<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	xmlns:series="http://organizeseries.com/"
	>

<channel>
	<title>OpenMindJournal &#187; Tom Amarque</title>
	<atom:link href="http://www.openmindjournal.com/category/kolumnen/tom-amarque/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.openmindjournal.com</link>
	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Kultur und Change</description>
	<lastBuildDate>Wed, 01 May 2013 15:29:45 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5.1</generator>
		<item>
		<title>Naturals</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/09/21/naturals/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2012/09/21/naturals/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 21 Sep 2012 12:52:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tom Amarque</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=5310</guid>
		<description><![CDATA[The only thing I know about the dark is you can’t see in it. Robert Redford – The Natural (1984) Wir alle kennen die Faszination, die wir Naturtalenten (engl. Naturals) entgegenbringen. (Ich mag diesen Begriff, deshalb bleibe ich beim Englischen) Diese Naturals scheinen einen unmittelbaren und intuitiven Zugang zu bestimmten Erfahrungswirklichkeiten zu haben und dabei [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>The only thing I know about the dark is you can’t see in it.<br />
<em>Robert Redford – The Natural (1984)</em></p></blockquote>
<div id="attachment_5320" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/09/559229_web_R_by_Helene-Souza_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[5310]"><img class=" wp-image-5320 " title="Naturtalent am Klavier" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/09/559229_web_R_by_Helene-Souza_pixelio.de_-300x183.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Helene Souza / pixelio.de</p></div>
<p>Wir alle kennen die Faszination, die wir Naturtalenten (engl. <em>Naturals</em>) entgegenbringen. (Ich mag diesen Begriff, deshalb bleibe ich beim Englischen) Diese <em>Naturals</em> scheinen einen unmittelbaren und intuitiven Zugang zu bestimmten Erfahrungswirklichkeiten zu haben und dabei relativ leicht erfolgreich in dem zu sein, was sie tun – was nicht bedeutet, dass sie nicht hart dafür arbeiten müssen. Auch scheinen sie vor allem etwas Neues zu produzieren, dass sie in dem Feld, in dem sie arbeiten, sofort erkennbar und erfolgreich macht. Man denke an Boris Becker (Körper/Tennis), Albert Einstein (Vorstellungskraft/Physik), Barack Obama (Bewegung der Massen/Politik), Eddie Vedder (Stimmmodulation/Poesie/Musik) oder Ken Wilber (Schreiben/Mustererkennung). Häufig, wenn auch nicht immer, sind solche Naturals im sozialen Sinne berühmt (obwohl sie es selten anstreben). Aber sie müssen es nicht sein. Man kann auch ein Natural in Bezug auf Flirten und Balzverhalten sein oder darin, Papierflieger zu bauen. Ohne zu viel vorwegzunehmen sei gesagt, dass solche <em>Naturals</em> sich stets auf sich selbst verlassen und ihr Talent dazu nutzen, auch ihren Lebensunterhalt zu gestalten. Vor allem aber speist sie dieses Talent mit einer tiefen Lebensfreude, die <em>Distress</em> in <em>Eustress</em> umwandelt (F. Fester) und die <em>Naturals</em> dazu führt, mit stetem Enthusiasmus und <em>Flow</em> (M. Czikzentnihaly) auch am Wochenende zu arbeiten, wo die Menschen, die sich ihres Talents nicht bewusst sind, nach einer harten (und manchmal unerfüllten) Arbeitswoche entspannen wollen. <em>Naturals</em> finden ihre Entspannung in der Arbeit.</p>
<p>Wir alle bewundern in gewissem Maße solche <em>Naturals</em> und streben selbst danach, diese Quelle der Freude, Inspiration und Kreativität in uns selbst zu finden und nutzbar zu machen. Wes dreht sich um Talent, <em>Daimone</em> oder ums innere <em>Charisma</em>, also den von Gott gegebenen Gaben, die nach außen dringen und Menschen mit einer gewissen Ausstrahlungskraft versehen, wenn wir von <em>Naturals</em> sprechen. Freilich benutzen wir das Wort Charisma heute nicht mehr in seiner eigentlichen Bedeutung, sondern nutzen es für die äußere Ausstrahlungskraft von Menschen, die selbst nicht immer <em>Naturals</em> sein müssen. ‚Charisma‘ bezeichnete ursprünglich jedoch die inneren Gaben. Ich persönlich glaube, dass die Obsession unserer Kultur mit den sogenannten ‚Stars‘ eine Art exoterisches oder nach außen projiziertes Bedürfnis nach diesen inneren Werten sind.</p>
<p>Wie dem auch sei, die Fragen, was <em>Naturals</em> eigentlich genau sind, woher ihre Gaben denn genau kommen, was das Ganze mit Spiritualität zu tun hat, sind natürlich auf der Hand liegend und furchtbar interessant. Auch können einem Antworten auf die Natur von solchen Daimonen oder dem Charisma Antworten über die Natur des Selbst und der Wirklichkeit geben, mit der wir leben.</p>
<h4>Daimonen und Spiritualität</h4>
<p>Zunächst die Gretchenfrage: Was hat Talent mit Spiritualität zu tun? Einen ersten Hinweis darauf gibt uns Mircea Eliade in seinem Buch <em>Schamanismus und archaische Ekstasetechnik</em>: Hier beschreibt er, dass diejenigen Schüler, die ihre Initiation ‚zufällig‘ erhalten, also gewissermaßen spontan und aus dem Nichts heraus, sozial von ihrem Stamm höher bewertet werden als diejenigen Schüler, die sich hat Erkenntnisse und das Schamanentum erarbeiten müssen. Sie sind <em>natürlicherweise</em> mit besseren Fähigkeiten ausgestattet. Man kann sagen: In den schamanischen <em>Naturals</em> wirken die Geister stark.</p>
<p>Nun beschrieb Eliade aus heutiger Sicht prä-traditionelle, also archaische Gesellschaftsformen. Mit dem Zuwachs und der Komplexitätssteigerung von Bewusstsein in den letzten paar tausend Jahren müssen wir fragen, ob diese Unterscheidung noch gültig ist und ob ein Zuwachs an innerer Komplexität und Bewusstheit nicht auch dazu führt, die Bedingungen zu erkennen, durch welche wir unsere Daimonen, unser Charisma, unser Talent zum Ausdruck bringen können.</p>
<p>Ken Wilber spricht, in Anlehnung an ein Konzept von Mark Gaffni, auch vom <em>Unique Self</em>, also der Eigenschaft des Selbst, die einzigartig ist. Er argumentiert: Wenn fünf erleuchtete Wesen an einem Tisch sitzen, so wird doch jeder von ihnen, obwohl jeder vollkommen verwirklicht ist, eine besondere Perspektive einnehmen und mit einer bestimmten Anordnung von Talenten und Neigungen ausgestattet sein. Wilber fragt nicht, woher diese Perspektive oder Talente kommen – zumal sie nach archaischer und traditioneller Vorstellung eben ja auch von Gott gegeben sind und damit einem Bereich zuzuordnen sind, den man mit Worten nicht durchdringen kann. Man muss aber auch fragen, ob die Frage nach der Letztbegründung, also woher diese Daimonen kommen, überhaupt Sinn ergibt.</p>
<p>Doch gehen wir dieser Frage einmal kurz nach: Woher kommt eigentlich das Talent, dass z.B. Boris Becker dazu veranlasst hat, diesen besonderen Zugang zum Tennis zu finden und zu einem der besten Spieler der Welt zu werden? Woher kommt dieses Quentchen etwas, was man nicht lehren kann? Natürlich kann man nun argumentieren:</p>
<ol style="list-style-type: lower-alpha;">
<li>Es war psychologische Disposition, oder</li>
<li>Es war eine neurologische Disposition, oder</li>
<li>Es war eine soziale Disposition im Sinne: Es bestand ein deutsches kulturelles Bedürfnis nach einem Siegfried-ähnlichen Helden, oder</li>
<li>Es war eine soziale Disposition im Sinne: Familiäre Konditionierung und Trainingsumfeld bestanden in einer besonderen Konstellation, oder</li>
<li>Es war alles gleichzeitig, oder</li>
<li>Es war alles gleichzeitig + eine Dimension, die wir nicht erklären können</li>
</ol>
<p>Punkt a) bis e) drängt einem natürlich Wilbers AQAL-Modell auf. Nach allem, was wir aber wissen, reicht es nicht aus, um das Vorkommen von Daimonen zu erklären. Da ist ein Faktor, numinos und ungewusst, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Ich würde also für f) votieren.</p>
<p>Und noch einmal die Frage: Was hat dies mit Spiritualität zu tun? Denn Boris Becker ist weder – soweit ich weiß – ein spiritueller Mensch noch jemand, der die grüne, postmoderne Komplexitätsstufe des Bewusstseins verfügt (ich mag mich irren). Was hat also sein Tennis-Daimon mit Spiritualität zu tun?</p>
<h4>Tanz – Tänzer – Bühne</h4>
<p>Ich hatte eingehend angedroht, im Zuge dieser Frage auch auf das Wesen der Wirklichkeiten zu sprechen zu kommen. Um einer möglichen Antwort näherzukommen, stellen wir uns einmal einen Tänzer vor. Es ist unerheblich für diese Vorstellung, ob der Tänzer für das Tanzen begabt ist. Was wir aber unmittelbar erkennen können ist, dass wir den Tänzer nicht von seinem Tanz oder der (Trainings-)Bühne trennen können. Nehmen wir ein Element weg, so zerfällt das Ganze. Ohne Tänzer kein Tanz. Ohne Tanz kein Tänzer. Ohne (Trainings-)Bühne kein Tanz und kein Tänzer. Wir können freilich artifiziell eine Unterscheidung der drei Elemente vornehmen, doch lasst uns dies einmal nicht tun! Wir betrachten nun Tanz, Tänzer und Bühne als ein konzeptionelles Ganzes.</p>
<p>Wir wissen aus der Linguistik und Philosophie, dass wir Welt und Sprache nicht als singuläre Elemente betrachten können – ebenso wenig wie den Tanz (Sprache) oder die Bühne (Welt). Unsere Erkenntnis von der Welt und unser Handeln in der Welt ist immer an Sprachspiele gebunden (Wittgenstein), und die großen modernen Erzählungen von Welt als Ganzes und Sprache als Ganzes sind zerfallen (Lyotard). Es gibt, mit anderen Worten, nicht ‚die‘ deutsche Sprache. Sprache ist ein Prozess, verändert sich stetig, unterliegt Einflüssen und Interpretationen und ist kein ‚Ding an sich‘ oder existiert unabhängig von uns. Auch ist Welt ganz stark an unsere Vorstellung von Welt gebunden und existiert nicht ohne uns, sondern ist ein integrales Ganzes; bestes Beispiel ist der Hausmeister, der beim Anblick des ersten Hubble Depp Field Bildes, welches einen kleinen Teil des Sternenhimmels darstellt, ausruft: „Ihr Idioten! Ihr habt also für mehrere Milliarden Dollar eine Maschine gebaut, die Punkte auf schwarzem Hintergrund ausdrucken kann?“ Unsere Vorstellung vom Universum ist <em>auch</em> ein kollektiver Konsens und ist <em>auch</em> sozial konstruiert. Das Universum kann nicht ohne uns und unsere Beschreibung davon existieren.</p>
<p>Es ist jedenfalls offensichtlich, dass <em>Naturals</em> eine ganz innige Beziehung zu ihrer Erfahrungswirklichkeit haben. Sie scheinen über einen metaphysischen Schlüssel zu verfügen, sich bestimmte Wirklichkeiten – wie baut man den besten Papierflieger und welche Erfahrung geht dabei einher – erschließen zu können. Czikzentmihali argumentiert, dass man im Flow eine Ordnung im Geiste erzeugt und Entropie durch Komplexität ersetzt; mit andern Worten: Man stellt eine Einheit von Tanz-Tänzer und Bühne her. Vielleicht ist dies die zunächst beste Annäherung an das Phänomen der <em>Naturals</em>. Boris Becker hat einen anderen und einzigartigen Zugang zu Wirklichkeiten als Einstein, Obama, Vedder oder Wilber. Von diesem Standpunkt ist es schwer zu sagen, dass ein Zugang besser oder schlechter, einfacher oder komplexer ist. Genauso wenig, wie mein Haustürschlüssel weder besser noch komplexer als mein Garagenschlüssel ist.</p>
<p>Doch wir haben die Frage nach der Natur von Daimonen oder ihrer Herkunft oder, was das alles mit Spiritualität zu tun hat, immer noch nicht einmal annähernd beantwortet.</p>
<h4>Kennzeichen des Daimone</h4>
<p>Wieder in bester AQAL-Manier: Was sind denn eigentlich die Kennzeichen der Daimone? Vielleicht können wir uns so einer Antwort an die obigen Fragen annähern:</p>
<ol style="list-style-type: lower-alpha;">
<li>Ein inneres Erleben der Sinnhaftigkeit, der Freude &amp; Flow, der Kreativität, der Ordnung und ‚Losgelöstheit‘</li>
<li>Es findet eine ‚Daimonotechnik‘ statt.</li>
<li>Ein soziales ‚Dazugehören‘, ein kulturellen wertvollen Beitrag leisten</li>
<li>Lebensunterhalt (Geld verdienen) schaffen durch die daimonische Arbeit, mit anderen Zusammenarbeiten und ‚Systeme‘ formen</li>
</ol>
<p>Zu A) Gibt den inneren Wert daimonischen Handelns an. Wie jeder, der schon einmal <em>Flow</em> erlebt hat, weiß, befreit einen das daimonische Handeln von jeglicher ‚Ich-Zurechnung‘. Da Tanz, Tänzer und Bühne verschmelzen, setzt auch die personale Zurechnung aus. Nicht selten wird die daimonische Handlung beschrieben vielmehr als etwas, was ‚mir passiert‘, als etwas, ‚was ich selbst tue‘. Meister des Pranayama wissen: ‚Es atmet mich‘. Mit dieser Lösung von egoischen Selbst tritt Intensität und Ekstase auf, bestens bekannt aus sämtlichen spirituellen Praxen. An den postmodern-psychologischen Konzepten wie Flow erkennt man eine ‚Spiritualisierung des Profanen‘, d.h. man kann auch Glückseligkeit und Ekstase und innere Befreiung erfahren, wenn man, seinem Charisma entsprechend, handelt, und sei es, mit Holz zu arbeiten oder einen neuartigen Papierflieger zu bauen. Nicht das ‚Was‘ der Handlung ist entscheident, sondern das ‚Wie‘!</p>
<p>Zu B) Eine <em>Daimonotechnik</em> ist das angewandte Wissen, wie man sein Charisma findet und ausdrückt. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen, die ein Ganzes sind. Man darf die einfache ethische Injunktion ausdrücken: Tu was Du willst! Damit ist kein (prä-)egoisches Wollen gemeint, sondern die innere Verpflichtung, tatsächlich zu tun, was man als moralisch richtig empfunden hat, um sich damit zu befreien und zu entwickeln. Einfachstes Beispiel: Wenn ich mir meines Talentes als Heimwerker bewusst bin, werde ich auch meinen Lebensunterhalt (d) damit bestreiten und nicht als Beamter mein Unwesen treiben, nur weil es finanziell ‚sicherer‘ ist. (Heutzutage ist übrigens nichts sicher). Wenn ich mich entschieden habe, dass es sinnvoll ist, zwei Stunden täglich zu meditieren, muss ich lernen, auch dies zu tun, und mich mit den unsäglichen psychischen Programmen, denen das gar nicht gefällt, auseinandersetzen.</p>
<p>Daimonotechnik heißt aber auch: Wiederhole das gewünschte Verhalten, differenziere es aus, forme neue (kognitiven) Strukturen und erzeuge eine neue psychologische und sozial Form (einen wertvollen Beitrag) ©; dies ist Darwins Evolutionstheorie vom systematischen Standpunkt auf individuelles Handeln angewendet. (Ich habe übrigens ein fantastisches Buch über die <em>Daimonotechnik</em> geschrieben.)</p>
<p>Freilich muss man ein Gespür dafür haben/entwickeln, was es ist, was man will, oder was der eigene Daimon oder die eigene Perspektive ist; das kann einem leider niemand sagen. Man ist in dieser Existenz ‚leider‘ dazu verpflichtet, herauszufinden, was sein Charisma ist, oder dazu verdammt, jene Unzufriedenheit zu spüren, von der jeder genau weiß, welche ich meine.</p>
<h4>Summa Summarum</h4>
<p>Wenn immer noch nicht klar geworden ist, was Daimone mit Spiritualität zu tun haben, möchte ich hinzufügen, dass Spiritualität vor allem immer etwas mit Handeln zu tun hat. Eine Erkenntnis, die sich nicht ins Handeln überführen lässt, ist nichts wert. Wenn ich lautstark gegen die Regenwaldabholzung protestiere und dennoch mein täglich Fleisch haben will, ist ernsthaft was in meiner Psyche kaputt. Daimone drücken sich in Handlung aus. Daimone sind Ausdruck des <em>Unique Self</em>, sind angewandtes Werkzeug zur spirituellen Befreiung. Es ist ganz unwesentlich herauszufinden, ‚woher‘ Daimone oder das Charisma stammt, denn dies ist eine rein theoretische Fragestellung. <em>Tu was Du willst, und tue dies in Liebe</em>. Wenn es je eine spirituelle Anweisung gegeben hat, wie man seinen Alltag ‚spiritualisiert‘, wie man sein Talent nutzt und seine Evolution vorantreibt, so wird es diese sein.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2012/09/21/naturals/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Konzentration</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/12/12/konzentration/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/12/12/konzentration/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 13:26:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tom Amarque</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Hinduismus]]></category>
		<category><![CDATA[Integral/Evolutionär]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=4022</guid>
		<description><![CDATA[Wir sprechen normalerweise von ‚Konzentration‘, wenn wir unsere Aufmerksamkeit und Geistestätigkeit auf eine bestimmte Sache richten. Obwohl uns im Alltag so ein Verständnis durchaus in der Kommunikation hilft, um uns zu verständigen, zeigen sich viele Wunder, wenn man, wie überall sonst auch, ein wenig tiefer in die Sache eintaucht. Ich möchte hier in literarischer Form [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4037" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_20873098.jpg" rel="lightbox[4022]"><img class="size-thumbnail wp-image-4037" title="Konzentration" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/dreamstime_xs_20873098-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">© Woodooart | Dreamstime.com</p></div>
<p>Wir sprechen normalerweise von ‚Konzentration‘, wenn wir unsere Aufmerksamkeit und Geistestätigkeit auf eine bestimmte Sache richten. Obwohl uns im Alltag so ein Verständnis durchaus in der Kommunikation hilft, um uns zu verständigen, zeigen sich viele Wunder, wenn man, wie überall sonst auch, ein wenig tiefer in die Sache eintaucht. Ich möchte hier in literarischer Form die Aufmerksamkeit auf den Prozess der Aufmerksamkeit selbst legen; wir können dies aber auch für uns selbst in der Meditation tun. Tatsächliche möchte ich den Begriff der Konzentration insofern nicht für eine besondere Form von Aufmerksamkeit verwenden, sondern auf einen Zustand, den man zuerst in der Meditation erfahren kann.</p>
<p>Konzentration, so wie ich sie begreife, ist das Ergebnis eines Meditationsprozesses, wenn man, einfach gesagt, über einen langen Zeitraum (z.B. 2 Stunden) tatsächlich an nichts anderes denkt als ein vorher gewähltes Meditationsobjekt (z.B. die Nasenspitze), wenn also alles andere <em>chatter</em> und Hintergrundrauschen des Geistes schon zur Ruhe gekommen ist und keine geistige Regung das beobachtete Objekt stört … setz dich einmal für zwei Stunden in die bewegungslose Meditation, dann wirst du wissen, was ich mit dem chatter und gedanklichen Hintergrundrauschen meine. Diese Form der Konzentration tritt gewöhnlich erst nach einigen Jahren des Meditationstrainings auf; ungleich schwerer ist es, diesen Zustand über eine geraume Zeit – sei es 2, 5 oder 10 Stunden – aufrechtzuerhalten.</p>
<p>Konzentration tritt gebau dann auf, wenn durch diese Meditation plötzlich das Subjekt (also der Beobachter; der, der seine Aufmerksamkeit z.B. auf die Nasenspitze ausrichtet), das Objekt der Beobachtung (zum Beispiel die Nasenspitze oder ein Mantra) und der Prozess des Beobachtens (der ‚Strom meiner Aufmerksamkeit‘ oder der kognitive ‚Fokus‘) <em>miteinander verschmelzen</em>. Das ‚Verbleiben-können‘ in diesem Zustand der Einheit nenne ich Konzentration.<sup class='footnote'><a href="#fn-4022-1" id='fnref-4022-1'>1</a></sup></p>
<p>Dieser Zustand ist einer genaueren Betrachtung wert, denn es kann uns viel über die Natur der spirituellen Entwicklung, aber auch viel über die ‚wahre‘ Natur unseres Bewusstseins sagen. Aus drei wird hier eines: Tatsächlich ist es für denjenigen, der sich in diesem Zustand befindet, vollkommen unmöglich, einen kategorialen Unterschied zwischen Subjekt, Objekt und Prozess zu beobachten: Es ist tatsächlich und unverrückbar eins. Diese Vereinigung erzeugt erst eine kurze Verwirrung (manchmal auch einen Schock) und man erkennt, dass die Trennung Innen/Außen, Selbst/Andere, Ich/Du künstliche Kategorien des Geistes sind; es wird einem buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen.</p>
<p>Doch mit dieser Erkenntnis geht auch ein sublimes Gefühl der Ekstase oder auch tiefen, stillen Freude einher (die aber sehr schnell wieder verschwindet, da diese Freude ja nicht Teil der Konzentration  und in gewisser Hinsicht eine Störung ist). Tatsächlich <em>fühlt</em> es sich an, als sei man der Wahrheit ein Stück näher gekommen, als repräsentiere dieser Zustand die wirkliche Natur des Bewusstseins auf viel deutlichere Weise, als es unser Alltagsbewusstsein tut.</p>
<p>Häufig verwechseln wir die <em>kognitiven Kategorien</em> unseres Geistes mit der angenommen <em>Wirklichkeit</em>, auf die sie zeigen. Die Wahrscheinlichkeit ist z.B. sehr hoch, dass mein Körper ‚real‘ ist. Doch ich sollte mich von dieser Wahrscheinlichkeit nicht blenden lassen, denn ich kann über meinen Körper nur nachdenken, ihn sehen, fühlen, schmecken, riechen und hören, weil ich die kognitiven <em>Kategorien</em><sup class='footnote'><a href="#fn-4022-2" id='fnref-4022-2'>2</a></sup> dafür entwickelt habe. Dasselbe gilt für alle andere Kategorien, durch die ich die Dinge der Natur, Kultur und meines Selbst ‚erfahren‘ und interpretieren kann.<sup class='footnote'><a href="#fn-4022-3" id='fnref-4022-3'>3</a></sup></p>
<p>Und doch enden diese Kategorien mit der Konzentration. Das, was ich mir zurechne, dass was ich anderem zurechne und der Prozess der Zurechnung, werden eines. Oder besser gesagt: <em>Verwirklichen sich im Einssein</em>. Dies erfordert eine immense Kraftanstrengung, es ist also kein Fallen und Loslassen in niedere, prä-rationale Stufen der A-Dualität, sondern erfordert bildlich gesprochen die geistige Kraft der Kernfusion. Am Anfang dieser Anstrengung können kleine Störungen (wie etwa Freude) diese Einheit zerstören, und man muss von vorne beginnen. Doch je länger man aber übt, umso stabiler wird diese Einheit, und bereitet so den Übergang zu einem ganz anderen Meditationsphänomen vor, über das wir hier aber nicht sprechen wollen. Halte nun  einmal für einen Moment inne und versuche zu realisieren, was dies bedeutet: In diesem Moment der Meditation ist da ist kein Unterschied zwischen dir, dem, was du beobachtest, und dem Prozess der Beobachtung (mithin deinem handeln)!</p>
