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	<title>OpenMindJournal &#187; Co-Kreation</title>
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	<description>Das Online-Journal für Bewusstsein, Kultur und Change</description>
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		<title>Liebe in Aktion: Einzigartiges Selbst – Einzigartige Projekte</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Oct 2012 17:40:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kerstin Tuschik</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Integrale Projektentwicklung — als Weg bewusst und aktiv an der Evolution der Liebe teilzunehmen Also gut: Lasst uns über Liebe reden! Für mich war Liebe immer die Eine Kraft, die das gesamte Universum bewegt: der mysteriöse Antrieb hinter dem Urknall, der kosmische Klebstoff, der Elementarteilchen zu Atomen, Atome zu Molekülen, Moleküle zu Zellen, Zellen zu [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2><strong>Integrale Projektentwicklung — als Weg bewusst und aktiv an der Evolution der Liebe teilzunehmen</strong></h2>
<p>Also gut: Lasst uns über Liebe reden!</p>
<div id="attachment_5360" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/10/600993_web_R_by_Helene-Souza_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[5356]"><img class=" wp-image-5360 " title="Integrale Projektentwicklung" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/10/600993_web_R_by_Helene-Souza_pixelio.de_-282x300.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Helene Souza / pixelio.d</p></div>
<p>Für mich war Liebe immer die Eine Kraft, die das gesamte Universum bewegt: der mysteriöse Antrieb hinter dem Urknall, der kosmische Klebstoff, der Elementarteilchen zu Atomen, Atome zu Molekülen, Moleküle zu Zellen, Zellen zu Organismen hat werden lassen, immer weiter die evolutionäre Spirale hinauf, bis wir zum Menschen kommen. Und natürlich hört sie auch hier nicht auf, sondern fährt fort, unser Bewusstsein zu erweitern und unsere soziale und kulturelle Entwicklung anzutreiben, sowohl als Spezies wie in einem ganz persönlichen Maßstab.</p>
<p>Liebe ist für mich ein anderer Name für Gott.</p>
<p>Doch wenn all das so ist, warum gibt es dann soviel Leid auf der Welt? Warum töten Menschen einander in Kriegen über ihre jeweilige Weltsicht? Warum leiden mehr als 900 Millionen Menschen weltweit an Hunger, während wir Essen wegwerfen und technisch die Möglichkeit hätten alle mit genügend Nahrung zu versorgen? Warum…? (Was ist Ihr oder Dein Lieblings-Warum?)</p>
<p>Die Evolution der Liebe hängt von uns ab! Gott hängt von uns ab!</p>
<h4>Erwachsen werden – Verantwortung für den Schöpfungsprozess</h4>
<p>Die Kindheit der Menschheit ist vorbei, kollektiv haben wir das Jugendalter erreicht, mit all dem Chaos, das dies mit sich bringt, und zumindest einige von uns beginnen, in das Erwachsenenalter hineinzuwachsen. Aufwachsen heißt hier, dass wir bewusste Mitschöpfer werden, Partner Gottes, der Liebe, der Evolution, und natürlich bringt dies auch eine erhöhte Verantwortung mit sich. Unsere Handlungen und Nicht-Handlungen haben einen Einfluss auf <em>alles, was ist</em>. Lassen wir uns nicht davon nicht lähmen, sondern unsere Hausaufgaben machen, um zu lernen, den Schöpfungsprozess zu meistern …</p>
<p>Ich habe schon viele bewusste und talentierte Menschen (mich selbst eingeschlossen) gesehen, die daran gescheitert sind, ihre wunderschönen Visionen in die Welt zu bringen: Visionen von neuen Erziehungsansätzen, Wirtschaftssystemen oder gemeinschaftlichem Leben sowie neue Arten des miteinander Arbeitens. Andere waren erfolgreich in der Realisierung ihrer Projekte, haben aber das Gefühl, dass ihre ursprüngliche Vision im Laufe des Prozesses verzerrt wurde durch all die Kompromisse, denen sie zustimmen mussten.</p>
<p>Aus meiner Sicht resultieren die meisten dieser Probleme aus partiellen Ansätzen, die bei der Entwicklung dieser Projekte angewendet wurden.</p>
<p>Und so habe ich mich – nach vielen Erfahrungen und dem Studium des klassischen Projektmanagements, des Integralen Ansatzes und vielem mehr – angefangen zu fragen, wie eine wahrhaft Integrale Projektentwicklung aussehen könnte. Hier ist mein Entwurf.</p>
<h4>Am Anfang steht die Vision</h4>
<p>Jedes Projekt beginnt mit einer Vision von jemandem, der oder die eine Idee hat, etwas zu kreieren oder zu verändern. Und wenn wir von Projekten sprechen, die Teil des riesigen ko-kreativen Schöpfungsprozesses der Evolution der Liebe sein wollen, so beginnen sie mit dem, was Marc Gafni unser <em>Einzigartiges Selbst</em> nennt, das heißt, mit „Wake up! Grow up! Lighten up! Open up!“ (Aufwachen, Aufwachsen, Aufleuchten, Aufmachen), mit der Klärung unserer Intention, indem wir lernen, dieser sanften Stimme in uns zuzuhören, die uns zu größerem Dienst beruft, mit der Identifikation unserer einzigartigen Gaben, die die Welt so dringend benötigt.</p>
<p>Heißt das, dass wir warten sollen, bis wir diesen Kern in uns selbst geklärt haben, bevor wir anfangen können, uns in der Welt zu zeigen? Die Antwort ist natürlich: Nein! Im Gegenteil sind wir immer aufgefordert dort anzufangen, wo wir gerade sind. Durch das Feedback, das wir von der Welt für unsere Handlungen bekommen, wird unser weiteres Wachstum genauso gefördert wie durch unsere bewusste Arbeit an unserer persönlichen und spirituellen Entwicklung, WENN wir dafür offen sind, dieses Feedback zu empfangen und darauf zu hören.</p>
<h4>Ideen teilen und wachsen lassen</h4>
<p>Der zweite Schritt unserer Integralen Projektentwicklung ist also, uns zu zeigen, (zu lernen,) über unsere Vision zu sprechen, sie (zunächst) ausgesuchten Menschen, denen wir vertrauen, zu erzählen, um ihr Feedback zu bekommen und mindestens ein bis zwei andere zu finden, die unsere Vision teilen und anfangen, dazu etwas beizutragen.</p>
<p>Hier müssen wir vielleicht auch neue Fertigkeiten erwerben, die notwendig sind, und wir beginnen, über die Strukturen nachzudenken, die unser Projekt braucht. Dafür sind viele der Planungswerkzeuge des klassischen Projektmanagements sehr hilfreich, genau wie einige der Strukturen (Rollendefinitionen, Entscheidungsfindungsprozesse und holakratische Organisationsstrukturen), die ich kennengelernt habe, als ich ein Projekt für eine holakratisch organisierte Firma geplant habe. Zudem schauen wir auf die existierenden Strukturen: Was unterstützt unser Projekt? Was könnte es gefährden? Welche Stakeholder gibt es?</p>
<h4>Den Wir-Raum für den evolutionären Impuls öffnen</h4>
<p>Zusätzlich müssen wir Zeit in den Aufbau der Gemeinschaft investieren, den evolutionären Wir-Raum. Hier sind verschiedene Formen der Kreisarbeit hilfreich, durch die wir lernen, auf unser eigenes Inneres zu lauschen, auf die anderen, auf das Wesen des Kreises selbst sowie auf den evolutionären Impuls, Eros oder die Liebe selbst – um gemeinschaftlich den höchsten Zweck zur Geburt zu bringen, der für diese spezifische Gruppe innerhalb der Evolution der Liebe gerade erreichbar ist, und um diesem Zweck zu erlauben, sich im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln.</p>
<p>Dieser Zweck wird unserem Projekt die Richtung geben, die es braucht. Die Vision, die Strategien, Ziele, konkreten Handlungspläne und experimentellen Prototypen entstehen daraus und entwickeln sich weiter, während wir selbst vorwärtsschreiten. Der Zweck ist der wesentliche Maßstab, an dem sich unsere alltäglichen Entscheidungen ausrichten müssen.</p>
<p>An diesem Punkt sind wir wieder am Ausgangspunkt angekommen und betreten den Zyklus ein zweites Mal. Unsere Handlungen und unsere Freunde in der Gemeinschaft bieten uns Feedback, das wir nicht nur dazu nutzen können, das Projekt oder die Gemeinschaft weiterzuentwickeln, sondern auch uns selbst auf individueller Ebene. Dieser Prozess unterstützt uns wiederum darin, aufzuwachsen, aufzuwachen, aufzumachen und lichter zu werden und immer mehr das zu verkörpern, was und wer wir wirklich sind: unser wunderschönes <em>Einzigartiges Selbst</em>. Und weil die Gruppe immer nur so klar sein kann, wie ihre Mitglieder es sind, wird nun unsere Arbeit an uns selbst zu einem Dienst am Ganzen auf einer ganz neuen Ebene.</p>
<h4>Lernzyklus von der Selbst-Verantwortung zum non-dualistischen Prozessdenken</h4>
<p>Zugleich durchläuft die Gruppe ihren eigenen Lernzyklus – sie lernt sich der Bedürfnisse ihrer Mitglieder bewusst zu werden, die im Laufe der Bewusstseinsevolution aufgetaucht sind: das Bedürfnis nach individuellem Überleben und Sicherheit; das Bedürfnis, zu seinem „Stamm“ zu gehören, sich damit zu identifizieren und stolz darauf zu sein; das Bedürfnis, den Geistern oder Göttern zu Diensten zu sein, welche dann zu dem Einen Gott werden, der sich Selbst in einer kosmischen Ordnung ausdrückt, die uns alle in angemessener Weise hält; das Bedürfnis nach Fairness und Gerechtigkeit; das Bedürfnis nach kreativem Ausdruck, Selbst-Verantwortung und der Fähigkeit, uns um unsere eigenen Bedürfnisse zu kümmern; das Bedürfnis nach Selbstachtung, Wertschätzung und Selbstverwirklichung; das Bedürfnis nach empathischem Zuhören und sensibler, gewaltloser Kommunikation, nach der Integration und dem Schutz von Minderheiten, nach dem Halten von Paradoxien und nach Selbst-Transzendenz und non-dualistischem Prozessdenken.</p>
<p>Es muss innerhalb der Gruppe einen Raum geben, in dem all diese Bedürfnisse in Liebe gehalten sind, und der eine angemessene und fließende Balance zwischen Agenz und Kommunion, zwischen individueller Selbstverantwortung und angemessener kollektiver Fürsorge erlaubt.</p>
<p>Andererseits muss der Fokus so oft wie möglich von der Erfüllung der Bedürfnisse zur gemeinsamen Ausrichtung auf den höheren Zweck wechseln, der unsere kollektive Arbeit und Anstrengung braucht. Um beides berücksichtigen zu können, braucht die Gruppe verschiedene Formate: Kreispraktiken, die sich auf die Entwicklung der Gruppe und ihrer individuellen Mitglieder konzentrieren und die Entfaltung ihrer kollektiven, kreativen Potenziale unterstützen, sowie Organisationsstrukturen mit klaren Rollen und Verantwortlichkeiten und effektiven Entscheidungsfindungsprozessen, die darauf abgestellt sind, das Projekt in Richtung seines höheren Zwecks zu bewegen. Dafür ist auch eine gute Balance zwischen strategischer Planung und dynamischer Steuerung wichtig.</p>
<h4>Die Liebe dehnt sich aus</h4>
<p>Die Evolution der Liebe beginnt also mit uns – mit dem Üben der Praktiken der Liebe, indem wir lernen, die Person vor uns zu lieben, indem wir sie durch Gottes Augen anschauen, indem wir lernen, Gott durch unsere Augen schauen zu lassen, was der Verwirklichung unseres <em>Einzigartigen Selbst</em> entspricht, indem wir lernen, uns von der Liebe selbst halten zu lassen und einander als Liebe zu halten. Daraus resultieren dann Handlungen der Liebe: Liebe als radikales Geben.</p>
<p>Wir lernen, über unsere Vision zu sprechen, wir bauen neue Strukturen auf, kommunizieren über Grenzen hinweg und lassen unsere Gemeinschaft organisch wachsen. Wir bauen zunächst ein starkes Zentrum auf mit einigen wenigen Menschen, die in der Lage sind, den Zweck und die Energie der Gruppe stabil zu halten. Dieses Zentrum dehnt sich nach außen aus, sobald neue Fertigkeiten und damit neue Menschen, die diese Fertigkeiten haben, benötigt werden und die dann Teil der Organisation und der Gemeinschaft werden.</p>
<p>Wir erweitern unseren Kreis der Sorge, Fürsorge und des Interesses bis wir wahrhaftig welt– und sogar kosmozentrisch werden. Wir lernen, einer wachsenden Anzahl von Menschen zu dienen, ebenso wie der natürlichen, sozialen und kulturellen Umgebung und letztendlich der Evolution der Liebe selbst, während wir wahrlich Eins mit diesem sich stets weiter entfaltenden Prozess werden, der wir immer schon gewesen sind.</p>
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		<title>Spielend die Welt verwandeln</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2012/07/18/spielend-die-welt-verwandeln/</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Jul 2012 13:34:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das in Brasilien entstandene Gruppenspiel »Oasis« erobert auch Europa und den Görlitzer Park in Berlin. Wenn ich Menschen nach ihrem Traum frage, wie sie am liebsten leben würden, gibt es stets die gleiche Reaktion: Alle nehmen zuerst einen tiefen Atemzug – um genug Luft zu haben für die großen Worte. Die Augen blicken kurz nach [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Das in Brasilien entstandene Gruppenspiel »Oasis« erobert auch Europa und den Görlitzer Park in Berlin.</em></p>
<div id="attachment_5146" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/07/image1_hires1.jpg" rel="lightbox[5145]"><img class=" wp-image-5146 " title="Oasis erobert die Welt" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/07/image1_hires1.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">© Foto: elos Institute</p></div>
<p>Wenn ich Menschen nach ihrem Traum frage, wie sie am liebsten leben würden, gibt es stets die gleiche Reaktion: Alle nehmen zuerst einen tiefen Atemzug – um genug Luft zu haben für die großen Worte. Die Augen blicken kurz nach oben und haben beim Sprechen einen besonderen Fokus, ein Strahlen. Ich frage viele nach ­ihren Träumen, weil ich diese Reaktion wunderschön finde. Die Menschen werden für einen Moment im Antworten größer, wachsen über sich selbst hinaus.</p>
<p>Die Frage nach dem Traum ist Teil des Gruppenspiels »Oasis Game«, das seine Wurzeln in Brasilien hat. Das Spiel ist eine zwei– bis fünftägige Veranstaltung, in der es darum geht, den Traum eines Orts und seiner Menschen zu entdecken und zu verwirklichen. Es möchte Verbindungen in der örtlichen Gemeinschaft stärken und das Gefühl vermitteln, dass unendlich viele Möglichkeiten der Veränderung offenstehen, die wir nur zu ergreifen brauchen.</p>
<h4>Ursprünge in Brasilien</h4>
<p>Auf die Methode bin ich gestoßen, als ich Edgard Gouveia Júnior kennenlernte. Der laut lachende, schwarze Mann mit seinen über zwei Metern Basketballspielergröße wirkte auf mich wie jemand aus einem verwunschenen Wald, aber er reparierte Häuser in brasilianischen Armenvierteln. Für Edgard haben die Slums São Paulos jede Menge Zauber und Schönheit in sich – sie seien der perfekte Spielplatz. Mit einer Gruppe Studenten wollte er 1999 ein Training für Architekten aufbauen, das von den tatsächlichen Wohnbedürfnissen der Menschen ausgeht. Über die Zeit entstand daraus die einmonatige Ausbildung »Warriors ­without weapons«, die indigenes Wissen, neue Methoden für Nachbarschaftsbeteiligung, transformative Gruppenprozesse und konkrete Bauarbeit zusammenbringt. Heute richtet sich die Ausbildung nicht mehr an Architekten, sondern an junge Menschen mit Unternehmergeist aus aller Welt, die etwas in ihren eigenen Nachbarschaften verändern wollen. Sie werden zu »Kriegern ohne Waffen«, die das Oasis-Spiel in der Welt verbreiten.</p>
<p>Unsere heutige Welt ist voller Wüsten, voller Orte und Regionen, in denen das ökologische, soziale oder kulturelle Gleichgewicht auseinandergefallen ist. In all diesen Steppen gibt es jedoch Oasen und Lichtpunkte, Schönheit und Ressourcen, die entdeckt, sichtbar gemacht und dann vergrößert werden können. Jede lebendige Nachbarschaft ist bereits ein Lichtpunkt. Ein Nachbarschafts-Netzwerk ist eine Gemeinschaft, die innerhalb kurzer Zeit ihre Träume vom Miteinander-Leben verwirklichen und ihre eigene Oase entstehen lassen kann.</p>
<h4>In einem amerikanischen Vorort</h4>
<p><strong></strong>In Sacramento, Kalifornien, gehen wir in einer kleinen Gruppe durch die Nachbarschaft, den Blick auf die Schönheit und Schätze gerichtet, die auch in heruntergekommenen amerikanischen Vororten zu finden sind. Kinder an der Straßenecke sind in ein Spiel vertieft und sprechen miteinander eine Mischung aus Spanisch und Englisch. Ein Haufen ungenutztes Holz lehnt an einer Hauswand. Durch die Fenster des Drive-In-Restaurants zählen wir über zehn Clowns. Es ist wie ein Zirkus dekoriert. Davor erzählt uns ein alter Obdachloser mit strahlenden Augen und rauher Stimme die Geschichte des Viertels und vom Goldrausch, als wäre er dabei gewesen.</p>
<p>Ein junges Graffiti-Künstler-Kollektiv hat uns in die Nachbarschaft eingeladen und seine Räume zur Verfügung gestellt. In diesen bunten vier Wänden treffen wir uns im Kreis und teilen Erfahrungen, wie schnell ein offener, wertschätzender Blick Verbindungen aufbauen kann. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Vertrauen entsteht unter uns, während wir miteinander tanzen und lachend kooperative Spiele spielen, bei denen jeder ein Gewinner ist. Während wir durch das Viertel streifen, nimmt die Nachbarschaft auch uns wahr. Manche wundern sich bestimmt, wer denn diese seltsamen Fremden sind, die alles mit einem Lächeln im Gesicht anstarren. Es entstehen Gespräche – an Hausecken, über Zäune hinweg, manchmal an Küchentischen. Verbindungen wachsen, wenn wir die versteckte Schönheit bewundern, und so beginnen wir, nach den Träumen zu fragen: »Was ist das Potenzial dieser Nachbarschaft?«. Und »Wie willst du leben?« Große Träume kommen zum Vorschein. Weit größer als das Traumauto und das Traumhaus sind kollektive Träume, die gemeinsam mit anderen ersonnen sind.</p>
<p>Begonnen haben wir mit fünfzehn Spielern, aber bald ist der Raum des Jugendkollektivs mit an die 50 Menschen gefüllt, die mit Zahnstochern, Kieselsteinen, Knete und Papier den Miniaturplan eines Gemeinschaftsgartens entwerfen. Andere wollen endlich anpacken und beginnen, erneut durch die Nachbarschaft zu streifen und Ressourcen und Material zu identifizieren – frei nach dem Motto: »Wir wollen nicht dein Geld, sondern dein Bestes«. Wenn spürbar ist, dass Träume verwirklicht werden, will jeder mithelfen. Anwohner graben ihre eigenen Blumen aus und grasen ab, was an Fülle in ihren Vorgärten wächst. Alles Material wird kostenlos gespendet. Es hat einen Zauber, einfach anzufangen und den ersten Pinselstrich an die Wand zu setzen oder den ersten Busch einzupflanzen. Spielen ist ansteckend: Sobald begonnen wird, kommen immer mehr Menschen herbei. Wir erinnern uns gegenseitig dar­an, stets in Begegnung zu treten, denn jeder Fremde kommt mit einem besonderen Talent hinzu, einer neuen Rolle, die für das Spiel dringend gebraucht wird.<br />
Ein Tag bleibt uns noch für unser Spiel: Wir malen, pflanzen, bauen Bänke. Umwerfend schön, umsonst und unglaublich schnell soll die Veränderung in Sacramento sein.</p>
<p>Selbstverständlich stoßen wir auch auf Herausforderungen – viel Licht zieht auch Dunkles an. Veränderungsprozesse können furchteinflößend sein, gerade wenn sie schnell vor sich gehen. Der Besitzer des Grundststücks, auf dem der Garten ursprünglich entstehen sollte, scheucht uns weg. Zu chaotisch und unüberblickbar ist es ihm geworden. Denn wenn er fragt, wer hier verantwortlich ist, schnellen gleich dreißig Finger in die Luft. Ein wichtiger Lernschritt: Wir müssen besser kommunizieren und Verbindungen sorgsam pflegen, gerade im Rausch des kreativen Entstehenlassens.</p>
<p>Dennoch, nun heißt es weitermachen und in die eigene innere Flamme blasen. Während ein Teil der Gruppe Versöhnungsgespräche führt, schlagen andere Nachbarn neue Grundstücke vor. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die für dieses ernste Spiel so wichtig ist, kommt zurück. Für den Garten mit vielen Blumen und Gemüse, der jetzt innerhalb weniger Stunden hinter einer Garage entsteht, gibt es immer noch keinen festen Plan. Es gibt auch keinen Vorarbeiter, alles ist im Entstehen begriffen, und Fehler gehören dazu. ­Jemand baut eine Mauer halb auf, ein anderer baut sie wieder ab, um sie woanders aufzubauen. Ja, es gibt Architekten in der Gruppe und Permakultur-Profis, sogar eine Landschaftsgärtnerin, die um die Ecke wohnt. Aber anstatt auf Expertentum zu vertrauen, gibt jeder, was er kann. Wir sind alle Müllsammler, Maler, Schaufler und Mauerleger. Manche Momente erinnern mich daran, was mir manchmal passiert, wenn ich mein Zimmer aufräume: Plötzlich ist mehr Chaos als zuvor. Doch genau daraus entsteht neue Schönheit.</p>
