Artikel in diesem Heft beschreiben das detaillierter.</p>
<p>Die Tantriker Europas haben dieses Ritual vor allem aus altindischen Quellen übernommen. Seine Wurzeln liegen vermutlich im präpatriarchalen Ritual der Heiligen Hochzeit. Das bestand zum Beispiel darin, dass die höchste Priesterin einer Kultur sich mit dem weltlichen Regenten vereinigte, in einem Ritual, das der Fruchtbarkeit oder dem Frieden zwischen Himmel und Erde dienen sollte oder um den Segen göttlicher Kräfte bat. Die Fruchtbarkeitskulte (<em>fertility rites</em>) der verschiedenen Völker hatten einen ähnlichen Zweck. Hier vereinigten sich aber nicht oder nicht nur die Regenten, sondern das ganze Volk – in den meisten Fällen wohl eher: der ganze Stamm – war berechtigt, das heilige Ritual zu praktizieren. Reste davon haben in Europa in einigen Traditionen der Mainacht (Walpurgisnacht, Beltane) überlebt.</p>
<h4>Nicht mehr an Rituale glauben</h4>
<p>Wer sich mit den Riten der Religionen und mit religionsähnlichen Kulten im weltlichen Bereich beschäftigt, mag sich fragen, wie es kommt, dass so viele Menschen »sowas« glauben. Die sexuelle Begegnung und die Liebe als etwas Heiliges zu betrachten, das liegt nahe, finde ich. Aber dass solch ein Zauber wie das Hufeisen über der Tür oder das Klopfen auf Holz Segen bringen soll – und entsprechend die Schadenszauber imstande sein sollen zu verfluchen –, das mag ich aus ethnologischen Gründen interessant finden, aber ich glaube nicht daran. Wie erfreulich, dann auch mal in einer alten religiösen Schrift zu lesen, dass der fortgeschrittene Adept nicht mehr an Rituale glaubt. So jedenfalls steht es im Pali-Kanon, der Urschrift des Buddhismus: Der in den Strom der alles umfassenden Erkenntnis Eingetretene (auf Pali: <em>sotapanna</em>) glaubt nicht mehr an Riten und Rituale, ist dort zu lesen. Alles Anhaften (<em>upadana</em>) an Riten und Kulte (<em>silabbata) </em>ist von ihm abgefallen.</p>
<p>Da haben wir doch endlich ein Kriterium, das zwischen naiver und reifer Spiritualität unterscheidet. Die meisten esoterischen Praktiken beruhen auf einem naiven Glauben an Riten und Rituale. Für den »in den Strom Eingetretenen« verschwindet dieser Glaube. Was aber nicht heißt, er dürfe nun keine Rituale praktizieren, sondern nur: Er glaubt nicht mehr, dass da ein mysteriöser Zauber im Spiel ist, der dem Ritual wie von höherer Hand seine Kraft gibt. Was bleibt, ist das Wissen, dass Rituale eine soziale Magie bewirken, die spätestens für uns Heutige psychologisch durchaus erklärbar ist.</p>
<h4>Des Einsichtigen Freiheit</h4>
<p>Das Wissen um diese soziale Magie gibt den Einsichtigen Freiheit: die Freiheit, Rituale selbst erfinden und durchführen zu können. Wir brauchen dafür keine priesterliche Autorisierung und auch keine Unterstützung von Geistern oder Engeln (es sei denn, wir wollen den anrufbaren Kräften aus traditionellen Gründen diese schönen Namen geben). Die Verbindungs– und Trennungsrituale, die wir für unser Leben brauchen, die Einweihungen, Segnungen und Ermächtigungen, wir können sie uns selbst geben. Wir brauchen dafür nur Selbstvertrauen, Zuversicht, ein gewisses Maß an realistischem Optimismus, und für die meisten unserer Ziele eine soziale Gruppe, die uns dabei unterstützt.</p>
<p>Wenn wir uns bei der Neuerfindung unserer Rituale ganz von den Traditionen lösen, werden wir allerdings nicht erfolgreicher sein als die Kunstsprache Esperanto, die aus allen Sprachen der Welt das Beste hernehmen wollte, um damit eine neue – anfangs noch künstliche – Weltsprache zu erschaffen. Guter Gedanke, ist aber gescheitert: Englisch ist Weltsprache geworden, nicht Esperanto. So müssen wir weiterhin »enough« schreiben statt »inaf«, auch wenn wir das Gefühl haben mögen, »genug ist genug« mit all dem Ballast.</p>
<h4>Das neue Selbstbild</h4>