<p>Genau aus diesem Grund ist Konzentration (und ihr Training) für spirituelles Streben so bedeutsam. Denn die Meditation dient ja nur der Vorbereitung und Training für den Alltag. Spirituelle Verwirklichung im Alltag heißt ja auch, die Unterschiede in den Kategorien integrieren und transzendieren zu können. Es dient so als Übung dafür, im Alltag zu realisieren, dass da kein Unterschied zwischen mir, dir, der Welt und dem Akt der Kommunikation und Beobachtung ist. Zwei ganz besondere Erkenntnisse gehen aber mit der Konzentration einher:</p>
<h4>1) Es gibt kein gefühltes, einzigartiges Selbst</h4>
<p>Alle, die spirituell arbeiten, kommen schnell auf den Gedanken, dass das Ego mit seinen Bedürfnissen, Neigungen und Meinungen etwas ist, das überkommen und dabei doch gesund integriert werden muss. Und doch halten wir manchmal an der Vorstellung fest, durch unsere Geschichte, Talente und Intelligenzen über etwas wie ein Selbst zu verfügen, etwas, das einzigartig ist auf dieser Welt (und damit über bestimmte Grenzen verfügt), etwas, was man über Handlungen – seien sie kreativ oder sonst wie – ausdrücken kann.</p>
<p>Doch das Selbst, oder allgemeiner gesagt: Individualität, endet mit dieser konzentrativen Einheit. Mit der Konzentration erkennen wir, dass die Erfahrungswelt nicht von dem, was wir unser Selbst nennen, unterscheidbar ist. Tatsächlich wird die Vorstellung eines individuellen Selbst, eines Kerns von Persönlichkeit, vollkommen hinfällig. Hier ›gibt‹ es bestenfalls einen Zeugen, der die Fülle der Welt wahrnimmt.</p>
<p>(Dies ist der Grund, warum die großen spirituellen Weisheitstraditionen den spirituellen Weg stets in zwei Weg-Phasen aufteilen: Zunächst den Weg der Erkenntnis des tiefen und authentischen Selbst, und danach den Weg der Zerstörung oder Dekonstruktion eben dieses Selbst. Denn um seine Seele (oder Selbst) der Fülle und dem Non-Dual hingeben zu können, muss man erst einmal wissen, wer oder was diese Seele, dieses Selbst tatsächlich ist. Ansonsten ist diese Hingabe nur halb, nur oberflächlich.)</p>
<h4>2) Alles ist vollständig</h4>
<p>Unsere Erfahrungswelt, die wir im Alltag wie in der Meditation bezeugen können, ist stets vollständig. Dies mag sich zunächst trivial anhören. Doch damit einher geht die <em>gefühlte Fülle der Welt</em>. Egal in welcher Lebenssituation und Lebensabschnitt wir uns befinden, so ändert sich diese gefühlte Fülle nicht. Subtrahiert man das Selbst als getrennte Einheit aus der Erfahrungswirklichkeit — weil es mit der Welt und dem Prozess der Beobachtung verschmilzt, addiert sich die Fülle der Welt.</p>
<p>Unser Ego mag diese gefühlte Fülle mit seinen Bedürfnisse (nach Nahrung, Wärme, Sicherheit, Anerkennung, Gemeinschaftlichkeit, Karriere, Selbsterfüllung und Transzendenz) brechen, tatsächlich kann keines dieser Bedürfnisse, wenn befriedigt, etwas zu der Fülle hinzufügen, sondern nur wegnehmen. Darum heißt es, sich von dem Willen zur spirituellen Befreiung loszusagen. Denn dieser Wille bricht <em>a priori</em> die bestehende Fülle der Erfahrung.</p>
<p><strong>Die Konsequenz dessen ist, dass keine Lebensweise einer anderen vorzuziehen ist.</strong> In der Harmonie der Dinge und im Kontext der gefühlten Fülle der Erfahrung macht es tatsächlich keinen Unterschied, wo ich mich befinde und was ich tue. Wenn ich diese Fülle der erfahrungswirklichkeit realisiere, dann ist alles gleichermaßen voll. Denn aus Perspektive des Zeugen sind alle Phänomene gleichermaßen bedeutend wie unbedeutend. Darum betonen die Traditionen stets auch ein Streben nach <em>Indifferenz</em>.</p>
<p>Meditative Konzentration ist darum, wie man es manchmal hört, nicht zwangsläufig eine ‚männliche‘ Angelegenheit. Natürlich führt sie zu einer Willensschulung, die das non-duale Handeln verwirklichen will, sich also nicht an eine bestimmte Lebensweise und die Früchte seiner Arbeit zu binden. Aber jede Konzentration geht einher mit dem sich (weiblichen) öffnen der Einheit gegenüber, dem Annehmen des anderen als das eigene und umgekehrt.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4022-1'>Einige Traditionen nennen es eine Form von Samadhi. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4022-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-4022-2'>Piaget nennt dieses Kategorien ‚Schemas‘ <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4022-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-4022-3'>Wilber spricht hier vom ‚Mythos des Gegebenen‘, also wenn Kategorie (oder Landkarte) und Gebiet verwechselt werden. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-4022-3">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/12/12/konzentration/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Manifest der Spiritualität</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/12/08/manifest-der-spiritualitat/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/12/08/manifest-der-spiritualitat/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 Dec 2011 09:33:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tom Amarque</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integral/Evolutionär]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>
		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=3953</guid>
		<description><![CDATA[Vorüberlegung Es gibt im Allgemeinen drei Wege, die unterschiedlichen spirituellen Ansätze und Traditionen auf einen Nenner zu bringen. Alle Wege haben gewiss Vorzüge und Nachteile; ein funktionaler Weg besteht freilich darin, alle Aspekte zu integrieren und die jeweiligen Vorteile zu maximieren und Nachteile zu minimieren. Erstens kann man versuchen, die den Ansätzen und Disziplinen zugrunde [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h4>Vorüberlegung</h4>
<div id="attachment_3965" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/ap4edc6a80ae689_s.jpg" rel="lightbox[3953]"><img class="size-medium wp-image-3965  " title="Spiritualität, wie Wissenschaft, Religion, Wirtschaft etc., als ein eigenständiges soziales System" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/ap4edc6a80ae689_s-300x300.jpg" alt="" width="200" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / Tiny little drops © Birgit Franik</p></div>
<p>Es gibt im Allgemeinen drei Wege, die unterschiedlichen spirituellen Ansätze und Traditionen auf einen Nenner zu bringen. Alle Wege haben gewiss Vorzüge und Nachteile; ein funktionaler Weg besteht freilich darin, alle Aspekte zu integrieren und die jeweiligen Vorteile zu maximieren und Nachteile zu minimieren.</p>
<p>Erstens kann man versuchen, die den Ansätzen und Disziplinen zugrunde liegenden oder eingebetteten Ideen oder kulturellen Konzepte zu vergleichen und auf diese Weise zu ewigen Wahrheiten zu kommen; man könnte dies den Weg der Ideen oder <em>philosophia perennis </em>oder<em> universalis</em> nennen. Hierzu gehört auch, <em>die historische Entwicklung</em> der Spiritualität als einem Kulturfach oder Übungssystem des Menschen zu untersuchen.</p>
<p>Der zweite Weg besteht darin, die Entwicklungsstufen des Bewusstseins derjenigen zu untersuchen und zu vergleichen, die diese Ideen, Erkenntnisse und Vorstellungen haben und kommunizieren, nämlich den Individuen, die spirituell arbeiten; man könnte das den Weg der Evaluierung der einzelnen psychologischen und spirituellen Entwicklungsstufen und Zustände (grob, Subtil, kausal, nondual) nennen.</p>
<p>Neben dem spirituellen Erleben (und der Entwicklung) des Einzelnen und den kulturell eingebetteten Ideen ist es sicher sinnvoll, Spiritualität drittens auch als ein soziales Kommunikations-Feld zu betrachten, dass sich durch zwar kulturell unterschiedliche Disziplinen, Techniken, Modellen und Herangehensweisen auszeichnet, deren soziale Handlungen und Kommunikationscodes kulturinvariant jedoch relativ selbst-ähnlich sind.<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-1" id='fnref-3953-1'>1</a></sup> Ich spreche hier von der sozialen Autopoiese des kommunikativen <em>Systems</em> Spiritualität,<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-2" id='fnref-3953-2'>2</a></sup> die auch ein bestimmtes <em>Übungsprogramm</em> verfolgt.</p>
<p>In jeder Hinsicht ist Spiritualität insofern auch ein weites soziales Feld, das aus verschiedenen historischen und kulturellen Ansätzen, Disziplinen, Methoden und Modellen besteht, die durch ihre Genese und Kommunikation alle miteinander verwoben sind. Obwohl Spiritualität in diesem Sinn <em>theoretisch</em> ein Ganzes ist, ist die Kommunikation der <em>Spiritualität als Ganzes</em> noch nicht (oder noch nicht ausreichend) Thema unter den spirituellen Praktizierenden geworden. Das heißt, obwohl es viele Elemente gibt, ist noch kein größeres Ganzes aufgetaucht. Versuche einer <em>Weltspiritualität</em>, die auf der erwähnten Integration von Ideen basiert – z.B. die ‚besten‘ Praktiken und Ansätze aus verschiedenen Traditionen zu kombinieren und eine <em>philosophia universalis</em> der Spiritualität zu kondensieren – ohne dabei die jeweiligen Bewusstseinszustände der Praktizierenden oder der inhärenten Dynamik des ‚Systems‘ Spiritualität in Betracht zu ziehen, müssen scheitern, weil sie nur Teile, nicht aber das Ganze integrieren. Dieses <em>Manifest der Spiritualität</em> möchte eine die Diskussion über eine strukturelle Ordnung der Spiritualität, basierend auf diesen Vorüberlegungen, anregen.<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-3" id='fnref-3953-3'>3</a></sup></p>
<p><strong>Ganz allgemein</strong> basiert dieses Manifest auf der Erkenntnis, dass Spiritualität, wie Wissenschaft, Religion, Wirtschaft etc., als ein eigenständiges soziales System mit eigenen Kommunikationsregeln, Praktiken und Zielsetzungen betrachtet werden kann.<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-4" id='fnref-3953-4'>4</a></sup> Vor allem ist es aber als ein soziales <em>Übungssystem</em> zu verstehen, dass in seiner gegenwärtigen Form mit der Postmoderne aufgetreten ist mit dem Ziel, den Praktizierenden den Übergang von der postmodernen Entwicklungsstufe des Bewusstseins zu einer post-postmodernen – oder, je nach Fasson, autonomen oder integralen) Entwicklungsstufe zu ermöglichen, und zwar in ähnlicher Weise, wie das Übungssysteme Religion dem Individuum normatives Verhalten und das Übungssystem Wissenschaft den Übergang zu der vernunftsbetonten Entwicklungsstufe ermöglichte, welche selbst mit der Aufklärung, Industrialisierung und der Moderne konditioniert wurde.</p>
<p>Folglich gibt es unterschiedliche Verwirklichungen der individuellen Spiritualität: Nämlich jene, die den Übergang von der postmodernen Entwicklungsstufe des Bewussteins zu einer Postmodernen beginnen; zweitens jene, die diesen Übergang zur post-postmodernen Entwicklungsstufe vollendet haben; und drittens jene, für die eine Kategorisierung und lebensweltliche Trennung wie ‚Spiritualität vs. Alltag‘ nicht mehr richtig Sinn ergibt. Dementsprechend sollten vier generelle Kennzeichen einer Weltspiritualität – bzw. der Kommunikation über Spiritualität als System – geschaffen werden:</p>
<h4>1) Es soll drei Gemeinschaften oder Sanghas geben.</h4>
<p>Diese drei Sanghas sollen alle spirituellen Traditionen und Ansätze aus Ost und West umspannen und eine soziale Manifestation natürlicher Wachstumshierarchien des Bewusstseins entsprechend spiritueller und psychologischer Entwicklungsstufen repräsentieren. Diese drei Sanghas sind insofern drei soziale Gemeinschaften oder Attraktoren für unterschiedliche Entwicklungsstufen der Individuen, und können damit <em>Sanghas ersten, zweiten und dritten Grades</em> genannt werden.</p>
<p>Die Individuen, die einer spirituellen Praxis und Disziplin folgen und über konventionelles/egoisches Bewusstsein (ersten Ranges) verfügen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-5" id='fnref-3953-5'>5</a></sup> was eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen &amp; Stadien miteinschließt, sollen <em>Studenten</em> heißen. Studenten können auch Lehrer sein, wenn sie andere Studenten die Disziplinen vermitteln, in denen sie selbst erfolgreich waren.</p>
<p>Die Individuen, die einer spirituellen Praxis und Disziplin folgen und über postkonventionelles/postegoisches Bewusstsein (zweiten Ranges) verfügen, was eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen &amp; Stadien einschließt, sollen <em>Adepten</em> heißen. Sie haben mindestens die integrale/autonome<sup class='footnote'><a href="#fn-3953-6" id='fnref-3953-6'>6</a></sup> Entwicklungsstufe erreicht und Erfahrung mit den groben spirituellen Zuständen; sie haben ihr wahres, authentisches Selbst ‚erkannt‘ und drücken es durch ihre Arbeit aus.</p>
<p>Die Individuen, die einer spirituellen Praxis und Disziplin folgen und über Bewusstsein dritten Ranges verfügen, was eine ganze Reihe von Entwicklungsstufen &amp; Stadien einschließt, sollen <em>erleuchtet </em>genannt werden. Sie haben die nondualen oder finalen Stufen der Bewusstseinsentwicklung erlangt.</p>
<p><em> </em>Jede dieser Stufen, Grade und ‚Ämter‘ verfügt über bestimmte Rechte, Pflichten, Privilegien und Verantwortlichkeiten. Je weiter ein Individuum entwickelt ist, umso komplexer werden seine/ihre Verantwortlichkeit und Pflichten. Ein Anstieg in innerer Komplexität und Verwirklichung muss zudem immer durch eine Steigerung von Intellekt, Liebe (und <em>tough love</em>), Mitgefühl und Wille einhergehen.</p>
<h4>2) Dies ist ein Manifest des (noch unsichtbaren) Sanghas zweiten Grades.</h4>
<p>Das besondere strukturelle Kennzeichen eines Sangha zweiten Grades kann man ‚primus inter pares‘ nennen, was den Vorzug von natürlichen Wachstumshierarchien vor Statushierarchien kennzeichnet. Aus diesem Grund stellt dieses Manifest auch kein Dogma dar, sondern ist ein Aufruf zur Diskussion der in diesem Manifest dargestellten Themen für diejenigen, die sich berufen fühlen – und das heißt: über Bewusstsein zweiten Ranges verfügen.</p>
<h4>3) Studenten (Schüler und Lehrer ersten Ranges), die Zutritt zu dem Sangha zweiten Ranges wünschen, sollen den folgenden Erfordernissen entsprechen:</h4>
<p>a)  Sie sollen sich einen <em>unabhängig durchgeführten Selbst-Entwicklungstest</em> unterziehen, der zeigt, dass ihre grundlegenden Entwicklung (in den Bereichen Kognition, Emotion und Volition) den zweiten Rang erreicht haben. Sie sollen ihre Schüler und Gefährten das Resultat dieses Tests zur Verfügung stellen.</p>
<p>b) Sie sollen sich in einer intimen Liebesbeziehung befinden.</p>
<p>c) Sie sollen ihr wahres, authentisches Selbst ausdrücken und beweisen durch eine meisterhafte Arbeit – sei sie künstlerisch, wissenschaftlich, organisatorisch oder anders. Diese Arbeit soll ein ‚Geschenk für die Menschheit‘ genannt werden.</p>
<p>d) Sie sollen von anderen Individuen zweiten Ranges intuitiv erkannt werden.</p>
<p>All diese Erfordernisse dienen der Qualitätssicherung und daher der psychologischen/sozialen Evolution. Es muss den Studenten enthüllt werden, auf welcher Entwicklungsstufe sich welcher Adept befindet und was seine Schatten, Pathologien wie auch seine oder ihre Kompetenzen und besonderen Fähigkeiten sind.</p>
<p>Wir empfinden eine solche Qualitätssicherung normal und erforderlich in Bezug auf Wissenschaft, Religion, Erziehung, Produktion, Politik etc. Eine solche Sicherung ist auch für das soziale Feld der Spiritualität erforderlich; der Gedanke daran ist uns einfach noch ungewohnt.</p>
<h4>4) Die allgemeinen Pflichten und Aufgaben des Sanghas zweiten Grades sind:</h4>
<p>a) Neues Entwicklungswissen und Anwendungen zu erzeugen, die auch an die Sanghas ersten Ranges weitergeleitet werden können.</p>
<p>b) Grundlegende und gegenwärtige ethisch-spirituelle Problemstellungen zu adressieren, sowie Perspektiven und Lösungen bieten.</p>
<p>c) Das sich die Adepten auf dem Weg zur Verwirklichung ihres Bewusstsein dritten Ranges unterstützen.</p>
<p>d) Sie sollen lehren.</p>
<p>Ein institutionalisiertes gesellschaftliches Subsystem ‚Spiritualität‘ – vor allem sichtbar an einem Sangha zweiten Grades – orientiert sich an wissenschaftlich akzeptierten Entwicklungsstufen des Bewusstseins und stellt Gesellschaft damit einen Zertifikationsmechanismus zur Verfügung, indem die Entwicklung des Bewusstseins des Einzelnen, mit allen weltlichen Implikationen, dem Dienst von Allen gilt.</p>
<p>Hieran wird auch der Nutzen oder die Funktion der Spiritualität als System deutlich: Nämlich Qualitätssicherung der Entwicklung der spirituell Strebenden zu gewährleisten.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-3953-1'>Ganz allgemein gesagt dreht sich kommunikative Spiritualität nicht wie etwa die Wissenschaft um objektiv messbare <em>Wahrheit</em> oder einen kommunikativen Wahr/Falsch-Mechanismus, sondern um die sozial-autopoietische Produktion von (Selbst-) <em>Erkenntnis</em>; die einzelnen spirituellen Disziplinen bestehen dann darin, wie Erkenntnis erzeugt und die Produktion von Erkenntnis tradiert, verändert und verbessert werden kann. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-2'>Vgl. Amarque, 2011. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-3'>Obwohl ich im Folgenden häufig den Imperativ ‚soll‘ nutze, tun ich dies lediglich aus literarischer Konvention, nicht aber aus inhaltlicher Notwendigkeit. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-4'>Vgl. Amarque, 2011. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-5'>Vgl. Wilber, <em>Integrale Psychologie</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-3953-6'>Vgl Cook-Greuter, <em>9 Stufen zunehmenden Erfassens</em>. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3953-6">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/12/08/manifest-der-spiritualitat/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Evolution der Magie</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/11/26/die-evolution-der-magie/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/11/26/die-evolution-der-magie/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 26 Nov 2011 00:16:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Integrale Landkarte]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=3768</guid>
		<description><![CDATA[Die Vermischung von Natur und Kultur Wir alle haben schon von den drei universellen Kategorien der Natur, Kultur und des Selbst gehört. Doch was heute relativ leicht zuzurechnen ist – z.B. unser Körper als Teil der Natur, unsere Beziehungen und auch unser tradiertes Wissen als Teil der Kultur und unser Bewusstsein und Intuition als Teil [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h4>Die Vermischung von Natur und Kultur</h4>
<div id="attachment_3788" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad8a63ac11f3_s.jpg" rel="lightbox[3768]"><img class="size-medium wp-image-3788 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/ap4ad8a63ac11f3_s-300x153.jpg" alt="" width="300" height="153" /></a><p class="wp-caption-text">Bildquelle: aboutpixel.de / märchenwald II © Christoph Ruhland</p></div>
<p>Wir alle haben schon von den drei universellen Kategorien der <em>Natur</em>, <em>Kultur</em> und des <em>Selbst</em> gehört. Doch was heute relativ leicht zuzurechnen ist – z.B. unser Körper als Teil der Natur, unsere Beziehungen und auch unser tradiertes Wissen als Teil der Kultur und unser Bewusstsein und Intuition als Teil unseres Selbst – war nicht immer so sauber voneinander getrennt. Das liegt vor allem deshalb, weil es sich bei diesen Bereichen – aus der Sicht des Individuums – zunächst erst mal um drei <em>Kategorien</em> handelt. Wie uns Piaget gezeigt hat, müssen Kinder solche Kategorien (im Allgemeinen) erst einmal entwickeln, um sich später in der Welt zurechtzufinden; und wie wir aus der Medizin wissen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-1" id='fnref-3768-1'>1</a></sup> können wir durch Gehirnschäden sogenannte <em>Agnosien</em> erfahren, die diese kognitiven Kategorien auch wieder auflösen, mit dem Resultat, dass Menschen z.B. keine <em>Bewegung</em> mehr beobachten können, oder keine Formen (und die damit einen Stuhl, der vor einer Tür steht, nicht mehr unterscheiden können), oder Gesichter, je nachdem, welche Hirnregion eine Schaden erlitten hat.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-2" id='fnref-3768-2'>2</a></sup></p>
<p>Wie Habermas, Lévi-Strauss und andere mehrfach gezeigt haben, waren in der archaischen Vormoderne des Mensch-Seins zwei dieser drei existenziellen Erfahrungsbereiche des Menschen, nämlich <strong>Natur und Kultur,</strong> miteinander vermischt. Es herrschte noch keine klare Trennung vor, oder genauer gesagt: Der archaische Mensch hatte diese Kategorien noch nicht klar voneinander differenziert. „<em>Der Mythos</em>“, so Habermas, „<em>erlaubt keine klare grundbegriffliche Differenzierung zwischen Dingen und Personen, zwischen Gegenständen, die manipuliert werden können, und Agenten, sprach– und handlungsfähigen Subjekten, denen wir Handlungen und sprachliche Äußerungen zurechnen. So ist es nur konsequent, wenn die magischen Praktiken die Unterscheidung zwischen teleologischen und kommunikativen handeln […] nicht kennen</em>“ <sup class='footnote'><a href="#fn-3768-3" id='fnref-3768-3'>3</a></sup> Natur und Kultur wurden so auf eine Ebene projiziert und wird erst mit der Moderne und dem rationalistischen Weltbild vollständig getrennt.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-4" id='fnref-3768-4'>4</a></sup></p>
