Religion für Atheisten
a_Editors Choice, a_Neuigkeiten, Spirit, Weltspiritualität Mittwoch, Februar 8th, 2012Die wahrscheinlich langweiligste Frage die du über Religion fragen kannst ist ob die ganze Sache »wahr« ist. Unglücklicherweise fokussieren sich derzeitige öffentliche Diskussionen genau darauf, mit einer Hardcore-Gruppe von fanatischen Gläubigen wie Terry Eagleton im Kampf gegen ein ebenso kleine Schar von fanatischen Atheisten wie Christopher Hitchens. Das Resultat war ziemlich viel Gift und eine gewisse perverse Unterhaltung für die Schaulustigen. Die Situation erreichte kürzlich seinen ausserordentlichen Höhepunkt als Eagleton (ein überzeugter Katholik) geschmacklos darüber spekulierte, dass Hitchens (der im Dezember starb) nun in der Hölle ist und sicherlich seine auf Erden geschriebenen Bücher bereut.
Ich bevorzuge eine andere Richtung. Aus meiner Sicht gibt es natürlich nichts an einer Religion, das Gott-gegeben ist. Es scheint klar zu sein, dass es keinen Heiligen Geist, Spirit, Geist oder göttliche Ausstrahlung gibt. Das eigentliche Thema ist nicht ob es Gott gibt oder nicht, sondern woher jemand das Argument nimmt auf das jemand schliesst, dass es ihn offensichtlich nicht gibt. Ich glaube, es muss möglich sein ein überzeugter Atheist zu bleiben und dennoch Religionen sporadisch nützlich, interessant und tröstend zu finden – und neugierig auf die Möglichkeiten manche ihrer Ideen und Praktiken in die säkulare Bereiche einzubinden.
Man kann von den Lehren der christlichen Dreifaltigkeit und dem buddhistischen fünffachen Pfad unberührt bleiben und zur gleichen Zeit interessiert sein an der Art wie Religionen Predigen halten, die Moral fördern, einen Gemeinschaftsgeist hervorbringen, Kunst und Architektur nutzen, zu reisen inspirieren, den Verstand trainieren und zu Dankbarkeit an der Schönheit des Frühlings ermutigen. In einer Welt die von Fundamentalisten des Glaubens und säkulärer Ausprägung befallen ist, muss eine Balance zwischen Ablehnung religiösen Glaubens und einer selektiven Achtung für religiöse Rituale und Auffassungen möglich sein.
Wenn wir aufhören zu glauben, dass Religionen von oben oder sonstwo überliefert wurden, dass sie komplett albern sind, dann werden diese Inhalte interessant. Wir können dann erkennen, dass wir die Religionen erfunden haben um zwei zentrale Bedürfnisse zu stillen, die es heute immer noch gibt und wo die säkuläre Gesellschaft es bisher nicht geschaft sie aufzulösen: Erstens, das Bedürfnis in harmonischen Gemeinschaften zusammenzuleben, trotz unserer tief verwurzelten selbstsüchtigen und gewalttätigen Impulse. Und zweitens, das Bedürfnis mit dem erschreckenden Schmerz umzugehen, welcher aus unserer Verletzlichkeit gegenüber beruflichen Fehlern, schwierigen Beziehungen, dem Tod von Angehörigen und unserem eigenen Älterwerden und Ableben entspringt. Gott möge tot sein, aber die wichtigen Themen, die uns antrieben ihn zu erfinden, regen sich immer noch und verlangen Auflösung. Und sie verschwinden nicht wenn wir darauf gestossen werden, dass es wissenschaftliche Ungereimtheiten in der Geschichte der sieben Brote und der Fische gibt.
Der Fehler des modernen Atheismus war es, zu übersehen wie viele Seiten der Glaubensrichtungen relevant bleiben, auch wenn ihre zentralen Lehren abgelehnt werden. Wenn wir nicht mehr das Gefühl haben uns entweder vor ihnen niederwerfen zu müssen oder sie zu verunglimpfen, sind wir frei die Religionen als Quelle von zeitweise genialen Konzepten zu entdecken, mit denen wir versuchen können, ein paar der hartnäckigsten und unerledigten Übel des säkulären Lebens zu lindern.
