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	<title>OpenMindJournal &#187; 60+</title>
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	<description>Das Online-Journal für den Wandel in Bewusstsein, Kultur und Technologie</description>
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		<title>Sturmerprobte Weisheit</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Mar 2012 13:13:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz Robert</dc:creator>
				<category><![CDATA[60+]]></category>
		<category><![CDATA[a_Neuigkeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinsam]]></category>

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		<description><![CDATA[Plädoyer für eine neue Alterskultur Die Potenziale des Alters zu sichten und gesellschaftlich besser zu nutzen, ist Ziel eines Projekts der Alanus Hochschule bei Bonn. Ein Brainstorming über ein sich wandelndes Bild reifen Lebens. Halten Sie bitte einen Moment inne und überlegen Sie, ob Sie diesen Artikel wirklich lesen möchten. Durchschnittlich fünf Minuten wird es [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h3>Plädoyer für eine neue Alterskultur</h3>
<div id="attachment_4697" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><a href="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/305416_web_R_by_moni.sertel_pixelio.de_.jpg" rel="lightbox[4695]"><img class=" wp-image-4697 " title="Ich habe noch etwas zu sagen…" src="http://www.openmindjournal.com/wp-content/uploads/2012/03/305416_web_R_by_moni.sertel_pixelio.de_-225x300.jpg" alt="" width="200" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: moni.sertel / pixelio.de</p></div>
<p>Die Potenziale des Alters zu sichten und gesellschaftlich besser zu nutzen, ist Ziel eines Projekts der Alanus Hochschule bei Bonn. Ein Brainstorming über ein sich wandelndes Bild reifen Lebens.</p>
<p>Halten Sie bitte einen Moment inne und überlegen Sie, ob Sie diesen Artikel wirklich lesen möchten. Durchschnittlich fünf Minuten wird es dafür brauchen und für den Fall, dass Sie ihn zwei Mal lesen wollen oder müssen, sind das immerhin schon zehn Minuten, was zwar nicht einmal ein Prozent Ihrer Tageszeit ausmacht, aber doch von Ihrer Gesamtlebenszeit abgehen wird und möglicherweise eine Zeitspanne darstellt, mit der Sie weitaus Wichtigeres tun könnten. Denn die schlechte Nachricht ist: Wir altern in dieser Zeit. Doch ist das wirklich eine schlechte Nachricht?</p>
<p>Fakt ist: Unser Herz schlägt einmal weniger mit jedem Schlag und in den Industrieländern sterben 90 Prozent der Menschen an altersbedingten Ursachen. Dennoch werden wir alle immer älter. Die statistische Lebenserwartung eines Mädchens, das heute geboren wird, liegt schon bei über 100 Jahren und Forscher rechnen dank medizinischer Errungenschaften mit noch weit höheren Lebenserwartungen.</p>
<p>Der Lebenszeit wird eine immer größere Bedeutung beigemessen. In dem Science-Fiction Thriller <em>In Time</em>, der im nächsten Jahr in unsere Kinos kommen wird, ist Lebenszeit zum offiziellen Zahlungsmittel geworden. Eine implantierte digitale Anzeige am Unterarm verrät, wie viel „Guthaben“ noch verbleibt. Arme sterben früh, Reiche leben ewig. Auch jenseits dieser Utopie gilt Lebenszeit als kostbare Ressource und Altern als unser ältester Feind. Doch liegt das nicht auch an unserem vom Jugendwahn geprägten, negativen Image des Älter-Werdens, das klischeehaft mit schwerkraftbedingtem und zellulärem physischem Zerfall, mit all seinen unangenehmen Begleiterscheinungen wie Falten, Altersflecken, Haar– und Zahnverlust in Verbindung gebracht wird? Vom typisch-talgigen, Kölnisch Wasser-resistenten Altersgeruch oder dem vermeintlichen mentalen Abbau und dem immer starrsinnigeren Verhalten ganz zu schweigen. Das Leben wird beschwerlicher. „Man ist alt, wenn man sich beim Binden der Schnürsenkel überlegt, was man sonst noch tun könnte, wenn man schon mal unten ist“, sagte mir vor Kurzem ein älterer Herr, dem ich in eben dieser Pose meine Hilfe angeboten hatte.</p>
<h4>Der Schatz im Silberhaar</h4>
<p>Doch was ist mit dem Bild des Alters, das wir aus Märchen und Mythen kennen, vom weisen alten Mann oder der klugen Großmutter, die mit einem liebevollen (zahnlosen) Lächeln auf jede Frage eine Antworte wusste? Das Alter als Rat der Weisen. Jene Menschen, die Lebensweisheit erworben haben, die nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringt, die Erfahrung haben. Echte Kenner und Könner auf ihrem Gebiet. Es braucht etwa zehn Jahre an Beschäftigung mit einer Sache, bis man sich dem Intuitionsforscher Dreyfus zufolge als Experte bezeichnen kann. „Altersweisheit ist biografiegeprüft, sturmerprobt und konfliktgeübt“, formuliert es Prof. Dr. Peter Schneider und spricht mitunter auch humorvoll vom „Schatz im Silberhaar“. Schneider ist Initiator des Forschungsprojektes „Neue Alterskultur“, das seit September an der Alanus Hochschule in Form eines Zertifikatsstudiengangs der Frage