<p>Diese Vermischung (oder mangelnde Differenzierung) führte so zu prä-rationalen <em>magischen Praktiken</em>, durch Veränderung der Sprachgewohnheit oder des Mythos Einfluss auf die Natur-Spähre des Menschen zu nehmen: Die piktografische und künstlerische Darstellung der erfolgreichen Jagd führt zum tatsächlichen Jagderfolg; die besonders elaborierte Lüge führt zur Heilung der Krankheit,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-5" id='fnref-3768-5'>5</a></sup> die besondere Deutung des Omens zu Heil und Unheil für das Individuum und seine Familie, Freunde und Feinde und der speziell gefertigte Talisman zur Beeinflussung des Wetters. Man sollte dabei nicht den Fehler machen, anzunehmen, dass solche Techniken, nur weil sie ‚prä-rational‘ sind, nicht ‚funktionieren‘. Das hieße, unser rationalistisches Weltbild, indem so etwas <em>per definitionem</em> nicht möglich ist, mit den archaischen Weltbildern zu verwechseln, die ihnen zugrunde zu liegen. Tatsächlich haben Anthopologen und Forscher wie Lévi-Strauss, Mircea Eliade<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-6" id='fnref-3768-6'>6</a></sup> aber auch Systemtheoretiker wie Allan Combs<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-7" id='fnref-3768-7'>7</a></sup> immer wieder darauf hingewiesen, dass solche magischen Praktiken, zu denen auch z.B. Telepathie, zählt, bei archaischen Gesellschaften eher die Regel als die Ausnahme waren. Sie sind möglich, nicht nur weil ihnen ein anderes Weltbild zugrunde liegt, sondern weil wir, wie ich unten zeigen werden, über den Kosmos letztendlich nichts anderes wissen als Weltbilder, die sich kontinuierlich verändern. Das heißt, wenn man Voodoo praktizieren will, reicht es nicht, die besonderen Techniken zu lernen; man muss vielmehr auf eine frühere Entwicklungsstufe und Weltbild zurückfallen und sich in einer Gemeinschaft von Menschen bewegen, die dieses prä-rationale Weltbild teilen (dies ist auch der Grund dafür, warum solche magischen Praktiken auch niemals in einem wissenschaftlich-rationalen Setting ‚funktionieren‘, also mit Menschen [z.B. „Wissenschaftlern“] die das rationale Weltbild haben). Ich werde weiter unten darauf zurückkommen.</p>
<h4>Die Vermischung von Kultur und Selbst</h4>
<p>Interessanterweise finden wir mit dem Aufkommen der Postmoderne eine ähnliche Vermengung zweier Existenzbereiche, nämlich von<strong> Kultur und Selbst</strong>. Sie entsteht zunächst mit der beginnenden Differenzierung der Kategorie des Selbst durch das Aufkommen der methodischen Psychologie und Spiritualität am Ende des 19ten Jahrhunderts, dem Beginn der Postmoderne. Mit jeder weiteren Unterscheidung nimmt die kategoriale Trennung von Kultur und Selbst zu, zunächst aber sind sie ähnlich vermengt wie die Kategorien Natur und Selbst beim archaischen Menschen.</p>
<p>Am einfachsten erkennt man die Vermischung (oder fehlende Differenzierung) daran, dass Menschen heute den oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen, den sie ‚Persönlichkeit‘ oder ‚Charakter‘ nennen – und zu denen auch ihre Gedanken, Gefühle, Stimmungen, ihr Selbstbild und Rollenverhaltensweisen, ganz besonders aber ihre Intentionen und ihr Wille zählen – zwar dem Bereich ihrer Psyche oder ihres ‚Selbst‘ zurechnen, dabei aber verkennen, dass dieses Selbstbild und dazugehörenden Verhaltensweisen und Gefühle und Meinungen ausschließlich <em>sozial konditioniert</em> ist. Mit anderen Worten: Sie rechnen ihre Persönlichkeit und Wertvorstellung dem (Bereich des) <strong>Selbst</strong> zu, obwohl er eigentlich dem Bereich der <strong>Kultur</strong> entspringt. Besonders deutlicher sieht man das an postmodern-pluralistischen Rollenkonzeptionen wie etwa dem <em>Hipster</em>, der Individualität ausdrücken soll, dabei aber in Wirklichkeit ein vollkommen sozial konditionierter Bereich von stereotypen Verhaltensweisen, Meinungen, Habitus und Kleidungscode darstellt, den alle kopieren (und damit der Idee der Individualität paradoxerweise zuwiderlaufen) und der massiv von der Mode-, Entertainment– und Werbeindustrie beworben wird.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-8" id='fnref-3768-8'>8</a></sup> Interessanterweise ist es nun stets auch eines der Ziele der Spiritualität und aufgeklärten Psychologie/Philosophie, das Individuum von diesem oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen, Werten, Stimmungen, Gedanken, Gefühlen und Meinungen zu befreien und zum wahren, authentischen Selbst (<em>unique self</em>) zu führen, welches tatsächlich dem Bereich des ‚Selbst‘ zugehört. Insofern ist es nicht weit hergeholt, die Spiritualität als ein Vehikel zu einer post-postmodernen Bewusstseinsstruktur zu verstehen, in der die Trennung von Kultur und Selbst vollständig ist.</p>
<p>Diese Vermischung von Kultur und Selbst kann als eines der grundlegendsten Probleme der Postmoderne betrachtet werden, da sie auch zu so merkwürdigen Phänomenen wie die schon so oft beschrieben <em>performativen Widersprüchen</em> führt, bei dem der (individuelle oder selbstbezogene) Sprechakt mit der (sozialen oder kulturellen) Aussage vermengt wird, wie z.B. „Alles ist relativ“ ( … wenn alles relativ ist, denn auch dieser Satz; das heißt es gibt Dinge die nicht relativ sind, im Gegensatz zur Aussage des Satzes). Das es sich dabei um mehr als Satzspiele handelt, hat Habermas deutlich gezeigt, und uns wird es auch ganz klar, wenn wir uns den Habitus (und mithin Ethik) mancher Postmoderner vor Augen halten, wenn sie implizit meinen: „Ich verabscheue jene, die nicht lieben“.</p>
<p>Eine weitere Verzerrung, die sich aufgrund der Vermischung (und nicht vollständigen Trennung) der beiden Bereiche Kultur und Selbst ergibt, wird in dem Allgemeinverständnis des Begriffs der ‚Intersubjektivität‘ deutlich, die gleichzeitig Teil der Kognition und des Sozialen sein soll (wie der Begriff auch schon andeutet). Kaum wird dabei berücksichtigt, dass jede ‚intersubjektive‘ Erfahrung, die wir haben (und damit jede menschliche Beziehung, die wir führen) vom Standpunkt des Bewusstseins tatsächlich nur eine kognitive Projektion sein kann, und zwar auf ähnliche Weise, wie uns unsere Erfahrung der <em>Qualia</em>,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-9" id='fnref-3768-9'>9</a></sup> also jener rudimentären Bewusstseinseinheiten verleitet, zu Projektionen auf die materielle Welt verleitet. Tatsächlich ist der Begriff der Intersubjektivität einer jener ‚Black Box‘-Begriffe, die auf etwas zeigen, was wir tatsächlich nicht wirklich erfahren können – obwohl es schwerlich zu leugnen ist, dass es Formen von Intersubjektivität gibt –, denn sobald wir behaupten, ein intersubjektives Phänomen zu beobachten, tun wir dies im Rahmen unserer eigenen Informationsverarbeitung und Kognition, bewegen uns also im psychischen (und nicht im sozialen) Raum.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-10" id='fnref-3768-10'>10</a></sup> Das heißt also nicht, dass es den sozialen Raum oder Formen der Intersubjektivität nicht gibt. Es heißt nur, dass wir schnell in eine Grube fallen, wenn wir von einem allgemeinen oder <em>gefühlten</em> Verständnis der Intersubjektivität ausgehen, wie es heutzutage häufig geschieht.</p>
<p>Dasselbe gilt auch für Modebegriffe wie ‚geteilte Erfahrung‘ [shared experience], die es eigentlich nicht geben kann, da Erfahrung ein psychologischer Begriff ist und sich die Erfahrung zweier Personen aufgrund ihrer Perspektive, ihrer Gefühle, Stimmungen, Gedanken Entwicklungsstufe, Kontext immer unterscheiden. Je genauer man hinschaut und die angeblich geteilte Erfahrung zweier Personen untersucht, umso mehr Unterschiede sieht man. Man kann indessen den Begriff der geteilten Erfahrung für <em>grobe</em> Kriterien verwenden wie etwa: Menschen teilen die Erfahrung der Existenz, des Sterbens, von Problemen und das lösen von Problem im Alltag, von Krankheiten etc., doch sobald man vom Abstrakten ins Konkrete versucht zu gehen, muss man erkennen, dass sich die jeweiligen Erfahrungen, wie jemand diese Dinge erfährt, vollkommen unterscheiden. Wie wir sehen werden, werden diese Dilemmas und Problem erst mit der vollständigen Differenzierung von Selbst und Kultur aufgehoben, und eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei die Magie.</p>
<h4>Magie</h4>
<p>Diese Vermischung und Differenzierung der drei Kategorien und Erfahrungsbereiche Natur, Kultur und Selbst bringt nun, ganz allgemein gesagt, spezielle (Geistes-) Technologien hervor; Technologien, die man auch ganz einfach ‚Magie‘ nennen könnte, wenn man auf das viel bemühte Zitat von Arthur C. Clarke zurückgreift: „<em>Jede hinreichend fortgeschrittene</em> Technologie ist von <em>Magie</em> nicht zu unterscheiden.“ Das heißt anders herum formuliert: Magisch ist jede hinreichend fortgeschrittene Technologie. Diese Definition reicht vollkommen, um auch die Evolution der Magie aufzuzeigen.</p>
<p>Es wird insofern vielleicht überraschen zu erfahren, das Zauberkräfte, magische Praktiken oder <em>Siddhis</em>, nicht zwangsläufig <em>immer</em> irr– oder prärational sind. Tatsächlich treten magische Praktiken oder Geistestechnologien <em>mit jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins auf</em>, und damit immer dann, wenn eine Entwicklungsstufen möglichen und Technologien ermöglicht, die für die darunter liegende Stufe unmöglich sind. Um die Natur dieser Praktiken zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf die Weltbilder selbst richten, und damit natürlich auf die Entwicklungsstufen des Bewusstseins.</p>
<h4>Archaisches Weltbild und Magie</h4>
<p>Ich hatte oben schon einiges über das magisch-mythische oder auch archaische Weltbild gesagt. Wie uns die Anthropologen gezeigt haben, existiert in den archaischen Gesellschaften kein kohärenter <em>physikalischer,</em> sondern <em>mythologischer</em> Gesamtzusammenhang der Weltdeutung, d.h. ein Netz von unterschiedlichen Geschichten und Beschreibungen, die sich von geografischem Standort zu Standort unterscheiden.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-11" id='fnref-3768-11'>11</a></sup> Wie Habermas hervorhebt: Nicht das <em>Denken</em> oder die <em>Logik</em> unterscheidet den archaischen vom modernen Menschen, sondern die Inhalte oder Begründungen,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-12" id='fnref-3768-12'>12</a></sup> und diese mythologischen Inhalte werden erst mit der Moderne durch die Physikalischen ersetzt. Mit einfachen Worten: Der archaische Mensch ist nicht ‚dumm‘ oder denkt anders als wir. Er begründet sein logisches Schließen genauso wie wir. Er geht nur von einem anderen Weltbild und damit Kontext aus.</p>
<p>Dementsprechend finden wir hier archaische Formen von magisch rituellen Praktiken, die sich lokal, wie auch die Mythen, unterschieden. Eine große Rolle spielt hier, ich sagte es schon, die Vermischung der Bereiche Natur und Kultur, was zu Phänomenen der <em>Synchronizität</em> führt. Nur aufgrund dieser Synchronizität oder Zufälligkeit kann der rituelle Akt oder die bildliche Darstellung der wirklichen Handlung vorausgehen: Wie etwa der bildlichen Darstellung der Jagd und der tatsächlichen Tötung des Wildes. Prärationale Magie heißt, sich in diesen Netzen der Synchronizität und Koinzidenz zu bewegen; das heißt also, dass nicht der sprachliche Akt einen ‚magischen‘ Einfluss auf das tatsächliche Ergebnis aufweist, sondern dass der sprachliche Akt nur dann getan wird, wenn das Ereignis auch eintreten kann. Man muss hier sehr aufpassen, nicht in eine modern-rationalen Kategorie und dem Schema <em>Ursache/Wirkung</em> abzugleiten. Man könnte also sagen: Der Schamane hat ein Gespür für diese synchronistischen Tänze, und je klarer seine Intuition, umso größer seine Macht.</p>
<p>Telepathie ‚funktioniert‘ ebenfalls durch diese synchronistische Zusammenhänge. Wie der Nobelpreisträger Thomas Schelling zeigen konnte, nutzen Menschen, wenn sie keine Möglichkeit der direkten Kommunikation haben, eine Technik, die in der „Erwartung einer Person, was der andere von ihm erwartet, dass er es erwartet, was erwartet wird, zu tun“ besteht.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-13" id='fnref-3768-13'>13</a></sup> Diese sogenannten <em>Schelling Points</em> (also einfach gesagt wenn die Erwartungsstrukturen zweier Personen konvergieren) treten aber auch ganz häufig in unserem Alltag auf, z.B. wenn wir mit unserem Partner oder Freund im Auto sitzen, eine bestimmte Kreuzung passieren, und beide an dasselbe denken (was sie auch überrascht ausdrücken). Je intimer und vertrauter man mit einer Person ist, umso häufiger treten auch diese Schelling Points auf, denn die Erwartungsstrukturen passen sich aneinander an.</p>
<h4>Traditionelles Weltbild und Magie</h4>
<p>Aus der Vielzahl von örtlichen oder lokal-ansässigen Mythen erzeugt hier im Westen die traditionell-christliche Bewusstseinsstruktur (oder das blaue <sup>v</sup>Mem [Spiral Dynamics]) vor knapp 2000 Jahren einen einheitlichen mystischen Erzählzusammenhang: <em>Gott hat die Welt in 6 Tagen erschaffen, am 7 Tag ruhte er.</em><sup class='footnote'><a href="#fn-3768-14" id='fnref-3768-14'>14</a></sup> Dies ist die große Leistung des Christentums: Die unterschiedlichen Geschichten und Mythen in einem großen Mythos zu vereinen. Aus den Schamanen sind Priester geworden, doch ihre Macht ist ungleich größer. Sie verfügen über die magische Kraft der Absolution und des Seelenheils und die Fähigkeit, die Stämme, Klans, Landstriche und Länder unter ein mythisches Dogma zu stellen und zu integrieren. Die Funktion des Priesters ist ähnlich wie die des Schamanen: Nämlich den Zusammenhalt und die Gesundheit und die Zukunftsfähigkeit des Stammes zu gewährleisten. Und diese Funktion konnte vom Priester in einem viel größeren Ausmaß ausgeübt werden.</p>
<p>Bedingt dadurch, dass die vollständige Differenzierung von Natur und Kultur erst mit dem später auftauchenden modernen Weltbild eintritt, gilt in Bezug auf die Magie für dieses Zeitalter vieles, was auch für das archaische Zeitalter galt. Den bedeutendsten Unterschied kann man jedoch durch den Zusammenhang von Weltbild und Erlösungsvorstellung verdeutlichen. Wie Ken Wilber und Allan Combs deutlich gezeigt haben, hängt die Art, wie wir besondere (auch spirituelle) Zustände unseres Seins interpretieren und erfahren (grob/subtil/kausal/nondual), von dem Weltbild und den Erfahrungshorizont ab, den wir haben. Ein traditionell-christlicher Mensch wird eine kausale Erfahrung anders interpretieren als ein Postmoderner. <em>Doch wir können diese Zustände auch als tatsächliche Existenzebenen betrachten</em>,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-15" id='fnref-3768-15'>15</a></sup> zu denen wir Zugang finden; wir finden hier also eine Dichotomie von bewusstseinseigenen Zuständen und tatsächlichen Existenzebenen (wie auch die auch die materielle Welt eine tatsächliche Existenzebene ist), die gleichberechtigt nebeneinander steht.</p>
<p>Das heißt, dass das Heilsversprechen, das der Christ erfahren kann, eng mit der Funktion des Priesters verbunden ist. Das Seelenheil, was dieser verspricht, wirkt für den Christen real. Der Siegeszug des Christentums hier im Westen kommt also nicht von ungefähr; so wird deutlich, warum sich im Mittelalter die Frauen selbst als Hexen anzeigten, um ihre Seele zu retten und zu brennen.<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-16" id='fnref-3768-16'>16</a></sup> <em>Es entsprach ihrer unmittelbaren Erfahrung</em>, das etwas unreines, ja teuflisches, von ihrem Sein Besitz ergriffen hatte, von dem sie sich zu läutern hofften. Auch hier dürfen wir nicht mit modernen-rationalen Kontexten solche Erfahrung entwerten.</p>
<h4>Modernes Weltbild und Magie</h4>
<p>Das christliche Weltbild, das Gott nicht nur die Welt erschaffen hat, sondern dass sie von ihm durchdrungen ist und das die Erde das Zentrum der Schöpfung ist, wurde mit der Aufklärung ersetzt durch das physikalisch-biologische Weltbild, indem sich das Universum, ausgehend von Urknall und durch bekannte und noch unbekannte physikalische Gesetzmäßigkeiten (wie etwa die Dunkelenergie) stets weiter ausbreitet. Die Macht dieses Weltbildes und der Physik übersteigt die der mythischen Weltbilder bei Weitem; jeder hat schon die Erfahrung gemacht, sich die Weite des Universums vorzustellen und seine eigene Stellung im unendlichen Kosmos zu verorten.</p>
<p>Weltbilder drücken sich stets, so konnte Korzybski zeigen, in unserer Sprache aus, und Relikte des alten, mystischen Weltbildes haben sich bekanntlich in unserer Sprache erhalten, wie etwa der Formulierung: „Die Sonne geht auf/unter“; sie macht in dem modernen Weltbild ja nicht mehr richtig Sinn; an solchen sprachlichen Verzerrungen kann man den Einfluss der Weltbilder gut bemerken. Und wer hat als Kind nicht die erschreckende Erfahrung gemacht, als er zum ersten Mal realisierte, dass sie Sonne tatsächlich auch in der Nacht scheint; hier spiegeln sich im Kleinen die Übergänge von dem einen mythischen ins rationale Weltbild.</p>
<p>Auch dieses Weltbild bringt seine ganz eigene Technologie, seine eigene Magie mit sich, nämlich in der Moderne die technologischen Errungenschaften an sich. Auf der anderen Seite sind es genau die technologischen Errungenschaften, die eine weitere Ausdifferenzierung des modernen Weltbildes über wissenschaftliche Theorie und Experiment möglich machen. Das geht soweit, wie es Carl Sagen formulierte, dass wir durch unsere wissenschaftliche Technik wieder „in den Bereich des Mythos vordringen“:</p>
<p><em>„Raumfahrt spricht etwas Tief in uns an, bei vielen von uns, wenn nicht allen. Eine wissenschaftliche Kollegin berichtet mir von einer Reise nach Neu Guinea, wo sie eine Steinzeitkultur besuchte, die kaum von der westlichen Zivilisation berührt worden ist. Sie kennen dort keine Armbanduhren, Erfrischungsgetränke oder Tiefkühlnahrung. Aber sie haben von Apollo 11 gehört. Sie wissen, dass Menschen auf dem Mond waren. Sie kennen die Namen von Armstrong, Aldrin und Collins. Sie wollten wissen, wer heute auf dem Mond spazieren geht.“</em></p>
<p>Doch diese externen Errungenschaften sind nur ein Spiegel der Geistestechnologie, die mit der Aufklärung, mit besserer Bildung und eben einem rationalistischen Weltbild einhergeht. Den dieses Weltbild ermöglicht Disziplin, Konzentration, Lernen und Lernen des Lernens, Hingabe an ein Forschungsfeld und nicht zuletzt Logik und rein abstraktes Denken. Diese Geistestechnologie ist allen vorhergehenden Formen von Geistestechnologien (Magie) weit überlegen.</p>
<h4>Postmodernes Weltbild und Magie</h4>
<p>Mit der Postmoderne trat plötzlich ein neuer Erzählzusammenhang und ein neues Weltbild auf, nämlich <em>dass alle vorhergehenden Weltbilder sozial konstruiert sind</em>. Es braucht Menschen und Gesellschaft, um überhaupt zu Weltbildern zu gelangen, es sind sozio-kulturelle Konzepte, die wir uns als Menschen zueigen machen können. Deutlich sieht man auch hier die Vermischung von Kultur und Selbst, und interessanterweise führt diese Vermischung zu neuen und starken Formen der Magie.</p>
<p>Eines der besten Beispiele postmoderner Magie ist sicherlich das <em>Neuro-lingustische Programmieren</em>, das als Blaupause für alle Formen von ‚Mentalprogrammierung‘ dienen kann. Ursprünglich als eine Metatherapieform gedacht, erkannten die Psychologen John Grinder und Richard Bandler jene Sprachmuster, durch die wir unsere Verhaltensweisen, Denkmuster, Gefühle und vor allem <strong>Beobachtungen </strong>von In– und Umwelt des Menschen nachhaltig verändern können,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-17" id='fnref-3768-17'>17</a></sup> also jene Sprachmuster, die die erfolgreichsten Psychotherapeuten mehr oder weniger intuitiv verwendeten. Durch das Aufdecken der ‚Fehlgeformtheiten‘ der Sprache verändern wir uns selbst. (Schopenhauers rhetorische Tricks sind übrigens im Wesentlichen deckungsgleich mit jenen Fehlgeformtheiten des NLP, dienen aber nicht dazu, sich selbst zu befreien, sondern um eine Diskussion zu gewinnen).</p>
<p>Die heutige Spiritualität, die zum Teil auch ihre Wurzeln in der hermetisch-magischen Orden des ausgehenden 19ten Jahrhunderts hat, basiert zu einem guten Teil darauf, dem Schüler durch Veränderung dieser Sprachmuster &amp; Affirmationen zu einer Veränderung von Selbstbeobachtung und Verhaltensweisen zu bringen, man denke nur an Anweisungen wie „Be here now“, „Ich bin der Schöpfer meines Schicksals“, „I am Love, I am Light“ , „All is well, as it should be“ u.s.w. Ein Großteil spiritueller Seminare und Workshop dreht sich um die Deutung und sprachliche Implementierung solcher Affirmationen; selten wird der soziale und psychologische Mechanismus dieser Methode diskutiert; tatsächlich haben wir es hier aber mit einer besonderen Mentaltechnik zu tun, durch diese Affirmationen Selbst– und Weltbild zu verändern. Im Gegensatz zu der modernen Technik des abstrakten Denkens und den archaischen Techniken der Synchronizität verfügt diese Magie über wesentlich mehr Macht; denn wie es so schön heißt (und was selbst eine Affirmation ist): „Verändere erst dich selbst, bevor du die Welt verändern willst.“<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-18" id='fnref-3768-18'>18</a></sup> Denn wie erwähnt ist es auch die Funktion der Spiritualität, dass sich das Individuum durch die Dekonstruktion und Neuerschaffung mittels solcher Affirmationen von dem Ego befreit und zu dem wahren, authentischen oder auch evolutionären (also sich stets verändernden und Entwickelnden) Selbst gelangt.</p>
