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	<title>OpenMindJournal &#187; Gemeinschaftsbildung</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Lebenspraxis und Change</description>
	<lastBuildDate>Thu, 17 May 2012 11:01:36 +0000</lastBuildDate>
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		<title>NewEarthCamp 2012, eine persönliche Erfahrung</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 00:02:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Angela Pertinez</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom 24. – 26. Februar hat das diesjährige NewEarthCamp in der Villa Unspunnen in Wilderswil stattgefunden. Ein persönlicher Bericht aus zwei Tagen Camp-Erfahrung. Samstagmorgen Es ist kurz nach acht Uhr morgens und ich bin auf dem Weg ans NewEarthCamp in Wilderswil. Das NewEarthCamp findet zum zweiten Mal statt und ich muss einfach dabei sein. Warum [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4624" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2356.jpg" rel="lightbox[4619]"><img class=" wp-image-4624  " title="NewEarthCamp 2012" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2356-300x224.jpg" alt="" width="250" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">Plenum zur Erstellung des Tagesprogramms am Sonntag Morgen</p></div>
<p><em>Vom 24. – 26. Februar hat das diesjährige NewEarthCamp in der Villa Unspunnen in Wilderswil stattgefunden. Ein persönlicher Bericht aus zwei Tagen Camp-Erfahrung.</em></p>
<h4>Samstagmorgen</h4>
<p>Es ist kurz nach acht Uhr morgens und ich bin auf dem Weg ans NewEarthCamp in Wilderswil. Das NewEarthCamp findet zum zweiten Mal statt und ich muss einfach dabei sein. Warum ich unbedingt dabei sein will, ist mir in diesem Moment nicht ganz klar.</p>
<p>Als ich im grossen Seminarsaal der Villa Unspunnen ankomme, ist die Begrüssungsrunde  schon fast vorbei. Im Saal sitzen die rund 70 Teilnehmenden, die meisten von ihnen sind schon am Vorabend angereist. Das Camp hat am Freitag mit dem Film <em>Ein neues Wir</em> von Stefan Wolf begonnen – als Einstieg in den thematischen Schwerpunkt des Camps: <em>Gemeinschaft erleben</em>.  Nachdem ich die Begrüssungsregeln verstanden habe, stelle ich mich als Letzte vor, halte mich an die drei Stichworte und sage: «Angela, Bern, Hoffnung».</p>
<p>Das Moderationsteam stellt kurz die Regeln für das Camp vor. Das NewEarthCamp funktioniert nach den Open Space-Prinzipien eines Barcamps, dabei werden Inhalte und Ablauf von den Teilnehmenden selbst gestaltet. Und tatsächlich steht kurz darauf das Programm für den Tag fest, die Workshops, hier Sessions genannt, beginnen.</p>
<div id="attachment_4625" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2348.jpg" rel="lightbox[4619]"><img class=" wp-image-4625 " title="NewEarthCamp 2012" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2348-224x300.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Die volle »Raum-Zeit-Matrix« am Samstag Morgen</p></div>
<h4>Samstagnachmittag</h4>
<p>Wer sich explizit mit neuen Formen des Zusammenlebens fernab vom heutigen Lebensmodell der Mehrheitsgesellschaft beschäftigen will, findet im Camp die Sessions dazu. In diesen Sessions werden die zentralen Fragen aufgeworfen: Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Wie und inwieweit lässt sich der individuelle Weg innerhalb eines Kollektivs verfolgen? Abschliessend können diese Fragen nicht diskutiert werden. Aber es wird deutlich, dass Menschen, die eine neue Form von Gemeinschaft leben wollen, genau diese Fragen für sich und ihr Gemeinschaftsprojekt beantworten müssen.  Insofern erfüllt das NewEarthCamp sein Versprechen, ein Gefäss für Austausch, Kooperation und Inspiration zu sein. Weitere Sessions nähern sich dem Thema auf weniger kopflastige Weise, Gemeinschaft und Verbundenheit mit der Welt wird vor Ort erfahren: Beispielsweise durch das Bilden eines Energiekreises oder das WE Game, das darauf abzielt, den Wir-Raum zu erforschen und Beziehungen aufzubauen.</p>
<p>Spätestens vor dem gemeinsamen Nachtessen hat mich die positive Atmosphäre erfasst, die ich aus dem letzten NewEarthCamp und den sommerlichen Pendants, den SoulCamps, kenne. Ich staune, staune erneut über den offenen, ehrlichen und herzlichen Umgang untereinander, der sich in diesen Camps schon nach wenigen Stunden einstellt. Und dies, obwohl die Gruppe äusserst gemischt ist. Die Teilnehmenden üben unterschiedlichste Tätigkeiten und Berufe aus, haben ihre Ausbildung eben erst abgeschlossen oder haben ihre Erwerbstätigkeit bereits hinter sich. Wir sind Menschen aus der Schweiz, aus Deutschland und Lichtenstein, wir sprechen Deutsch oder Französisch.</p>
<p>Am Abend tanzen sich die meisten an der Deepr Disco aus dem Alltag raus, vereinzelt diskutieren kleine Gruppen im Hof der Villa oder im Treppenhaus weiter. Auch ich stosse erst kurz vor Mitternacht zu den Tanzenden, mit Mia Aegeters <em>Hi u jetzt</em>  findet der Tag den perfekten Ausgang.</p>
<h4>Sonntagmorgen</h4>
<p>Nach einer kurzen Körperübung in der vollzähligen Runde gehen die Teilnehmenden im Raum umher, finden sich immer wieder zu Zweiergruppen zusammen und tauschen sich kurz aus. Die Intention ist klar: Das Spiel soll erneut die Begegnung ermöglichen, in einer Gruppe von 70 Menschen trifft man auch auf Personen, mit denen man noch keinen Kontakt hatte. Aber ich, ich habe keine Lust. Meine morgendliche Zerknirschtheit ist noch nicht überwunden und zum Frühstück habe ich zu viel gegessen. Nichts liegt mir ferner, als in diesem Moment über meine Befindlichkeit zu sprechen. Also setze ich mich auf die Fensterbank. Hier braucht es dazu keinen Mut. Ganz im Gegenteil, das Nicht-Teilnehmen, das Sich-Raus-Nehmen hat am NewEarthCamp seinen festen Platz. Nebst den emsigen und aktiven Ameisen und Bienen ist auch der Verhaltenstypus der so genannten Schmetterlinge Teil des Konzepts. Die Schmetterlinge sind schlicht diejenigen, die meistens in der Cafeteria anzutreffen sind. Darin liegt das Geheimnis der spürbaren Motivation der Teilnehmenden: kein Zwang.</p>
<p>Die Grossgruppe löst sich auf, die Teilnehmenden finden sich zu neuen Sessions zusammen. Noch immer besteht das Bedürfnis, sich über Visionen vom Leben in Gemeinschaften auszutauschen. Die Visionen sind vielfältig: Geträumt wird von grossen, selbstversorgenden Gemeinschaften auf dem Land, von kleineren Lebensgemeinschaften im urbanen Zürich, von integralen Gemeinschaften, Zentren für ein ganzheitliches Leben und vielem mehr. Aber auch konkrete Projekte werden vorgestellt, z.B. der Permakulturhof <em>Chuderbode</em>. Die Diskussion profitiert von den Erfahrungen derjenigen Teilnehmenden, die heute schon in Gemeinschaften leben und auch die Fallen dieses Lebensmodells kennen. Auch in dieser Session bleibt die Diskussion zeitbedingt an der Oberfläche, die Grundlage für weitere Treffen und Austauschmöglichkeiten ist aber geschaffen.</p>
<div id="attachment_4626" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2340.jpg" rel="lightbox[4619]"><img class=" wp-image-4626 " title="Blick auf die Berge" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2340-300x224.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Alpenglühen auf der Jungfrau</p></div>
<h4>Sonntagnachmittag</h4>
<p>Ich mache mich auf, die Stimmen der NewEarthCamper und –Camperinnen zu sammeln. Diejenigen, die zum ersten Mal an einem solchen Camp teilnehmen, äussern sich durchwegs positiv zur Veranstaltungsform, sie sind «begeistert» von der «Leichtigkeit», die an diesem Wochenende herrscht. Jetzt erkenne ich, warum ich am NewEarthCamp 2012 unbedingt dabei sein wollte: Hier rücken die tatsächlichen Anliegen der Beteiligten, ihr Zeitgeist in greifbare Nähe. Denn die Sessionplanung findet spontan statt, wir behandeln nicht das, was wir geplant haben und für wichtig halten, sondern das, was im Moment vorhanden ist und ausgedrückt werden will.</p>
<p>Und was meinen diejenigen zum NewEarthCamp, die schon im letzten Jahr dabei waren? Was ist die Qualität des diesjährigen Camps? Victoria sagt, ihr habe das Tanzen an der Deepr Disco, die erstmals Programm am NewEarthCamp war, besonders gefallen.</p>
<p>Die Tatsache, dass sich einige Teilnehmende aus vorausgegangenen Camps schon kennen, wird mehrfach positiv beurteilt. Vermutlich durch diesem Umstand sei die Dynamik freier, meint Flavia und auch Heinz sagt dazu: «Die Begegnungen sind dieses Mal tiefer, vielleicht, weil sich ein paar Leute schon kennen oder aber, weil das Camp Leute angezogen hat, die sich tiefe Begegnungen wünschen».</p>
<p>Nach einer berührenden Schlussrunde, vielen Umarmungen und Abschiedsworten fahren wir zu viert im Auto eines Teilnehmers mit nach Bern. Im Treppenhaus meines Wohngebäudes kommt mir ein junger Mann entgegen. Als ich realisiere, dass er mein neuer Nachbar sein muss, ist er schon an mir vorbei. Noch immer beflügelt von den vergangenen Stunden drehe ich mich um und sage: «Du musst unser neuer Nachbar sein, hallo, ich bin Angela, ich wohne im 3. Stock». Er stellt sich vor und wir reden kurz. Als ich die Treppen hochsteige, erinnere ich mich an die Worte einer Teilnehmerin von heute früh: «Die grosse Vision ist, dass es irgendwann keine einzelnen Gemeinschaften mehr braucht». Ja, genau. Irgendwann.</p>
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		<title>Platons Idealstaat</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Jan 2012 14:45:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Ur-Utopie einer guten gesellschaftlichen Ordnung Kein Werk hat die Geschichte der Philosophie und der politischen Theorie bis hin zu den Utopien von heute so sehr beeinflusst wie Platons »Politeia«, in dem er ein Bild vom idealen Staat entwickelt. Der Idealstaat steht und fällt für Platon mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit. Alfred North Whitehead, ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Ur-Utopie einer guten gesellschaftlichen Ordnung</h2>
<div id="attachment_4112" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/platon1.jpg" rel="lightbox[4097]"><img class=" wp-image-4112 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/platon1.jpg" alt="" width="150" /></a><p class="wp-caption-text">Platon (428–348 v.Chr.)</p></div>
<p><em>Kein Werk hat die Geschichte der Philosophie und der politischen Theorie bis hin zu den Utopien von heute so sehr beeinflusst wie Platons »Politeia«, in dem er ein Bild vom idealen Staat entwickelt. Der Idealstaat steht und fällt für Platon mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit.</em></p>
<p>Alfred North Whitehead, ein britischer Philosoph und Mathematiker des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert schrieb etwas über Platon, was die einen zum heftigen Widerspruch und die anderen zur wohltuenden Bestätigung reizte: »Die sicherste allgemeine Aussage über die europäische philosophische Tradition ist, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.« Bei aller Provokation enthält dieser Satz einen wahren Kern, der darin besteht, dass Platon beinahe alle Themen und alle Probleme der Logik, Ethik, Ästhetik, Psychologie und Kosmologie in seinen Schriften angesprochen und durchdacht hat. Viele seiner Antworten und Theorien sind zeitgebunden und für uns nicht von praktischem Nutzen, vieles fordert von uns eine kritische Auseinandersetzung.</p>
<blockquote><p>Das bis heute ungeheuer Provokante ist Platons idealem Staat ist die Forderung nach einer Philosophenherrschaft</p></blockquote>
<h4>Das Universalgenie</h4>
<p>Natürlich sind Platons Antworten nicht für immer gültig, jede Zeit benötigt eigene Lösungsansätze. Platon als Universalgenie bleibt jedoch über die Jahrtausende hinweg ein immerwährender Denkanstoß. Das Verhältnis zur platonischen Philosophie und zur Persönlichkeit Platons reicht von der Rede über den »göttlichen Platon« in der Antike und im Mittelalter bis hin zu Nietzsche, der ihn als Hinterwäldler beschimpfte und der Unterstellung von totalitären Tendenzen seitens Karl Poppers. In welcher Weise auch immer das Verhältnis zu Platon ausgedrückt wird, an ihm kommt niemand vorbei. Walter Burkert, ein bekannter Philologe nennt Platons Denken ein Gravitationszentrum und einen Orientierungspunkt, der sowohl in Bejahung als auch in der Ablehnung des platonischen Gedankengutes als solcher bestehen bleibt.</p>
<h4>Das Meisterwerk</h4>
<p>Seine Gedanken zum Idealstaat legte Platon in zwei Werken nieder, in der Politeia, dem »Staat« und in den Nomoi, den »Gesetzen«. Die Politeia entstand etwa in den Jahren 380–370 v.u.Z. Mit ihr schuf der Philosoph in seinem 6. Lebensjahrzehnt einen der zentralen Texte des Abendlandes. In den Gesetzen legt er eine Modifizierung und Weiterführung des Themas Idealstaat vor. Von beiden Werken war die Politeia bei weitem einflussreicher für die Geistesgeschichte des Abendlandes. Ihre literarische und geistesgeschichtliche Wirkung ist kaum zu überschätzen. Jeder neue Entwurf zur Staatstheorie lehnt Aspekte dieses Werkes ab oder greift sie unverändert oder umgestaltend, bewusst oder unbewusst auf. So finden wir im Absolutismus den Gedanken der drei Stände und der absoluten Herrschaft des obersten Standes. Der Kommunismus dagegen setzte u.a. die Idee der Vernichtung des Privateigentums in die Realität um. Karl Popper bescheinigte während des Zweiten Weltkrieges dem Entwurf des platonischen Staates diktatorische Tendenzen und die Urheberschaft totalitärer Gedanken.</p>
<p>Worum geht es in diesem literarisch meisterhaften Buch? Sokrates, der geliebte Lehrer Platons, ist der Gesprächsführer, der trotz des berühmten überlieferten Satzes »Ich weiß, dass ich nichts weiß« sehr viel mehr zu wissen scheint, als seine treuen und ergebenen Schüler, die Brüder Platons Glaukon und Adeimantos. Die Frage, welche die Diskussion entzündet ist folgende: »Was ist Gerechtigkeit?«</p>
<div id="attachment_4114" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/platon2.jpg" rel="lightbox[4097]"><img class=" wp-image-4114 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/platon2-300x223.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Die Schule von Athen, Platon in der Mitte, rechts daneben Aristoteles. Fresco von Raffael</p></div>
<h4>Drei Stände</h4>
<p>Der Dialog stellt fest, dass die Gerechtigkeit sowohl in der Seele einzelner Menschen als auch im Staat zu finden ist. Überhaupt sind diese zwei nach Sokrates analog strukturiert. Also kann man die Ergebnisse der Untersuchung des Idealstaates, in dem die vollkommene Gerechtigkeit herrscht, auf die vollkommene Seele übertragen, die gerecht ist. Der Staat hat nach Sokrates (hinter dem natürlich unser Platon steht) in drei Stände gegliedert zu sein. In einen Nährstand, zu dem die Bauern und die Handwerker gehören, in einen Wächterstand und einen Regentenstand, den die Philosophen-Könige einnehmen. Die Gerechtigkeit des Idealstaats besteht darin, dass jeder Stand nur das ihm Zukommende vollkommen ausfüllt. Besser zu verstehen ist dieser Gedanke, wenn wir die Definition der Gerechtigkeit näher ansehen. Sie ist eine umfassende universale Ordnung, die als das Ganze der Teile nur dann richtig funktionieren kann, wenn jeder Teil seine ihm eigene Aufgabe vollkommen, das heißt zum Nutzen des Gesamten ausführt.</p>
<p>Platons Politeia hat sehr viele Aspekte, die für die damalige Gesellschaft skandalträchtig waren. Das bis heute ungeheuer Provokante ist die Forderung nach einer Philosophenherrschaft, vor allem dann, wenn man bedenkt, dass Sokrates, der Philosoph par excellence, gemäß der demokratischen Staatsverfassung Athens (moralisch dennoch völlig zu Unrecht) hingerichtet wurde.</p>
<p>Was hat es aber mit den Ständen im Staat auf sich, und wer ist der Philosoph, der eine absolute Herrschaft in diesem beansprucht? Die drei Stände entsprechen in der Konzeption Platons den drei Teilen der menschlichen Seele. Jeder Seelenteil hat eine spezifische Aufgabe, die er in einer bestmöglichen Form ausführen soll, um die Gerechtigkeit und damit die höchste Harmonie der Seele zu gewährleisten. Diese Aufgaben werden Aretai, was etwas unglücklich mit dem Wort »Tugend«, sinngemäßer aber mit dem Wort »Bestheit« wiederzugeben ist.</p>
<h4>Drei Teile der Seele</h4>
<p>Der unterste Teil der Seele, der sich nach Platon in der Gegend des Bauchs befindet, ist der begehrliche Seelenteil, das Epithymetikon. Es ist der Sitz des Impulses zum Haben-Wollen. Seine Bestheit besteht darin, die Mäßigung zu wahren, indem er auf die Weisungen der Vernunft hört. Der zweite auf der Brusthöhe sich befindende Teil ist der muthafte Seelenteil, der dem Stand der Krieger oder der Wächter im Idealstaat entspricht. Die Aufgabe und die Bestheit dieses Seelenteils besteht darin, nicht unnötig Angst zu haben und dort tapfer und mutig zu sein, wo es angezeigt ist. Diese Aufgabe kann das sogenannte Thymoeides nur dann erfüllen, wenn es ebenso wie das Epithymetikon eng mit dem obersten Teil der Seele verwoben ist, dem Logistikon.</p>