<p>Auch das schöne Projekt mit dem Designer-Ego klappt nicht so, wie wir uns das dachten. Wir sind zwar frei, die zu sein, die wir sein wollen. Aber um mit dem schönen neuen Selbstbild nicht allein zu sein, irgendwo im Wald oder in den Bergen, sind wir auf eine soziale Gruppe angewiesen, die uns dieses Selbstbild auch abnimmt.</p>
<p>Mitten in uns ist diese potenziell freie Fläche: unser Bild von uns selbst. Was dort den Raum noch verstellt, ist uns irgendwann gegeben worden, vielleicht haben wir es im Dämmerlicht eines nur halbwachen Bewusstseins uns von außen reindrücken lassen. Dieser Raum ist gestaltbar, aber wer ein soziales Leben führen will, kann ihn nicht unabhängig von seiner Biografie und der Geschichte seiner Kultur mit einer frei erfundenen Figur füllen. Und wie auch immer wir dieser Raum füllen wollen: Für die Verankerung eines neuen Selbstbildes brauchen wir Rituale.</p>
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		<title>Die Heiligung der Sexualität</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Sep 2011 12:00:10 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Ist Tantra rituelle Sexualität? Ist Sex, dieses Wilde, Animalische, nun endlich eingefangen und gezähmt in einer spirituellen Disziplin, die zur Erleuchtung führt? Mich erinnert die Frage an den Gegensatz zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen, wie Nietzsche ihn 1872 in »Die Geburt der Tragödie« beschrieb. Dionysos, der griechische Gott der Ekstase und der rauschenden Feste, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist Tantra rituelle Sexualität? Ist Sex, dieses Wilde, Animalische, nun endlich eingefangen und gezähmt in einer spirituellen Disziplin, die zur Erleuchtung führt?</p>
<div id="attachment_2957" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/Gustave-Klimt_Altar-des-Dionysos_Burgtheater_Wien.png" rel="lightbox[2949]"><img class="size-full wp-image-2957" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/Gustave-Klimt_Altar-des-Dionysos_Burgtheater_Wien.png" alt="" width="200" height="125" /></a><p class="wp-caption-text">Gustav Klimt — Altar des Dionysos im Burgtheater Wien</p></div>
<p>Mich erinnert die Frage an den Gegensatz zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen, wie Nietzsche ihn 1872 in »Die Geburt der Tragödie« beschrieb. Dionysos, der griechische Gott der Ekstase und der rauschenden Feste, verkörpert das Wilde, Chaotische. Apollo, Gott der Künste und der Vernunft, verkörpert die Ordnung. Im Ritual gewinnt die Ordnung über das Chaos, Apollo dominiert Dionysos. Das zutiefst Wilde, Grenzen Sprengende der Sexualität wird in der Ordnung eines tantrischen Rituals eingefangen. Wirklich? Oder gibt sich nicht auch der Tantriker im Ritual einer berauschenden Erfahrung hin?</p>
<h4>Apollo und Dionysos</h4>
<p>Nietzsche sah in dem von ihm popularisierten Gegensatzpaar die Quelle aller großen Kunstwerke, im erweiterten Sinn die Quelle der Balance, die jeder Mensch in seinem Leben zu finden hat. Auch der tantrische Weg sucht diese Balance. Tantra schlägt sich nicht auf nur eine Seite, die von Apollo oder die von Dionysos. Einige der Tantralehrer in diesem Heft über Rituale betonen, wie wichtig es ist, die Vorschriften der Rituale einzuhalten – das sei der Weg der Transzendenz des Ego. Andere betonen die Übernahme von Selbstverantwortung für das, was jeder tut, sie wollen diese nicht an die Struktur des Rituals abgegeben wissen. Ich meine, dass die Anforderung, zwischen beidem eine Balance zu finden, für alle Lebensbereiche gilt, nicht nur für unser Sexualleben.</p>
<p>Tantra ist zwar ein spiritueller Weg, der die Sexualität einfangen und disziplinieren kann, vielleicht so, wie man ein Wildpferd einfängt und zähmt, aber auf die Wildheit, die unserem Leben Spannung und Energie gibt, sollten wir damit nicht verzichten. Das Tierische ist ja ein Teil von uns und bleibt ein Teil von uns, auch bei den Zivilisiertesten.</p>