<p>Abends brennen Kerzen und Laternen zwischen den Beeten, eine lokale Band taucht plötzlich aus dem Nichts auf, und Essen wird aus den Häusern herbeigetragen. Veränderung zu feiern, ist einer der wichtigsten Schritte des Spiels. Ebenso zentral ist die Reflexion: »Wie ähnlich unsere Träume doch sind! Was wäre, wenn wir spielerisch leicht die ganze Welt verändern könnten? Und was, wenn alles, was wir dafür brauchen, schon da ist?«</p>
<h4>Das Oasis Game kommt nach Europa</h4>
<p>Das Oasis Game kann auf ganz unterschiedliche Weisen gespielt werden. Die Erfahrungen aus verschiedenen Spielen, an denen ich teilgenommen habe, lassen sich meistens auf zwei grundlegende Träume zurückleiten: Sehnsucht nach Schönheit und Sehnsucht nach Gemeinschaft.<br />
In einem Vorort des mexikanischen Oaxaca de Juárez bauen anarchistische Aktivisten gemeinsam mit älteren Hausfrauen einen Altar aus Palmblättern für die Jungfrau von Guadalupe, die als »indigene Maria Mexikos« für die nationale Identität steht. In Shivaji Nagar, Indien, singt eine bunt gemischte Gruppe von Kindern und Jugendlichen, während sie auf dem Dorfplatz Müll aufsammeln. Sie schaffen Raum für eine Sitzbank aus Lehm, die sie bauen wollen. In Portland, Oregon, trifft sich das Viertel, um eine Straßenkreuzung in ein riesiges Gemälde zu verwandeln und so einen Dorfplatz zwischen den Hausblöcken zu erschaffen. Studenten in Brasilien senden Twitter-Nachrichten durch das Land, um Baumaterial für Santa Caterina zu organisieren, eine Gegend, die kürzlich überflutet wurde. In Schweden rennen Teilnehmer einer Konferenz durch den Raum und umarmen um die Wette möglichst viele Menschen.<br />
An der Oberfläche sind diese Szenen sehr verschieden und in unterschiedliche kulturelle Kontexte eingebunden. Dennoch verbindet sie etwas: Überall übernehmen Menschen selbst Verantwortung für ihren Lebensraum.</p>
<p>Oasis Games haben sich rund um die Welt verbreitet. Doch wie kommt ein Spiel, das in Brasilien mit seiner bunten Wildheit und Chaosliebe leicht von der Hand geht, im rationalen Nordeuropa an? Es braucht Zeit, um sich an die Sprache des Spiels, das so stark aufs Fühlen ausgerichtet ist, zu gewöhnen.<br />
Gesellschaftlich sind wir in Deutschland überstrukturiert und »unterspielt«. Regeln und Gesetze, wem die Straßenecke gehört und wer über sie entscheidet, behindern das Spiel. »Die Gemeindeverwaltung wird sich darum kümmern, schließlich zahle ich Steuern«, denken wir oft. Die Bedeutung der Kommunal– und Stadtverwaltung hierzulande hat aber auch Vorteile: Durch Freundschaften und Verbindungen, die zu den »verantwortlichen« Behörden in der Spielvorbereitung geknüpft werden, ist es möglich, die Begeisterung über spielerische Wege des Wandels selbst in die Welt der Verwaltung zu tragen. Spielerische Prozesse haben so das Potenzial für eine gesellschaftsgestaltende Langzeitwirkung auf neuen Ebenen.</p>
<p>An zwei Sommerwochenenden im August und September 2012 wird das Oasis Game auch in Berlin stattfinden. Der Traum des Görlitzer Parks will entdeckt und umgesetzt werden. Das derzeitige fünfköpfige Vorbereitungsteam des Spiels bringt unterschiedliche Aspekte ein: Rahel Schweikert und Andreas Teuchert wohnen in der Nähe des Parks und sind bei den Kiezwandlern, der Transition-Town-Initiative Friedrichshain-Kreuzberg, engagiert. Die beiden haben im März für knapp zwei Jahre die Koordination der Bürgerbeteiligung im Görlitzer Park übernommen. Eva Ressel, die sich seit langem mit Ansätzen gemeinsamen Gestaltens und Dialogprozessen auseinandersetzt, hält den Kontakt zu Menschen in Deutschland, die mit dem Spielablauf vertraut sind und das Spiel begleiten werden. Unterstützt wird die Gruppe außerdem von Mitarbeitern des Landschaftsplanungsbüros gruppeF, die in der Umsetzung notwendige Absprachen mit der Verwaltung treffen werden. Das Oasis-Spiel im Görlitzer Park ist nur einer der ersten Schritte einer spannenden Reise zu bürgerschaftlicher Beteiligung an Planungsprozessen und Engagement für den Park. Es ist auch eine Reise ins Unbekannte: »Nur mit ungewöhnlichen Mitteln kann man auch zu ungewöhnlichen Lösungen kommen, die der Park unserer Meinung nach braucht«, meint Eva Ressel. »Unsere Motivation ist, etwas für den Ort zu tun, an dem wir leben, und auszuprobieren, wozu uns das Spiel hier in Berlin verhelfen kann.«</p>
<p>Das Spiel setzt bei der Schönheit des Parks an, statt die Problemlage und vorhandenen Konflikte des »Görli« zu fokussieren. Das befremdet gelegentlich ältere und vor allem politisierte Menschen, die fehlende Ernsthaftigkeit befürchten: »Ist das alles ›nur‹ ein Spiel?«. So wird an der Sprache gefeilt, denn es ist wichtig, dass die brasilianische Euphorie in der Sprachlichkeit der Spielanleitung nicht vorrangig zu trennenden Gedankengängen bei den Spielern führt, sondern hilft, Gemeinsamkeiten zu identifizieren.<br />
<strong></strong></p>
<h4>Eine Bewegung der Spielenden</h4>
<p><strong></strong>Anstelle des negativen Begriffs »Spaß-Generation« macht der Begriff »Gamification« seit einigen Jahren die Runde. Das Wort beschreibt eine Bewegung hin zum Spielerischen und das Anwenden typischen »Spiel-Denkens« auf alltägliche Situationen. Wenn die Dinge lustig sind, werden sie vermehrt genutzt. Ein Mülleimer in einem schwedischen Park wurde an einem Tag mit fast doppelt so viel Unrat gefüllt als alle anderen Abfallkübel in unmittelbarer Umgebung: Ein eingebauter Bewegungsmelder mit einem kleinen Wiedergabegerät sorgte dafür, dass der Mülleimer bei jedem Stück, das man hineinwarf, ein Geräusch von sich gab, das so klang, als ob der Müll mindestens 30 Meter tief fallen und dann laut aufprallen würde. Faszinierte Spaziergänger suchten begeistert nach weiterem Müll, um die Erfahrung zu wiederholen, und säuberten so den Park.</p>
<p>Mir persönlich ist die Entscheidung für verspielte Erfahrungen in meinem eigenen Leben wichtig. So wird aus dem Alltag ein Jahrmarkt der Möglichkeiten. Das Setzen von herausfordernden, aber dennoch klar definierten persönlichen Zielen und das Feiern meiner Erfolge lösen ungeahnte Kräfte in mir aus.<br />
Gerade in der komplexen Arbeit, die positiven Wandel in die Welt bringen will, verfällt man leicht ins Abhaken von To-Do-Listen, in kompetitive Gruppenprozesse oder in Diskussionen, wer Recht hat. Dagegen wirkt das Spiel wie Medizin. »Wie im Leben, so im Spiel«, hörte ich oft während des Oasis Games. Schon Plato wusste: »Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen als im Gespräch in einem Jahr.«</p>
<p>Wir können viele weitere Spiele gemeinsam erfinden, um sowohl die Welt um uns herum als auch die eigene innere Welt zu verwandeln. Gemeinschaft und Vision sind überall vorhanden. Wir müssen nicht aufs Land ziehen, um Gemeinschaften zu gründen, denn auch in der Stadt, im Viertel und im Häuserblock haben wir schon eine Gemeinschaft, die neu entdeckt werden kann. Alles, was es dafür braucht, ist ein wenig spielerische Leichtigkeit, ein offenes Ohr und eine Frage – und neue Möglichkeiten werden wahr.</p>
<p><em>Lust darauf, Oasis-Spieler zu werden?<br />
</em><em><a href="http://Wenn ich Menschen nach ihrem Traum frage, wie sie am liebsten leben würden, gibt es stets die gleiche Reaktion: Alle nehmen zuerst einen tiefen Atemzug – um genug Luft zu haben für die großen Worte. Die Augen blicken kurz nach oben und haben beim Sprechen einen besonderen Fokus, ein Strahlen. Ich frage viele nach ­ihren Träumen, weil ich diese Reaktion wunderschön finde. Die Menschen werden für einen Moment im Antworten größer, wachsen über sich selbst hinaus. Die Frage nach dem Traum ist Teil des Gruppenspiels »Oasis Game«, das seine Wurzeln in Brasilien hat. Das Spiel ist eine zwei- bis fünftägige Veranstaltung, in der es darum geht, den Traum eines Orts und seiner Menschen zu entdecken und zu verwirklichen. Es möchte Verbindungen in der örtlichen Gemeinschaft stärken und das Gefühl vermitteln, dass unendlich viele Möglichkeiten der Veränderung offenstehen, die wir nur zu ergreifen brauchen.  Ursprünge in Brasilien 	Auf die Methode bin ich gestoßen, als ich Edgard Gouveia Júnior kennenlernte. Der laut lachende, schwarze Mann mit seinen über zwei Metern Basketballspielergröße wirkte auf mich wie jemand aus einem verwunschenen Wald, aber er reparierte Häuser in brasilianischen Armenvierteln. Für Edgard haben die Slums S˜ao Paulos jede Menge Zauber und Schönheit in sich – sie seien der perfekte Spielplatz. Mit einer Gruppe Studenten wollte er 1999 ein Training für Architekten aufbauen, das von den tatsächlichen Wohnbedürfnissen der Menschen ausgeht. Über die Zeit entstand daraus die einmonatige Ausbildung »Warriors ­without weapons«, die indigenes Wissen, neue Methoden für Nachbarschaftsbeteiligung, transformative Gruppenprozesse und konkrete Bauarbeit zusammenbringt. Heute richtet sich die Ausbildung nicht mehr an Architekten, sondern an junge Menschen mit Unternehmergeist aus aller Welt, die etwas in ihren eigenen Nachbarschaften verändern wollen. Sie werden zu »Kriegern ohne Waffen«, die das Oasis-Spiel in der Welt verbreiten.  Unsere heutige Welt ist voller Wüsten, voller Orte und Regionen, in denen das ökologische, soziale oder kulturelle Gleichgewicht auseinandergefallen ist. In all diesen Steppen gibt es jedoch Oasen und Lichtpunkte, Schönheit und Ressourcen, die entdeckt, sichtbar gemacht und dann vergrößert werden können. Jede lebendige Nachbarschaft ist bereits ein Lichtpunkt. Ein Nachbarschafts-Netzwerk ist eine Gemeinschaft, die innerhalb kurzer Zeit ihre Träume vom Miteinander-Leben verwirklichen und ihre eigene Oase entstehen lassen kann.  In einem amerikanischen Vorort 	In Sacramento, Kalifornien, gehen wir in einer kleinen Gruppe durch die Nachbarschaft, den Blick auf die Schönheit und Schätze gerichtet, die auch in heruntergekommenen amerikanischen Vororten zu finden sind. Kinder an der Straßenecke sind in ein Spiel vertieft und sprechen miteinander eine Mischung aus Spanisch und Englisch. Ein Haufen ungenutztes Holz lehnt an einer Hauswand. Durch die Fenster des Drive-In-Restaurants zählen wir über zehn Clowns. Es ist wie ein Zirkus dekoriert. Davor erzählt uns ein alter Obdachloser mit strahlenden Augen und rauher Stimme die Geschichte des Viertels und vom Goldrausch, als wäre er dabeigewesen.  Ein junges Graffiti-Künstler-Kollektiv hat uns in die Nachbarschaft eingeladen und seine Räume zur Verfügung gestellt. In diesen bunten vier Wänden treffen wir uns im Kreis und teilen Erfahrungen, wie schnell ein offener, wertschätzender Blick Verbindungen aufbauen kann. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Vertrauen entsteht unter uns, während wir miteinander tanzen und lachend kooperative Spiele spielen, bei denen jeder ein Gewinner ist. Während wir durch das Viertel streifen, nimmt die Nachbarschaft auch uns wahr. Manche wundern sich bestimmt, wer denn diese seltsamen Fremden sind, die alles mit einem Lächeln im Gesicht anstarren. Es entstehen Gespräche – an Hausecken, über Zäune hinweg, manchmal an Küchentischen. Verbindungen wachsen, wenn wir die versteckte Schönheit bewundern, und so beginnen wir, nach den Träumen zu fragen: »Was ist das Potenzial dieser Nachbarschaft?«. Und »Wie willst du leben?« Große Träume kommen zum Vorschein. Weit größer als das Traumauto und das Traumhaus sind kollektive Träume, die gemeinsam mit anderen ersonnen sind.  Begonnen haben wir mit fünfzehn Spielern, aber bald ist der Raum des Jugendkollektivs mit an die 50 Menschen gefüllt, die mit Zahnstochern, Kieselsteinen, Knete und Papier den Miniaturplan eines Gemeinschaftsgartens entwerfen. Andere wollen endlich anpacken und beginnen, erneut durch die Nachbarschaft zu streifen und Ressourcen und Material zu identifizieren – frei nach dem Motto: »Wir wollen nicht dein Geld, sondern dein Bestes«. Wenn spürbar ist, dass Träume verwirklicht werden, will jeder mithelfen. Anwohner graben ihre eigenen Blumen aus und grasen ab, was an Fülle in ihren Vorgärten wächst. Alles Material wird kostenlos gespendet. Es hat einen Zauber, einfach anzufangen und den ersten Pinselstrich an die Wand zu setzen oder den ersten Busch einzupflanzen. Spielen ist ansteckend: Sobald begonnen wird, kommen immer mehr Menschen herbei. Wir erinnern uns gegenseitig dar­an, stets in Begegnung zu treten, denn jeder Fremde kommt mit einem besonderen Talent hinzu, einer neuen Rolle, die für das Spiel dringend gebraucht wird.  Ein Tag bleibt uns noch für unser Spiel: Wir malen, pflanzen, bauen Bänke. Umwerfend schön, umsonst und unglaublich schnell soll die Veränderung in Sacramento sein.  Selbstverständlich stoßen wir auch auf Herausforderungen – viel Licht zieht auch Dunkles an. Veränderungsprozesse können furchteinflößend sein, gerade wenn sie schnell vor sich gehen. Der Besitzer des Grundststücks, auf dem der Garten ursprünglich entstehen sollte, scheucht uns weg. Zu chaotisch und unüberblickbar ist es ihm geworden. Denn wenn er fragt, wer hier verantwortlich ist, schnellen gleich dreißig Finger in die Luft. Ein wichtiger Lernschritt: Wir müssen besser kommunizieren und Verbindungen sorgsam pflegen, gerade im Rausch des kreativen Entstehenlassens.  Dennoch, nun heißt es weitermachen und in die eigene innere Flamme blasen. Während ein Teil der Gruppe Versöhnungsgespräche führt, schlagen andere Nachbarn neue Grundstücke vor. Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die für dieses ernste Spiel so wichtig ist, kommt zurück. Für den Garten mit vielen Blumen und Gemüse, der jetzt innerhalb weniger Stunden hinter einer Garage entsteht, gibt es immer noch keinen festen Plan. Es gibt auch keinen Vorarbeiter, alles ist im Entstehen begriffen, und Fehler gehören dazu. ­Jemand baut eine Mauer halb auf, ein anderer baut sie wieder ab, um sie woanders aufzubauen. Ja, es gibt Architekten in der Gruppe und Permakultur-Profis, sogar eine Landschaftsgärtnerin, die um die Ecke wohnt. Aber anstatt auf Expertentum zu vertrauen, gibt jeder, was er kann. Wir sind alle Müllsammler, Maler, Schaufler und Mauerleger. Manche Momente erinnern mich daran, was mir manchmal passiert, wenn ich mein Zimmer aufräume: Plötzlich ist mehr Chaos als zuvor. Doch genau daraus entsteht neue Schönheit.  Abends brennen Kerzen und Laternen zwischen den Beeten, eine lokale Band taucht plötzlich aus dem Nichts auf, und Essen wird aus den Häusern herbeigetragen. Veränderung zu feiern, ist einer der wichtigsten Schritte des Spiels. Ebenso zentral ist die Reflexion: »Wie ähnlich unsere Träume doch sind! Was wäre, wenn wir spielerisch leicht die ganze Welt verändern könnten? Und was, wenn alles, was wir dafür brauchen, schon da ist?« Das Oasis Game kommt nach Europa 	Das Oasis Game kann auf ganz unterschiedliche Weisen gespielt werden. Die Erfahrungen aus verschiedenen Spielen, an denen ich teilgenommen habe, lassen sich meistens auf zwei grundlegende Träume zurückleiten: Sehnsucht nach Schönheit und Sehnsucht nach Gemeinschaft.  In einem Vorort des mexikanischen Oaxaca de Juárez bauen anarchistische Aktivisten gemeinsam mit älteren Hausfrauen einen Altar aus Palmblättern für die Jungfrau von Guadalupe, die als »indigene Maria Mexikos« für die nationale Identität steht. In Shivaji Nagar, Indien, singt eine bunt gemischte Gruppe von Kindern und Jugendlichen, während sie auf dem Dorfplatz Müll aufsammeln. Sie schaffen Raum für eine Sitzbank aus Lehm, die sie bauen wollen. In Portland, Oregon, trifft sich das Viertel, um eine Straßenkreuzung in ein riesiges Gemälde zu verwandeln und so einen Dorfplatz zwischen den Hausblöcken zu erschaffen. Studenten in Brasilien senden Twitter-Nachrichten durch das Land, um Baumaterial für Santa Caterina zu organisieren, eine Gegend, die kürzlich überflutet wurde. In Schweden rennen Teilnehmer einer Konferenz durch den Raum und umarmen um die Wette möglichst viele Menschen. An der Oberfläche sind diese Szenen sehr verschieden und in unterschiedliche kulturelle Kontexte eingebunden. Dennoch verbindet sie etwas: Überall übernehmen Menschen selbst Verantwortung für ihren Lebensraum.  Oasis Games haben sich rund um die Welt verbreitet. Doch wie kommt ein Spiel, das in Brasilien mit seiner bunten Wildheit und Chaosliebe leicht von der Hand geht, im rationalen Nordeuropa an? Es braucht Zeit, um sich an die Sprache des Spiels, das so stark aufs Fühlen ausgerichtet ist, zu gewöhnen. Gesellschaftlich sind wir in Deutschland überstrukturiert und »unterspielt«. Regeln und Gesetze, wem die Straßenecke gehört und wer über sie entscheidet, behindern das Spiel. »Die Gemeindeverwaltung wird sich darum kümmern, schließlich zahle ich Steuern«, denken wir oft. Die Bedeutung der Kommunal- und Stadtverwaltung hierzulande hat aber auch Vorteile: Durch Freundschaften und Verbindungen, die zu den »verantwortlichen« Behörden in der Spielvorbereitung geknüpft werden, ist es möglich, die Begeisterung über spielerische Wege des Wandels selbst in die Welt der Verwaltung zu tragen. Spielerische Prozesse haben so das Potenzial für eine gesellschaftsgestaltende Langzeitwirkung auf neuen Ebenen.  An zwei Sommerwochenenden im August und September 2012 wird das Oasis Game auch in Berlin stattfinden. Der Traum des Görlitzer Parks will entdeckt und umgesetzt werden. Das derzeitige fünfköpfige Vorbereitungsteam des Spiels bringt unterschiedliche Aspekte ein: Rahel Schweikert und Andreas Teuchert wohnen in der Nähe des Parks und sind bei den Kiezwandlern, der Transition-Town-Initiative Friedrichshain-Kreuzberg, engagiert. Die beiden haben im März für knapp zwei Jahre die Koordination der Bürgerbeteiligung im Görlitzer Park übernommen. Eva Ressel, die sich seit langem mit Ansätzen gemeinsamen Gestaltens und Dialogprozessen auseinandersetzt, hält den Kontakt zu Menschen in Deutschland, die mit dem Spielablauf vertraut sind und das Spiel begleiten werden. Unterstützt wird die Gruppe außerdem von Mitarbeitern des Landschaftsplanungsbüros gruppeF, die in der Umsetzung notwendige Absprachen mit der Verwaltung treffen werden. Das Oasis-Spiel im Görlitzer Park ist nur einer der ersten Schritte einer spannenden Reise zu bürgerschaftlicher Beteiligung an Planungsprozessen und Engagement für den Park. Es ist auch eine Reise ins Unbekannte: »Nur mit ungewöhnlichen Mitteln kann man auch zu ungewöhnlichen Lösungen kommen, die der Park unserer Meinung nach braucht«, meint Eva Ressel. »Unsere Motivation ist, etwas für den Ort zu tun, an dem wir leben, und auszuprobieren, wozu uns das Spiel hier in Berlin verhelfen kann.«  Das Spiel setzt bei der Schönheit des Parks an, statt die Problemlage und vorhandenen Konflikte des »Görli« zu fokussieren. Das befremdet gelegentlich ältere und vor allem politisierte Menschen, die fehlende Ernsthaftigkeit befürchten: »Ist das alles ›nur‹ ein Spiel?«. So wird an der Sprache gefeilt, denn es ist wichtig, dass die brasilianische Euphorie in der Sprachlichkeit der Spielanleitung nicht vorrangig zu trennenden Gedankengängen bei den Spielern führt, sondern hilft, Gemeinsamkeiten zu identifizieren. Eine Bewegung der Spielenden 	Anstelle des negativen Begriffs »Spaß-Generation« macht der Begriff »Gamification« seit einigen Jahren die Runde. Das Wort beschreibt eine Bewegung hin zum Spielerischen und das Anwenden typischen »Spiel-Denkens« auf alltägliche Situationen. Wenn die Dinge lustig sind, werden sie vermehrt genutzt. Ein Mülleimer in einem schwedischen Park wurde an einem Tag mit fast doppelt so viel Unrat gefüllt als alle anderen Abfallkübel in unmittelbarer Umgebung: Ein eingebauter Bewegungsmelder mit einem kleinen Wiedergabegerät sorgte dafür, dass der Mülleimer bei jedem Stück, das man hineinwarf, ein Geräusch von sich gab, das so klang, als ob der Müll mindestens 30 Meter tief fallen und dann laut aufprallen würde. Faszinierte Spaziergänger suchten begeistert nach weiterem Müll, um die Erfahrung zu wiederholen, und säuberten so den Park.  Mir persönlich ist die Entscheidung für verspielte Erfahrungen in meinem eigenen Leben wichtig. So wird aus dem Alltag ein Jahrmarkt der Möglichkeiten. Das Setzen von herausfordernden, aber dennoch klar definierten persönlichen Zielen und das Feiern meiner Erfolge lösen ungeahnte Kräfte in mir aus.  Gerade in der komplexen Arbeit, die positiven Wandel in die Welt bringen will, verfällt man leicht ins Abhaken von To-Do-Listen, in kompetitive Gruppenprozesse oder in Diskussionen, wer Recht hat. Dagegen wirkt das Spiel wie Medizin. »Wie im Leben, so im Spiel«, hörte ich oft während des Oasis Games. Schon Plato wusste: »Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen als im Gespräch in einem Jahr.« Wir können viele weitere Spiele gemeinsam erfinden, um sowohl die Welt um uns herum als auch die eigene innere Welt zu verwandeln. Gemeinschaft und Vision sind überall vorhanden. Wir müssen nicht aufs Land ziehen, um Gemeinschaften zu gründen, denn auch in der Stadt, im Viertel und im Häuserblock haben wir schon eine Gemeinschaft, die neu entdeckt werden kann. Alles, was es dafür braucht, ist ein wenig spielerische Leichtigkeit, ein offenes Ohr und eine Frage – und neue Möglichkeiten werden wahr.   Jara von Lüpke (22) studiert soziales Unternehmertum und Prozess-­Design bei den Kaospiloten in Dänemark. Sie schreibt gerne Geschichten, die Mut machen.  Lust darauf, Oasis-Spieler zu werden? www.oasis-in-berlin.posterous.com, www.warriorswithoutweapons.net Kontakt: eva.ressel@gmx.de">www.oasis-in-berlin.posterous.com<br />