<h4>Post-postmodernes (oder integrales) Weltbild und Magie</h4>
<p>Mit dem post-postmodernen Weltbild wird dann die Differenzierung zwischen Kultur und Selbst vollständig, nämlich indem die gesamten kulturell tradierten Perspektiven und vor allem Weltbilder auf ein internes psychologisches Modell überführt und integriert werden können. Die vielen Perspektiven werden vereinigt, ob jetzt in Form Ken Wilber integraler Theorie oder anderen. Das post-postmoderne Weltbild besteht auch in der (Selbst-)Erkenntnis, dass sich Weltbilder entwickeln und quasi nebeneinanderstehen können. Unsere kognitive Vorstellung von der Welt, ihre Entwicklung, soziale Tradierung <strong>und</strong> das Konzept eines realen Universums (was wir an sich nur schwerlich wahrnehmen können) stehen so als Ganzes nebeneinander.</p>
<p>Damit geht auch eine neue Form von Magie einher, die in den hermetischen Systemen als ‚<em>die Vision der Harmonie der Dinge</em>‘ bekannt ist: Zu erkennen, wie alles – alle Weltsichten, Perspektiven und Entwicklungsstufen – zusammengehört, sich ergänzt und vor allem: wie sie sich entwickeln.</p>
<p>Für das Individuum, welches diese mächtige Vision erfährt, verändert sich das eigene Leben grundlegend. Hier hat es das erste Ziel der Spiritualität erreicht; es ist zum ersten Mal ‚at home in the Universe‘, hat seinen Sinn gefunden, weiß woher es kommt, und noch bedeutender: wohin es geht. Es hat jenen oberflächlichen Bereich von Verhaltensweisen abgelegt, von dem es vorher dachte, es sei seine Persönlichkeit, sein Ego, sein Wille, seine Besonderheit. Mit dieser Freiheit ist das Individuum endlich fähig zu tun, was es will, ohne von den Limitationen des Egos – Ängste, Sorgen, Zweifel – gehindert zu werden. Es erreicht daher Dinge und ist zu Unternehmungen fähig, die ein weniger entwickeltes Individuum, welches in einem ständigen Konflikt mit den Blockaden und Maniriertheiten seines Egos liegt, niemals erreichen kann. Es verfügt über eine fortgeschrittene Geistestechnologie, mithin Magie, die es zum Wohle von allen einsetzen kann, und es handelt stets in Übereinstimmung mit der Evolution und Entwicklung aller (sich selbst eingeschlossen). Streng genommen ist auch dies noch eine magische Fähigkeit <em>zweiter Ordnung</em>. Die wahren <em>Siddhies</em>, (die magischen Kräfte erster Ordnung) treten erst mit der nächsten Stufe der Entwicklung auf.</p>
<h4>Siddhis</h4>
<p>Sogenannte Siddhis treten auf, wenn das Individuum fähig ist, seine Weltbilder grundlegend abzulegen und wenn es volle Erleuchtung erlangt hat. Im tantrischen Buddhismus bezieht der Begriff ‚Siddhis‘ ursprünglich auf magische Fähigkeiten, sind aber tatsächlich exoterische Beschreibungen von z.B. Meditationserfahrungen und besonderer Phänomene; ich nutze den Begriff insofern in einer leicht anderen Form.</p>
<p>Im Vergleich dazu ist selbst das post-postmodernen Individuum noch an die Funktion und Faktizität der Weltbilder gebunden. Momente der Leere und Non-Dualität können zwar erreicht werden, aber die Fähigkeit, den Maschinenraum der Psyche wirklich langfristig abzuschalten zu können, liegt noch nicht vor. Es geht hier freilich um solche Phasen wie die <em>Dunkle Nacht der Seele</em>, <em>das schwarze Beinahe-Erlangen</em> oder auch <em>samadhi-nirvikalpa</em>, bei der die „Geistestätigkeit in der Meditation tatsächlich über lange Zeiträume endet“,<sup class='footnote'><a href="#fn-3768-19" id='fnref-3768-19'>19</a></sup> und damit alle Kontexte, Konzepte und alle Weltbilder zum Erliegen kommen, wie auch jener Dämon, der für endlose chatter und Hintergrundrauschen des Geistes verantwortlich ist. Das heißt auch, dass auch Konzepte und Kategorien wie hell und dunkel, oben und unten, Körper und ‚Ich‘ usw. abgelegt werden können. Mit dieser Form der Freiheit gehen auch eine bestimmte Form von Fähigkeiten einher, die man <em>magische Kräfte ersten Ranges</em> nennen könnte.</p>
<p>Eine einfach Analogie für diese Siddhis ersten Ranges findet man beim morgendlichen Aufwachen. Jeder mag es schon einmal erlebt haben, wie der erste Gedanke, den man morgens dachte, den <em>Ton</em> für den ganzen folgenden Tag bestimmt hat. Auf eine ähnliche Weise ist der erste Gedanke, den man hat, nachdem man das <em>samadhi nirvikalpa</em> verlässt, ähnlich bestimmend, nur ungleich gravierender. Aus diesem Grund zeigt ist auch luzides Träumen oder Zeugenbewusstheit in Tiefschlafphasen von Bedeutung, denn sie sind ein Indikator darauf, ob der Maschinenraum des Geistes tatsächlich und vollständig unter Kontrolle des Steuermanns ist.</p>
<h4>Fazit</h4>
<p>Man sieht darin, ich sagte es schon, wie Weltbilder immer eine Form der Magie erzeugen, also eine Technologie, die durch die Grenzen und Eigenschaften des Weltbildes und den entsprechenden soziokulturellen und psychologischen definiert wird. Magie ist nicht zwangsläufig prä-rational; es gibt auch rationale und transrationale Formen von Magie, oder besser gesagt ‚Geistestechnologien“. Sie werden komplexer und in gewisser Hinsicht mächtiger mit jeder Entwicklungsstufe des Bewusstseins.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-3768-1'>Wir springen kurz in Oberen Rechten Quadranten Wilbers AQAL Modells. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-2'>Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Agnosia <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-3'>Habermas, <em>Theorie des kommunikativen</em> Handelns. S 81 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-4'>A.a.O. S 79 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-5'>Lévi-Strauss, <em>Strukturale Anthopologie</em> <em>I</em>, S. 184. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-6'>Vgl. Mircea Eliade, <em>Yoga</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-7'>Vgl. Allan Combs, <em>Die Psychologie des menschliche Bewusstseins</em>. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-7">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-8'>Dies gilt für alle sozial angebotenen Rollenkonzeptionen. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-8">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-9'>Vgl. Thomas Nagel: <em>What is it like to be a bat?</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-9">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-10'>Dementsprechend gibt es auch kein ‚soziales Bewusstsein‘, wie viele New Age Fans behaupten. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-10">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-11'>A.a.O., S. 76 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-11">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-12'>A.a.O. S. 74 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-12">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-13'>Schelling, Thomas, <em>The Strategy of conflict</em>, S.57 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-13">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-14'>Spiral Dynamics argumentiert hier allgemeiner und besagt, dass das „Blaue <sup>v</sup>Mem“ etwa 3000 Jahre v. Chr. Aufgetaucht ist. Ich beziehe mich hier explizit auf das Auftauchen des christlichen Mythos. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-14">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-15'>Vgl. Allan Combs, <em>Consciousness explained better</em>, S 98. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-15">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-16'>Vgl. Joseph Campbell, <em>Schöpferische Mythologie</em> <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-16">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-17'>Vgl. Grinder/Bandler, Die Struktur der Magie. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-17">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-18'>Eine Affirmation von Gandhi. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-18">↩</a></span></li>
<li id='fn-3768-19'>Vgl. Mircea Eliade, Yoga. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-3768-19">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/11/26/die-evolution-der-magie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Universelle Existenzialien</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/10/26/universelle-existenzialien/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/10/26/universelle-existenzialien/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 26 Oct 2011 16:46:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Spirit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>
		<category><![CDATA[Weltspiritualität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=3394</guid>
		<description><![CDATA[Kosmos Es ist relativ naheliegend, dass sich mit jeder neuen psychologischen und sozio-kulturellen Entwicklungsstufe und Weltsicht auch unsere Perspektiven, Beschreibungen und Beziehung zum Universum an sich ändern. Mit der rationalen Moderne und der Aufklärung begannen wir das Universum als eine von Gott befreite und sich mit dem Urknall und durch die Gesetze der Physik ausdehnende [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h4>Kosmos</h4>
<div id="attachment_3399" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4ad4e6108f227_m.jpg" rel="lightbox[3394]"><img class="size-medium wp-image-3399   " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/ap4ad4e6108f227_m-300x225.jpg" alt="" width="200" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Spirituelle Verwirklichung heißt, zwischen Form und Leere hin– und herpendeln zu können. (Foto: aboutpixel.de / Das Pendel © Note Book)</p></div>
<p>Es ist relativ naheliegend, dass sich mit jeder neuen psychologischen und sozio-kulturellen Entwicklungsstufe und <em>Weltsicht</em> auch unsere Perspektiven, Beschreibungen und Beziehung zum Universum an sich ändern. Mit der rationalen Moderne und der Aufklärung begannen wir das Universum als eine von Gott befreite und sich mit dem Urknall und durch die Gesetze der Physik ausdehnende Ganzheit zu verstehen, in dessen Geschichte wir Menschen und das irdische Leben eine relativ unbedeutende Rolle spielt. Leben, und sich selbst-bewusstes Leben, ist ein Epi-Phänomen und Laune der Natur; <em>das Universum kommt auch ohne uns aus</em>. In dieser Perspektive zur Ganzheit und unserer unbedeutenden Rolle darin spiegelt sich auch unser Umgang mit den kleineren, ja menschlichen Systemen. Wirtschaft etwa existiert und funktioniert unabhängig von dem Verhalten des Einzelnen; wir können indes seine Regeln erlernen und uns, zum Besseren oder Schlechteren, zunutze machen.</p>
<p>Diese Weltsicht zum Ganzen veränderte sich bekanntlich mit dem Auftauchen der Postmoderne. Hier wurde plötzlich die Rolle des Menschen dabei deutlich – bzw. genauer: die Rolle der psychologischen und sozialen Zeichen– und Kodierungsprozesse – durch die wir das Universum so interpretieren, beobachten und auch Konzepte davon erstellen, wie wir es nun einmal tun. Diese neue Perspektive führt bekanntlich auch zu solchen postmodernen Extremphilosophien, dass das Universum unabhängig vom Beobachter gar nicht existiert oder irgendwie von der Gedankenkraft des Einzelnen veränderbar ist. Wie dem aber auch sei: Freilich hat noch niemand das Universum als Ganzes wahrnehmen können. Doch wir haben alle eine klare Vorstellung davon und untermauern unsere mentale Konzeption eines sich von dem Urknall ausbreitenden Universums mit Interpretationen von Zahlen und Gleichungen, die von vereinzelten Experimenten stammen. Dass sich diese Interpretationen von Zahlen und Gleichungen auch periodisch verändern und Modelle, Theorien und ganze Weltsichten zum Wanken bringen können, hat Thomas Kuhn nun eindruckvoll zeigen können. Auf diese Weise wurde mit der Postmoderne die Rolle des Menschen und Kultur in der Konzeption des Universums deutlich. Und wir Menschen versuchen mit diesem neuen Weltbild, auch kleinere Systeme wie die Wirtschaft zu verändern: Das Verhalten des Einzelnen ist durchaus von Bedeutung!</p>
<p>Auch die auftauchende Post-Postmoderne bringt einen Wandel in der Art mit sich, wie wir unsere Rolle im Universum verstehen. Zum einen integriert diese neue Weltsicht – wie schon häufig gezeigt wurde – die Erkenntnisse der vorhergehenden Weltsichten: Natürlich existiert das Universum auch ohne uns; natürlich erzeugen wir gleichzeitig selbst psychisch und sozial das Bild eines Universums, das auch ohne uns besteht. Doch über diese Integration hinaus besteht natürlich die Frage: Was ist das essenziell Neue – das Mehr – der post-postmodernen Weltsicht?</p>
<p>Eine kurze Antwort auf diese Frage bietet der Begriff des Holons – ein Ganzes, was gleichzeitig auch Teil ist – den Arthur Koestler vorschlug und Ken Wilber weiter differenzierte. Nutzen wir dieses Konzept, wird deutlich, dass die Beziehung von Mensch zu Universum in holonischer Weise verstanden werden kann. <em>Beides – Mensch wie Universum – existiert als Ganzes und als Teil</em>. Und mehr noch: <em>Das eine ist nicht ohne das andere denkbar</em>: <em>Der Mensch ist das Holon, durch den sich das Universum als Holon selbst beobachtet.</em> Auf diese Weise fusionieren das unendlich Große des Alls und (in Relation dazu) unendlich Kleine – das Gehirn und Bewusstsein des Menschen. Das eine beobachtet, das andere wird beobachtet. Und beides unterliegt, ein ganz wichtiger Punkt – vielleicht der Wichtigste von allen – dem Wandel und der Evolution. Ohne Entwicklung hätte sich weder der Mensch noch das Universum entfaltet; oder anders herum: Nur durch das Prinzip der Entwicklung können wir überhaupt von Mensch und Universum sprechen!</p>
<p>Hier tritt übrigens eine Dichotomie auf, die schon in den frühesten religiösen Vorstellungen dargestellt wurde: Hier ist das Eine, das unendliche Weite, in Gestalt einer weiblichen All-Göttin oder All-Mutter – Isis, Shakti, Nuit, Cybele – die ihren Gegenpart im archetypischen Männlichen findet, der unendlichen kleinen, schöpferischen Einpunktigkeit, dem befruchtenden Samen – Zeus, Shiva, Behedith. Entfernt man eines, fällt das Ganze in sich zusammen: Das Universum ‚braucht‘ uns, um sich selbst zu beobachten, und wir ‚brauchen‘ das Universum, um zu existieren und um zu beobachten. Dasselbe gilt für solche quasi religiösen Begriffspaare wie Shiva und Shakti. So wie Mann und Frau nicht ohne ihren jeweiligen Gegenpart denkbar sind, so ist Mensch und Universum aus post-postmoderner Sicht jeweils nicht ohne einander denkbar. Und so wie der Mensch über unterschiedliche Bereiche verfügt – Biologisches, Soziales und Psychologische – so zeigt das Universum unterschiedliche Bereiche, nämlich den der ‚Materie‘ – bzw. streng genommen den Bereich, in dem physikalische Gesetzmäßigkeiten herrschen – sowie die der Dunkelmaterie und Dunkelenergie.</p>
<p>Was wir somit in makroskopischer Weise finden, sind drei grundlegende und ganz einfache Größen:</p>
<ol>
<li><strong>Mensch</strong></li>
<li><strong>Das Universum (Materie/Dunkelmaterie-Dunkelenergie)</strong></li>
<li><strong>Wandel / Entwicklung / Evolution</strong></li>
</ol>
<p>Einfach gesagt: Der Mensch entwickelt sich (biologisch, sozial und psychologisch) gemeinsam mit dem Universum (Materie/Dunkelmaterie-Dunkelenergie). Zu der Entwicklung des Menschen gehören alle drei Bereiche, so wie zum Universum die drei Bereiche ‚Materie‘ (also dort, wo die physikalischen Gesetze herrschen), Dunkelmaterie und Dunkelenergie gehören; denn wie kürzlich bewiesen wurde, ist es ja die mysteriöse Dunkelenergie, die dafür verantwortlich ist, dass die Galaxien immer rapider auseinanderstreben und die etwa ¾ der im Universum vorhandenen Energie/Masse ausmacht.</p>
<h4>Spiritualität</h4>
<p>Es wundert bei genauerer Betrachtung nicht, dass die Erkenntnis und Verwirklichung dieser drei Größen oder <em>Existenzialien</em> – Mensch, All und Entwicklung (Wandel) – auch eines der grundlegendsten Ziele menschlicher <em>Spiritualität</em> ist; es muss so sein, wenn wir die Perspektive annehmen, dass wir in einem holonischen, ja holografischem Kosmos leben. Unsere Spiritualität und Erleuchtung kann nicht von der Natur des Kosmos und von den Existenzialien des Universums verschieden sein. Ich will diese drei spirituellen Existenzialien, die die oben beschriebenen makroskopischen Größen spiegeln, beispielhaft anhand eines Dreiecks beschreiben:</p>
<div id="attachment_3403" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/Tom_Amarque_Dreieck.png" rel="lightbox[3394]"><img class="size-medium wp-image-3403 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/10/Tom_Amarque_Dreieck-300x256.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Drei Existenzialien – Mensch, All und Entwicklung (Wandel)</p></div>
<p><strong>An der Spitze</strong> des Dreiecks findest Du das unendlich Kleine, das was unterschiedlichen Mythologien als Hadit, Kether, Zeus oder Shiva in Erscheinung tritt. Im Zen-Buddhismus nennt man dies den bedingungslosen <em>Zeugen</em> oder Zeugenbewusstein, aber es gibt auch moderne Beschreibungen dieses Punktes. Die Integrale Psychologin Bonnitta Ray bezeichnet dies als den Wesens-Kern ‚hinter‘ all den kognitiven Formen, Gedanken, Vorstellungen und Empfindungen, eben den <em>Kern</em>, aus dem alle kognitiven Formen und Beobachtungen (wie körperliche Selbstempfindungen etc.) entspringen. Ich selbst nannte diesen Kern oder Zeugen anderswo einmal den <em>Beobachter dritten Grades,</em> der über die Fähigkeit verfügt, die Operationen des Beobachters ersten Grades (der Körper und Welt beobachtet) und Beobachter zweiten Grades (der Soziales, Intersubjektives etc. beobachtet) zu beobachten. Symbolisch kann man diesen Zeugen, Kern oder Beobachter einfach als einen <em>Punkt</em> darstellen. Die Assoziation zu dem unendlichen kleinen Punkt, von dem aus sich das Universum mit dem Urknall ausbreitete, ist eine treffende Analogie dieser Existenziale.</p>
<p><strong>An der linken Spitze</strong> des Dreiecks findest Du die Form: das manifeste Universum, der grobe, subtile und kausale Strom unserer bewussten und alltäglichen Erfahrung; die phänomenale Wirklichkeit, Lokalität und Temporalität. Symbolisch dargestellt als<em> </em>ein<em> Quadrat.</em> Hierzu gehört also unsere von Moment-zu-Moment Erfahrung der Welt, aber auch die Welt unserer Träume und anderer Formen.</p>
<p><strong>An der rechten Spitze</strong> des Dreiecks findest Du die Leere und die verschiedenen Verwirklichungen der Non-Dualitäten, d.h. <em>temporäres</em> non-duales handeln, denken und wahrnehmen, sowie die Non-Dualität von Dualität und Non-Dualität (d.h. die <em>dauerhaften</em> non-duale Zustandsstufe). Hier an diese Spitze des Dreiecks gehört somit auch Big-Mind und Big Heart, die Samadhis mit und ohne Stütze, <em>samadhi nirvikalpa</em>, N.O.X., schwarzes Beinaheerlangen, die dunkle Nacht der Seele, Turiya, Isis, Shakti, Non-Lokalität/Non-Temporalität. Wir können dies symbolisch mit <em>dem Kreis</em> darstellen<em>. </em>In Bezug auf Makrokosmos des Universums liegt es nahe, hier die Dunkelmaterie und Dunkelenergie zu assoziieren.</p>
<p><em>Spirituelle Verwirklichung</em> nun heißt, zu lernen oder gelernt zu haben, zwischen der rechten und linken Seite des Dreiecks, zwischen Form und Leere hin– und herpendeln zu können, während man den unendlich kleinen Punkt, von dem aus Mann das Universum aus den Angeln hebt, nicht mehr verlässt oder verliert. Je weiter das Pendel zur linken Seite des Dreiecks in die bedingungslose Leere schwingen kann – von einfachen nondualen Erfahrungen des Big Mind hin zu den Samadhis mit Stütze, dann denen ohne Stütze, hin zu N.O.X., dem schwarzen Beinaheerlangen usw. – umso weiter wird es auch wieder zurückschwingen zur rechten Seite des Dreiecks, und damit zur stetig zunehmenden Indifferenz zur Form, in der man sich immer weniger mit dem Körper, Emotion, Gedanken, Stimmungen oder Selbstkonzepten wie ‚Ich‘ oder ‚Selbst‘ identifiziert.</p>
<p>Schwingst du so in die Domäne der Form, gilt es, den bedingungslosen Punkt, den Zeugen, stets verwirklichen und vom Strom der groben, subtilen und kasualen Wirklichkeit umfließen lassen zu können – so wie Wasser einen Stein umfließt – und dabei zu realisieren, dass weder das Wasser der fließenden Erfahrung noch der unbeweglich Stein etwas mit ‚dir‘ zu tun hat, sondern eben transpersonale Existenzialen sind; nur dann wird die fließende Erfahrung an dem Kern abperlen, wie das Wasser an dem Stein, denn es gibt nichts, was gebunden werden kann. ‚Ego‘, ‚Selbst‘, ‚Ich, mir mein‘ oder irgendwelche personalen Ziele sind nichts als verhärtete Formen, die den Strom und die Fülle der Erfahrung blockieren.</p>
<p>Auf der anderen Seite heißt es auch, wieder in jene Leere zurückzupendeln, in der alle kognitive Aktivität aufhören kann und sich nur die Existenzialien Punkt und Kreis/Umfang verwirklichen. Je besser du das eine verwirklichst, umso besser wirst du das andere bewältigen können. Diese Fähigkeit, den Zeugen/Kern stabil zu halten, während ‚man‘ von der Leere wieder in den Strom der Erfahrung und Form pendelt (und wieder zurück), nannte ich woanders den großen, nondualen Willen. So findet man auch in einer aufgeklärten Spiritualität hier drei Existenzialen an einem Dreieck:</p>
