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Lebenstanz

Leben ist für die bald 90-jährige Anna Halprin Tanz. Und umgekehrt. Ihr Vermächtnis heisst Art/Life-Process. Daran liess sie zwei Tage lang schnuppern: 48 Stunden lernen über die Verbindung von Körper und Wesen.

© Yongnian Gui | Dreamstime.com

Was hat Malen mit Körper und Tanz zu tun, frage ich mich, und mein Blick in die Runde erkennt weitere stirnrunzelnde Wesen. Wir sollen unseren Körper zeichnen. Einfach so, wie er sich im Augenblick gerade anfühlt. Es gehe nicht darum, eine anatomisch schöne Zeichnung anzufertigen, sondern ohne zu überlegen draufloszuzeichnen und einfach zu vertrauen. Wir sollen uns auch bewusst machen, dass unser Körper nicht nur aus dem Gesicht besteht, das meistens gezeichnet wird. Wie steht es mit dem Rücken oder den Fusssohlen, fragt die Kursleiterin. Anna Halprins Stimme ist klar und unmissverständlich. Da spricht eine Frau, die ganz genau weiss, warum etwas so gemacht werden soll. Ihr geht es um nichts anderes als um die Schulung des Körperbewusstseins, die Erweiterung und Verfeinerung der Wahrnehmung unseres Körpers.

«Unglaublich! Die Frau, die da vor meinen Augen über die Bühne wirbelt oder mit einer fast unsichtbaren, feinen Bewegung des einen Arms ein Bild kreiert, ist weit über 80 Jahre jung. Jung, scheint mir der richtige Ausdruck zu sein dafür. Denn was Anna Halprin zeigt, nein, lebt, ist Lebenskunst, die Vermählung von Kunst und Leben.» Mit diesen Worten begann mein Artikel aus SPUREN 94 über den Film Breath Made Visible, der das Leben der Tanzpionierin Anna Halprin dokumentiert. Der Film des Schweizers Ruedi Gerber lief Mitte Januar in den Schweizer Kinos an und berührte so manchen Besucher. Als Ende letzten Jahres die Information bei uns auf der Redaktion eintraf, dass Anna Halprin nicht nur zur Premiere des Films in die Schweiz reise, sondern auch noch einen Zwei-Tages-Workshop leiten werde, war mein Entschluss klar: Da muss ich hin! Ich wollte die Chance nutzen und diese Frau, die mir durch den Film so nahe gekommen ist, erleben und mit eigenen Augen und vor allem mit dem Herzen aufnehmen, was sie so jung hält.

Was ist Körper?

Eine eisige Bise weht mir entgegen. Es sind zwar nur kurze fünf Minuten Fussweg vom Bahnhof Zürich-Oerlikon zur Dance-Academy, wo der Workshop stattfindet. Dennoch öffne ich mit klammen Fingern und kalten Ohren die Eingangstüre des Veranstaltungsortes. Der Empfang ist herzlich und schlicht, und schon bald stehe ich mit 75 weiteren Teilnehmern vor dem grossen Tanzsaal. In der Tür wird jeder Einzelne von Anna Halprin persönlich begrüsst. Sie wirkt klein und zierlich. Ihr Händedruck ist fein und klar. Ich stehe im grossen Saal, suche mir einen Platz für meine Siebensachen, und ohne grosses Aufwärmen geht es los. Ich habe keine Ahnung, was mich hier erwartet: Ob zwei Tage lang getanzt wird oder ob wir in einer Schnellbleiche den Art/Life-Process durchmachen – aus der Ausschreibung liess sich nichts herauslesen. Und das ist auch gut so. So kann ich mich unbelastet auf das Abenteuer einlassen. Bestimmt erging es nicht allen Teilnehmern so wie mir. Einige von ihnen stehen mitten im Art/Life-Process, andere absolvierten dieses Programm vor mehr als 20 Jahren. Es sind Kontakt-Improvisations-Profis hier, Tanz-, Körper– und Kunsttherapeuten, aber auch Menschen wie ich, die sich einfach gerne tänzerisch bewegen. Doch eigentlich sind alle wegen ihr gekommen: Anna Halprin, die uns jetzt vor sich versammelt und uns nochmals als Gruppe begrüsst.