nach geht, wie neue Formen des Alterns aussehen könnten, welche Bedeutung die eigene Biografie dabei hat und wie man das Potenzial der Älteren bestmöglich in die Gemeinschaft einbringen kann. Ein Kernthema bildet hier das „Bürgerschaftliche Engagement“. Durch diese Form des Einsatzes können sich Menschen im dritten Lebensabschnitt sinnstiftend, kompetent und generationsübergreifend zum Wohle einer demokratischen Gesellschaft einbringen. Projektorientiert, auf wissenschaftlicher Grundlage und mit Zertifikat. Die Alanus Hochschule sieht sich hier als „Wahrnehmungsorgan für gesellschaftliche Realitäten“, wie es Rektor Dr. Marcelo da Veiga bei der Vorstellung des Projekts beschrieb. Die Hochschule will mit diesem Pilot-Projekt ihrem Anspruch als „Hochschule für Kunst und Gesellschaft“ gerecht werden, sowie auch dem von Joseph Beuys entwickelten Begriff der „Sozialen Plastik“, der unsere Gesellschaft als künstlerisch zu formenden Organismus fasst. Ermöglicht wird das gebührenfreie Studium durch die Förderung der Software AG-Stiftung und der Hannoverschen Kassen. Gerade Letztere gehen mit diesem Projekt weit über die Fürsorge und Leistungen anderer Versicherungen hinaus.</p>
<h4>Potenzial statt Defizit</h4>
<p>Bei allen Bemühungen um Nachhaltigkeit leistet sich unsere Gesellschaft momentan eine große Vergeudung der einzigartigen Potenziale und Ressourcen, die im Alter zu finden sind. Der Gedanke, dass wir uns als Gemeinschaft und Kultur dann weiterentwickeln, wenn junge Ideen <em>und</em> frisches Denken sich mit der Erfahrung und reifem fachlichen Wissen, dem sprichwörtlichen „Know How“, verbinden, würde weit tragen.</p>
<p>Ein Beispiel verdeutlicht die Notwendigkeit: Viele der Berufsanfänger, die in den 90er Jahren nach Berlin strömten, um mit Startup-Unternehmen, innovativen Konzepten, kühnen Businessplänen oder als junge Berater große Karriere zu machen, sind hoffnungslos und hoch verschuldet gescheitert. Nicht weil die Ansätze schlecht waren, sondern weil einfach die nötige Erfahrung fehlte. Hier möchte das Forschungsprojekt eine Brücke schlagen und auch jüngere Studenten für den „Dialog der Generationen“ begeistern. Alter(n) ist ein Thema ohne Altersbegrenzung und die Auseinandersetzung damit kann nicht früh genug beginnen. Die demografische Entwicklung und nicht zuletzt das marode Rentensystem lassen erahnen, dass Altern künftig neue Formen annehmen wird und ein hohes Maß an Kreativität erfordert, wenn wir Verhältnisse vermeiden möchten wie es etwa die düstere ZDF TV-Doku-Fiction <em>2030 – Aufstand der Alten</em> vor einiger Zeit aufzeigte oder vor denen der Altersforscher Reimer Gronemeyer mit Büchern wie <em>Kampf der Generationen</em> warnt.</p>
<h4>Neue Gesichter des Alter(n)s</h4>
<p>Zukünftig wird aller Voraussicht nach das Alter völlig neue Ausdrucksformen finden, wenn sich in absehbarer Zeit ein Publikum mit hängenden Tätowierungen zum Seniorenschwimmen einfindet und Kaffeefahrten eher Veranstaltungen wie die Love-Parade zum Ziel haben werden als das Zillertal. Jede Generation wird ihr eigenes Alter haben, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und vor allem auch Nöten, wie Vereinsamung und Altersarmut, die jetzt schon in erschreckendem Maße existieren.</p>
<p>Für die Bildung stellt diese Entwicklung eine große Herausforderung dar. Wie möchte man in zwölf Schuljahren auf ein Leben vorbereiten, das unter Umständen eine Lebensspanne von mehr als einem Jahrhundert umfasst und von ständigen beruflichen und privaten sowie gesellschaftlichen Veränderungen geprägt sein wird? Welches Wissen und welche Werte werden dafür gebraucht? „Lebenstauglichkeit“ und „Biografie-Kompetenz“ sind Begriffe, denen hier eine völlig neue Bedeutung zukommt. „Existential Knowledge“ antwortete Nicanor Perlas einmal auf die Frage, was er für den Kern von Bildung halte: Zu wissen, <em>wie</em> man lebt und die Fähigkeit, sich in einem Prozess des lebenslangen Lernens Dinge immer wieder neu anzueignen.</p>
<p>1900 rief die schwedische Pädagogin Ellen Key das „Jahrhundert des Kindes“ aus und läutete damit die Entdeckung und Förderung der Kindheit als autonomer Lebensphase ein. Heute stehen wir vor einer weiteren Entdeckung, und ein anderer bislang verachteter Lebensabschnitt rückt in den Fokus. „Alter wird nicht als Appendix des Lebens, nicht als Defizitmodell der Jugend verstanden, sondern als selbstgeschaffenes, historisch einmaliges und ganz neues Territorium des Lebens. Noch nie in der menschlichen Geschichte wurden so viele Menschen gleichzeitig so alt“, sagt Professor Schneider und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Wissen Sie, Alter hat einfach Zukunft.“</p>
<p>Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Info3, <a href="http://www.info3.de/c5-style/index.php/magazin/info3/archiv/2011/oktober/sturmerprobte-weisheit/" target="_blank" rel="external nofollow">Ausgabe Oktober 2011</a></p>
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