Ich wuchs in einem überzeugt atheistischen Haushalt auf, als Sohn zweier säkularer Juden, die religiöse Überzeugungen gleichsetzten mit dem Glauben an den Weihnachtsmann. Ich erinner mich an meinen Vater, der meine Schwester zum weinen brachte, als er versuchte ihr die bescheidene Vorstellung auszutreiben, dass irgendwo im Universum ein einsiedlerischer Gott lebt. Sie war damals 8 Jahre alt. Wenn irgendjemand in ihrem sozialen Umfeld heimliche religiöse Gedanken zeigte, dann betrachteten meine Eltern diese als wäre bei ihne eine degenerative Erkrankung diagnostiziert worden und konnten von da in nicht mehr überzeugt werden sie ernst zu nehmen.
Obwohl mir die Einstellung meiner Eltern in die Wiege gelegt worden ist, durchlebte ich in meinen mittleren Zwanzigern eine Unglaubenskrise. Meine Zweifel hatten ihren Ursprung im Hören von Bach’s Kantaten, wurden weiterentwickelt in der Präsenz von einigen Bellini Madonnas und sie wurden überwältigend mit einer Einführung in Zen-Architektur. Dennoch war es erst als mein Vater schon einige Jahre tot war – und begraben unter einem hebräischen Grabstein auf einem jüdischen Friedhof in Willesden, Nord-London, denn er hatte, faszinierenderweise, unterlassen mehr säkulare Vorbereitungen zu machen –, dass ich begann die volle Skala meiner Ambivalenz zu doktrinären Prinzipien zu erkennen, die mir in meiner Kindheit eingeschärft wurden.
Ich schwankte nie in meiner Sicherheit, dass Gott nicht existiert. I war einfach befreit von dem Gedanken, dass es einen Weg gibt sich mit Religion zu beschäftigen ohne sich den übernatürlichen Inhalten zu verschreiben – ein Weg, um es in abstrakte Begriffe zu fassen, über Väter nachzudenken ohne die respektvolle Erinnerung an meinen eigenen Vater zu erschüttern. Ich erkannte, dass meine fortwährende Resistenz zu Theorien eines Jenseits oder Himmelsbewohnern, kein Rechtfertigung war auf die Musik, Gebäude, Gebete, Rituale, Feste, Heiligtümer, Pilgerreisen, gemeinsame Mahlzeiten und illuminierten Schriften der Glaubensrichtungen zu verzichten.
Die säkulare Gesellschaft wurde ungerechterweise verarmt durch den Verlust einer Reihe von Praktiken und Themen, mit denen Atheisten typischerweise unmöglich leben können, weil diese scheinbar zu nah assoziiert sind mit, um Nietzsche zu zitieren, »dem schlechten Geruch der Religion«. Wir wuchsen auf, eingeschüchtert von dem Wort Moral. Wir wehren uns bei dem Gedanken eine Predigt zu hören. Wir flüchten vor der Idee, dass Kunst erhebend sein oder eine ethische Mission haben sollte. Wir gehen nicht auf Pilgerreisen. Wir können keine Tempel bauen. Wir haben keinen Mechanismus um Dankbarkeit auszudrücken. Die Vorstellung ein Selbsthilfebuch zu lesen ist absurd für die Edelgesinnten. Wir widersetzen uns geistigen Übungen. Fremde singen nicht oft zusammen. Wir sind beschenkt mit einer unliebsamen Wahl zwischen eigenartigen Konzepten über immaterielle Gottheiten oder sich vollständig loszulösen von einer Unzahl an tröstlichen, subtilen oder einfach reizvollen Ritualen, wofür wir angestrengt versuchen Äquivalente in unserer säkularen Gesellschaft zu finden.
Militante Atheisten haben der Religion ihre exklusiven Erfahrungs– und Wirkungsbereiche erlaubt, die mit Recht der ganzen Menschheit gehören sollten – und die wir uns ungeniert für die säkularen Gebiete wieder aneignen sollten. Das frühe Christentum war selbst höchst versiert in der Aneignung guter Ideen anderer. Aggressiv wurden zahlreiche heidnische Bräuche subsumiert, die moderne Atheisten nun vermeiden, da sie irrtümlich glauben es seien unauslöschlich christliche. Der neue Glauben übernahm die Feiern zur Wintersonnenwende und verpackte sie neue als Weihnachten. Er absorbierte das epikureische Ideal des Zusammenlebens in einer philosophischen Gemeinschaft und verwandelte es in das was wir als Mönchstum kennen. Die Herausforderung für die moderne säkulare Gesellschaft ist, wie dieser Prozess der religiösen Kolonialisierung reversiert werden kann: Wie trennt man Ideen und Rituale von den religiösen Institutionen, die sie beansprucht haben, aber wahrlich nicht besitzen.