Sie fordert uns auf, Papier und Farbstifte zu nehmen. Wir haben zum Zeichnen nicht allzu viel Zeit, mahnt sie weiter. Also machen wir uns mit Papier und Malkreide an die Arbeit. Mein Körperbild ist bunt geschwungen mit kruden Füssen und Händen, die irgendetwas umarmen. Der Mund ist offen, und undefinierte Laute fliessen aus ihm. Im Raum ist emsiges und ruhiges, konzentriertes Malen angesagt, bis der feine Klang von Annas Mundharmonika ertönt. Wir gewöhnen uns im Laufe der zwei Tage daran. Der erste, melodiöse Klang will uns sagen, dass wir noch eine Minute Zeit haben. Der zweite, eintönige und lange Ton bedeutet fertig lustig. Anna fordert uns nun auf, Schreibpapier und Stift zur Hand zu nehmen, unser Bild zu betrachten und dabei die folgenden drei Fragen zu beantworten. 1. Was sehe ich? 2. Was ist es? 3. Welche Gefühle entstehen dabei? Aus dieser Auflistung sollen wir von jedem Punkt ein Wort auswählen, das uns gerade passend erscheint, und daraus einen Satz formulieren, der mit «Ich bin …» beginnt. Dieser soll aufs Bild geschrieben werden. Nach zehn Minuten sind alle fertig. Bei mir steht: Ich bin Umarmung im Energiefluss und verbunden mit allem.

In Bewegung

Jeder sucht sich einen Partner, mit dem er das Bild tanzen wird. Neben mir sitzt Susanne, die aus Deutschland angereist ist und mit der ich die folgende Übung ausführen werde. Ich halte ihr gemaltes Bild neben mir hoch, und Susanne beginnt langsam, das erste Wort ihres Satzes in Bewegung zu bringen. Dabei soll sie fortwährend das Bild anschauen, sich mit ihm verbinden, herausschälen, was es sagen, zeigen will. Ich begleite sie, indem ich das Wort wiederhole oder sie sanft auffordere, es laut auszusprechen. Für Anna Halprin ist die Verbindung von Stimme im Tanz ausserordentlich wichtig. Der gesamte Körper resoniert, unterstützt und verstärkt die Bewegung und hilft, im Fluss zu bleiben. So erreichen wir tiefere Schichten und Gefühle, die damit erkennbar werden. Susanne tanzt ihr zweites, dann ihr drittes Wort, zum Schluss den ganzen Satz. Ihre Worte beleuchten eher die schwierigen Seiten, während meine eher die hellen Anteile beinhalten. Habe ich mich schon in der ersten Übung gedrückt vor dem Sich-nackt-Zeigen? Bevor ich ins Nachdenken komme, stoppt Anna mit der Harmonika die Übung. Wir sollen sofort rezyklieren, was auf Halprinisch heisst, dass ich Susanne mitteilen soll, was ich gesehen, wahrgenommen, gespürt habe während ihres Tanzes.

Auch sie teilt mit, was sie wahrgenommen hat. Dann wechseln wir die Rollen. Susanne hält mein Bild neben sich hoch, und ich beginne, mich zum Wort Umarmen zu bewegen. Ich stutze zuerst, da ich bemerke, dass sich dieses Umarmen nicht nur schön und positiv anfühlt. Umarmen kann auch ganz schön eng machen. Mit dem nächsten Wort ergeht es mir ähnlich. Der Energiefluss ist zwar toll, aber auch ausufernd. Ich gebe zu viel Energie her oder verliere mich. Ich erkenne plötzlich beide Seiten: Nachdem ich diese Erkenntnisse ins Bewusstsein habe einfliessen lassen, kann ich den ganzen Satz «Ich bin Umarmung im Energiefluss und verbunden mit allem» freier und auch harmonischer tanzen. Annas Mundharmonika bringt uns wieder zum Rezyklieren. Auch Susanne ist dieses Positiv/Negativ aufgefallen. Bei mir und bei sich. Und dass beide Anteile immer vorhanden sind. Erst jetzt bemerken wir die Gegensätzlichkeit unserer Aussagen. Auf ihrem Bild steht «Ich bin getrennt, nicht im Fluss und fühle mich nicht verbunden». Uns kam es wie ein Geschenk vor, gemeinsam diese erste Session ‘gemacht’ zu haben.