<p>Das Logistikon ist das Vernunfthafte im Menschen. Es ist das »Organ«, mit dem der Mensch – bei all ihrem Wandel – an der ewigen und unveränderlichen Struktur des Lebens teilnimmt. Dieser Teil der Seele ist der oberste und der wichtigste. Er kennt die beiden anderen Teile gut. Er ist darin geübt, diese zum Guten zu wenden. Im Falle der Begierde z.B. hat er keine Schwierigkeiten, die Mäßigung anzuordnen, und im Falle großer emotionaler Verwicklungen ist er in der Lage, die Ruhe zu einkehren zu lassen.</p>
<blockquote><p>Die Höhlenbewohner sehen weder die Gegenstände, die diese Schatten werfen, noch das Feuer, das die Schatten entstehen lässt</p></blockquote>
<h4>Die Erziehung</h4>
<p>Die Staatsbürger werden im idealen Staat je einem Stand zugeteilt gemäß dem Schwerpunkt ihrer Persönlichkeit. Diese Zuteilung erfolgt also nicht nach der Abstammung, wie wir es aus dem indischen Kastenwesen oder aus dem absolutistischen Ständestaat kennen. Der platonische Idealstaat gibt am Anfang allen Kindern die gleichen Bildungschancen. Die Kinder werden den Eltern entzogen, sie wachsen in den antiken »Kibbuzim« auf, mit dem Ziel der Herstellung eines größeren Zusammenhalts und Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen allen Menschen. Die Auflösung der traditionellen Familie wird hier zum ersten Mal schriftlich thematisiert. Verbindlich ist sie allerdings nur für die zwei oberen Stände.</p>
<p>Die ersten Fächer der Bildung des Kindes sind Gymnastik und Musik; das eine ist wichtig für die körperliche Wohlentwicklung, das andere für die seelische Bildung. Die beiden Elemente zusammen führen zu einer ausgewogenen Charakterbildung. Zu diesen Elementarfächern treten die Arithmetik und Geometrie, die für Platon als ein sicherer Indikator für die Auslese der späteren geistig begabten Philosophen fungiert. Dann die Vorübung in der Dialektik. Die Dialektik selbst ist die Wissenschaft von den höchsten Prinzipien, die erst von den erwachsenen und reifen Philosophen als eine Übung zum geistigen Aufstieg zum absoluten Ursprung getrieben wird.</p>
<p>Die Kinder werden im Lauf der Erziehung auf die Probe gestellt, in dem sie Anstrengungen, Entbehrungen und Versuchungen ausgesetzt werden. Diejenigen, die dem nicht stand halten können, werden in einer objektiven und unabhängigen Weise aus dem Pool der Anwärter auf die höchsten Posten, die der Philosophen-Könige, ausgeschieden. Wer durch alle Prüfungen hindurch Vorzüglichkeit bewiesen hat, bleiben im Rennen. Eine weitere Prüfungs– und Erziehungsphase folgt in den nächsten zehn Jahren. Nach einer erneuten Ausscheidung der weniger Begabten und Fleißigen, wird der Rest einer fünfjährigen intellektuellen Schulung unterzogen. Mit fünfunddreißig Jahren wird diese nun kleine Gruppe in das praktische Leben eingeführt. Fünfzehn Jahre lang müssen die Auserwählten eine Funktion im Staat ausfüllen. Sie werden darauf geprüft, ob sie sich an das Leben verlieren, ob sie die naive Sicht auf das Leben einnehmen oder ob sie das Gelernte im Hinterkopf behalten und auch in einer praktischen Tätigkeit die geistige Dimension erkennen. Mit fünfzig Jahren sind endlich diejenigen, die sich als würdig erwiesen haben, soweit, den Weg der Dialektik zu gehen, um über die geistigen Gründe alles Seienden endlich zu dem einen Ursprung von allem zu gelangen. Sie werden in die letzten und höchsten Mysterien der Philosophie eingeweiht. Wie dieser Weg ausgesehen hat, können wir nicht sicher sagen. Diese Ebene der Unterweisung war ausschließlich im persönlichen Gespräch in der Akademie bekannt, dem Papier vertraute Platon es nicht an.</p>
<h4>Der Philosoph als Befreiter</h4>
<p>Der Philosoph, der diesen Staat regiert, ist in der Lage jeden Menschen dem entsprechenden Stand zuzuordnen. Wie kommt es zu dieser Fähigkeit? Im siebten Buch der Politeia beschreibt Platon im berühmten Höhlengleichnis den Aufbau der Welt und die Rolle des Philosophen darin, die uns seine exponierte Stellung verstehen lässt. Platon vergleicht die sinnliche Welt mit den Schatten auf der Felswand, die von der Höhlenbewohnern, die von Geburt an gefesselt mit dem Gesicht zu dieser Felswand in der Höhle leben, als die einzige Wirklichkeit wahrgenommen werden. Die Höhlenbewohner sehen weder die Gegenstände, die diese Schatten werfen, noch das Feuer, das die Schatten entstehen lässt, geschweige denn die Welt außerhalb der Höhle.</p>
<p>Der Philosoph ist derjenige, der befreit wird und durch eine mühselige Reise aus der Höhle tritt. Was er dort sieht, ist die wahre Wirklichkeit mit ihrem Ursprung und Erhalter: der Sonne. Mit diesem Gleichnis wird ein langer geistiger Übungsweg des Philosophen von der Wahrnehmung der sinnlichen Welt zu den sie konstituierenden Prinzipien, die Platon »Ideen« nennt und schließlich zum Absoluten selbst, gezeigt.</p>
<blockquote><p>Der Idealstaat steht und fällt mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit</p></blockquote>
<h4>Der weise Führer</h4>
<p>Das Absolute, das Platon die Idee des Guten nennt, konstituiert und erhält die gesamte Welt. Gleichzeitig ist es völlig transzendent, also außerhalb von allem. Der platonische Philosoph, der den idealen Staat regiert, wird oft »gottähnlich« genannt. Er sieht klaren Auges, dass die Phänomene der Welt nicht aus sich selbst existieren, sondern in Bezug zueinander und aus ihrem ewigen, seienden und einen Ursprung. Diese Zusammenhänge durchschauend, wird der Philosoph zum Seelen– und Kosmoskenner. Er fällt die richtigen Entscheidungen, ihn interessieren keine Privilegien, er handelt im Interesse der Staatbewohner, ihn bewegen keine niedrigen Motive, er weiß um den Wert der wandelbaren Welt, er hat keine Angst vor dem Tod, er weiß seine Verbundenheit mit dem unsterblichen Ursprung von allem. Er wird die höchste persönliche und sittliche Reife in den ihm anvertrauten Menschen erziehen wollen und das nach der platonischen Vorstellung auch erfolgreich tun. Er ist der perfekte Psychologe, Erzieher, Dichter, Krieger und Bauer in einem. Wer die Einsicht in den Ursprung der Welt hat, dem sind alle Dinge dem Prinzip nach durchsichtig.</p>
<h4>Die Bewertung der Frau</h4>
<p>Ganz wichtig und konsequent ist die Bewertung der Frau in der Politeia. An der Spitze des Staates könnte auch eine Frau stehen, weil sie die gleichen Seelenteile wie ein Mann besitzt. Diese Feststellung war für die patriarchal strukturierte griechische Gesellschaft revolutionär. Platon folgt mit der Gleichstellung der Frau nur seiner eigenen Metaphysik. Jeder Mensch partizipiert am Absoluten, auch die Frau. Und wenn diese entsprechende Naturanlagen hat und die gleiche Erziehung wie ein Mann genossen hat, kann sie den Staat regieren und auch im Stand der Wächter ihre Stellung behaupten.</p>
<h4>Der Wächterstand</h4>
<p>Die Beschreibung des Wächterstandes, der als Landesverteidigung und als Exekutivorgan fungiert, muss für die damaligen athenische Leserschaft nicht weniger anstößig geklungen haben als die Forderung nach den Philosophenkönigen. Die Wächter, die bis zu einem gewissen Punkt die gleiche Bildung wie die künftigen Philosophen genießen, müssen besitzlos sein, sie leben zusammen, bekommen das Geld zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse vom Nährstand und haben gemeinsame Kinder, ohne dass die Elternschaft eindeutig ist. Mit diesen Vorkehrungen versucht Platon den Menschen von den ursprünglichen und allen zugehörigen Wünschen nach »mein« und »mehr«, welche die meiste Zwietracht zwischen ihnen hervorrufen, zu einem Gefühl der Gemeinsamkeit und Einheit zu erziehen, gemäß seiner metaphysischen Konzeption, in der das Prinzip der Einheit alles Positive in der Welt maßgeblich konstituiert.</p>
<p>Die Fragen der Fortpflanzung werden in Platons idealem Staat vom Staat geregelt. Die Eugenik wird aktiv betrieben und die konstante Bevölkerungszahl auf künstliche Weise aufrechterhalten. Ein Gedanke, der in der heutigen Welt nur als eine Erinnerung aus dem Faschismus und in den modernen Dystopien vom Schlag der »Schönen neuen Welt« als eine Horrorvorstellung lebendig ist. Die Kinder, die als behindert oder vom Staat als minderwertig eingestuft werden, werden ausgesetzt. Eine aus heutiger Sicht grausame Praxis, die Platon in der real existierenden Regelung der spartanischen Gesellschaft vorgefunden hat.</p>
<h4>Der Nährstand</h4>
<p>Wir kommen schließlich zum dritten Stand der Handwerker und Bauern. Entsprechend dem untersten, begehrlichen Teil der Seele sorgt dieser Stand dafür, dass das leibliche Wohl aller Bürger gewährleistet wird. Die Betroffenen müssen nach dem Ideal der Besonnenheit und Mäßigung leben, da damit garantiert wird, dass das Materielle zwar seine Wichtigkeit bewahrt, aber nicht zum Schwerpunkt aller Bestrebungen wird. Sie dürfen sich nicht in die Belange der anderen Stände einmischen, denn, wie oben erwähnt, ist die Gerechtigkeit nur dann gewährleistet, wenn der Mensch die Funktion ausfüllt, die ihm von seiner natürlichen Begabung zukommt.</p>
<h4>Wirkungen</h4>
<p>Die restriktive Seite des platonischen idealen Staats kommt außer in den Fragen der Fortpflanzung besonders in der Bewertung der Kunst im Allgemeinen in Erscheinung. Alles Kreative soll den moralischen Werten genügen, die von den Philosophenherrschern als verbindlich erkannt wurden. Keine Kunst, keine Dichtung, keine Musik soll die Vorherrschaft der Emotionen in der Seele begünstigen, alles soll darauf ausgerichtet sein, den Staatsbürger zu seiner Vollkommenheit zu erziehen. Daran hätte auch der hochverehrte Homer glauben müssen, denn seine Beschreibungen der Götter passten überhaupt nicht in den idealen Staat. Die Zankereien der obersten Götter, die Ehebrüche und die allzumenschlichen Schwächen des erhabenen Geschlechts waren Platon zuwider.</p>
<p>Wir denken dabei heute vielleicht an die harte Kunstzensur, die gerade zum Beispiel in China (das sich »kommunistisch« nennt) praktiziert wird. Doch wenn wir chronologisch vorgehen, dürfen wir nicht im Kommunismus die erste Anlehnung an Platon sehen, sondern im römischen Reich. Namentlich Ciceros »De re publica« (geschrieben zw. 54 und 51 v.u.Z.) könnte ohne Platon nicht gedacht werden. Das Christentum zog nach. Der berühmte Kirchenvater und einflussreiche Theologe Augustinus (354–430 n.u.Z.) schrieb sein Werk »De civitate Dei« (Vom Gottesstaat), in dem er den idealen Gottesstaat in Gegensatz zum irdischen Staat stellt und seine Herkunftsgeschichte sowie sein Ende beschreibt.</p>
<p>Mehr im Detail an die Politeia und die Nomoi angelehnt ist der in Dialogform geschriebene, mit satirischen Elementen durchsetzte Roman »Utopia« (vom Griechischen ein »Nicht-Ort«) von Thomas Morus (1478–1535). Morus‹ Werk war seinerseits so einflussreich, dass fortan jeder Entwurf einer Gesellschaft, die noch nicht existiert, »Utopie« heißt. Morus griff mehrere Elemente der platonischen Werke auf, so den Verzicht auf das Privateigentum, freie wissenschaftliche Bildung für die Begabten und einen allgemeinen Wehrdienst, der sowohl für Männer als auch für Frauen galt. Diese und andere Elemente, z.B. die Eugenik, nimmt auch Tommaso Campanella (1568–1639) auf, ein dominikanischer Geistlicher, der ohne die Morus eigentümliche Ironie von einem Idealstaat des radikalsten platonischen Schlags träumt. Wie Platon und wie die anderen in seiner Nachfolge benutzt Campanella die Vision vom Idealstaat einerseits zur Kritik an den bestehenden Zuständen, andererseits formuliert er damit seine eigenen Vorstellungen, deren viele uns Heutige sehr krude anmuten.</p>
<h4>Weisheit</h4>
<p>Der wichtigste Gedanke Platons, der über die Umsetzung des idealen Staates entscheidet, wurde in der abendländischen Tradition infolge der Christianisierung sehr lange nicht wahrgenommen. Der Idealstaat steht und fällt mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit. Für Platon kann es göttliche Philosophen geben, die imstande sind, das Gute in der Welt zu bewirken. Das Menschenbild, das die heutige Politik prägt, ist ein anderes. Ob es für eine gelungene Gesellschaft reicht, nur an der Spitze mehrere Erleuchtete zu haben, ist eine gute Frage, die wir heute aus all den menschheitsgeschichtlichen Erfahrungen nicht so eindeutig wie Platon mit Ja beantworten werden.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin <a href="http://www.connection.de/artikel/gesellschaft-oekologie/platons-idealstaat.html" target="_blank" rel="external nofollow">connection</a></em></p>
<p><em>Mehr zu den »Visionen für eine bessere Welt« in Connection Spirit <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-911.html" target="_blank" rel="external nofollow">9/2011</a></em></p>
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		<title>Tamera – ein Modell für die Zukunft</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Dec 2011 12:26:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Gemeinschaft in Südportugal auf dem Land möchte Vorbild sein Können wir uns eine Welt vorstellen, in der Menschen in Frieden leben – miteinander und mit der Natur? Die globale Entwicklung macht heute wenig Mut und Lust auf Zukunft. Um uns eine positive Zukunft überhaupt vorstellen zu können, brauchen wir Orte, an denen wir sie real aufbauen – zunächst in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Gemeinschaft in Südportugal auf dem Land möchte Vorbild sein</h2>
<div id="attachment_4125" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/Die_Wasserlandschaft_von_Tamera.png" rel="lightbox[4119]"><img class="wp-image-4125 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/Die_Wasserlandschaft_von_Tamera-300x214.png" alt="" width="300" /></a><p class="wp-caption-text">Die Wasserlandschaft von Tamera © SIMON DU VINAGE</p></div>
<p><em>Können wir uns eine Welt vorstellen, in der Menschen in Frieden leben – miteinander und mit der Natur? Die globale Entwicklung macht heute wenig Mut und Lust auf Zukunft. Um uns eine positive Zukunft überhaupt vorstellen zu können, brauchen wir Orte, an denen wir sie real aufbauen – zunächst in kleinem Maßstab. Ein solches Modell entsteht in Tamera.</em></p>
<p>Begeben wir uns in den äußersten Südwesten Europas, nach Süd-Portugal. Lassen wir die atlantischeKüstemit ihrenmalerischen Felsformationen und Dünenlandschaften hinter uns und fahren auf den staubigen Straßen ins Landesinnere.</p>
<p>Ruhig ist es hier. Nur noch selten kommen wir durch die landestypischen Dörfer mit ihren sorgfältig weiß und blau getünchten Häusern. Auf kargen Hügeln flirrt die Hitze unter Korkeichen und Eukalyptuspflanzungen. Schafe und Ziegen weiden zwischen alten Bauernhäusern. Wer den Alentejo kennt, weiß, dass sich diese Landschaft über Hunderte von Kilometern kaum verändern wird.</p>
<h4>Eine Oase im Alentejo</h4>
<p>Doch jetzt führt unserWeg leicht bergan, macht eine Kurve nach links und – auf einmal liegt eine andereWelt vor uns. Sonnenlicht glitzert auf einem See.Grün und üppig sind seine Uferterrassen, bewachsen mit Gemüse, Obstbäumen und Sonnenblumen.Wir sehen geschwungene Zeltdächer, spiegelnde Solaranlagen und eine Versammlungshalle. Und wir sehen Menschen verschiedener Hautfarbe, aus unterschiedlichen Kulturen. Sie arbeiten oder sitzen zusammen, sind ins Gespräch vertieft oder in die Lektüre eines Textes. Wir sind angekommen: Dies ist die Zukunftswerkstatt Tamera.</p>
<p>Rund 200 Menschen arbeiten, studieren, leben hier, um ein Modell für die Zukunft aufzubauen.Mit seinem Testfeld für ein SolarVillage, seiner Wasserretentionslandschaft undmit seiner international vernetzten Friedensausbildung ist Tamera ein hoch komplexes Zentrum für konkrete Futurologie.</p>
<h4>»Paradies im Aufbau«</h4>
<p>»Silicon Valley des Friedens«, so wurde der Platz von Journalisten genannt. Andere schrieben: »Paradies im Aufbau«. Im Aufbau ist der Platz tatsächlich. Vieles ist noch unfertig, ungestaltet, pionierhaft, und ob der schlechten Straßen tut man gut daran, festes Schuhwerk mitzunehmen. Ungenutzte Flächen mit Brombeeren und Zistrosen erinnern daran,wie dasGelände ausgesehen hat, bevor Tamera gegründet wurde.</p>
<p>Gleichzeitig ist an allen Ecken auch das Paradieshafte zu sehen,dasUngewöhnliche,das utopische Element. Man spürt: Die Orientierung für den Aufbau des Platzes kommt aus der Freude und dem Kontakt mit dem Lebendigen, aus dem Mut zum Ungewöhnlichen und aus der Sehnsucht nach dem Kommenden. So bewusst einfach das tägliche Leben hier ist und so schlicht teilweise die materielle Ausstattung, so groß ist gleichzeitig das Ziel: Tamera wurde gegründet, um Lösungsvorschläge für globale Probleme zu erarbeiten.</p>