<ol>
<li><strong>Zeuge</strong></li>
<li><strong>Leere / Form</strong></li>
<li><strong>Entwicklung (Wille)</strong></li>
</ol>
<p>Diese drei spirituellen Existenzialien spiegeln die oben beschrieben makroskopischen Größen des Universums. Zu einer post-postmodernen, ja integralen Weltsicht gehört insofern nicht nur das Erfassen der holonischen Natur des Kosmos, sondern auch dieser universellen Existenzialien, derer wir uns auf unterschiedlichen Ebenen bewusst werden können.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/10/26/universelle-existenzialien/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Entwicklungsstufen des Willen</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/08/23/entwicklungsstufen-des-willen/</link>
		<comments>http://www.openmindjournal.com/2011/08/23/entwicklungsstufen-des-willen/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 23 Aug 2011 15:18:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mind]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Amarque]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.openmindjournal.com/?p=2505</guid>
		<description><![CDATA[In dem Buch Der Wille1 beschäftigte ich mich mit Frage, wie das non-duale Handeln realisiert werden kann, und habe dort in Übereinstimmung mit gängigen Entwicklungsmodellen drei Entwicklungsstufen vorgeschlagen. Anstatt mich in dem Buch auf östliche oder westliche Ideologien zu beziehen, nutzte ich vor allem Konzepte aus der Systemtheorie, um diese Entwicklung zu beschreiben. Hier möchte [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2517" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4d6c1255b8b87_small.png" rel="lightbox[2505]"><img class="size-full wp-image-2517" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4d6c1255b8b87_small.png" alt="" width="200" height="113" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / ampelevolution grün © Martin Wimmer</p></div>
<p>In dem Buch <em>Der Wille</em><sup class='footnote'><a href="#fn-2505-1" id='fnref-2505-1'>1</a></sup> beschäftigte ich mich mit Frage, wie das non-duale Handeln realisiert werden kann, und habe dort in Übereinstimmung mit gängigen Entwicklungsmodellen drei Entwicklungsstufen vorgeschlagen. Anstatt mich in dem Buch auf östliche oder westliche Ideologien zu beziehen, nutzte ich vor allem Konzepte aus der Systemtheorie, um diese Entwicklung zu beschreiben. Hier möchte ich nun eine umfassendere Perspektive zum Willen vorschlagen, die zeigt, wie sich auch Handlungen vom einfachen zum komplexen hin entwickeln können, und welche Rolle dabei die Daimonotechnik spielt.</p>
<p>Mit jeder Stufe der Entwicklung von Selbst und Psyche des Individuums entwickelt sich auch der Wille des Individuums, und das heißt natürlich, dass sich seine Werte, seine Perspektiven, seine Ziele und auch, <em>worauf sich der Wille bezieht</em>, verändern, sei es zunächst Natur oder Biosphäre, sei es Kultur oder Soziosphäre oder Psyche oder Noosphäre (psychische Geistsphäre). In unserer kollektiven wie individuellen Entwicklung erobern wir schrittweise diese drei Bereiche der Existenz und entwickeln uns hier vom Einfachen zum Komplexen.</p>
<p>Insofern ist es keine große Überraschung, dass man wie bei der kognitiven Entwicklung des Selbst<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-2" id='fnref-2505-2'>2</a></sup> leicht mehrere Stufen der Willensentwicklung nachvollziehen kann, wobei man diese grob in prä-konventionelle, konventionelle und post-konventionelle Stufen unterteilen kann.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-3" id='fnref-2505-3'>3</a></sup> Ganz vereinfachend gesagt stellen die konventionellen Entwicklungsstufen jene Stufen dar, die heute unter den erwachsenen Individuen vorherrschend sind; also jene Stufen, die auch etwas mit werte– und normengeleitetem Verhalten zu tun haben wie auch mit Vernunft und Individualismus etc. Die prä-konventionellen Stufen repräsentieren die vor-modernen und archaisch-mythischen Weltsichten, wie sie von früheren Kulturen oder auch von Kindern eingenommen werden.</p>
<p>Und die post‐konventionellen Stufen sind jene, die im weitesten Sinne in der Zukunft von Individuum und Kultur liegen, bzw. auch heute schon zunehmend auftreten. Dementsprechend können wir prä-konventionelle, konventionelle und postkonventionelle Formen des Willens beobachten. Wir können beispielsweise leicht sehen, dass der prä-konventionelle Wille, den ein archaischer Jäger formt(e), um das Wild zu erlegen, von ganz anderer Natur ist als der, durch und mit dem wir langfristige Ziele und Karriere erreichen können. Während ich nun in <em>Der Wille</em> vor allem die post-konventionellen Stufen untersuchte, möchte ich hier kurz eine umfassendere Darstellung der Willensentwicklung präsentieren. So eine konkretere Darstellung kann uns einen detaillierteren Kontext und Hintergrund für die Daimonotechnik sowie die Funktion des Willens selbst bieten.</p>
<p>Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es nicht ‚den Willen‘ gibt. ‚Wille‘ ist, wie ‚Bewusstsein‘ oder ‚Psyche‘, eine strukturelle Beschreibung für einen Prozess, und der Prozess ändert sich auf jeder Entwicklungsstufe, sei sie prä‐konventionell, konventionell oder post‐konventionell. So gibt es nicht ‚einen‘ Willen, der sich auf unterschiedliche Dinge bezieht, sondern so viele Willen, wie wir Entwicklungsstufen beobachten können. Wie die unterschiedlichen Weltsichten verändert sich auch der Wille auf jeder Entwicklungsstufe.</p>
<p>Wenn wir den Prozess des Willens beobachten, kann man sich leicht auf den Konsens einigen, dass Wollen stets Ausdruck des Lebendigen ist. Wir projizieren stets auf irgendeine Weise unsere Vorstellungen in die Zukunft und handeln dementsprechend, um letztendlich weiterzuleben, um so die günstigsten Bedingungen zu schaffen, um weiterzuwollen. Im biologischen Kontext nennt man das Streben nach Fitness oder eben Autopoiese. Oder, wie es Karl Jaspers sagte: „<em>Wille ist nicht nur nach vorwärtsdrängende Aktivität, sondern seine Freiheit liegt darin, dass er sich selbst will.“</em><sup class='footnote'><a href="#fn-2505-4" id='fnref-2505-4'>4</a></sup> Wille selbst ist immer an Leben und Überleben, ist damit immer an Weiterwollen gekoppelt.</p>
<p>Ich werde zeigen, dass Wille an sich keine andere Funktion hat, als das Weiterleben – und damit auch weiter zu wollen zu sichern. Die Frage, wie das umgesetzt wird, wird freilich auf jeder Ent‐ wicklungsstufe unterschiedlich beantwortet. <em>Leben</em>, nicht als Status quo, sondern als Prozess, kann in diesem Sinne und für uns Menschen nur schlecht von dem Willen getrennt werden. Wir können, wie wir weiter oben sahen, nicht nicht handeln, und genauso wenig können wir nicht nicht wollen. Leben und Han‐ deln, und Leben und Wollen sind damit unweigerlich mitein‐ ander verknüpft. Hinzu kommt, dass Leben wie Wollen nur unter Rückbezug auf die Autopoiese der Psyche vonstattengehen kann. Jeder Wille, auf welcher Entwicklungsstufe auch immer, muss auch immer im Kontext des Lebens und Überlebens betrachtet werden. Genau genommen orientiert er sich, wie ich zeigen werde, an der Differenz von Leben und Tod (Aufhören des Wollens). Jeder Wille besteht immer in dem Versuch, zunächst kurz‐ fristig und mit jeder Entwicklungsstufe immer langfristiger, das Überleben zu sichern – genau dass macht seine autopoietische Funktion für Psyche und Leben aus.</p>
<h4>1. Bio‐Überlebenswille</h4>
<p>Jedes Entwicklungsmodell beginnt mit einer Inbezugnahme auf den Körper und den grundsätzlichen Überlebensbedürfnissen des Körpers, das heißt den Überlebensbedürfnissen Nahrung, Wasser, Schlaf, Wärme, Luft, und wie Eric Berne pointiert betonte, mit Streicheleinheiten, damit das Rückenmark nicht verkümmert. Es ist natürlich schwierig auf dieser Stufe, wie sie etwa bei Säug‐ lingen auftritt, von einem Überlebenswillen zu sprechen – weil es eher so etwas wie ein unbewusster Drang ist; doch wie alles andere auch fängt der Wille irgendwo an, sich zu entwickeln. Er tut dies aus einfachsten Bioüberlebensbedürfnissen und dem Drang nach rezeptiver Befriedigung. Es ist hier ein sehr instink‐ tiver Wille, oder besser: <em>kaum von Instinkt zu unterscheiden</em>, ein körperbezogener Wille, aber dennoch einer, der die Grundlage aller weiteren Willensformen bildet, die im Laufe der Evolution des Geistes und der Kultur auftauchen.</p>
<p>Wir finden den Bio‐Überlebenswillen besonders prägnant beobachtbar bei Säuglingen auf der senso‐motorischen Entwicklungsstufe wie auch bei älteren Menschen, um deren biologische Bedürfnisse man sich kümmern muss. Aber auch in unserem Alltag macht er sich immer bemerkbar, wenn wir hungrig oder müde sind. Wie stark dieser ‚Wille‘ ist, zeigt sich allein darin, wenn man mal versucht, über längere Zeit zu fasten oder nicht zu schlafen. Dieser Bio‐Überlebenswille zeigt sich aber auch, wenn der Sexualität als unmittelbare Triebabfuhr stattgegeben wird, und zwar als biologisches Programm zur Arterhaltung. Die wesentliche Information und das Ziel des Willens ist <em>Leben</em>; der Zeithorizont und die Komplexität des Willens mag sich über die folgenden Stufen ändern, nicht jedoch die Intention des Willens selbst, also zu <em>überleben</em>.</p>
<p>In der Psychologie markiert dieser Bio‐Überlebenswille die erste der prä‐konventionellen Entwicklungsstufen; dieser ‚Wille‘ ist der erste der Naturstufen des Willens – im Gegensatz zu den Kultur‐ und Selbststufen des Willens. Doch sie bleibt immer Teil unserer Existenz: So weit, wie wir uns auch entwickeln, solange wir als biologische Organismen leben, so lange formen wir auch den Bio‐Überlebenswillen. Er ist in alles eingebettet, was wir tun. Jede Stufe bleibt bei der Emergenz <em>der darauf folgenden </em>Stufe ebenfalls erhalten und aktiv. Was wir auch tun, so sehr wir uns auch entwickeln, so bleiben die vorherigen Errungenschaften der Psyche stets erhalten.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-1-Der_Bio-Ueberlebenswille.png" rel="lightbox[2505]"><img title="Tab. 1: Der Bio‐Überlebenswille." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-1-Der_Bio-Ueberlebenswille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 1: Der Bio‐Überlebenswille.</p></div>
<p>Zusammengefasst finden wir die Eigenschaften des Bio‐Überlebenswillens in Tab.1. Der Punkt ‚zu befriedigende Bedürfnisse‘ bezieht sich auf Maslow und seine Bedürfnispyramide. Ich habe zudem auch noch andere Entwicklungsmodelle zu der Beschreibung dieser Stufe assoziiert, nämlich das sozio-kulturelle Entwicklungsmodell <em>Spiral Dynamics</em>von Don Beck, die Selbstentwicklungstheorie von Susanne Cook‐Greuter, ein Entwicklungsmodell des Nervensystem von Timothy Leary sowie die Kabbala. Die ‚Funktion‘ (in der Tabelle) bezieht sich auf den Nutzen des Willens für den ganzen Menschen, während die ‚Leistung‘ der unmittelbare Ausdruck dieses Willens ist.</p>
<h4>2. Sicherheitswille</h4>
<p>Der Sicherheitswille ist der zweite prä‐konventionelle Wille. Er stellt den ersten Versuch dar, Überleben in dem als Umwelt begriffen Raum zu sichern. Wie erwähnt haben Säuglinge auf der vorhergehenden senso‐motorischen Stufe diese Unterscheidung zwischen Innen und Außen noch nicht gefällt; Kleinkinder auf dieser selbst‐schützenden Stufe (siehe Tabelle unten) versuchen nun jedoch, den Willen auf die als Außenwelt begriffene Erfahrung auszuweiten. Hier wird also aus dem passiven und rezep‐ tiven Überlebensdrang der ersten Stufe das aktive Streben nach Überleben. Hier beginnen wir unser körperliches Überleben selbst zu sichern. Wir beginnen zu arbeiten und hier entwickelt sich Aggression, wenn Aggression (lat. <em>aggressiō</em>)‚ sich nähern‘ oder ‚heranschreiten‘ bedeutet.</p>
<p>Auch der Sicherheitswille tritt wie der Bio‐Überlebenswille bei anderen Säugetieren auf. Man beobachte nur einmal zwei miteinander spielende Hunde, deren Interaktion, das Spiel, plötzlich in Kampf und Statusverhalten umschwenken kann. Auf dieser Stufe tritt der starke, physische Wille als solcher auf, unterscheidbar vom bloßen <em>survival‐craving</em>, erstmals sich selbstbewusst, aktiv und mächtig: Hier wird für das eigene Überleben gekämpft. Hier wird gespielt, auch, um das Kämpfen zu üben. Status und Statusauseinandersetzungen sind das unmittelbare Resultat zweier solcher Willen, die aufeinandertreffen, ob dies nun vor etlichen tausend Jahren in den Stammeskulturen oder heute in den Universitäten stattfindet. In diesem Sinne ist das Ziel dieses Willens immer die Selbstbehauptung in einer häufig als feindlich begriffenen Umwelt.</p>
<p>Das Leitthema des Willens auf dieser Stufe ist Sicherheit und damit der Versuch das Überleben vor einem längeren Zeithorizont in einem größeren Raum zu sichern. Sicherheit kann durch vielerlei Mittel erlangt werden, etwa durch Arbeit oder eben durch physischen Kampf. Wichtig ist, das hier – im Vergleich zu der eher empfänglichen Bioüberlebensstufe – im wahrsten Sinne des Wortes <em>physische Bewegung </em>ins Spiel kommt, der Ausdruck und die Freisetzung von Energie, von Emotion, von Aggression, in Form von Arbeit, Kampf und Spieltrieb. Andererseits hängt dieser Wille auch mit innerer Sicherheit zusammen und zeigt sich z.B. im impulsiven, emotionalen Selbstausdruck, beobachtbar etwa bei der narzisstischen Selbstdarstellung von Kindern vor einem Spiegel oder der von Rockstars auf der Bühne. Das Credo lautet natürlich: „Dies bin ich, dies ist mein Wille, dies ist meine Emotion“; „Ich will“, heißt die Devise, „und zwar ohne Rücksicht auf Verluste oder andere.“ Das Individuum findet Sicherheit im machtvollen Selbstausdruck, in der Bewegung des Selbstausdrucks.</p>
<p>Insofern bezieht sich dieser Wille auf Menschen, die die Welt einzig aus Perspektive ihrer eigenen Wünsche, Ziele und Bedürfnisse beschreiben, und die ihre Egozentrik in jedem Fall durch‐ setzen, ihr Überleben in jedem Fall gewährleisten wollen. Wie die Entwicklungspsychologin Susanne Cook‐Greuter diese Stufe, die <em>s</em><em>elbst‐schützende </em>Stufe, beschreibt:</p>
<blockquote><p>Diese Stufe ist den meisten von uns durch das Beobachten oder den Umgang mit Kleinkindern vertraut. Eine Zeit lang wird für Zweijährige alles zu einem Willenstest. Kann der eigene Wille nicht durchgesetzt werden, ist das Ergebnis ein Wutanfall (auch als eine Reaktion auf widerstrebende Bedürfnisse und Wünsche). Diese Verhaltensweisen sind auch bei Erwachsenen der Stufe ʺSelbst‐schützendʺ üblich. Sie stehen generell fremden Absichten argwöhnisch gegenüber und vermuten das Schlimmste. Für diese Menschen ist alles ein Willenskrieg und das Leben ein Nullsummenspiel.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-5" id='fnref-2505-5'>5</a></sup></p></blockquote>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-2-Der_Sicherheitswille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 2: Der Sicherheitswille." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-2-Der_Sicherheitswille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 2: Der Sicherheitswille.</p></div>
<p>Bei uns Erwachsenen wird der Alltag von diesem Sicherheitswillen auch dann gespeist, wenn wir beginnen, den Zeithorizont der unmittelbaren Befriedigung von Bio‐Überlebensbedürfnissen auszudehnen. Er hilft uns zu arbeiten, um mit dem Gehalt 30 Tage später unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wir bauen Häuser, um uns vor Dunkelheit, Kälte und Nässe zu schützen; wir unterhalten Viehherden und betreiben Landwirtschaft, um uns für die Zukunft abzusichern. Es ist in diesem Zusammenhang relativ irrelevant, ob man Landwirt ist oder Wall‐Street‐Broker, sofern man seiner Arbeit nachgeht, um im nächsten Monat seine Miete, seine Nahrung, seinen Unterhalt zu finanzieren. Wir bemerken diesen Willen in uns immer dann, wenn uns klar wird, dass wir etwas tun müssen, um körperlich zu überleben. In diesem Sinne ist auch dieser Wille ein natur‐ und körperbezogener Wille.</p>
<p>Insofern ist auch dieser Wille noch ein egozentrierter Wille; aus dem passiven Überlebenswillen wird der aktive Kampf.</p>
<h4>3. Konformistischer Wille</h4>
<p>Dies waren gewissermaßen die beiden Naturstufen des Willens, die sich auf den Körper und seine Beziehung zur Umwelt beziehen. Nun machen wir einen Sprung zu den <em>Kulturstufen </em>des Willens – man könnte sie auch die konventionellen Stufen des Willens nennen, im Gegensatz zu den prä‐konventionellen Stufen, die wir schon besprochen haben.</p>
<p>Dies ist die erste der konventionellen Stufen des Willens, die über den narzisstischen Vollzug und Ausdruck hinausgeht. Der Wille findet hier erstmals die Wir‐ und Sozial‐Dimension menschlichen Verhaltens und reicht über den eigenen Körper hinaus. <em>Hier wird der Wille des Individuums erstmals mit dem Willen des Kollektivs assoziiert</em>: Das ist richtig, was das Kollektiv konsensuell als richtig beschließt/begreift; das kann gewollt werden, was das Kollektiv als wollenswert definiert. Das Credo lautet in etwa: „Wenn alle X wollen, so will ich es auch!“.</p>
<p>Ein ganz einfaches Beispiel für diesen konformistischen Willen finden wir in den sozialen Räumen, in denen wir uns alltäglich bewegen. In Bibliotheken, Arbeitsämtern, Parks, Kinos, Restaurants usw. gibt es jeweils ganz bestimmte, meist implizite Verhaltensregeln, die eingehalten werden <em>müssen</em>, und die das Individuum meist auch gerne einhält, um an diesen Räumen partizipieren zu können. Wenn wir uns in diesen Räumen bewegen, akzeptieren wir auch meist die Regeln dieser Räume, und wir ‚dürfen‘ dann jene verurteilen, die es nicht tun. Man darf sich eben nicht an der Kasse vordrängeln, im Kino ist das Handy auszumachen und in der Bibliothek hat man zu schweigen. Allgemein aber gilt: Unsere Bewegung in den sozialen Räumen ist mehr oder minder freiwillig; wir passen unser Verhalten den vorherrschenden Regeln an und sichern so das soziale Auskommen.</p>
<p>Der Sicherheitsaspekt der vorherigen Stufe wird hier also auf die Sozio‐Sphären ausgedehnt, Regeln erleichtern das Zusammenleben. Der konformistische Wille zeigt sich genau darin, dass sich das Individuum an diese Regeln anpassen will. Verbrechen und Strafe sind die beiden Phänomene, die hier im Kontext des konformistischen Willens Sinn ergeben.</p>
<p>Auf kultureller Ebene entsteht hier aus dem narzisstischen, prä‐konventionellen Bedürfnis nach Rache, welche ein Ausdruck des Sicherheitswillens ist, das kollektive Recht<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-6" id='fnref-2505-6'>6</a></sup>, und dieser Wille sowie die damit einhergehende Entwicklungsstufe hat auch heute noch eine große Verteilung. Das Kollektiv kann die eigene Familie, die Clique, die Arbeitsgemeinschaft, die Dorfgemeinschaft oder der Staat sein<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-7" id='fnref-2505-7'>7</a></sup> – im letzten Fall überdeutlich zu beobachten im scheinbar unerklärlichen blinden Rudelverhalten Nazi‐Deutschlands. Selbst‐Identität wird über die Gruppe geschmiedet; immer dann, wenn wir auf die Straße gehen und demonstrieren, weil es alle unsere Arbeitskollegen tun, immer dann, wenn wir uns zu Konferenzen treffen, weil es sozialer Konsens und soziale Notwenigkeit ist, immer dann, wenn wir Fußball schauen, um am Montag mitreden zu können, immer dann wirkt genau diese Bewusstseins‐ und Willensstruktur. Das heißt, viel mehr als bei dem Sicherheitswillen dreht es sich hier um das soziale Überleben des Menschen.</p>
<p>Wir nutzen beispielsweise auch diesen Willen, wenn wir nicht selbstständig arbeiten, sondern wenn wir, vorgegeben durch einen sozialen Konsens – z.B. die ‚40‐Stunden Woche‘ – die Eigenverantwortung für unsere Zeitstrukturierung abgeben, und tagein, tagaus unserem Job nachgehen. Wenn wir also arbeiten, um Geld zu verdienen, aber auch, um unsere Zeit zu strukturieren – eine höchst wichtige Frage, wie jeder weiß, der einmal ausprobiert hat, über eine Woche tatsächlich nichts zu tun. Wie wir sehen werden, ist die Errungenschaft, seine Arbeit mit Pas‐ sion, Talent und Selbstverwirklichung zu verbinden, erst etwas, was mit der Postmoderne auftaucht und damit erst in den letzten einhundert Jahren langsam an Bedeutung gewinnt. Der konfor‐ mistische Wille hingegen tut etwas, weil es sich so gehört, und weil es die soziale Realität darstellt.</p>
<p>Allgemein entsteht dieser konformistische Wille immer genau dann, wenn gemeinsam (Verhaltens‐)Normen kondensiert werden, die eingehalten werden müssen: <em>onto‐memetisch</em>, wenn das Kind schon tradierte Regeln übertritt, um sie zu internalisieren, und <em>phylo‐memetisch</em>, wenn kulturell neue Normen und Regeln entwickelt werden, seien sie nun absolutistisch, mystisch, religiös oder lebensweltlich, um das Zusammenleben zu sichern. Die enge Anbindung des Individuums an das Kollektiv wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass das Individuum im Kontext dieser Normen nach Anerkennung von anderen strebt, wenn es sich richtig verhält, wie implizit auch Zurechtweisung, wenn das Verhalten nicht passt<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-8" id='fnref-2505-8'>8</a></sup>; andererseits will das Individuum auch andere bestärken und belohnen, wenn es das rechte Ver‐ halten zeigt, wie auch, andere dafür abstrafen, wenn dies nicht der Fall ist. Nochmals Cook‐Greuter, die diese generelle Entwick‐ lungsstufe ‚Diplomat‘ nennt:</p>