<p>Rituale sind wichtig, aber sie sind nicht alles, und auch Rituale haben, wie jede Praxis, eine Oberfläche und eine Tiefendimension. Man kann ein Ritual ausführen und dabei alles korrekt machen und macht damit doch nur Dienst nach Vorschrift. Man eine katholische Messe seelenlos praktizieren, ein Tantraritual, ebenso jedes andere religiöse Ritual. Andererseits kann man auch die Bewegungen im Alltag so vollziehen, als seien sie etwas Heiliges, so wie es etwa die Praxis der japanischen Teezeremonie beabsichtigt und die des meditativen Gehens.</p>
<h4>Profanisierung</h4>
<p>Die Verwendung sexueller Motive in den Medien und in der Werbung hat zu einer Profanisierung der Sexualität geführt. Die meisten großen Religionen haben diese Urkraft wegen ihrer Wildheit und Unbezähmbarkeit gefürchtet, haben sie jahrhundertelang in die unteren Regionen des Menschseins verbannt – nicht nur im Christentum, auch im Kleinbürgertum der anderen Religionen. Aus dem Bewusstsein und den anständigen Bereichen der feinen Gesellschaft in die Sumpfgebiete verdrängt, trieb sie dort umso wildere Blüten – Sumpfblüten eben. Heute kommt kaum ein Roman oder Spielfilm ohne Sex aus; das Thema ist in unserem öffentlichen Leben so präsent wie nie zuvor in der Geschichte. So ist es einerseits leichter, darüber zu reden, auch für die Jugendlichen. Andererseits scheint dem Mysterium des Sexuellen und der Liebe sein Geheimnis genommen zu sein.</p>
<h4>Sex gehört auf den Altar</h4>
<p>Tantra ist avantgardistisch und postmodern genannt worden. Ja, gut, stimmt irgendwie. In gewisser Hinsicht ist es aber auch ein bisschen retro – die »Landlust« der sexuellen Revolution. Wir wollen es wieder so haben wie früher, so poetisch und geheimnisvoll. Wir wollen Liebe und Sex wieder als etwas Heiliges betrachten. Aber nun ohne den Sumpf und die Sünde, ohne die Diffamierung und Entwürdigung, die mit der Verteufelung des Tierischen einher ging. Die sexuelle Begegnung darf wieder ein sakraler Akt sein, sowas wie die Heilige Messe oder die Einweihung eines Tempels. Die Partner »weihen« einander als Gott und Göttin. Sex ist nichts Schmutziges, das aus der Kirche verbannt gehört, sondern im Gegenteil: Der Altar wäre eigentlich der richtige Ort dafür.</p>
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		<title>Der mächtige Sog des Erwünschten</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/09/23/der-machtige-sog-des-erwunschten/</link>
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		<pubDate>Fri, 23 Sep 2011 19:26:14 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wie persönliche und transpersonale Visionen uns antreiben können Jeder hat Wünsche, jeder – und wenn du dir vorstellen kannst, wie das Erwünschte aussieht, hast du eine Vision davon. Unter den Visionen, die wir von einem besseren Leben haben, gibt es große und kleine, realisierbare und unrealisierbare. Besonders bei den großen Visionen müssen wir darauf achten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Wie persönliche und transpersonale Visionen uns antreiben können</h2>
<div id="attachment_2944" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/ap4ad71f09e907a_s.jpg" rel="lightbox[2943]"><img class="size-thumbnail wp-image-2944" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/ap4ad71f09e907a_s-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Geheimnissvolles Leuchten © Jörg Friemel</p></div>
<p>Jeder hat Wünsche, jeder – und wenn du dir vorstellen kannst, wie das Erwünschte aussieht, hast du eine Vision davon. Unter den Visionen, die wir von einem besseren Leben haben, gibt es große und kleine, realisierbare und unrealisierbare. Besonders bei den großen Visionen müssen wir darauf achten, dass wir der eigenen Person den richtigen Stellenwert geben</p>