</a></em><em><a href="http://www.warriorswithoutweapons.net/">www.warriorswithoutweapons.net<br />
</a></em><em>Kontakt: eva.ressel@gmx.de</em></p>
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<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA anders denken. anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/723-spielend_die_welt_verwandeln.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 15/2012</a></em></p>
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		<title>Wir brauchen alle Stimmen</title>
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		<pubDate>Tue, 15 May 2012 21:08:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Theresa Zimmermann, Studentin, und Johannes Heimrath, Oya-Herausgeber , bekamen bei ­einem Konzeptionsgespräch zu dieser Ausgabe von Oya Lust, sich in Form eines E-Mail-Duetts durch junge und alte Gedanken zu den aktuellen Fragestellungen treiben zu lassen. Draußen ist es grau und duster, und ich denke nach. Viele Menschen prophezeien, dass auch unsere Zukunft duster aussehen wird. [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h4>Theresa Zimmermann, Studentin, und Johannes Heimrath, Oya-Herausgeber , bekamen bei ­einem Konzeptionsgespräch zu dieser Ausgabe von Oya Lust, sich in Form eines E-Mail-Duetts durch junge und alte Gedanken zu den aktuellen Fragestellungen treiben zu lassen.</h4>
<p><em><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/image1_hires.jpg" rel="lightbox[4886]"><img class="alignright  wp-image-4889" style="margin-left: 10px;" title="Wir brauchen alle Stimmen" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/05/image1_hires-300x168.jpg" alt="" width="200" /></a>Draußen ist es grau und duster, und ich denke nach. Viele Menschen prophezeien, dass auch unsere Zukunft duster aussehen wird. Energie– und Rohstoffkrisen sind das eine, aber auch die Gesellschaft als Ganze wird leiden und immer ungerechter werden. Mir wurde mal gesagt, wir seien die erste Generation, der es »schlechter« ­gehen werde als ihrer Elterngeneration. Wenn ich das im Studium Gelernte reflektiere, fällt es nicht schwer, die Aussage für wahr zu halten. Ein schöner Ausblick ist das nicht – doch entmutigen lassen sollte man sich auch nicht. Was bleibt also?</em></p>
<p>Wir sind auch die erste Generation der Spezies Homo, in deren Händen allein es liegt, ob sie die letzte sein wird. Es lauern noch immer über 20 000 Atomsprengköpfe in den Bunkern der Nuklear­mächte, fast 5000 davon werden von Tausenden ganz normaler Menschen in ständiger Gefechtsbereitschaft gehalten. Die Verseuchung der Welt durch genetisch veränderte Organismen, Ackergifte und Nanopartikel, eine Klimaentwicklung, die sich fast im Wochenrhythmus als immer komplexer und unvorhersagbarer entpuppt – es muss etwas der gefühlten Ohnmacht des Einzelnen gegenüberstehen, das der ganzen krisenhaften Erscheinung Bedeutung und Sinn verleiht. Das Leben selbst beweist es in jedem Augen­blick: Es gibt keine aufsteigende Bewegung, die nicht zugleich eine absteigende als Komplementärin hat und umgekehrt. Der Zyklus ist Geheimnis und Prinzip allen Lebens. – Wie heißt nun der aufsteigende Kreisbogen der Weltentwicklung, der den Niedergang des Bisherigen aus der Würdelosigkeit des bloßen Verfalls herausholt und ihn als sinnvolle Voraussetzung für einen neuen Lebensentwurf annimmt?<br />
<em><br />
Wie können wir diesen Kreislauf, das Auf und Ab, gemeinsam nutzbringend gestalten? Wie können wir scheinbar verheerende Situationen in solche wenden, die Positives generieren? Wer sich stark fühlt, auf sein Herz hört und tut, worauf er Lust hat, schafft oft enorm viel Gutes durch das pure Sein. Gleichzeitig birgt jedes Handeln unzählige Konsequenzen, die nie allesamt abzuschätzen sind. Die wirtschaftliche, politische, kulturelle, soziale und mediale Globalisierung übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen. Wer viel über die Lage der Welt nachdenkt und möglichst »richtig« agieren will, erstickt leicht in der Komplexität der Zusammenhänge. Wie ist es zu schaffen, die Gesellschaft und uns selbst vor einer Lethargie zu bewahren, die den Zukunftssorgen nur ausweichen will? Woher nehmen wir die Hoffnung, die Zuversicht, das Vertrauen, die eigene Handlungsbereitschaft?<br />
</em><br />
Schwierige Frage. Die Antwort heißt vermutlich: Liebe. Ich versuche, mich zu erinnern, was ich in den Phasen fühle, in denen der dunklere Teil der Wirklichkeit meine Vision verschattet. Gibt es so etwas wie ein Trotzdem? Das würde einen Widerstand bedingen, gegen den ich anzurennen hätte. Ich habe mal, da ging ich in die dritte Klasse, ein Mädchen umgerannt, um meinen Schulkameraden zu beweisen, dass ich kein Weiberheld sei. Sie hatten mich damit aufgezogen, dass ich unmännlich, weil verliebt sei – und ich wollte nicht aus der Bubenclique fliegen. Noch während sie fiel, wurde mir zugleich mit der Schändlichkeit meiner Tat bewusst, wie tief ich mich selbst damit verletzte, indem ich ihr Schaden zufügte. Denn – ahnungslos, wie ich noch war – ich spürte plötzlich, dass die Kameraden recht gehabt hatten: Ein ungeheuer sehnsuchtsvolles Ziehen riss mir schier das Herz aus dem Leib, und ich weiß seitdem wie nichts anderes, dass ich nicht in einer Welt leben möchte, in der sanfte Menschen zu harten Monstern gepresst werden. Es kostete mich mehr als meinen ganzen Mut, mich ein paar herzzerklopfte Nächte später bei ihr zu entschuldigen. Ihre Antwort bleibt mir genauso unvergesslich: Sie hatte meine innere Zwangslage verstanden und lud mich ein, in Zukunft mit ihr den Schulweg zu teilen. Bestimmt haben wir dann in vielen Monaten auch Belangloses geredet, aber ich erinnere mich an präzise Bilder einer jungen, hellen, friedlichen Welt, die wir uns gegenseitig mit allen unseren Kräften zu schaffen versprachen. Das fühle ich heute noch, und das treibt mich bis heute an. Wir waren Kinder, acht Jahre alt. Ich wünschte mir damals, jemand wie der, der ich heute glaube zu sein, hätte sich so für unsere Weltvision eingesetzt, wie ich es heute tue.</p>
<p><em>Willst du damit sagen, es gab damals keine Visionäre, die sich für ihre Träume eingesetzt haben? Gab es diese nicht immer? Sie haben sich in anderen Zeiten nur auf andere Themen und Bedürfnisse konzentriert.<br />
Ich bin in einem Idyll aufgewachsen und wurde auch früh mit Themen wie Nachhaltigkeit, bewusster Konsum, gemeinschaftliches Miteinander konfrontiert – Bereiche, die mir noch immer wichtig sind. Dennoch habe ich wahrscheinlich eine ganz ähnliche Frustration gefühlt wie du damals. Auf eine Art dachte ich, ich bin anders als die anderen, habe andere Bedürfnisse, mache mir andere Gedanken um die Welt als die Menschen um mich herum. Dann kamen das Internet, meine Auslandsaufenthalte und die neuen Medien, die es mir schon früh ermöglichten, mich mit der Welt zu vernetzen, Informationen aus nah und fern zu beziehen und von Menschen zu erfahren, die auch die von dir beschriebene junge, helle, friedliche Welt fühlen. Da war ich sicher in einer glücklicheren Situation als noch deine Generation. So wie dich das von dir beschriebene Ereignis im Kindesalter bis heute prägt und ermutigt, sind es für mich die entstandenen Netzwerke, Freundschaften und Erfahrungsberichte, die mich ermutigen und immer wieder meine Handlungsbereitschaft und mein Handlungsbedürfnis erneuern. Und trotzdem: Mir wird mehr und mehr bewusst, dass jeder ein eingeschränktes Blickfeld hat, so auch du und ich. Manchmal wünsche ich, ich könnte noch offener für die Blicke und Motive derjenigen sein, die scheinbar entgegen meinen Visionen agieren. Wäre das nicht der effektivste Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander? Welchen Weg bist du gegangen? Hast du dir primär angeschaut, was für Bedürfnisse du und dein Umfeld haben, und hast dann weitergreifende Visionen und Taten entwickelt? Wenn ja, hast du noch die Offenheit für die Meinungen und Bedürfnisse derer, die scheinbar ganz anders sind als du?<br />
</em><br />
Freilich gab es auch damals Visionäre. Und es stimmt: Wann hätte es sie nicht gegeben? Aber die Kommunikationswege waren so unvergleichlich viel langsamer als heute, und bis ich mich dann mit fünfzehn bis zu Hesses Siddhartha vorgetastet hatte, während ich gleichzeitig versuchte, zu verstehen, was die Notstandsgesetze mit Freiheit zu tun hatten, verfloss die Zeit viel weniger gequirlt als im Zeitalter des Milchschaums. Es gab ja auch erst eine italienische Eisdiele, die im Sommer aufhatte, und bedeutungsschwangere Gespräche bei Latte Macchiato konnten nicht geführt werden, weil es gar keine Latte gab. Deshalb hat es auch länger gedauert, bis ich beispielsweise zu einer soliden Antwort auf deine letzten Fragen in der Lage war. Dafür hat die Frage nach dem Umgang mit denen, die anders sind als ich, eine besonders tiefe Wurzel in mich gegraben. Als ich vor 35 Jahren mit meinen Lebensgefährtinnen und –gefährten beschloss, ein gemeinsames Leben zu führen, geschah das aus dem Anschauen der Bedürfnisse dieser Welt, und wir waren überzeugt, dass wir selbst diejenigen sein müssten, die wir in der Welt sehen wollten. Erst viel später kam mir dieses sinngemäße Wort von Gandhi entgegen, als unsere Gemeinschaft schon manche Festungsmauer zwischen uns und der Welt »der Anderen« abgetragen hatte. Eine letzte massive Übung ist noch nicht so lange her: Vor zehn Jahren war in dem Ländchen, in dem ich nun seit fünfzehn Jahren lebe, ein Teil der Einwohnerschaft infolge eines Herbizidunfalls, in dem die Agroindustrie unter anderem einen Ökobetrieb von uns schwer beschädigte, in eine ganz und gar irrationale Gegnerschaft zu uns geraten. Man wollte uns und alle Neubürger der umliegenden Dörfer vertreiben. Wir konnten aber rechtzeitig erkennen, dass diejenigen, die sich als unsere Gegner verstanden, dasselbe anstrebten wie wir selbst: eine Heimat zu haben, an deren glücklicher Zukunft man aktiv mitwirken kann. Es war die letzte Lektion dahin, zu verstehen, dass ein Konflikt nicht Grund für Spaltung und Trennung sein muss, sondern vielmehr beweist, dass man mit dem anderen etwas Gemeinsames hat, das beide essenziell angeht. Sie hat mich tief in die Wahrheit hineingeführt, die in dem Wort »Biodiversität« liegt: Wir brauchen alle Stimmen, wenn wir ein überlebensfähiges, resilientes Ökotop bilden wollen. – Aber lass mich jetzt doch hören, wie deine Palette der sinnvollen Beiträge aussieht, die du konkret zur Verwirklichung deiner Version einer enkeltauglichen Welt leisten willst.</p>
<p><em>Während ich durchs Leben schreite, entwickeln sich meine Visionen weiter. Wie oben beschrieben, fällt es mir immer schwerer, mich mit meinen Wünschen und Ideen auf unseren geografischen Raum und unsere Gesellschaft zu beschränken. Wie ich die Umsetzung nun aber angehe, ist eine schwierigere Frage.<br />
Einerseits möchte ich mir gewisse Probleme ins Bewusstsein holen und mich dafür einsetzen, dass sich auch andere dieser Situationen bewusst werden. Ich möchte also mit möglichst vielen Menschen mein und unser Leben und Tun diskutieren und reflektieren. So organisiere ich beispielsweise Konferenzen, auf denen eine Plattform für die Auseinandersetzung mit wichtigen Themen geschaffen wird. Gleichzeitig versuche ich, meine Offenheit zu bewahren und möglichst viele Eindrücke in mich aufzusaugen und so zu verarbeiten, dass ein immer runderes Bild entsteht. Ich bemühe mich, das Gelernte zu hinterfragen und nachzuhaken, wo immer es geht. Oftmals ist damit verbunden, sich für die »Rechte meiner Generation« starkzumachen und Forderungen zu stellen – an Politiker, an Wirtschaftler, an Wissenschaftler, an alle diejenigen, die diese Welt mitgestalten – ja, auch an dich.<br />
Andererseits jedoch muss und will auch ich aktiv mitgestalten, ausprobieren, verändern. Mein Vegetarierinnendasein rettet sicherlich nicht die Welt (wobei ich eh immer mehr davon ausgehe, dass es nicht darum geht, die Welt vor »dem Untergang« zu bewahren, sondern immer weiter zu gestalten) – dafür braucht es schon weitergreifende strukturelle Änderungen. Wer aber meint, er habe das Patentrezept zur Behandlung eines bestimmten Pro­blems, kann meiner Meinung nach nicht Recht haben – zu komplex und vielschichtig ist diese Welt. Mein ewiges »Suchen« langsam in ein »Machen« zu wandeln, darin sehe ich derzeit noch eine große Herausforderung. Nun hast du mich wieder und wieder gefragt, wie ich mich für die Verwirklichung meiner Visionen einsetze. Wie aber steht es um dich? Du gehörst zur Generation, die Entscheidungen trifft und bereits getroffen hat, die mich, meine Kinder und Enkel betreffen werden. Bist du zufrieden mit dem Einsatz, den du geleistet hast? Was würdest du anders machen? Wo siehst du noch Potenziale für ein aktives Mitwirken?<br />
</em><br />
Gerade erst gestern war ich auf einer Konferenz zu einem ziemlich einzigartigen Projekt: In unserem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hat sich vor wenigen Wochen eine Genossenschaft von Gemeinden gegründet, die sich auf den Weg zur Energie-Selbstversorgung gemacht haben. In den kommenden Jahren sollen sich 500 (Bio-)Energiedörfer etablieren. Auf der Konferenz im Schweriner Landtag diskutierten Abgeordnete, Regierungsangehörige, Landräte, Bürgermeister und Fachleute engagiert über die nächsten Schritte zur Umsetzung der Energiewende. Aber: Wo waren die jungen Generationen? Die Generation der Zwanzigjährigen war gar nicht vertreten, die der Dreißigjährigen war an zwei Händen abzuzählen, der Rest der fast 200 Teilnehmer war über 40, und »Teilnehmer« stimmt auch, denn die ganze Bewegung wird zum überwiegenden Teil von Männern in Gang gesetzt. Dabei nahm das Projekt seine Uranfänge unter anderem in den Regionalkonferenzen, zu denen ich vor einigen Jahren hier an meinem Lebensort eingeladen hatte, und da waren es überwiegend junge Menschen gewesen, die die Initialgedanken in die Welt gesetzt hatten.<br />
Ich habe gestern diesen eigenartigen Spalt zwischen dem »jungen« Geist und der »alten« Verwirklichung angesprochen. In dem Zuspruch, den ich danach bekommen habe, wurde immer wieder das Wort »Partizipation« verwendet, und es waren sich alle einig, dass wir uns von einem bloßen »Mitmachen« der jungen Generatio­nen verabschieden müssen und echte, paritätische Mitgestaltung anzustreben sei. Insofern bin ich in diesem Beispiel für die Wirksamkeit meines Einsatzes nur halb zufrieden. Die Frage blieb unbeantwortet, wie wir die jungen Menschen erreichen können, so dass sie mittun und im Mittun auch die Formen verändern, in denen sich solche Unternehmungen äußern. Ja, ich möchte, dass die Entscheidungen, die meine Generation bisher getroffen hat, breiteste Revision durch die Jungen erfahren, denn es gibt überhaupt keine Entscheidung, die nicht euch beträfe. Ich sehe, dass in vielen Bereichen die Alten erkannt haben, dass es nicht ohne die Jungen geht, aber ich sehe noch nicht, welches Angebot der – willigen – Jungen da ist, die – willigen – Alten in ihre Kultur der Zukunft einzuladen und mitzunehmen. Any idea?</p>
<p><em>Du meinst, dass hier zwei »Kulturen« parallel leben und sich nicht treffen, absprechen und ergänzen? Nun, aus junger Sicht kann ich sagen, dass es eine ganze Reihe von Projekten, Ideen, Veranstaltungen und viel Engagement zu zukunftsrelevanten Fragestellungen gibt – die allesamt von jungen Menschen ins Leben gerufen werden und auf Kooperation mit den Älteren bauen. Doch was oft fehlt: (finanzielle) Kapazitäten und wirkliche Einflussmöglichkeiten. Man darf nicht vergessen, dass wir jüngeren Menschen meist in der Ausbildung stecken, oft von Eltern oder BAföG abhängig sind und Entscheidungen für die individuelle Zukunft treffen müssen. Das alles beansprucht Zeit und Kraft. Für viele ist es dadurch gar nicht möglich, noch »zusätzliches« Engagement zu leisten. Für diejenigen, die es dennoch können und tun, bedeutet es eine Gratwanderung zwischen dem Einsatz für den eigenen Alltag und die persönliche Zukunft und dem für das Allgemeinwohl.<br />
Als Beispiel ein Projekt, in dem ich selbst involviert bin: Seit eineinhalb Jahren setzen wir – Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten aus ganz Deutschland – uns für eine Veranstaltung »Visionaries in Action« ein, mit der wir eine Plattform für den Austausch von jungen Menschen und erfahrenen »Älteren« schaffen wollen, die dann gemeinsam zukunftsweisende Projekte entwickeln können. Wir haben bereits viele Wochenenden, viel Herzblut und viel eigenes Geld in die Organisation gesteckt, und dennoch steht das Projekt auf der Kippe. Von denjenigen, die auf den Fördertöpfen sitzen, bekommen wir bislang keinen Zuspruch. Da ist es schon frustrierend, zu sehen, wenn stattdessen Millionen in eine neue Autobahn fließen.<br />
Habt ihr denn »die Jungen« zu eurer Konferenz eingeladen? Konntet ihr ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie tatsächlich Partizipations– und Mitentscheidungsmöglichkeiten haben? Wäre es nicht schön, wenn wir einen Austausch schaffen könnten, in dem die »Alten« Erfahrung, Zeit und nötige Ressourcen und die »Jungen« Ideen, Engagement und frischen Wind geben würden? In einer Atmosphäre, in der gemeinsam nach Lösungen gesucht wird, anstatt gute Ideen von den Entscheidungshierarchien erdrücken zu lassen? Wenn wir als Gesellschaft erkennen würden, dass wir ­gemeinsam viel mehr erreichen können als einzeln?<br />
</em><br />
Du triffst den Nagel auf den Kopf, mehrfach. Selbstverständlich wurden »die Jungen« eingeladen, es sind ja Anbindungen an Hochschulen da. Aber der erste Nagelkopf heißt »Partizipation«: Mich würde es auch nicht interessieren, zum Mitmachen eingeladen zu werden, wenn es womöglich gar nicht dorthin führt, wo ich ein sinnvolles Ziel sehe. Partizipation ist eben nicht voll verwirklichte Gemeinsamkeit. Aber andererseits: Wenn niemand da ist, der ­genau das aus authentischem Eigeninteresse einfordert, wie sollen es dann die willigen anderen überhaupt verstehen? So kommt es, dass die »gestandenen Männer« das verwirklichen werden, was sie für das Beste für alle halten, und die eigentliche Innovation, die aus ­euren Reihen artikuliert werden müsste, nicht stattfindet.<br />
Ja, es braucht eine »Youth and Elders Alliance«, ein Bündnis der Generationen, das sich an die gemeinsame Sache der neuen Kultur macht und nach jungen Ideen sucht, wie wir die Hilflosigkeiten gegenüber dem Alten umgehen und hinter uns lassen können. Vielleicht wissen wir heute noch nicht, wie wir das anstellen sollen. Aber wir fangen einfach damit an. Unseren Mailwechsel empfinde ich als einen – zugegeben winzigkleinen, aber richtigen – Schritt auf dem Weg. Ich rede jedenfalls nicht für die Autobahn, und ich rede in der Energiekonferenz über die Notwendigkeit, das ganze Vorhaben mit eurer, der jungen Welt zu verknüpfen, auch auf die Gefahr hin, dass der Verständigungsprozess harzig sein könnte.</p>