<p>Dieter Duhm, einer der Gründer vonTamera, schrieb in seiner Projekterklärung: »Unter den gegebenen Voraussetzungen ist eine überzeugende Perspektive für ein gewaltfreies Zusammenleben der Bewohner unseres Planeten nichtmehr erkennbar. Um günstigere Voraussetzungen zu schaffen, müssten Zentren entstehen, in denen ein gewaltfreies Zusammenleben des Menschen mit allen Mitgeschöpfen exemplarisch durchdacht und entwickelt werden kann. Der reale Aufbau solcher Zentren ist das Ziel von Tamera.«</p>
<blockquote><p>Hier werden neue Technologien erprobt, die den Siedlungen der Zukunft die Unabhängigkeit von zentralen Energieversorgungssystemen bieten sollen</p></blockquote>
<h4>Tamera heute</h4>
<p>Wenn man heute durch Tamera geht, wandert man durch eine Kaskade von Seen und Teichen, an deren Ufern die Permakultur-Lehr– und Versorgungsgärten gedeihen. In den nächsten Jahren soll die Wasserretentionslandschaft erweitert und vervollständigt werden, so dass auch auf den Hügeln wieder Wald wächst und die Bäume gesund werden. Die Sommerküche des Testfeldes für ein SolarVillage demonstriert technische Möglichkeiten, mit Sonnenenergie und Biogas zu kochen, Strom zu erzeugen, Lebensmittel haltbar zu machen und Wasser zu pumpen.</p>
<p>Fast alle Anlagen wurden in eigenen Werkstätten gefertigt. ImForschungsgewächshaus werden neue Technologien erprobt, die den Siedlungen der Zukunft die völlige Unabhängigkeit von zentralen Energieversorgungssystemen bieten sollen.An Baustellen werden einfache, traditionelle Bautechniken mit modernen Architekturkonzepten verknüpft. In Seminarräumen und derAula studieren die Teilnehmer der Friedensausbildung. Musik– und Theatergruppen proben ihre Auftritte auf den Bühnen derAonda oder der Aula. Die Teilnehmer der Jugendschule für Globales Lernen werden von jungen Erwachsenen unterrichtet,die vorwenigen Jahren noch selbst hier Schüler waren.</p>
<div id="attachment_4129" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/Der-Platz_fuer_Kinder.png" rel="lightbox[4119]"><img class=" wp-image-4129 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/Der-Platz_fuer_Kinder-300x193.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Der Platz der Kinder besteht aus einer alternativen Schule und einem Kindergarten</p></div>
<h4>Experimentierfreude</h4>
<p>Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern und Kulturen bringen hier ihr Wissen und ihre Erfahrung ein und sammeln Erkenntnisse für den Aufbau autarker Siedlungen in ihrer Heimat. Sie profitieren von internationalen Spezialisten in den verschiedenen Forschungsbereichen. Nicht unbedingt fertige Lösungen, sondern Experimentierfreude ist gefragt.</p>
<p>Das Wichtigste bei alledem ist das Zusammenkommen. So arbeiten Menschen Hand in Hand, die in anderer Umgebung gelernt haben, sich als Feinde wahrzunehmen, zum Beispiel aus Palästina und Israel. Durch die gemeinsame Arbeit für ein Ziel, das beiden Seiten wichtiger ist als der Konflikt, hat Feindschaft keinen Platz mehr.Anteilnahme, Verantwortung für das Ganze, gegenseitige Unterstützung sind die ethischen Grundregeln für dasZusammenleben inTamera. Neben dem Fachwissen sind es die Freude am Experiment, das entstehende Selbstbewusstsein und das Erleben vonGemeinschaft, was die Teilnehmer später als Erfahrungsschatz mit nach Hause nehmen.</p>
<h4>Weltweites Netzwerk</h4>
<p>Durch dieseKombination entsteht einweltweites Netzwerk von Gruppen und Initiativen, die mit Tamera verbunden sind, das Wissen in ihre Projekte einbringen oder ähnliche Projekte aufbauen wollen. In eine solche planetarische Perspektive investieren junge Menschen ihre ganze Kraft und Freude gern.</p>
<p>Schauen wir nun auf den Globus. Richten wir den Blick nicht auf die jetzigen Ballungszentren, sondern dorthin, wo die neuen Friedenszentren entstehen.Wenn wir fein hinschauen, entdecken wir die Zeichen eines globalen Aufbruchs. Noch auf leisen Sohlen, behutsam, aber doch unaufhaltsam bildet sich eine mächtige Bewegung – eine Bewegung der Verbundenheit mit der Natur, der Versöhnung untereinander und der Gewissheit einer anderenZukunft.EineBewegung für eine freie Erde.</p>
<p>Auf das Wissen und die Erfahrung dieser Zentren werden die Kinder der Zukunft bauen können.Wenn eines Tages das Überleben davon abhängt, andere Wege einschlagen zu müssen, wenn der Zusammenbruch der großen Wirtschafts– und Versorgungssysteme unmittelbar bevorsteht,wenn ganze Landschaften nach herkömmlichen Maßstäben unbewohnbar werden oder soziale Unruhen das Zusammenleben bedrohen, dann werden diese Orte Kristallisationskerne des Neubeginns sein.</p>
<blockquote><p>Wenn eines Tages das Überleben davon abhängt, andere Wege einschlagen zu müssen, werden diese Orte Kristallisationskerne des Neubeginns sein</p></blockquote>
<h4>Die Wasserretentionslandschaft</h4>
<p>JederMensch sollte einRecht aufWasser haben. Dennoch haben 1,1 Milliarden Menschen auf der Erde keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dieser Zustand ist unhaltbar. Es muss ein Politikum ersten Ranges sein, diese Situation zu verändern.Doch das Gegenteil geschieht:Wo etwas knapp wird, sind die nicht fern, die damit ein Geschäft machen.Wasser wird zur Ware. Bauern werden die Wasserrechte entzogen, die Quellen werden verstaatlicht, die Wasserrechte auf multinationale Konzerne übertragen. Wasser wird konserviert, verpackt, chemisch haltbar gemacht und weltweit transportiert.</p>
<p>Wie es anders gehen könnte, zeigt Tamera. Seit 2007 bauen wir gemeinsam mit dem Österreicher Bergbauern und Permakultur-Spezialisten Sepp Holzer eineWasserretentionslandschaft auf: ein Modell für die Renaturierung schwer geschädigter Landschaften. Wo vor wenigen Jahren noch eine Staubstraße durch vertrockneteWiesen führte, liegen heute Seen, Teiche und Wasserrückhaltebecken. Wo das Gartenland früher im Frühjahr zu feucht und im Sommer zu trocken war, wächst jetzt auf Uferterrassen ganzjährig eine Fülle an Obst und Gemüse.</p>
<p>Silke Paulick, die Leiterin des Ökologie-Teams in Tamera: »Gehe ich heute durch Tamera, so ist schon derAnfang von dem zu sehen,was wir in unsererVision pflegen.Eine Landschaft, die erblüht in ihrer Vitalität, ein Reichtum an Vielfalt in der Pflanzen– und Tierwelt, ein gestaltetes Zusammenspiel der Elemente, ein Lebensraum, der Gesundheit ausstrahlt. Ein Land, dessen Fülle seine Bewohner ernähren kann.«</p>
<p>Und dies ist erst der Anfang: Die fertige Wasserlandschaft soll amEndemehr als zehn Retentionsbecken für Regenwasser umfassen. Dann wird sie den Erdkörper so weit durchfeuchten, dassWälder wieder gedeihen können. Schon jetzt kommen zahlreiche Besucher, um die bestehende Permakultur-Wasserlandschaft kennenzulernen. Wasseringenieure, Professoren und Naturschützer aus ganz Portugal und anderen Ländern verfolgen die Entwicklung aufmerksam. Viele sind sicher:Hier wurde einRezept gegen die Wüstenbildung gefunden.</p>
<h4>Ein Wort zur Ernährung</h4>
<p>Fast alle Produkte aus demSupermarkt sind Teil eines Systems,unter demMenschen oder Tiere leiden. Jede Kühlschrankfüllung macht uns zum Mittäter an diesem System. Auch wenn der Totalausstieg nur schwer möglich ist: Die Tamera-Gemeinschaft bemüht sich, immer mehr auf Mittäterprodukte zu verzichten. Das bedeutet, dass die Lebensmittel möglichst von regionalen Landwirten und aus biologischer Landwirtschaft bezogen werden, aus dem eigenen Garten stammen oder aus Fair-Trade.</p>
<p>Aus Freundschaft zu den Tieren und als Zeichen für Gewaltfreiheit hat sich die Tamera-Gemeinschaft einer vegetarischen, überwiegend sogar veganen Küche verpflichtet. Das heißt, dass auch auf Käse, Eier, Milch weitgehend verzichtet wird.Die Köche von Tamera haben den Ehrgeiz, so zu kochen, dass es dennoch an nichts fehlt. Bei Kosmetik und Pflegemitteln wird darauf geachtet, dass sie tierversuchsfrei und umweltschonend sind.</p>
<p>Eine Bewohnerin: »Es geht nicht um Verzicht auf Genuss. Es geht darum, ein Leben aufzubauen, bei dem man mehr und mehr wissen kann,wasman tut,ohne das Herz verschließen zu müssen.«</p>
<div id="attachment_4130" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/SolarVillage_Greenhouse.png" rel="lightbox[4119]"><img class=" wp-image-4130 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/12/SolarVillage_Greenhouse-300x243.png" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">SolarVillage Greenhouse: Erfinder Jürgen Kleinwächter im Energietreibhaus von Tamera</p></div>
<h4>Das SolarVillage</h4>
<p>Seit Ende 2009 betreibt Tamera das Testfeld für ein SolarVillage: Ein Musterdorf für den Test dezentraler Solaranlagen unter denAlltagsbedingungen eines etwa 50-köpfigen Dorfes. Mit den Ergebnissen soll später ein energie– und lebensmittel-autonomes Solardorf aufgebaut werden. Seinen technologischen Kern bilden dieEntwicklungen desErfinders und Physikers Jürgen Kleinwächter aus Lörrach.</p>
<p>Paul Gisler, Leiter der Solarforschung in Tamera: »In jedem Moment strahlt die Sonne 15.000 mal so viel Energie auf die Erde, wie die gesamte Menschheit verbraucht.Die Energie der Sonne ist in Fülle vorhanden, wir müssen nur die geeignete Technologie entwickeln, um sie zu nutzen. Mein Traum ist, dass Tamera zu einem Free Lab wird, wo Erfinder einen inspirierten Raumvorfinden, in dem sie voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen, ihre Entwicklungen umsetzen und erproben.«</p>
<p>Ein Foliengewächshaus spiegelt sich in einemTeich. Davor und darin sind Solaranlagen verschiedener Größe und Form aufgebaut. Eine Maschine mit großen Schwungrad pulsiert wie ein überdimensioniertes Herz. In einer offenen Küche bereiten einige Menschen das Mittagessen vor; sie nutzen dazu weder Gas noch Strom.</p>
<p>Was hier im Herzen von Tamera entsteht, ist ein kleines Utopia der dezentralen Solarenergie: Das Testfeld für ein Solar Village. Es entstand aus dem Wunsch, anhand des täglichen Lebens zu zeigen, dass und wie das Ziel der Energieautonomie von einem Dorf mit 50 Einwohnern umgesetzt werden kann. Mit Jürgen Kleinwächter haben sie einen Visionär für ein solares Zeitalter als Kooperationspartner gefunden.</p>
<p>Im Kern seiner Erfindungen steht ein Apparat, der jetzt in der Sonne steht und glänzt: Ein Niedertemperatur-Stirlingmotor, in diesem Fall der »Sunpulse Water«. Die große, solarbetriebene Wasserpumpe betreibt zu Demonstrationszwecken den Springbrunnen in der Mitte des Dorfplatzes.Sie soll eineAlternative für all die Millionen Wasserpumpen werden, die in den heißen Gebieten in der Landwirtschaft und inDörfern unendlich viel Strom oder Treibstoff verbrauchen. Der Apparat setzt die Temperaturunterschiede aus Sonnenwärme und Schattenkühle in mechanische Energie um, ohne beim Umweg über die Stromerzeugung Verluste zu machen.</p>
<blockquote><p>Fast alle Produkte aus dem Supermarkt sind Teil eines Systems, unter dem Menschen oder Tiere leiden. Jede Kühlschrankfüllung macht uns zum Mittäter an diesem System</p></blockquote>
<p>Auch dieKochstellen der Sommerküche werden solar betrieben. In diesem Fall mit heißem Öl, das im Energietreibhaus erhitzt und in einem Spezialtank gespeichert wird. Das Öl liefert aber nicht nur Kochwärme Tag und Nacht. Es kann zur Stromerzeugung, zum Antreiben von Sägen oder anderenGeräten durch mechanische Kraft, zum Desinfizieren oder zumKühlen eingesetztwerden.</p>
<p>Es ist der Kern eines ganz neuen Energiekonzeptes für ein Dorf. Sein Hauptakteur ist wiederum ein Niedertemperatur-Stirling, der »Sunpulse Elektro«. Er wandelt die Temperaturunterschiede zwischen dem Heißöl und kaltemWasser in elektrische, mechanische oder thermische Energie um. »Bisher erzeugt die Anlage 1,5 kW Strom«, erläutert Paul Gisler. »Ein Wert, den wir zusammen mit JürgenKleinw.chter noch deutlich steigern möchten.«</p>
<h4>Die Wiederentdeckung von ökologischem Baumaterial</h4>
<p>Acht Meter hoch ragen die Wände der Aula von Tamera. Mit 400 Sitzplätzen ist das Auditorium der größte Strohballen-Lehm-Bau der Iberischen Halbinsel. Durch sein Gründach und seine erdfarbenen Wände schmiegt er sich in die Umgebung ein, als habe er eineTarnkappe.Wenn die Besucher aber eintreten, staunen sie über seine Erhabenheit. DieBalken des Holzständers und seine harmonikalen Proportionen vermitteln ein Gefühl von Größe. »Fast wie in einer Kathedrale«, sagen Besucher häufig. Die Aula besteht aus einem Holzständerwerk, das mit Strohballen zugemauert und innen und außenmit einer Lehmschicht verputztwurde. An der Außenwand wurde dem Lehm Kalk beigemischt,umsie vor der Witterung zu schützen. Das sanft geneigte Dach ist mit Gras und Kräutern bewachsen.</p>
<p>Bauen mit Lehm hat eine lange Tradition in Portugal. Die Kombination mit neuen Bautechniken und Materialien wie Stroh und Gründächern sowie mit Solararchitektur macht es möglich,moderne Architektur, futuristisches Design, Kuppeln und Bögen zu bauen und den Komfort eines modernen Lebens anzubieten. Bauen mit Lehm und Stroh ist eine Alternative,die Geld und Arbeitskraft spart, ein gutes Raumklima erzeugt und altes Wissen mit neuenTechniken kombiniert.</p>
<h4>Tamera als Ausbildungsort</h4>
<p>Weltweit ist eine Bewegung in Gang: Menschen verlassen ihre bisherigen Lebenswege und Karrieren, in denen sie keinen Sinn mehr sehen. Jugendliche in denMetropolen der Welt treten aus dem Wettrennen der Angst und Konkurrenz aus, sie teilen nicht mehr dieWerte der Hochglanzkultur, die zu so viel Not geführt haben. Sie leisten Widerstand gegen die zerstörerischen Großprojekte der Globalisierung.Sie suchen nach einer anderen Lebensweise, nach anderen Berufen, nach einemanderen Leben,nach Frieden untereinander und mit der Erde. Sie gründen Treffpunkte und verständigen sich über neue Ziele. In Kriegsgebieten tun sich Bauern und Vertriebene zuGemeinschaften und Friedensdörfern zusammen, oft unter großem persönlichen Risiko.Sie alle tun das, weil sie ahnen, dass eine andere Welt möglich ist. All dieseMenschen und Gruppen brauchen jetzt Wissen,wie sie ihre Ziele erreichen können. Sie brauchen den Austausch und die Kooperation mit anderen, die an den Grundlagen arbeiten und forschen. Sie brauchen eine gemeinsame planetarische Perspektive.</p>
<h4>Leben nach dem Zusammenbruch</h4>
<p>Wie sieht das Leben aus, wenn die Großsysteme zusammenbrechen? Ein Leben ohne Supermärkte und ohne Profit, ohne Kinderarbeit und Ausbeutung der so genannten Dritten Welt, ohne Massentierhaltung und Billig-Importe?Was wird sich für die Milliarden vonMenschen verändern,die heute in Armut leben, für die Hungernden, für die Menschen in Slums und auf Müllkippen? Was für dieReichen?Wie sieht eineWelt aus, in der wir alle gleichermaßen satt werden? Tamera ist vor allem einAusbildungsort für junge Friedensarbeiter.DieHauptfächer des Studiums sind Ökologie und Energietechnologie sowie innere und äußere Friedensarbeit. Die Basis aller Fächer ist das Lernen von Gemeinschaftsaufbau und sozialerKompetenz.</p>
<p>Inzwischen nehmen an der jährlich im Mai beginnenden Friedensausbildung immer mehr Menschen teil. Campesinos zwischen den Fronten eines Bürgerkrieges, Indigene, die ihrenWald schützen, Palästinenser und Israelis,dieWege derVersöhnung suchen, sind ebenso angesprochen wie Menschen aus Ländern, in denen derzeit äußerer Friede und Wohlstand besteht – im Wissen, dass gerade hier ein Umdenken und ein Neuanfang notwendig sind.Die Ausbildung geschieht teilweise in Tamera und teilweise direkt dort,wo neue Modelle für dieZukunft entstehen sollen. Verbündete, Schauplätze und Kooperationspartner im Aufbau einer weltweiten Friedensausbildung sind u. a. das Friedensdorf San José de Apartadó in Kolumbien, der Holy Land Trust und das Tent of Nations in Bethlehem,Palästina, das Arava-Institut und Eco-Me in Israel, die Favela da Paz und IPEC in Brasilien,Opetic in Kenia und Mama na Bana in Kongo, das Barefoot-College in Indien und das Global Ecovillage Network Europa.</p>
<p> </p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin connection spirit, <a href="http://www.connection.de/magazintexte/spirit/connection-spirit-911.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 9/11</a>.</em></p>
<p> </p>
<p><em>Zum Weiterlesen: Leila Dregger – Tamera, ein Modell für die Zukunft. 2010, Verlag Meiga. www.tamera.org</em></p>
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		<title>Sekem, Das Wunder in der Wüste</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/11/03/sekem-das-wunder-in-der-wuste/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 Nov 2011 23:43:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
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		<category><![CDATA[Anthroposophie]]></category>
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		<description><![CDATA[In Ägypten, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, ist die Wüste zum Leben erwacht. Der Ägypter Ibrahim Abouleish hatte eine Vision und schaffte es – obwohl es undenkbar schien – sie zu verwirklichen. Kairo Flughafen, gegen 22 Uhr. Warme Luft schlägt mir entgegen, als ich nach stundenlanger Suche endlich  meine Tante gefunden habe und wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3531" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Eingang-von-Sekem2.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3531 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Eingang-von-Sekem2-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Eingang von Sekem</p></div>
