Sein und Werden – Die Geheimnisse des Transpersonalen
a_Neuigkeiten, Integrale Landkarte, Mind Dienstag, Juni 12th, 2012Wilber-V und das Modell der psychogenetischen Felder (pgF)
Zustände und Strukturen des Seins – Wilber V
Ken Wilber begann irgendwann, die Stadien seiner philosophischen Erkenntnisse mit römischen Ziffern zu nummerieren. „Wilber IV“ beinhaltet eine integrale Theorie der Ich-Entwicklung des Menschen bis diese in transpersonalen Strukturen aufgehen. Diese Strukturentwicklung ist in der unteren Tabelle auf der linken Seite einzusehen. Wilber V1 nun bezieht in dieses integrale Modell Bewusstseinszustände ein, die wir alle als Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlafzustand kennen, solange sie vom Bewusstsein nicht erschlossen sind oder diese durch außergewöhnliche Lebensereignisse oder spezifische Techniken in unserem aktuellen Gewahrsein induziert werden. Diese als Gipfelerfahrungen bekannten Phänomene werden dann allerdings gemäß der aktuellen Bewusstseinsstruktur interpretiert. Während auf dem „Strukturweg“ das Ich zu umfangreicheren Perspektiven und immer komplexeren kognitiven Fähigkeiten2 findet, führt der „Zustandsweg“ zu mehr Wachheit. Gewöhnlich sind wir uns unseres Wachzustandes bewusst und halten die Traumwelt für Trugbilder des Geistes. Doch lässt sich auch die Traumwelt bewusst erleben, zum Beispiel durch bestimmte Trance-Techniken, durch Hypnotherapie oder durch luzides Träumen. Somit würde die grobstoffliche Wachwelt, die wir so oft für die einzig wirkliche Welt halten, ergänzt um einen schier unendlich wirkenden inneren Psychenraum. Allerdings entscheidet die aktuelle Strukturstufe über die Interpretation des Erlebten im Psychenraum. Die folgende Tabelle soll den Wilber V– Gedanken illustrieren:

Tab.1: Ein Wilber V – Modell. Der Strukturweg der Ich-‐‑Entwicklung war Gegenstand von Wilber I-‐‑IV (links in der Tabelle; in Wilber V ersetzt Wilber diese Benennungen durch ein an das Spiral Dynamics – Modell angelehntes Regenbogenmodell. Hier wird die alte Terminologie benutzt, da diese mehr den entwicklungspsychologischen Aspekt betont, was die Einordnung der pgF transparenter macht, siehe weiter unten.) Die Integration von Bewusstseinszuständen liefert eine elegante Erklärung für das Entstehen transpersonaler Bewusstseinsstrukturen. Erklärung dazu im weiteren Text.
Es gibt also mindestens zwei Wege – so die Erkenntnis aus Wilber V – die in der Entwicklung des Menschen wirken: Der Weg des kognitiven Wachstums, der zu tieferen, umfassenderen Einsichten (auch über das Selbst) führt, und der Weg über das Erschließen der verschiedenen Bewusstseinszustände. Bezüglich Gipfelerfahrungen gibt es zwei Möglichkeiten, wie diese mit den aktuellen Bewusstseinsstrukturen zusammenhängen können: 1. Eine Gipfelerfahrung kann in sich bereits eine Interpretation beinhalten, etwa wenn jemand während eines subtilen Zustandes mit einer Person namens Jesus spricht und wertvolle Einsichten erhält – in diesem Fall wird eine subtile Erscheinung als Person gedeutet, was den Wert der Einsichten allerdings nicht schmälert. 2. Eine Person kann eine subtile formlose Erfahrung machen, die er je nach Bewusstseinsstufe nach seiner Rückkehr in die gewohnte Wachwelt als reines Licht oder als Engel, Heilige Jungfrau oder Christus interpretiert. Zustandserfahrungen können also die kognitive Entwicklung des Ichs beeinflussen, und umgekehrt. Doch wie lassen sich dann transpersonale Bewusstseinsstrukturen erklären?
