Jenseits von Unparteilichkeit
a_Neuigkeiten, Change, Neues Bewusstsein Mittwoch, Juli 18th, 2012Wahrheit ist nicht neutral
„Mut ist, wenn wir wissen, wovor wir keine Angst haben müssen“, sagt Arianna Huffington gern und schreibt dieses Zitat Sokrates zu. Für sie bedeutet es, dass wir keine Angst vor den Meinungen anderer Leute haben sollten oder vor Ablehnung in Bezug auf unser Handeln. Es ist ein Motto, nach dem sie offensichtlich gelebt hat: Huffington ist in ihrem Leben einem eigenständigen Kurs gefolgt, der oft diejenigen, die sie festlegen wollten, verwirrt oder wütend gemacht hat. Ihre politischen Ansichten wechselten vom kalifornischen Liberalismus zum Konservatismus bis hin zu ihrer unabhängigen Kandidatur als Gouverneur von Kalifornien, wobei sie sagte, dass ihr politischer Standpunkt jenseits von rechts, links oder der Mitte sei. Ihr ist es nicht wichtig, welche politischen oder anderen Bezeichnungen ihr zugeschrieben werden – sie ist auf einer Mission, um intelligente Debatten, Wahrheitssuche und Gerechtigkeit in die Politik zu bringen. Selbst als sie The Huffington Post aufbaute, wandte sie sich gegen die negativen Reaktionen des Medienestablishments, das sie und ihre Idee, die erste Internetzeitung zu gründen, verspottete. (Ironisch daran ist, dass Anfang dieses Jahres eines der größten Medienunternehmen der USA, AOL, die Huffington Post für 315 Millionen Dollar gekauft hat.) Die HuffPo, wie sie genannt wird, wird heute von mehreren Millionen Menschen monatlich besucht und hat zwei Mal hintereinander den Webby Award für den besten politischen Blog gewonnen. In den letzten Monaten ging eine britische Version der Huffington Post online und in einigen Wochen sollen nun auch ein französisches und deutsches Portal folgen.
Ganz klar: Huffington hat Spuren hinterlassen. Mit einer Vorliebe dafür, die Grenzen unseres Denkens zu erweitern, verkörpert sie eine Unzufriedenheit mit dem Status quo des oberflächlichen Konsumdenkens und eine Leidenschaft dafür, unsere kollektiven Anstrengungen, die Welt zu verbessern, zu inspirieren.
Geboren in Griechenland in eine intellektuell engagierte Familie war für Huffington das aktive Interesse an tiefen Untersuchungen ganz natürlich. Ihre Mutter verehrte die Werke des großen Weisen J. Krishnamurti und die Leidenschaft ihres Vaters für neue journalistische Experimente brachte der Familie mehrmals den Bankrott. Im Alter von sechszehn Jahren ging Huffington nach Indien, um an der Shantiniketan University in der Nähe von Kalkutta vergleichende Religionswissenschaften zu studieren, danach ging sie an die Cambridge University in England. In Cambridge überwand sie ihren starken griechischen Akzent und wurde als dritte Frau und erste Ausländerin zur Präsidentin des prestigeträchtigen Debattierklubs, der Cambridge Union, gewählt. Ihr erstes Buch The Female Woman veröffentlichte sie im Alter von 23 Jahren, es wurde ein internationaler Bestseller und brachte ihr, wie sie sagt, „viele Dinge, für die ich sonst ein ganzes Leben gebracht hätte, wie zum Beispiel finanzielle Unabhängigkeit und Anerkennung. Es führte auch zu einer Midlife-Krise in meinen frühen Zwanzigern, denn ich fragte mich, ‚War das nun alles?’“ Diese frühe Krise brachte sie dazu, die Werke von C. G. Jung zu lesen und tief in die Philosophie einzutauchen, was dazu führte, dass sie nach Antworten auf Fragen zu suchen begann, die sie die letzten dreißig Jahre beschäftigt haben: Was ist die Beziehung zwischen Politik und unseren tieferen Werten? Wie müssen wir uns verändern, um die Welt zu schaffen, nach der wir uns sehnen?
In diesem Interview spricht Huffington mit Elizabeth Debold über ihr Verständnis des spirituellen Lebens und der Bedeutung der Wahrheit als einen persönlichen und politischen Wert.