<p><em>In Ägypten, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, ist die Wüste zum Leben erwacht. Der Ägypter Ibrahim Abouleish hatte eine Vision und schaffte es – </em><em>obwohl es undenkbar schien – sie zu verwirklichen.</em></p>
<p><em>Kairo Flughafen, gegen 22 Uhr.</em> Warme Luft schlägt mir entgegen, als ich nach stundenlanger Suche endlich  meine Tante gefunden habe und wir das Kairoer Flughafengebäude verlassen können. Vor uns erstreckt sich der Parkplatz – eine in alle Richtungen kriechende Masse von Autos und rufenden Stimmen. Nur durch glücklichen Zufall dauert es nicht allzu lange, bis wir unseren Fahrer im Gewühl finden. Auf geht es nach Sekem!</p>
<p>Trotz der Dunkelheit kann man deutlich die trockene Wüstenlandschaft erkennen, die sich zu beiden Seiten der Straße austreckt. Kaum sieht man etwas Grünes, nur Müll liegt überall herum. Nach einer reichlichen halben Stunde verlassen wir die Autobahn und fahren auf einer schmaleren Straße weiter. An den Seiten erstrecken sich Farmen, von Lehmmauern vor wilden Hunden und anderen ungebetenen Eindringlingen geschützt. „Vor 20 Jahren war hier nichts als Sand“ fängt meine Tante Johanna an zu erklären, „es gab noch nicht einmal eine Straße. Auch die anderen Farmen entstanden erst viel später – als die Leute sahen, was an diesem Ort möglich ist.“</p>
<div id="attachment_3536" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Ibrahim-Abouleish.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3536  " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Ibrahim-Abouleish-225x300.jpg" alt="" width="150" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Ibrahim Abouleish, Gründer von Sekem</p></div>
<p>Als der Ägypter Ibrahim Abouleish 1977 nach einem 21-jährigen Aufenthalt in Europa in sein Heimatland zurückkehrte, hatte er  eine Vision: inmitten der Wüste eine Oase zu schaffen, in der Menschen aller Nationen und Kulturen auf der Grundlage eines ganzheitlichen Entwicklungsansatzes leben und arbeiten können.</p>
<p>Etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo begann er, einen Brunnen zu bohren, um den trockenen heißen Sandboden mit biologisch dynamischer Landwirtschaft zu kultivieren. Eine Art der Landwirtschaft, die in Ägypten bis dahin gänzlich unbekannt war. Mit Hilfe von europäischen und ägyptischen Freunden verwandelt er so die Wüste Schritt für Schritt in Kulturlandschaft.</p>
<p>Getragen von der Idee, neue Impulse für Wirtschaft, Kultur und Soziales zu setzen, nannte er seine Initiative Sekem, was aus der alten ägyptischen Hochkultur stammt und „Lebenskraft der Sonne“ bedeutet.</p>
<p>Wenn man Sekem sieht, ist es kaum vorstellbar, dass hier vor 30 Jahren nichts als Wüste war. Die Schutzmauer ist wie eine Grenze zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite die endlose Straße und der staubige Sand, auf der anderen Seite der Garten Eden. Grüne Bäume, farbenprächtige Blumen, Ordnung und Sauberkeit. Im Gegensatz zu Kairo wirkt dieses Bild fast unreal. Lila und weiß blühende Bouganville heben sich von den weißen Häusern ab, Bitterorangenbäume zieren den Wegesrand und an der Seite erstreckt sich ein kleines Guavenhain. Die Schönheit dieses Ortes ist überwältigend.</p>
<p>Was mit 70 Hektar schlechter Bodenqualität und schwieriger Wasserversorgung begann und was am Anfang ein Traum war, dessen Umsetzung nichts als ein Problem nach dem anderen brachte, ist heute eine strukturierte und durch Institutionen begründete Einheit von Wirtschaft, Kultur und Sozialem. Ein nachhaltiges Entwicklungsmodell, das als Vorzeigemodell für Ägypten und die ganze Welt dient.</p>
<h4>Nachhaltig wirtschaften für Bildung und Kultur</h4>
<div id="attachment_3537" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Naturetex-Siebdruck.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3537 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Naturetex-Siebdruck-225x300.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Naturetex Siebdruck</p></div>
<p><em>Naturetex, nächster Morgen.</em> Alle Köpfe heben sich, als Frau Marienfeld zusammen mit mir die Puppenwerkstatt der Firma Naturetex betritt. Köpfe werden zusammengesteckt und kurz wird getuschelt, dann wird weitergearbeitet. Zielstrebig geht Ingebourg Marienfeld durch die Werkstatt. „Wir haben damals mit Nachthemden, Schlafanzügen und T-Shirts angefangen“ erzählt sie und kontrolliert nebenbei an jedem Platz stichprobenartig die Arbeit der Näherinnen. Vor 23 Jahren war sie eine derjenigen, die das damalige „Conyworks“ mit aufbaute. Ihr größter Stolz sind die Puppen. Unzählige unterschiedliche Puppen, Tiere und sogar Gemüse hat sie schon entworfen – Schnitte, die anschließend in großen Mengen genäht und verkauft werden. Der größte Teil wird nach Amerika und Europa exportiert und beispielsweise in Deutschland an die Marken „Hess Natur“ oder „Alana“ verkauft, welche man in jedem dm-Drogeriemarkt findet. Neben den Puppen wird hauptsächlich Babykleidung hergestellt – nur wenige Entwürfe für  den Lokalmarkt findet man auch in Erwachsenengrößen.</p>
<p>Alle Produktionsschritte finden auf Sekem statt, vom Anbau der Baumwolle über das Bedrucken bis hin zum Zuschneiden und Nähen. Frau Marienfeld führt mich durch all die unterschiedlichen Werkstätten und kritisiert zwischendurch immer wieder ungeduldig Ungenauigkeiten bei den Arbeiten. „Man muss sie trotzdem lieb haben“ schließt sie ihren Rundgang mir zugewandt ab und lächelt.</p>
<p>In den Wirtschaftsunternehmen Sekems – Obst– und Gemüseanbau, Baumwollfelder, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Textilindustrie und Heilmittelherstellung – arbeiten insgesamt über 2.000 Menschen. Sie bilden die „Sekem-Gemeinschaft“. Die erwirtschafteten Gewinne werden nach Rückstellung einer Altersversorgung überwiegend in Bildung und Kultur investiert. Das Bildungsprogramm umfasst Kindergarten, Schule, Berufsschule, berufliche Ausbildungsbetriebe und sozial-kulturelle Einrichtungen für die Mitarbeiter. Auch eine heilpädagogische Einrichtung ist vorhanden. Außerdem gibt es das Medical Center für die medizinische Versorgung und die Sekem-Akademie für nachhaltige Entwicklung. Auch eine Universität ist in Planung. Der Grundsatz von Sekem ist „Lernend arbeiten und arbeitend lernen.“ Alle Mitarbeiter bekommen die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich durch kontinuierliche und professionelle Weiterbildungen und Teilnahme an Kursen in künstlerischen Fächern weiterzuentwickeln.</p>
<h4>Ökologischer Wegbereiter für das ganze Land</h4>
<p><em>Lotus, früher Nachmittag.</em> Die Sonne scheint erbarmungslos — kein Wölkchen ist am strahlend blauen Himmel zu sehen. Überall laufen Bewässerungsanlagen und benetzen die Pflanzen mit dem kostbaren Nass. „Selbst wenn alles schon grün ist, man kann nie aufhören mit der Bewässerung“, sagt Angela.  „Wer denkt, dass es irgendwann anfängt sich selbst zu regulieren, täuscht sich.“ Angela ist eine der ersten deutschen Mitarbeiter der Farm und kam kurz nach den ersten Kühen – vor 30 Jahren – nach Ägypten.</p>
<div id="attachment_3538" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/DSCI0589.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3538 " title="Ein Bauer auf der Sekem Farm" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/DSCI0589-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Auf der Sekem Farm wird biologisch dynamischer Landwirtschaft betrieben</p></div>
<p>Auf der Sekem Farm findet man hauptsächlich Luzerne, Futterhirse für die Kühe und Guavenbäume. Der Großteil des Kuhfutters, wie auch Kräuter, Obst und Gemüse werden jedoch auf angrenzenden, zu Sekem gehörenden Farmen angebaut. Die Kräuter werden zur Tee– und Arzneimittelherstellung verwendet und auch Obst  und Gemüse werden vielfältig weiterverarbeitet.</p>
<p>Die Tiere befinden sich gegenüber der Hauptfarm auf dem Gelände der Firma Lotus. Dattelbaumwedel schützen vor der prallen Sonne, jedoch nicht vor den Fliegen. Einzelne Kuhreiher sitzen zwischen den großen Tieren und picken ihnen die lästigen Insekten aus dem Gesicht. Die Kühe sind ein wichtiger Bestandteil von Sekem – sie liefern nicht nur Milch und Fleisch, sondern auch wertvollen Kompost. Ohne die Kompostwirtschaft wäre es unmöglich, den sandigen Wüstenboden landwirtschaftlich zu nutzen. Nur mit dem Dung der Kühe kann ein kontinuierlicher Aufbau der Bodenfruchtbarkeit entstehen.</p>
<p>Neben den Kühen gibt es auch noch Schafe, Bienen, Tauben, Esel und zwei Pferde.</p>
<p>Selbst die Bäume der Farm haben ihre unverzichtbare Aufgabe. Sie schützen vor Wind und den damit verbundenen Sandstürmen, spenden Schatten und halten die Feuchtigkeit nah an der Oberfläche. Alles ist in einem Kreislauf miteinander verbunden.</p>
<p>Seit die biologisch dynamische Landwirtschaft durch Ibrahim Abouleish erstmals nach Ägypten kam, hat sich viel getan. Denn Sekem konzentriert sich nicht nur auf Wachstum und Gedeihen der eigenen Farmen, sondern setzt sich für Nachhaltigkeit im ganzen Land ein. Durch viel Einsatz und Überzeugungskraft ist es inzwischen verboten, Pestizide mit Flugzeugen über den Feldern zu verteilen. Allein für die Baumwolle wurden jährlich 35 Tonnen Pestizide aus der Luft gespritzt, welche nicht nur die Baumwollfelder, sondern auch Dörfer und Flüsse trafen, was zu Krankheiten und Seuchen führte.</p>
<p>Viele staatseigene Flächen werden seitdem mit ökologischen Pflanzenschutzmethoden behandelt, so dass sich seitdem auch außerhalb von Sekem Naturland entwickelt. Über 850 Farmen in ganz Ägypten sind heute bereits Mitglied der „Egyptian biodynamic association“ (EBDA), welche den Landwirten mit Rat und Tat zur Seite steht und die Weiterentwicklung biologisch-dynamischer Landwirtschaft wissenschaftlich vorantreibt. Außerdem ermutigte Sekem die Gründung des Zentrums für biologischen Landbau in Ägypten. Und auch außerhalb des Landes werden die Ansätze Sekems immer wieder vertreten, um für eine nachhaltigere Welt zu kämpfen.</p>
<p>Für Ägypten ist wichtig, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für die Umwelt steigt. Und auch das Einkommen der Menschen muss steigen, damit sich nicht nur der reichere Teil der Bevölkerung Bio-Produkte leisten kann.</p>
<h4>Eine Schule für Bewusstsein und Gemeinschaft</h4>
<p><em>Waldorfschule Sekem, nächster Vormittag.</em> Freudig werde ich von dem Kunstlehrer Tamer begrüßt, als ich das Schulgebäude erreiche. Voller Motivation führt er mich durch die Schule.</p>
<p>Die Gemeinschaft und das Bewusstsein für die Mitmenschen und die Umwelt sind hier das Wichtigste. Die Schüler können durch Praktika in den Betrieben erleben, wie alles miteinander zusammenhängt und haben die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. „Die Schüler lernen die Zusammenhänge. Wir stellen Marmelade mit ihnen her und sie lernen, wie viel man wozu braucht, wie viel es kostet und was alles dazugehört.“</p>
<p>Ein Schwerpunkt der Waldorfschule ist die Kunst. „Wir machen viel mit Ton und Holz, praktische Arbeiten. Damit es einen Ausgleich gibt zwischen Theoretischem und Praktischem. Damit sie die Dinge nicht nur hören, sondern auch durch Riechen und Fühlen erleben. Das sind alles Dinge, die sie später brauchen werden.“ Regelmäßig gibt es auch Theater– und Chorprojekte mit anschließenden Aufführungen. Mit all dem stellt die Schule den reinsten Gegensatz zum regulären Schulsystem in Ägypten dar — „dort wird einfach nur auswendig gelernt“. Doch nicht nur die Schule, „Sekem und Ägypten – das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen“, sagt Tamer.</p>
<p>Auch die Lehrer lernen durch Sekem ganz neue Bereiche kennen. „Dadurch fängt ein Mathematiker manchmal an, plötzlich etwas ganz anderes zu machen“, sagt Tamer und lacht. Mahmoud von der Heilpädagogischen Einrichtung stimmt dem zu „Ich kann hierher, um mit den Behinderten zu arbeiten. Dann habe ich das Theater kennengelernt und jetzt leite ich auch Projekte im Theater.“ Außerdem gibt es für die Lehrer Weiterbildungen in den unterschiedlichsten Bereichen. „Ich konnte vorher kein Englisch, aber jetzt kann ich es, weil die Weiterbildungen auf Englisch waren“, sagt Tamer und strahlt.</p>
<p>Er führt mich weiter in die Kunstwerkstatt. „Wichtig ist, dass nicht ein Schüler Erfolg hat, sondern die Gruppe hat Erfolg.“ Durch das Arbeiten in Gruppen kann auch ein neues Gemeinschaftsgefühl entstehen. Stolz präsentiert  er mir ein Relief aus Ton, was viele Schüler gemeinsam gearbeitet haben.</p>
<p>Genauso wichtig ist, dass auch Sachen für andere Menschen gemacht werden. „Wenn die Marmelade fertig ist, dann verschenken wir sie. Hier ist eher üblich: Das habe ich, das gehört jetzt mir. Das Teilen, einfach so etwas den Anderen zu geben und auf die Anderen zu schauen, ist ganz wichtig für die Zukunft des Landes.“ In staatlichen Schulen wird kein Wert auf solche Sachen gelegt.</p>
<p>Später bin ich mit Emam, einem Englischlehrer unterwegs. „Die Putzfrauen sind genauso wichtig wie die Lehrer“ sagt er und grüßt die Frau, die uns entgegenkommt. „Sie ist genauso wichtig wie ich, denn wenn sie nicht da ist, dann ist alles ganz dreckig, dass soll ja nicht sein. Wenn sie nicht da ist, dann kann auch ich das Zimmer putzen. Es ist mein Klassenzimmer, mein Haus, also muss ich es sauber halten.“</p>
<p>Auch den Schülern soll dieses Verantwortungsgefühl nahegebracht werden. Denn in Ägypten hält zwar jeder seine Wohnung ordentlich und sauber, aber für die Straße vor dem Haus ist niemand verantwortlich. Auf Sekem soll nichts unnötig herumliegen, verschmutzen und unbrauchbar werden.</p>
<p>Jeden Donnerstag gibt eine Wochenabschlussfeier der Schule, bei welcher verschiedene Klassen etwas aus dem Unterricht vorführen. Anschließend treffen sich dann alle Menschen von Sekem, um die Woche gemeinsam zu beenden.</p>
<p>Mahmoud nimmt mich mit zur Heilpädagogischen Einrichtung. Hier werden Kinder und Erwachsene entsprechend ihrer Fähigkeiten in die Farmbetriebe integriert und individuell gefördert. „Abgesehen von Sekem haben Behinderte nicht viele Möglichkeiten in Ägypten“ erzählt Mahmoud. „Deswegen habe ich auch in meinem Dorf noch eine Behindertenwerkstatt gegründet.“ Auf Sekem leben derzeit 28 Behinderten ab sechs Jahren. „Wir bilden sie hier aus, damit sie dann wo anders arbeiten können.“ Auch hier spielen Theaterprojekte, Musik und Eurythmie eine wichtige Rolle.</p>
<p>Als wir ankommen ist eine Gruppe gerade damit beschäftigt, bunte Ketten für den Ramadan zu basteln, mit denen später die Häuser geschmückt werden. Eine andere Gruppe ist dabei, Holzautos zu schleifen. Achmed kehrt vor dem Haus, Mariam gießt die Blumen und Mustafa möchte mit seinem Holzauto unbedingt von mir fotografiert werden. Sofort ist man mitten drin in der Gemeinschaft. Ich helfe beim Basteln der Ketten, lasse Mariam freudestrahlend mit der Kamera Fotos schießen und gehe anschließend mit Mahmoud in die Küche, wo er mir zeigt, wie man die typisch ägyptische Tameya zubereitet.</p>
<p>Immer wieder komme ich auch später hier vorbei, denn es ist ein Ort, wo man stets willkommen ist.</p>
<h4>Gesundheit für alle</h4>
<p><em>Medical Center, kurz vor neun Uhr morgens. </em>Als Johanna das Medical Center betritt, ist noch nicht viel los. Einige Krankenschwestern laufen herum und bereiten die tägliche Arbeit vor. Trotz des für ein Krankenhaus verhältnismäßig  kleinen Gebäudes, scheinen alle Ärzte hier einen Platz zu finden – der Augenarzt, der Gynäkologe, der Hautarzt, die Physiotherapeutin, der Chirurg, der Zahnarzt usw.. Es gibt ein Labor, ein Röntgengerät, einen Operationsraum und vieles mehr. Im Gegensatz zu einem deutschen Krankenhaus scheinen all die Geräte etwas wahllos in den Räumen verteilt, doch für Ägypten ist es ein Ort höchster Qualität. Denn  steril es ist vielleicht nicht, aber es ist sauber!</p>
<div id="attachment_3540" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wartende-Patienten-im-Medical-Center.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3540 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wartende-Patienten-im-Medical-Center-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Wartende Patienten im Medical Center</p></div>
<p>Neben den Mitarbeitern werden hier jährlich auch rund 40.000 Menschen aus der Umgebung versorgt. „Es gibt sogar Patienten, die kommen extra aus Kairo hierher, denn sie merken, dass hier anders behandelt wird“, meint Johanna. „Zum Beispiel die Physiotherapie ist hier in Ägypten eigentlich eher ein Muskeltraining. Die Leute werden an Geräte gesetzt, die ihnen helfen sollen. Am Anfang waren sie ganz misstrauisch und haben nicht verstanden, wie ich Physiotherapie ohne Geräte machen will. Inzwischen habe ich so viele Patienten, dass ich unbedingt noch einen zweiten Physiotherapeuten brauche.“ Sie lacht und schließt ihren Behandlungsraum auf.</p>
