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Spiritualität für Ungläubige

Die Kirchen verlieren ungebremst Mitglieder. An den Rändern und ausserhalb der Religionen ereignet sich zugleich ein mystischer Aufbruch, der sich jeder Kategorisierung entzieht.

25% der Schweizer Bevölkerung geht eigene spirituelle Wege, abseits jeglicher Konfession.

Das kommt nicht alle Tage vor: In Fällanden, dem Dorf vor den Toren der Stadt Zürich, wo diese Zeitschrift zu Beginn der 90er Jahre ihren Verlagssitz hatte, wurde eine neue Kirche gebaut. Die örtliche Pfarrei der auf rund 2000 Seelen angewachsenen Katholiken konnte es sich nach Jahrhunderten der Diaspora leisten, ein eigenes Gotteshaus zu errichten. Am Rande des Dorfes entstand auf frischem Land ein moderner Sakralbau. Die älteste der christlichen Traditionen leistete sich einen Neuanfang mitten im Zwingliland: ein schmucker quadratischer Bau, darin ein runder Kirchenraum, frei von Ornamenten, hell, einladend, freundlich.

Gespannt betrat ich die neue Kirche. Mitten am Tag stand die Türe offen und lud zur Besichtigung ein. Ich war baff. So etwas hatte ich noch nie gesehen: Die geräumigen Sitzbänke richteten sich wie üblich nach vorne aus auf jenen heiligen Bereich, wo der Priester nach katholischem Ritus die Messe zelebriert. Doch dort gab es keine Abschrankung, keine Altarwand, keinen übermächtig sterbenden Heiland am Kreuz, keine Engel, keine Heiligen, keine Puten. Dort vorne stand ein schlichter, geradliniger Tisch, und dahinter reichte vom Boden bis unters Dach ein riesiges Fenster. Klares Fensterglas. Der Blick der Gemeinde ging unverstellt hinaus in die freie Natur, ins Riedland zwischen Dorf und Greifensee. Wiesen, Vögel, Bäume, gelegentlich ein Spaziergänger, Jogger, Hunde, und darüber spannte sich ein weit offener Himmel.

Diese Botschaft gefiel mir. Ich setzte mich in eine Bank und liess die Räume auf mich wirken. Der geschlossene Raum spendete Wärme und Geborgenheit, ohne die Aussenwelt, die Natur, den Betrieb des Alltags auszuschliessen. Die «Heiligung der Welt», der eigentliche, heute kaum mehr bekannte Zweck der katholischen Messe: Hier machte das Anliegen wieder Sinn und wurde nachvollziehbar. Mehr noch: «Katholisch» – bedeutet dieser Begriff seinem Wortsinn nach nicht «universell» und «allumfassend»? Selbst dieser Anspruch schien mir mit der neuen Kirche von Fällanden eingelöst. Davon liess ich mich gerne umfassen.

Voller Zuversicht verliess ich den Sakralbau, beflügelt vom Wunsch, für Andacht und Meditation bald wiederzukommen. Die Ernüchterung wartete im Eingangsbereich auf mich. Dort lag ein Ordner auf, der die Besucher über eine ambitionierte Spendenaktion informierte. Die Gemeinde sammelte Geld für ein Kirchenfenster. Geplant und vom Künstler im Entwurf bereits ausgeführt, war eine immense Darstellung der Heiligen Katharina von Siena. Das imposante Bild der Namenspatronin sollte just jenes Fenster einnehmen, welches jetzt noch so grosszügig den Blick in die Welt freigab. Tja.

Vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit, die damals neue, immer noch schmucke katholische Kirche von Fällanden wieder zu besuchen. Die Türe stand immer noch offen, und ich konnte mich mit eigenen Augen über den Stand der Dinge ins Bild setzen. Das neue Glasfenster ist verwirklicht worden, der Blick der Gläubigen geht nicht länger in die Welt hinaus, die Augen bleiben hängen an der Darstellung einer katholischen Heiligen.

Die Unterscheidung

Wo liegt das Problem? Religionen sind so. Stimmt. Aber wir sollten sie und ihren Betrieb nicht länger mit Spiritualität verwechseln. In der Öffentlichkeit ist diese Verwechslung noch gang und gäbe. Wenn es in den Medien um spirituelle Fragen geht, werden kirchliche Exponenten zitiert, allenfalls dürfen sich noch Vertreter anderer anerkannter Religionen dazu gesellen. Es wird getan, als ob die Kirche noch mitten im Dorf wäre. In ihrem eigenen, privaten Leben jedoch hat die Mehrheit der Menschen längst zu unterscheiden gelernt zwischen diesem und jenem. Die meisten haben verstanden, dass Religion ein parasitäres Gewächs ist, das von der Spiritualität zehrt, und nicht umgekehrt.