<p>Spirituell sein heißt, von Visionen heimgesucht zu werden, von visuellen Erscheinungen, die kommen, ohne, dass man sie gerufen hat, so was wie eine Vision von Buddha oder der Jungfrau Maria. Das ist die Art Vision, über die der Medienmanager Helmut Thoma von RTL spottete: »Wer zu viele Visionen hat, braucht einen Psychiater«. Hier meine ich eine andere Art von Vision: die Vorstellung von einer besseren Welt, die sowohl realisierbar als auch so attraktiv ist, dass sie auf mein gegenwärtiges Handeln einen starken Sog ausübt. Diese Art von Vision brauchen wir sowohl in der Politik wie im Privatleben, behaupte ich, und auch in der Wirtschaft, in Kultur und Wissenschaft.</p>
<p>Wer etwas erreichen will, braucht eine Vorstellung davon, wie es sein soll. Das gilt sogar schon dann, wenn ich nur meinen Staubsauger reparieren möchte – ich brauche eine Idee davon, wie es ist, wenn er wieder funktioniert. Umso mehr brauchen wir Visionen für unsere größeren Ziele: für den Erfolg im Beruf, die Gestaltung des Lebensabends, die Ausbildung der Kinder – und auch für die noch größeren, die transpersonalen: die Vision einer gerechteren Gesellschaft, einer Welt ohne Hunger, Naturzerstörung, Genitalverstümmelung, Ausbeutung, Kriege.</p>
<h4>Ziele und Visionen</h4>
<p>Für die Art solcher Ziele und Visionen, für die eine psychiatrische Betreuung nicht nötig ist, möchte ich zunächst zwei Unterscheidungen treffen. Zuerst die zwischen Ziel und Vision: Eine Vision ist die sinnliche Vorstellung einer anderen (in diesem Falle: einer besseren) Welt. Ein Ziel ist die konkrete Formulierung von etwas Erwünschtem, Erreichbarem. Wir brauchen beides: eine Vision, die uns magisch anzieht, so dass wir die Kraft haben, uns machtvoll dafür einzusetzen; ein klar formuliertes Ziel, um Strategien entwickeln zu können, wie wir das Erwünschte erreichen.</p>
<h4>Persönliche Ziele und transpersonale</h4>
<p>Meine Firma zum Marktführer zu machen, meine Ehe oder Beziehung zu retten, gesund zu werden, den Kindern einen guten Schulabschluss zu ermöglichen, meine Berufung zum Beruf zu machen, das sind persönliche Zielvorstellungen. Auch die kommen in Visionen vor, und das ist gut so und unerlässlich. Wir brauchen persönliche Ziele, um uns zu entwickeln, oder einfach, um ein gutes Leben zu haben.</p>
<p>Es gibt aber noch eine andere Art von Zielen, für die man keinen Markenschutz beantragen muss und bei denen es egal ist, ob man selbst ihr Auslöser, Urheber oder Architekt ist. Da genügt es dem Visionär, dass sie erreicht werden, egal von wem. Wenn es in der Welt keinen Hunger mehr gibt, dann ist es mir fast egal, ob die UN das erreicht hat oder Bill Gates mit einer seiner Stiftungen oder die weltweite Verbreitung von Permakultur oder eine weitere grüne Revolution – wenn dann nur Menschen nicht mehr hungern müssen. Diese Art von Zielen können auf uns einen noch viel größeren Sog ausüben als Ego-Ziele (wie <em>ich </em>etwas erreiche) es können. Um diese Ziele geht es mir hier vor allem und um die Visionen von einer Welt, in der sie verwirklicht sind.</p>
<h4>Wunscherfüllungsratgeber</h4>
<p>Bärbel Mohrs Buch »Bestellungen beim Universum« (1998) und Rhonda Byrnes »The Secret« (2006) lösten in den vergangenen Jahren einen Boom von Wünscherfüllungs-Ratgebern aus, mit den zugehörigen Seminaren und Coachings. Diese Bücher gehen davon aus, dass man <em>alles</em> beim Universum bestellen kann. Wenn man es nur richtig macht mit der Bestellung, dann wird sie Realität. Leider stimmt das nicht. (Was böse oder miteinander konkurrierende Wünsche anbelangt: Gottseidank funktioniert das nicht). Das Geschäft damit allerdings brummt: Die mit ihren Wünschen Gescheiterten kaufen sich dann nämlich den nächsten Wünscheratgeber oder buchen das nächste Wünsche-Seminar (die oft auch als Visions-Seminar vermarktet werden) oder buchen das nächste Coaching, um endlich ihre Wünsche verwirklicht zu bekommen. Und scheitern trotzdem. Manchmal will das Universum halt nicht, heißt es dann. Oder du musst noch besser wünschen, noch intensiver, noch positiver oder noch länger gecoacht werden, oder das nächste Seminar buchen.</p>