<p>Eine weitere Besonderheit ist, dass bevorzugt mit pflanzlichen Heilmitteln, auch aus eigener Produktion, gearbeitet wird. „Vor allem, wenn Mütter mit kranken Kindern kommen, ist das sehr schwer zu vermitteln. Sie wollen Antibiotika und starke Medikamente haben und nicht irgendwelche unbekannten homöopathischen Sachen.“ Johanna seufzt. „Sie haben selbst bei einem einfachen Fieber Angst um das Leben ihrer Kinder, da die Kindersterblichkeit hier immer noch sehr hoch ist.“</p>
<p>Da die homöopathische Medizin in Ägypten kaum verbreitet ist, scheitert das Verschreiben solcher Mittel auch oft schon an den Ärzten. Diese sind zum Großteil selber Schulmediziner und verschreiben lieber die ihnen bekannten Antibiotika und auch andere Medikamente in großen Mengen. Selbst das Anmelden von alternativen Heilmitteln ist in Ägypten unglaublich kompliziert, so dass viele der homöopathischen Medikamente nicht rechtlich nicht zugelassen sind.</p>
<p>Betritt man den Medical Center durch den Haupteingang, so befindet man sich in einem an den Rändern überdachten Innenhof, der gleichzeitig als Wartezimmer dient. Wild wachsen einige Blumen und Büsche in der Mitte vor sich hin. Noch sind nicht viele Menschen da. Da es keine Terminplanungen mit Voranmeldungen gibt, kommt jeder Patient einfach zu Zeiten, wo der benötigte Arzt da ist und wartet solange, bis er dran kommt.</p>
<p>Johanna hat drei Preise für ihre Patienten. Die ganz Armen behandelt sie für 10–20 ägyptische Pfund (etwa 1,50€ bis 3€), was für diese immer noch viel Geld ist. Dann gibt es die normal Verdienenden. Und dann die Reichen. Von denen gibt es nicht sehr viele, aber ihr Preis ist so angehoben, dass sie im Prinzip für die Ärmeren mit bezahlen. Sonst würde das nicht funktionieren.</p>
<p>Inzwischen sind auch einige Patienten versichert. Sie müssen kaum etwas für Medikamente und Behandlung zahlen, das Meiste zahlt die Versicherung, was aber auch nicht sehr viel ist. So gibt es auch drei Apotheken auf Sekem. Eine für die Versicherten, eine für die anderen Patienten und eine rein homöopathische Apotheke.</p>
<p>Johanna möchte gerne Kindergruppen gründen, wo sie mit kleinen Übungen das Körpergefühl und damit verbunden das Selbstbewusstsein und die Beweglichkeit trainiert. Denn durch die stetige Hitze bewegt sich keiner mehr als er muss. Natürlich spielen auch in diesem Land die Jungs Fußball, doch die Mädchen legen ihre langen Röcke und Kopftücher nicht einmal im Sportunterricht in der Schule, geschweige denn beim Schwimmen in Meer ab.</p>
<h4>Ein Ritual für das Zeitgefühl</h4>
<div id="attachment_3542" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wöchentlicher-Abschlusskreis-aller-Menschen-auf-Sekem.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3542 " title="Wöchentlicher Abschlusskreis aller Menschen auf Sekem" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wöchentlicher-Abschlusskreis-aller-Menschen-auf-Sekem-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Wöchentlicher Abschlusskreis aller Menschen auf Sekem</p></div>
<p>In Ägypten herrscht ein anderes Zeitgefühl. Was man heute nicht schafft, wird – „Inschah Allah“, wenn Allah will — morgen gemacht. Ansonsten noch später oder eben auch gar nicht.</p>
<p>Da eine Institution wie Sekem so nicht funktionieren kann, treffen sich die Mitglieder in allen Betrieben und auch den sozialen Einrichtungen Sekems jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit zum Morgenkreis.</p>
<p><em>9 Uhr.</em> Alle Mitarbeiter des Medical Centers stehen in einem Kreis. Der Kreis ist bewusst gewählt, da alle auf einer Höhe stehen und keiner durch eine besondere Position zum „Oberhaupt“ wird. Ein Zeichen, dass alle Menschen gleich sind, egal, wer der Chef ist.</p>
<p>Johanna ruft einen Namen auf, die Antwort ist das heutige Datum. Der nächste von Johanna aufgerufene Name antwortet mit dem Datum des Islam, dessen Zeitrechnung etwa 600 Jahre nach dem des Christentums begann. Eine dritte Person sagt schließlich den Wochentag mit dem dazugehörigen Planeten. Anschließend sagt jeder den Namen seines Gegenübers im Kreis, welcher daraufhin erzählt, was er gestern gemacht hat und was er heute machen wird.</p>
<p>„So werden alle bewusst in die Zeit geholt“ erklärt Johanna später. „Am Anfang war es für viele sehr schwer sich an Termine und Zeiten zu halten, aber es klappt immer besser.“ In jedem Betrieb wird der Ablauf des Morgenkreises etwas anderes gehandhabt, doch abschließend sprechen sie alle zusammen „Das Schöne bewundern, das Wahre behüten“ von Rudolf Steiner auf Arabisch und reichen sich dabei die Hände. Gemeinsam heben alle beim letzten Wort die Arme, bevor sich jeder an seine Arbeit macht.</p>
<h4>Eurythmie für Persönlichkeitsbildung und Teamwork</h4>
<p><em>Hator, später Vormittag.</em> Auf gebrochenem Englisch erklärt Wagi, einer der Eurythmiestudenten, wo wir hingehen und wer jetzt mit der Betriebseurythmie dran ist. Wir betreten das große Fabrikgebäude von Hator und gehen weiter in einen Raum, in dem mehrere Männer an Computern arbeiten. Wagi stellt mich kurz vor, bevor  wir die Treppe hinunter in eine Lagerhalle gehen. An den Seiten stehen verschiedene große Geräte und eingepackte Waren. In der Mitte ist ein großer Gang frei und auch der Platz ganz in der Mitte zwischen vier Säulen ist unbenutzt. „Hier werden wir Eurythmie machen“ sagt Wagi und bittet mich, kurz zu warten. Einen Moment später kommt er mit einem Hocker wieder. Nach und nach kommen sieben der mir kurz vorher vorgestellten Männer. Jeder von ihnen begrüßt mich persönlich, bevor sie sich alle in der Mitte zu einem Kreis stellen. Man muss gut zuhören, um zu hören, was neben dem Rattern der Ventilatoren gesagt wird.</p>
<p>Als sie hereinkamen, wirkten die Männer alle sehr ähnlich, doch als sie beginnen, Eurythmie zu machen, ist plötzlich jeder von ihnen verschieden. Man sieht es, wer das Ganze sehr ernst nimmt, wer sich durch den Zuschauer ein bisschen unwohl fühlt, und wem es nicht so leicht fällt, die Bewegungen auszuführen. Sie machen eine Übung mit Holzkugeln. Als ein Mann zwischendurch für einen Augenblick geht, lässt mich Wagi dessen Platz im Kreis einnehmen, denn nur mit acht Menschen funktioniert die Übung.</p>
<p>Ich verstehe weder die Anweisungen, noch den Text, doch ich gehe einfach und mache mit.</p>
<p>Überall auf Sekem spielt die, Anfang des 20.Jahrhunderts durch Rudolf Steiner entwickelte, tanzähnliche Bewegungskunst eine große Rolle. Die auf Sekem ihre Eurythmieausbildung absolvierenden Studenten unterrichten regelmäßig in Schule, Berufsausbildung, Heilpädagogik und Kindergarten. In den Betrieben gibt es jährlich ein bis zwei Eurythmiekurse, so dass jeder damit in Berührung kommt. Für die Mitarbeiter ist es inzwischen ein selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit und auch „Neulinge“ lernen die Eurythmie schnell zu schätzen. Während die Eurythmie in der Pädagogik die verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes begleitet, fördert die Betriebseurythmie soziale Fähigkeiten, Persönlichkeitsbildung, Kommunikation, Kooperation und Teamwork.</p>
<h4>Das Glück, in der Schule zu sein</h4>
<div id="attachment_3539" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Mohammed-übt-mit-den-Kamillekindern.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3539 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Mohammed-übt-mit-den-Kamillekindern-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Mohammed übt mit den Kamillekindern</p></div>
<p><em>Waldorfschule Sekem, Nachmittag.</em>Die Tür zur Aula öffnet sich und Mohammed, einer der Eurythmiestudenten, kommt herein, gefolgt von einem bunten Haufen Kinder – den Kamillekindern.</p>
<p>Den Kindern, die, bedingt durch ihre soziale Situation, keine Schule besuchen können, gibt Sekem die Chance, Teil des „Kamillekinderprojektes“ zu werden. Je nach Jahreszeit verrichten die Kamillekinder jeweils etwa einen halben Tag leichte Arbeiten auf der Farm und werden die restliche Zeit unterrichtet. So bekommen sie trotzdem noch die Chance auf einen Schulabschluss und eine anschließende Berufsausbildung. Je nach anfallender Arbeit auf dem Feld haben sie auch drei bis vier Mal in der Woche Eurythmie. Da im Sommer nicht so viel Arbeit erledigt werden muss, haben sie in dieser Zeit sogar vier bis sechs Wochen lang täglich Eurythmie.</p>
<p>Nach einer kurzen Ansprache verteilt Mohammed Kostüme, denn heute ist die Generalprobe für das Eurythmiestück „die Heinzelmännchen von Sekem“.</p>
<p>Voller Freude machen die Kinder Eurythmie und lassen sich auch nicht die Laune verderben, als Mohammed eine Stelle noch einmal mit ihnen üben muss, damit sie die Bewegungen zumindest Großteils gleich ausführen.</p>
<p><em>Waldorfschule Sekem, gegen 9 Uhr morgens</em>. Schon von weitem hört man die wild durcheinander gespielten Töne unterschiedlicher Instrumente. Trotz der Ferien sind etwa 20 Kinder und Jugendliche zurück in die Schule gekommen. Da die Ferien nach ein paar Wochen oft langweilig für sie werden, kommen sie und proben im Sommerorchester. Gespielt wird Geige, Cello, Flöte und Trommel. Auch ehemalige Schüler und Mitarbeiter von Sekem unterstützen das Projekt, wodurch sogar ein Kontrabass im Orchester vorhanden ist. Die Stimmung ist heiter. Jeder probt seine Stimme, während Ingrid, die Leiterin des Orchesters, herumgeht und die Instrumente stimmt. Wie jeden Morgen vor einer Probe sitzen Mahmoud und die Schülerin Isis sich gegenüber und unterhalten sich. Abdallah geht als erstes zum Klavier und klimpert mit zwei anderen Jungen wild mit den Tasten.</p>
<p>Es ist ein sehr bunter Haufen. Selbst bei laut mit geklopftem Takt spielt jeder sein eigenes Tempo und erst nach einer Weile schafft Ingrid es, die Stimmen halbwegs zusammenzubasteln. „Wahid, Talata, Wahid, Talata“ zählt sie laut den Fingersatz für die dritte Stimme der Geigen mit. Enthusiastisch spielen die Kinder drauf los, erneut nicht auf die anderen Stimmen achtend. Doch Probe für Probe klingt alles mehr zusammen und am Schluss wird alles aufgeführt oder sogar eine Musikkarawane durch die Betriebe gemacht, um allen ein kleines Konzert zu geben.</p>
<h4>Sekem und die Revolution – das Resultat einer Gemeinschaft</h4>
<p><em>Sekem Farm, Naturetex.</em> An einem Tisch sitzen vier Männer. Begeistert winken sie mich heran und fangen an, mich mit Fragen zu bombardieren „Wer bist du“ – „Wo kommst du her?“… Frau Marienfeld ruft mich bald weiter. „Das sind Lehrer der Sekem Schule. Eigentlich haben sie Ferien, aber durch die Revolution können sie keinen bezahlten Urlaub mehr nehmen. Sie können sich entscheiden, ob sie in der Zeit hier in den Betrieben arbeiten, oder unbezahlt Ferien machen. Die meisten können sich das aber nicht leisten.“</p>
<p>Auch Sekem hat die Revolution zu spüren bekommen. 40 Prozent des Inlandverkaufes sind zurückgegangen, wodurch auch der Umsatz abnahm. Gespart wird dadurch vor allem auf den beiden großen Außenfarmen auf dem Sinai, indem man verstärkt Pflanzen anbaut, die mit wenig Bewässerung auskommen, wie beispielsweise die Kaktusfeige.</p>
<p>Ein Schock für Sekem war vor allem aber die Inhaftierung von Helmy Abouleish, dem Sohn von Ibrahim Abouleish. Helmy Abouleish war bis Ende 2006 für ein Jahr Geschäftsführer eines internationalen Kooperationsprojektes (Industrial Modernization Centre, IMC). Das IMC sollte der ägyptischen Privatwirtschaft dabei helfen, nachhaltiger und wettbewerbsfähiger zu werden. Helmy Abouleish wurde nun – fälschlicherweise — vorgeworfen, er habe Sekem-Firmen während diese Zeit Fördergelder zukommen lassen. 100 Tage musste er dadurch im Gefängnis verbringen. In demselben Gefängnis, in dem die Söhne Mubaraks und andere angeklagte Regierungsbeamte untergebracht waren. Doch Angst hatte er niemals. „Diese Ruhe und Überzeugung, dass, was immer Allah für mich vorgesehen hat, mir vor allem eine Entwicklungschance bieten würde, hat mir sehr viel Kraft gegeben.“ Am 6. Juli 2011 wurde Helmy Abouleish entlassen –  verurteilt zu einem Jahr auf Bewährung und einer Strafzahlung. Voll Freude und Erleichterung wurde er auf Sekem empfangen.</p>
<p>Ibrahim Abouleish erzählte oft von einem Freund. Dieser hatte auch eine Firma aufgebaut und versucht, seine Mitarbeiter fair zu behandeln. Dr. Abouleish war immer etwas neidisch, denn diese Firma schien stets ein wenig erfolgreicher zu sein als das, was er auf die Beine stellte. Doch dann kam die Revolution. Und mit einem Mal wendeten sich die Mitarbeiter seines Freundes gegen ihn und zerstörten den ganzen Betrieb.</p>
<div id="attachment_3543" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Wohnhaus_1.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3543 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Wohnhaus_1-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Sekem ist ein ganz besonderer Ort</p></div>
<p>Auch Sekem hätte so ein Schicksal drohen können. Doch die Mitarbeiter, welche teilweise ihr eigenes Zuhause schützen mussten, meldeten sich freiwillig, um auch Sekem zu bewachen und vor einer Zerstörung zu bewahren. Dies zeigt, neben vielen anderen Dingen, dass es in Sekem eine Gemeinschaft gibt, die von vielen gehalten wird und nicht so einfach zerstört werden kann. Eine Gemeinschaft, die auch durch das Geistige zusammengehalten wird.</p>
<p>Auf Sekem gehört alles zusammen. In der Landwirtschaft werden Kräuter angebaut, in der Pharmazie wird damit geforscht und in den Betrieben werden sie zu Verkaufsprodukten verarbeitet. Durch die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist Sekem mit der Natur im Einklang, durch die spezielle und faire Behandlung der Mitarbeiter auch mit der Gesellschaft. Und alle Menschen auf Sekem sind auf eine besondere Art und Weise verbunden – durch den Morgenkreis, die Eurythmie und vieles mehr.</p>
<p>Sekem ist ein ganz besonderer Ort.</p>
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		<title>Kollaborative Demokratie!</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 20:24:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Jascha Rohr schlägt vor, Bundestag und Bundesrat eine ­»Bundeswerkstatt« zur Seite zu stellen. Hier würde die ­Zivilgesellschaft zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Kunst in transparenten, offenen Prozessen ­Zukunftskonzepte entwickeln. Die Demokratien, in denen wir leben, sind die besten aller bisher verwirklichten politischen Systeme. Dazu stehe ich. Aber sie sind bestimmt nicht der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Jascha Rohr schlägt vor, Bundestag und Bundesrat eine ­»Bundeswerkstatt« zur Seite zu stellen. Hier würde die ­Zivilgesellschaft zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Kunst in transparenten, offenen Prozessen ­Zukunftskonzepte entwickeln.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires-1.jpg" rel="lightbox[2850]"><img class="alignright size-full wp-image-2855" style="margin-left: 10px;" title="Jascha Rohr schlägt vor, dem deutschen Bundestag und Bundesrat eine ­»Bundeswerkstatt« zur Seite zu stellen." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires-1.jpg" alt="" width="200" /></a>Die Demokratien, in denen wir leben, sind die besten aller bisher verwirklichten politischen Systeme. Dazu stehe ich. Aber sie sind bestimmt nicht der Endpunkt der Geschichte, auch nicht die besten aller denkbaren Systeme, und schon gar nicht scheinen sie mir in der Lage, die drängenden Probleme unserer Zeit lösen zu können. Nur: Welches System könnte besser mit diesen Herausforderungen umgehen? Wahrscheinlich nur eines, das wir noch entwickeln werden, das wir noch nicht kennen und das uns sicherlich noch überraschen wird. Ich habe einen Arbeitstitel für dieses politische System. Ich nenne es die kollaborative Demokratie und das Projekt, um dorthin zu kommen, das »Hiddensee-Projekt«. Aber von vorne:</p>
<h4>Hiddensee</h4>
<p>Vom Leuchtfeuer »Dornbusch« auf Hiddensee aus hat man einen kollossalen Weitblick über die Insel Rügen und das vorpommersche Festland. Bis nach Stralsund kann man hier bei gutem Wetter sehen. Die Mischung aus Seeluft und der Blick in die Ferne machen den Geist weit und die Gedanken klar. Meine Partnerin Sonja Hörster und ich machten hier im Herbst 2008 Urlaub, nachdem wir ein Projekt im damaligen »HUB Berlin« – einem Co-Working-Projekt für soziale Unternehmerinnen und Unternehmer – begleitet hatten. Dabei hatten wir wieder einmal festgestellt, wie wichtig es ist, dass Menschen, die ein gemeinsames Problem lösen oder ein Projekt starten wollen, Beziehungen zum Kontext aufbauen: zu den Menschen, Orten, Ideen, Geschichten rundherum. Nur dann, so unsere Erfahrung, können starke, überzeugende und relevante Ideen entstehen. Diese Beziehungsarbeit zum Kontext ist nach wie vor unüblich. Heutige Planer, Gestalter und Konzeptentwickler sehen sich häufig außerhalb oder sogar über den Dingen stehend. Sie entwickeln Lösungen für Menschen und Orte, mit denen sie nicht oder nur vermittelt verbunden sind. Wahrscheinlich geschieht das auch aus Angst: Wer sich in etwas hineinbegibt, um es zu verändern, verändert dabei immer auch sich selbst. Wer jedoch keine Bindung zu den Dingen eingeht, die er verändern möchte, richtet meist mehr Unheil an, als zu Lösungen beizutragen.</p>