Meine Strategie wird, natürlich, Anhänger auf beiden Seiten der Debatte verärgern. Die Religiösen werden beleidigt sein von der schroffen, selektiven und unsystematischen Betrachtung ihrer Glaubensbekenntnisse. Religionen sind keine Buffets, sie werden protestieren, von deren Sortiment Elemente nach Lust und Laune ausgewählt werden können. Allerdings war der Niedergang Glaubensrichtungen ihre einsichtslose Beharrlichkeit, dass die Anhänger alles essen müssen was auf den Tisch kommt. Warum sollte es nicht möglich sein die Darstellung der Bescheidenheit in Giotto’s Fresken zu schätzen und dennoch die Doktrine von Mariä Verkündung zu umgehen, den buddhistischen Schwerpunkt des Mitgefühls zu bewundern und dennoch die Theorien der Wiedergeburt meiden? Für jemand ohne religiösen Glauben mag es nicht krimineller sein in eine Anzahl an Glaubensbekenntnissen zu greifen, als für einen Literaturliebhaber eine handvoll Lieblingsschriftsteller aus dem Kanon herauszusuchen. Atheisten der militanten Sorte werden auch aufgebracht sein, in ihrem Fall von dem Ansatz, der Religion behandelt als ob sie es verdient ein anhaltender Prüfstein für unsere Sehnsüchte zu sein. Sie werden auf die zornige institutionelle Intolleranz vieler Religionen verweisen, und auf die gleichwertig reichen, allerdings unlogischen und engstirnigen, Vorräte des Trosts und der Erkenntnis durch Kunst und Wissenschaft. Sie werden weiters fragen, warum jemand der selbst den Unwillen bekundet so viele Facetten der Religion zu akzeptieren – der sich unfähig fühlt im Namen der Jungfrauengeburt zu sprechen, oder den Behauptungen zuzunicken, die erfürchtig in den Jataka Geschichten über Buddha’s Identität als ein wiedergeborenes Kaninchen gemacht werden – sich selbst doch noch mit einem Thema verbindet, das durch den Glauben beeinträchtigt wurde.
Die Antwort darauf ist, dass die Religionen unsere Aufmerksamkeit für ihre reinen konzeptuellen Abitionen verdienen; für die Veränderung der Welt in einer Weise, wie es wenige säkulare Institutionen jemals gemacht haben. Sie haben es fertiggebracht, Ethiktheorien und Metaphysik zu kombinieren mit praktischer Beteiligung in Bildung, Mode, Politik, Reisen, Bewirtung, Initiationszeremonien, Veröffentlichungen, Kunst und Architektur – ein Spektrum von Interessen, das beschämend ist für den Umfang der Leistungen von selbst den grössten und einflussreichsten säkularen Bewegungen und Individuen in der Geschichte. Für jene, die interessiert sind in der Verbreitung und den Einfluss von Ideen, ist es hart nicht von den Beispielen der erfolgreichsten Bildungs– und Geistesbewegungen fasziniert zu sein, die der Planet je bezeugte.
Es gibt Seiten der Religionen, welche zeitgemäss und tröstend sind, sogar für skeptische moderne Menschen. Atheisten können lernen einiges von dem Schönen, Berührenden und Weisen, vor dem zu retten, das nicht mehr länger wahr erscheint. Die Weisheit der Glaubensrichtungen gehört der ganzen Menschheit, sogar den vernünftigsten unter uns, und verdient es von den grössten Feinden des Übernatürlichen gezielt resorbiert zu werden. Religionen sind zeitweise zu nützlich, effektiv und intelligent um alleine den Religiösen überlassen zu werden.
Übersetzung aus dem Englischen von Heinz Robert
Alain de Botton wurde 1969 in Zürich geboren und lebt nun in London. Er schreibt essayistische Bücher, die als Philosophie für das tägliche Leben beschrieben werden. Er schreibt über Liebe, Reisen, Architektur und Literatur. Seine Bücher waren Bestseller in 30 Ländern. Alain gründete und betreibt eine Schule in London namens The School of Life, die sich einer neuen Vision von Bildung verschrieben hat. Alain’s neuestes Buch heisst Religion for Atheists - www.religionforatheists.com
www.alaindebotton.com




Alain de Botton wurde 1969 in Zürich geboren und lebt nun in London. Er schreibt essayistische Bücher, die als Philosophie für das tägliche Leben beschrieben werden. Er schreibt über Liebe, Reisen, Architektur und Literatur. Seine Bücher waren Bestseller in 30 Ländern. Alain gründete und betreibt eine Schule in London namens The School of Life, die sich einer neuen Vision von Bildung verschrieben hat. Alain’s neuestes Buch heisst Religion for Atheists - 











