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Frauen, Entschlossenheit und Wandel

Leadership mit neuem Bewusstsein

Leider wird meine Generation die Verhältnisse in den Führungsetagen nicht verändern. Da bewegt sich einfach nichts. Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen und in meiner Generation werden nicht 50 Prozent der Frauen in Führungspositionen beschäftigt sein“, sagte Facebook COO Sheryl Sandberg bei TEDWomen

Foto: © Markwaters | Dreamstime.com

Als ich das hörte, erschrak ich zunächst. Sandberg ist Anfang Vierzig – die Generation, die in dem Glauben aufwuchs, dass die Welt für Frauen weit offen stehen würde, und sie nichts aufhalten könnte. Wie sie bemerkt, ist es heute ziemlich offensichtlich, dass wir noch weit davon entfernt sind, Gleichberechtigung an der Spitze von Business, Politik, Recht oder Wissenschaft zu erreichen. Schätzungen sagen, dass es mindestens noch einmal 100 Jahre dauern wird, bevor der amerikanische Kongress zur Hälfte mit Frauen besetzt sein wird. Zudem, so Sandberg, gibt es in Bezug auf Gleichberechtigung im häuslichen Bereich sogar noch weniger Fortschritt. Frauen erledigen im Gegensatz zu den Männern immer noch doppelt so viel Hausarbeit und leisten ungefähr dreimal so viel in der Kindererziehung. Für jemanden wie mich, die während des Babybooms der 70er aufwuchs, ist es schon ein Schock, das zu erkennen: Während sich einerseits so viel für uns Frauen verändert hat, ist doch andererseits so wenig in Bewegung. Wie Diana L. Taylor kürzlich in einem Artikel im Wall Street Journal mit dem Titel „Wo sind all die Frauen?“ bemerkte: „Der Anteil von Frauen am Arbeitsplatz sinkt entsprechend der Höhe der Karriereleiter, und diese Situation hat sich im Laufe der letzten Jahre nicht verändert.“

Diejenigen von uns, die nicht an hochrangigen Positionen in der Wirtschaft oder an einer Führungsaufgabe in Recht, Politik, Wissenschaft – oder in welchem Bereich auch immer – interessiert sind, mögen denken, dass sie das nichts angeht. In bestimmten Bereichen der progressiven Kultur und Spiritualität wird diese Art der Führung als alte, etablierte und ausbeutende Machtstruktur abgetan. Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass Frauen einen natürlichen Zugang zu einer Art der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens haben, die eher auf Beziehungen beruht, im Allgemeinen weniger ausbeutend ist und stärker von Fürsorge motiviert wird. Mit anderen Worten werden Frauen einfach durch den Ausdruck der Werte, die aus unserer Verantwortung als Mütter und Erziehende kommen, die Welt verändern. Aber wird das möglich sein, ohne dass wir uns der Herausforderung wirklicher Führungskraft stellen?

Und hier liegt das Problem: In fast allen Bereichen sind zu wenige Frauen bereit, die Führung zu übernehmen. Was verwundert, denn viele Frauen scheinen sich wirklich darum zu bemühen, dass die Welt sich verändert und die Kultur sich aus den destruktiven Mustern der Vergangenheit hinaus entwickelt. Eine solche Transformation muss offensichtlich von jemandem angeführt werden. Das passiert nicht von allein. Jemand wird die neuen Werte und Möglichkeiten in uns Menschen erschaffen müssen, die solch eine Kultur unterstützen werden. Jemand wird den Weg zu diesem neuen Menschen erkunden müssen, motiviert durch etwas Höheres als Überlebensängste und persönliche Wünsche. Das ist keine gewöhnliche Führungsqualität – das ist heroisch. Es ruft nach einer Art und Weise Risiken einzugehen und dem Unbekannten zu begegnen, die jene bemerkenswerten Individuen demonstrierten, die kulturelle Geschichte geschrieben haben. Diese Menschen lebten mit Mut, Verpflichtung, Vision, Leidenschaft, Ausrichtung und Entschlossenheit – sie waren bereit, Gefangenschaft, Bedrohungen oder sogar ihr Leben zu riskieren. Man denke nur an Galileo, Descartes, Van Gogh, Martin Luther King, Gandhi … Tatsächlich gab es auch einige Frauen, die solche Risiken auf sich genommen haben – Aung San Suu Kyi in Burma ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Aber die Wahrheit ist, dass Frauen solche Schlüsselrollen in der Kultur nur selten eingenommen haben, da unsere Energie und Intelligenz gebraucht wurde, um neues Leben hervorzubringen (was auch schon ein Risiko in sich selbst darstellt) und Kinder zu gebären und zu erziehen. Unser biologisches Mandat, Leben zu produzieren und zu beschützen, hat uns nicht von Natur aus damit ausgestattet, an anderer Stelle Risiken einzugehen, die jetzt vielleicht viel größeren und bedeutenderen kulturellen Einfluss haben könnten.

Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir viel von den Frauen lernen können, die konventionelle Führungspositionen erreicht haben. Die Tatsache, dass Frauen so darum kämpfen, innerhalb der konventionellen Machtstrukturen im Spiel bleiben zu können, legt nahe, dass wir sogar noch härter arbeiten müssen, um eine Führungskraft zu entwickeln, welche die Kultur und uns selbst auf der tiefsten Ebene unserer Werte verändern wird. Die Schwierigkeiten, die Frauen in Führungspositionen an den gegenwärtigen Schalthebeln der Macht haben, offenbaren Muster in uns allen und in unserem Bewusstsein, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir zu Katalysatoren von etwas Neuem werden wollen.
Sheryl Sandberg nennt drei spezifische Dinge, die Frauen in Führungspositionen tun sollten:

1. Setzen Sie sich an den Tisch,

2. Machen Sie Ihren Partner zum Partner und

3. Gehen Sie nicht, bevor Sie gehen.

Da diese Leitlinien etwas verschlüsselt erscheinen, möchte ich sie hier kurz erklären. In Bezug auf den ersten Punkt bemerkt Sandberg, dass Frauen in Situationen, in denen ihnen Autorität garantiert wäre und sie als Leader anerkannt würden, oft dazu neigen, sich zurückzuziehen – selbst wenn sie in dieser Situation als Frauen willkommen sind. Frauen sind eher zurückhaltend und ziehen es vor, nicht so im Mittelpunkt zu stehen. Man könnte nun sagen, dass das etwas mit Demut zu tun hat, aber wenn einem etwas am Herzen liegt, dann muss man dafür Sorge tragen, dass die eigenen Argumente im Entscheidungsprozess gehört werden. Das ist also keine Demut, das ist ineffektiv. Der zweite Punkt bezieht sich auf die Ungleichheit im häuslichen Bereich – Frauen arbeiten mehr im Haushalt und in der Kindererziehung. Sandberg vermutet, dass dies nicht einfach mit der Faulheit der Männer zu tun hat, sondern dass Frauen an diesen traditionell femininen Rollen festhalten. Wir haben nicht viel Sympathie für Hausmänner. Obwohl sich so viele Frauen über die Ungleichheit im häuslichen Bereich beschweren, könnte es sogar sein, dass wir subtil (oder nicht so subtil) sicherstellen, dass wir in diesem Bereich die Hauptrolle spielen. Und schließlich bezieht sich Sandberg in ihrem letzten Punkt auf die Art und Weise, in der Frauen unbewusst Entscheidungen über Kariere und Kinder treffen, die sie schlussendlich wieder in den häuslichen Bereich zurückbringen. Mit anderen Worten, bei der Planung von Kindern und Kariere schrecken Frauen davor zurück, größere Verantwortung, Herausforderungen und letztendlich Leadership zu übernehmen.

