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Gott als Zukunft

Der Theologe John Haught ist der Ansicht, der beste Name für Gott – dazu ein Name, der in den biblischen Erzählungen gegründet ist – sei Die Zukunft. Die Idee, dass Gott seinen Ort in der Zukunft hat, ist schwieriger zu verstehen als die Vorstellung, dass in der Vergangenheit oder Gegenwart anwesend ist. Durch Geschichtsbücher, unsere eigene persönliche Geschichte und unser Gedächtnis können wir uns der Realität der Vergangenheit vergewissern. Sie ist das, was sich bereits ereignet hat. Auch die Gegenwart ist für uns kein Problem. Wir können sie nicht leugnen, obwohl unsere offenkundige Unfähigkeit, voll und ganz darin anwesend zu sein, sie oft verstellt, woran uns Eckhart Tolle und andere Gurus des „Jetzt“ immer wieder erinnern. Die Gegenwart ist dieser Augenblick, wir können sie erfahren, indem wir tief einatmen, unseren geschwätzigen Geist anhalten und in unserer Erfahrung gegenwärtig werden. Sie ist das, was jetzt gerade geschieht.

Aber dieser Augenblick überschneidet sich immer mit einer Zukunft, die beständig im Prozess des Ankommens ist. Da, gerade ist sie wieder angekommen. Aber wir tun uns schwer, der Zukunft einen vollen, existenziellen Status zuzuschreiben, denn per definitionem existiert die Zukunft noch nicht. Die Zukunft liegt immer gerade außerhalb unserer Reichweite und ist doch immer im Prozess des Ankommens.

Das biblische Buch der Offenbarung bezeichnet Gott als Alpha, den Anfang, und als Omega, das Ende. Wir neigen immer dazu, Gott eher als Alpha zu sehen – als Schöpfer. Aber wir denken nicht viel darüber nach, inwiefern Gott als Omega anwesend ist – als Ende. Die fundamentalistische Religion denkt wohl an Gott als Omega, aber für deren Anhänger bedeutet es, dass Gott eine vorherbestimmte Endzeit festgesetzt hat, in der „Er“ die Geschichte zu einem abrupten, gewaltsamen Ende führt. Dieses Denken reduziert Vergangenheit und Gegenwart auf wenig mehr als ein Zwischenstadium. Sie sind einfach das, was sich ereignet, während wir herumsitzen und auf die richtige Action – die apokalyptische Action – warten. Aber diese Denkweise verkleinert die Rolle der Geschichte und die Rolle, die wir bei der Gestaltung der Zukunft spielen.

Die Gegenwart der Zukunft

Teilhard de Chardin, katholischer Priester und Paläontologe, war ein fortschrittlicher Denker, der sowohl die Evolution als auch die Zukunft ernst nahm. Er stellte die Frage: „Wer gibt uns einen Gott für die Evolution?“ Er suchte nach einer Gottesvorstellung, die der Naturwissenschaft, insbesondere der Wissenschaft von der Evolution den gebührenden Platz einräumt. Wer der Evolution, speziell der bewussten Evolution innerhalb der menschlichen Spezies, diesen Platz gewährt, schreibt uns die Fähigkeit zu, Entscheidungen zu treffen, die wirklich etwas bewegen. Wir warten nicht darauf, dass irgendein Himmelsgott einseitig eingreift und eine vorherbestimmte Zukunft herbeiführt. Wir selbst sind in der Lage, die Zukunft auf bewusste Weise mit zu erschaffen. Gleichzeitig behaupten wir als Christen, dass die Realität, die wir „Gott“ nennen, die Freiheit hat, unsere Entscheidungen ganz ohne Zwangsausübung zu beeinflussen. Teilhard de Chardin stellte sich einen kosmischen Christus vor, der den Omega-Punkt bildet, nicht bloß das Alpha. Der Omega-Punkt ist die verheißungsvolle Gegenwart der Zukunft, auf die hin die gesamte Schöpfung zusammenfließt, und im Prozess dieses Zusammenfließens entwickelt sich die Schöpfung auch in Bezug auf Intelligenz, Liebe und Kreativität immer weiter.