<p><em>These: Gelungene, positive Gestaltung benötigt die Bereitschaft aller Beteiligten, Bindungen einzugehen. So befruchten sich innere und äußere Veränderungen an der gleichen Auseinandersetzung.</em></p>
<p>Voll von diesen Gedanken, den Leuchtturm im Rücken, hatte ich die verrückte Idee, wie es wohl wäre, wenn nicht nur vereinzelte Projekte auf diese Weise organisiert wären, sondern dies auch auf die Politik eines Landes zuträfe. Was, wenn Menschen zusammenkämen, um sich tatsächlich selbst in intensive Auseinandersetzungen zu begeben und so Ideen, Programme, Projekte und Konzepte für die Zukunft ihres Landes zu entwickeln? Ich dachte dabei nicht an die »Partizipation« in Planfeststellungsverfahren oder an Bürgerforen, wo über schon ausgearbeitete Ideen diskutiert wird. Ich dachte an echte Gestaltungs– und Konzeptentwicklungsprozesse, die Lösungen für wirklich große Themenfelder, wie zum Beispiel das Gesundheitssystem oder die Energiewende, finden. Leider sind diese Prozesse bisher rar oder gar nicht vorhanden, insbesondere nicht in der Politik. Doch genau dort brauchen wir sie dringend.</p>
<h4>Die Welt</h4>
<p>Diese Vorstellung war erfrischend wie der Wind, der uns umwehte, und gleichzeitig aberwitzig utopisch. Aber haben wir eigentlich eine andere Wahl? Ich zumindest habe keine Hoffnung, dass die derzeitigen Bürokratie– und Lobbyismusdemokratien, in denen die entscheidenden Konzepte von politischen und wirtschaftlichen Funktionären hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden, die gigantischen Herausforderungen befriedigend bewältigen können. Ich glaube auch nicht, dass Strukturen wie die Bundesregierung, die EU oder die UNO in der Lage sind, die regional und global notwendigen Konzepte z. B. zum Klimaschutz, zur Regulierung des Finanzsystems, zur Bekämpfung von Armut und Hunger, zu einem ökologischen Umbau der Energieversorgung oder zu einer gerechten und ökologischen Ressourcenverteilung zu erarbeiten, geschweige denn, sie in der gebotenen Eile umzusetzten. »Stuttgart 21«, Euro-Rettungsschirm, Gesundheitsreform? Was uns hier als wegweisende Lösungen, innovative Konzepte und zukunftsweisende Ideen verkauft wird, treibt mir die Schamesröte ins Gesicht, weil es so weit hinter dem zurückbleibt, was möglich wäre. Es wird Zeit, uns einzugestehen, dass unsere politischen Strukturen, die uns sicherlich viel Gutes beschert haben, mittlerweile in mindestens ebenso weiten Bereichen selbst Teil des Problems geworden sind. Ihre unterkomplexe, lineare und technokratische Logik kann keine Lösungen für die überkomplexen Probleme entwickeln, mit denen wir es heute zu tun haben. Das kann wahrscheinlich nur eine regio­nal und global agierende Zivilgesellschaft durch neue produktive Formen der Zusammenarbeit, die in der Lage sind, das Auftreten kollektiver Intelligenz zu initiieren.</p>
<p><em>These: Um die komplexen Probleme lösen zu können, die auf uns zukommen, müssen wir lernen, transparent, ergebnisoffen und spartenübergreifend zusammenzuarbeiten und kollektive Intelligenz zu entwickeln. Ein politisches System, das dazu in der Lage ist, wäre die kollaborative Demokratie.</em> (Kollaboration kommt von col­laborare, »zusammenarbeiten«, einem Verb aus dem Kirchenlatein.)</p>
<p>Unter dem Titel »Hiddensee-Projekt« läuft bei uns seit dem Sommer 2008 jede Aktivität, die die Etablierung einer kollaborativen Demokratie fördert.</p>
<h4>Die Bundeswerkstatt</h4>
<p>Ich gebe zu: Lange Zeit war das Hiddensee-Projekt nicht mehr als eine Idee. Ich erzählte sie wenigen vertrauten Freunden, war aber völlig überfordert davon, mir vorzustellen, wie ein erster Schritt aussehen könnte.<br />
Dann kamen Ende 2009 zwei Erfahrungen zusammen: Ich hatte mich zum einen intensiv mit kollaborativen Projekten und Social Media im Internet beschäftigt und über kollektive Intelligenz und Schwarmverhalten recherchiert. Über Twitter führte ich interessante Konversationen mit Menschen, die in diesen Bereichen forschen und arbeiten. Einerseits war ich fasziniert von den globalen kommunikativen Möglichkeiten der neuen Technologien und deren Effekten: die unglaubliche Geschwindigkeit der Kommunikation und Information, die zum Beispiel während der »grünen« Proteste im Iran so wichtig war. Andererseits schien es mir, dass es für die Konzeption und Umsetzung konkreter Projekte immer auch eine lokale Community braucht, die sich reell begegnet und in ihrem konkreten Umfeld zusammenarbeitet.</p>
<p>Zum anderen beschäftigten mich Otto Scharmers »Theory U« und Tim Browns »Design Thinking«. Beide Bücher haben Innovations– und Veränderungsprozesse zum Thema. Insbesondere Brown macht deutlich, wie wichtig ein konkreter Ort ist, in und an dem sich diese Prozesse entfalten können. Plötzlich kam eines zum anderen – ausgerechnet uns als Planer, die hauptsächlich mit Orten arbeiten, war das Offensichtliche nicht aufgefallen: Politische Systeme und ihre Institutionen manifestieren sich immer auch durch konkrete Orte, z. B. durch den Bundesrat und den Bundestag.</p>
<p>Was wäre, wenn wir dieses Zweikammersystem um eine Kammer erweiterten: die »Bundeswerkstatt«? In einer solchen Bundeswerkstatt als fester institutioneller Ergänzung des bisherigen Systems würde nicht deliberativ-repräsentativ (also durch Debatten von Meinungsvertretern) gearbeitet werden, sondern kollaborativ. Hier würde die Zivilgesellschaft zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kunst in transparenten, offenen Prozessen Zukunftskonzepte entwickeln: zum Gesundheitssystem, zur Energie­wende, zur Mobilität der Zukunft, zum Steuersystem und so fort. Solche Prozesse könnten auch öffentlich übertragen werden, ähnlich wie beim Schlichtungsverfahren von Heiner Geißler, und würden dann entweder als konkrete Projekte von verschiedenen Organisationen aufgegriffen werden oder als Gesetzesvorlagen in die entsprechenden Gremien eingebracht werden können. Die Prozesse und Methoden für eine solche Arbeit sind in groben Zügen schon vorhanden und müssten entsprechend weiterentwickelt werden. Die Menschen würden sich wieder als aktive Gestalter ihres Gemeinwesens erleben und könnten zur kollektiven Intelligenz beitragen.</p>
<p><em>These: Menschen müssen die Erfahrung kollaborativer und partizipativer Prozesse machen und erleben können, wie kollektive Intelligenz entsteht. Dazu benötigen wir konkrete, reale Orte, in denen sich diese Prozesse manifestieren.</em></p>
<p>Besonders spannend finde ich den Gedanken der Umkehr der Legitimation: Gäbe es Institutionen wie die Bundeswerkstatt, müssten sich politische Entscheider, die Konzepte hinter verschlossenen Türen aushandeln, die Frage gefallen lassen, warum sie sich nicht frühzeitig in einen transparenten Gestaltungsprozess mit den Bürgerinnen und Bürgern begeben haben. Ich stelle mir eine Pressekonferenz vor, in der ein Journalist fragt: »Herr XYZ, Sie präsentieren uns hier sehr kontroverse Pläne für den Bau eines unterirdischen Bahnhofs. Sie hätten das Konzept für den Umbau des Bahnhofs auch in der ›Landeswerkstatt‹ in einem kollaborativen Prozess mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, mit Vertretern von Bahn, Wirtschaft, Politik und Behörden entwickeln können. Was hat Sie dazu bewogen, diese Möglichkeit nicht wahrzunehmen, und wodurch gewinnt Ihr Vorschlag nun seine Legitimation?«</p>
<p>In die Konzeption der Bundeswerkstatt floss in Zusammenarbeit mit meinem Kollegen und Projektpartner Holger Nauheimer viel Arbeit. Es entstanden viele Ideen und ein Netzwerk aus tollen Leuten. Als wir uns jedoch im Dezember letzten Jahres an die konkrete Planung einer ersten öffentlichen Aktion machen wollten, überwältigten uns die Schwierigkeiten und offenen Fragen. Seitdem suchen wir auch hier nach einem machbaren nächsten Schritt. Ich erinnere mich, dass mich Katrin Käufer vom »Presencing Institute« ganz zu Beginn des Projekts darauf hinwies, dass wir uns auf mehrere Anläufe vorbereiten müssten.<br />
Wenn ein Projekt wie die Bundeswerkstatt, der Aufbau einer dritten Kammer innerhalb eines etablierten politischen Systems, schon ein riesiges Unterfangen ist, wie weit ist dann der Weg in die kollaborative Demokratie?<br />
Eigentlich nicht weit! Im Grund liegt sie gleich um die nächste Ecke. Sowohl wir im »Institut für Partizipatives Gestalten« als auch viele andere arbeiten überall an kleinen und großen Projekten, die ich als kollaborativ demokratisch bezeichnen würde. Zwei Beispiele aus unserer Arbeit:</p>
<h4>Die Bollertdörfer</h4>
<p>Seit nunmehr zwei Jahren betreuen wir eine Bürgerinitiative in den Bollertdörfern in der Nähe von Göttingen. Diese Ini­tiative hat sich gegründet, um dem demographischen Wandel in der Region entgegenzuwirken. Sie ist ausdrücklich politisch neutral und fokussiert ihre Arbeit auf konkrete Projekte zum Erhalt und zum Aufbau dörflicher und regionaler Infrastruktur. Ihr ist es gelungen, das öffentliche Freibad vor der Schließung zu retten, das sie nun selbst erfolgreich in Bürgerhand betreibt. Die Initiative hat die Grundschule vor der Schließung gerettet und organisiert in diesem September einen großen kulturellen Event. Als nächstes ist im Dorfkern des zentralen Orts ein neuartiges Mehrgenerationenprojekt geplant. Diese Erfolge sind für ein Projekt, das es erst seit zwei Jahren gibt, für sich schon bemerkenswert.</p>
<p>Doch die wirkliche Besonderheit liegt in der Organisationsform der Initiative. So gibt es zwar aus finanziellen und rechtlichen Gründen einen Trägerverein. Die Entscheidungs– und Zusammenarbeitsstrukturen basieren aber ausschließlich auf drei Prinzipien: Gleiche Augenhöhe, Selbstermächtigung, Transparenz.<br />
Wer ein Projekt innerhalb der Initiative der Bollertdörfer realisieren möchte, sucht sich Unterstützer und legt los. Bedingung ist nur: Alle müssen teilhaben können und über den Fortgang des Projekts transparent informiert werden. Formale Abstimmungen konnten wir bei der Projektarbeit bisher vermeiden. Darauf bin ich besonders stolz, weil ich sowohl von Mehrheits– als auch von Konsensentscheidungen nicht viel halte. Wichtig ist, dass sich die Menschen in der Initiative intensiv austauschen, ihre eigenen Potenziale und Interessen erkennen und sich selbst dazu ermächtigen, ihre Ideen in die Welt zu bringen. Statt von Zweifeln, Misstrauen, Konjunktiven und Abstimmungen gebremst zu werden, können sie dann einfach loslegen. Bisher hat das erstaunlich gut funktioniert.<br />
<em>These: Kollaborative Demokratie benötigt Vertrauen und Selbst­ermächtigung. Daraus entstehen produktive und konstruktive Haltungen und natürliche Entscheidungsstrukturen, in denen Macht weder durch Einzelne noch durch Mehrheiten missbraucht werden kann.</em></p>
<h4>Oberndorf</h4>
<p>Eines unserer neuen Projekte ist Oberndorf bei Cuxhaven. Hier sollen wir eine Dorferneuerung durchführen. Ich hatte nicht erwartet, dass dieser Auftrag viel mit kollaborativer Demokratie zu tun haben würde. Doch die Oberndorfer meinten es ernst, sie wollten neue Wege beschreiten und die finanziellen Zuschüsse einer Dorferneuerung wirklich in die Zukunft des Dorfs investieren. Nach einem partizipativen Gestal­tungsprozess von neun Monaten, in dem wir uns planerisch intensiv mit den globalen und lokalen Entwicklungen in Bezug auf Oberndorf auseinandersetzten, haben die Bewohner von Oberndorf nun den Entschluss gefasst, eine Bürgerinnengenossenschaft zu gründen. Sie wird sich um die drängenden Belange ihres Gemeinwesens kümmern: um eine Energieversorgung, deren Wertschöpfung dem Dorf erhalten bleiben soll, um die touristische Vermarktung von Oberndorf, um Konzepte für die Um– und Weiternutzung der Leerstände im Dorf und vieles mehr.</p>
<p>»Die Oberndorfer – wir machen’s zusammen« ist ihr Slogan. Nun bauen sie sich die notwendigen Strukturen auf, sie planen zum Beispiel den Aufbau eines Orts für Bürgerengagement, an dem die Projekt– und Konzeptarbeit stattfinden kann. Zusätzlich haben sie erkannt, dass sie selbst in der Lage sein müssen, ihre Zusammenarbeit in produktiven Prozessen zu organisieren und wollen sich auch methodisch entsprechend aufstellen.</p>
<p><em>These: Damit kollaborative Demokratie funktioniert, müssen wir eine Infrastruktur der Zusammenarbeit aufbauen. Zusätzlich benötigen wir methodische Fähigkeiten und neue Formate, die uns helfen, produktive Prozesse der Zusammenarbeit zu organisieren.</em></p>
<p>Damit sind in Oberndorf alle wichtigen Elemente einer kollaborativen Demokratie beisammen. Sollte dieser Ort einmal die eigene Gemeindevertretung durch Gemeindezusammenlegung verlieren, so hätten die Dorfbewohner funktionierende Strukturen einer kollaborativen Demokratie geschaffen, in denen sie auch weiterhin ihre eigenen Belange in die Hand nehmen können.</p>
<p>Kollaborative Strukturen können freilich nicht nur in Dörfern, sondern auch in Organisationen und Unternehmen entstehen. So entwickeln sich an unterschiedlichen Stellen erste zarte Pflänzchen kollaborativer Demokratie. Und ich weiß, dass auch in vielen anderen Projekten an ähnlichen Fragen und Ansätzen gearbeitet wird. Gerade während des Schreibens erreicht mich die Nachricht über Twitter, dass in Berlin eine Veranstaltung »Echte Demokratie in Berlin« stattfinden wird. Es wird schon überall gleichzeitig daran gearbeitet, die kollektive Intelligenz entfaltet schon ihre Wirkung! Das gibt mir Hoffnung. Wenn wir weiterhin in kleinen und großen Projekten Formen kollaborativer Demokratie testen und etablieren und zugleich die große politische Perspektive nicht aus den Augen verlieren, werden wir nicht allzu lange auf die notwendigen Veränderungen warten müssen.</p>
<h4>Ausblick</h4>
<p>Kollaborative Demokratie ist ein Wort, das vielleicht nicht ganz leicht über die Lippen geht, aber das dürfte nicht anders gewesen sein, als die ersten Menschen begannen, von repräsentativer oder parlamentarischer Demokratie zu sprechen. Ich sehe die kollaborative Demokratie im Angesicht der auf uns zukommenden Herausforderungen als notwendigen und überfälligen Schritt in der Evolution der Demokratie. Die kollaborative Demokratie wird radikale Veränderungen bringen, aber ich sehe sie trotzdem nicht als Systembruch, sondern vielmehr als ein kontinuierliches und politisch legitimiertes Upgrade. Eine kollaborative Demokratie wird viele neue Fragen aufwerfen und darf vor Experimenten nicht zurückschrecken. Denn ein Beibehalten des jetzigen Systems wäre so, als wollten wir mit alten Lochkartenrechnern komplexe 3-D‑Animationsfilme produzieren. Der Weg in die kollaborative Demokratie ist ein offener, kreativer und lebendiger Gestaltungsprozess. Er erprobt damit das tiefste Anliegen der kollaborativen Demokratie selbst: die Ermöglichung genau dieser Prozesse. Wir können heute nicht sagen, wie eine kollaborative Demokratie in zwanzig Jahren aussehen wird, aber wir haben jetzt die Möglichkeit, zum Entstehen einer neuen politischen Logik beizutragen.</p>
<p>Letzte Woche war ich übrigens wieder auf Hiddensee. Die Idee der kollaborativen Demokratie haftet für mich immer noch am Leuchtfeuer »Dornbusch«. Ohne den Besuch auf der Insel wäre mir dieser Artikel nicht so leicht aus der Feder geflossen.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken.anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/470-Kollaborative_Demokratie_.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 10/2011</a></em></p>
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		<title>Partizipation der Vielen</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/09/04/partizipation-der-vielen/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 19:54:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
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		<description><![CDATA[Zeichen der Geburt einer weltweiten Zivilgesellschaft. Es ist an der Zeit, mehr Räume für grenzüberschreitende Begegnungen der engagierten, ­globalen Zivilgesellschaft zu schaffen. Erste Ansätze sind schon zu sehen. Im Februar 2011 besuchte ich Orissa, einen der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Die radikal ausgebeutete Landschaft starrt mir unbarmherzig ins Gesicht. Lastwagenkolonnen mit Aufschriften bekannter Aluminium– und Zementfirmen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Zeichen der Geburt einer weltweiten Zivilgesellschaft.</h2>
