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Brief an eine junge Anthroposophin

Erfahrungen und Ratschläge eines Freundes

Foto: Katharina Bregulla / pixelio.de

In einem freundschaftlich gehaltenen Text ermuntert der Autor dazu, Anthroposophie als unkonventionellen Entwicklungsweg zu erkunden. Seine eigenen biographischen Begegnungen und Erfahrungen mit Anthroposophen machen seine Hinweise auch über den persönlichen Rahmen hinaus wertvoll.

Liebe Nora,

Deine Frage scheint mir vertraut, wie oft habe ich sie in mir bewegt und wie schwer fällt es mir doch darauf eine Antwort zu finden: Wie werde ich Anthroposoph? Man kann es nicht werden, in guten Momenten wird es einem geschenkt, so geht es zumindest mir. Es ist ein Ringen mit der eigenen Seele, dem eigenen Herzen und mit Fragen wie: Kann ich ohne das, was mir aus der Anthroposophie entgegentritt, wirklich leben? Würde es einem lebendigen Tode gleichkommen, mich von ihr abzuwenden mit all dem Schönen, Reichen und auch Versteinerten und Hässlichen? Lebe ich für diese lebendige Vielfalt seelischer Kräfte und für die abstrakte Schönheit eines liebenden Denkens, wie ich es beim Lesen der Philosophie der Freiheit empfand? Brauche ich diese Erfahrungen wie Wasser und Brot? Erst von dort und nur von dort aus, verstehe ich Anthroposophie. Ohne diese Sehnsucht erlebe ich sie als Ideologie, ein Schreckensgespenst aus dem vorherigen Jahrhundert, etwas, das mir Schmerzen bereitet, nicht im Leben verankert scheint, sich vor diesem gar zu schützen versucht. Es sind wohl die großen, existenziellen Fragen nach Sinn und Unsinn des eigenen Lebens, die dich unweigerlich zur Anthroposophie, zur Weisheit des Menschen führen.

Sie wurden mir selbst zu einem Kompass, der mich den Schritt ins Unbekannte wagen lässt. Ich erinnere mich und muss mich täglich erinnern an die Kraft und die Hoffnung und an das Vertrauen, die durch diese Fragen aus dem Leben mir entgegenkamen und immer noch entgegenkommen. Es waren immer auch konkrete Menschen, denen ich begegnete, Menschen, die Ideale lebten, ohne diesen sich naiv unterzuordnen. Nicanor Perlas von den Philippinen etwa, der mich als Alternativer Nobelpreisträger durch seine umwerfende Präsenz und Fröhlichkeit tief beeindruckte. Oder Orland Bishop aus den USA, der mich durch seine bloße Anwesenheit tiefer berührte als die meisten Menschen, die ich kenne. Auch Yessiahu Ben Aharon, dessen geistige Schärfe und ungeheure Willenskraft mich nach Israel trieben. Es war die Kraft und Gelassenheit und die Tiefe, die von solchen Männern ausging, die ihre Arbeit als ihre Aufgabe und ihren Dienst an der Menschheit aus freien Stücken lebten; ihre Fähigkeit, auch unter widrigen Bedingungen und schwerer Last einen Schritt vor den anderen zu setzten. Es war und ist die Sprache, die sie sprechen, und ihr lebendiges Denken, das mich in einen Zustand der inneren Festigkeit und gleichzeitig in geistige Höhen trieb. Es waren Begegnungen, in denen sich mein Geist wie ein Falter in eisige Höhen emporschwang und die Welt aus einer weiten Perspektive wahrnehmen konnte.