ELIZABETH DEBOLD: In den letzten zwanzig Jahren haben sich viele spirituell interessierte Menschen, die nach einer inneren Wahrheit suchten, von der Politik abgewandt, weil sie befürchteten, dass sie ihre Ideale betrügen würden, wenn sie sich der politischen Arena nähern. Sie haben aber das politische Engagement als Teil Ihres spirituellen Weges gelebt. Sehen Sie irgendeine Spannung zwischen spirituellem Idealismus und politischem Pragmatismus?
ARIANNA HUFFINGTON: Ich habe mich entschieden, sowohl einem spirituellen Weg zu folgen als auch politisch engagiert zu sein, und ich sehe keine Spannung zwischen den beiden. Mich erinnert es an ein Bibelzitat: „Gib Caesar was Caesar gehört, gib Gott, was Gott gehört.“
Es gibt viele religiöse Traditionen auf der Welt, die verlangen, dass man sich von der Welt zurückzieht und betet – die klösterlichen Traditionen. Meine Form der Spiritualität ist ihrer Form nach nicht Rückzug, sondern persönliches und kollektives Engagement. Das stammt zum Teil aus unserer griechischen Tradition. Das Wort „Idiot“ kommt aus dem Altgriechischen – ein Idiot war demnach jemand, der sich nicht im öffentlichen Leben engagierte. Es gibt also eine alte griechische Tradition des Engagements, die mich unter anderem geprägt hat. Für mich bildet das weltliche Engagement eine Erweiterung meines spirituellen Lebens.“
ED: Was hat ursprünglich Ihr Interesse am spirituellen Leben geweckt?
AH: Das ist schwer zu sagen, weil ich das Gefühl habe, dass ich damit geboren wurde. Ich erinnere mich, dass ich, als ich sehr jung war, noch bevor ich in den Kindergarten kam, in schwierigen Zeiten zur Jungfrau Maria bettete. Als ich aufwuchs, wollte ich jeden Aspekt der Spiritualität untersuchen, ich begann also fieberhaft zu lesen, was normalerweise mein erster Zugang zu einem Thema ist. Natürlich war es an einem bestimmten Punkt so, als würde ich versuchen, Wasser zu finden, indem ich ein Buch über Wasser las – es stillte nicht meinen Durst. Es wurde also wichtiger, diese Dinge in die Praxis umzusetzen und sie selbst zu üben. Aber nachdem ich die spirituelle Literatur des Westens und Ostens gelesen hatte, kam ich zu der Überzeugung, dass der spirituelle Instinkt in jedem von uns ist. Ob wir uns als Atheisten oder als Gläubige bezeichnen, wir haben diesen Instinkt in uns – ich nenne es den „vierten Instinkt“.
Wir können das menschliche Verhalten nicht verstehen, wenn wir nicht den Instinkt für Transzendenz anerkennen.
ED: Können Sie mehr über diesen vierten Instinkt sagen?
AH: Die meisten Psychologen und Biologen sehen das menschliche Verhalten im Hinblick auf drei Instinkte: Überleben, Sexualität und Macht. Ich glaube aber, dass wir das menschliche Verhalten nicht verstehen können, wenn wir nicht einen vierten Instinkt anerkennen – den Instinkt für Transzendenz, der Instinkt, sich mit dem Teil in uns selbst zu verbinden, der über unsere Körperlichkeit hinausgeht und unseren Tod überlebt, und der uns mit unserer Seele verbindet. Daraus erklärt sich unsere Suche nach Sinn, ob diese Suche uns zur Kunst, zur Religion oder zu altruistischem Verhalten inspiriert, das man nicht allein mit Eigeninteresse erklären kann. Natürlich ist ein Teil der Suche nach Sinn oft, das wir uns etwas hingeben, das uns dazu veranlasst, über uns selbst hinauszugehen.
Man könnte sagen, dass dieser vierte Instinkt die Bewusstseinsevolution antreibt – und die Evolution des Bewusstseins ist die Grundlage von allem. Je mehr jeder von uns sich entwickelt, je größer wird die Wirkung auf die Kultur sein. Aber es gibt auch Dinge, die wir kulturell tun können, um die Entwicklung auf individueller Ebene zu unterstützen. Obwohl es keine lineare Evolution ist, weil dabei Fortschritte und Rückschläge auftreten, glaube ich, dass es eine aufwärts führende Spirale ist. Letztendlich bin ich Optimistin.
ED: Was ist die Rolle von führenden Politikern als Katalysator solch einer Veränderung?