<p><em>Dabei sollten wir aber vermeiden, nur die schwierigen Aspek­te zu beleuchten, und uns stattdessen den Beispielen widmen, in denen es bereits zukunftsfähige Entscheidungen und ein kon­struk­tives Miteinander der Generationen gibt. Lass uns nach »Posi­tiv-Beispielen« suchen und von diesen lernen. Ich hoffe, dass ich mich nicht früher oder später in den Sog einer frustrierten Konsumgesellschaft ziehen lasse und ich mir stattdessen ein bisschen von meinem »jungen Idealismus« bewahren kann. Wenn ich es schaffe, sowohl meiner eigenen Generation als auch den vor und nach mir liegenden fair gegenüber zu sein und Brücken zu bauen, wo immer es geht, dann kann ich zufrieden sein. Weiter wünsche ich mir, dass nicht nur mir und meiner Generation, sondern all denjenigen, die von unserem Handeln auf irgendeine Weise betroffen sind, wahre Partizipationsmöglichkeiten gegeben werden. Auf lang oder kurz wird das allen zugutekommen.</em></p>
<p> </p>
<p><em>Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken. anders leben, Ausgabe <a href="http://www.oya-online.de/article/issue/14-2012.html" rel="external nofollow">14/2012</a></em></p>
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		<title>NewEarthCamp 2012, eine persönliche Erfahrung</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 00:02:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Angela Pertinez</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
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		<description><![CDATA[Vom 24. – 26. Februar hat das diesjährige NewEarthCamp in der Villa Unspunnen in Wilderswil stattgefunden. Ein persönlicher Bericht aus zwei Tagen Camp-Erfahrung. Samstagmorgen Es ist kurz nach acht Uhr morgens und ich bin auf dem Weg ans NewEarthCamp in Wilderswil. Das NewEarthCamp findet zum zweiten Mal statt und ich muss einfach dabei sein. Warum [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_4624" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2356.jpg" rel="lightbox[4619]"><img class=" wp-image-4624  " title="NewEarthCamp 2012" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2356-300x224.jpg" alt="" width="250" height="187" /></a><p class="wp-caption-text">Plenum zur Erstellung des Tagesprogramms am Sonntag Morgen</p></div>
<p><em>Vom 24. – 26. Februar hat das diesjährige NewEarthCamp in der Villa Unspunnen in Wilderswil stattgefunden. Ein persönlicher Bericht aus zwei Tagen Camp-Erfahrung.</em></p>
<h4>Samstagmorgen</h4>
<p>Es ist kurz nach acht Uhr morgens und ich bin auf dem Weg ans NewEarthCamp in Wilderswil. Das NewEarthCamp findet zum zweiten Mal statt und ich muss einfach dabei sein. Warum ich unbedingt dabei sein will, ist mir in diesem Moment nicht ganz klar.</p>
<p>Als ich im grossen Seminarsaal der Villa Unspunnen ankomme, ist die Begrüssungsrunde  schon fast vorbei. Im Saal sitzen die rund 70 Teilnehmenden, die meisten von ihnen sind schon am Vorabend angereist. Das Camp hat am Freitag mit dem Film <em>Ein neues Wir</em> von Stefan Wolf begonnen – als Einstieg in den thematischen Schwerpunkt des Camps: <em>Gemeinschaft erleben</em>.  Nachdem ich die Begrüssungsregeln verstanden habe, stelle ich mich als Letzte vor, halte mich an die drei Stichworte und sage: «Angela, Bern, Hoffnung».</p>
<p>Das Moderationsteam stellt kurz die Regeln für das Camp vor. Das NewEarthCamp funktioniert nach den Open Space-Prinzipien eines Barcamps, dabei werden Inhalte und Ablauf von den Teilnehmenden selbst gestaltet. Und tatsächlich steht kurz darauf das Programm für den Tag fest, die Workshops, hier Sessions genannt, beginnen.</p>
<div id="attachment_4625" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2348.jpg" rel="lightbox[4619]"><img class=" wp-image-4625 " title="NewEarthCamp 2012" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2348-224x300.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Die volle »Raum-Zeit-Matrix« am Samstag Morgen</p></div>
<h4>Samstagnachmittag</h4>
<p>Wer sich explizit mit neuen Formen des Zusammenlebens fernab vom heutigen Lebensmodell der Mehrheitsgesellschaft beschäftigen will, findet im Camp die Sessions dazu. In diesen Sessions werden die zentralen Fragen aufgeworfen: Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Wie und inwieweit lässt sich der individuelle Weg innerhalb eines Kollektivs verfolgen? Abschliessend können diese Fragen nicht diskutiert werden. Aber es wird deutlich, dass Menschen, die eine neue Form von Gemeinschaft leben wollen, genau diese Fragen für sich und ihr Gemeinschaftsprojekt beantworten müssen.  Insofern erfüllt das NewEarthCamp sein Versprechen, ein Gefäss für Austausch, Kooperation und Inspiration zu sein. Weitere Sessions nähern sich dem Thema auf weniger kopflastige Weise, Gemeinschaft und Verbundenheit mit der Welt wird vor Ort erfahren: Beispielsweise durch das Bilden eines Energiekreises oder das WE Game, das darauf abzielt, den Wir-Raum zu erforschen und Beziehungen aufzubauen.</p>
<p>Spätestens vor dem gemeinsamen Nachtessen hat mich die positive Atmosphäre erfasst, die ich aus dem letzten NewEarthCamp und den sommerlichen Pendants, den SoulCamps, kenne. Ich staune, staune erneut über den offenen, ehrlichen und herzlichen Umgang untereinander, der sich in diesen Camps schon nach wenigen Stunden einstellt. Und dies, obwohl die Gruppe äusserst gemischt ist. Die Teilnehmenden üben unterschiedlichste Tätigkeiten und Berufe aus, haben ihre Ausbildung eben erst abgeschlossen oder haben ihre Erwerbstätigkeit bereits hinter sich. Wir sind Menschen aus der Schweiz, aus Deutschland und Lichtenstein, wir sprechen Deutsch oder Französisch.</p>
<p>Am Abend tanzen sich die meisten an der Deepr Disco aus dem Alltag raus, vereinzelt diskutieren kleine Gruppen im Hof der Villa oder im Treppenhaus weiter. Auch ich stosse erst kurz vor Mitternacht zu den Tanzenden, mit Mia Aegeters <em>Hi u jetzt</em>  findet der Tag den perfekten Ausgang.</p>
<h4>Sonntagmorgen</h4>
<p>Nach einer kurzen Körperübung in der vollzähligen Runde gehen die Teilnehmenden im Raum umher, finden sich immer wieder zu Zweiergruppen zusammen und tauschen sich kurz aus. Die Intention ist klar: Das Spiel soll erneut die Begegnung ermöglichen, in einer Gruppe von 70 Menschen trifft man auch auf Personen, mit denen man noch keinen Kontakt hatte. Aber ich, ich habe keine Lust. Meine morgendliche Zerknirschtheit ist noch nicht überwunden und zum Frühstück habe ich zu viel gegessen. Nichts liegt mir ferner, als in diesem Moment über meine Befindlichkeit zu sprechen. Also setze ich mich auf die Fensterbank. Hier braucht es dazu keinen Mut. Ganz im Gegenteil, das Nicht-Teilnehmen, das Sich-Raus-Nehmen hat am NewEarthCamp seinen festen Platz. Nebst den emsigen und aktiven Ameisen und Bienen ist auch der Verhaltenstypus der so genannten Schmetterlinge Teil des Konzepts. Die Schmetterlinge sind schlicht diejenigen, die meistens in der Cafeteria anzutreffen sind. Darin liegt das Geheimnis der spürbaren Motivation der Teilnehmenden: kein Zwang.</p>
<p>Die Grossgruppe löst sich auf, die Teilnehmenden finden sich zu neuen Sessions zusammen. Noch immer besteht das Bedürfnis, sich über Visionen vom Leben in Gemeinschaften auszutauschen. Die Visionen sind vielfältig: Geträumt wird von grossen, selbstversorgenden Gemeinschaften auf dem Land, von kleineren Lebensgemeinschaften im urbanen Zürich, von integralen Gemeinschaften, Zentren für ein ganzheitliches Leben und vielem mehr. Aber auch konkrete Projekte werden vorgestellt, z.B. der Permakulturhof <em>Chuderbode</em>. Die Diskussion profitiert von den Erfahrungen derjenigen Teilnehmenden, die heute schon in Gemeinschaften leben und auch die Fallen dieses Lebensmodells kennen. Auch in dieser Session bleibt die Diskussion zeitbedingt an der Oberfläche, die Grundlage für weitere Treffen und Austauschmöglichkeiten ist aber geschaffen.</p>
<div id="attachment_4626" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2340.jpg" rel="lightbox[4619]"><img class=" wp-image-4626 " title="Blick auf die Berge" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/IMG_2340-300x224.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Alpenglühen auf der Jungfrau</p></div>
<h4>Sonntagnachmittag</h4>
<p>Ich mache mich auf, die Stimmen der NewEarthCamper und –Camperinnen zu sammeln. Diejenigen, die zum ersten Mal an einem solchen Camp teilnehmen, äussern sich durchwegs positiv zur Veranstaltungsform, sie sind «begeistert» von der «Leichtigkeit», die an diesem Wochenende herrscht. Jetzt erkenne ich, warum ich am NewEarthCamp 2012 unbedingt dabei sein wollte: Hier rücken die tatsächlichen Anliegen der Beteiligten, ihr Zeitgeist in greifbare Nähe. Denn die Sessionplanung findet spontan statt, wir behandeln nicht das, was wir geplant haben und für wichtig halten, sondern das, was im Moment vorhanden ist und ausgedrückt werden will.</p>
<p>Und was meinen diejenigen zum NewEarthCamp, die schon im letzten Jahr dabei waren? Was ist die Qualität des diesjährigen Camps? Victoria sagt, ihr habe das Tanzen an der Deepr Disco, die erstmals Programm am NewEarthCamp war, besonders gefallen.</p>
<p>Die Tatsache, dass sich einige Teilnehmende aus vorausgegangenen Camps schon kennen, wird mehrfach positiv beurteilt. Vermutlich durch diesem Umstand sei die Dynamik freier, meint Flavia und auch Heinz sagt dazu: «Die Begegnungen sind dieses Mal tiefer, vielleicht, weil sich ein paar Leute schon kennen oder aber, weil das Camp Leute angezogen hat, die sich tiefe Begegnungen wünschen».</p>
<p>Nach einer berührenden Schlussrunde, vielen Umarmungen und Abschiedsworten fahren wir zu viert im Auto eines Teilnehmers mit nach Bern. Im Treppenhaus meines Wohngebäudes kommt mir ein junger Mann entgegen. Als ich realisiere, dass er mein neuer Nachbar sein muss, ist er schon an mir vorbei. Noch immer beflügelt von den vergangenen Stunden drehe ich mich um und sage: «Du musst unser neuer Nachbar sein, hallo, ich bin Angela, ich wohne im 3. Stock». Er stellt sich vor und wir reden kurz. Als ich die Treppen hochsteige, erinnere ich mich an die Worte einer Teilnehmerin von heute früh: «Die grosse Vision ist, dass es irgendwann keine einzelnen Gemeinschaften mehr braucht». Ja, genau. Irgendwann.</p>
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		<title>Altmodisch und erfahren</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 15:37:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstversorgung]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie eine Lebensmittelkooperative aus den 80er Jahren bis heute floriert. Seit achtundzwanzig Jahren gibt es die Bremer Lebensmittel­kooperative »Maiskolben«. Sie bringt Stadt und Land näher zusammen und erfreut sich auch heute noch regen Zuspruchs: der Anteil junger Leute steigt, und die vegane Fraktion wächst. Tomaten setzen ist gar nicht so einfach. Sieben Mitglieder der Lebensmittelkooperative [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Wie eine Lebensmittelkooperative aus den 80er Jahren bis heute floriert.</h2>
<div id="attachment_4543" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/02/image1_hires.jpg" rel="lightbox[4541]"><img class=" wp-image-4543 " title="Kooperative Maiskolben in Bremen" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/02/image1_hires-300x199.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">© Foto: www.sebastian-burger.de</p></div>
<p><em>Seit achtundzwanzig Jahren gibt es die Bremer Lebensmittel­kooperative »Maiskolben«. Sie bringt Stadt und Land näher zusammen und erfreut sich auch heute noch regen Zuspruchs: der Anteil junger Leute steigt, und die vegane Fraktion wächst.</em></p>
<p>Tomaten setzen ist gar nicht so einfach. Sieben Mitglieder der Lebensmittelkooperative »Maiskolben« aus Bremen verabreden sich zu einem Pflanzeinsatz zwanzig Kilometer vor den Toren der Stadt. Für alle ist es das erste Mal. »Ich bin seit zehn Jahren im Maiskolben, hatte es aber zuvor nie in den Salatgarten zu Beate geschafft«, gibt eine von ihnen zu. Der »Salatgarten« ist der Demeter-Feingemüsebetrieb von Beate Hübener-Schröder, und der Tag in ihrem Gewächshaus wird für alle lehrreich werden.</p>
<p>Die Schwindelfreien klettern auf hohe Leitern und binden Strippen an die Metalldrähte, die unter dem Dach des Kaltgewächshauses entlangführen. Am Boden graben die anderen. Alle halbe Meter heben sie ein Pflanzloch aus, in jedes kommt eine Schaufel Mischkompost, der zum einmaligen Geschmack der Tomaten beiträgt. Bea­te ist Betriebsleiterin für biologisch-dynamischen Landbau. Sie erklärt die Arbeitsschritte, informiert über Tomatenzucht und serviert Kuchen und Suppe. Vierhundert Pflanzen haben die sieben Leute am Abend eingesetzt. Zum Abschluss wickeln sie den Haupttrieb der vorgezogenen Pflänzchen die Strippen hinauf. »Hübsch sieht es aus, dieses Geflecht«, freuen sich die Laien. Besonders genossen hat es der kleine Theo, der stundenlang über die Furchen krabbelte. Sein Mund ist mit Erde beschmiert.</p>
<p>»Ohne diese jährliche Pflanzhilfe könnte ich die gewünschte Menge an Tomaten für den Maiskolben gar nicht produzieren«, sagt Beate. Ihre Tomaten sind von Juli bis November im Laden der Verkaufsschlager. Und auch die anderen Läden, die sie beliefert, verlangen nach den Tomaten. »Meine Haferwurzeln hingegen blieben ewig liegen«, wundert sich die Gärtnerin, die jedes Jahr ein anderes »altes« Gemüse anpflanzt. »Es dauerte lange, bis die Leute im Maiskolben sie annahmen, obwohl sie besser schmecken als Schwarzwurzeln.« An die Speisemelde hat sich Dörte Fichtner, Lehrerin und Lerntrainerin und erst seit einem halben Jahr Coop-Mitglied, schon gewöhnt. Sie stapelt sie inzwischen statt Spinat in ihre Lasagne und findet den Geschmack würziger. Insgesamt liefert Beate über zwanzig Sorten Feingemüse, zwanzig Sorten Salat und fünfundzwanzig verschiedene Kräuter an den Maiskolben. »Ich habe immer im Hinterkopf, dass der Maiskolben eine gute Rundumversorgung braucht.«</p>
<p>Der Maiskolben legt seit jeher Wert auf den Kontakt mit den Produzentinnen und Produzenten auf dem Land. Früher wurde noch viel mehr hinausgefahren und geholfen. 1993 pachtete der Maiskolben sogar einmal eine Kuh. Doch die Zeiten des großen Engagements sind vorbei. Heute klappen gemeinsame Landpartien eher selten. Neben Beates Tomatenaktion im Mai findet im Oktober das Sauerkrautfest beim zweiten Direktproduzenten des Maiskolbens statt, dem Demeterhof von Antje, Volker und Axel Bielenberg. »Wir haben sechzig Welsh-Black stehen, robuste Fleischrinder, für die wir selbst Futter anbauen«, erklärt Axel Bielenberg. Außerdem wird dort Gemüse gezogen. Familie Bielenberg beliefert die Coop bereits seit elf Jahren mit Kartoffeln, Eiern, Fleisch und Grobgemüse, wie Möhren, Lauch, Sellerie, Steckrüben und verschiedenen Kohlsorten. Beim Sauerkrautfest dürfen alle, die zum Helfen gekommen sind, nebenbei auch ihr eigenes Kraut schneiden und einlegen. Ein paar Wochen darauf gelangen Tüten mit fertigem Sauerkraut in den Maiskolben. Wer fürs Selbermachen keine Zeit hatte, kann das Gesäuerte dann fertig kaufen. »Wir beliefern auch andere Läden und Marktstände. An den Maiskolben könnten wir weit mehr abgeben«, meint Bauer Axel.</p>
<p>»Sie schmecken wie Frucht und Gemüse zugleich«, schwärmt eine Kundin im Laden und steckt sich eine kugelrunde Tomate in den Mund. »Sie sind knackig und haben die ideale Größe für den schnellen Biss.« Dörte Fichtner öffnet gerade eine Kiste mit Paprika. Sie wartet auf ihre Mithelferin, denn alleine ist ein Ladendienst kaum zu schaffen. Die Ware, die vorher von den Lieferantinnen und Lieferanten im Laden abgestellt wurde, muss durchgezählt werden. Dann wird der Preis ausgerechnet, das ist der Lieferpreis plus ein kleiner Aufpreis für eventuelle Verluste. Alles wird ordnungsgemäß aufgeschrieben und aufgestellt. »Nur viermal die Woche ist unser Laden für ein paar Stunden zur Warenverteilung geöffnet. Da ist manchmal die Hölle los«, meint Lehrerin Fichtner. »Es hat Mühe gekostet, mich auf die wenigen Öffnungszeiten einzustellen. Dann folgte aber sehr schnell, dass ich gar nichts mehr im Supermarkt kaufte.« Da alles selbst gemacht wird, ist es hier billiger als in anderen Bioläden.</p>
<h4>Genuss ohne Gewinn</h4>
<p>Im Maiskolben wird die Ware bezahlt wie in normalen Geschäften, das Geld wird aber direkt weitergereicht in die Hände der Bäuerinnen und Bauern – der Maiskolben macht keinen Gewinn. Sieben Kleingruppen bilden den Kern der Coop, auf sie sind alle Mitglieder verteilt. Wer »aktiv« ist, und das sind die meisten, übernimmt regelmäßig Laden– und Putzdienste. Wer zu viel Stress hat, kann für eine Weile »passiv« werden und zahlt dafür etwas mehr. Es gibt sogar eine Art Dienstplan, eine Liste mit Öffnungszeiten und Putzterminen, die per E-Mail verschickt wird. Der Plan liegt auch vor Ort aus. »Einige haben keinen Computer, sie holen sich die Infos im Laden ab.« Dörte Fichtner hilft außerdem regelmäßig beim Auspackdienst. »Während wir die über den Großhandel bestellten Trockenprodukte auspacken, unterhalten wir uns über Koch­rezepte. Das Kommunikative ist das Beste, das macht für mich den größten Reiz des Ladens aus.«</p>
<p>Der Maiskolben zog ein Jahr nach Gründung 1983 in einen Eckladen in der Bremer Neustadt. Selbstorganisation war von Anfang an für alle das Hauptkriterium. Früher gehörten die Räume zu einer Metzgerei, die alten Fenster und hübschen Kacheln wurden nie ersetzt. Ein kunstvolles Buntglasschild mit dem Namenszug »Maiskolben« hängt im Schaufenster. Ist es der vegetarisch-veganen Fraktion unangenehm, dass es an diesem Ort früher nur Fleisch gab und heute noch ein Kühlschrank mit Fleischwaren gefüllt ist? »Hier ist alles säuberlich getrennt. Wir haben auch einen Kühlschrank für vegane Produkte und zwei für Milchprodukte«, erzählt Dörte. Aus den Fleischer­ladenzeiten stammt der kühle Tiefkeller. In den beiden oberen Verkaufsräumen stehen Regale mit Trockenprodukten, daneben vier Kühlschränke und eine Käsetheke, im mittleren Keller ein Gefrierschrank. Der Tiefkeller dient der Kühlung von Gemüse und Obst. Dörtes Dienst ist beendet, sie schleppt die Kisten hinunter. Die Kunst der Kühlpflege hat sie wie alle irgendwann gelernt. Je nach Gemüse muss unterschiedlich feucht abgedeckt werden. Wie, steht auf diversen Schildern an der Wand.<br />
<strong></strong></p>
<h4>Alles wirkt chaotisch und klappt doch</h4>
<p>Gärtnerin Beate und die Bielenbergs kommen einmal im Jahr zur Hauptversammlung oder auf eine der monatlichen Mitgliederversammlungen. Dort wird erzählt, was gut und was schlecht läuft. Zur Versammlung schicken alle Kleingruppen Delegierte. Beate Hübener-Schröder erwähnt auf einer Versammlung, dass sie den Maiskolben schon seit fünfundzwanzig Jahren beliefert. »Wie wäre es im Herbst mit einem Fest bei mir draußen zur Feier unserer Zusammenarbeit?« Beates Vorschlag wird angenommen. Eine Liste wird aufgehängt, damit sich einträgt, wer kommen möchte. Bis zum Tag vor dem Termin stehen darauf nur drei Personen. »Bis zuletzt wusste Beate nicht, wieviele sie erwarten kann und ob auch alle etwas zu Essen mitbringen«, erzählt ein Uraltmitglied. Schließlich erschienen die Mitglieder doch zahlreich. Das sei typisch für den Maiskolben: »Alles wirkt erstmal chaotisch, dann klappt es doch.«</p>
<p>»Das Fest bei Beate war wunderschön«, schwärmt Dörte Fichtner. »Erst stürzten wir uns auf das Kuchenbuffet im Gewächshaus, dann bin ich noch durch den gigantischen Tomatenwald geschlichen. Wieder roch es nach Tomaten und Dung. Später aßen wir auf der Wiese vor Beates Blumenbeet, viele hatten etwas zu essen mitgebracht. Dann erklärte sie uns, wie sie ihr Gemüse anbaut. Ich war erstaunt, dass sie für all unser Gemüse nur einen halben Hektar bewirtschaftet.« Abends zündeten die Gäste aus der Stadt ein Lagerfeuer an, und einige machten Musik. Manche hatten zum Übernachten Zelte mitgebracht.</p>