Am Anfang standen ein Ruf, dem ich folgte, und innere Kämpfe auf der Suche nach dem Feuer, nach dem, was brennt, nach dem lodernden Willen und der Sehnsucht nach Einheit, dem Getrennt-Sein und Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein zu entkommen. Es brauchte die Erfahrung dieser Trennung und des Nichts, es ist ein gefährlicher Weg. Das Festhalten an Glaubenssätzen und alten Mythen wäre um ein Vielfaches einfacher, sicherer, ich bin jedoch davon überzeugt, es wäre kein Weg, der sich einer zeitgemäßen Anthroposophie als würdig erweist. Sie will erfahren werden durch die Begegnung mit dem Anderen, mit dem Gegenüber und den vielen (An-)Teilen unserer eigenen Seele. Nimm dir Zeit, diese zu erforschen, lerne dich kennen. Gelassenheit und Geduld sind keine Tugenden der Jugend, übe dich dennoch in ihnen, sei dir jedoch nicht böse, wenn das misslingt. Beginne immer wieder von neuem. Geh’ achtsam mit dir selbst und dem Leben um und genieße dein Alter und alles, was in jungen Jahren gelebt werden will. Dein Körper verfügt über eine eigene Intelligenz, auf die du oft mehr vertrauen kannst als auf das, was dein Hirn ausbrütet. Lerne zu tanzen, dich hinzugeben an einen liebevollen Mann, an den Rhythmus der Musik, spüre die heilsame Kraft zu führen und geführt zu werden. Der Tanz ist ein Spiel, das seit Jahrtausenden praktiziert wird und immer wieder in neuem Gewand erscheint. Lerne dich auch zu wehren, übe dich im Umgang mit einem Degen oder übe eine Kampfkunst, mir half das, meine Mitte zu spüren und zu wissen, wann und wie schnell ich diese verlasse.

Die Welt interessiert sich nicht für dich, solange du nicht für das einstehst und das bezeugst, was du bist und was du bereit bist zu werden. Es bedarf des Mutes, immer wieder aus der eigenen Freiheit schöpfen zu wollen und zu erleben, wie stark wir doch beschränkt und von außen bestimmt sind. Lass dir dafür Zeit, dich von den Fesseln der Familie und deiner Kultur zu befreien, manches davon ist nützlich, vieles aber unnütz und Ballast. Lerne zu erkennen und die Momente wertzuschätzen, wo du ganz aus dir selbst heraus schöpferisch tätig wirst. Übe dich in einer Kunst, es muss nicht unbedingt die Eurythmie sein, Hauptsache, du findest etwas, an dem du Freude hast. Für mich war es lange Zeit das Schreiben in Form von Gedichten. Wie ein Vogel flog ich in den weiten Räumen, die sich durch die Sprache öffneten. Denker wie Ken Wilber ließen erahnen, welche Schwierigkeiten und Nöte einer Anthroposophie im 21. Jahrhundert begegnen. Poeten wie Pablo Neruda, Hermann Hesse oder unbekannte, junge Dichter ließen mich spüren, wie das gesprochene Wort in der Welt weiterwirkt. Die alchemistisch-rosenkreuzerische Tradition ließ mich erschüttern, oft zog diese geheimnisvolle und von Geheimbünden regierte Welt mich in ihren Bann, nur um zu erkennen, dass mich dies wegführte von meinen Aufgaben im Alltäglichen. Vieles davon kannst du getrost liegen lassen, es braucht stattdessen den Mut, mit den alltäglichen Dingen unserer Zeit umzugehen, um ein guter Anthroposoph zu werden. Dennoch gaben mir manche Bilder Kraft und führten mich hinab in die Meerestiefen meiner eigenen Seele.