<p><em>Es ist an der Zeit, mehr Räume für grenzüberschreitende Begegnungen der engagierten, ­globalen Zivilgesellschaft zu schaffen. Erste Ansätze sind schon zu sehen.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires.jpg" rel="lightbox[2840]"><img class="alignright size-full wp-image-2842" style="margin-left: 10px;" title="Frauen der Nari Samaj, der Frauenbewegung Orissas, Indien" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires.jpg" alt="" width="200" /></a>Im Februar 2011 besuchte ich Orissa, einen der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Die radikal ausgebeutete Landschaft starrt mir unbarmherzig ins Gesicht. Lastwagenkolonnen mit Aufschriften bekannter Aluminium– und Zementfirmen verschleiern armselige Barackensiedlungen und verschmutzte Flüsse hinter Staubwolken. Wir reisen an zu einem Kurs für Ecovillage Design Education (EDE), an dem 34 Koordinatoren indigener Dorfnetzwerke aus aller Welt teilnehmen. Uns begrüßen 60 Frauen der Nari Samaj, der Frauenbewegung Orissas, die 300 000 indigene Mitglieder und ein Netzwerk von 3500 Dörfern umfasst.</p>
<p>Dunkle Augen lachen mich an mit einer Kraft, die mich erstaunt. Ich bekomme eine Blume ins Haar gesteckt. Die Tänze von fünf verschiedenen Stämmen verbinden sich zu einem mir unbekannten Klangraum. Solange mein Geist noch kontrollieren und ordnen möchte, kann ich den Schritten nicht folgen. Doch in dem Moment, in dem ich loslasse, reißt der Strom mich mit, und ich gehe auf in einem Gruppenwesen. Ich werde Teil einer Schlange von Frauen, die sich in komplexen Schritten wiegen – und ohne nachzudenken, weiß mein Körper, was zu tun ist.</p>
<p>Diese Frauen besitzen gemeinsam eine Kraft, die Berge versetzen kann. Eine Kraft, die vielleicht erst in der Not erwacht und die ich aus Europa so nicht kenne. Wegen dieser Frauen konnte Monsanto in Orissa bisher nicht Fuß fassen. Der gesamte Staat wurde, nachdem Zehntausende Frauen das Straßenbild Bhubaneswars über Tage verwandelt hatten, zu dem bisher einzigen in Indien erklärt, der genetisch manipuliertes Saatgut nicht zulässt. Diese Frauen wissen, was sie gemeinsam erreichen können.</p>
<p>Gemeinsam schützen sie mit der Organisation ihre Dörfer und ihren Wald, pflanzen Bäume, bauen Samenbanken und Nahrungsdepots auf. Sie spüren keinerlei Verlangen, in die Slums der Großstädte zu ziehen. Wenn sie es doch tun, dann aus purer Not. Allerdings sehnen sich vor allem die jungen Adivasi (Indigene) nach Anschluss an eine globale Jugendkultur. Sie suchen die Internetcafés in größeren Dörfern auf und wünschen sich Freiheit, Abenteuer und Kontakt, der auf Selbstbewusstsein aufbaut und Respekt vor ihrer Kultur beinhaltet.</p>
<p>Ich denke an die 27-jährige Karmi Beshra aus Orissa: Im internationalen EDE-Kurs in Deutschland sang sie ein traditionelles Lied, das durch Mark und Bein ging. Eine innere Verwurzelung in ihrer Tradition wurde spürbar, die in den Europäern Erstaunen hervorrief. Das Feedback von europäischen Freunden, das Karmi damals erhielt, befreite sie von dem Gefühl, in einer globalen Kultur nicht zu genügen. Zurück in Orissa, bietet sie inzwischen Kurse für örtliche Behörden an und trainiert Hunderte in der Zubereitung verschiedener Kompost­arten und natürlicher Insektizide. Sie ist eine von den jungen Frauen, die als nächsten Schritt ihre Dörfer zu »Ecovillages« umformen wollen, um eine höhere Anerkennung für die tiefgehende Nachhaltigkeit und Solidarität der bestehenden Traditionen zu gewinnen und Teil eines internationalen Netzwerks zu werden.</p>
<h4>Norden und Süden lernen voneinander</h4>
<p>Hier in Orissa, in Afrika und in vielen anderen lokalen Initiativen liegen Hoffnung und Verzweiflung, Potenzial und Enttäuschung nah beisammen. Die Kraft der Menschen speist sich aus ihrer Verbundenheit. Doch die Strukturen, auch in ihren eigenen Organisationen, sind oft durchzogen von Spuren der Geschichte – von Kolonialismus, Kastensystem, Korruption oder Erniedrigung der Frauen. Die Zeit des relativen Friedens und der zivilen Entwicklung, die wir hier in Europa durchleben dürfen, gibt uns den Glauben an Demokratie, Gleichberechtigung und Eigeninitiative, der auf Menschen anderer Länder zutiefst in­spirierend wirken kann. Die Wahrnehmung des Freiraums der Frauen hier in Deutschland kann auch das Selbstbewusstsein asiatischer und afrikanischer Frauen stärken.</p>
<p>Auf der anderen Seite beobachte ich immer wieder die Faszination der Europäer, wenn sie Menschen aus dem »Süden« sprechen hören. Wenn Nomalizo die südafrikanische Nationalhymne anstimmt, verstummen wir andächtig. Wenn Paul ­Yeboah in königlicher Würde über Millionen kleiner Bäume spricht, die gerade gepflanzt werden, um den Sanddünen im Norden Ghanas Einhalt zu gebieten (siehe Seite 82), werden wir ruhig. Wenn Lua aus dem Kongo (siehe Seite 75) über die systematischen Vergewaltigungen der Frauen spricht, über die zerbrochenen Gemeinschaften nach dem Bürgerkrieg, fließen Tränen. Diese Menschen strahlen Klarheit aus. Sie wissen, was sie zu tun haben. Neben ihnen wirken wir Europäer oft unbeholfen.</p>
<p>Der Austausch bringt Heilung für beide Seiten. In der Permakultur gibt es das Prinzip »Fruchtbarkeit der Grenzbezirke«. Dort, wo Wasser und Land aufeinander treffen, Wald und Wiese, Fremdes und Bekanntes, entsteht Kreativität und Vielfalt. Der Begegnungsraum von Engagierten aus aller Welt ist ein solcher Grenzbereich.Der Norden lernt, Schuldgefühle in Verantwortung zu wandeln und Überheblichkeit in Bescheidenheit. Wir erkennen unsere Entwurzelung im Spiegel der »Andersartigkeit« und werden mitgerissen von Herzlichkeit. Der Süden erkennt, dass viele Menschen im Norden den Wunsch haben, den eigenen Lebensstil zu verändern. Und so lernt er, neues Vertrauen in die eigene Kraft zu finden.</p>
<h4>Oben und unten wirken zusammen</h4>
<p>Im Global Ecovillage Network GEN legen wir seit einigen Jahren einen wachsenden Fokus auf den Nord-Süd-Dialog. Das stärkt auch die europäischen Projekte, und zugleich bringen diese ihren Erfahrungsreichtum über transparente Kommunikation (z. B. die »Forumsmethode« aus Gemeinschaften wie Sieben Linden), Prozessarbeit (z. B. nach Arnold Mindell), Wissen um Selbstorganisation, nachhaltige Entwicklung, internationale Vernetzung und Fundraising ein.<br />
Nach wie vor scheitern zu viele gute Projekte an inneren Konflikten. Themen wie Macht und Ohnmacht, Eifersucht und mangelnder Selbstwert veranlassen uns, auf Standpunkten zu bestehen, von denen wir eigentlich wissen, dass sie zu klein für uns geworden sind. Wir bewegen uns in Strukturen, von denen wir spüren, dass sie weder unserer höchsten Möglichkeit noch den Erfordernissen der Situation entsprechen.</p>
<p>Mit Netzwerken wie GEN, »Wiser Earth« oder dem Transition-Town-Network ist ein neuer Typ von NGOs entstanden. Ihre Hauptaufgabe ist eher Prozessbegleitung und die Förderung der Selbstermächtigung. Mehr denn je sind sie aufgefordert, ihre Brückenfunktion zwischen Graswurzelinitiativen und »Establishment« auszufüllen. Wohlwollende Individuen in Machtposi­tionen brauchen unsere Unterstützung – sie müssen wissen, welche der verborgenen Initiativen der Zivilgesellschaft ihre Unterstützung effektiv integrieren können.</p>
<p>Eine der prominenten Stimmen, die sich für die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Initiativen aussprechen, ist der Vizepräsident des IPCC (International Panel for Climate Change), Mohan Munasinghe. Vor kurzem betonte er in einem Interview: »Veränderungen müssen mehr von unten kommen, einfach deshalb, weil sich das Establishment nur sehr langsam bewegt. Das haben wir bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen gesehen, aber auch auf vielen anderen Treffen. Die Öffentlichkeit ist in vielen Bereichen schneller, und sie ist auch fortschrittlicher in ihrem Denken […] Ich habe einen stärkeren Glauben an den Fortschritt von unten.«</p>
<p>Erste praktische Folge dieses Dialogs ist beispielsweise die Förderung des GEN durch das Auswärtige Amt in Berlin. Gefördert wird zum Beispiel ein Projekt im nördlichen Afrika zur Stärkung des zivilen Engagements. Ein weiteres Beispiel ist die EU, die gerade ein »Leuchtturmprojekt« in den baltischen Staaten fördert, nämlich die Entwicklung von Ökodorf-Strategien für die Wiederbelebung ländlicher Regionen.</p>
<p>Eine der konkreten Initiativen ist im Senegal zu finden. Dort hat die Regierung entschieden, in den kommenden Jahren 14 000 traditionelle Dörfer zu »Ecovillages« umzuwandeln. Dieses Erfolgsrezept, verwurzelt in Gemeinschaften von »unten«, aber unterstützt von »oben«, lässt auch andere afrikanische Regierungen aufhorchen.<br />
Die Integration von modernen Nachhaltigkeits-Technologien und traditionellen Überlebensweisheiten, von Gemeinschaftswissen und Vernetzung, von zivilem Engagement und Integrität in der Politik hat Zukunft. Der große Dampfer unserer Zivilisation scheint zwar immer noch mit voller Kraft in Richtung Eisberg zu steuern. In der Schifffahrt aber ist bekannt, dass diese großen Schiffe schwer steuerbar sind. Deshalb gibt es an ihrem Ruder ein zweites, kleineres Ruder, Flettner-Ruder genannt. Mit diesem kann der Druck und Wasserstrom um das große Ruder so verändert werden, dass ein schneller Kurswechsel möglich ist.</p>
<p>Die Partizipation der Vielen hat Ähnlichkeiten mit so einem Flettner-Ruder. Sie erreicht plötzlich, was vorher als unmöglich erachtet wurde. Kollektive Weisheit entsteht aus weisen Gedanken und Handlungen im Kleinen, die sich zu weisen Gedanken und Handlungen im Großen zusammenfügen. Die Menschen, die ich weltweit treffe, sind erfüllt von der Partizipation an dieser gemeinsamen Zukunft.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken.anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/501-Partizipation_der_Vielen.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 10/2011</a></em></p>
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		<title>Das Soziale Dorf – ein Dorf, was keines ist</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Sep 2011 08:04:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Erstes bundesweites Treffen in Mindener Nachhaltigkeitsstadtteil Im September treffen sich erstmalig die Aktiven für ein ‘Soziales Dorf‘. Der Ort für das “Kennenlerntreffen“ wird der Nachhaltigkeitsstadtteil Obere Altstadt in Minden sein. Seit Frühjahr 2010 gibt es die Projektinitiative für ein ökosoziales Lebensraumprojekt auf dem Land. Vom Entstehungsort Minden aus hatte sich die Idee über das elektronische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Erstes bundesweites Treffen in Mindener Nachhaltigkeitsstadtteil</h2>
<p><em>Im September treffen sich <em>erstmalig</em> die Aktiven für ein ‘Soziales Dorf‘. Der Ort für das “Kennenlerntreffen“ wird der Nachhaltigkeitsstadtteil Obere Altstadt in Minden sein.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/0iee2qt6hwuzg16h2d0lsj77wd7vjv-pre.jpg" rel="lightbox[2754]"><img class="alignright size-full wp-image-2756" style="margin-left: 10px;" title="Das Soziale Dorf" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/0iee2qt6hwuzg16h2d0lsj77wd7vjv-pre.jpg" alt="" width="200" /></a>Seit Frühjahr 2010 gibt es die Projektinitiative für ein ökosoziales Lebensraumprojekt auf dem Land. Vom Entstehungsort Minden aus hatte sich die Idee über das elektronische Datennetz namens Internet ausgebreitet.<br />
Vom 9. bis 11. September 2011 treffen die Aktiven im ostwestfälischen Minden das erste Mal persönlich zusammen. Wichtigster Punkt ist das persönliche Kennenlernen, aber auch ein kleines Arbeitsprogramm ist abzuarbeiten. Außerdem soll eine Besichtigungstour im Landkreis Minden-Lübbecke stattfinden.</p>
<h4>Bundestreffen No. 1 in der Geburtsstadt der Idee</h4>
<p>Überwiegend über das Netz hatte die soziale und ökologische Initiative Mitglied für Mitglied zueinandergefunden. Die heute gut zehn Initiativenmitglieder und fünf Freunde des ‘Dorfprojektes‘ kommen aus den verschiedensten Ecken Deutschlands, von Baden-Württemberg und Bayern über Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bis nach Berlin.<br />
Für die meisten von ihnen wird es das erste <em>persönliche</em> Aufeinandertreffen sein.</p>
<p>Nachdem einige Zeit über das Ökodorf ‘Sieben Linden‘ als Ort nachgedacht wurde, fiel die Entscheidung dann doch auf die Kreisstadt Minden, den Geburtsort der Idee. Ein Bundestreffen hier in der Oberen Altstadt zu organisieren ist für den ortsansässigen Initiator Detlef Müller nunmal einfacher als im 200 km entfernten Betzendorf.</p>
<h4>Das Meeting an UNESCO-ausgezeichneter Stätte</h4>
<p>Das Meeting der ökosozial Engagierten wird im ‘Eine-Welt-Dorf‘ stattfinden, einem Projektgelände für multikulturelles und ökosoziales Engagement.<br />
“Der obere Teil der Mindener Altstadt ist eigentlich ein ideales Umfeld.“ meint Müller als Bewohner des Stadtteils – unbescheiden zwar, aber nicht ohne Grund. “Denn die Obere Altstadt hält den Weltrekord in der Anzahl UNESCO-Nachhaltigkeitsprojekte auf kleinem Gebiet.“<br />
Die Stadt Minden ist von der deutschen UNESCO-Kommission für seine vielen nachhaltigen Modellprojekte als Dekadestadt ausgezeichnet worden, Ende 2010 bereits zum zweiten Mal. Alle diese Projekte befinden sich auf dem kleinem Gebiet der Oberen Altstadt. Der Ort für das ‘Bundestreffens eins‘, das Eine-Welt-Dorf, gehört selbst zu den Ausgezeichneten.</p>
<h4>Gegenseitiges Kennenlernen – kein hartes Arbeitsprogramm</h4>
<p>Der wichtigste “Programmpunkt“ für das kommenden Bundestreffen ist das gegenseitige persönliche Kennenlernen der ökologisch &amp; sozial Engagierten. Smalltalk unter vier Augen, Diskussionen in kleinen Gruppen sowie Kulturerlebnisse in Minden und Umgebung sollen das Gemeinschaftsgefühl für engagierte Aufgaben stärken.</p>
<p>Das organisatorische Arbeitsprogramm der Initiative beschränkt sich in Minden auf wenige Aufgaben. Es wird über den Entwurf für ein eigenes Leitbild abgestimmt und Sprecher werden gewählt.<br />
Eine lockere Diskussionsrunde über Lösungen für das Kernproblem ‘Arbeitslosigkeit und Armut machen krank‘ wird beim Mindener Kanusportverein KSG stattfinden.</p>
<p>Auf ein kleines Highlight für <acronym title="Zu den Social Media (dt.: Sozialen Medien) zählt man Facebook, Twitter, Blogs und soziale Netzwerke." lang="de" xml:lang="de">Social Media</acronym>–Fans soll an dieser Stelle bereits hingewiesen werden. Das ganze Wochenende über wird vom Ort des Zusammentreffens in Minden live getwittert. Auch Initiativenmitglieder und Projektfreunde, die nicht vor Ort in Minden anwesend sind, werden daran teilnehmen.<br />
Eine Internetseite zum Mitverfolgen der Kurzmitteilungen auch für Nichttwitterer ist bereits eingerichtet. Diese ist auf den Sonderseiten zum Bundestreffen zu finden. Ein Hinweis Freunde des Twitterns: Der Hashtag dafür ist <abbr title="Livetwittern vom ersten Bundestreffen, der Hashtag steht bereits fest: #SDtreffen .... (BEACHTE: geändert)" lang="de" xml:lang="de">#SDtreffen</abbr>.</p>
<h4>Das Soziale Dorf – ein Dorf, was keines ist</h4>
<p>Nicht selten führt die Bezeichnung Dorf zu Mißverständnissen. Dieser Teil der Projektbezeichnung kann schließlich leicht zu der Annahme führen, daß ein echtes kommunales Dorf entstehen soll. Die Initiative weist darauf hin, daß kein Dorf im Sinne einer Kommune gemeint ist.<br />
In Anlehnung an den Begriff Ökodorf für Gemeinschaften auf ökologischen Bauernhöfen ist ‘Soziales Dorf‘ die Bezeichnung für ein Gemeinschaftswohnprojekt mit schwerpunktmäßig sozialer Ausrichtung – kurz, ein Soziales Ökodorf.</p>
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		<title>Sarkasmus führt zu Kreativität</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/08/05/sarkasmus-fuhrt-zu-kreativitat/</link>
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		<pubDate>Thu, 04 Aug 2011 22:37:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Psychologe: Humor ist wertvolles Talent bei Ärger Philadelphia/Ramat-Gan/Graz (pte) — Wenn sich Menschen gehörig über andere ärgern, sollten sie versuchen, ihrer Rückmeldung eine Note Sarkasmus zu verleihen. Sie werden mit dem Endergebnis zufriedener sein, berichten israelische Forscher in der Zeitschrift »Journal of Applied Psychology«. Sarkasmus steigert die Fähigkeit des anderen, sich auf die Arbeit zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Psychologe: Humor ist wertvolles Talent bei Ärger</h2>
<div id="attachment_2371" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4d56d0d960063_small.png" rel="lightbox[2369]"><img class="size-medium wp-image-2371 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/08/ap4d56d0d960063_small-300x169.png" alt="" width="200" height="113" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: aboutpixel.de / Ich bin sauer © jutta rotter</p></div>