Das Werden transpersonaler Strukturen
Es scheint so, dass transpersonale Zustände (also Erfahrungen, die immer möglich sind) sich dann zu stabilen kognitiven Strukturen verdichten, wenn sich das menschliche Gewahrsein ihrer bemächtigt. Dazu reichen Gipfelerfahrungen nicht aus, es bedarf dazu einer sehr langen Praxis, die diese vormals temporären Erfahrungen zu einer gewohnten und stabilen innerpsychischen Welt gerinnen lassen. (Unsere grobstoffliche Wach-Welt und unser Gewahrsein darin sind so stabil, weil wir etwa 365-mal im Jahr darin eintauchen bzw. aufwachen.) Wann also kann es zu einer stabilen transpersonalen Bewusstseinsstruktur kommen? Verfügt ein Mensch der mythischen Bewusstseinsstufe (in der grobstofflichen Wachwelt des Ichs) nicht auch über eine transpersonale Struktur, wenn er, wie etwa Mönche, jahrein jahraus meditiert, kontempliert und betet? Ja und Nein. Ja, weil er in den Zuständen seiner meditativen Praxis ein zur Ich-Struktur alternatives kognitives Netzwerk aufbaut, in das er mit zunehmender Praxis immer zuverlässiger eintaucht und das immer stabiler wird. Nein, weil es eben ein alternatives kognitives Netzwerk (oder eine Erfahrungswelt) ist und mit der kognitiven Entwicklung des Ichs nicht verschmilzt. Deswegen meditiert er ja: um in diese Erfahrungswelt eintauchen zu können. Seine subtilen Erfahrungen mit Christus, Buddha oder anderen werden in seiner Wachwelt des Ichs auf mythische Weise interpretiert werden: Er glaubt an Christus oder Buddha auf eine ganz personale Weise, d.h. diese Erfahrungen werden personalisiert, weil seine kognitive Entwicklung die Deutung des Erlebten als „personal“ vorschreibt. Zwar hat er regelmäßigen Zugang zu diesen subtilen Erfahrungen, aber es ist dennoch ein Switchen zwischen den Zuständen. Erst wenn diese Zustände miteinander verschmelzen – und damit auch den personalen Deutungsimperativ aufgeben – kann man ganz buchstäblich von einer tatsächlichen transpersonalen Bewusstseinsstruktur sprechen. In der obigen Tabelle habe ich diesen Sachverhalt versucht anzudeuten, indem ab der psychischen Bewusstseinsstruktur die Ich-Entwicklung mit der Erfahrung des rein Subtil-Psychischen zu einer unauflöslichen Einheit verschmilzt, in der sowohl Ich als auch Seele gemeinsam in einer größeren Identität aufgehen. Das Ich bleibt erhalten, aber als Teil eines Ganzen. Ebenso die Seele (oder welchen Begriff man dafür auch verwenden möchte).
Die transpersonalen Bewusstseinsstrukturen entstehen also nicht durch ausschließliche Erfahrung (Gipfelerfahrungen oder regelmäßiges Switchen) mit den anderen Bewusstseinszuständen, sondern durch einen kognitiven Verschmelzungsakt der bisher als parallel erfahrenen Entwicklungen. Dass diese im Grunde schon immer Eins waren, gehört zu den Trophäen des Verstehens auf dieser Stufe.
Dass sich Ich-Entwicklung und subtile Entwicklung einbetten in einen noch umfassenderen Urgrund, ist eine Erkenntnis des kausalen Bewusstseinszustandes (den wir als Tiefschlafzustand kennen, solange sich unser Gewahrsein nicht dessen bemächtigt hat). Von einer transpersonalen kausalen Bewusstseinsstruktur können wir allerdings nur dann sprechen, wenn jemand in Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlafzustand gleichermaßen bewusst ist und bleibt, wenn also diese Zustände dauerhaft miteinander verschmelzen.
Die Großen Arkana des Tarot als psychogenetische Felder im Wilber-V-Modell
In „Tarot und die Kunst der Selbsterkenntnis“ habe ich zu zeigen versucht, dass sich im Tarot eine projektiv entstandene Landkarte der Entwicklung des Menschen verbirgt und dabei (neben Freud, Piaget, Gebser, Bischof, Jung, Aurobindo, Leary und anderen) unter anderem Wilbers entwicklungspsychologisches Modell (also Wilber IV) als Referenzmaterial herangezogen. Ich teile die heute oft vertretene Meinung nicht, dass die transpersonalen Bewusstseinsstrukturen aus diesem Modell in Wirklichkeit Bewusstseinszustände seien, die man fälschlich auf das Modell der Strukturentwicklung „draufgestapelt“ hätte. Dass Wilber in Wilber V die Entdeckung von strukturunabhängigen Zuständen sinnvoll verarbeitet, ist eine wertvolle Ergänzung zur integralen Entwicklungspsychologie. Diese Entdeckung bedeutet aber nicht, dass es die transpersonalen Strukturen des Bewusstseins nicht gäbe. Tatsächlich aber hat Wilber mit der Explikation der Bewusstseinszustände eine zuhöchst elegante Theorie über das Zustandekommen transpersonaler Strukturen vorgelegt.