Zwei anthroposophische Lebensorte, Harduf, ein israelischer Kibbuz und Sekem in der Wüste Ägyptens, beides wurden mir Orte der Begegnung mit Menschen und der Anthroposophie. Beeile dich nicht, denn das Leben wird dich einholen. Die Weite und die Schönheit, all der Glanz, der in den Worten und Landkarten der Anthroposophie und im Höhenflug durch Poesie und Kunst erfahrbar ist – genieße ihn und gib acht, dass du dir Zeit nimmst auch für die banalen und einfachen Dinge im Leben. Diese wollen durchdrungen werden, ohne dabei den Glauben an die eigene Größe zu verlieren. Die von Steiner hinterlassenen Nebenübungen gewinnen mit zunehmendem Alter immer mehr an Bedeutung. Deine eigene Erdung und der Umgang mit Erde können dabei sehr heilsam wirken. Eine banale Arbeit kann Wunder wirken und Qualitäten wie Demut, Hingabe und Konzentration so schulen, wie es wohl das Studium der ganzen Gesamtausgabe nicht könnte. Ums Lesen und Studieren wirst du dennoch nicht herumkommen, es braucht die Auseinandersetzung mit dem Geist wie mit der Welt.

Vertraue auf die Kräfte, die aus der Zukunft heraus wirken. Otto Scharmer und die „Theorie U“ gaben mir und geben mir immer wieder das Vertrauen und eine Vision, dass die Welt anders aussehen könnte, trotz der Krisen und Nöte, ja vermutlich sogar dank dieser. Krisen sind Begleiter im Leben und rütteln immer wieder an zurechtgelegten Überzeugungen. Wie ein Vogel, der in Meerestiefen ertrinkt, überschwemmt uns dann das Unbewusste unserer eigenen Seele. Was zu tun bleibt, ist, die toten Konzepte und Überzeugungen ins Feuer zu werfen, um sich selbst einmal mehr neu zu erfinden. Stirb und werde in Goethes Sinne.

Manche Dinge müssen ausgehalten werden – ich erinnere mich gut an den Übermut, den ich noch immer spüre, und die Ruhe, die es benötigt, um einen Tag nach dem anderen bewusst zu leben. Andere Dinge benötigen Hingabe und das Sich-fallen-lassen-Können, sei es in einer tiefen und ehrlichen Beziehung zu einem geliebten Menschen, wie sie etwa der blinde Anthroposoph Jacques Lusseyran in seinem Buch Bekenntnis einer Liebe beschreibt, oder in fragilen Beziehungen zwischen Schüler und Lehrer, die gerade im geistigen Leben ebenso viel Wachstum und Fülle wie auch verbrannte Erde hinterlassen können.

Vertraue deiner Intuition und deinen Freunden, die dir ehrlich und auf fröhliche Weise widerspiegeln, wer du bist und wer du sein könntest. Vieles, von dem ich annahm, es sei Anthroposophie, verbrannte einfach, es ist kein Weg, der dich zu spirituellen Höhen führt, um von diesen abhängig zu werden. Ebenso wenig ist es die rein intellektuelle Auseinandersetzung mit geistigen Themen und den immer wiederkehrenden gleichen Phrasen, noch der blinde Aktionismus um ein „guter Mensch“ zu werden. Nach einem jeden Brand, der alte Vorstellungen vernichtet, steht die Chance für einen Neubeginn. Es ist die Asche, die übrigbleibt und die genossen, ja gegessen werden will, um aus dem produktiven Nichts unserer Zeit das Licht in dir zu schöpfen, welches das Dunkel dieser Welt überwinden kann.

In Liebe und Dankbarkeit für dein Vertrauen auf dem Weg der Anthroposophie
Dein Adrian Wagner

Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin Info3, Ausgabe Januar 2012


Adrian Wagner, Autor und integraler Aktivist - Begegnung mit der integralen Theorie Ken Wilbers. Orientierungsreise in den nahen Osten; Mitorganisation des Trainings "Engagement und Bewusstsein" 07/08, Tai Chi Studium in Indien. Spiral Dynamics und Theory U fasziniert. Student der Sozialpädagogik an der KH Freiburg. In Ausbildung bei Cordula Mears-Frei in „Voice Dialog“ und Mitbegründer von "Karma Youth". Seit einiger Zeit Autor bei dem Magazin „Info 3 – Anthroposhophie im Dialog“.

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