<h4>»Inshallah« – falls Gott will</h4>
<p>»Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht«, schrieb Bert Brecht dazu in der Dreigroschenoper, und »Der Mensch denkt, Gott lenkt« wusste ein altes Sprichwort dazu zu sagen – der Mensch bestellt beim Universum, das aber lenkt den Menschen ganz woanders hin. Mich lenken diese alten Weisheiten noch anderswo hin: zu einer genaueren Unterscheidung zwischen persönlichen Wünschen (die etwas zu despektierlich auch »Ego-Wünsche« genannt werden) und transpersonalen Wünschen von einer besseren Welt, wie etwa die NGOs sie vertreten. Auch viele politische Parteien und Initiativen vertreten transpersonale Ziele. Programme, die eine Personengruppe bevorzugen, wie etwa die Angehörigen einer Nation oder Berufsgruppe, rechne ich jedoch nicht zu den transpersonalen.</p>
<h4>Transpersonale Visionen</h4>
<p>Transpersonal ist eine Vision dann, wenn mich ihre Erfüllung auch dann beglückt, wenn ich nicht der Urheber ihrer Erfüllung bin, nicht der persönlich Bevorzugte oder nur ich der dadurch persönlich Bereicherte. Ich behaupte, dass Visionen immer dann einen ganz besonderen, magischen Sog entfalten, wenn ihre Inhalte transpersonale sind. Das Wunder dabei ist, dass die Person bei ihrer Verwirklichung – und oft schon auf dem Weg dahin (»Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen«) – noch viel tiefer beglückt ist, als wenn sie nur ein persönliches Ziel erstrebt oder dann schließlich erreicht hätte.</p>
<p>Und es ist gut, bei alledem nicht aus dem Augen zu verlieren, dass zwar nicht der Weg schon das Ziel ist, der Weg aber durchaus ein in sich Ruhen erlaubt oder sogar erfordert. Und wenn das Ziel ein Ideal ist, nach dem man strebt, ohne es je erreichen zu können, wie etwa die bedingungslose Liebe oder die Wunschlosigkeit, dann ist dieses Streben zu den Idealen wie ein Hinaufschauen zu den Sternen – in einer mondlosen Nacht schauen wir da hinauf, fühlen uns vor dieser Weite, Größe und Pracht so winzig klein im Kosmos und doch so erhaben.</p>
<h4>Windows, Mac-OS, Linux</h4>
<p>Ein Bespiel aus der Wirtschaft: Bill Gates und Steve Jobs leisten sich seit ungefähr 30 Jahren ein Wettrennen um die Dominanz der von ihnen entwickelten Computer-Betriebssysteme. Das Macintosh-OS (operation system) war von Anfang an das bessere, aber durch die geschicktere Lizensierung (mit IBM damals) schaffte Bill Gates es, dass 90 Prozent aller PCs der Welt mit seinem System betrieben wurden. So hatte er sein persönliches Ziel der Marktführerschaft erfüllt und wurde zum reichsten Menschen der Welt. Kürzlich ist nun allerdings Apple zur reichsten Firma der Welt erkärt worden. Microsoft ist nicht mehr on top, jetzt hat Steve Jobs die Nase vorn. Vielleicht weil er kreativer ist, vielleicht weil sein OS wirklich das bessere ist, vielleicht weil es aus anderen Gründen so gekommen ist (<em>inshallah </em>– weil Gott es so wollte). Nun aber ist er krank, kann vielleicht seine Firma bald nicht mehr selber führen, was hilft ihm da, dass Apple solche phänomenalen Gewinne einfährt? Bill Gates hingegen ist mittlerweile raus aus seiner Firma und beschäftigt sich durch seine Stiftungen mehr mit transpersonalen Zielen (wenn man ihm nicht unterstellen will, dass seine Anti-Aids-Kampagne ein Ego-Tripp ist, mit dem er sein Bild in den künftigen Geschichtsbüchern korrigieren will). Und inzwischen gibt es mit Linux ein Betriebssystem, das keinem einzelnen Menschen gehört und auch keiner Firma, es ist ein OpenSource System. Wie sähe die Welt aus, wenn sowohl Bill Gates wie Jobs ihre Betriebssysteme von Anfang an freigegeben hätten für alle Entwickler? Hätten unsere PCs dann bessere Betriebssysteme gehabt, wären seltener abgestürzt, hätten weniger gekostet, einen geringeren Arbeitsspeicherbedarf gehabt (ohne den Druck der unseligen Windows-Intel Coop) und hätten so vielleicht längst in China, Indien und Afrika auch bei der Landbevölkerung als Billig-PCs das dortige Bildungssystem revolutioniert?</p>
