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Die Versöhnung von Aufklärung und Spiritualität

Bildquelle: Martina Taylor / pixelio.de

In meiner Arbeit für Demokratie und Menschenrechte/Kinderrechte begegne ich immer wieder wunderbaren Menschen, die einen engagierten „Spirit“ verkörpern, ohne einen Begriff für die eigene Tiefe zu haben, aus der sie ihre Kraft schöpfen. Sie folgen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln einer Menschlichkeit, die die Grenzen des eigenen Ichs transzendiert und sich der Welt als Ganzem verantwortlich fühlt. Und sie bringen mehr Wahres, Schönes und Gutes in die Welt.

Selbst würden sie sich jedoch nicht als „spirituell“ bezeichnen, und der Grund dafür liegt meines Erachtens darin, dass wir gesellschaftlich keinen Begriff und keine anerkannte Praxis einer aufgeklärten und zeitgemäßen Spiritualität haben. Viele Menschen mit weltzentrischem oder menschenrechtlichen Bewusstsein, die wissenschaftlich fundiert und sozial engagiert sind, verbinden Spiritualität (oder Religion als institutionalisierte Form von Spiritualität) mit einem naiven magischen oder mythischen Kindheitsglauben, der historisch und biografisch einer Zeit vor der Aufklärung oder dem eigenen Mündigwerden entstammt. In diesem (Miss)Verständnis werden Spiritualität und Religion mit der unhinterfragten und oft dogmatischen Übernahme religiöser Überlieferungen verbunden oder gar gleichgesetzt.

Dazu passt auch ein Begriff von  Spiritualität als einer denkfeindlichen New Age und Esoterik Bewegung, mit der sie als aufgeklärte Geister verständlicherweise nichts zu tun haben wollen.

Vor allem für diese Menschen haben wir (Michael Habecker und Sonja Student) unser Buch „Wissen, Weisheit, Wirklichkeit. Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität“ geschrieben: Die Hauptthese ist, dass Aufklärung und Spiritualität keine unversöhnlichen Gegensätze sind, sondern sich sinnvoll als Wissenschaft der äußeren und inneren Welt ergänzen. Geist und Materie sind nicht aufeinander reduzierbar, sie sind die inneren und äußeren Seiten der EINEN Wirklichkeit und können durch die Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften erforscht werden. In jeder Wissenschaft gibt es geeignete Praktiken und Methoden, durch die die Realitäten in diesen Bereichen hervorgebracht und entdeckt werden können. Mystik oder Spiritualität gehören in den Bereich der Geisteswissenschaften wie z.B. auch die Phänomenologie, der Entwicklungs-Strukturalismus oder die Hermeneutik. In der Mystik oder Spiritualität gehen wir den Inhalten unseres Bewusstseins auf den Grund und erforschen das, was allen unseren Wahrnehmungen zugrunde liegt und damit von letztendlicher Bedeutung sein kann. Dieser (auch wissenschaftlichen) Fragestellung gehen Menschen schon seit den Anfängen ihrer Geschichte nach, quer durch alle Weltkulturen: Gibt es in einer äußeren und inneren Welt ständiger Veränderungen etwas, das nicht den Veränderungen von Zeit und Raum unterworfen ist?. Dazu haben sie unterschiedliche Praktiken entwickelt wie Kontemplation, Meditation und Gebet. Viele von ihnen haben die Ergebnisse ihrer Praxis auf der Basis eigener und gemeinsamer Erfahrungen ausgetauscht, und daraus sind Landkarten des Bewusstseins entstanden. Sie geben anderen SucherInnen eine Orientierung auf ihrem spirituellen Weg, der immer gleichzeitig auch ein Weg geisteswissenschaftlicher Erkenntnis ist. ForscherInnen spiritueller Zustände und Phänomene oder der spirituellen Entwicklung wie William James, Evelyn Underhill, Jack Engler oder James Fowler haben verschiedene Landkarten des spirituellen Bewusstseins verglichen und dabei sowohl Universalismen als auch Differenzen verschiedener Traditionen festgestellt.

Mystik als Wissenschaft des geistlichen Lebens

In diesem Sinne schreibt Evelyn Underhill in ihrem Buch über Mystik: „„Mystik ist die Wissenschaft oder Kunst des geistlichen Lebens.“ Mystik ist ein forschender Erfahrungsweg, als eine innerliche und experimentelle Untersuchung – und Erfahrung – des menschlichen Bewusstseins in dem Bemühen, den eigenen Wahrnehmungshorizont in die Unendlichkeit zu erweitern und damit eins zu werden. Erst in dieser direkten Erforschung und Erfahrung kann sich GEIST als SEIN und WERDEN enthüllen, als Zunahme von Bewusstheit, Komplexität und Liebe/Inklusion. Damit erfüllt Spiritualität oder Mystik als Wissenschaft des geistlichen Lebens die Kriterien von Wissenschaft: Injunktion (als Verfahrensvorschrift zur „Daten“gewinnung), Praxis (als konkrete experimentelle Durchführung) und Verifikation mit gemeinschaftlicher Überprüfung (Bestätigung oder Zurückweisung der gewonnenen Erkenntnisse in einem wissenschaftlichen Diskurs).