<p>Beate könnte von den achtzig Hektar des schwiegerelterlichen Hofs mehr für ihren Salatgarten nutzen, schafft es aber zeitlich nicht. »Eines Tages könnte hier auf dem Hof meines Mannes ein echter CSA-Hof entstehen.« Noch wird der Großteil konventionell bewirtschaftet, die Ställe sind verpachtet. »Aber für die Zeit, wenn mein Mann in Rente geht, habe ich schon einen Interessenten. Ich will dann noch ein paar Jahre mit ihm im CSA-System mitmachen. Wenn es klappt, bis zu meiner eigenen Rente«, sagt die 53-Jährige. Sie ließ sich in den vergangenen Jahren von vielen Gemeinschaftshöfen nach dem Modell der »Community Supported Agriculture« im In– und Ausland inspirieren. »Zwischendurch war ich mit meinem kleinen Salatgarten regelrecht verzweifelt, weil ich mich mit der Gemüsewirtschaft so allein fühlte und auf keinen grünen Zweig kam. Seit ich 2001 in die Lehrtätigkeit der freien Ausbildung für biologisch-dynamischen Landbau geraten bin, geht es mir ein wenig besser.« Eine komplette staatliche Ausbildung für biologischen Landbau gibt es in Deutschland noch nicht. Die vom Demeter-Verband durchgeführte Ausbildung mit staatlich anerkanntem Betriebsleiterinnen-Status läuft zur Zeit nur in Zusammenarbeit mit den Niederlanden. Bisher ließ sich niemand vom Maiskolben zur Biobäuerin oder zum Biobauern ausbilden. Dafür gingen im vergangenen Sommer Schulpraktikantinnen aus dem Maiskolbenumfeld für ein paar Wochen in den Salatgarten.</p>
<p>Könnte sich der Maiskolben mit CSA auf eine von Verbauchern und Produzenten gemeinschaftlich getragene Bewirtschaftung einstellen? Das wurde noch nicht diskutiert, und eine Entscheidung wird auf sich warten lassen. Denn eine Konflikt­linie im Laden läuft entlang der Entscheidungsstrukturen. Seit ein paar Jahren gilt das Konsensprinzip. Und das ist vielen zu langwierig. Warum, so steht in einem Protokoll zu lesen, wird alles rauf und runter besprochen, nur um später erneut diskutiert zu werden?</p>
<p>Dennoch werden Regionalität und Produktpalette bald wieder Thema sein. Auf der vergangenen Jahreshauptversammlung bemängelte die Person, die die Bilanzen ausrechnet, dass immer weniger Frischware aus Direktbezug im Laden umverteilt wird. Der Rest kommt vom Bio­­großhandel. ­Darin sind sechs landwirtschaftliche Betriebe aus der Umgebung Bremens organisiert, insofern ist auch diese Ware regional – ein Grundprinzip des Maiskolbens. Über den Großhandel kann allerdings auch überregionale Ware bestellt werden, wie Zitrusfrüchte oder Auberginen im Winter.<br />
<strong></strong></p>
<h4>Wie regional, wie saisonal?</h4>
<p>Vor vielen Jahren wurde ausführlich diskutiert, wieviele Produkte aus Übersee akzeptiert werden. Der Kompromiss: Pro Woche darf jedes Mitglied vier überregionale Lebensmittel ordern. Außerdem sollen wegen der Kinder und der Vitamine immer Bananen und Zitronen vorrätig sein. Zur Erleichterung der anstehenden Diskussionen brachte jemand die Technik der Handzeichen ins Spiel. Gesten statt Worte ist da das Prinzip. Zur Einführung gab es vor einer Mitgliederversammlung schon mal einen »Wedelworkshop«. Vielen sind die Handzeichen fremd, sie finden sie überflüssig.</p>
<p>Trotz aller Konflikte geht der Maiskolben nicht baden. Warum, das kann niemand so genau sagen. Von den Allerersten ist niemand mehr da, die Mitgliederzahl ist beständig im Fluss. Nur zwei, drei Leute beteiligen sich seit über zwanzig Jahren am Maiskolben. Vielleicht reizt gerade das: Wer mag, wird nett aufgenommen und kann jederzeit neue Ideen einbringen. Wer nicht mehr mag, kann sich ohne Drama verabschieden. Das Ergebnis: Viele kommen, viele gehen. Das Wissen bleibt.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken. anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/598-Altmodisch_und_erfahren.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 12/2012</a></em></p>
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		<title>Sekem, Das Wunder in der Wüste</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/11/03/sekem-das-wunder-in-der-wuste/</link>
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		<pubDate>Wed, 02 Nov 2011 23:43:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In Ägypten, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, ist die Wüste zum Leben erwacht. Der Ägypter Ibrahim Abouleish hatte eine Vision und schaffte es – obwohl es undenkbar schien – sie zu verwirklichen. Kairo Flughafen, gegen 22 Uhr. Warme Luft schlägt mir entgegen, als ich nach stundenlanger Suche endlich  meine Tante gefunden habe und wir [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3531" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Eingang-von-Sekem2.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3531 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Eingang-von-Sekem2-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Eingang von Sekem</p></div>
<p><em>In Ägypten, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, ist die Wüste zum Leben erwacht. Der Ägypter Ibrahim Abouleish hatte eine Vision und schaffte es – </em><em>obwohl es undenkbar schien – sie zu verwirklichen.</em></p>
<p><em>Kairo Flughafen, gegen 22 Uhr.</em> Warme Luft schlägt mir entgegen, als ich nach stundenlanger Suche endlich  meine Tante gefunden habe und wir das Kairoer Flughafengebäude verlassen können. Vor uns erstreckt sich der Parkplatz – eine in alle Richtungen kriechende Masse von Autos und rufenden Stimmen. Nur durch glücklichen Zufall dauert es nicht allzu lange, bis wir unseren Fahrer im Gewühl finden. Auf geht es nach Sekem!</p>
<p>Trotz der Dunkelheit kann man deutlich die trockene Wüstenlandschaft erkennen, die sich zu beiden Seiten der Straße austreckt. Kaum sieht man etwas Grünes, nur Müll liegt überall herum. Nach einer reichlichen halben Stunde verlassen wir die Autobahn und fahren auf einer schmaleren Straße weiter. An den Seiten erstrecken sich Farmen, von Lehmmauern vor wilden Hunden und anderen ungebetenen Eindringlingen geschützt. „Vor 20 Jahren war hier nichts als Sand“ fängt meine Tante Johanna an zu erklären, „es gab noch nicht einmal eine Straße. Auch die anderen Farmen entstanden erst viel später – als die Leute sahen, was an diesem Ort möglich ist.“</p>
<div id="attachment_3536" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Ibrahim-Abouleish.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3536  " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Ibrahim-Abouleish-225x300.jpg" alt="" width="150" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Ibrahim Abouleish, Gründer von Sekem</p></div>
<p>Als der Ägypter Ibrahim Abouleish 1977 nach einem 21-jährigen Aufenthalt in Europa in sein Heimatland zurückkehrte, hatte er  eine Vision: inmitten der Wüste eine Oase zu schaffen, in der Menschen aller Nationen und Kulturen auf der Grundlage eines ganzheitlichen Entwicklungsansatzes leben und arbeiten können.</p>
<p>Etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo begann er, einen Brunnen zu bohren, um den trockenen heißen Sandboden mit biologisch dynamischer Landwirtschaft zu kultivieren. Eine Art der Landwirtschaft, die in Ägypten bis dahin gänzlich unbekannt war. Mit Hilfe von europäischen und ägyptischen Freunden verwandelt er so die Wüste Schritt für Schritt in Kulturlandschaft.</p>
<p>Getragen von der Idee, neue Impulse für Wirtschaft, Kultur und Soziales zu setzen, nannte er seine Initiative Sekem, was aus der alten ägyptischen Hochkultur stammt und „Lebenskraft der Sonne“ bedeutet.</p>
<p>Wenn man Sekem sieht, ist es kaum vorstellbar, dass hier vor 30 Jahren nichts als Wüste war. Die Schutzmauer ist wie eine Grenze zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite die endlose Straße und der staubige Sand, auf der anderen Seite der Garten Eden. Grüne Bäume, farbenprächtige Blumen, Ordnung und Sauberkeit. Im Gegensatz zu Kairo wirkt dieses Bild fast unreal. Lila und weiß blühende Bouganville heben sich von den weißen Häusern ab, Bitterorangenbäume zieren den Wegesrand und an der Seite erstreckt sich ein kleines Guavenhain. Die Schönheit dieses Ortes ist überwältigend.</p>
<p>Was mit 70 Hektar schlechter Bodenqualität und schwieriger Wasserversorgung begann und was am Anfang ein Traum war, dessen Umsetzung nichts als ein Problem nach dem anderen brachte, ist heute eine strukturierte und durch Institutionen begründete Einheit von Wirtschaft, Kultur und Sozialem. Ein nachhaltiges Entwicklungsmodell, das als Vorzeigemodell für Ägypten und die ganze Welt dient.</p>
<h4>Nachhaltig wirtschaften für Bildung und Kultur</h4>
<div id="attachment_3537" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Naturetex-Siebdruck.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3537 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Naturetex-Siebdruck-225x300.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Naturetex Siebdruck</p></div>
<p><em>Naturetex, nächster Morgen.</em> Alle Köpfe heben sich, als Frau Marienfeld zusammen mit mir die Puppenwerkstatt der Firma Naturetex betritt. Köpfe werden zusammengesteckt und kurz wird getuschelt, dann wird weitergearbeitet. Zielstrebig geht Ingebourg Marienfeld durch die Werkstatt. „Wir haben damals mit Nachthemden, Schlafanzügen und T-Shirts angefangen“ erzählt sie und kontrolliert nebenbei an jedem Platz stichprobenartig die Arbeit der Näherinnen. Vor 23 Jahren war sie eine derjenigen, die das damalige „Conyworks“ mit aufbaute. Ihr größter Stolz sind die Puppen. Unzählige unterschiedliche Puppen, Tiere und sogar Gemüse hat sie schon entworfen – Schnitte, die anschließend in großen Mengen genäht und verkauft werden. Der größte Teil wird nach Amerika und Europa exportiert und beispielsweise in Deutschland an die Marken „Hess Natur“ oder „Alana“ verkauft, welche man in jedem dm-Drogeriemarkt findet. Neben den Puppen wird hauptsächlich Babykleidung hergestellt – nur wenige Entwürfe für  den Lokalmarkt findet man auch in Erwachsenengrößen.</p>
<p>Alle Produktionsschritte finden auf Sekem statt, vom Anbau der Baumwolle über das Bedrucken bis hin zum Zuschneiden und Nähen. Frau Marienfeld führt mich durch all die unterschiedlichen Werkstätten und kritisiert zwischendurch immer wieder ungeduldig Ungenauigkeiten bei den Arbeiten. „Man muss sie trotzdem lieb haben“ schließt sie ihren Rundgang mir zugewandt ab und lächelt.</p>
<p>In den Wirtschaftsunternehmen Sekems – Obst– und Gemüseanbau, Baumwollfelder, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Textilindustrie und Heilmittelherstellung – arbeiten insgesamt über 2.000 Menschen. Sie bilden die „Sekem-Gemeinschaft“. Die erwirtschafteten Gewinne werden nach Rückstellung einer Altersversorgung überwiegend in Bildung und Kultur investiert. Das Bildungsprogramm umfasst Kindergarten, Schule, Berufsschule, berufliche Ausbildungsbetriebe und sozial-kulturelle Einrichtungen für die Mitarbeiter. Auch eine heilpädagogische Einrichtung ist vorhanden. Außerdem gibt es das Medical Center für die medizinische Versorgung und die Sekem-Akademie für nachhaltige Entwicklung. Auch eine Universität ist in Planung. Der Grundsatz von Sekem ist „Lernend arbeiten und arbeitend lernen.“ Alle Mitarbeiter bekommen die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich durch kontinuierliche und professionelle Weiterbildungen und Teilnahme an Kursen in künstlerischen Fächern weiterzuentwickeln.</p>
<h4>Ökologischer Wegbereiter für das ganze Land</h4>
<p><em>Lotus, früher Nachmittag.</em> Die Sonne scheint erbarmungslos — kein Wölkchen ist am strahlend blauen Himmel zu sehen. Überall laufen Bewässerungsanlagen und benetzen die Pflanzen mit dem kostbaren Nass. „Selbst wenn alles schon grün ist, man kann nie aufhören mit der Bewässerung“, sagt Angela.  „Wer denkt, dass es irgendwann anfängt sich selbst zu regulieren, täuscht sich.“ Angela ist eine der ersten deutschen Mitarbeiter der Farm und kam kurz nach den ersten Kühen – vor 30 Jahren – nach Ägypten.</p>
<div id="attachment_3538" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/DSCI0589.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3538 " title="Ein Bauer auf der Sekem Farm" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/DSCI0589-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Auf der Sekem Farm wird biologisch dynamischer Landwirtschaft betrieben</p></div>
<p>Auf der Sekem Farm findet man hauptsächlich Luzerne, Futterhirse für die Kühe und Guavenbäume. Der Großteil des Kuhfutters, wie auch Kräuter, Obst und Gemüse werden jedoch auf angrenzenden, zu Sekem gehörenden Farmen angebaut. Die Kräuter werden zur Tee– und Arzneimittelherstellung verwendet und auch Obst  und Gemüse werden vielfältig weiterverarbeitet.</p>
<p>Die Tiere befinden sich gegenüber der Hauptfarm auf dem Gelände der Firma Lotus. Dattelbaumwedel schützen vor der prallen Sonne, jedoch nicht vor den Fliegen. Einzelne Kuhreiher sitzen zwischen den großen Tieren und picken ihnen die lästigen Insekten aus dem Gesicht. Die Kühe sind ein wichtiger Bestandteil von Sekem – sie liefern nicht nur Milch und Fleisch, sondern auch wertvollen Kompost. Ohne die Kompostwirtschaft wäre es unmöglich, den sandigen Wüstenboden landwirtschaftlich zu nutzen. Nur mit dem Dung der Kühe kann ein kontinuierlicher Aufbau der Bodenfruchtbarkeit entstehen.</p>
<p>Neben den Kühen gibt es auch noch Schafe, Bienen, Tauben, Esel und zwei Pferde.</p>
<p>Selbst die Bäume der Farm haben ihre unverzichtbare Aufgabe. Sie schützen vor Wind und den damit verbundenen Sandstürmen, spenden Schatten und halten die Feuchtigkeit nah an der Oberfläche. Alles ist in einem Kreislauf miteinander verbunden.</p>
<p>Seit die biologisch dynamische Landwirtschaft durch Ibrahim Abouleish erstmals nach Ägypten kam, hat sich viel getan. Denn Sekem konzentriert sich nicht nur auf Wachstum und Gedeihen der eigenen Farmen, sondern setzt sich für Nachhaltigkeit im ganzen Land ein. Durch viel Einsatz und Überzeugungskraft ist es inzwischen verboten, Pestizide mit Flugzeugen über den Feldern zu verteilen. Allein für die Baumwolle wurden jährlich 35 Tonnen Pestizide aus der Luft gespritzt, welche nicht nur die Baumwollfelder, sondern auch Dörfer und Flüsse trafen, was zu Krankheiten und Seuchen führte.</p>
<p>Viele staatseigene Flächen werden seitdem mit ökologischen Pflanzenschutzmethoden behandelt, so dass sich seitdem auch außerhalb von Sekem Naturland entwickelt. Über 850 Farmen in ganz Ägypten sind heute bereits Mitglied der „Egyptian biodynamic association“ (EBDA), welche den Landwirten mit Rat und Tat zur Seite steht und die Weiterentwicklung biologisch-dynamischer Landwirtschaft wissenschaftlich vorantreibt. Außerdem ermutigte Sekem die Gründung des Zentrums für biologischen Landbau in Ägypten. Und auch außerhalb des Landes werden die Ansätze Sekems immer wieder vertreten, um für eine nachhaltigere Welt zu kämpfen.</p>
<p>Für Ägypten ist wichtig, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für die Umwelt steigt. Und auch das Einkommen der Menschen muss steigen, damit sich nicht nur der reichere Teil der Bevölkerung Bio-Produkte leisten kann.</p>
<h4>Eine Schule für Bewusstsein und Gemeinschaft</h4>
<p><em>Waldorfschule Sekem, nächster Vormittag.</em> Freudig werde ich von dem Kunstlehrer Tamer begrüßt, als ich das Schulgebäude erreiche. Voller Motivation führt er mich durch die Schule.</p>
<p>Die Gemeinschaft und das Bewusstsein für die Mitmenschen und die Umwelt sind hier das Wichtigste. Die Schüler können durch Praktika in den Betrieben erleben, wie alles miteinander zusammenhängt und haben die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. „Die Schüler lernen die Zusammenhänge. Wir stellen Marmelade mit ihnen her und sie lernen, wie viel man wozu braucht, wie viel es kostet und was alles dazugehört.“</p>
<p>Ein Schwerpunkt der Waldorfschule ist die Kunst. „Wir machen viel mit Ton und Holz, praktische Arbeiten. Damit es einen Ausgleich gibt zwischen Theoretischem und Praktischem. Damit sie die Dinge nicht nur hören, sondern auch durch Riechen und Fühlen erleben. Das sind alles Dinge, die sie später brauchen werden.“ Regelmäßig gibt es auch Theater– und Chorprojekte mit anschließenden Aufführungen. Mit all dem stellt die Schule den reinsten Gegensatz zum regulären Schulsystem in Ägypten dar — „dort wird einfach nur auswendig gelernt“. Doch nicht nur die Schule, „Sekem und Ägypten – das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen“, sagt Tamer.</p>
<p>Auch die Lehrer lernen durch Sekem ganz neue Bereiche kennen. „Dadurch fängt ein Mathematiker manchmal an, plötzlich etwas ganz anderes zu machen“, sagt Tamer und lacht. Mahmoud von der Heilpädagogischen Einrichtung stimmt dem zu „Ich kann hierher, um mit den Behinderten zu arbeiten. Dann habe ich das Theater kennengelernt und jetzt leite ich auch Projekte im Theater.“ Außerdem gibt es für die Lehrer Weiterbildungen in den unterschiedlichsten Bereichen. „Ich konnte vorher kein Englisch, aber jetzt kann ich es, weil die Weiterbildungen auf Englisch waren“, sagt Tamer und strahlt.</p>
<p>Er führt mich weiter in die Kunstwerkstatt. „Wichtig ist, dass nicht ein Schüler Erfolg hat, sondern die Gruppe hat Erfolg.“ Durch das Arbeiten in Gruppen kann auch ein neues Gemeinschaftsgefühl entstehen. Stolz präsentiert  er mir ein Relief aus Ton, was viele Schüler gemeinsam gearbeitet haben.</p>
<p>Genauso wichtig ist, dass auch Sachen für andere Menschen gemacht werden. „Wenn die Marmelade fertig ist, dann verschenken wir sie. Hier ist eher üblich: Das habe ich, das gehört jetzt mir. Das Teilen, einfach so etwas den Anderen zu geben und auf die Anderen zu schauen, ist ganz wichtig für die Zukunft des Landes.“ In staatlichen Schulen wird kein Wert auf solche Sachen gelegt.</p>
<p>Später bin ich mit Emam, einem Englischlehrer unterwegs. „Die Putzfrauen sind genauso wichtig wie die Lehrer“ sagt er und grüßt die Frau, die uns entgegenkommt. „Sie ist genauso wichtig wie ich, denn wenn sie nicht da ist, dann ist alles ganz dreckig, dass soll ja nicht sein. Wenn sie nicht da ist, dann kann auch ich das Zimmer putzen. Es ist mein Klassenzimmer, mein Haus, also muss ich es sauber halten.“</p>
<p>Auch den Schülern soll dieses Verantwortungsgefühl nahegebracht werden. Denn in Ägypten hält zwar jeder seine Wohnung ordentlich und sauber, aber für die Straße vor dem Haus ist niemand verantwortlich. Auf Sekem soll nichts unnötig herumliegen, verschmutzen und unbrauchbar werden.</p>
<p>Jeden Donnerstag gibt eine Wochenabschlussfeier der Schule, bei welcher verschiedene Klassen etwas aus dem Unterricht vorführen. Anschließend treffen sich dann alle Menschen von Sekem, um die Woche gemeinsam zu beenden.</p>
<p>Mahmoud nimmt mich mit zur Heilpädagogischen Einrichtung. Hier werden Kinder und Erwachsene entsprechend ihrer Fähigkeiten in die Farmbetriebe integriert und individuell gefördert. „Abgesehen von Sekem haben Behinderte nicht viele Möglichkeiten in Ägypten“ erzählt Mahmoud. „Deswegen habe ich auch in meinem Dorf noch eine Behindertenwerkstatt gegründet.“ Auf Sekem leben derzeit 28 Behinderten ab sechs Jahren. „Wir bilden sie hier aus, damit sie dann wo anders arbeiten können.“ Auch hier spielen Theaterprojekte, Musik und Eurythmie eine wichtige Rolle.</p>
<p>Als wir ankommen ist eine Gruppe gerade damit beschäftigt, bunte Ketten für den Ramadan zu basteln, mit denen später die Häuser geschmückt werden. Eine andere Gruppe ist dabei, Holzautos zu schleifen. Achmed kehrt vor dem Haus, Mariam gießt die Blumen und Mustafa möchte mit seinem Holzauto unbedingt von mir fotografiert werden. Sofort ist man mitten drin in der Gemeinschaft. Ich helfe beim Basteln der Ketten, lasse Mariam freudestrahlend mit der Kamera Fotos schießen und gehe anschließend mit Mahmoud in die Küche, wo er mir zeigt, wie man die typisch ägyptische Tameya zubereitet.</p>
<p>Immer wieder komme ich auch später hier vorbei, denn es ist ein Ort, wo man stets willkommen ist.</p>
<h4>Gesundheit für alle</h4>
<p><em>Medical Center, kurz vor neun Uhr morgens. </em>Als Johanna das Medical Center betritt, ist noch nicht viel los. Einige Krankenschwestern laufen herum und bereiten die tägliche Arbeit vor. Trotz des für ein Krankenhaus verhältnismäßig  kleinen Gebäudes, scheinen alle Ärzte hier einen Platz zu finden – der Augenarzt, der Gynäkologe, der Hautarzt, die Physiotherapeutin, der Chirurg, der Zahnarzt usw.. Es gibt ein Labor, ein Röntgengerät, einen Operationsraum und vieles mehr. Im Gegensatz zu einem deutschen Krankenhaus scheinen all die Geräte etwas wahllos in den Räumen verteilt, doch für Ägypten ist es ein Ort höchster Qualität. Denn  steril es ist vielleicht nicht, aber es ist sauber!</p>
