Mehr als ein sozialer Obulus
a_Editors Choice, a_Neuigkeiten, Grundeinkommen, Ökonomie Freitag, August 17th, 2012Das Grundeinkommen als Beitrag für echte Social Responsibility
Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens fand bisher vor allem wegen der Zunahme an Freiheit für die Empfänger Zustimmung. Nicht nur in der Sozialpolitik, auch im Blick auf das Was und Wie der Produktion würde ein Grundeinkommen zum Wegfall von Sachzwängen führen. Ein neu entdeckter, schöner Aspekt einer zukunftsfähigen Idee.
Die seit einigen Jahren im politischen und gesellschaftlichen Kontext intensiv diskutierte Idee des bedingungslosen Grundeinkommens würde als Zusammenfassung staatlicher Transferleistungen einen radikalen Wandel auf dem Gebiet der Sozialpolitik bedeuten. Das Grundeinkommen hat allerdings über die Funktion eines solchen sozialstaatlichen Instruments weit hinausragende Auswirkungen in den verschiedensten Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft, die bisher noch zu wenig in Betracht gezogen wurden. Der Schwerpunkt der Debatte liegt meist auf den Wirkungen der Armutsbekämpfung und Existenzsicherung. Anhand eines weiteren Themas lässt sich allerdings exemplarisch aufzeigen, welche über die genannten Bereiche hinausgehenden Auswirkungen ein Grundeinkommen haben könnte. Damit soll zugleich deutlich gemacht werden, welche bisher oft nicht berücksichtigten Potenziale die Idee des Grundeinkommens mit sich bringt und welchen fundamentalen Wandel sie initiieren könnte.
Grundeinkommen und Produzenten
Welche Auswirkungen hätte die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens 1 auf die soziale Verantwortung von Unternehmen – im wissenschaftlichen Diskurs als Corporate Social Responsibility (CSR) thematisiert?
Da Unternehmen als private Institutionen private Interessen vertreten und befriedigen, zugleich jedoch als Teile der Gesellschaft – als juristische Personen – am Gemeinwesen partizipieren und von diesem profitieren, ist die Frage nach ihrer sozialen Verantwortung keine neue. Prägnant beantwortet sie der Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman in seinem Klassiker Kapitalismus und Freiheit 1962: „In einem freien Wirtschaftssystem gibt es nur eine einzige Verantwortung für die Beteiligten: Sie besagt, dass die verfügbaren Mittel möglichst gewinnbringend eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Profitabilität geführt werden müssen, solange dies unter Berücksichtigung der Regeln des offenen und freien Wettbewerbs und ohne Betrugs– und Täuschungsmanöver geschieht. Ebenso liegt die ‚soziale Verantwortung‘ der Gewerkschaftsführer in der Wahrnehmung der Interessen der Mitglieder ihrer Gewerkschaften. Und es ist in unser aller Verantwortung eine Gesetzesstruktur zu schaffen, die sicherstellt, dass ein Individuum, das seine persönlichen Interessen wahrnimmt – um Adam Smith zu zitieren –, ‚wie von einer unsichtbaren Hand geführt ein Ziel erreicht, das nicht Teil seiner Absicht war. Das ist keineswegs immer negativ für Gesellschaft als Ganzes. Indem der Einzelne seine eigenen Ziele zu erreichen sucht, dient er oft den Interessen der Gesellschaft besser, als wenn er sie bewusst verfolgt. Ich habe nicht viel Gutes von denen gesehen, die vorgaben, für das Allgemeinwohl zu arbeiten‘.“2
Jenseits „größtmöglicher Profitabilität“ sieht Friedman keine unternehmerische Sozialverantwortung – im Gegenteil: „Es gibt wenig Entwicklungstendenzen, die so gründlich das Fundament unserer freien Gesellschaft untergraben können, wie die Annahme einer anderen sozialen Verantwortung durch Unternehmen.“ 3
Friedman vertritt ein ausschließlich an Profitmaximierung orientiertes Verständnis der sozialen Unternehmensverantwortung, das unter dem Slogan: „Die soziale Verantwortung der Wirtschaft ist es, ihre Profite zu vergrößern“ 4 bekannt geworden ist. Mit zunehmender Bedeutung von Nachhaltigkeits– und Wertediskussionen wird dieses Verständnis jedoch infrage gestellt und kritisiert. Denn ob überhaupt die von Friedman genannten Bedingungen herrschen können, unter denen ein Unternehmen in der Profitmaximierung seine soziale Bestimmung realisieren würde, ist nicht zuletzt in Krisenzeiten äußerst fraglich. Allein das Wissen der Marktteilnehmer weist zumeist eklatante Informationsasymmetrien zwischen Produzenten und Konsumenten auf, die den von Friedman imaginierten „offenen und freien Wettbewerb“ einschränken und Konsumenten Nachteile verschaffen. Entsprechend ist das Bedürfnis nach steigender Klarheit und Transparenz der Arbeitsprozesse jüngst immer wieder artikuliert worden – Termini wie Karma-Konsum spielen in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Was jedoch kann ein bedingungsloses Grundeinkommen zu dieser Debatte beitragen?
