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Interessante Arbeit ist unbezahlbar

Wie viel ist unser Einsatz wert?

Je umkämpfter bezahlte Arbeit ist, desto unerträglichere Kompromisse gehen Menschen in ihrem Erwerbsleben ein. Die grundsätzliche Frage, welche Arbeit uns erfüllt und wie viel uns ein besseres Salär wirklich wert ist, bringt uns in den Dschungel komplexer Zusammenhänge.

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass Arbeit mit Geld abgegolten wird. Allerdings nicht jede Arbeit. Und es gibt riesige Lohndifferenzen. Die aktuellen Diskussionen rund um ein bedingungsloses Grundeinkommen zeigen, wie heftig sich die Gemüter erhitzen, wenn der Zusammenhang zwischen Arbeit und Einkommen infrage gestellt wird. Plötzlich müssen wir uns Gedanken machen, ob wir grundsätzlich Faulpelze sind und was wir denn wirklich herzhaft gern tun.

Wenn wir nachfragen, wer sich in der täglichen Erwerbsarbeit richtig glücklich schätzt oder wer sich etwas Passenderes und Lustigeres vorstellen könnte, stossen wir auf viele Frustrationen. Wer seine Arbeit nicht besonders mag und dafür erst noch wenig Lohn erhält, läuft Gefahr, in Armut zu geraten und als Folge davon in Isolation. Wer kein Geld hat, kann am soziokulturellen Leben kaum teilnehmen. Unerfreuliche Alltagsstunden können leicht zu Sinnlosigkeitsgedanken führen.

Wer seine Arbeit nicht besonders mag und dafür erst noch wenig Lohn erhält, läuft Gefahr, in Armut und Isolation zu geraten.

Geld und Ehre

So betrachtet ist das Gegenteil, nämlich eine interessante und erst noch gut bezahlte Arbeit, in verschiedener Hinsicht «unbezahlbar». Unbezahlbar im Sinne von wertvoll, denn die «Entgeltung» geschieht abgesehen vom Lohn durch die interessante Tätigkeit selbst: Diese gibt uns Energie, vermittelt Freude, verschafft Integration, nebst Inspiration und Identifikation. Unbezahlbar meint hier aber auch, dass solche Jobs oft auf Kosten von anderen gehen. Sei es beim Chef, der viel arbeitet und darauf angewiesen ist, dass eine Ehefrau, ein Partner oder eine schlecht bezahlte Raumpflegerin sich um den Alltagskram zu Hause kümmert. Daniel Häni vom Eidgenössischen Initiativkomitee für ein bedingungsloses Grundeinkommen bringt diese Problematiken so auf den Punkt: «Arbeit kann eigentlich nicht bezahlt, sondern nur ermöglicht oder verhindert werden.»

Natürlich ist es unmöglich, gewisse Berufe generell als interessant zu klassieren und andere als uninteressant zu degradieren. Bewertungen hängen immer davon ab, welche individuellen Interessen und Fähigkeiten vorliegen. Aber wenn ungleiche Chancen beim Zugang zur (Aus-) Bildung bestehen, ergeben sich auch Ungleichheiten bei der Wahl eines spannenden Erwerbslebens. Die Chancengleichheit beim Zugang zur Bildung muss erhöht werden; unabhängig der Herkunft muss eine gerechtere Verteilung von mehr oder weniger inspirierenden «To do’s» möglich werden, denn an der Tatsache, dass eine Kloschüssel immer wieder gereinigt werden muss, ändert sich nichts.

Doch auch ein in Teilzeit ausser Haus beschäftigter Elternteil möchte zu Hause nicht nur putzen und staubsaugen, sondern zum Beispiel auch Zeit mit den Kindern verbringen. Unbezahlte Hausarbeit ist deshalb ebenfalls mehr oder weniger interessant, je nachdem, ob sie teilweise delegiert wird oder nicht. Zusätzlich prägt unbezahlte Hausarbeit massgebend unsere Zeitressourcen. Ein gesunder Mix aus sozial motivierter Eigenverantwortung und Befriedigung der persönlichen Interessen ist eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes gesellschaftliches Netzwerk.

Postpatriarchales Projekt

Die feministische Theologin Ina Praetorius, die das Komitee für ein bedingungsloses Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt unterstützt, hat aus diesem Grund mit der Gruppe «Gutesleben» eine «Scheissologie» entwickelt, um der öffentlichen Verdrängung solcher Arbeiten offensiv zu begegnen. Es handelt sich um eine Theorie, Ökonomie und Ethik all jener Arbeits– und Lebensbereiche, in denen der Umgang mit den realen stinkenden Hinterlassenschaften von Menschen und Tieren eine Rolle spielt und die man auch heute noch gern Frauen oder modernen Sklaven überlässt.

Wir müssen davon ausgehen, dass bezahlte Arbeit in Zukunft noch knapper wird und die Arbeitslosigkeit global zunimmt. Die Behauptung, dass Produktivität ein Motor ist, der Arbeitsplätze schafft und Wohlstand sichert, ist überholt. Umso wichtiger ist es, dass die Güter Arbeit, Geld und Zeit so verteilt werden, dass die individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Zuge kommen. Damit auch die «Scheissarbeiten» solidarisch erledigt werden, könnte ein Zivildienst für alle Erwachsenen für eine gewisse Zeit obligatorisch werden. Denn nicht nur das Wissen um ein für alle gleich hohes Grundeinkommen würde die Unterschiede kleiner werden lassen, sondern auch die Gewissheit, dass alle, unabhängig von Herkunft und Geschlecht, den Griff in die Kloschüssel aus eigener Erfahrung kennen.

Literatur:

moneta hat sich in der Ausgabe 1/2007 bereits mit dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen auseinandergesetzt.

Ina Praetorius: www.inapraetorius.ch/d/gedankenblitze.php

Alain de Botton: Freuden und Mühen der Arbeit, Frankfurt a. M. 2012.

Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt a. M. 2004.

 

Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin Moneta, Ausgabe 2/2012MONETA ist das Magazin der Alternativen Bank Schweiz


Dominique Zimmermann lebt in Basel. Sie führt seit 1999 die Philosophische Praxis chora und arbeitet als Journalistin und Texterin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Geschlechterforschung, Sexualität und Beziehungen.
www.philochora.ch

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