Teilhard stellt sich Gott als ein göttliches Milieu vor, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst und sich darin andeutungsweise ausdrückt. Gott ist gegenwärtig in der Vergangenheit als der/das Eine, aus dem das Universum entsteht. Das ist der Gott, von dem die großen Schriften der Weltreligionen sowie die alten Stammesmythen und Legenden der Urvölker Zeugnis ablegen. Je konservativer jemand in seiner Theologie ist, desto größer ist die Tendenz, das, was wir über Gott wissen können, ausschließlich in diesen historischen Erzählungen zu lokalisieren, oder gar innerhalb der Tradition, die sich um diese Erzählungen herum organisiert. Wenn wir unser Wissen um Gott vorzugsweise aus der Vergangenheit beziehen, blicken wir, wo es um die Offenbarung der Wahrheit geht, rückw.rtsgewandt auf die Schrift, auf die Tradition und auf die historische Gründergestalt – in unserem Fall Jesus von Nazareth.

Wir können Gott auch in der Gegenwart finden. Das Universum taucht in einem immerwährenden Prozess jeden Augenblick aufs Neue aus dem Nichts auf. Erfolgreiche Bücher wie Jetzt. Die Kraft der Gegenwart sind bei den postmodernen Menschen sehr beliebt, die sich als „spirituell, aber nicht religiös“ bezeichnen. Was nichts anderes bedeutet, als dass sie kein besonderes Interesse daran haben, in vergangene Zeiten zurückzublicken, wenn sie das Heilige erfahren wollen. Sie suchen eher nach der Befreiung von Vergangenheit und Zukunft in der Stille des „zeitlosen“ Jetzt. Wenn wir ganz im Augenblick sind, befreien wir unseren Geist von der Tyrannei des Gedankenprozesses und unserer Sorge um die Zukunft. Die Meditation hilft uns, in diesen Bewusstseinszustand einzutreten, bei dem es einzig darum geht, in der Gegenwart anwesend zu sein. Wir entwickeln eine Wahrnehmung des Heiligen, indem wir das, was sich gerade jetzt und jetzt und jetzt ereignet, aufmerksam wahrnehmen und wertschätzen.

Gott muss in der Zukunft auf eine Weise anwesend sein, die zwar Einfluss auf die Evolution des Kosmos ausübt, aber nicht direkt eingreift.

Kann Gott aber auch als einer erscheinen, der in der unerprobten und unbestimmten Zukunft gegenwärtig ist? Die Bibel scheint von der Ansicht zu zeugen, dass sich Gott tatsächlich gerade da aufhält – nicht so sehr „da oben“, sondern da, „vor“ uns. Ich werde gleich die Argumente dafür anführen. Fürs Erste müssen wir bedenken, was auf dem Spiel steht. Wir behaupten, dass Gott irgendwie in einer Zukunft gegenwärtig ist, die noch nicht existiert. Darüber hinaus behaupten wir, Gott sei in dieser Zukunft auf eine Weise gegenwärtig, die den freien Willen und die evolutionäre Kreativität der Menschen würdigt – wenn man voraussetzt, dass wir in personalisierter Form den evolutionären Impuls des Universums darstellen. Mit anderen Worten: Schon aus Prinzip und aufgrund der Würde des freien Willens kann uns keine Zukunft aufgezwungen werden. Gott muss in der Zukunft auf eine Weise anwesend sein, die zwar Einfluss auf die Evolution des Kosmos ausübt, aber nicht störend eingreift.

Eine Feuersäule in der Nacht und eine Wolke am Tag

Zunächst möchte ich diese Gedanken mit einem neuen Verständnis der Bibel verbinden. Es gibt zahllose Geschichten, in denen Gott sein Volk durch die Verheißung einer besseren Zukunft weiterzieht – eine Zukunft, für deren Verwirklichung sein Volk wichtig ist. Die Legende von der Befreiung der Hebräer aus der ägyptischen Gefangenschaft stellt sich Gott so vor, dass er vorausgeht und führt. Gott ist die Anwesenheit der Zukunft, die Moses in einem brennenden Dornbusch erscheint. Die Zukunft besteht im Geist Gottes als eine Welt, die von Sklaverei und der Art von Leiden, das die Hebräer erfahren, frei ist. Diese Idee „kommt“ zu Moses als eine Möglichkeit, die noch nicht in seinen Gedanken erschienen ist. Als Moses dann Gott, der es mit dem Pharao aufnehmen will, nach seinem Namen fragt, kann der göttliche Name folgendermaßen übersetzt werden: „Ich bin der ich bin“ oder „Ich werde der sein der ich sein werde“ – der Eine, der sowohl Gegenwart als auch Zukunft ist.