<div id="attachment_3540" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wartende-Patienten-im-Medical-Center.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3540 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wartende-Patienten-im-Medical-Center-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Wartende Patienten im Medical Center</p></div>
<p>Neben den Mitarbeitern werden hier jährlich auch rund 40.000 Menschen aus der Umgebung versorgt. „Es gibt sogar Patienten, die kommen extra aus Kairo hierher, denn sie merken, dass hier anders behandelt wird“, meint Johanna. „Zum Beispiel die Physiotherapie ist hier in Ägypten eigentlich eher ein Muskeltraining. Die Leute werden an Geräte gesetzt, die ihnen helfen sollen. Am Anfang waren sie ganz misstrauisch und haben nicht verstanden, wie ich Physiotherapie ohne Geräte machen will. Inzwischen habe ich so viele Patienten, dass ich unbedingt noch einen zweiten Physiotherapeuten brauche.“ Sie lacht und schließt ihren Behandlungsraum auf.</p>
<p>Eine weitere Besonderheit ist, dass bevorzugt mit pflanzlichen Heilmitteln, auch aus eigener Produktion, gearbeitet wird. „Vor allem, wenn Mütter mit kranken Kindern kommen, ist das sehr schwer zu vermitteln. Sie wollen Antibiotika und starke Medikamente haben und nicht irgendwelche unbekannten homöopathischen Sachen.“ Johanna seufzt. „Sie haben selbst bei einem einfachen Fieber Angst um das Leben ihrer Kinder, da die Kindersterblichkeit hier immer noch sehr hoch ist.“</p>
<p>Da die homöopathische Medizin in Ägypten kaum verbreitet ist, scheitert das Verschreiben solcher Mittel auch oft schon an den Ärzten. Diese sind zum Großteil selber Schulmediziner und verschreiben lieber die ihnen bekannten Antibiotika und auch andere Medikamente in großen Mengen. Selbst das Anmelden von alternativen Heilmitteln ist in Ägypten unglaublich kompliziert, so dass viele der homöopathischen Medikamente nicht rechtlich nicht zugelassen sind.</p>
<p>Betritt man den Medical Center durch den Haupteingang, so befindet man sich in einem an den Rändern überdachten Innenhof, der gleichzeitig als Wartezimmer dient. Wild wachsen einige Blumen und Büsche in der Mitte vor sich hin. Noch sind nicht viele Menschen da. Da es keine Terminplanungen mit Voranmeldungen gibt, kommt jeder Patient einfach zu Zeiten, wo der benötigte Arzt da ist und wartet solange, bis er dran kommt.</p>
<p>Johanna hat drei Preise für ihre Patienten. Die ganz Armen behandelt sie für 10–20 ägyptische Pfund (etwa 1,50€ bis 3€), was für diese immer noch viel Geld ist. Dann gibt es die normal Verdienenden. Und dann die Reichen. Von denen gibt es nicht sehr viele, aber ihr Preis ist so angehoben, dass sie im Prinzip für die Ärmeren mit bezahlen. Sonst würde das nicht funktionieren.</p>
<p>Inzwischen sind auch einige Patienten versichert. Sie müssen kaum etwas für Medikamente und Behandlung zahlen, das Meiste zahlt die Versicherung, was aber auch nicht sehr viel ist. So gibt es auch drei Apotheken auf Sekem. Eine für die Versicherten, eine für die anderen Patienten und eine rein homöopathische Apotheke.</p>
<p>Johanna möchte gerne Kindergruppen gründen, wo sie mit kleinen Übungen das Körpergefühl und damit verbunden das Selbstbewusstsein und die Beweglichkeit trainiert. Denn durch die stetige Hitze bewegt sich keiner mehr als er muss. Natürlich spielen auch in diesem Land die Jungs Fußball, doch die Mädchen legen ihre langen Röcke und Kopftücher nicht einmal im Sportunterricht in der Schule, geschweige denn beim Schwimmen in Meer ab.</p>
<h4>Ein Ritual für das Zeitgefühl</h4>
<div id="attachment_3542" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wöchentlicher-Abschlusskreis-aller-Menschen-auf-Sekem.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3542 " title="Wöchentlicher Abschlusskreis aller Menschen auf Sekem" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/wöchentlicher-Abschlusskreis-aller-Menschen-auf-Sekem-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Wöchentlicher Abschlusskreis aller Menschen auf Sekem</p></div>
<p>In Ägypten herrscht ein anderes Zeitgefühl. Was man heute nicht schafft, wird – „Inschah Allah“, wenn Allah will — morgen gemacht. Ansonsten noch später oder eben auch gar nicht.</p>
<p>Da eine Institution wie Sekem so nicht funktionieren kann, treffen sich die Mitglieder in allen Betrieben und auch den sozialen Einrichtungen Sekems jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit zum Morgenkreis.</p>
<p><em>9 Uhr.</em> Alle Mitarbeiter des Medical Centers stehen in einem Kreis. Der Kreis ist bewusst gewählt, da alle auf einer Höhe stehen und keiner durch eine besondere Position zum „Oberhaupt“ wird. Ein Zeichen, dass alle Menschen gleich sind, egal, wer der Chef ist.</p>
<p>Johanna ruft einen Namen auf, die Antwort ist das heutige Datum. Der nächste von Johanna aufgerufene Name antwortet mit dem Datum des Islam, dessen Zeitrechnung etwa 600 Jahre nach dem des Christentums begann. Eine dritte Person sagt schließlich den Wochentag mit dem dazugehörigen Planeten. Anschließend sagt jeder den Namen seines Gegenübers im Kreis, welcher daraufhin erzählt, was er gestern gemacht hat und was er heute machen wird.</p>
<p>„So werden alle bewusst in die Zeit geholt“ erklärt Johanna später. „Am Anfang war es für viele sehr schwer sich an Termine und Zeiten zu halten, aber es klappt immer besser.“ In jedem Betrieb wird der Ablauf des Morgenkreises etwas anderes gehandhabt, doch abschließend sprechen sie alle zusammen „Das Schöne bewundern, das Wahre behüten“ von Rudolf Steiner auf Arabisch und reichen sich dabei die Hände. Gemeinsam heben alle beim letzten Wort die Arme, bevor sich jeder an seine Arbeit macht.</p>
<h4>Eurythmie für Persönlichkeitsbildung und Teamwork</h4>
<p><em>Hator, später Vormittag.</em> Auf gebrochenem Englisch erklärt Wagi, einer der Eurythmiestudenten, wo wir hingehen und wer jetzt mit der Betriebseurythmie dran ist. Wir betreten das große Fabrikgebäude von Hator und gehen weiter in einen Raum, in dem mehrere Männer an Computern arbeiten. Wagi stellt mich kurz vor, bevor  wir die Treppe hinunter in eine Lagerhalle gehen. An den Seiten stehen verschiedene große Geräte und eingepackte Waren. In der Mitte ist ein großer Gang frei und auch der Platz ganz in der Mitte zwischen vier Säulen ist unbenutzt. „Hier werden wir Eurythmie machen“ sagt Wagi und bittet mich, kurz zu warten. Einen Moment später kommt er mit einem Hocker wieder. Nach und nach kommen sieben der mir kurz vorher vorgestellten Männer. Jeder von ihnen begrüßt mich persönlich, bevor sie sich alle in der Mitte zu einem Kreis stellen. Man muss gut zuhören, um zu hören, was neben dem Rattern der Ventilatoren gesagt wird.</p>
<p>Als sie hereinkamen, wirkten die Männer alle sehr ähnlich, doch als sie beginnen, Eurythmie zu machen, ist plötzlich jeder von ihnen verschieden. Man sieht es, wer das Ganze sehr ernst nimmt, wer sich durch den Zuschauer ein bisschen unwohl fühlt, und wem es nicht so leicht fällt, die Bewegungen auszuführen. Sie machen eine Übung mit Holzkugeln. Als ein Mann zwischendurch für einen Augenblick geht, lässt mich Wagi dessen Platz im Kreis einnehmen, denn nur mit acht Menschen funktioniert die Übung.</p>
<p>Ich verstehe weder die Anweisungen, noch den Text, doch ich gehe einfach und mache mit.</p>
<p>Überall auf Sekem spielt die, Anfang des 20.Jahrhunderts durch Rudolf Steiner entwickelte, tanzähnliche Bewegungskunst eine große Rolle. Die auf Sekem ihre Eurythmieausbildung absolvierenden Studenten unterrichten regelmäßig in Schule, Berufsausbildung, Heilpädagogik und Kindergarten. In den Betrieben gibt es jährlich ein bis zwei Eurythmiekurse, so dass jeder damit in Berührung kommt. Für die Mitarbeiter ist es inzwischen ein selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit und auch „Neulinge“ lernen die Eurythmie schnell zu schätzen. Während die Eurythmie in der Pädagogik die verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes begleitet, fördert die Betriebseurythmie soziale Fähigkeiten, Persönlichkeitsbildung, Kommunikation, Kooperation und Teamwork.</p>
<h4>Das Glück, in der Schule zu sein</h4>
<div id="attachment_3539" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Mohammed-übt-mit-den-Kamillekindern.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3539 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Mohammed-übt-mit-den-Kamillekindern-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Mohammed übt mit den Kamillekindern</p></div>
<p><em>Waldorfschule Sekem, Nachmittag.</em>Die Tür zur Aula öffnet sich und Mohammed, einer der Eurythmiestudenten, kommt herein, gefolgt von einem bunten Haufen Kinder – den Kamillekindern.</p>
<p>Den Kindern, die, bedingt durch ihre soziale Situation, keine Schule besuchen können, gibt Sekem die Chance, Teil des „Kamillekinderprojektes“ zu werden. Je nach Jahreszeit verrichten die Kamillekinder jeweils etwa einen halben Tag leichte Arbeiten auf der Farm und werden die restliche Zeit unterrichtet. So bekommen sie trotzdem noch die Chance auf einen Schulabschluss und eine anschließende Berufsausbildung. Je nach anfallender Arbeit auf dem Feld haben sie auch drei bis vier Mal in der Woche Eurythmie. Da im Sommer nicht so viel Arbeit erledigt werden muss, haben sie in dieser Zeit sogar vier bis sechs Wochen lang täglich Eurythmie.</p>
<p>Nach einer kurzen Ansprache verteilt Mohammed Kostüme, denn heute ist die Generalprobe für das Eurythmiestück „die Heinzelmännchen von Sekem“.</p>
<p>Voller Freude machen die Kinder Eurythmie und lassen sich auch nicht die Laune verderben, als Mohammed eine Stelle noch einmal mit ihnen üben muss, damit sie die Bewegungen zumindest Großteils gleich ausführen.</p>
<p><em>Waldorfschule Sekem, gegen 9 Uhr morgens</em>. Schon von weitem hört man die wild durcheinander gespielten Töne unterschiedlicher Instrumente. Trotz der Ferien sind etwa 20 Kinder und Jugendliche zurück in die Schule gekommen. Da die Ferien nach ein paar Wochen oft langweilig für sie werden, kommen sie und proben im Sommerorchester. Gespielt wird Geige, Cello, Flöte und Trommel. Auch ehemalige Schüler und Mitarbeiter von Sekem unterstützen das Projekt, wodurch sogar ein Kontrabass im Orchester vorhanden ist. Die Stimmung ist heiter. Jeder probt seine Stimme, während Ingrid, die Leiterin des Orchesters, herumgeht und die Instrumente stimmt. Wie jeden Morgen vor einer Probe sitzen Mahmoud und die Schülerin Isis sich gegenüber und unterhalten sich. Abdallah geht als erstes zum Klavier und klimpert mit zwei anderen Jungen wild mit den Tasten.</p>
<p>Es ist ein sehr bunter Haufen. Selbst bei laut mit geklopftem Takt spielt jeder sein eigenes Tempo und erst nach einer Weile schafft Ingrid es, die Stimmen halbwegs zusammenzubasteln. „Wahid, Talata, Wahid, Talata“ zählt sie laut den Fingersatz für die dritte Stimme der Geigen mit. Enthusiastisch spielen die Kinder drauf los, erneut nicht auf die anderen Stimmen achtend. Doch Probe für Probe klingt alles mehr zusammen und am Schluss wird alles aufgeführt oder sogar eine Musikkarawane durch die Betriebe gemacht, um allen ein kleines Konzert zu geben.</p>
<h4>Sekem und die Revolution – das Resultat einer Gemeinschaft</h4>
<p><em>Sekem Farm, Naturetex.</em> An einem Tisch sitzen vier Männer. Begeistert winken sie mich heran und fangen an, mich mit Fragen zu bombardieren „Wer bist du“ – „Wo kommst du her?“… Frau Marienfeld ruft mich bald weiter. „Das sind Lehrer der Sekem Schule. Eigentlich haben sie Ferien, aber durch die Revolution können sie keinen bezahlten Urlaub mehr nehmen. Sie können sich entscheiden, ob sie in der Zeit hier in den Betrieben arbeiten, oder unbezahlt Ferien machen. Die meisten können sich das aber nicht leisten.“</p>
<p>Auch Sekem hat die Revolution zu spüren bekommen. 40 Prozent des Inlandverkaufes sind zurückgegangen, wodurch auch der Umsatz abnahm. Gespart wird dadurch vor allem auf den beiden großen Außenfarmen auf dem Sinai, indem man verstärkt Pflanzen anbaut, die mit wenig Bewässerung auskommen, wie beispielsweise die Kaktusfeige.</p>
<p>Ein Schock für Sekem war vor allem aber die Inhaftierung von Helmy Abouleish, dem Sohn von Ibrahim Abouleish. Helmy Abouleish war bis Ende 2006 für ein Jahr Geschäftsführer eines internationalen Kooperationsprojektes (Industrial Modernization Centre, IMC). Das IMC sollte der ägyptischen Privatwirtschaft dabei helfen, nachhaltiger und wettbewerbsfähiger zu werden. Helmy Abouleish wurde nun – fälschlicherweise — vorgeworfen, er habe Sekem-Firmen während diese Zeit Fördergelder zukommen lassen. 100 Tage musste er dadurch im Gefängnis verbringen. In demselben Gefängnis, in dem die Söhne Mubaraks und andere angeklagte Regierungsbeamte untergebracht waren. Doch Angst hatte er niemals. „Diese Ruhe und Überzeugung, dass, was immer Allah für mich vorgesehen hat, mir vor allem eine Entwicklungschance bieten würde, hat mir sehr viel Kraft gegeben.“ Am 6. Juli 2011 wurde Helmy Abouleish entlassen –  verurteilt zu einem Jahr auf Bewährung und einer Strafzahlung. Voll Freude und Erleichterung wurde er auf Sekem empfangen.</p>
<p>Ibrahim Abouleish erzählte oft von einem Freund. Dieser hatte auch eine Firma aufgebaut und versucht, seine Mitarbeiter fair zu behandeln. Dr. Abouleish war immer etwas neidisch, denn diese Firma schien stets ein wenig erfolgreicher zu sein als das, was er auf die Beine stellte. Doch dann kam die Revolution. Und mit einem Mal wendeten sich die Mitarbeiter seines Freundes gegen ihn und zerstörten den ganzen Betrieb.</p>
<div id="attachment_3543" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Wohnhaus_1.jpg" rel="lightbox[3493]"><img class="size-medium wp-image-3543 " src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/11/Wohnhaus_1-300x225.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Sekem ist ein ganz besonderer Ort</p></div>
<p>Auch Sekem hätte so ein Schicksal drohen können. Doch die Mitarbeiter, welche teilweise ihr eigenes Zuhause schützen mussten, meldeten sich freiwillig, um auch Sekem zu bewachen und vor einer Zerstörung zu bewahren. Dies zeigt, neben vielen anderen Dingen, dass es in Sekem eine Gemeinschaft gibt, die von vielen gehalten wird und nicht so einfach zerstört werden kann. Eine Gemeinschaft, die auch durch das Geistige zusammengehalten wird.</p>
<p>Auf Sekem gehört alles zusammen. In der Landwirtschaft werden Kräuter angebaut, in der Pharmazie wird damit geforscht und in den Betrieben werden sie zu Verkaufsprodukten verarbeitet. Durch die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist Sekem mit der Natur im Einklang, durch die spezielle und faire Behandlung der Mitarbeiter auch mit der Gesellschaft. Und alle Menschen auf Sekem sind auf eine besondere Art und Weise verbunden – durch den Morgenkreis, die Eurythmie und vieles mehr.</p>
<p>Sekem ist ein ganz besonderer Ort.</p>
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		<title>Kollaborative Demokratie!</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 20:24:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gemeinschaftsbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Jascha Rohr schlägt vor, Bundestag und Bundesrat eine ­»Bundeswerkstatt« zur Seite zu stellen. Hier würde die ­Zivilgesellschaft zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Kunst in transparenten, offenen Prozessen ­Zukunftskonzepte entwickeln. Die Demokratien, in denen wir leben, sind die besten aller bisher verwirklichten politischen Systeme. Dazu stehe ich. Aber sie sind bestimmt nicht der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Jascha Rohr schlägt vor, Bundestag und Bundesrat eine ­»Bundeswerkstatt« zur Seite zu stellen. Hier würde die ­Zivilgesellschaft zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Kunst in transparenten, offenen Prozessen ­Zukunftskonzepte entwickeln.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires-1.jpg" rel="lightbox[2850]"><img class="alignright size-full wp-image-2855" style="margin-left: 10px;" title="Jascha Rohr schlägt vor, dem deutschen Bundestag und Bundesrat eine ­»Bundeswerkstatt« zur Seite zu stellen." src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires-1.jpg" alt="" width="200" /></a>Die Demokratien, in denen wir leben, sind die besten aller bisher verwirklichten politischen Systeme. Dazu stehe ich. Aber sie sind bestimmt nicht der Endpunkt der Geschichte, auch nicht die besten aller denkbaren Systeme, und schon gar nicht scheinen sie mir in der Lage, die drängenden Probleme unserer Zeit lösen zu können. Nur: Welches System könnte besser mit diesen Herausforderungen umgehen? Wahrscheinlich nur eines, das wir noch entwickeln werden, das wir noch nicht kennen und das uns sicherlich noch überraschen wird. Ich habe einen Arbeitstitel für dieses politische System. Ich nenne es die kollaborative Demokratie und das Projekt, um dorthin zu kommen, das »Hiddensee-Projekt«. Aber von vorne:</p>
<h4>Hiddensee</h4>
<p>Vom Leuchtfeuer »Dornbusch« auf Hiddensee aus hat man einen kollossalen Weitblick über die Insel Rügen und das vorpommersche Festland. Bis nach Stralsund kann man hier bei gutem Wetter sehen. Die Mischung aus Seeluft und der Blick in die Ferne machen den Geist weit und die Gedanken klar. Meine Partnerin Sonja Hörster und ich machten hier im Herbst 2008 Urlaub, nachdem wir ein Projekt im damaligen »HUB Berlin« – einem Co-Working-Projekt für soziale Unternehmerinnen und Unternehmer – begleitet hatten. Dabei hatten wir wieder einmal festgestellt, wie wichtig es ist, dass Menschen, die ein gemeinsames Problem lösen oder ein Projekt starten wollen, Beziehungen zum Kontext aufbauen: zu den Menschen, Orten, Ideen, Geschichten rundherum. Nur dann, so unsere Erfahrung, können starke, überzeugende und relevante Ideen entstehen. Diese Beziehungsarbeit zum Kontext ist nach wie vor unüblich. Heutige Planer, Gestalter und Konzeptentwickler sehen sich häufig außerhalb oder sogar über den Dingen stehend. Sie entwickeln Lösungen für Menschen und Orte, mit denen sie nicht oder nur vermittelt verbunden sind. Wahrscheinlich geschieht das auch aus Angst: Wer sich in etwas hineinbegibt, um es zu verändern, verändert dabei immer auch sich selbst. Wer jedoch keine Bindung zu den Dingen eingeht, die er verändern möchte, richtet meist mehr Unheil an, als zu Lösungen beizutragen.</p>
<p><em>These: Gelungene, positive Gestaltung benötigt die Bereitschaft aller Beteiligten, Bindungen einzugehen. So befruchten sich innere und äußere Veränderungen an der gleichen Auseinandersetzung.</em></p>
<p>Voll von diesen Gedanken, den Leuchtturm im Rücken, hatte ich die verrückte Idee, wie es wohl wäre, wenn nicht nur vereinzelte Projekte auf diese Weise organisiert wären, sondern dies auch auf die Politik eines Landes zuträfe. Was, wenn Menschen zusammenkämen, um sich tatsächlich selbst in intensive Auseinandersetzungen zu begeben und so Ideen, Programme, Projekte und Konzepte für die Zukunft ihres Landes zu entwickeln? Ich dachte dabei nicht an die »Partizipation« in Planfeststellungsverfahren oder an Bürgerforen, wo über schon ausgearbeitete Ideen diskutiert wird. Ich dachte an echte Gestaltungs– und Konzeptentwicklungsprozesse, die Lösungen für wirklich große Themenfelder, wie zum Beispiel das Gesundheitssystem oder die Energiewende, finden. Leider sind diese Prozesse bisher rar oder gar nicht vorhanden, insbesondere nicht in der Politik. Doch genau dort brauchen wir sie dringend.</p>
<h4>Die Welt</h4>
<p>Diese Vorstellung war erfrischend wie der Wind, der uns umwehte, und gleichzeitig aberwitzig utopisch. Aber haben wir eigentlich eine andere Wahl? Ich zumindest habe keine Hoffnung, dass die derzeitigen Bürokratie– und Lobbyismusdemokratien, in denen die entscheidenden Konzepte von politischen und wirtschaftlichen Funktionären hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden, die gigantischen Herausforderungen befriedigend bewältigen können. Ich glaube auch nicht, dass Strukturen wie die Bundesregierung, die EU oder die UNO in der Lage sind, die regional und global notwendigen Konzepte z. B. zum Klimaschutz, zur Regulierung des Finanzsystems, zur Bekämpfung von Armut und Hunger, zu einem ökologischen Umbau der Energieversorgung oder zu einer gerechten und ökologischen Ressourcenverteilung zu erarbeiten, geschweige denn, sie in der gebotenen Eile umzusetzten. »Stuttgart 21«, Euro-Rettungsschirm, Gesundheitsreform? Was uns hier als wegweisende Lösungen, innovative Konzepte und zukunftsweisende Ideen verkauft wird, treibt mir die Schamesröte ins Gesicht, weil es so weit hinter dem zurückbleibt, was möglich wäre. Es wird Zeit, uns einzugestehen, dass unsere politischen Strukturen, die uns sicherlich viel Gutes beschert haben, mittlerweile in mindestens ebenso weiten Bereichen selbst Teil des Problems geworden sind. Ihre unterkomplexe, lineare und technokratische Logik kann keine Lösungen für die überkomplexen Probleme entwickeln, mit denen wir es heute zu tun haben. Das kann wahrscheinlich nur eine regio­nal und global agierende Zivilgesellschaft durch neue produktive Formen der Zusammenarbeit, die in der Lage sind, das Auftreten kollektiver Intelligenz zu initiieren.</p>