Grundeinkommen und Konsumenten
Unternehmerisches Engagement in gesellschaftlichen Bereichen jenseits des Profitmotivs firmiert heute im weitesten Sinne unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility (CSR). 5 Dabei geht es um einen – freiwilligen – Beitrag, der als sozialer Obolus der Gesellschaft in Form „milder Gaben“ zurückgezahlt wird. Dabei werden Unternehmensziele nicht grundsätzlich beeinflusst, vielfach wird ein solches Engagement jedoch raffiniert als erweitertes Marketing genutzt (etwa Greenwashing). Als CSR wird hier dasjenige verstanden, was Unternehmen zusätzlich zu dem tun, was sie im Rahmen ihrer korporativen Ziele originär anvisieren.
Das bedingungslose Grundeinkommen befähigt Menschen – und damit im ökonomischen Prozess vor allem und zuerst Konsumenten – nein zu sagen, wie der Soziologe Claus Offe seine erste Freiheitsgeste treffend auf den Punkt bringt. 6 Produzenten und Konsumenten entfallen zudem gewisse Entschuldigungen, die zuvor ein eigentlich unerwünschtes Produzieren oder Konsumieren mit Verweisen auf die Unabänderbarkeit der Umstände legitimierten. Finanzielle Grundabhängigkeiten kündigt das bedingungslose Grundeinkommen auf, sodass die Legitimationsautorität – und damit die Verantwortung für sämtliche Aktionen auf ökonomischem Terrain – jedem einzelnen menschlichen Subjekt zentral und bewusst zufällt. Das führt zu einer anderen Einschätzung des real existierenden Wirtschaftsgeschehens, denn jedes Unternehmen, das unter Grundeinkommensbedingungen existieren kann, existiert dann faktisch deshalb, weil eine Konsumentengemeinschaft es beauftragt hat – ohne dazu existenziell genötigt zu sein. Was per Kaufpreis nun honoriert wird, ist die anerkannte Verantwortung des Unternehmens, die sich wesentlich in dem erschöpft, was das Unternehmenoriginär tut, nicht in dem, was es zusätzlich tut.
Dieser Blickwechsel in der Debatte um CSR ist ein bedeutender, denn nicht mehr bloß die „milde Gabe“, sondern die soziale Aufgabe ist nun das Kriterium, welches die Güte einer Unternehmung bestimmt. Dem Konsumenten kommt hierbei als erwachendem Riesen die Funktion des Sozialwählers zu, da er konsumdemokratisch über diejenigen Produkte abstimmt, die unter Grundeinkommensbedingungen weiterhin angeboten werden sollen.
Zugleich werden Forderungen nach sozialverträglicheren Arbeitsbedingungen in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen ein ganz anderes Gewicht erhalten – die CSR-Diskussion bekommt dadurch eine Spannweite, die nicht nur in die Gesellschaft, sondern auch in Unternehmen selbst hineinragt. Fragen der Führungs– und Unternehmenskultur erhalten einen Stellenwert, der mit dem jetzigen kaum zu vergleichen ist – denn: Notwendigkeit der Arbeit und Attraktivität des Arbeitsplatzes entscheiden darüber, ob die Arbeit ergriffen wird.
Die hier knapp skizzierten Gedanken stellen Elemente dar, die bis jetzt in der Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen zu kurz kamen. Sie gilt es im Diskurs zu vertiefen, will man lebendige Bilder einer Grundeinkommensgesellschaft antizipieren und die Debatte über die Einstiegsfragen nach der Finanzierbarkeit und der Frage, wer dann noch arbeiten würde, sinnvoll weiterführen.
Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Info3, Ausgabe März 2012
- Wenn in dieser Skizze von einem bedingungslosen Grundeinkommen gesprochen wird, so ist trotz starker Affinität der Autoren zu dem Ansatz des konsumsteuerfinanzierten bedingungslosen Grundeinkommens hier kein bestimmtes Modell gemeint. Das was hier aufgezeigt werden soll, gilt für alle die Grundeinkommensansätze, die einen Betrag vorschlagen, der deutlich über dem von Hartz IV liegt und das Kriterium der Bedingungslosigkeit ernst nehmen ↩
- Milton Friedmann: Kapitalismus und Freiheit, Stuttgart 1971, S. 175. ↩
- Ebd., S. 176. ↩
- Milton Friedman: The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits, in: The New York Times Magazine, 13. September 1970. ↩
- Alexander Bassen, Sarah Jastram, Katrin Meyer: Corporate Social Responsibility. Eine Begriffserläuterung, in:Zeitschrift für Wirtschafts– und Unternehmensethik, Nr. 2/2005, S. 231–236. ↩
- Vgl. Claus Offe in: Peter Laudenbach: Soziale Innovation. Folge 1: Grundeinkommen, in: brand eins, Nr. 1/2006, S. 36–42. ↩
Von Philip Kovce, Peter Dellbrügger