Als Ergänzung zu meinem Modell der pgFelder möchte ich mit der nächsten Tabelle eine Fusion aus Wilber V und dem pgF-Modell vorschlagen:
In der Tabelle sind die Erläuterungen aus obigem Text über die transpersonalen Strukturen modellhaft zusammengefasst. Während der Ich-Entwicklung wirken die pgFelder XVII bis XXI (Stern, Mond, Sonne, Aeon und Universum) unbewusst aus den Bewusstseinszuständen heraus und beeinflussen so aus dem psychischen Hintergrund unser Sein und Werden. Diese transpersonalen Zustände (nicht Strukturen!) gerinnen mit zunehmender Erfahrung zu immer stabiler werdenden Erfahrungswelten, bis ein bedeutsamer Qualitätssprung in der kognitiven Entwicklung eintritt, der in der traditionellen spirituellen Literatur oft als „Erleuchtung“ umschrieben wird: Bisher als autonom empfundene Erfahrungswelten (z.B. Ich-Entwicklung und subtile Erfahrungswelt) verschmelzen zu umfassenderen Einheiten. Das Ergebnis dieses Verschmelzungsaktes ist das Entstehen einer transpersonalen Bewusstseinsstruktur. Beispiel: eine im subtilen Zustand gemachte Christus-Erfahrung wird nicht mehr mythisch gedeutet (z.B. durch Personalisierung), rational erklärt (z.B. als Halluzination) oder auf postformale Weise interpretiert (z.B. als mentale autopoietische Konstruktionsleistung), sondern als Einheit mit der eigenen Wesenheit erfahren. So konnte Meister Eckhardt sagen, das göttliche Licht sei in Dir selbst zu finden. Hier steht die direkte Erfahrung im Vordergrund, die keine Interpretation mehr nötig hat – Christus-Erfahrung und Ich sind eins. Das Ich verliert seine personale Umgrenzung, die durch die Erfahrungen und Entwicklungen von D1 bis D6 entstanden sind.
Wie schon in „Tarot und die …“ ausführlich beschrieben, sind die pgFelder durch ihre Symbolhaftigkeit in der Lage, alle Facetten eines Themenbereichs abzudecken. So umfasst ein transpersonales pgF (Stern bis Universum) symbolhaft sowohl das Wirken eines Bewusstseinszustandes auf uns, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, als auch die stabile transpersonale Bewusstseinsstruktur, die daraus entstehen kann. Beispiel: das pgF XX (Aeon) weist auf Wirkungen des kausalen Bewusstseinsbereichs – ob diese bewusst sind oder nicht, ob sie als Gipfelerfahrungen in das aktuelle Sein „hineinbrechen“ oder ob sich langsam ein stabiles Bewusstsein darüber etabliert, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab.
Die Reise des Bewusstseins durch die geheimnisvollen Schichten des Menschseins
Zum besseren Verständnis möchte ich ein Gleichnis oder Modell vorstellen, das sowohl die Wilberschen Theorien über Entwicklung und Zustände als auch die pgFelder in sich vereint:
Man stelle sich den Menschen, das Menschsein, ähnlich unserem Planeten vor. Es gibt einen festen Kern, doch den kennen wir nicht näher, da wir nicht so tief bohren können. Dann folgt eine weite Schicht aus flüssigem heißen Gestein, Lava. In diesen Schichten gibt es keine festen Strukturen, bestenfalls Gesetzmäßigkeiten von Strömungsrichtungen etc. Alles scheint dort miteinander verwoben, da alles ineinander fließt und keine festen, stabilen Inseln bilden kann. Diese Schicht entspricht dem magischen Denken des Menschen. Je weiter man nach oben kommt, desto mehr gerinnen diese flüssigen Gesteinsmassen zu festen Strukturen, zu einer Erdkruste, die auf der flüssigen Masse schwimmt und von deren Fließrichtungen abhängig ist. Ein Ich etabliert sich, eine stabile Vorstellungs-Struktur des eigenen Seins, aber damit einhergehend auch der Welt. Alles wird fest, erhält Wiedererkennbarkeit, erhält Struktur. Diese Kruste entspricht der personalen Ich-Entwicklung mit all ihren stabilen materiellen und rationalen Weltinterpretationen. Doch über dieser Kruste gibt es weitere Schichten, die Atmosphäre, die Stratosphäre. Ähnlich wie in den Lava-Schichten lösen sich hier Strukturen auf, alles scheint hier wieder ganzheitlich, miteinander verwoben. Diese Schichten entsprechen den transpersonalen Strukturen des Menschen. Aus diesen Schichten hat man einen wundervollen Blick auf die Oberfläche der Erdkruste, sieht aber die Lava-Schicht nur manchmal durch Vulkane hervorbrechen. Wichtig an diesem Gleichnis ist