<h4>Glück und Leid der Kreativen</h4>
<p>Aus technischer Sicht kann ich diese Fragen nicht beantworten. Was ich aber kenne, ist die tiefe persönliche Befriedigung, die eintritt, wenn man die eigenen Ziele weit über die eigene Person hinausgehen lässt, und so habe ich mich manchmal gefragt: Was wäre wenn – zum Beispiel unsere Politiker mehr transpersonale und transnationale Ziele verfolgen würden. Wenn die Entwickler unserer Computer-Betriebssysteme und Programme ebenso wie die Entwickler all der anderen Konzepte für die Wirtschaft, ihr Glück mehr in der Kreation von Lösungen fänden, die <em>allen</em> Menschen nützen und nicht nur dem Erfolg ihres persönlichen Produktes. Wieviel beglückender ist es doch, so ein Miko-Kredit-System zu erfinden und in die Welt zu setzen, wie Mohammad Yunus es getan hat, im Vergleich mit einem neuen Derivat für den Kapitalmarkt oder einem noch genialeren Konzept für Leerverkäufe, das alle bisherigen übertrifft. So ein Derivat mag einen persönlich mehr bereichern als ein Mikro-Kreditsystem, aber es macht einen nicht glücklicher. Ich habe schon so viele ausgebrannte Visionäre getroffen – die für ein persönliches Ziel gekämpft hatten, waren unter ihnen die unglücklicheren.</p>
<h4>Sinn finden im Leben</h4>
<p>Was macht einen Menschen denn glücklich? Einen Sinn zu finden im Leben macht glücklich, sagt der Wiener Psychotherapeut und KZ-Überlebende Viktor Frankl. Die Suche nach Sinn hält er für die am stärksten motivierende Kraft in einem Menschen und begründete mit dieser Kernidee nach den Psychotherapieschulen von Freud (Psychoanalyse) und Adler (Individualpsychologie) die »dritte Wiener Schule« der Psychotherapie mit den Methoden der Logotherapie und Existenzanalyse. Geschichten von Menschen, die auch in den Phasen tiefsten Leidens in ihrem eigenen Leben noch einen Sinn finden und so ein gewisses Glück, während andere mit allem beschenkt sind, was ein Mensch sich nur wünschen kann, aber keinen Sinn darin sehen, bestätigen Frankls Thesen.</p>
<h4>Die persönlichen Ziele</h4>
<p>Wenn man Frankl darin folgen will und man außerdem der motivierenden Kraft großer, die eigene Person weit überschreitender Ziele, mehr Gewicht gibt als den kleinen, nur auf die eigene Person bezogenen, dann bleibt die Frage: Welchen Stellenwert gebe ich den persönlichen Zielen? Meine eigene Gesundheit, mein finanzieller Wohlstand, meine persönlichen Beziehungen, welchen Wert gebe ich diesen auf der Prioritätsliste meiner Ziele? Schaut man sich die Biografien berühmter Visionäre an, drängt sich die Empfehlung auf, die persönlichen Ziele besser nicht zu weit nach hinten zu schieben. Sie sollten nicht ganz oben stehen, aber auch nicht weggeschoben oder ganz verdrängt werden. Eine Mutter Teresa muss nicht auf der Pritsche schlafen, um den Armen von Kalkutta Gutes tun zu können, sie darf ein Bett haben und eine schöne Wohnung – vielleicht ist sie dann eine weniger verbissene Missionarin. Wenn allerdings, wie bei Gaddafi, Ben Ali oder Mubarak, die persönliche Bereicherung ganz oben steht auf der Liste, macht das diese Potentaten nicht glücklich, von den betroffenen Völkern mal ganz zu schweigen.</p>
<h4>Ich, du, wir</h4>