Die Zukunft ist immer jenseits von uns – so wie „Gott“ es ist – und kommt doch ständig mit dem Angebot neuen Lebens auf uns zu.

Diese Gegenwart kommt in Moses Bewusstsein mit der Aufforderung, die Hebräer zu befreien. Die Idee „kam“ zu Moses. Woher kam sie? Die Geschichte sagt, dass sie von Gott kam, der im Reich der zukünftigen Möglichkeiten weilt, die bisher von den Menschen noch nicht erwogen wurden. Moses will wissen, wie um alles in der Welt er es wagen kann, sich dem Pharao von Ägypten entgegenzustellen? Gott bittet Moses einfach, in das Mögliche zu vertrauen. Und nach einer Reihe von Auseinandersetzungen mit dem Pharao und den tödlichen Plagen können die Hebräer flüchten. Die Legende dieser Flucht beschreibt, dass Gott ihnen als eine Feuersäule in der Nacht und eine Wolke am Tag vorausging, damit sie Tag und Nacht in die zukünftige Verheißung der Freiheit wandern konnten.

In der Bibel herrscht immer die Vorstellung von Gott als einem, der den Menschen voraus ist, der aus der Zukunft in eine Zukunft führt, die kein Mensch je für möglich gehalten hätte. Im Normalfall waren die Lebensumstände so, dass die Gegenwart sehr öde war und niemand, der seinen Verstand beieinanderhatte, tiefer in sie eindringen wollte. Die Spiritualität des Jetzt zu verabsolutieren wäre absurd gewesen. Wenn man den Stiefel der Geschichte brutal im Nacken spürt, würde ein Verweilen in der Gegenwart heißen, einen gebrochenen Hals zu riskieren. Die Hoffnung auf die Zukunft war notwendig, und Gott wird immer so dargestellt, dass er genau das tut – denen, die sich die Mühe geben, zu hören, begegnet er als Anwesenheit einer besseren Zukunft im Hier und Jetzt.

Die Quelle der Hoffnung ist nicht die tiefe Akzeptanz der gegenwärtigen Bedingungen. Es ist die Ahnung einer neuen Zukunft im Hier und Jetzt, die dem jüdischen Volk ermöglicht, weiterzugehen. Durch irgendein Geheimnis kommt die Idee in den Geist Moses, dass die derzeitigen Umstände der Unterdrückung nicht Gottes Wille in Bezug auf das hebräische Volk sind – und er nimmt diese Möglichkeit so tief in sich auf, dass er Verantwortung für ihre Verwirklichung übernimmt. Wenn es irgendein Wunder in der Bibel gibt, dann ist es das – diese Dynamik der Zukunft, die kommt, um dem Einzelnen mit neuen Möglichkeiten zu begegnen, und dass diese Menschen von dieser Möglichkeit so transformiert werden, dass sie aufstehen und sich dazu verpflichten, dass die Verwirklichung der Zukunft in ihnen und durch sie hervorgebracht wird. Gott kommt zum Volk Gottes aus der Zukunft und öffnet Raum, um neue Möglichkeiten durch bewusste Entscheidung zu erkennen und umzusetzen. Moses hat die Freiheit, es abzulehnen, nach dieser Ahnung einer anderen Zukunft zu handeln, und das trifft für uns alle zu.