Farben des Lebens

Anna fordert uns nun auf, unsere Bilder an die Wände des Tanzsaals zu hängen. Was für eine Galerie! Wir nehmen uns Zeit, die einzelnen Körperwesen zu betrachten, einzutauchen in deren Ausdruck und den Satz, der auf jedem Bild zu lesen ist. So viel Fülle, Schönheit und auch Licht und Dunkelheit. Das berührt und verbindet. Ein Bild ist verkehrt herum aufgeklebt, so dass es unsichtbar bleibt – und zeigt dennoch einen Anteil, den wir alle auch kennen.

Wie stehen wir im Leben? Was ist die passende Körperhaltung? Wo ist das Zentrum des Körpers? Das sind die weiteren Fragen dieses Morgens. Wir widmen uns der Mitte unseres Körpers, die sich exakt zwischen dem Bauchnabel und dem Steissbein befindet. Anna selber hat früher immer wieder in Werken über chinesische Medizin von diesem Punkt gelesen. Erfahren hat sie ihn erst während eines wissenschaftlichen Drogenexperiments. Damals in den 60er Jahren wollten Wissenschaftler der Universität San Francisco wissen, wie Künstler unter dem Einfluss der Droge Meskalin ihrer Tätigkeit nachgehen. Nebst Schriftstellern, Malern und Schauspielern wurde Anna Halprin als Tänzerin angefragt. Sie nahm unter den wachsamen Augen der Wissenschaftler Meskalin ein und verspürte lange Zeit nichts. Nach ein paar Stunden schlug die Droge wie ein Blitz in ihr ein, und sie fiel der Länge nach auf den Boden. Das Erste, was sie unter dem Einfluss von Meskalin wahrnahm, war ein roter Punkt in ihrer Körpermitte, zwischen Bauchnabel und Steissbein. Tanzen wollte und konnte sie nicht, erinnert sich Anna Halprin mit einem Lächeln.

Körperintelligenz

Jeder Körper weiss, was er tun kann und was nicht. Wir sollen nicht jemanden oder etwas imitieren, empfiehlt uns Anna. Wenn man sie als Performance-Ikone und als Wegbereiterin des Postmodern-Dance bezeichnet, kann sie darüber nur lachen. Sie habe einfach immer getanzt und sich gefragt, wie sie ihr Leben tanzen könne: How do you dance your life?

In verschiedenen Partnerübungen erfahren wir viel über uns und unseren Körper. Das Gegenüber spiegelt mich und meine Körperwahrnehmung, unterstützt und ist einfach Zeuge meines Prozesses. Überhaupt erhält das Zeuge-Sein während der zwei Tage immer wieder einen wichtigen Platz, den ich gar nicht genug schätzen und würdigen kann. Als sich die Hälfte der Teilnehmer langsam am Boden bewegt, während die andere Hälfte rundum steht und «passiv aktiv» ist, indem sie schaut, wahrnimmt, wertfrei Zeuge wird, entsteht eine Verbundenheit. Da tauchen Gefühle auf, die vor dem Wechsel nicht wahrnehmbar gewesen sind. Eine wunderschöne Erfahrung. Und immer wieder mahnt uns Anna, nicht zu forcieren, dem Körper zu vertrauen, nicht etwas bewegen zu wollen, sondern abzuwarten, was der Körper von sich aus tun will. Am Ende des Tages bin ich erfüllt und auch müde, und ich bin erstaunt, dass ich keinen Hunger habe. Acht Stunden habe ich mich körperlich betätigt und kein Hunger? Wovon habe ich mich ernährt? Von der Energie im Raum? Klingt etwas abgedroschen. Von Annas Ausstrahlung? Hmmm. Ich staune und fahre satt heim.
Nach einer Nacht voll wilder Träume beginnt der zweite Tag mit Polaritäten: Einatmen, ausatmen. Negativ, positiv. Aktiv, passiv. Ja, nein. Man könne jede Beziehung und damit meint Anna nicht nur die klassische Beziehung Mann/Frau, sondern auch die Beziehung zum Vorgesetzten, zu seinem Kind, zur Umwelt und so weiter in die beiden Pole aktiv und passiv einteilen.

Zu zweit üben wir dies. Der eine Partner führt, der andere lässt sich führen. Blind vertraue ich mich dem Übungspartner an. Erst langsam, mit der Zeit immer schneller werde ich durch den mit über 70 anderen Teilnehmern gefüllten Raum bewegt. Dann wechseln wir die Rollen. Wo fühle ich mich wohler, sicherer? Was ist anders? Wie tanze ich mein Leben?