Ich bewundere Sandberg dafür, die Dinge so deutlich in ihrer Sicht zu schildern. Die Reaktion der Boomer auf diesen Mangel an Führungsqualität geht oft auf die feministischen Erkenntnisse der 60er bis 70er Jahre über die Diskriminierung von Frauen zurück. Während das natürlich immer noch ein Thema ist, deutet doch die Beständigkeit dieses Problems in der ganzen Welt – inklusive der Länder mit guter Kinderfürsorge und Elternrechten – darauf hin, dass hier mehr im Spiel ist, als nur die gesellschaftliche Feindseligkeit gegenüber Frauen. Sandberg traut sich, auf etwas in uns Frauen hinzuweisen, das uns unbewusst zurückhält. In dieser Zeit, wo die historischen Überreste der Unterordnung von Frauen schwer über der sozialen Landschaft lasten, wird diese Botschaft in progressiven Kreisen nicht gern gehört. Wir können nicht bestreiten, dass uns die Türen offen stehen, aber es muss auch anerkannt werden, dass sich die Mehrzahl der intelligenten und talentierten Frauen aus dem Berufsleben und dem gesellschaftlichen Engagement zurückziehen, bevor sie Autorität und Leadership entwickelt haben. Aber so werden wir niemals die Fähigkeiten entwickeln, um die Führungspersönlichkeiten zu werden, die wir sein müssen, um den Wandel zu gestalten, den wir zutiefst wollen.

Tatsächlich herrscht momentan eine Schizophrenie um das Thema Frauen-Leadership, die jeden Fortschritt unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich macht. Eine Kollegin von mir besuchte 2010 die Massachusetts Conference for Women, eine Konferenz, auf der Gloria Steinem, Elizabeth Lesser und Victoria Reggie-Kennedy einige der eindrucksvollen Sprecherinnen waren. Die Konferenzsprecherinnen bestätigten zwar den Mangel an Frauenführung in Business und Politik. Diejenigen Frauen jedoch, die sich auf Frauen-Leadership konzentrierten, hielten zwei gegensätzliche Positionen in Relation zu dieser Tatsache: 1. Frauen müssten bestimmte Grundfähigkeiten entwickeln, die entscheidend für Führungsqualität sind (komplexe Entscheidungen treffen können, selbstbestimmt sein, Perspektive auch unter emotionalem Druck bewahren). UND 2. Frauen besitzen die Qualitäten und Fähigkeiten bereits, haben sie aber noch nicht erkannt oder verwirklicht. Bedenkt man den sehr realen geschichtlichen Hintergrund der Unterdrückung von Frauen, ist es riskant, offen zu sagen, dass wir Lücken in unserer eigenen Entwicklung haben, die bei vielen von uns dazu führen, dass wir nicht an erster Stelle nach Leadership streben – und es auch für jene schwierig machen, die authentische Führung und Autorität demonstrieren. Als Feministin machen mich solche Aussagen nervös! Wenn wir die Chancengleichheit anerkennen, aber gleichzeitig sagen, dass Frauen in den Fähigkeiten, die innovative Führung ermöglichen, nicht gleichermaßen entwickelt sind, landen wir dann am Ende wieder am Herd?

Ehrlich gesagt, und trotz meiner Nervosität, zweifele ich daran – wir sind alle schon zu weit gekommen. Schauen wir auf unsere Vergangenheit und die Rolle der Unterstützung, die wir gespielt haben, damit die menschliche Gesellschaft stabil wachsen konnte, ist es verständlich, dass wir keine Vorliebe dafür entwickelt haben, uns nach vorne zu drängen und die Grenzen dessen, was möglich ist, zu erweitern. Das ist nur etwas für seltene Individuen, seien diese nun männlich oder weiblich, und auf dem Hintergrund der Geschichte der Frauen sind diese Menschen allerdings viel seltener weiblich. Wenn wir das klar erkennen, kann uns das wachrütteln und sogar inspirieren. Weil sich solange nichts ändern wird, wie wir gewohnheitsmäßig, zwanghaft und unbewusst die Entscheidungen treffen, die sich am Status quo orientieren. Und es ist dieser Status quo, in dem sich die Frau um das Feuer im Herd kümmerte und die Haushalte führte (und sogar Organisationen) und den Kompass nach dem ausrichtete, was andere wollten.