Die verborgene Ganzheit

Doch wie kann Gott in der Zukunft und als die Zukunft so anwesend sein, dass er nicht unseren freien Willen überw.ltigt und diese Zukunft nicht einseitig vorherbestimmt? Kann uns die Naturwissenschaft hier helfen? Schließlich müssen sich, wenn denn die Evolution ihren eigenen Gott haben soll, Analogien im Bereich der Naturwissenschaften finden lassen. Es zeigt sich, dass wir eine gewisse Hilfestellung bei dem Phänomen finden, das die Naturwissenschaft einfach als „Information“ bezeichnet. In unserem Zusammenhang bezieht sich Information auf die Fähigkeit des Universums, aus einer niedrigeren Ordnung eine höhere Ordnung hervorzubringen. Es gibt eine Kraft neben Materie und Energie – der Physiker David Bohm spricht von einer „verborgenen Ganzheit“ –, die die Wirklichkeit durchdringt und der eine Tendenz innewohnt, aus einer relativen Unordnung Kohärenz, Integrität und Komplexität hervorzubringen. Die Naturwissenschaften würdigen dieses Mysterium mit Begriffen wie Neuheit, Selbstorganisation und Autopoiesis. Neuheit bedeutet, dass zwei Teile beim Zusammenkommen ein Ganzes ergeben, das nicht nur größer als die Summe seiner Teile ist, sondern auch auf unvorhersehbare Weise neu und komplexer. Selbstorganisation besagt, dass ein System, wenn es unter Druck gerät, in eine höhere Ordnung durchbrechen kann. Autopoiesis bezeichnet die Fähigkeit eines Organismus, sich selbst zu erneuern und zu verändern. Aber verwechseln wir nicht Beschreibung mit Erklärung. Die Naturwissenschaft hat Begriffe dafür, aber die „Information“ bleibt ein Geheimnis.

Das Leben scheint einfach zu wissen, wie leben funktioniert.

Das Leben scheint einfach zu wissen, wie leben funktioniert. Aus der Materie entsteht Leben, aus dem Leben entsteht Geist, aus dem Geist entstehen selbstbewusste Wahrnehmung, durch die ein ganzes Universum sich selbst erkennen kann, Entscheidung in Verantwortung sowie Anstrengung für eine ersehnte Zukunft. Hartgesottene Materialisten behaupten, diese komplexeren Ebenen hätten sich einfach aus den einfachsten Formen entwickelt. Der Lehm habe sich irgendwie selbst hochgezogen, wie sich Schnürsenkel (engl. bootstraps) am Stiefel hochziehen, und gelernt, Atomphysik zu betreiben. Diese sogenannte Bootstrapping-Theorie setzt ein ordnendes oder strukturierendes Informationsfeld voraus, das die Wirklichkeit in Richtung größerer Einheit und Unterschiedlichkeit und größeren Bewusstseins beeinflusst, indem es sie nach oben und nach vorn zieht. Diese Vorstellung beinhaltet nicht nur den Eros-Drang des evolutionären Impulses. Es gehört auch ein verheißungsvoller Sog aus der Zukunft dazu. Die Information existiert als Bereich höherer oder größerer Möglichkeit, die den evolutionären Prozess beeinflusst, aber nicht in ihn eingreift. Wir tun uns schwer, das zu begreifen, denn wir haben gelernt, nur Vergangenheit und Gegenwart als „wirklich real“ anzusehen. Wir sind von historischen Kausalitäten durchtränkt. Alles, was wir um uns her sehen, muss durch irgendein Ereignis in der Vergangenheit verursacht worden sein. Ein großer Teil unseres Lebens ist ja tatsächlich eng an die Vergangenheit gebunden. Aber ist es absolut „verursacht“ durch die Vergangenheit? Vielleicht nicht. Sehen wir uns unsere Sprache an. Wir fragen uns, was die Zukunft „bereithält“. Diese Metapher des Haltens zeigt uns die Zukunft als Behältnis unermesslicher Möglichkeiten. Sie ist nicht vorherbestimmt, sondern kommt zu uns in der Intuition, in einem flüchtigen Blick, durch unerwartete Gelegenheiten und Umstände, die sich uns „schenken“. Wenn wir dafür offen sind, entdecken wir in ihnen eine unsichtbare, unberührbare und doch machtvolle Kreativität für die Umgestaltung nicht nur unseres eigenen Lebens, sondern tatsächlich auch der Zukunft der Erde. Die Zukunft ist immer jenseits von uns – so wie „Gott“ es ist – und kommt doch ständig mit dem Angebot neuen Lebens auf uns zu.

Der Omega-Punkt ist die verheißungsvolle Gegenwart der Zukunft, auf die hin die gesamte Schöpfung zusammenfließt.

Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin EnlightenNext Impuls, Ausgabe Frühling 2012


Bruce Sanguin ist Priester der Canadian Memorial United Church in Vancouver und Autor, u. a. von The Emerging Church.
www.ifdarwinprayed.com
Dieser Artikel ist die Bearbeitung eines Textes, der auf www.beamsandstruts.com erschienen ist.

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