<blockquote><p>Wegen der Notwendigkeit akzeptiert zu werden ist die Sprache unpersönlich, oft übertrieben positiv und voller Plattitüden. ‚Diplomaten‘ sind im Wesentlichen Diplomaten. Sie wollen kein Anlass für Unruhe sein, möchten nicht ausgeschlossen werden und starten keine Initiativen, die nicht von der Gruppe sanktioniert sind. Es ist dem Diplomaten wichtig, mit den Nachbarn mitzuhalten und als Zeichen des eigenen Erfolgs materielles Vermögen und Statussymbole zu erwerben.</p>
<p>Um gemocht zu werden, braucht man eine gefällige soziale Persönlichkeit. Es ist wichtig freundlich, angenehm und gut aussehend zu sein. Menschen werden danach beurteilt, wie sie aussehen. Große Aufmerksamkeit wird auf Ordentlichkeit, äußere Erscheinung und Reinlichkeit gelegt.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-9" id='fnref-2505-9'>9</a></sup></p></blockquote>
<p>Vermögen und Statussymbole sind auf dieser Stufe insofern wichtig, weil sie ein Symbol oder Beweis für das rechte Verhalten und damit auch für das Nachleben sind; häufig wurden in Früh‐ kulturen, als sich diese Entwicklungsstufe langsam sozio‐kulturell durchzusetzen begann, ja Schmuck und Wertgegenstände dem Grabe beigelegt, nicht nur um den Status des Verstorbenen zu verkünden, sondern um ihn mit Mitteln im Nachleben zu versorgen. Es ist dabei wichtig zu berücksichtigen, dass viele Men‐ schen heute auf dieser Stufe nicht zwangsläufig gottesfürchtig oder religiös sind. Als diese Entwicklungsstufe vor etwa 3000 Jahren jedoch soziokulturell aufgetaucht ist und sich immer mehr durchsetzte, war sie an religiöse oder mythische Bilder gekoppelt, und diese Bilder oder Meme<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-10" id='fnref-2505-10'>10</a></sup> sind heute immer noch aktiv und eingebettet in das moderne Leben.</p>
<p>Insofern müssen wir auch hier die Tatsache berücksichtigen, dass auf dieser Stufe des Willens das grundlegende Ziel, nämlich das Überleben, besonders codiert und eingebettet wird. Das geschieht auf zweierlei Weisen. Einerseits wird auf dieser Stufe versucht, via normen‐ und werteorientiertem Verhalten das langfristige, generationsbedingte Überleben in einem Kollektiv zu gewährleisten. Das individualisierte Sicherheitsdenken der vorherigen Stufe wird z.B. hier auf die Familie und die nachkommenden Generationen ausgedehnt. Reichtum und damit Sicherheit entsteht, wenn Geld vererbt und weiter angehäuft wird. Es entsteht dementsprechend mit dem Auftauchen der entsprechenden sozio‐kulturellen Entwicklungsstufe (s.u.) realer und wirtschaftlicher Adel. Hier wird also der Überlebens‐ und Sicherheitshorizont generationsbedingt weiter ausgedehnt und nach hinten verschoben.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-3-Der_Konformistische_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 3: Der Konformistische Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-3-Der_Konformistische_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 3: Der Konformistische Wille</p></div>
<p>Viel bedeutender aber ist das Unternehmen, dass das Kollektiv Verhaltensnormen codiert und auf längere Sicht die institutionelle Religion erschafft, durch die versucht wird, durch normenbe dingte Verhaltenskontrolle und die richtige Lebensführung das Leben nach dem Tod zu sichern. Daher geht mit allen Religionen, die historisch/sozio‐kulturell aus dieser generellen Entwicklungs‐ stufe hervortreten64 auch eine irgendwie geartete Vorstellung von einem Nachleben mit einher, sei es in Form eines Paradieses, dem Nirwana, der Inkarnation etc. Die grundlegende Idee des Willens auf dieser Stufe ist es also, jetzt durch rechtes Verhalten das eigene Überleben oder das der Sippe nach dem eigenen Tod zu gewährleisten.</p>
<h4>4. Der Leistungs‐Wille</h4>
<p>Kommen wir nun zur zweiten Kulturstufe des Willens, dem Leistungswillen. Der Leistungswille entsteht, wenn das Kollektiv den Wert entwickelt und <em>pädagogisch </em>umsetzt, den Willen selbst der <em>Erziehung </em>zu unterwerfen und das Individuum diesen Wert übernimmt. ‚Selbst‐Disziplin‘ ist hier das ins Bewusstsein tretende Stichwort. Hier entsteht der individualisierte Wille zur Leistung, zur Karriere, zum Erreichen langfristiger Ziele, sei es wissenschaftlich, wirtschaftlich, politisch, athletisch o.ä., d.h. zu der langfristigen Weiterentwicklung der Kultur.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-11" id='fnref-2505-11'>11</a></sup> Dieser Leistungswille ist auch noch ein konventioneller Wille, denn das Individuum übernimmt das Leistungsdenken‐ und Streben, die damit verbundenen sozialen Rollen und Werte aus dem Kollektiv. Der konformistisch ausgerichtete Wille der vorherigen Stufe wird hier zum Ausdrucksmittel der Individualität; das Individuum beginnt hier, vor dem Hintergrund sozial‐konditionierter Werte, selbst‐ verantwortlich seine Ziele zu erreichen, und und sei es, dass diese Ziele in der selbstverantwortlichen Gestaltung des eigenen Lebens bestehen. Mit anderen Worten: Identifiziert das konformistische Individuum seinen Willen mit dem kollektiven Willen – á la: Wenn es richtig ist, am Sonntag zur Kirche zu gehen, will auch ich dies tun – so übernimmt das Leistungsindividuum nun den Wert, sein Leben durch seinen Willen selbst zu gestalten.</p>
<p>Die Zeitdimension des Leistungswillens wird – im Verhältnis zum konformistischen Willen – vergrößert. 30 oder 40 Jahre für ein Ziel zu arbeiten ist dabei keine Seltenheit und genau diese Ausdauer ist ein bemerkenswertes Kennzeichen dieses Willens.</p>
<p>Die Bedingungen für den Leistungswillen werden erschaffen, wenn der fremdreferenzielle Glaube an ein Nachleben und das Anpassen an eine entweder soziale oder religiöse höhere Ord‐ nung zugunsten eher ich‐bezogener und rationaler Konzepte abgelegt werden. Die Wahrheit kann dann durch wissenschaftliche Methoden gefunden werden.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-12" id='fnref-2505-12'>12</a></sup> Das geschah z.B. sozio‐kulturell, als die Moderne und die <em>Aufklärung </em>als solche eingeläutet wurden, als auch psychologisch, wenn das Individuum die formal‐operationale Entwicklungsstufe betritt, die, nach Susanne Cook‐Greuter die ‚Zielstufe unserer westlichen Kultur‘ ist. Glauben wird auf dieser Stufe durch Wissen, Logik, Rationalität und Technik ersetzt. Hier begreift sich das Individuum nicht mehr als Teil von Gottes Schöpfung, sondern als ein separates Rädchen im kosmischen Getriebe, das lernen kann, sich die Regeln der Welt zunutze zu machen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-13" id='fnref-2505-13'>13</a></sup></p>
<p>Besondere Bedeutung kommt hier der institutionalisierten Wissenschaft zu, die mit der Aufklärung einen besonderen Stellenwert bekam. Denn genau genommen arbeitet die Wissenschaft an nichts anderem als der Verbesserung der Lebensbedingungen und damit der <em>Lebensverlängerung</em>. Jede Wissenschaft ist in diesem Sinne eine Wissenschaft des Überlebens. Man kann heute z.B. klar sehen, dass das Durchschnittslebensalter seit der Aufklärung und Institutionalisierung der Wissenschaften dramatisch angestiegen ist, denn Wissenschaft ermöglicht z.B. bessere Ernährung, bessere Medizin und Vorsorge. Während vor noch 400 Jahren, also kurz vor dem Auftauchen der Institutionalisierung der Wissenschaft, das durchschnittliche Sterbealter bei etwa 30 Jahren lag, liegt es heute bei etwa 75 Jahren. Die Errungenschaften aus Medizin, Physik, Biologie, Chemie usw. finden so ihre direkten Anwen‐ dungen in den Verbesserungen der lokalen und globalen Lebens‐ bedingungen. Hieran können wir erkennen, dass auch auf dieser Stufe das Ziel des Willens, nämlich <em>zu überleben</em>, eingebaut ist. Nur durch die wissenschaftliche Leistung der Einzelnen, die die Forschung vorantreiben, werden wir die Lebenserwartung stetig weiter anheben und vielleicht sogar irgendwann den biologischen Code des Alterns knacken.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-4-Der_Leistungswille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 4: Der Leistungswille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-4-Der_Leistungswille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 4: Der Leistungswille</p></div>
<p>Es entsteht darüber hinaus mit der entsprechenden sozio‐kulturellen Entwicklungsstufe auch ein neuer Techno‐, Wissens‐ und vor allem Körper/Sportkult, wie er sich in den Anstrengungen des Pädagogen Coubertins, die Olympischen Spiele wieder zum Leben zu erwecken, sowie der Gottgestalt des modernen Athleten, der für einen Moment, nämlich den des Sieges, nichts anderes erlangt als Unsterblichkeit selbst, ausdrückt.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-14" id='fnref-2505-14'>14</a></sup> Hier finden wir den binären Code von Gewinner und Verlierer, sowie von Erfolg und Misserfolg, der hier mehr als auf jeder anderen Stufe zur Geltung kommt. Man will schließlich <em>besser </em>sein als seine Konkurrenten, um seine Lebensbedingungen zu verbessern. Durch diese soziale Konditionierung in Bezug auf die Gewinner/ Verlierer‐Differenz stellt Gesellschaft sicher, dass sie als starke Nation überleben kann, spielerisch, indem beispielsweise möglichst viele Medaillen bei den Olympischen Spielen oder ähnlichen Events gewonnen werden können, oder wirtschaftspolitisch, in dem eine Nation über viel Kauf‐ und Produktionskraft verfügt.</p>
<h4>5. Der kreative Wille</h4>
<p>Wir haben bislang die Natur‐ und Kulturstufen des Willens besprochen. An dieser Stelle findet nun ein Übergang zu den Selbststufen des Willens statt, also einem Willen, der sich nicht mehr auf das Überleben des Individuums in einer physischen oder sozialen Umwelt bezieht, sondern auf das Bewusstsein selbst, dass diese Umwelten beobachtet.</p>
<p>Zunächst tritt hier der kreative Wille auf, also jener Wille, der mit dem Auftauchen der Postmoderne so gut beobachtbar ist: Der Wille zum kreativen und authentischen Selbstausdruck, sei es bei wirtschaftlichen, künstlerischen, spirituellen, ökologischen oder ähnlichen Projekten und Ambitionen. Ganz einfach gesagt überwindet der kreative Wille konventionelle Wertvorstellungen; es ist der erste post‐konventionelle Wille und der Versuch des Menschen, unabhängig von gesellschaftlichen Konzepten und Angeboten seinen eigenen Weg in der Welt zu finden. Dieser kreative Wille zeigt sich in dem Streben nach Selbstausdruck, Selbsterfüllung und Selbsterforschung. Es zeigt sich auch in dem Versuch, in einer bestimmten Lebenspraxe zu Gipfel‐ oder Flowerfahrungen zu kommen, sei es in der Kunst, der Spiritualität, beim Sport, oder gemeinsam bei Gruppenprojekten, die durch flache Hierarchien gekennzeichnet sind.</p>
<p>Der kreative Wille taucht – einfach gesagt – mit der postmodern‐konstruktivistischen Erkenntnis auf, dass es keinen objektiven Beobachterstandpunkt gibt, sondern dass uns alle unsere Subjektivität verbindet.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-15" id='fnref-2505-15'>15</a></sup> Während sich der Leistungswille in diesem Sinne noch auf die als manifest verstandene wirkliche Außenwelt bezieht und den Versuch, das Räderwerk der Weltmaschine besser als jeder andere beherrschen zu lernen, richtet das postmoderne Individuum den eigenen Willen entweder auf diese eigene Subjektivität oder die Intersubjektivität zwischen uns Menschen. Das heißt nicht, dass real existierende Probleme wie die drohende Klimakatastrophe in und mit dieser Subjektivität geleugnet werden. Sondern es heißt vielmehr, dass mit der Erkenntnis der Beobachterabhängigkeit auch das Bewusstsein dafür entsteht, dass wir uns erst mal selber und unsere Verhaltensweisen ändern müssen, um die Welt ändern zu können, und etwa das Ökobewusstsein durchaus damit anfängt, seine eigenen Nahrungsgewohnheiten zu überprüfen … anstatt etwa zu hoffen, die Politik würde etwas verändern. Wir sehen hieran, dass zusätzlich zu dem (modernen) Versuch, auf die Umwelt Einfluss zu nehmen, das (postmoderne) Moment der Subjektivität mit hinzukommt. Der Mensch muss nun nicht nur sein Leben in der Welt bewältigen; er muss auch sein Leben mit sich selbst bewältigen.</p>
<p>Das heißt, es entwickelt sich das Bewusstsein darüber, dass Außenwelterfahrung nicht gleich Außenwelt ist, und dass wir uns selbst verändern können – ein entscheidender Fortschritt im Ver‐ hältnis zu dem Leistungswillen, der noch an die strikte Unterschei‐ dung von Innen und Außen gebunden ist. Und statt nach Status, Karriere und Geld zu streben, setzt sich immer mehr der Wunsch – oder besser: der Wille – durch, sich selbst und seine eigene Subjektivität, ja die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen, sei es durch Musik, Kunst, Sport, Technik o.ä. Hier wird zunehmend von althergebrachten Rollenkonzepten Abstand genommen, man will sich selbst und seinen Weg im Leben finden. Überhaupt tritt hier der Wunsch nach Selbstveränderung auf, und es ist kein Zufall, dass mit dem Auftauchen der Postmoderne auch ein neues spirituelles Bewusstsein auftritt. Susanne Cook‐Greuter dazu:</p>
<blockquote><p>Da eigene alte Identitäten nicht mehr ungefragt akzeptiert werden, ist der Wunsch nach einer persönlichen Leistung unabhängig von sozial anerkannten Rollen oder Aufgaben eines der Hauptanliegen des Pluralisten. Sie ziehen sich oft zeitweise von äußeren Angelegenheiten oder dem Tagesgeschäft ihrer Unternehmen zurück. Stattdessen wenden sie sich nach innen auf ihrer Suche nach ihren außergewöhnlichen Talenten oder gehen ihren eigenen brennenden Fragen nach. So sie den Raum bekommen sie selber zu sein, können sie häufig einen kreativen Einfluss auf ihren Arbeitsplatz haben, neue Möglichkeiten entwickeln auf Probleme zu schauen oder andere mit ihrem Enthusiasmus dazu inspirieren, ihre eigenen Interessen oder Fragen zu verfolgen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-16" id='fnref-2505-16'>16</a></sup></p></blockquote>
<p>Hier tritt, eingebettet in viele Formen des Lernens, auch die Erste Daimonotechnik auf, also das Streben danach, sich in einer besonderen Lebenspraxis weiter zu entwickeln und euphorische Gipfelerfahrungen zu erzeugen; nicht des Status oder der Anerkennung willens, sondern wegen des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Allgemein ist der kreative Wille der erste post‐konventionelle Wille, der sich heute nach und nach im Westen durchsetzt. Sofern und solange also die autopoietischen Prinzipien der Psyche auf eine besondere Lebenspraxis selbst angewendet werden, so sprechen wir also von einem kreativen Willen. An anderer Stelle definierte ich diesen kreativen Willen als die <em>Einheit von Ziel, Flow und Verhalten</em><sup class='footnote'><a href="#fn-2505-17" id='fnref-2505-17'>17</a></sup>, und damit ist nichts anderes ausgedrückt, als dass wir in einer Zielerreichung versuchen, mit und in <em>Flow </em>non‐dual zu handeln. Das ist natürlich eine sehr technische Beschreibung für eine relativ einfache Sache, die man erfährt, wenn man daimonisch handelt.</p>
<p>Auch hier, auf der diesem Willen entsprechenden, soziokulturellen Entwicklungsstufe (siehe Tabelle unten), lautet die grundsätzliche Frage: Wie können wir unser Überleben sichern? Wie wir sahen, wird dieses Problem auf jeder Stufe anders codiert und gelöst. Im Fall dieser postmodernen Entwicklungsstufe und dieses Willens wird dieses Problem einerseits in die globalen Finanzkrisen und die drohende Ökokatstrophe eingebettet, die, wie James Lovelock bemerkte<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-18" id='fnref-2505-18'>18</a></sup>, weniger eine Frage dessen ist, ob das Ökosystem Erde – Gaia – überlebt, sondern vielmehr, ob wir unseren eigenen Lebensraum zerstören. Hier wird die Frage des Überlebens insofern auf uns als Spezies als Ganzes ausgedehnt. In der (globalen) Klimadebatte sehen wir hier also jene Aufeinander‐zu‐Bewegung der Kulturen, auf die u.a. Ken Wilber hingewiesen hatte<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-19" id='fnref-2505-19'>19</a></sup>, und das die sozio‐kulturelle Entwicklung seit Aufkommen des Homo‐Sapiens kennzeichnet – von Sippen zu Dorfgemeinschaften, von Dorfgemeinschaften zu Städten, von Städten zu Fürstentümern und Ländern, von Nationen zu einem ‚globalen Dorf‘.</p>
<p>Zum Zweiten wird das Thema ‚Überleben‘ mit dem Import östlich-spiritueller Praxen und der Ausdifferenzierung westlich‐spiritueller Übungssysteme seit dem ausgehenden 19ten Jahrhundert zunehmend in unserer Kultur thematisiert, wo Fragen der Erneuerung, der psychischen Unsterblichkeit und der Erleuchtung ins Bewusstsein dringen; psychische Unsterblichkeit heißt hier, die Bedingungen des kognitiven Konzepts des ‚Egos‘ zu überwinden und in den Seinsgrund einzutauchen, jenem erleuchteten psychisch‐spirituellen Zustand jenseits aller Dualität, in dem man, wie es im Zen-Buddhismus heißt, ‚nicht geboren wird und auch niemals sterben kann.‘</p>
<p>Drittens tritt mit der Postmoderne neben der modernen Spiritualität auch die institutionalisierte Psychologie auf, und mit ihr auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Existenz, wie sie Victor Frankl so nachhaltig als ‚Wille zum Sinn‘ einfängt, denn ohne Sinn sind wir, wie jeder, der schon einmal eine Depression hatte weiß, nicht lebens‐ oder überlebensfähig. Welchem Sinn sollen wir also folgen, wenn wir die modernen Werte und das Leistungsstreben oder das traditionell‐bürokratische Herdendenken ablehnen? Wo können wir den Sinn finden? Die zeitgenössisch‐postmoderne, erkenntnistheoretische Antwort lautet natürlich: ‚Sinn‘ – als Einheit von Differenzen – ist ein Konstrukt des Bewusstseins; also können wir auch lernen, Sinn unabhängig von bislang sozial tradierten Konzepten selbst zu setzen; und Individuen, die diesen Sinn noch nicht in sich finden oder formen können, fühlen sich auf dieser Stufe zerrissen, gespalten und unausgefüllt; es ist gerade diese innere Zerrissenheit, die oftmals zum Lackmustest unserer postmodernen Kultur gemacht wird.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-20" id='fnref-2505-20'>20</a></sup></p>
<p>Wenn mit Postmoderne etwas Neues auftritt, so ist es damit auch der Wille, mehr Verantwortung für unsere Umwelt und das eigene Bewusstsein zu übernehmen. Der kreative Wille ist insofern der erste Wille, der sich durch die Reaktion des Bewusstseins auf sich selbst ergibt und der konstruktivistischen Erkenntnis, dass alles Erkennen beobachterabhängig ist. Das Resultat ist, dass <em>der Wille beginnt, das Bewusstsein zu formen</em>. In diesem Sinne tritt der kreative Wille als sich selbstbewusste Begeisterung auf: Für Umweltschutz, für die Kunst, für das musizieren, für die ganzheitliche Sexualität oder die Spiritualität per se. Weil dieser Wille der erste ist, durch den versucht wird, das Bewusstsein selbst zu verändern, ist dieser kreative Wille auch der erste Versuch des Menschen, Daimonotechnik zu verwenden. Er strebt mit seinem Willen erstmals bewusst Emergenz an, und zwar als Flow‐ oder Gipfelerfahrung. Für viele kreative Menschen ist es gerade Flow, diese temporäre Erfahrung der Emergenz, die das, was sie machen, so interessant macht. Hier offenbart sich dann auch die Spitze der ursprünglichen Maslowschen Bedürfnispyramide, nämlich das Bedürfnis nach kreativem Selbstausdruck. Hier finden wir den kreativen Ausdruck, und zwar in der Gipfelerfahrung, in der Transzendenz; hier finden wir das besondere Engagement, über seine traditionellen ‚Konditionierungen‘ hinauszuwachsen, oder auch eine neue ökobewusste und spiritualitätsbewusste Kultur zu erzeugen, die ebenso im Einklang mit den Kräften der Natur wie auch mit den Kräften der Psyche ist.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-5-Der_kreative_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 5: Der kreative Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-5-Der_kreative_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 5: Der kreative Wille</p></div>
<p>Das kreative Individuum wird so durch den kreativen Selbstausdruck sozial betrachtet zum Produzenten von Memen (im Sinne Susan Blackmores), von eben gedanklichen wie sozio‐kulturellen Informations‐Einheiten, und sorgt damit für die Aufrechterhaltung und Erneuerung der sozialen Autopoiese und der Realität als soziales Konstrukt. Diesen Zusammenhang zwischen dem individuellen Versuch, neue Meme zu produzieren, dem kreativen Selbstausdruck und der inneren Selbstfindung kann man nicht deutlich genug betonen. Eine besondere Rolle spielt dabei besonders das Internet, durch das die Produktion und die soziale Darstellung von Memen beobachtbar angestiegen sind.</p>
<h4>6. Der evolutionäre Wille</h4>
<p>Der evolutionäre Wille basiert zunächst auf der Erkenntnis, dass sich der Wille schrittweise entwickelt; das wir uns mit jedem Sprech– und Denkakt, mit jedem Handlungsakt entwickeln und deshalb der Drift der Evolution nicht entkommen können. Hier auf dieser Stufe wird diese Erkenntnis in alles Handeln bewusst miteinbezogen. Jede Handlung wird so zu einem Weiterentwicklungsakt. Damit stehen wir auch vor bestimmten ethischen Pro‐ blemen, die ich hier erörtern will. Zunächst aber noch ein paar Vorbemerkungen.</p>