Das Geschenk unserer postmodernen Kultur (nach 1960) ist die Kraft der Entscheidung. Aber wenn wir auf die Zahlen der Frauen schauen, die vor Leadership zurückschrecken, frage ich mich, ob wir wirklich freie Entscheidungen treffen. Ja, Frauen entscheiden – treffen Entscheidungen die sie, eine nach der anderen, aus Führungspositionen herausführen nach Hause, von dem die Konservativen behaupten, dass wir da sowieso hingehören. (Unglaublich, dass wir uns dagegen gesträubt haben und es scheinbar nun selbst ausleben – sogar als intelligente, progressive Frauen!) Treffen wir wirklich freie Entscheidungen? Ich glaube, es wäre richtiger zu sagen, dass wir auf zwanghafte Art und Weise in unser gewohnheitsmäßigstes, bekanntestes und bequemstes psychologisches Muster zurückfallen – als unterstützende Fürsorger, die am Rand sitzen und verantwortlich sind für unser eigenes Überleben und das Überleben unserer Kinder. Nicht als die wagemutigen, unerschrockenen Veränderer, die von einer Vision des Möglichen begeistert sind. Frauen werden nicht wirklich frei sein, um eigene Entscheidungen zu fällen, solange wir uns die Kräfte des Status quo in uns nicht bewusst machen. Gerade jetzt, nach nur 50 Jahren Zugang zu kulturellen Führungsmöglichkeiten, werden die meisten von uns unbewusst von dem Gewicht von Hunderttausenden von Jahren der Sicherung des Überlebens unserer Spezies zurückgehalten.

Für uns Frauen ist das kostbare und kreative Geschenk der Autonomie – die Fähigkeit, unsere eigene Richtung zu wählen – in jahrhundertealten Gewohnheiten verborgen, die uns den Zugang zu dem Mut erschweren, der immer notwendig ist, um die Kultur auf der tiefsten Ebene zu verändern. Weniger wird nicht genügen. Wir brauchen keine oberflächliche Veränderung, sondern eine tief greifende Wandlung auf der Ebene unserer grundlegendsten Motivationen. Das ist keine Schönheitsoperation, sondern eine spirituelle Auseinandersetzung, deren Ergebnis die Evolution der Frauen sein wird.

Bei EnlightenNext arbeiten meine spirituellen Schwestern und ich mit unserem spirituellen Lehrer Andrew Cohen an diesem Wandel. Seit mehr als fünfzehn Jahren beschäftigen wir uns mit der Bewusstmachung dessen, was und wer wir als Frauen sind. Und wir haben erkannt, dass wir nur dann eine tiefe und authentische Freiheit der Entscheidung zum Ausdruck bringen können, wenn wir unsere Identifikation mit den Gewohnheiten, Impulsen, instinkthaften Trieben und Mustern des Denkens und Fühlens, die wir für selbstverständlich halten, auflösen. Dadurch schaffen wir mehr Raum und ein größeres Maß an Freiheit in uns selbst, aus dem mehr Klarheit, Richtung und Sinn entspringen. Es ist spannend und zutiefst herausfordernd alles, was wir als Frauen jemals als selbstverständlich angesehen haben, auf den Prüfstein zu legen. Nun, nach all den Jahren der Arbeit, möchten wir unsere Erkenntnisse und Erfahrungen mit anderen Frauen teilen – mit Frauen, die sich auch dazu verpflichtet haben, eine neue Zukunft zu kreieren. Wir haben einen Kurs mit dem Namen The Ten Agreements for Evolving Women gestaltet, der uns lehrt, wie wir uns vom Alten befreien können, um die Stärke und Solidarität zu entwickeln, die uns zum Neuen bringen wird. Wir haben gelernt, dass wir das nicht allein können. Ich hoffe, dass Sie sich angesprochen fühlen, und mit uns eine neue Art der Führung entdecken, die den Status quo unserer bisherigen Identifikationen erschüttert, damit wir gemeinsam die Zukunft gestalten können, die wir in der Tiefe unserer Herzen erahnen können.


Dr. Elizabeth Debold ist eine der wichtigsten Stimmen der Frauenbewegung in den USA und war als Entwicklungspsychologin in Zusammenarbeit mit Dr. Carol Gilligan an der Harvard University an grundlegenden Forschungen über die Entwicklung von Frauen und Mädchen beteiligt. Heute verbindet sie diese Erfahrungen mit der Perspektive einer integral-evolutionären Spiritualität.
www.elizabethdebold.com

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