AH: Große Politiker können den Beginn dieser Veränderung inspirieren. Politiker sprechen entweder das Beste oder das Schlechteste in uns an. Wie wir alle wissen, gibt es beides. Große Führungspersönlichkeiten können, wie Lincoln sagte, „die besseren Engel unseres Wesens“ ansprechen, und bringen Menschen für große Aufgaben zusammen, wie es zum Beispiel Lincoln selbst tat, als er die Sklaverei abschaffte.
Meine Form der Spiritualität ist ihrer Form nach nicht Rückzug, sondern persönliches und kollektives Engagement
ED: Susan Neiman, die Autorin von Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten, Direktorin am Einstein Forum in Potsdam und Bloggerin auf der Huffington Post ist der Ansicht, dass in den letzten zwanzig Jahren die politische Rechte den Menschen Möglichkeiten gegeben hat, sich mit diesem vierten Instinkt zu verbinden, und die politisch Progressiven dies oft versäumt haben. Die Rechte gibt den Menschen moralische Ideale, nach denen sie streben können, wohingegen die Linke meist materielle, ökonomische Lösungen anbietet und oft auch Probleme mit dem Wort „Moral“ hat. Können Sie etwas dazu sagen?
AH: Zunächst möchte ich sagen, dass ich die Welt nicht durch das Prisma von Rechts-vs.-Links sehe. Die wichtigste moralische Herausforderung mit der sowohl Progressive als auch Konservative konfrontiert sind, ist ein Leben nach dem biblischen Hinweis, dass wir alle danach beurteilt werden, was wir für den Geringsten unter uns getan haben. Es gibt z. B. viele Progressive, die den Kampf gegen die Armut in den spirituellen und politischen Zusammenhang stellen.
ED: In Ihrer Arbeit rufen Sie uns alle und die Medien auch dazu auf, nach der Wahrheit zu suchen, statt in einer sogenannten Unparteilichkeit zu bleiben.
AH: Unparteilichkeit und Fairness sind großartige Werte, aber ich spreche eine Art der falschen Neutralität an. Dabei ist die Idee, dass die Arbeit eines Journalisten bedeutet, dass man wie Pontius Pilatus handelt: „Ok, hier ist also Al Gore, der über die Gefahren des Klimawandels spricht, und hier ist ein Politiker, der sagt, dass der Klimawandel ein Schwindel ist, und meine Aufgabe besteht darin, einfach diese beiden Sichtweisen zu zeigen.“ Das ist eine falsche Neutralität, die wirklich das unterminiert, was im Herzen jedes Journalismus sein sollte: die Suche nach Wahrheit.
Und natürlich war dieses Annähern an die Wahrheit immer ein wichtiger Teil unserer kulturellen/spirituellen Tradition, vom „Erkenne dich selbst!“ der Griechen bis zum „Bleib dir selber treu“ bei Shakespeare. Bei all diesen Hinweisen geht es im Grunde darum, ständig nach der Wahrheit über uns selbst, über unser Leben und über unsere Welt zu suchen. Das ist ganz sicher eines der größten Ziele, das wir in unserem Leben verfolgen können.
Dieses Interview erschien erstmals im Magazin EnlightenNext Impulse, Ausgabe Winter 2011
Arianna Huffington ist eine US-amerikanische Sachbuchautorin und Journalistin. Sie ist Mitbegründerin und Chefredakteurin der Online-Zeitung The Huffington Post.
Dr. Elizabeth Debold ist eine der wichtigsten Stimmen der Frauenbewegung in den USA und war als Entwicklungspsychologin in Zusammenarbeit mit Dr. Carol Gilligan an der Harvard University an grundlegenden Forschungen über die Entwicklung von Frauen und Mädchen beteiligt. Heute verbindet sie diese Erfahrungen mit der Perspektive einer integral-evolutionären Spiritualität.
www.elizabethdebold.com





Dr. Elizabeth Debold ist eine der wichtigsten Stimmen der Frauenbewegung in den USA und war als Entwicklungspsychologin in Zusammenarbeit mit Dr. Carol Gilligan an der Harvard University an grundlegenden Forschungen über die Entwicklung von Frauen und Mädchen beteiligt. Heute verbindet sie diese Erfahrungen mit der Perspektive einer integral-evolutionären Spiritualität.