Anna stoppt die Übung und fordert uns auf, nun beide aktiv zu werden, aber ohne Absicht. Wie fühlt es sich an, wenn beide führen wollen, beide die aktive Rolle einnehmen? Beide aktiv? Geht das überhaupt? Und wer lässt sich dann führen? Als sich der Verstand vom Denken und Fragen verabschiedet, beginnt ein wundersamer Tanz von Paaren, die durch den Raum gleiten. Unglaublich! Beide führen, beide sind aktiv, und in der entstehenden Achtsamkeit lösen sich Grenzen auf: aus zwei Körpern wird einer.

Planetary Dance

Anna Halprin, die Tanz, Leben, Heilung und Ritual zu einer nicht trennbaren Einheit verwoben hat, lädt uns zum Abschluss des Workshops ein, dieses kraftvolle Tanzritual des Planetary Dance kennenzulernen. Die Geschichte dieses Tanzes beginnt mit einer Tragödie, die sich zwischen 1979 und 1981 ereignete. Sechs Frauen wurden in dieser Zeit am Mount Tamalpais, wo Anna und ihr kürzlich verstorbener Mann Lawrence Halprin leben, in einer Serie von Bluttaten umgebracht. Während eines Workshops innerhalb der Gemeinschaft, in dem es um die Suche nach lebendigen Mythen und Ritualen ging, entstand der Wunsch, mit einem rituellen Tanz den Berg zu «reinigen». Innerhalb des mehrtägigen Rituals wurden auch die Wege um den Berg begangen, auf denen man die ermordeten Frauen aufgefunden hatte. Zur Überraschung aller Beteiligter wurde der Mörder wenige Tage nach Abschluss des Rituals verhaftet. Aus diesem einmaligen Ritual erwuchs die Absicht, jedes Jahr im Frühling am Mount Tamalpais zu tanzen. Heute wird der Planetary Dance in vielen Ländern rund um den Globus zur gleichen Zeit getanzt. Dabei tanzt man nicht für sich selbst, sondern für jemanden, der Heilung braucht, sei dies ein Mensch, ein Tier oder auch die ganze Erde.

Es wird ruhig im Tanzsaal. Wir knien in einem grossen Kreis. In der Mitte sitzen zwei Trommler, daneben steht Anna Halprin. Die Trommler schlagen einen gleichmässigen Rhythmus, und schon bald steht der erste Tänzer auf und sagt laut in die Runde, wofür er tanzen werde. Wobei das Wort tanzen für unsere Vorstellung nicht wirklich passt. Wir rennen im Rhythmus der Trommel im Kreis, einer nach dem anderen. Mit der Zeit kann man sich auf einen inneren Kreis bewegen, auf dem in der Gegenrichtung gerannt wird. Wer eine Pause einlegen möchte, geht in den innersten der drei Kreise und schreitet dort zum Klang der Trommeln. Wer das Gefühl hat, dass sein Tanz fertig ist, stellt sich zu den Trommlern und zu Anna in die Mitte und wartet dort einfach.
75 Menschen rennen im Saal. Jeder für sich und gleichzeitig als ein einziger grosser Körper. Ich fliege durch den Raum und nehme ungeahnte Kräfte wahr, die mich nicht müde werden lassen. Ich staune, lache, renne und fühle mich wie ein Tropfen in einem endlosen Fluss.

Nach und nach kommen immer mehr Menschen ins Zentrum des Kreises und stehen dort einfach für sich still. Ich nehme die Menschen vor und neben mir wahr, höre noch immer rennende Füsse, die auf dem Holzboden gleichmässig auftreten, und in mir kehrt Stille ein. Auf Annas Zeichen hin verstummen die Trommeln, und alle kommen in der Mitte zusammen, gehen auf die Knie und lassen den Atem zur Ruhe kommen. Obwohl Anna kein Wort gesprochen hat, ist ihre Präsenz während des gesamten Rituals deutlich spürbar. Da ist Klarheit, Ausrichtung und Schönheit.

Man muss diese Frau ganz einfach bewundern, und als sie im Schlusskreis noch ein paar flinke Tanzschritte vollführt und sich auf ihre Weise bei uns bedankt, glaubt man, ein Wunder vor sich zu haben. Es ist mit Sicherheit die jüngste 90-Jährige, die wir alle je gesehen haben.

Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Spuren, Ausgabe 95


Von Claude Jaermann

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