Mystik oder Spiritualität als innere Wissenschaft klingt vielleicht für einige zunächst fremd, weil in der öffentlichen Wahrnehmung oft die unausgesprochene Gleichung Wissenschaft = Naturwissenschaft gilt. Worum es dabei geht ist die Erforschung einer so genannten nondualen und paradoxen Wirklichkeit, die sich dem rationalen und linearen Denken entzieht und nur auf der Grundlage direkter spiritueller Erfahrung „lebendig gedacht“ werden können. Mystik als Erfahrung und Erforschung dieser Letztendlichkeit, die kein Ende hat, heißt in einem integralen Kontext immer auch: Die absolute Wirklichkeit des ewigen Jetzt im gelebten Augenblick jenseits der Zeit zu erfahren und zu bezeugen und gleichzeitig die relativen Wahrheiten in der manifesten Welt – unserer Innenwelt, der Mitwelt und der Außenwelt – forschend zu erkunden. In diesem Sinne sind äußere und innere Wissenschaft immer ein Prozess einer ständigen Fortschreitens der Aufklärung und der zunehmenden Bewusstheit des GEISTES über sich selbst.

Aufwachen, Aufwachsen, Aufräumen, Auftreten

Eine aufgeklärte Spiritualität unterscheidet zwischen dem Weg des Erwachens zur letztendlichen Wirklichkeit als dem Seinsgrund, den wir klassisch auch als Erleuchtungsweg bezeichnen, und dem Weg des Aufwachsens oder des Erwachsenen-Werdens durch die Entwicklungsstrukturen. Die innere Entwicklung des menschlichen Bewusstseins über Stufen mit Namen wie egozentrisch, ethnozentrisch, weltzentrisch und kosmozentrisch wurde von bekannten Entwicklungsforschern wie Piaget, Kohlberg, Gebser, Kegan, Graves, Loevinger oder Cook-Greuter in den verschiedenen Entwicklungslinien untersucht. Entwicklung durch diese Strukturen führt uns zu immer mehr Perspektiven, Fülle und Inklusion. Eine wesentliche Erkenntnis dieser Forschungen ist: Wir interpretieren unsere spirituellen Erfahrungen, die wir auf allen Entwicklungsebenen haben können, immer aus der Weltsicht der eigenen Entwicklungsebene. Keine spirituelle Erfahrung kommt daher aus dem Nirgendwo, und ist daher auch nicht absolut zu setzen, sondern erfährt immer auch eine Interpretation durch den Menschen, der oder die sie hat. Das erklärt, dass wir spirituell erleuchtet sein können, d.h. zum Grund des Seins erwacht, und dennoch rassistisch und ethnozentrisch denken, fühlen und handeln können, wie es z.B. viele Zen-Mönche im faschistischen Japan während des 2. Weltkrieges taten. Weiterhin  können wir trotz Aufwachen und Entwicklung unsere eigenen Schatten weiter auf andere projizieren, wenn wir unsere Psyche nicht „aufräumen“: durch psychodynamische Methodiken, die Licht in das Dunkel des Unbewussten bringen und Verdrängtes aufklären und Abgespaltenes wieder in unser Bewusstsein bringen und so erst Transformation ermöglichen. Dazu gehören auch „weiße“ Schatten, d.h. noch nicht entwickelte Potenziale, die wir auf andere projizieren, anstatt sie selbst zu leben und als einzigartige Selbste auf die Bühne der Welt zu bringen. Nur so können wir der Welt das geben, was ohne uns nicht verwirklicht werden kann. Letzteres ist mit dem „Auftreten“ gemeint. Aufwachen (spirituelles Erwachen), Aufwachsen (psychologische Entwicklung), Aufräumen (psychodynamische Arbeit) und Auftreten (in der Welt wirken) sind im Rahmen einer aufgeklärten Spiritualität ebenso unverzichtbar wie unersetzlich.