es, dass der Mensch all das ist, der ganze Planet, von Anbeginn, alle Schichten sind immer vorhanden, immer wirksam, immer sich gegenseitig beeinflussend. Was die Entwicklung des Menschen anbelangt, ist sie eine Reise des Bewusstseins, des Gewahrseins von innen, vom Erdkern aus, nach außen, über die Erdkruste, hin bis zur Atmosphäre, vielleicht darüber hinaus. Ein Mensch ist (in diesem Gleichnis) immer Erdkern, Lava, Kruste, Atmosphäre, Stratosphäre gleichzeitig. Durch die Bewusstseinsentwicklung entstehen nicht diese Schichten erst, sondern diese sind immer vorhanden. Vielmehr ist die Bewusstseinsentwicklung als eine Reise durch dieses Menschsein zu verstehen, eine Reise, die schrittweise zur Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis der vollständigen Natur des Menschen, zum Gewahrsein des eigenen Seins führt. Wenn wir also von Entwicklungsmodellen sprechen, meinen wir nicht, dass dadurch das Menschsein entsteht. Vielmehr sind Entwicklungsmodelle immer nur Beschreibungen des umfassender werdenden Bewusstseins über sich selbst.3
Dieses Kugel-Modell (oder planetarische Modell) bietet eine Vielzahl an möglichen Nutzungen, vor allem in Visualisierungstechniken, Kontemplationen, trance-induzierten therapeutischen Verfahren, wie der Hypnotherapie und anderen. Es hilft dem Menschen zu verstehen, dass seine derzeitige Sicht der Dinge, auf sich selbst, auf die Welt, ein Produkt aus den Erfahrungen seiner bisherigen vom Mittelpunkt ausgehenden Bewusstseinsreise ist, und dass es noch so unendlich mehr zu erforschen gibt.
- Vgl. Ken Wilber: Integrale Spiritualität. Kösel, 2007. ↩
- Neben der kognitiven werden von Wilber noch weitere Entwicklungslinien, etwa eine moralische, psychosexuelle, ästhetische etc., beschrieben. Siehe auch die Theorie der multiplen Intelligenzen von Howard Gardner. Da ich den Begriff des Kognitiven angelehnt an seinen etymologischen Ursprung allgemein als „erkennend“ verstehe, ist für den Zweck dieses Aufsatzes der Hinweis auf die kognitive Entwicklung als pars pro toto für weitere Entwicklungslinien zu sehen. ↩
- Es gibt aus dem Fundus magischer und mythischer Überlieferungen Modelle ähnlicher Art, etwa, wenn die vorchristlichen Germanen von neun Welten sprechen. Hier zeigt sich das Wirken all der genannten Schichten, die allerdings gemäß der magisch-mythischen Weltsicht von den Germanen (und Neoheiden unserer Tage) als Welten außerhalb des Menschseins interpretiert werden. Wenn sich das Bewusstsein auf seiner Reise durch das Menschsein innerhalb der Lavaschicht befindet, muss das Wirken der äußeren Schichten als das Wirken fremder Welten interpretiert werden. Erst transpersonales Bewusstsein kann Interpretation durch Erfahrungs-Wissen ersetzen. Ein Schamane befindet sich vermutlich nicht auf einer stabilen transpersonalen Bewusstseinsstruktur, solange er Trancetechniken benutzt, denn diese zeigen ja an, dass er in diese „Welten“ erst „reisen“ muss, um dann auch wieder zurückzukommen (in die Wachwelt des Ichs). Wäre seine Bewusstseinsstruktur anhaltend transpersonal, müsste er keine Trancetechniken mehr ausführen, sondern wäre immer in einem Zustand der Verschmelzung von Ich-Sein und subtilem Zustand. So aber switcht er mit Hilfe seiner Techniken zwischen den Zuständen, die er als Welten interpretiert.
Ich möchte damit nicht behaupten, es gäbe nur das Menschsein. Um bei dem Gleichnis zu bleiben, könnte man vom Wirken anderer Planeten, der Sonne, von Galaxien sprechen. Hier zeigt sich, dass das „Menschsein“ doch wieder nur ein Begriff ist, dessen Weite von der Definition abhängig ist. Denn wie weit führt die Bewusstseinsreise? Und wo wollen wir den Begriff des Menschseins mit einem anderen ersetzen? ↩
Matthias Thiele, geb. 1972, Psychologe und Therapeut. Jahrelange Dozenten- und Seminartätigkeit mit Schwerpunkt Entwicklungs- und Gesundheitspsychologie. Lebt in Leipzig und Süddeutschland. Weitere Infos unter www.matthiasthiele.com.



















sit down and SHUT UP!
Lieber Mojoman,
worauf genau bezieht sich dieser kurze, eventuell kritische Kommentar?
Gefällt dir der Artikel nicht? Was daran genau? Kannst du das in ein paar mehr Worten artikulieren?
Liebe Grüsse,
Heinz