<p>Auch für uns, die wir kein Land zu regieren haben, stellt sich diese Frage: Wofür arbeite ich? Wofür bin ich bereit, mich wirklich einzusetzen, mit allen meinen Ressourcen: Zeit, Geld, Kompetenzen, Beziehungen? Wenn ich dabei meine persönlichen Ziele verdränge, besteht die Gefahr, dass sie sich als »Schatten« meiner Arbeit irgendwo zeigen und das Erreichen der hohen Ziele stören, sogar zerstören können. Wenn ich bei der Formulierung meiner Ziele zwar meine Person einbeziehe (das muss sein), das Erreichen des Zieles aber nicht von meiner Person abhängig mache, dann hat dieses Konzept bessere Chancen auf Verwirklichung, ohne dabei große Schatten zu produzieren. Auch bei der Entwicklung unserer Visionen ist gut, immer dreifach zu denken: Wie tanze ich mit meiner Vision allein (was will <em>ich</em>?), zu zweit (Was willst <em>du</em>?) und was wollen <em>wir, </em>entsprechend den drei Tanzvarianten im Biodanza: allein, zu zweit und im Kreis. Wer sich auf nur eine diese Weisen beschränkt, verirrt sich.</p>
<h4>Semipermeable Membranen</h4>
<p>Vielleicht kann man das Ziel (so ähnlich auch das eigene Ego) nach dem biologischen Modell der Zelle und der sie umschließenden semi-permeablen Membran als etwas Interdependentes formulieren. Mein Ego – das, wofür ich mich halte – hängt ja nicht nur von mir ab, von meinen eigenen Überzeugungen, sondern auch davon, wie die anderen mich definieren. Es ist das Ergebnis einer sozialen Interaktion. So ist es auch mit dem, was wir uns für die Zukunft wünschen. Zum Beispiel wünsche ich mir eine Welt ohne Kriege, das ist ein Teil meiner Vision. Andere Menschen verstehen aber unter »Krieg« und dem Gegenbegriff »Frieden« etwas anderes als ich, und noch viel größer sind die Unterschiede in der Bewertung, welchen prioritären Rang dieses Ziel haben soll.</p>
<p>Wieviel ist es wert, den Hunger zu beseitigen? Wie viel, eine Welt ohne Kriege zu erschaffen? Was, wenn unsere Ressourcen nur das Erreichen von einem dieser Ziele erlauben? Wenn ich meine Ziele zwar so klar und eindeutig wie möglich formuliere, aber so wie eine Zelle in ihren definitorischen Grenzen als von einer semipermeablen Membran umgeben verstehe, sind sie leichter umsetzbar.</p>
<p>Wie alle Begriffe unserer Sprachen sind auch unsere Ziele soziale Gebilde, die sich gemäß dem Verständnis der Teilnehmer dieser Kommunikationsprozesse bewegen. Ziele und Visionen sind interaktive soziale Vorgänge, die Menschen miteinander verbinden können. In diesen Verbindungen kann sich das Transpersonale entfalten. Dann zeigt sich, dass Kommunikation glücklicher macht als Isolation, Verbindung glücklicher macht als Trennung. Liebe und Vertrauen machen uns glücklicher als Misstrauen und Besitz. Was wir sind, macht uns glücklicher als was wir haben. Zu lieben und geliebt zu werden, nichts macht glücklicher als das! Und wer fängt damit an? Der Liebende, denn Geben macht seliger als Nehmen.</p>
<p><em>Leseempfehlungen:</em></p>
<p><em>Auf <a href="x-msg://133/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fconnection.de" target="_blank">connection.de</a> findet ihr einen Artikel von Julia Koloda über </em>Platons Idealstaat<em> als die Uridee eines guten Lebens, die seit mehr als zwei tausend Jahren das europäische Denken beeinflusst.</em></p>
<p><em>Der Drei Eichen Verlag hat mit seinem Buch </em>»Visionen einer besseren Welt«<em> (engl. 1993, dt. 1995) eine Dokumentation der »Global Cooperation« Initiative der Vereinten Nationen vorgelegt, für die hundertausende von Menschen in mehr als hundert Ländern befragt wurden. Sehr optimistisch, vielfältig, lesenswert! Mit einem Vorwort von Peter Ustinov. Auf <a href="x-msg://133/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fsyntropia.de" target="_blank">syntropia.de</a>, für 17.50 €.</em></p>
<p><em>Und hier stellt Carsten Essig zusammen mit seiner Frau Manuela ökologische Visionäre aus der ganzen Welt vor: <a href="x-msg://133/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fwww.seventh-generation.de" target="_blank">www.seventh-generation.de</a>. Sehr inspirierend!</em></p>
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