Integrale Spiritualität erlöst Antagonismen

Mit dem Angebot der Versöhnung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit (er)löst integrale Spiritualität viele Antagonismen auf: z.B. die zwischen Wissenschaft und Spiritualität, die mich selbst viele Jahre geplagt hat. Als ich meine spirituelle Suche begann, konnte ich viele Beispiele geistfeindlicher und schlicht dummer Esoterik nicht mit meinem kritischen Verstand und dem forschenden Geist verbinden. Es schien mir unerklärlich, wie Menschen, die sonst beruflich und persönlich kompetent ihr Leben meisterten, in spirituellen Kontexten auf prärationale Erklärungsmuster regredierten. Die Unterscheidung zwischen Entwicklungsstrukturen (Aufwachsen) und veränderten Bewusstseinzuständen (Aufwachen) hat mir sehr geholfen bei der Bewertung meiner eigenen Erfahrungen und der Beobachtung verschiedenster esoterischer oder spiritueller „Szenen“ oder der Auswahl von spirituellen LehrerInnen. Die Abneigung, die ich heute von vielen Fachkollegen gegen eine simplizistische Esoterik höre, kann ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen bedauere dennoch, wie oft dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Wenn prärationale Strukturen, eine mythisch-absolutistische oder magische Spiritualität pauschal abgelehnt werden, anstatt zu differenzieren, geht jegliche auch transpersonale Spiritualität dabei mit über Bord. Damit schneiden wir uns nicht nur von unserer eigenen tiefsten Quelle ab, von dem, was wir letztendlich über unser kleines persönliches Ich sind. Wir leugnen auch unseren eigenen Entwicklungsweg, den auch unsere Nachkommen und Kinder immer wieder durch die Entwicklungsebenen gehen müssen. Mit diesem tragischen doppelten Irrtum entfremden wir uns von einem wesentlichen Teil unseres SElNS– und WERDENS-Potenzials, und verleugnen unsere eigene Geschichte und Herkunft. Ich persönlich glaube, dass gerade engagierte Menschen diese Verankerung im Seinsgrund brauchen, um sich nicht in den Aufs und Abs der relativen sich entwickelnden Welt zu erschöpfen.

Die Demokratisierung der Erleuchtung

Aufgeklärte Spiritualität als Erfahrungsweg und zugleich Geisteswissenschaft steht uns heute – zumindest in den westlichen modernen und postmodernen Gesellschaften – zur Verfügung. Dieser Weg kann von allen beschritten werden, die den Mut und die Demut haben, das zu finden, was von letztendlicher Bedeutung ist und es zeitgemäß zu verwirklichen, mit einer tiefen Menschlichkeit, die alle fühlenden Wesen einschließt und den ganzen Kosmos umfasst. Eine integrale Spiritualität bedeutet mehr Perspektiven, mehr Menschlichkeit und Mitgefühl, mehr Inklusion, mehr Forschergeist als auf den früheren Ebenen der Entwicklung. Diese Form der Spiritualität macht uns nicht abhängig von unhinterfragten Autoritäten, aber sie erkennt Autoritäten an, die nicht auf Macht, sondern auf Kompetenz und Entwicklung beruhen. Sie ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen von Anfang an. Jedes Kind und jeder Erwachsene sollte entgegenkommende gesellschaftliche Verhältnisse vorfinden, damit er oder sie dieses Geburtsrecht wahrnehmen kann. Und jeder, der dieses Geburtsrecht schon erkannt und für sich verwirklicht hat, sollte dazu beitragen, dass andere das auch können – heute und in Zukunft. In diesem Sinne ist Spiritualität ein Menschenrecht, ein Recht auf Verwirklichung der eigenen Potenziale, verbunden mit der Pflicht zu Solidarität und Hilfe. Die Würde des Menschen, wie sie in unseren westlichen Verfassungen und in den universellen Menschenrechten als Errungenschaft menschlicher Zivilisation gegen Barbarei und Grausamkeit früherer Entwicklungsstufen festgeschrieben wurden, hat damit auch eine innerliche und spirituelle Dimension. Niemand muss religiös oder spirituell sein, aber alle sollten dabei unterstützt werden, diese Dimension ihres Menschseins in Freiheit und Verantwortung zu verwirklichen – zum eigenen Wohl und zum Wohl aller fühlenden Wesen.


Sonja Student, *1953, Journalistin und Geschäftsführerin der Kommunikationsagentur KiKo in Frankfurt am Main. Engagiert sich für Kinderrechte und Demokratie. Beschäftigt sich seit 1986 mit dem Werk von Ken Wilber, Mitglied im Vorstand des Integralen Forums und der Integralen Initiative Frankfurt, Ko-Initiatorin der DIA – Die Integrale Akademie.
Kontakt: Sonja.Student@ii-frankfurt.de


Wissen, Weisheit, Wirklichkeit

Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität
In ihrem Buch „Wissen, Weisheit, Wirklichkeit. Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität“ (Kamphausen) gehen Michael Habecker und Sonja Student (beide Integrales Forum) der Frage nach, wie eine „aufgeklärte“ Aufklärung und eine aufgeklärte Spiritualität, Erwachsen-Werden und Erwachen sich zu unserem vollen Mensch-Sein ergänzen.


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  • Freitag, 18. Mai 2012 17:453-Körper Praxis — Für Geist, Empfindungen und Physis
  • Sonntag, 20. Mai 2012 18:00Bani Singen
  • Dienstag, 22. Mai 2012 07:00Wake Up Yoga — Morgenpraxis mit Heinz
  • Freitag, 25. Mai 2012 17:453-Körper Praxis — Für Geist, Empfindungen und Physis
  • Samstag, 26. Mai 2012 11:45Musicsession
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