<p>Philadelphia/Ramat-Gan/Graz (pte) — Wenn sich Menschen gehörig über andere ärgern, sollten sie versuchen, ihrer Rückmeldung eine Note Sarkasmus zu verleihen. Sie werden mit dem Endergebnis zufriedener sein, berichten israelische Forscher in der Zeitschrift »Journal of Applied Psychology«. Sarkasmus steigert die Fähigkeit des anderen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und Probleme kreativ zu lösen, so das Ergebnis ihrer Experimente.</p>
<h4>Humor öffnet Türen</h4>
<p>Die Wissenschaftler um Ella Miron-Spektor von der <a href="http://biu.ac.il" target="_blank" rel="external nofollow">Universität Bar-Ilan</a> spielten 275 Studenten Anrufmitschnitte des Kundenservices eines Unternehmens vor. Die Stimmen waren zutiefst verärgert und aggressiv, teils jedoch mit humorvollem Unterton. Die Studenten sollten sich vorstellen, selbst im Kundendienst zu arbeiten und nach dem Hören Analyseaufgaben zu lösen. Obwohl Ärgeranrufe ihnen halfen, sich besser zu konzentrieren, besserte sich das Endergebnis nicht. Nach sarkastischen Gesprächen kamen weitaus kreativere Lösungen zutage, besonders bei komplexen Problemen.</p>
<h4>Andere nicht aus dem Boot werfen</h4>
<p>»Ärger ist eine Vorstufe zur Erkenntnis, dass etwas nicht in Ordnung ist«, erklärt Paul Jimenez vom <a href="http://boep.eu" target="_blank" rel="external nofollow">Berufsverband Österreichischer Psychologen</a> im pressetext-Interview. Kritisch sei es immer, wenn negative Gefühle freien Lauf bekommen. »Ärger schaltet den Körper auf Kampfmodus. Der Stress verengt förmlich die Augenwinkel, wodurch wir vieles nicht mehr wahrnehmen — auch nicht mehr das Gegenüber als Person. Werfe ich den anderen durch meine Aggression aus dem Boot, zwinge ich ihn damit zur Abwehr.«</p>
<p>Ärger mit Humor zu meistern ist ein Kunststück, das nicht jedem gelingt, bemerkt Jimenez. »Dazu ist im Vorfeld bereits eine Versachlichung der Situation nötig.« Für ein richtiges Ansprechen von Missständen rät der Arbeitspsychologe, geistig und körperlich einen Schritt zurück– statt vorzugehen. »Das gibt Luft um langsamer zu werden, aus dem Kampf auszusteigen und zu überlegen, was man eigentlich sagen und erreichen will. Es braucht dann Diplomatie, um das eigene Gesicht und das des anderen zu wahren.«</p>
<h4>Wichtiges Warnzeichen</h4>
<p>Der Arbeitsalltag gehört zu den heikelsten Momenten, tritt Ärger doch vorrangig im Kontakt mit anderen auf. Organisationen sollten Ärger ermöglichen statt ihn zu unterdrücken, raten Forscher der <a href="http://temple.edu" target="_blank" rel="external nofollow">Temple University</a> in der Zeitschrift »Human Relations«. Gibt es keinen Raum zwischen der Grenze, ab der überzogene Ärgerreaktionen bestraft werden, und jener, unter der sie nicht wahrgenommen werden, habe das negative Folgen. »Denn Ärger ist ein Geschenk, wenn er zur Lösung von Problemen beiträgt«, so die Studienautorinnen Deanna Geddes und Lisa Stickney.</p>
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		<title>project peace</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jul 2011 11:12:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Studien– und Praxisjahr Frieden und Ökologie „Wenn es für die, die nach uns kommen, eine Welt geben wird, in der sie leben können, dann nur deshalb, weil wir es verstanden haben, den Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft zu vollziehen.“ — Joanna Macy Eine neue Form des Freiwilligendienstes für junge Menschen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Studien– und Praxisjahr Frieden und Ökologie</h2>
<blockquote><p><em>„Wenn es für die, die nach </em><em>uns kommen, eine Welt geben wird, in der sie leben können, dann nur deshalb, weil wir es verstanden haben, den Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden </em><em>Gesellschaft zu vollziehen.“ — </em>Joanna Macy</p></blockquote>
<h4><img class="alignnone size-full wp-image-2202" title="Peace Project" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/peace-project1.png" alt="" width="470" /></h4>
<h4>Eine neue Form des Freiwilligendienstes für junge Menschen</h4>
<p>Im September 2011 startet in Schlehdorf/ Bayern das Studien– und Praxisjahr Frieden und Ökologie für junge Menschen von 18–25 Jahren, das von einer engagierten Arbeitsgruppe junger Menschen entwickelt wird. Träger ist die Sinn-Stiftung, Kooperationspartner sind das Katharina-Werk in Basel und der Verein für Achtsamkeit und Verständigung in Steyerberg. Project peace soll eine Alternative sein zu FSJ/ FÖJ. Junge Menschen erhalten die Möglichkeit, sich ein Jahr lang intensiv mit den Themen Frieden und Ökologie auseinanderzusetzen und gemeinsam und für sich persönlich Wege zu finden, wie sie ihren Beitrag leisten können für die Zukunft der Erde.</p>
<h4>Gemeinschaft leben, im Ausland arbeiten, ein neues Projekt entwickeln</h4>
<p>In den ersten zwei Monaten leben die TeilnehmerInnen als Lern– und Erfahrungsgemeinschaft an einem Ort zusammen. Durch Vorträge, Seminare, eigene Referate und gemeinsames Tun erschließen sich die Themen Frieden und Ökologie. Geplant sind z.B. Seminare in Gewaltfreier Kommunikation, Einführung in die Praxis der Achtsamkeit, Umgang mit dem Fremden u.v.m. Danach arbeiten die TeilnehmerInnen für ein halbes Jahr in einem Friedens– oder ökologischen Projekt als freiwillige Helfer im In– oder Ausland. Der Vorbereitungsgruppe ist es jedoch auch ein Anliegen, selbst kreativ zu werden. Deshalb wollen sie in den letzten drei Monaten in der Gruppe ein eigenes Friedensoder ökologisches Projekt planen und umsetzen.</p>
<h4>Nicht Planung für, sondern Planung mit jungen Menschen</h4>
<p>Schon in der Vorbereitungsgruppe arbeiten junge Menschen mit älteren zusammen. Es ist uns allen sehr wichtig kein starres Konzept zu bieten, sondern einen guten Rahmen und Unterstützung von erfahrenen Menschen. Möglichst viele Inhalte sollen von den TeilnehmerInnen selbst bestimmt und erarbeitet werden. In diesem Jahr soll nicht primär konsumiert, sondern selbst gedacht und getan werden. Auch in die Finanzierung sind die jungen Menschen mit einbezogen, z.B. durch eigene Sponsorensuche.</p>
<h4>Interessiert?</h4>
<p>Wir haben noch Plätze frei und freuen uns über Menschen, die teilnehmen wollen, sowie über Menschen, die das Projekt als Mentor oder durch aktive Beiträge unterstützen wollen. Außerdem suchen wir noch Plätze für den sechsmonatigen Praxiseinsatz. Wenn Sie jungen Menschen unabhängig vom Einkommen der Eltern die Teilnahme am project peace ermöglichen wollen, freuen wir uns über Ihre Spende:</p>
<p>GLS Bank, BLZ: 430 609 67 Kto: 82 08 00 1510<br />
Stichwort: project peace</p>
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		<title>Frei für Gemeinschaft</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/07/09/frei-fur-gemeinschaft/</link>
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		<pubDate>Sat, 09 Jul 2011 11:25:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Land sollte niemandes Besitz sein, dachte sich ein Freundeskreis – und gründete einen Allmende-Verein. Mit vereinten finanziellen Kräften ein schönes Stück Land »frei« kaufen, um es sodann einer noch nicht absehbaren Gemeinschaft zu überlassen – im Rückblick ist es erstaunlich, dass dieser Plan von rund zwanzig jungen, idealistischen Habenichtsen nach zehn Jahren eine schöne Erfolgsgeschichte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Land sollte niemandes Besitz sein, dachte sich ein Freundeskreis – und gründete einen Allmende-Verein.</h2>
<p><em>Mit vereinten finanziellen Kräften ein schönes Stück Land »frei« kaufen, um es sodann einer noch nicht absehbaren Gemeinschaft zu überlassen – im Rückblick ist es erstaunlich, dass dieser Plan von rund zwanzig jungen, idealistischen Habenichtsen nach zehn Jahren eine schöne Erfolgsgeschichte feiert.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/Allmende_eV.jpg" rel="lightbox[2179]"><img class="alignnone size-full wp-image-2181" title="Lebensgemeinschaft Klein Jasedow" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/Allmende_eV.jpg" alt="" width="470" /></a></p>
<p>Es war einmal im Jahr 1999: Wir jüngeren Mitglieder der Lebensgemeinschaft Klein Jasedow begannen, für uns selbst und andere junge Menschen jährliche Sommercamps abzuhalten. Wir wollten auf diese Weise in Kontakt mit alten Freunden aus dem süddeutschen Raum und Berlin bleiben, und wir wollten in der als sehr abgelegen empfundenen Kulisse Ostvorpommerns einen Anziehungspunkt für interessante, neue Bekanntschaften etablieren. Das Thema, das uns dann für sieben Jahre jeweils eine Augustwoche lang auf der Wiese am See zusammenbrachte, war »Gemeinschaftsbildung«. Hierzu organisierten wir Workshops und Spiele mit externen und internen Experten, vor allem aber genossen wir die alten und neuen Freundschaften in der sommerlichen Atmosphäre der Camp-Gemeinschaft. Zwischen den Lagerfeuerliedern und instrumentalen Jamsessions wurde so mancher Plan geschmiedet: Ja, eigentlich müsste man wirklich irgendwann, irgendwo zusammenziehen und »echte« Gemeinschaft leben …</p>
<p>Es war während Sommercamp Nummer drei im Jahr 2001, als sich bereits ein stattlicher fester Kern alljährlicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer herausgebildet hatte. Bei einer Redestab-Runde erklärte Reyk, er sei der theoretischen Debatten übers Gemeinschaftgründen überdrüssig, es wäre doch nun wohl endlich an der Zeit, in die Praxis überzugehen. Er habe gehört, dass 40 Kilometer weiter ein altes Forsthaus samt Waldlichtung zu günstigen Konditio nen zum Verkauf stünde. Warum sich die Immobilie nicht angucken und sehen, wie ernst es der Sommercampgruppe mit der Gemeinschaftsbildung wirklich ist? – Gesagt, getan. Am folgenden Tag fuhr die gesamte Mannschaft nach Krusenfelde bei Anklam, und eine etwas verrückte Unternehmung nahm ihren Lauf.</p>
<h4>Den feinen Ruf des Orts hören</h4>
<p>Wer hätte dem Charme des Waldhauses an jenem sonnigen Tag widerstehen können? Ein etwa 100 Jahre alter Backsteinbau auf einer wildromantischen, gut zwei Hektar großen Waldlichtung. Alte Obstbäume, Tausende von Vögeln, Eidechsen und Brennnesseln. Und schon fing die Fantasie an, die Brache in einen blühenden Gemeinschaftsgarten zu verwandeln. Das Waldhaus war zu DDR-Zeiten eine Gaststätte gewesen, und die Bewohner der umliegenden Dörfer hatten sich am anderen Ende der großen Wiese ein sozialistisches Freibad gebaut, dessen Reste sich in einem Feuchtbiotop nur mehr erahnen ließen. Das Haupthaus war zwar nicht mehr als ein Rohbau, aber die Substanz schien in Ordnung. 60 000 DM war der Preis, abzubezahlen in bequemen 400-Mark-Monatsraten. Wir rechneten: Wenn 20 von uns monatlich jeweils 20 Mark aufbrächten, würden wir Haus und Hof binnen zwölfeinhalb Jahren freikaufen können. Freikaufen für wen oder was? Tatsache war, dass es – abgesehen von Reyk – in unserer Runde niemanden gab, der oder die sich vorstellen konnte, diesen ebenfalls weit abgelegenen Flecken Erde in absehbarer Zeit zu besiedeln. Alle steckten entweder in irgendwelchen Ausbildungen und Weltreiseplänen oder waren, wie wir Jasedower, bereits gemeinschaftlich gebunden. Und trotzdem waren wir uns einig, dass der Ort uns meinte, uns rief, genau uns aufzufordern schien, diese Gelegenheit auf keinen Fall verstreichen zu lassen. Das Waldhaus wollte und durfte nicht wieder in Privathände gelangen. Hatten die amerikanischen Ureinwohner nicht die Möglichkeit kategorisch ausgeschlossen, dass Menschen Teile von Mutter Erde besitzen könnten? Eben! Auch wenn es möglicherweise den Regeln der Vernunft widersprach, so würden wir doch zusammen dafür sorgen, dass das Gelände in irgendeiner Form für gemeinschaftliches Zusammenleben – oder zumindest für gemeinschaftliche Zusammenkünfte – offen blieb.</p>
<p>Das Erstaunliche war nun, dass die Entscheidung pro Waldhauskauf eine ganz neue Dynamik in den Sommercamp-Freundeskreis brachte, ja, unsere Gemeinschaft auf eine andere Ebene hob. Noch im selben Jahr trafen wir uns weitere zwei Male für ein Wochenende, denn eine Rechtsform für den Immobilienkauf musste her. Privatbesitz – und sei er auch nur nomineller Natur – lehnten wir ja ab, also versuchten wir, eine Brücke zwischen unseren durchaus anarchistischen Vorstellungen und der legalen, bürokratischen Welt zu schaffen. Das Ergebnis tauften wir in Anlehnung an die alte Tradition des dörflichen Gemeinschaftsbesitzes »Allmende e. V., Verein für Zusammenkunft und Gemeinschaft«. Eifrig führten wir in den folgenden Jahren die nun begonnene Tradition der Wochenendtreffen fort. Manchmal in nur zweimonatigem Abstand kamen wir an verschiedenen ländlichen Orten in ganz Ostdeutschland zusammen und ließen unter anderem auf der Burg Lohra, dem Kesselberg oder in Drei Eichen den »Allmendegeist« aufleben.<br />
Das Waldhaus wurde währenddessen im Mai 2002 tatsächlich durch zwei Paare aus unserem Kreis besiedelt, darunter auch Reyk, und die ersten Waldhaus-Allmende-Kinder wurden geboren: Luna und Joscha.</p>
<p>Dass der ursprüngliche Geist über Jahre hinweg erhalten blieb, obwohl die Mitglieder des Freundeskreises und Vereins doch zwischen Afrika, Bayern und der Ostsee verstreut lebten, möchten wir als Erfolg eines schönen Experiments verbuchen. Fast noch unglaublicher scheint mir jedoch die Tatsache, dass wir in diesem Frühjahr tatsächlich die letzte Mietkaufrate für das Waldhaus überwiesen haben. Obwohl sich keiner von uns als finanziell gut ausgestattet bezeichnen kann, haben wir – ein Kreis von Habenichtsen – in einem Jahrzehnt gemeinsam mehr als 35 000 Euro für das Projekt aufgebracht. Die meisten von uns haben ihr knappes Geld in ein Haus gesteckt, von dem sie wussten, dass sie nie dort wohnen würden. Wenn einer von uns sich seine Monatsspende (meist zwischen fünf und fünfzehn Euro) nicht mehr leisten konnte, fand sich irgendein neuer Idealist, der die Idee, ein Haus für andere zu kaufen, verrückt genug fand. Als es darum ging, die bis dahin nicht zum Grundstück gehörige Schwimmbadwiese zu erwerben, haben wir zusammen Geld auf Berliner Flohmärkten verdient und Benefizpartys veranstaltet – und dabei, wie immer, viel Spaß gehabt. Wir trafen uns zu Arbeitseinsätzen im Waldhaus, absolvierten jährlich die obligatorischen Vereinsversammlungen, und eine ganze Weile verfolgten wir auch die bei unserem Gründungstreffen begonnene Schwitzhütten tradition. (Eine stilisierte Hütte dient uns sogar als Logo.)</p>
<h4>Sind wir besessen?</h4>
<p>Ein Sorgenkind war über die Jahre allerdings immer wiederkehrend die Frage der Waldhaus-Besiedelung. Das erwähnte erste Gemeinschaftsprojekt zweier junger Familien trennte sich nach kaum einem Jahr. Es gab Zeiten, da stand das Haus leer, obwohl sich die Interessenten die Klinke in die Hand gaben. Eine Weile war auch nicht klar, ob die Baubehörde uns überhaupt eine Sanierungsgenehmigung geben würde, doch diese bange Frage wurde kürzlich endlich positiv entschieden. Seit drei Jahren lebt im Waldhaus ein Paar mit drei Kindern, sie wünschen sich weitere Menschen, die mit ihnen den Ort beleben möchten. Zukünftige Hüter des Platzes sollten bereit sein, z. B. die am Haus zu tätigenden Investitionen als Beitrag zum Gemeingüter-Projekt abzuschreiben. (Und es wäre sicherlich gut, wenn sich der nächste Gemeinschaftsansatz mit den existierenden Methoden für erfolgreiche Gemeinschaftsbildung und fürs Friedensstiften befassen würde …)</p>
<p>Unsere Vision war und ist stark, der stetige Zusammenhalt half, das Feuer der Begeisterung zu nähren und auch über dunklere Zeiten zu retten. Der zeitliche Abstand zwischen den Treffen wurde zwar größer, und ihre personale Zusammensetzung hat sich im Lauf der Jahre freilich immer wieder gewandelt, so dass zu den jüngeren Zusammenkünften manchmal sogar mehr Neulinge als »alte Hasen« erschienen. Die Idee von Treffen in natürlicher Gemeinschaft und vom Landfreikauf vermag aber offenbar noch immer Menschen hinter ihren Öfen hervorzulocken …</p>
<p>Es gibt ein wunderschönes Grundstück zu verschenken, aber niemand soll es besitzen. Wir Allmendies feierten Anfang Mai erst einmal eine große Jubelparty mit »unserem« Waldhaus. Hier konnten wir feststellen, dass der Allmendegeist nicht nur vor Ort lebt, sondern in vielen verschiedenen Gemeinschaftsprojekten, die aus dem Kreis entstanden oder mit ihm befreundet sind. Wir können ein starkes Netz fühlen und dürfen gespannt sein, was der Allmendegeist als nächstes mit uns vorhat …</p>
<p>Mitmachen? Bitte hier entlang:<br />
www.allmende-ev.de</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien im Original im Magazin OYA anders denken.anders leben — Ausgabe </em><a href="http://www.oya-online.de/article/issue/09-2011.html" rel="external nofollow"><em>09/2011</em></a></p>
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