<p><em>These: Um die komplexen Probleme lösen zu können, die auf uns zukommen, müssen wir lernen, transparent, ergebnisoffen und spartenübergreifend zusammenzuarbeiten und kollektive Intelligenz zu entwickeln. Ein politisches System, das dazu in der Lage ist, wäre die kollaborative Demokratie.</em> (Kollaboration kommt von col­laborare, »zusammenarbeiten«, einem Verb aus dem Kirchenlatein.)</p>
<p>Unter dem Titel »Hiddensee-Projekt« läuft bei uns seit dem Sommer 2008 jede Aktivität, die die Etablierung einer kollaborativen Demokratie fördert.</p>
<h4>Die Bundeswerkstatt</h4>
<p>Ich gebe zu: Lange Zeit war das Hiddensee-Projekt nicht mehr als eine Idee. Ich erzählte sie wenigen vertrauten Freunden, war aber völlig überfordert davon, mir vorzustellen, wie ein erster Schritt aussehen könnte.<br />
Dann kamen Ende 2009 zwei Erfahrungen zusammen: Ich hatte mich zum einen intensiv mit kollaborativen Projekten und Social Media im Internet beschäftigt und über kollektive Intelligenz und Schwarmverhalten recherchiert. Über Twitter führte ich interessante Konversationen mit Menschen, die in diesen Bereichen forschen und arbeiten. Einerseits war ich fasziniert von den globalen kommunikativen Möglichkeiten der neuen Technologien und deren Effekten: die unglaubliche Geschwindigkeit der Kommunikation und Information, die zum Beispiel während der »grünen« Proteste im Iran so wichtig war. Andererseits schien es mir, dass es für die Konzeption und Umsetzung konkreter Projekte immer auch eine lokale Community braucht, die sich reell begegnet und in ihrem konkreten Umfeld zusammenarbeitet.</p>
<p>Zum anderen beschäftigten mich Otto Scharmers »Theory U« und Tim Browns »Design Thinking«. Beide Bücher haben Innovations– und Veränderungsprozesse zum Thema. Insbesondere Brown macht deutlich, wie wichtig ein konkreter Ort ist, in und an dem sich diese Prozesse entfalten können. Plötzlich kam eines zum anderen – ausgerechnet uns als Planer, die hauptsächlich mit Orten arbeiten, war das Offensichtliche nicht aufgefallen: Politische Systeme und ihre Institutionen manifestieren sich immer auch durch konkrete Orte, z. B. durch den Bundesrat und den Bundestag.</p>
<p>Was wäre, wenn wir dieses Zweikammersystem um eine Kammer erweiterten: die »Bundeswerkstatt«? In einer solchen Bundeswerkstatt als fester institutioneller Ergänzung des bisherigen Systems würde nicht deliberativ-repräsentativ (also durch Debatten von Meinungsvertretern) gearbeitet werden, sondern kollaborativ. Hier würde die Zivilgesellschaft zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Kunst in transparenten, offenen Prozessen Zukunftskonzepte entwickeln: zum Gesundheitssystem, zur Energie­wende, zur Mobilität der Zukunft, zum Steuersystem und so fort. Solche Prozesse könnten auch öffentlich übertragen werden, ähnlich wie beim Schlichtungsverfahren von Heiner Geißler, und würden dann entweder als konkrete Projekte von verschiedenen Organisationen aufgegriffen werden oder als Gesetzesvorlagen in die entsprechenden Gremien eingebracht werden können. Die Prozesse und Methoden für eine solche Arbeit sind in groben Zügen schon vorhanden und müssten entsprechend weiterentwickelt werden. Die Menschen würden sich wieder als aktive Gestalter ihres Gemeinwesens erleben und könnten zur kollektiven Intelligenz beitragen.</p>
<p><em>These: Menschen müssen die Erfahrung kollaborativer und partizipativer Prozesse machen und erleben können, wie kollektive Intelligenz entsteht. Dazu benötigen wir konkrete, reale Orte, in denen sich diese Prozesse manifestieren.</em></p>
<p>Besonders spannend finde ich den Gedanken der Umkehr der Legitimation: Gäbe es Institutionen wie die Bundeswerkstatt, müssten sich politische Entscheider, die Konzepte hinter verschlossenen Türen aushandeln, die Frage gefallen lassen, warum sie sich nicht frühzeitig in einen transparenten Gestaltungsprozess mit den Bürgerinnen und Bürgern begeben haben. Ich stelle mir eine Pressekonferenz vor, in der ein Journalist fragt: »Herr XYZ, Sie präsentieren uns hier sehr kontroverse Pläne für den Bau eines unterirdischen Bahnhofs. Sie hätten das Konzept für den Umbau des Bahnhofs auch in der ›Landeswerkstatt‹ in einem kollaborativen Prozess mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, mit Vertretern von Bahn, Wirtschaft, Politik und Behörden entwickeln können. Was hat Sie dazu bewogen, diese Möglichkeit nicht wahrzunehmen, und wodurch gewinnt Ihr Vorschlag nun seine Legitimation?«</p>
<p>In die Konzeption der Bundeswerkstatt floss in Zusammenarbeit mit meinem Kollegen und Projektpartner Holger Nauheimer viel Arbeit. Es entstanden viele Ideen und ein Netzwerk aus tollen Leuten. Als wir uns jedoch im Dezember letzten Jahres an die konkrete Planung einer ersten öffentlichen Aktion machen wollten, überwältigten uns die Schwierigkeiten und offenen Fragen. Seitdem suchen wir auch hier nach einem machbaren nächsten Schritt. Ich erinnere mich, dass mich Katrin Käufer vom »Presencing Institute« ganz zu Beginn des Projekts darauf hinwies, dass wir uns auf mehrere Anläufe vorbereiten müssten.<br />
Wenn ein Projekt wie die Bundeswerkstatt, der Aufbau einer dritten Kammer innerhalb eines etablierten politischen Systems, schon ein riesiges Unterfangen ist, wie weit ist dann der Weg in die kollaborative Demokratie?<br />
Eigentlich nicht weit! Im Grund liegt sie gleich um die nächste Ecke. Sowohl wir im »Institut für Partizipatives Gestalten« als auch viele andere arbeiten überall an kleinen und großen Projekten, die ich als kollaborativ demokratisch bezeichnen würde. Zwei Beispiele aus unserer Arbeit:</p>
<h4>Die Bollertdörfer</h4>
<p>Seit nunmehr zwei Jahren betreuen wir eine Bürgerinitiative in den Bollertdörfern in der Nähe von Göttingen. Diese Ini­tiative hat sich gegründet, um dem demographischen Wandel in der Region entgegenzuwirken. Sie ist ausdrücklich politisch neutral und fokussiert ihre Arbeit auf konkrete Projekte zum Erhalt und zum Aufbau dörflicher und regionaler Infrastruktur. Ihr ist es gelungen, das öffentliche Freibad vor der Schließung zu retten, das sie nun selbst erfolgreich in Bürgerhand betreibt. Die Initiative hat die Grundschule vor der Schließung gerettet und organisiert in diesem September einen großen kulturellen Event. Als nächstes ist im Dorfkern des zentralen Orts ein neuartiges Mehrgenerationenprojekt geplant. Diese Erfolge sind für ein Projekt, das es erst seit zwei Jahren gibt, für sich schon bemerkenswert.</p>
<p>Doch die wirkliche Besonderheit liegt in der Organisationsform der Initiative. So gibt es zwar aus finanziellen und rechtlichen Gründen einen Trägerverein. Die Entscheidungs– und Zusammenarbeitsstrukturen basieren aber ausschließlich auf drei Prinzipien: Gleiche Augenhöhe, Selbstermächtigung, Transparenz.<br />
Wer ein Projekt innerhalb der Initiative der Bollertdörfer realisieren möchte, sucht sich Unterstützer und legt los. Bedingung ist nur: Alle müssen teilhaben können und über den Fortgang des Projekts transparent informiert werden. Formale Abstimmungen konnten wir bei der Projektarbeit bisher vermeiden. Darauf bin ich besonders stolz, weil ich sowohl von Mehrheits– als auch von Konsensentscheidungen nicht viel halte. Wichtig ist, dass sich die Menschen in der Initiative intensiv austauschen, ihre eigenen Potenziale und Interessen erkennen und sich selbst dazu ermächtigen, ihre Ideen in die Welt zu bringen. Statt von Zweifeln, Misstrauen, Konjunktiven und Abstimmungen gebremst zu werden, können sie dann einfach loslegen. Bisher hat das erstaunlich gut funktioniert.<br />
<em>These: Kollaborative Demokratie benötigt Vertrauen und Selbst­ermächtigung. Daraus entstehen produktive und konstruktive Haltungen und natürliche Entscheidungsstrukturen, in denen Macht weder durch Einzelne noch durch Mehrheiten missbraucht werden kann.</em></p>
<h4>Oberndorf</h4>
<p>Eines unserer neuen Projekte ist Oberndorf bei Cuxhaven. Hier sollen wir eine Dorferneuerung durchführen. Ich hatte nicht erwartet, dass dieser Auftrag viel mit kollaborativer Demokratie zu tun haben würde. Doch die Oberndorfer meinten es ernst, sie wollten neue Wege beschreiten und die finanziellen Zuschüsse einer Dorferneuerung wirklich in die Zukunft des Dorfs investieren. Nach einem partizipativen Gestal­tungsprozess von neun Monaten, in dem wir uns planerisch intensiv mit den globalen und lokalen Entwicklungen in Bezug auf Oberndorf auseinandersetzten, haben die Bewohner von Oberndorf nun den Entschluss gefasst, eine Bürgerinnengenossenschaft zu gründen. Sie wird sich um die drängenden Belange ihres Gemeinwesens kümmern: um eine Energieversorgung, deren Wertschöpfung dem Dorf erhalten bleiben soll, um die touristische Vermarktung von Oberndorf, um Konzepte für die Um– und Weiternutzung der Leerstände im Dorf und vieles mehr.</p>
<p>»Die Oberndorfer – wir machen’s zusammen« ist ihr Slogan. Nun bauen sie sich die notwendigen Strukturen auf, sie planen zum Beispiel den Aufbau eines Orts für Bürgerengagement, an dem die Projekt– und Konzeptarbeit stattfinden kann. Zusätzlich haben sie erkannt, dass sie selbst in der Lage sein müssen, ihre Zusammenarbeit in produktiven Prozessen zu organisieren und wollen sich auch methodisch entsprechend aufstellen.</p>
<p><em>These: Damit kollaborative Demokratie funktioniert, müssen wir eine Infrastruktur der Zusammenarbeit aufbauen. Zusätzlich benötigen wir methodische Fähigkeiten und neue Formate, die uns helfen, produktive Prozesse der Zusammenarbeit zu organisieren.</em></p>
<p>Damit sind in Oberndorf alle wichtigen Elemente einer kollaborativen Demokratie beisammen. Sollte dieser Ort einmal die eigene Gemeindevertretung durch Gemeindezusammenlegung verlieren, so hätten die Dorfbewohner funktionierende Strukturen einer kollaborativen Demokratie geschaffen, in denen sie auch weiterhin ihre eigenen Belange in die Hand nehmen können.</p>
<p>Kollaborative Strukturen können freilich nicht nur in Dörfern, sondern auch in Organisationen und Unternehmen entstehen. So entwickeln sich an unterschiedlichen Stellen erste zarte Pflänzchen kollaborativer Demokratie. Und ich weiß, dass auch in vielen anderen Projekten an ähnlichen Fragen und Ansätzen gearbeitet wird. Gerade während des Schreibens erreicht mich die Nachricht über Twitter, dass in Berlin eine Veranstaltung »Echte Demokratie in Berlin« stattfinden wird. Es wird schon überall gleichzeitig daran gearbeitet, die kollektive Intelligenz entfaltet schon ihre Wirkung! Das gibt mir Hoffnung. Wenn wir weiterhin in kleinen und großen Projekten Formen kollaborativer Demokratie testen und etablieren und zugleich die große politische Perspektive nicht aus den Augen verlieren, werden wir nicht allzu lange auf die notwendigen Veränderungen warten müssen.</p>
<h4>Ausblick</h4>
<p>Kollaborative Demokratie ist ein Wort, das vielleicht nicht ganz leicht über die Lippen geht, aber das dürfte nicht anders gewesen sein, als die ersten Menschen begannen, von repräsentativer oder parlamentarischer Demokratie zu sprechen. Ich sehe die kollaborative Demokratie im Angesicht der auf uns zukommenden Herausforderungen als notwendigen und überfälligen Schritt in der Evolution der Demokratie. Die kollaborative Demokratie wird radikale Veränderungen bringen, aber ich sehe sie trotzdem nicht als Systembruch, sondern vielmehr als ein kontinuierliches und politisch legitimiertes Upgrade. Eine kollaborative Demokratie wird viele neue Fragen aufwerfen und darf vor Experimenten nicht zurückschrecken. Denn ein Beibehalten des jetzigen Systems wäre so, als wollten wir mit alten Lochkartenrechnern komplexe 3-D‑Animationsfilme produzieren. Der Weg in die kollaborative Demokratie ist ein offener, kreativer und lebendiger Gestaltungsprozess. Er erprobt damit das tiefste Anliegen der kollaborativen Demokratie selbst: die Ermöglichung genau dieser Prozesse. Wir können heute nicht sagen, wie eine kollaborative Demokratie in zwanzig Jahren aussehen wird, aber wir haben jetzt die Möglichkeit, zum Entstehen einer neuen politischen Logik beizutragen.</p>
<p>Letzte Woche war ich übrigens wieder auf Hiddensee. Die Idee der kollaborativen Demokratie haftet für mich immer noch am Leuchtfeuer »Dornbusch«. Ohne den Besuch auf der Insel wäre mir dieser Artikel nicht so leicht aus der Feder geflossen.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken.anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/470-Kollaborative_Demokratie_.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 10/2011</a></em></p>
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		<title>Partizipation der Vielen</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/09/04/partizipation-der-vielen/</link>
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		<pubDate>Sun, 04 Sep 2011 19:54:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
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		<description><![CDATA[Zeichen der Geburt einer weltweiten Zivilgesellschaft. Es ist an der Zeit, mehr Räume für grenzüberschreitende Begegnungen der engagierten, ­globalen Zivilgesellschaft zu schaffen. Erste Ansätze sind schon zu sehen. Im Februar 2011 besuchte ich Orissa, einen der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Die radikal ausgebeutete Landschaft starrt mir unbarmherzig ins Gesicht. Lastwagenkolonnen mit Aufschriften bekannter Aluminium– und Zementfirmen [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Zeichen der Geburt einer weltweiten Zivilgesellschaft.</h2>
<p><em>Es ist an der Zeit, mehr Räume für grenzüberschreitende Begegnungen der engagierten, ­globalen Zivilgesellschaft zu schaffen. Erste Ansätze sind schon zu sehen.</em></p>
<p><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires.jpg" rel="lightbox[2840]"><img class="alignright size-full wp-image-2842" style="margin-left: 10px;" title="Frauen der Nari Samaj, der Frauenbewegung Orissas, Indien" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/09/image1_hires.jpg" alt="" width="200" /></a>Im Februar 2011 besuchte ich Orissa, einen der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Die radikal ausgebeutete Landschaft starrt mir unbarmherzig ins Gesicht. Lastwagenkolonnen mit Aufschriften bekannter Aluminium– und Zementfirmen verschleiern armselige Barackensiedlungen und verschmutzte Flüsse hinter Staubwolken. Wir reisen an zu einem Kurs für Ecovillage Design Education (EDE), an dem 34 Koordinatoren indigener Dorfnetzwerke aus aller Welt teilnehmen. Uns begrüßen 60 Frauen der Nari Samaj, der Frauenbewegung Orissas, die 300 000 indigene Mitglieder und ein Netzwerk von 3500 Dörfern umfasst.</p>
<p>Dunkle Augen lachen mich an mit einer Kraft, die mich erstaunt. Ich bekomme eine Blume ins Haar gesteckt. Die Tänze von fünf verschiedenen Stämmen verbinden sich zu einem mir unbekannten Klangraum. Solange mein Geist noch kontrollieren und ordnen möchte, kann ich den Schritten nicht folgen. Doch in dem Moment, in dem ich loslasse, reißt der Strom mich mit, und ich gehe auf in einem Gruppenwesen. Ich werde Teil einer Schlange von Frauen, die sich in komplexen Schritten wiegen – und ohne nachzudenken, weiß mein Körper, was zu tun ist.</p>
<p>Diese Frauen besitzen gemeinsam eine Kraft, die Berge versetzen kann. Eine Kraft, die vielleicht erst in der Not erwacht und die ich aus Europa so nicht kenne. Wegen dieser Frauen konnte Monsanto in Orissa bisher nicht Fuß fassen. Der gesamte Staat wurde, nachdem Zehntausende Frauen das Straßenbild Bhubaneswars über Tage verwandelt hatten, zu dem bisher einzigen in Indien erklärt, der genetisch manipuliertes Saatgut nicht zulässt. Diese Frauen wissen, was sie gemeinsam erreichen können.</p>
<p>Gemeinsam schützen sie mit der Organisation ihre Dörfer und ihren Wald, pflanzen Bäume, bauen Samenbanken und Nahrungsdepots auf. Sie spüren keinerlei Verlangen, in die Slums der Großstädte zu ziehen. Wenn sie es doch tun, dann aus purer Not. Allerdings sehnen sich vor allem die jungen Adivasi (Indigene) nach Anschluss an eine globale Jugendkultur. Sie suchen die Internetcafés in größeren Dörfern auf und wünschen sich Freiheit, Abenteuer und Kontakt, der auf Selbstbewusstsein aufbaut und Respekt vor ihrer Kultur beinhaltet.</p>
<p>Ich denke an die 27-jährige Karmi Beshra aus Orissa: Im internationalen EDE-Kurs in Deutschland sang sie ein traditionelles Lied, das durch Mark und Bein ging. Eine innere Verwurzelung in ihrer Tradition wurde spürbar, die in den Europäern Erstaunen hervorrief. Das Feedback von europäischen Freunden, das Karmi damals erhielt, befreite sie von dem Gefühl, in einer globalen Kultur nicht zu genügen. Zurück in Orissa, bietet sie inzwischen Kurse für örtliche Behörden an und trainiert Hunderte in der Zubereitung verschiedener Kompost­arten und natürlicher Insektizide. Sie ist eine von den jungen Frauen, die als nächsten Schritt ihre Dörfer zu »Ecovillages« umformen wollen, um eine höhere Anerkennung für die tiefgehende Nachhaltigkeit und Solidarität der bestehenden Traditionen zu gewinnen und Teil eines internationalen Netzwerks zu werden.</p>
<h4>Norden und Süden lernen voneinander</h4>
<p>Hier in Orissa, in Afrika und in vielen anderen lokalen Initiativen liegen Hoffnung und Verzweiflung, Potenzial und Enttäuschung nah beisammen. Die Kraft der Menschen speist sich aus ihrer Verbundenheit. Doch die Strukturen, auch in ihren eigenen Organisationen, sind oft durchzogen von Spuren der Geschichte – von Kolonialismus, Kastensystem, Korruption oder Erniedrigung der Frauen. Die Zeit des relativen Friedens und der zivilen Entwicklung, die wir hier in Europa durchleben dürfen, gibt uns den Glauben an Demokratie, Gleichberechtigung und Eigeninitiative, der auf Menschen anderer Länder zutiefst in­spirierend wirken kann. Die Wahrnehmung des Freiraums der Frauen hier in Deutschland kann auch das Selbstbewusstsein asiatischer und afrikanischer Frauen stärken.</p>
<p>Auf der anderen Seite beobachte ich immer wieder die Faszination der Europäer, wenn sie Menschen aus dem »Süden« sprechen hören. Wenn Nomalizo die südafrikanische Nationalhymne anstimmt, verstummen wir andächtig. Wenn Paul ­Yeboah in königlicher Würde über Millionen kleiner Bäume spricht, die gerade gepflanzt werden, um den Sanddünen im Norden Ghanas Einhalt zu gebieten (siehe Seite 82), werden wir ruhig. Wenn Lua aus dem Kongo (siehe Seite 75) über die systematischen Vergewaltigungen der Frauen spricht, über die zerbrochenen Gemeinschaften nach dem Bürgerkrieg, fließen Tränen. Diese Menschen strahlen Klarheit aus. Sie wissen, was sie zu tun haben. Neben ihnen wirken wir Europäer oft unbeholfen.</p>
<p>Der Austausch bringt Heilung für beide Seiten. In der Permakultur gibt es das Prinzip »Fruchtbarkeit der Grenzbezirke«. Dort, wo Wasser und Land aufeinander treffen, Wald und Wiese, Fremdes und Bekanntes, entsteht Kreativität und Vielfalt. Der Begegnungsraum von Engagierten aus aller Welt ist ein solcher Grenzbereich.Der Norden lernt, Schuldgefühle in Verantwortung zu wandeln und Überheblichkeit in Bescheidenheit. Wir erkennen unsere Entwurzelung im Spiegel der »Andersartigkeit« und werden mitgerissen von Herzlichkeit. Der Süden erkennt, dass viele Menschen im Norden den Wunsch haben, den eigenen Lebensstil zu verändern. Und so lernt er, neues Vertrauen in die eigene Kraft zu finden.</p>
<h4>Oben und unten wirken zusammen</h4>