<p>In ganz einfachen Worten taucht der evolutionäre Wille genau dann auf, wenn das grundlegende Paradigma der vorherigen Stufe auf die gesamte Erfahrung übertragen wird, das heißt, wenn der Mensch in <em>jeder</em> Lebenspraxis seinen kreativen Selbstausdruck, seine Selbstverwirklichung und seine Euphorie und Freude findet. Hier tritt ganz natürlich die Zweite Daimonotechnik in Erscheinung, und es ist kein Zufall, dass die diesem Willen korrespondierende Entwicklungsstufe häufig mit solaren Eigenschaften oder Symbolen dargestellt wird. Die grundsätzliche und teilweise jahrtausende Jahre alte Haltung des Menschen zum Leben – Existenz ist Leid, Leben ist voller Mühsal und Probleme – wird hier überkommen. Das Paradigma dieser Stufe lautet in etwa: Existenz ist reine Freude, Existenz ist Veränderung, Existenz ist Evolution. Auch mit dieser Stufe tritt ein grundsätzlicher Wandel in der Verantwortlichkeit in Bezug auf die eigenen Erfahrungen auf. Hier wird nicht nur intuitiv verstanden, wie Entwicklung und Evolution des Geistes vonstattengehen; hier können diese Prinzipien der Evolution vollends angewendet werden. Aus diesem Grunde sind der evolutionäre Wille und die Zweite Daimomotechnik deckungsgleich.</p>
<p>Auf dieser Stufe operiert der Wille auf der Ebene der Autopoiese der Psyche und Gesamterfahrung selbst. Die Prinzipien der Autopoiese – Wiederholung, Differenzierung, Emergenz und Innovation – können reflexiv und selbstbewusst in und auf allen Lebensbereichen, auf die gesamte Erfahrung angewendet werden; damit steht alles Denken, Sprechen und Handeln im Kontext der Evolution. Es muss hierbei berücksichtigt werden, dass die wenigsten Menschen derzeit tatsächlich über die Bewusstheit ver‐ fügen, tatsächlich zu denken, was sie wollen, sodass das Denken tatsächlich ziel‐ und intentionsgerichtet ist. Dies ändert sich mit dieser Stufe, in der das Individuum sehr fein auf seine eigenen psychologischen Prozesse eingestimmt ist.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-21" id='fnref-2505-21'>21</a></sup> Hier weitet sich damit die Fähigkeit des Individuums zum kreativen, schöpferischen, daimonischen Willen aus, der nun alle Lebenspraxen und jeden Lebensbereich durchdringen kann. Durch die Fähigkeit, in jeder Lebenspraxis einen kreativ‐daimonischen Willen umsetzen zu können, lebt das Individuum auch mit steten Flow‐und Gipfel‐ erfahrungen, die vorher nur einzelnen Lebensbereichen vorbe‐ halten waren. Mit anderen Worten: Während das Individuum der vorherigen kreativen Stufe beginnt, sich mit den Bedingungen der psychischen Autopoiese auf der Mikroebene des Bewusstseins vertraut zu machen – wie kann ich in einem Attraktor <em>Flow </em>und Emergenz erzeugen? – so versucht das Individuum auf dieser Stufe dieses Prinzip auf der Makroebene zu beherrschen: Wie kann man die nächste Entwicklungsstufe anstreben und die eigentlichen psychologischen Bedingungen des Wachstums anwenden? Der Wille wird hier durch die Erkenntnis der evolutionären Entwicklung der Psyche zu einem Werkzeug der Evolution. Nur durch den Willen der vorherigen Stufen konnte das Individuum diese Stufe erlangen, und kann auch nur mittels dieses evolutionären Willens zu folgenden Stufen fortschreiten. Durch die Erkenntnis, dass sich das Bewusstsein in einem kon‐ stanten evolutionären Prozess befindet, der durch den Willen umgesetzt wird, geht eine innere Autonomie‐ und Freiheits‐ Erfahrung einher. Nochmals Cook‐Greuter, die diese Stufe ‚Synthetiker‘ nennt:</p>
<blockquote><p>Synthetiker erkennen, dass sie zwar möglicherweise in sich verschiedene miteinander in Konflikt stehende Aspekte oder Gegensätzlichkeiten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zusammenhängen bemerken, dass sie jedoch in der Lage sind, unterschiedliche Anteile ihres Selbst anzunehmen und zu integrieren. Das ist anders als bei Pluralisten, welche oft zweifeln, ob sie je herausfinden, wer sie wirklich sind. Das autonome Selbst beinhaltet die Integration von vorher getrennten Sub‐Identitäten. Die entscheidende neue Fähigkeit der Synthetiker ist es sich gewahr zu werden, dass man selber Bedeutung schafft und immer wieder eine neue Selbstgeschichte erzählt. […] Dies ist genau deshalb möglich, da Synthetiker nun verstehen, dass Bedeutung eine Interpretation ist, die wir der Erfahrung hinzufügen. Wir alle erzählen die ganze Zeit Geschichten darüber, was passiert. Synthetiker verpflichten sich bewusst, aktiv ein bedeutungsvolles Leben für sich und an‐ dere mittels Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in sich ständig ändernden Zusammenhängen zu führen. Sie besitzen ein relativ starkes autonomes Selbst, das sowohl differenziert als auch gut integriert ist. Dies umfasst die Fähigkeit, Paradoxien zu sehen und Widersprüchlichkeiten zu tolerieren, ja sogar zu schätzen. Synthetiker befinden sich in feiner Abstimmung mit ihrem eigenen psychologischen Wohlergehen.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-22" id='fnref-2505-22'>22</a></sup></p></blockquote>
<p>Ein besonderer Aspekt ist in diesem Zusammenhang mit dem evolutionären Willen noch hervorzuheben. Das Individuum erkennt zum einen, das jeder Horizont, jedes Ziel naturgemäß seine Probleme und Schwierigkeiten erzeugt. Während sich so jedes Individuum vorheriger Willensstufen noch an den Pro‐ blemen des Alltags reibt, kann das evolutionäre Individuum die Schatten, Probleme und Ungereimheiten des Alltags integrieren, während sie auftreten, eben weil es erkannt hat, dass es die Pro‐ bleme durch die Wahl des Horizontes und Zieles selbst erzeugt hat. Auf diese Weise werden aus Problemen Entwicklungsmög‐ lichkeiten und die Bedingung der Möglichkeit, bestimmte Ziele oder Horizonte zu erreichen. Andere Ziele, andere Lebensziele, und seinen sie nur implizit oder unbewusst, führen immer zu anderen Problemen und dem, was man gemeinhin ‚Schicksal‘ nennt.</p>
<p>Um die Komplexität des Willens auf dieser Stufe konkret abschätzen zu können, wollen wir einen kleinen Ausflug in die Ethik machen; natürlich ist Ethik immer Gegenstand der Diskussion, sobald es sich um den Willen dreht. „Was kann ich und was darf ich wollen?“ gehört zu den Fragen, die die Moralphilosophie seit Anbeginn beschäftigt hat. Wollen wir evolutionär handeln und dabei den komplexen Problemen unseres Alltags gerecht werden, stehen wir also unmittelbar vor ethischen Problemen, und sei es, dass wir unser eigenes Wohl mit dem des Kollektivs abgleichen müssen, und dass wir uns dabei ebenso ziel‐wie regel‐ orientiert verhalten.</p>
<p>Wie nun der amerikanische Moralphilosoph William Frankena in seinem berühmten Buch <em>Analytische Ethik </em>gezeigt hat<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-23" id='fnref-2505-23'>23</a></sup>, ist jede Ethik, die die menschliche Kultur bislang entwickelt hat, entweder eine teleologische oder deontologische. Teleologisch ist jede Ethik, die sich um zukünftige Errungenschaften oder Ziele dreht, während eine deontologische Ethik sich immer mit bestimmten Verhaltensweisen beschäftigt, die an sich gut oder vorteilhaft sind. Hinzu kommt, dass es stets eher individuell‐ausgerichtete Ethiken gibt, wie es auch kollektiv‐ausgerichtete Ethiken gibt. Wir können in diesem Sinne Ethik durch das fol‐ gende Quadranten‐Schema differenzieren:</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Abbildung%202-%20Ethische%20Quadranten.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Abbildung 2. Ethische Quadranten" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Abbildung%202-%20Ethische%20Quadranten.png" alt="" width="200" height="193" /></a><p class="wp-caption-text">Abbildung 2. Ethische Quadranten</p></div>
<p>Quadrant 1 steht für die Frage: Wie genau verhalte ich mich oder wie sollte ich mich in dieser Situation am besten verhalten? Es dreht sich hier um den individuell‐deontologischen Aspekt der Ethik. Moralphilosophien, die zu diesem Quadranten gehören, beschäftigen sich also damit, wie der Einzelne sich in jeder ein‐ zelnen Situation entscheiden soll, ohne dabei auf irgendwelche Regeln zurückzugreifen. Situationen sind zu komplex, als das man mit einfachen Regeln arbeiten kann, und keiner Regel sei dem situativen Urteil Vorschub zu geben. Dies wäre das Argument der Handlungsdeontologie. Andere historische Formen, die zu diesem Quadranten gehören, finden wir hier etwa im Existen‐ zialismus.</p>
<p>Quadrant 2 steht indes für die teleologische, zielgerichtete Frage: Was soll und was kann ich wollen? Typisch für diesen individuell‐teleologischen Ansatz sind etwa der ethische Egoismus (z.B. Hobbes und Nietzsche) und der Handlungsutilitarismus (z.B. Jeremy Bentham). Der Ansatz des ethischen Egoismus besteht in dem Versuch, „für sich selbst das größtmögliche Übergewicht von guten gegenüber schlechten Folgen herbeizuführen“<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-24" id='fnref-2505-24'>24</a></sup>, während der Handlungsutilitarismus in der Ansicht besteht, man sollte nach dem Prinzip der Nützlichkeit handeln und danach, herauszufinden, welche Handlungen für einen selbst und die Welt den größten Nutzen bringen. Beide Ansätze basieren auf individuell‐situativen Entscheidungen, die sich nicht auf irgendwelche konsensuellen Regeln berufen.</p>
<p>Quadrant 3 fokussiert die Sozialdimension der Erfahrung, und damit, welchen (konsensuellen) Verhaltensregeln wir folgen sollten. Eine solche Regeldeontologie, wie etwa die von Kant, besteht in der Behauptung, dass alles sittliche Verhalten aus konkreten Regeln besteht. Die 10 Gebote etwa sind solch ein regeldeontologischer Ansatz und damit diesem Quadranten zuzuordnen. Moderne ethische Formen, die zu diesem Quadranten gehören, wären der Historische Positivismus und der Relativismus.</p>
<p>Der Quadrant 4 schließlich fokussiert die Frage: Was wollen wir sozial? Solche Ansätze wie der Regelutilitarismus verlangen etwa, nur die Ziele zu wählen, die auf das größte allgemeine Wohl ausgerichtet sind.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-25" id='fnref-2505-25'>25</a></sup> Die große Frage besteht dann darin, herauszufinden, was das größte allgemeine Wohl ist. Auch der ethische Universalismus gehört zu diesem Quadranten, da er den Standpunkt vertritt, dass das Objekt des sittlichen Handelns nicht die Individuen als solche, sondern eine Gemeinschaft ist.</p>
<p>Das Problem der einzelnen Ansätze besteht nun (offensichtlich) darin, dass sie nicht die Komplexität der menschlichen Erfahrungen und Perspektiven abdecken können. Einfach gesagt: Der ethische Egoist tilgt die Frage des Gemeinwohls, der Handlungsdeontologe die Frage des persönlichen (Entwicklungs‐)Ziels. Alle historischen Ansätze liefern aber wertvolle Beiträge. Es liegt daher auf der Hand, dass eine post‐konventionelle, in diesem Sinne integrale Ethik, alle vier Quadranten mit einschließen und dementsprechend, vereinfacht gesagt, folgende vier Fragen, die für die vier Quadranten stehen, integrieren und beantworten können muss:</p>
<ol>
<li>Wie soll ich mich jetzt am besten verhalten?</li>
<li>Was will ich erreichen?</li>
<li>Auf welche Verhaltensregeln einige ich mich mit anderen?</li>
<li>Was will ich sozial und wie können wir gemeinsam zum Wohle von Allen arbeiten?</li>
</ol>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-6-Der_evolutive_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 6: Der evolutive Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-6-Der_evolutive_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 6: Der evolutive Wille</p></div>
<p>Nur dann können wir sicherstellen, dass wir den komplexen weltlichen Anforderungen entsprechend handeln und wollen können. Erst der evolutionäre Wille vermag alle Quadranten zu harmonisieren, erst er ist in der Lage, gleichermaßen die situative Komplexität (Q1), das individuelle Ziel (Q2), das sozial konsensu‐ elle Verhalten (Q3) sowie das soziale Ziel (Q4) in Übereinstimm‐ ung zu bringen und zu befriedigen. Dies ist deshalb möglich, weil der Mensch hier die deontologische wie teleologische Dimension der Evolution der Psyche und Kultur berücksichtigen kann, und weil er sie als Teil seiner eigenen Erfahrung begreift.</p>
<h4>7. Der konstrukt‐bewusste Wille</h4>
<p>Der konstrukt‐bewusste Wille taucht dann auf, wenn der Mensch eine hochgradige Tiefenschärfe und Verständnis seinen eigenen psychologischen Prozessen entgegenbringt, sodass er begreift, dass Evolution nichts anderes ist als ein kontingentes Beobachtungsschema, welches er über die phänomenale Welt legt, um sich irgendwie zu orientieren. Dieses Schema ist nicht wahrer oder unwahrer, nicht besser oder schlechter, nicht komplexer oder einfacher, nicht effektiver oder weniger effektiv als alle anderen Beobachtungsmodelle. Dasselbe gilt für Schemas und Konzepte wie ‚Autopoiese‘, ‚Ich‘ oder ‚Selbst‘. Das konstrukt‐bewusste Individuum befindet sich, sinnbildlich gesprochen, manchmal in der misslichen Lage wie der überdosierte LSD‐Konsument, der einen Stift in der Hand nicht mehr als Stift identifizieren kann, da er durch die Droge alle Beobachtungsschemas dekomponiert hat.</p>
<p>Die einfachste Art und Weise, einen Verständniszugang zu dieser Stufe zu bekommen, liegt in einer intuitiv eingängigen Analogie. Stellen wir uns ein analoges Radio vor, in dem wir die vielen Sender – die Attraktoren und Ebenen unserer Existenz – manuel einstellen können: Einen Sender für den Tiefschlaf, einen fürs Träumen, einen für unseren alltäglichen Wachzustand und die kognitive Erfahrung unserer materiellen Wirklichkeit, einen für spirituelle oder andere non‐duale Gipfelerfahrungen usw.. Konstrukt‐Bewusstsein heißt, über die Fähigkeit, die Bewusstheit und den Willen (oder kurz: die Bewusstseinstechnologie) zu verfügen, alle Sender dieses Radios bei Bedarf genau einstellen zu können. Dazu zählt auch zu wissen, wie das Radio unserer Existenz an sich aufgebaut ist und funktioniert und entscheiden zu können, welche Programme auf den verschiedenen Sendern laufen. Konstrukt‐Bewusstsein impliziert insofern einen hoch‐differenzierten Beobachter dritten Grades, der über die Kapazität verfügt, die Konstruktionsmechanismen, die zu unseren vielfältigste kognitiven Wirklichkeitserfahrungen führen, steuern zu können. Das einfachste Beispiel wäre entscheiden zu können, was man während der Traumphase träumt, oder aber der Entscheidung, das Träumen ganz lassen zu können.</p>
<p>Mehr als auf der vorherigen Stufe beginnt hier der Mensch, tatsächlich auf die Prozesse, die seine Psyche und sein Bewusstsein, aber auch seine unterschiedlichen Perspektiven und Beobachtungen – im Allgemeinen: Die Tiefenstrukturen des Denkens – gestalten, Einfluss nehmen zu können. Hier kann das gedacht werden, was gedacht werden will; das interne chatter des Geistes kann ausgerichtet und gesteuert werden, nicht nur kurzfristig, sondern langfristig. Der konstrukt‐bewusste Wille verfügt über das Know‐how, die psychologischen Wirklichkeiten zu formen, die geformt werden sollen, an sich etwas, das weit über das subjektivistische ‚Wünsch dir was beim Universum‘ der esoterischen Postmoderne hinausgeht.</p>
<p>Es ist insofern kein Zufall, dass in den östlichen wie in westlichen Weisheitstraditionen oft behauptet wird, dass mit dieser Entwicklungsstufe auch ein gewisser magischer Wille, die <em>Shiddis</em>, einhergeht.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-26" id='fnref-2505-26'>26</a></sup> Wir haben es hier jedoch explizit nicht mit von C.G. Jung beschriebenen Prinzipien der <em>kausalen Synchronizität </em>zu tun, wie sie von archaischen Bewusstseinsstufen als Magie erfahren wurden, <em>a lá: „</em>Ich töte hier dies imaginierte Wild in diesem rituellen Akt, um das reale Wild dort zu erlegen“. Wir haben es hier viel eher mit einer Vertiefung der konstruktivistischen Erkenntnis der Postmoderne zu tun und der Umsetzung korzybskischer Prinzipien: Wenn unsere inneren Schemas, unsere Konditionierungen und Filter bestimmen, wie und was wir beobachten und erfahren, so können wir auch erlernen, genau diese Schemas, unsere Konditionierungen und Filter zu navigieren, um die psychische Gesamt‐ erfahrung zu erzeugen<em>, die wir erzeugen wollen</em>. Erinnern wir uns beispielsweise an das im ersten Teil beschriebene (Beobachtungs‐) Schema ‚Mangel‘, durch das wir manchmal geneigt sind, die Unzufriedenheiten unseres Alltags zu formen, sei es nun bezüglich Anerkennung, Status oder einfach Geld. Das Individuum befähigt sich auf dieser Stufe, diese tief liegenden psychischen Schemas zu verändern, und damit seine Wahrnehmungen von der Welt und freilich auch seiner Handlungsperspektiven. Es kann beispielsweise aus dem Beobachtungsschema ‚Mangel‘ eines des ‚Überflusses‘ machen, ohne etwa in den internen Konflikt zu kommen, diese absichtliche Änderung seiner inneren Program‐ mierung als Lüge zu empfinden. Dazu ist eine hohe Indifferenz gegenüber den eigenen inneren Prozessen nötig. Also etwas, was man, wie im Buddhismus, Zeugenbewusstsein nennen kann, oder eben, wie weiter oben beschreiben, den Beobachter dritten Grades, der die Beobachter ersten und zweiten Grades steuert.</p>
<p>Wie dem aber auch sei, wir sehen daran, dass die Entwicklung des Willens auch immer etwas damit zu tun hat, in welchem Umfange wir unsere Erfahrung formen können. Wir brauchen den konformistischen Willen, um gemeinsam unsere Erfahrungswirklichkeit erschaffen zu können; wir brauchen den Leistungswillen, um die Erfahrung zu machen, dass wir, auf uns selbstgestellt, durch großen Aufwand unsere individuelle Welt gestalten können; wir brauchen den kreativen Willen, um die Erfahrung der schöpferischen Kreativität zu machen; was zwar an sich ein Pleonasmus ist, aber doch die Tatsache ausdrücken soll, wie wir über unser kreatives, daimonisches Handeln unsere Wirklichkeit erschaffen können. Mit dem evolutionäre Willen vereinheitlichen wir unsere gesamte Erfahrung unter dem Schema der Evolution; und mit dem konstrukt‐bewussten Willen tauchen wir hinab und beginnen, all jene Schemas ändern zu können, durch die unser Alltag zu dem wird, wie wir ihn eben erfahren. Wenn wir so unser Denken (wie auch unser Sprechen) verändern, verändern wir im gleichen Zuge unsere Erfahrung. Nochmals Susanne Cook‐Greuter, die diese Stufe, auf der wir den konstrukt‐bewussten Willen ausformen, die der ‚Synergisten‘ nennt:</p>
<blockquote><p>Anders als auf früheren Stufen sind sich Synergisten über die gewandten und überaufmerksamen Machenschaften zur Selbsterhaltung des ‚Ichs‘ bewusst. Dies ist der erste Moment, wo das ‚Ich‘ durchlässig für sich selber wird. Endgültiges Wissen über das Selbst oder irgendetwas anderes wird als illusorisch und unerreichbar durch Anstrengung und Denken gesehen, da jeder bewusste Gedanke, jede Erkenntnis als konstruiert erkannt wird ‐ und daher als getrennt von der darunterliegenden zusammenhängenden nicht dualen Wahrheit. In Folge einer weiteren Wendung nach Innen, fangen Synergisten an, ihre eigenen Versuche der Bedeutungsbildung zu durchschauen und werden aufmerksam auf die tiefen Spaltungen und Paradoxien, die dem rationalen Denken innewohnen. Auf verschiedene Weise entdecken sie individuell den Gedanken Korzybskis (1948) wieder, dass „die Landkarte nicht das Gebiet” ist. Der linguistische Prozess alles in polare Gegensätze zu spalten und die damit verbundenen immanenten Werturteile können nun bewusst werden. Gut und Böse, Leben und Tod, Schönheit und Hässlichkeit erscheinen nun als die beiden Seiten der einen Medaille.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-27" id='fnref-2505-27'>27</a></sup></p></blockquote>
<p>In dem Buch <em>Der Wille </em>habe ich den evolutionären und den konstrukt‐bewussten Willen aus Gründen der Darstellung als einen behandelt. Tatsächlich kann man den Letzteren als eine Ausdifferenzierung des Vorherigen betrachten. Obwohl dies natürlich bis zu einem gewissen Grad für alle Willensformen gilt, beziehen sich diese beiden Willensformen im Gegensatz zu allen anderen auf die Geist‐Sphäre der menschlichen Erfahrung und weniger auf die Bio‐ und Soziosphäre (also Natur und Kultur). Anders herum: Wir können hier klar den ‚aufsteigenden Aspekt‘ der Willensentwicklung betrachten. Der Bio‐Überlebens und der Sicherheitswille beziehen sich in der Individualentwicklung stets auf den Körper, die Natur und das Bio‐Überleben. Der konformistische Wille und der Leistungswille beziehen sich auf die Sozio‐ Sphäre, und damit auf Kultur und die konsensuelle Erschaffung und Verwendung von Werten und Symbolen. Den kreativen Willen kann man in dieser Hinsicht als den Übergang von der Sozio‐Sphäre zur Geist‐Sphäre betrachten, in der der Wille in unterschiedlich komplexem Ausmaß auf die eigene Erfahrung angewendet wird.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-7-Der_konstrukt-bewusste_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 7: Der konstrukt‐bewusste Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-7-Der_konstrukt-bewusste_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 7: Der konstrukt‐bewusste Wille</p></div>
<p>Diesem Willen können wir auch die Dritte Daimonotechnik zurechnen: Wende die Autopoiese der Psyche an, ohne Dich an die Autopoiese der Psyche zu binden! Um dieses Paradox zu lösen, ist die hier beschriebene Tiefenschärfe des Denkens nötig, ohne die sich jeder Versuch, Indifferenz seinen eigenen Handlungen gegenüber zu erzeugen, als unmöglich erweisen wird.</p>
<h4>8. Der non‐duale Wille</h4>
<p>Wie Ken Wilber und Allan Combs in Form des berühmten ‚Wilber‐Combs‘‐Rasters gezeigt haben<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-28" id='fnref-2505-28'>28</a></sup>, können ‚non‐duale’ Erfahrungen auf jeder Entwicklungsstufe auftreten, so wie auch jede Entwicklungsstufe ihren eigenen Zugang zur materiellen, zur mentalen und kausalen Ebene der Existenz hat. Einfach gesagt ist dieser Wille non‐dual deshalb, weil er es vermag, diese unterschiedlichen Ebenen – materiell, mental, kausal und non‐dual – zu vereinen.</p>
<p>Es gibt in diesem Sinne also zwei Arten von non‐dualen Erfahrungen. Es gibt einerseits non‐duale Erfahrung <em>im Gegensatz </em>zu den dualen Erfahrungen unseres Alltags. Solche ‚einfachen‘ non‐dualen Erfahrungen können wir beim Sport, in der Spiritualität oder während der Sexualität erleben. Sie sind relativ kurzfristig und heben, auf der Ebene des Denkens, Wahrnehmens oder Handelns die duale Natur unserer Erfahrung auf. Diese Arten von non‐dualen Erfahrungen beziehen sich auf das Wilber‐Combs Raster.</p>
<p>Darüber hinaus gibt es aber auch jene Non‐Dualität, die die Differenz von Dualität und Non‐Dualität überwindet<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-29" id='fnref-2505-29'>29</a></sup>. Solch ‚komplexere‘ Non‐Dualität integriert damit die vier Ebenen materiell, kausal, mental und non‐dual, bringt sie zu einer Einheit und ist damit auch nicht so kurzlebig wie die einfachen nondualen Erfahrungen. Der hier adressierte non‐duale Wille ist der Ausdruck dieser komplexen Non‐Dualität.</p>
<p>Mit jeder Entwicklungsstufe vertiefen wir unsere Erkenntnis dessen, wer wir sind, wie wir operieren, und wie wir überlebe können, hin zu dem Punkt, in jenen Bereich einzutreten, um es noch mal in der Zen‐Formel auszudrücken, wo wir <em>weder geboren</em> <em>sind, noch jemals sterben können</em>. Dieser Punkt ist die Zielstufe aller wahren Weisheitsreligionen und wurde von spirituellen Lehrern und Meistern aller Couleur deutlich hervorgehoben. Hier wird die Differenz von Leben und Tod transzendiert und vereinigt;hier findet der Wille und das Leben seine Erfüllung; hier können wir gleichzeitig handeln und nichthandeln, hier haben wir die Differenz von Selbst und Nicht‐Selbst überwunden. Ja mehr noch<em>, hier haben wir den Gordischen Knoten von Wollen und gleichzeitig nicht‐Wollen zerschlagen</em>. Die Differenz von Handelndem und Handlung verschwindet ebenso wie die zwischen Nicht‐Handlung und Handlung, in der paradoxerweise nichts getan und alles erlangt wird. All dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Mensch hier die grundlegenden Schemas von ‚Ich‘ und ‚Selbst‘ als Handelndem, von ‚Zukunft‘, ‚Sinn‘ und ‚Handlung‘ an sich – neben vielen anderen Schemas – dekomponiert und in einer höh‐ eren Form von Ganzheit wieder zusammengefügt hat … ein gewaltiger kognitiver Akt ohne Vergleich, in und durch den die gesamte Erfahrung als ein ungebrochen non‐dualer Strom fließt. Aus dem irdischen Bewusstsein der vorherigen Stufen wird so ein kosmisches Bewusstsein, und aus dem irdischen Willen wird jener kosmische bzw. non‐duale Wille, von dem uns schon Arthur Schopenhauer berichtete:</p>
<blockquote><p>Nicht allein in denjenigen Erscheinungen, welche seiner eigenen ganz ähnlich sind, in Menschen und Tieren, wird er als ihr Innerstes Wesen jenen nämlichen Willen anerken‐ nen; sondern die fortgesetzte Reflexion wird ihn dahin leiten, auch die Kraft, welche in der Pflanze treibt und vege‐ tiert, ja, die Kraft, durch welche der Krystall anschießt, die, welche den Magnet zum Nordpol wendet, die, deren Schlag ihm aus der Berührung heterogener Metalle entge‐ genfährt, die, welche in den Wahlverwandtschaften der Stoffe als Fliehn und Suchen, Trennen und Vereinen erscheint, ja, zuletzt sogar die Schwere, welche in aller Materie so gewaltig strebt, den Stein zur Erde und die Erde zur Sonne zieht, – diese Alle nur in der Erscheinung für ver‐ schieden, ihrem Innern Wesen nach aber als das Selbe zu er‐ kennen, als jenes ihm unmittelbar so intim und besser als alles Andere Bekannte, was da, wo es am deutlichsten hervortritt, Wille heißt.<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-30" id='fnref-2505-30'>30</a></sup></p></blockquote>
<p>Nun ist Erleuchtung, kosmisches oder non‐duales Bewusstsein dieser Stufe etwas, was selbst gestandene Geister wie Sloterdijk aus dem Gleichgewicht bringt. In seiner Kritik der Erleuchtung85 geht Sloterdijk etwa auf die Erleuchtung des „‘Substanz‘ bzw. Geist‐ontologischen Typus“ ein, wie sie „im hinduistischen System“ vorliegt: „Hier wird eine Gleichsetzung zwischen der All‐Seele und der Einzelseele bzw. zwischen dem unendlichen und dem endlichen Intellekt gründlich vollzogen.“ An dieser Fassung wäre an sich nichts auszusetzen, würde Sloterdijk nun nicht plötzlich eine Kehrtwendung vornehmen und ein paar Zeilen später seine Kritik damit begründen, dass der hinduistische Typ der Erleuchtung damit „der Welt mehr Intelligenz und Seele unterstellt, als ihr zukommt.“ Damit vertauscht er plötzlich den „unendlichen Intellekt“ mit „der Welt“, und begeht hiermit einen grundsätzlichen Kategorienirrtum, wo er Erleuchtung plötzlich mit einer Art Animismus gleichsetzt. Nun ist indes das non‐duale oder kosmische Bewusstsein ein psychologisch derart gut untersuchtes Phänomen, das wenig mit Animismus zu tun hat; hier kommt einem die Wilbersche Unterscheidung zwischen prä‐rational und trans‐rational<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-31" id='fnref-2505-31'>31</a></sup> in den Sinn, also der Fehlleistung, globale, undifferenzierte Ganzheitserfahrungen der frühen Entwicklungsstufen als differenzierte und komplexere Ganzheitserfahrungen misszuverstehen. Wie etwa David Loy, selbst Professor für Philosophie und anerkannter Zen‐Lehrer festhält, handelt es sich bei non‐dualem oder kosmischen Bewusstsein eher darum, die Differenzen von Subjekt und Objekt, von Subjekt und Welt im Denken, Handeln und Wahrnehmen zu überkommen, und zwar im Bewusstsein des Individuums. Wie Loy zeigt, sind genau dies die tragenden und übereinstimmenden Säulen der Erleuchtung im Buddhismus, Hinduismus und Taoismus.</p>
<div class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-8-Der_non-duale_Wille.png" rel="lightbox[2505]"><img class=" " title="Tab. 8: Der non‐duale Wille" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/Tab-8-Der_non-duale_Wille.png" alt="" width="250" /></a><p class="wp-caption-text">Tab. 8: Der non‐duale Wille</p></div>
<p>Erwähnenswert ist abschließend noch, dass ‚non‐duales‘ oder ‚kosmisches Bewusstsein‘ strukturelle Begriffe für eine Sache sind, die eigentlich eher prozessual und nicht ohne Einfluss des Willens geschehen, der hier aber nicht mehr als unser eigener Wille in Erscheinung tritt. Kosmisches Bewusstsein ist eine Form unserer Moment‐zu‐Moment Erfahrung, an deren Konstruktion das Individuum ebenso teilhat, wie es realisiert, dass es sich selbst als ‚Individuum‘ eigentlich gar nicht gibt. Wir kommen hier natürlich an die Grenzen des mit Worten Beschreibbaren. Selbst‐ Identität und Selbst‐Identifikation enden, und damit natürlich auch ‚mein‘ Wille; was bleibt, ist, das unendliche phänomenale Spiel der Formen in der Leere zu bezeugen, nämlich als unfassbarer Punkt in einem unendlichen Kosmós.</p>
<h4>Die Spirale des Willens</h4>
<p>Soweit die Entwicklungsstufen des Willens. Ungeachtet dieser strukturell‐hierarchischen Darstellungsform muss berücksichtigt werden, dass der Wille Ausdruck des Prozessaspektes des Bewusstseins ist, der zunehmend komplexer wird und sich in der individuellen Entwicklung zunächst auf Bio‐Sphäre und dann auf die Sozio‐Sphäre bezieht, um schließlich seinen Einflussbereich und sein Wirkungsfeld auf die Psyche und das Bewusstsein selbst auszudehnen. Insofern sind die Stufen natürlich wachsende Emergenzen und keine starren Formen, jede Form geht aus der vorherigen hervor und ist nur durch die vorhergehende denkbar. Zwischenformen des Willens sind zu erwarten, wenn man das Modell höher auflöst und andere Perspektiven anwendet.</p>
<p>Obwohl eine Daimonotechnik in diesem Sinne mit den prä‐konventionellen und konventionellen Stufen vorbereitet wird – wie etwa durch das Leistungs‐Motto: „Üben‐üben‐üben!“ – kann eine Daimonotechnik, die sich immer die Autopoiese des Bewusstseins zunutze macht, erst zur Anwendung kommen mit den post‐konventionellen Stufen, wo nicht nur eine gesteigerte Transparenz interner Prozesse vorliegt, sondern auch die Gesamterkenntnis, dass diese stets in einen evolutionären Prozess eingebettet sind. Wie schon mehrfach gesagt: Der evolutionäre Rückbezug des Bewusstseins auf sich selbst hat stattgefunden. Mit den post‐konventionellen Stufen des Willens differenziert sich damit die Daimonotechnik aus, kann – generell gesagt – auf immer mehr Lebensbereiche und Lebenspraxen angewendet werden, kann der Evolution der Psyche immer mehr Momentum gegeben werden.</p>
<p>Wir können auch anhand dieser Darstellung der Entwicklung des Willens die wunderbare Spirale des Willens selbst beobachten. Der Wille entsteht als reiner Überlebensinstinkt aus einem Zustand relativer und unspezifischer Globalität des Bewusstseins und erzeugt in seinem weiteren Verlauf und Entwicklung zunehmende Differenzierung und höhere Komplexität; mit dem ersten Bio‐Überlebenswillen erzeugt der Mensch die Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen Bedürfnis (z.B. nach Nahrung) und der Bedürfnisbefriedigung (wie etwa durch die Mutter). Mit der Unterscheidung von Innen und Außen taucht dann langsam der Sicherheitswille auf mit dem Paradigma, dass Selbst in der Welt zu sichern und ihm Ausdruck zu verleihen. Hier findet das Selbst das Kollektiv, und das Individuum identifiziert seinen Willen mit dem des Kollektivs; es werden Werte entwickelt und Rollenkonzepte. Mit und durch das Kollektiv kann dann eine erste Erziehung erfolgen und der Leistungswille entsteht mit dem Versuch, langfristig Ziele zu erreichen durch Disziplin, Ausdauer, Anstrengung. Hier erscheinen die Ziele, die zum Zeitpunkt des Aufstellens aufgestellt werden, zunächst scheinbar unerreichbar.</p>
<p>Doch einen besonderen Antrieb verleiht, der den Willen selbst auf eine neue Ebene hebt: Plötzlich wird der Wille auf die Bedingungen des Willens selbst angewendet, auf das kreative Moment, auf die Idee von Emergenz und Gipfelerfahrung. An sich ist das eine Emergenz vorher ungekannten Ausmaßes; mit diesem Rückbezug beginnt das Individuum, sich mit den Bedingungen und Prinzipien der Autopoiese selbst auseinanderzusetzen, die die vorherigen Stufen selbst erzeugt hat! Doch hier endet die Spirale des Willens nicht, sondern hier taucht dann der evolutionäre Wille auf, der das Momentum der vorherigen Stufe aufnimmt und auf das ganze Leben überträgt. Die daimonische Begeisterung und Kreativität wird zur Grundlage alltäglicher Existenz …</p>
<p>Wir leben in einer wirklich bemerkenswerten Zeit, einer Zeit, in der sich die Evolution des Geistes zum ersten Mal selbst bewusst wird und wir gemeinsam darüber zu sprechen beginnen. Wir beginnen nicht nur zu verstehen, wie die Psyche und das Bewusstsein operieren und wir Bewusstsein über Bewusstsein erlangen, sondern auch, wie wir zu dem kommen, was wir Erfahrung und Wirklichkeit nennen. Wir stehen an dem Punkt, an dem wir entscheiden können, ob wir unsere Kreativität auf unser gesamtes Leben, jede unserer Lebenspraxen, übertragen und unsere Entwicklung selbst in die Hand nehmen wollen. Während dieser Gedanke – wir erzeugen unsere Erfahrung selbst und können eine geistige Entwicklungsstufe erlangen, die wir der Einfachheit halber ‚Erleuchtung‘ nennen – noch bis vor ein paar hundert Jahren nur den Weisen, den Gurus und Heiligen vorbehalten war, die aufgrund einer spontanen Erlangung oder eines besonderen Trainings zu dieser evolutionären Selbstbewusstheit gelangten, so sind wir sozio‐kulturell an einem Punkt angelangt, an dem wir diesen evolutionären Rückbezug des Bewusstseins auf sich selbst untersuchen können. Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann, Allan Combs, Heinz von Foerster oder George Spencer Brown, Psychologen wie Jean Piaget oder Susanne Cook‐Greuter, Philo‐ sophen wie Ken Wilber und Paul Watzlawik, Linguisten wie Alfred Korzybski und Ernst von Glasersfeld, Biologen wie Hum‐ berto Maturana und Fransisco Varela, alle arbeiten an einem immer deutlicher werdenden Bild, wie wir zu dem wurden, wer wir sind, und wie wir diese Kräfte und Mechanismen nutzen können, um aktiv an der Evolution teilzuhaben. Und um mit von Foerster zu sprechen: Hier wird aus dem ‚human being‘ ein ‚human becoming‘<sup class='footnote'><a href="#fn-2505-32" id='fnref-2505-32'>32</a></sup>, ein stets sich im Werden begreifendes menschliches Wesen.</p>
<p>All diese Überlegungen beantworten natürlich nicht die überaus drückende Frage, was genau man tun soll, oder welche Methode oder Beschäftigung man wählen sollte – sei es nur im spirituellen Kontext die Frage: ob man Tai Chi, Qui Gong, Meditation, Body-Cleansing oder Pranayama wählen soll, oder aber im lebensweltlichen Kontext: Was soll man tun, welchen Sinn wählen, mit welchen Menschen verkehren, welchen Job wählen, und allgemein: wie seine Zeit strukturieren? Tatsächlich ist es so, dass es vom Standpunkt der Daimonotechniken relativ egal ist; Evolution kann in allen Lebensformen und Praxen stattfinden. Dennoch muss man herausfinden, was genau man tun will, und dies ist bekanntlich, folgt man Ortega I´Gasset, die schwierigste Aufgabe von allen. Und doch kann man hier nur anraten, seinen eigenen Genius, also diejenige okkulte wie numinose Instanz in uns, zubefragen, deren Stimme uns, in den Stunden der Ruhe, der Meditation und manchmal im Traum, unser Schicksal und unseren Willen weist. Zugang zu diesem Genius zu erhalten und Rat zu empfangen auf die Frage: Was genau soll ich tun? – auf diese Frage bieten die Traditionen ausreichend Antworten und Methoden. Und es ist nicht nur die schwierigste Frage, sondern meines Erachtens auch die wichtigste Frage. Denn letztlich geht es in unserem Leben um nichts anderes: nämlich zu wissen, warum man morgens aufsteht, und was man den Rest seines Lebens tun will.</p>
<p><em>Aus dem Buch »Entwicklung als Passion«, erschienen im <a href="http://www.phaenomen-verlag.de/" target="_blank" rel="external nofollow">Phänomen-Verlags</a>, 2011.</em></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-2505-1'>Amarque, Tom; Der Wille, 2009. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-1">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-2'>Und natürlich wie bei der Entwicklung der Liebesfähigkeit und der ‚zunehmenden Umarmung‘ des emotionalen Bereiches des Selbst. Sie etwa die Arbeiten von Carol Gilligan. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-2">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-3'>Vgl. Wilber, Ken, Integrale Psychologie, 2000. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-3">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-4'>Jaspers, Karl, <em>Existenzerhellung</em>, S. 150; 1973. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-4">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-5'>Cook Greuter, Susanne, <em>9 Stufen zunehmenden Erfassens</em>, S. 8, 2007. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-5">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-6'>Vgl. Peter Sloterdijk<em>, Zorn und Zeit</em>, 2006 <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-6">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-7'>Tatsächlich kann das Kollektiv aber auch das globale Dorf sein, eine Tatsache, die darauf hinzeigt, dass nur weil man in einer post‐modernen Kultur aufgewachsen ist, noch lange nicht post‐modern oder post‐konventionell sein muss, sofern man den Willen des Kollektivs als Identitätsdeterminante nimmt … eine Tatsache auf die Wilber mehrfach hingewiesen hat in der Erkenntnis, dass ein Großteil der 60er‐Jahre‐Hippies eben nicht post‐konventionell waren, sondern konformistisch‐konventionell. Vgl. Wilber, <em>Boomeritis</em>, 2009. Auch wird hieran ersichtlich, dass die sogenannte <em>Nettiquette </em>und <em>political correctness </em>keine Errungenschaft eines postmodernen‐postkonventionellen Willens ist, sondern eines konformistisch‐konventionellen! <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-7">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-8'>Man vergegenwärtige sich nur, dass sich Unmengen von Frauen im Mittelal‐ ter bei der Inquisition selbst anzeigten, weil sie von Schuldgefühlen geplagt waren, vgl. Oswald Sprenglers <em>Untergang des Abendlandes</em>, S. 912, 2007. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-8">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-9'>A.a.O.. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-9">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-10'>In der Bedeutungsverwendung von Richard Dawkins und Susan Blackmore. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-10">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-11'>Wie Susanne Cook‐Greuter hervorhebt, glauben solche Leistungsmenschen der ‚Selbst‐bewussten‘‐ Stufe, an die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen. S. a.a.O., S.18. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-11">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-12'>Vgl. Cook‐Greuter, Susanne, a. a. O.; S. 18. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-12">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-13'>Vgl. Amarque, Tom, Wie wir wurden, wer wir sind, 2010. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-13">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-14'>A.a.O., S. 144. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-14">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-15'>Vgl. Tom Amarque, <em>Wie wir wurden, wer wir sind</em>, S. 83, 2010. Hier stelle ich als eines der Kennzeichen der Postmoderne die Aufgabe des descartschen, objektiven Beobachterstandpunktes zugunsten einer mehr relativen und subjektiven <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-15">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-16'>A.a.O. S. 24. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-16">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-17'>A.a.O. . S. 69. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-17">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-18'>Vgl. Lovelock, James, <em>Gaia</em>, 1992. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-18">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-19'>Vgl. Wilber, Ken, <em>Halbzeit der Evolution</em>, 1996. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-19">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-20'>Die KI und der Versuch, das Bewusstsein künstlich zu erzeugen, spiegelt einen weiteren Aspekt dessen, wie die Postmoderne wissenschaftliche Forschung beein‐ flusst. Einerseits ist KI nicht denkbar ohne den postmodernen Interessenschwer‐ punkt ‚Bewusstsein‘; andererseits stellt es einen wissenschaftlichen Versuch dar, auch hier das Leben zu verlängern. Der KI‐Pionier Ray Kurzweil etwa prognostiziert, dass um 2050 die KI eine derartige Komplexität haben wird, dass wir unser Bewusstsein darin einspeisen können! Vgl. Ray Kurzweil<em>, The Singularity is near</em>, 2006. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-20">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-21'>Vgl. Cook‐Greuter, a.a.O. S. 27. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-21">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-22'>A.a.O. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-22">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-23'>Frankena, Wilhelm, Analytische Ethik, S. 32., 1994. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-23">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-24'>Frankena, William, <em>Analytische Ethik</em>, S. 37, 1994. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-24">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-25'>Vgl. William Frankena, A.a.O. S. 56. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-25">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-26'>Der Religionsforscher Mircea Eliade geht explizit auf diesen Punkt ein, Vgl. <em>Yoga</em>; S. 94, 2004. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-26">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-27'>A.a.O.; S. 31. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-27">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-28'>Vgl. z.B. Combs, Allan, <em>Die Psychologie des menschlichen Bewusstseins</em>, 2011. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-28">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-29'>Vgl. Loy, David. A.a.O. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-29">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-30'>Schopenhauer, Arthur, <em>Die Welt als Wille und Vorstellung</em>, S. 163, 1991. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-30">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-31'>Vgl Wilber, Ken, Eros Logos, Kosmos, S. 259. 1996. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-31">↩</a></span></li>
<li id='fn-2505-32'>Vgl. Heinz von Foerster, KybernEthik, 1993. <span class='footnotereverse'><a href="#fnref-2505-32">↩</a></span></li>
</ol>
</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.openmindjournal.com/2011/08/23/entwicklungsstufen-des-willen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
	
	<div style="display: none;" id="wikipopFrame"><iframe id="theFrame" style="border: none;" name="theFrame" width="340" height="400" src=""></iframe></div>

</channel>
</rss>