<p>Im Global Ecovillage Network GEN legen wir seit einigen Jahren einen wachsenden Fokus auf den Nord-Süd-Dialog. Das stärkt auch die europäischen Projekte, und zugleich bringen diese ihren Erfahrungsreichtum über transparente Kommunikation (z. B. die »Forumsmethode« aus Gemeinschaften wie Sieben Linden), Prozessarbeit (z. B. nach Arnold Mindell), Wissen um Selbstorganisation, nachhaltige Entwicklung, internationale Vernetzung und Fundraising ein.<br />
Nach wie vor scheitern zu viele gute Projekte an inneren Konflikten. Themen wie Macht und Ohnmacht, Eifersucht und mangelnder Selbstwert veranlassen uns, auf Standpunkten zu bestehen, von denen wir eigentlich wissen, dass sie zu klein für uns geworden sind. Wir bewegen uns in Strukturen, von denen wir spüren, dass sie weder unserer höchsten Möglichkeit noch den Erfordernissen der Situation entsprechen.</p>
<p>Mit Netzwerken wie GEN, »Wiser Earth« oder dem Transition-Town-Network ist ein neuer Typ von NGOs entstanden. Ihre Hauptaufgabe ist eher Prozessbegleitung und die Förderung der Selbstermächtigung. Mehr denn je sind sie aufgefordert, ihre Brückenfunktion zwischen Graswurzelinitiativen und »Establishment« auszufüllen. Wohlwollende Individuen in Machtposi­tionen brauchen unsere Unterstützung – sie müssen wissen, welche der verborgenen Initiativen der Zivilgesellschaft ihre Unterstützung effektiv integrieren können.</p>
<p>Eine der prominenten Stimmen, die sich für die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Initiativen aussprechen, ist der Vizepräsident des IPCC (International Panel for Climate Change), Mohan Munasinghe. Vor kurzem betonte er in einem Interview: »Veränderungen müssen mehr von unten kommen, einfach deshalb, weil sich das Establishment nur sehr langsam bewegt. Das haben wir bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen gesehen, aber auch auf vielen anderen Treffen. Die Öffentlichkeit ist in vielen Bereichen schneller, und sie ist auch fortschrittlicher in ihrem Denken […] Ich habe einen stärkeren Glauben an den Fortschritt von unten.«</p>
<p>Erste praktische Folge dieses Dialogs ist beispielsweise die Förderung des GEN durch das Auswärtige Amt in Berlin. Gefördert wird zum Beispiel ein Projekt im nördlichen Afrika zur Stärkung des zivilen Engagements. Ein weiteres Beispiel ist die EU, die gerade ein »Leuchtturmprojekt« in den baltischen Staaten fördert, nämlich die Entwicklung von Ökodorf-Strategien für die Wiederbelebung ländlicher Regionen.</p>
<p>Eine der konkreten Initiativen ist im Senegal zu finden. Dort hat die Regierung entschieden, in den kommenden Jahren 14 000 traditionelle Dörfer zu »Ecovillages« umzuwandeln. Dieses Erfolgsrezept, verwurzelt in Gemeinschaften von »unten«, aber unterstützt von »oben«, lässt auch andere afrikanische Regierungen aufhorchen.<br />
Die Integration von modernen Nachhaltigkeits-Technologien und traditionellen Überlebensweisheiten, von Gemeinschaftswissen und Vernetzung, von zivilem Engagement und Integrität in der Politik hat Zukunft. Der große Dampfer unserer Zivilisation scheint zwar immer noch mit voller Kraft in Richtung Eisberg zu steuern. In der Schifffahrt aber ist bekannt, dass diese großen Schiffe schwer steuerbar sind. Deshalb gibt es an ihrem Ruder ein zweites, kleineres Ruder, Flettner-Ruder genannt. Mit diesem kann der Druck und Wasserstrom um das große Ruder so verändert werden, dass ein schneller Kurswechsel möglich ist.</p>
<p>Die Partizipation der Vielen hat Ähnlichkeiten mit so einem Flettner-Ruder. Sie erreicht plötzlich, was vorher als unmöglich erachtet wurde. Kollektive Weisheit entsteht aus weisen Gedanken und Handlungen im Kleinen, die sich zu weisen Gedanken und Handlungen im Großen zusammenfügen. Die Menschen, die ich weltweit treffe, sind erfüllt von der Partizipation an dieser gemeinsamen Zukunft.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin OYA — anders denken.anders leben, <a href="http://www.oya-online.de/article/read/501-Partizipation_der_Vielen.html" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe 10/2011</a></em></p>
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		<title>project peace</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jul 2011 11:12:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
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		<description><![CDATA[Studien– und Praxisjahr Frieden und Ökologie „Wenn es für die, die nach uns kommen, eine Welt geben wird, in der sie leben können, dann nur deshalb, weil wir es verstanden haben, den Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden Gesellschaft zu vollziehen.“ — Joanna Macy Eine neue Form des Freiwilligendienstes für junge Menschen [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Studien– und Praxisjahr Frieden und Ökologie</h2>
<blockquote><p><em>„Wenn es für die, die nach </em><em>uns kommen, eine Welt geben wird, in der sie leben können, dann nur deshalb, weil wir es verstanden haben, den Wandel von der industriellen Wachstumsgesellschaft zu einer langfristig lebenserhaltenden </em><em>Gesellschaft zu vollziehen.“ — </em>Joanna Macy</p></blockquote>
<h4><img class="alignnone size-full wp-image-2202" title="Peace Project" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/07/peace-project1.png" alt="" width="470" /></h4>
<h4>Eine neue Form des Freiwilligendienstes für junge Menschen</h4>
<p>Im September 2011 startet in Schlehdorf/ Bayern das Studien– und Praxisjahr Frieden und Ökologie für junge Menschen von 18–25 Jahren, das von einer engagierten Arbeitsgruppe junger Menschen entwickelt wird. Träger ist die Sinn-Stiftung, Kooperationspartner sind das Katharina-Werk in Basel und der Verein für Achtsamkeit und Verständigung in Steyerberg. Project peace soll eine Alternative sein zu FSJ/ FÖJ. Junge Menschen erhalten die Möglichkeit, sich ein Jahr lang intensiv mit den Themen Frieden und Ökologie auseinanderzusetzen und gemeinsam und für sich persönlich Wege zu finden, wie sie ihren Beitrag leisten können für die Zukunft der Erde.</p>
<h4>Gemeinschaft leben, im Ausland arbeiten, ein neues Projekt entwickeln</h4>
<p>In den ersten zwei Monaten leben die TeilnehmerInnen als Lern– und Erfahrungsgemeinschaft an einem Ort zusammen. Durch Vorträge, Seminare, eigene Referate und gemeinsames Tun erschließen sich die Themen Frieden und Ökologie. Geplant sind z.B. Seminare in Gewaltfreier Kommunikation, Einführung in die Praxis der Achtsamkeit, Umgang mit dem Fremden u.v.m. Danach arbeiten die TeilnehmerInnen für ein halbes Jahr in einem Friedens– oder ökologischen Projekt als freiwillige Helfer im In– oder Ausland. Der Vorbereitungsgruppe ist es jedoch auch ein Anliegen, selbst kreativ zu werden. Deshalb wollen sie in den letzten drei Monaten in der Gruppe ein eigenes Friedensoder ökologisches Projekt planen und umsetzen.</p>
<h4>Nicht Planung für, sondern Planung mit jungen Menschen</h4>
<p>Schon in der Vorbereitungsgruppe arbeiten junge Menschen mit älteren zusammen. Es ist uns allen sehr wichtig kein starres Konzept zu bieten, sondern einen guten Rahmen und Unterstützung von erfahrenen Menschen. Möglichst viele Inhalte sollen von den TeilnehmerInnen selbst bestimmt und erarbeitet werden. In diesem Jahr soll nicht primär konsumiert, sondern selbst gedacht und getan werden. Auch in die Finanzierung sind die jungen Menschen mit einbezogen, z.B. durch eigene Sponsorensuche.</p>
<h4>Interessiert?</h4>
<p>Wir haben noch Plätze frei und freuen uns über Menschen, die teilnehmen wollen, sowie über Menschen, die das Projekt als Mentor oder durch aktive Beiträge unterstützen wollen. Außerdem suchen wir noch Plätze für den sechsmonatigen Praxiseinsatz. Wenn Sie jungen Menschen unabhängig vom Einkommen der Eltern die Teilnahme am project peace ermöglichen wollen, freuen wir uns über Ihre Spende:</p>
<p>GLS Bank, BLZ: 430 609 67 Kto: 82 08 00 1510<br />
Stichwort: project peace</p>
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		<title>Die Krise – ein Fest</title>
		<link>http://www.openmindjournal.com/2011/06/07/die-krise-%e2%80%93-ein-fest/</link>
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		<pubDate>Tue, 07 Jun 2011 17:11:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[a_Editors Choice]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Co-Kreation]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Lernen von den Urbakterien: Für eine Kultur der Kooperation. Auf dem Weg zu einer lebenswerten Post-Kollaps-Gesellschaft ist die Kraft der Vision das stärkste Werkzeug des Menschen. Wir laden herausragende Visionärinnen und Visionäre ein, Oya ihre zukunftsweisenden Gedanken zu schenken. Energie-, Wirtschafts– und Klimakrise stellen uns weltweit vor die größte Her­ausforderung in der Menschheitsgeschichte. Das sollten [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Lernen von den Urbakterien: Für eine Kultur der Kooperation.</h2>
<p><em><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/06/Growth_of_Cubic_Bacteria.jpg" target="_blank" rel="lightbox[1995]"><img class="alignright size-full wp-image-1998" style="margin-left: 10px;" title="Von den Urbakterien lernen" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2011/06/Growth_of_Cubic_Bacteria.jpg" alt="" width="200" /></a>Auf dem Weg zu einer lebenswerten Post-Kollaps-Gesellschaft ist die Kraft der Vision das stärkste Werkzeug des Menschen. Wir laden herausragende Visionärinnen und Visionäre ein, Oya ihre zukunftsweisenden Gedanken zu schenken.</em></p>
<p>Energie-, Wirtschafts– und Klimakrise stellen uns weltweit vor die größte Her­ausforderung in der Menschheitsgeschichte. Das sollten wir feiern. Warum? Weil sie uns die Gelegenheit gibt, unseren Lebensstil gründlich zu überprüfen. Wir leben in einer Zeit, die uns die einzigartige Chance bietet, die Welt zu erschaffen, nach der wir uns im Innersten sehnen! – Ist das ein eitler Traum oder ein esoterischer Aufruf à la »Erschaffe deine eigene Realität«?</p>
<p>Tatsächlich haben wir unsere gegenwärtige Realität selbst erschaffen. Sie wurde uns weder durch das Schicksal noch durch andere Kräfte von außen auferlegt. Gibt es jemand, der leugnet, dass wir das Ökosystem unseres Planeten ausbeuten und unsere Luft mit Schadstoffen verpesten? Waren wir bei der Wahl unserer Energieerzeugung alternativlos, oder hat uns Mutter Erde unser Geldsystem aufgezwungen? Eben. Am Anfang stand die Vision unserer konsum orientierten Wirtschaft und der technologischen Naturausbeutung, dann ließen wir sie Wirklichkeit werden.</p>
<p>Während einige menschengemachte Systeme auf Jahrtausende der Nachhaltigkeit angelegt waren, erkennen wir heute nach nur wenigen Jahrhunderten, dass das derzeit dominierende System nicht nachhaltig ist – ein Grund zum Feiern! Denn ohne diese überlebenswichtige Erkenntnis sähen wir keine Notwendigkeit, unseren Lebensstil zu ändern. Wir sollten nun beherzt in die Fußstapfen vieler Vorläuferarten treten, die uns auf diesem Weg Inspiration und Wegweiser sein können.</p>
<h4>Ökonomie und die Krise als Chance</h4>
<p>Als Essenz einer Ökonomie definiere ich die Beziehungen, die erforderlich sind, um Rohstoffe zu gewinnen, diese zu nützlichen Produkten umzuwandeln, zu verteilen und zu nutzen oder zu konsumieren sowie nicht konsumierte Teile zu recyceln. Das gilt nicht nur für unsere menschengemachte Ökonomie, sondern ebenso für die globale Ökonomie der Ökosphäre oder die hochkomplexe Ökonomie unseres Körpers. Die Erde mit ihren mehr als vier Milliarden Jahren ökonomischer Erfahrung kann uns dabei eine Lehrerin sein. Weil die Natur recycelt, was nicht konsumiert wird, konnte sie aus den immerselben Rohstoffen ein unendliches Maß an immer komplexerer Vielfalt und Resilienz (= Widerstandskraft) hervorbringen. Solange ihr die Sonne Licht schenkt, wird sie dies auch weiterhin tun, mit oder ohne uns – obwohl oder vielleicht gerade weil sie immer wieder Krisen durchläuft, die ihre Kreativität befeuern.</p>
<p>Derzeit bewegen wir uns rasant auf eine Heißzeit zu, die es so zuletzt vor 55 Millionen Jahren gab. Unsere junge Spezies überlebte mindestens ein Dutzend Eiszeiten. Erst seit der letzten herrscht das aus menschlicher Sicht milde stabile Klima, in dem sich unsere Zivilisation entwickelte. Das war nur möglich, weil die letzte Heißzeit und dazu ein erderschütternder Meteor die riesenhaften Reptilien auslöschten und eine kreative Welle der Säugetier-Evolution in Gang setzten. Was den einen eine Krise, ist den anderen eine Chance.</p>
<p>Ähnlich im Kambrium vor 520 Millionen Jahren, wo eine der größten Krisen der Erdgeschichte zu einer Chance gewendet wurde. Die klimatischen Bedingungen jener relativ kurz auf eine globale Vereisung folgenden Zeit ähnelten denen, auf die wir heute zusteuern: warme Meere und eisfreie Pole. Durch Anpassung füllten bestimmte Arten bei dieser »kambrischen Explosion« Nischen, die durch das Aussterben anderer freigeworden waren: Krise für die einen, Chance für die anderen.</p>
<h4>Von den Urbakterien lernen</h4>
<p>Gehen wir noch weiter zurück: Bis vor etwa zwei Milliarden Jahren hatten Archaeen (= Urbakterien) die ganze Erde für sich. Durch ihre erstaunlich vielfältigen Lebensstile veränderten sie Landflächen, Meeresböden und die Atmosphäre dramatisch. Obwohl sie ökonomische und technologische Entwicklungen vorwegnahmen, mit deren Erfindungen wir Menschen uns brüsten – die Nutzung von Solarenergie, den Bau von »Elektromotoren« und die Entwicklung des ersten »World Wide Web« –, wird ihre Bedeutung außerhalb der akademischen Welt noch viel zu wenig verstanden: Sie waren die ersten Lebewesen, die mit außergewöhnlichen Reaktionen einer globalen, selbstverursachten Krise begegneten.</p>
<p>Nachdem sich die ersten Archaeen über die ganze Erde verbreitet und sämtliche verfügbare Nahrung – durch UV-Strahlung der Sonne entstandene Kohlenhydrate und Säuren – aufgezehrt hatten, reagierten sie, indem sie ihren Genvorrat und ihren Stoffwechsel so veränderten, dass sie die Sonnenenergie durch Photosynthese zur Nahrungserzeugung nutzen konnten. Auf uns übertragen, wäre damit unser Energie­bedarf ein für allemal gedeckt.</p>
<p>Hatten Bakterien zuvor im Meer und unter der Erde Schutz vor der Sonne suchen müssen, so erfanden sie nun als Sonnenschutz fungierende Enzyme und ernährten sich fortan von Sonnenlicht, Mineralien und Wasser. Während sie florierten, verursachten sie prompt die nächste globale Krise – und wendeten sie erneut zur Chance: So wie heutige Pflanzen, die den Lebensstil der Photosynthese erbten, atmeten auch die Archaeen Sauerstoff aus. Da es noch keine sauerstoffhungrigen Wesen gab, sammelten sich, nachdem Meere, Felsen und Erdboden so viel Sauerstoff wie möglich gebunden und sich durch Korrosion rot gefärbt hatten, in der Atmosphäre gefährlich große Mengen des aggressiven Gases an. Durch diese »Verschmutzung« entstand die Ozonschicht, die zu einem weiteren Rückgang der alten Nahrungsversorgung führte, da die UV-Strahlung die Atmosphäre nicht mehr ungehindert passieren konnte.</p>
<p>Abermals reagierte das Leben mit der Erfindung eines neuen Lebensstils, bei dem Nahrungsmoleküle durch Sauerstoff zersetzt werden. Diesen bis dato biologisch aufwendigsten Lebensstil haben wir übernommen und bezeichnen ihn als »Atmen«. Bakterien, die Sauerstoff einatmeten, atmeten das Kohlendioxid aus, das Photosynthese betreibende Lebewesen benötigten, und schlossen so den Kreislauf des Gebens und Nehmens, den wir noch heute weiterführen. Doch das Leben speist sich daraus, dass es dynamisch zwischen Problem und Lösung hin– und herschwingt. Das Pro blem: Die »Atmer« brauchten Nahrungsmoleküle, die zersetzt werden konnten, während die Nahrung knapper wurde. Die Lösung: Sie erfanden in ihre Zellmembran integrierte »Elektromotoren« mit kleinen Geißeln als Propeller, die viel effizienter sind als heutige von Menschen gebaute Motoren. Diese High-Tech-Atmer bohrten sich in große, schwerfällige, fermentierende Bakterien, die ich »Blubberer« nenne. Dies eröffnete die Ära der bakteriellen Kolonialisierung, bei der die Atmer in die Blubberer eindrangen, um deren »Rohstoff«-Moleküle auszubeuten und sich dort durch Teilung zu vermehren. Oftmals hatte dies den Tod der Wirte zur Folge.</p>
<h4>Kooperation statt Konkurrenz</h4>
<p>Schließlich entdeckten die Archaeen die Vorteile von Kooperation gegenüber der Konkurrenz: Es ist energieeffizienter, einen Feind zu füttern als ihn zu töten. Durch die Entwicklung unterschiedlicher Lebensstile konnten sie in einem weltumspannenden Datennetzwerk DNA-Gene zwischen verschiedenen Bakterienarten austauschen: Jedes Bakterium hatte freien Zugang zur DNA-Information eines jeden anderen Bakteriums. So bildeten sie unzählige verschiedene Körperformen, Lebensstile und Rollen aus.</p>
<p>Es entstanden gigantische Kollektive mit hochdifferenzierter Arbeitsteilung, aus denen sich die kernhaltigen Zellen herausbildeten, aus denen auch wir bestehen. Wie Lynn Margulis herausfand, könnte dies begonnen haben, als eindringende Atmer spürten, wie ihr Blubberer-Wirt geschwächt wurde. Gemeinsam machte man sich auf, um mit Hilfe von Photosynthese betreibenden Blaualgen die ganze Kolonie mit Nahrung zu versorgen. Die Motoren der Atmer sorgten für Bewegung, indem sie mit vereinten Kräften die Zellmembran der Blubberer bearbeiteten, um die Kolonie ins Sonnenlicht zu bewegen, wo die Blaualgen wirken konnten.</p>
<p>In solchen Kooperativen steuerte offenbar jede Bakterienart die DNA, die nicht zur Erfüllung ihrer Spezialaufgabe erforderlich war, zu einer gemeinsamen Gen-Bibliothek bei, die zum neuen Zellkern wurde. Bis heute enthalten unsere Zellen und die der Pflanzen, Tiere und Pilze die Nachfahren dieser Archaeen. Nach einer weiteren Milliarde von Jahren hatten sich die kernhaltigen Zellen vom jugendlichen Konkurrenzkampf zur reifen Kooperation entwickelt. Im vorerst letzten Evolutionssprung waren Vielzeller entstanden, das Kambrium begann, und die Evolution gewann an Dynamik.</p>
<h4>Unsere Reifeprüfung</h4>
<p>Entwickelt sich das Universum tatsächlich innerhalb eines Bewusstseinsfelds, wovon ich ebenso wie viele andere Wissenschaftler überzeugt bin, so lautet das wahrscheinlichste Arbeitsprinzip eines solchen selbstorganisierten Universums: Alles, was geschehen kann, wird geschehen. Am meisten interessiert mich dabei: Was verleiht Organismen gerade unter widrigen Umständen Nachhaltigkeit, sprich Dauerhaftigkeit? Meine Forschungen legen nahe, dass dies davon abhängt, ob Organismen eine harmonische Balance des Gebens und Nehmens mit ihrer Mitwelt aufbauen und so mehr oder weniger unabkömmlich für das große Ganze werden.</p>
<p>Die Essenz der biologischen Evolution liegt in den oftmals durch Krisen hervorgerufenen Reifezyklen von der Konkurrenz zur Kooperation. Nachhaltige Arten erreichen die Phase der Reife und der Zusammenarbeit, während andere in Verhaltensweisen der Adoleszenz steckenbleiben und aussterben.</p>
<p>Die einzigen anderen Lebewesen, die eine weltweite Krise selbst verursacht und auch wieder gelöst haben, die Archaeen, geben uns ein ermutigendes Beispiel: Setzen wir uns die Schaffung einer reifen, von Kooperation geprägten Weltwirtschaft zum Ziel, die ebenso erfolgreich, effizient und resilient ist, wie es unsere kernhaltigen Zellen sind. Wir Menschen verfügen über genügend Intelligenz und Wissen, um saubere, nachhaltige und gerechte Ökonomien zu schaffen, selbst auf einer heißeren Erde. Unser lebendiges Universum und unsere lebendige Erde weisen uns den Weg aus der Adoleszenzkrise in eine reife, globale Zukunft. Je früher wir ihn einschlagen, desto größer unsere Aussicht auf Erfolg. Gut möglich,dass dies die lohnendste und schönste Her ausforderung ist, vor der wir je standen!</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien im Original im Magazin OYA — anders denken. anders leben, Ausgabe </em><a href="http://www.oya-online.de/article/issue/08-2011.html" rel="external nofollow"><em>08/2011</em></a></p>
<p><em>Übertragung aus dem Englischen: Matthias Fersterer</em></p>
<p><em>Auszug aus einem Buch von Elisabet Sahtouris: Celebrating Crisis. Towards a Culture of Cooperation. In: David Lorimer (Hrsg.): A New Renaissance. Transforming Science, Spirit &amp; Society. Floris Books, London, 2010.</em></p>
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