Diese Formulierung verdanke ich Nicholas Humphrey. In seinem kürzlich veröffentlichten Werk Soul Dust sagt der britische Psychologieprofessor und Bewusstseinsforscher überdies: «Es trifft zu, dass gewisse Evolutionspsychologen argumentieren, der religiöse Glaube des Menschen sei eine unvergleichliche biologische Anpassungsleistung. Einige behaupten gar, im menschlichen Gehirn lasse sich so etwas wie ein ‚genetischer Gottes-Bestandteil‘ finden. Doch diesen Ansichten fehlt jede Evidenz. Weder gibt es Hinweise darauf, dass der Gottesglaube in der Entwicklung des Menschen weit zurückreicht, noch gibt es Belege dafür, dass dem Individuum durch diesen Glauben in der Evolution ein Vorteil erwachsen wäre.»

Eigene Wege gehen

Eine 2011 veröffentlichte Studie des Schweizer Nationalfonds belegt eindrücklich die Absetzbewegung der Schweizer von den Kirchen. Vor 40 Jahren gehörten noch je 45 Prozent der Bevölkerung entweder zur katholischen oder zur protestantischen Landeskirche. 9 Prozent zählten damals als Gläubige anderer Religionen, und nur gerade 1 Prozent bekannte sich zum Status der Konfessionslosigkeit. Heute bezeichnet sich ein Viertel der Schweizer Bevölkerung als konfessionslos, und von diesen 25 Prozent heisst es ausdrücklich, dass sie dem Thema keineswegs gleichgültig gegenüberstehen, sondern eigene spirituelle Wege gehen.

Während die Medien unverdrossen von einem Wiedererstarken des Religiösen reden und dabei ihre Aufmerksamkeit auf marginale Gruppen wie die Evangelikalen oder islamistische Gruppierungen richten, die ihre Überzeugungen lautstark in die Öffentlichkeit tragen, hat sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung leise vom Betrieb der Kirchen verabschiedet. Ein Grossteil der Schweizer lebt heute auf Distanz zum Religionsbetrieb (64%). 10% stehen säkular abseits, und 9% sind alternativ religiös unterwegs.

Aber, so halten die Autoren der Nationalfonds-Studie fest, «die Distanzierten glauben nicht nichts». Es gibt bloss kein öffentlich formiertes Bekenntnis, in dem sie sich wiederfänden. Und so bezahlt manch ein Distanzierter gar noch Kirchensteuern, obwohl er sich innerlich längst von «seiner» Kirche abgewendet hat. Wenn die Kirchen seinen Beitrag dazu verwenden, soziale Arbeit zu leisten, ist ihm das recht. Erfährt er von Doppelmoral und Sexskandalen, kann es aber vorkommen, dass er sich empört abwendet und den Austritt gibt.

Aus dem Blickwinkel der Gläubigen ist das ein Zerfall, das finale Kapitel in dem von Oswald Spengler beschworenen «Untergang des Abendlandes». Mit dem christlichen Glauben sehen sie die ethischen Werte, die Moral und die demokratischen Tugenden unserer Gesellschaft vor die Hunde gehen. Aus dem Blickwinkel jener, die sich seit Langem auf den Anbruch eines neuen Zeitalters freuen, ist es gerade umgekehrt: Das Alte weicht und macht Platz für Neues, das sich zunächst bloss zaghaft, nun aber zunehmend deutlich abzeichnet: eine Spiritualität jenseits überkommener Formen, eine neue Gestimmtheit des Menschen aus sich selbst heraus, in wacher, offener Verbindung mit den Kräften der Welt und des Kosmos.

Universelle Werte

«Happy», «Safe», «Free», drei Worte, grossgeschrieben auf einzelnen Blättern, hängen in einem kalifornischen Tonstudio an der Wand. Ein gemischter Chor intoniert das Mantra: «Mögen alle Wesen glücklich sein, mögest du beschützt sein, mögen wir frei sein ……» Eine Stunde lang Segenswünsche auf unendlich. Verschiedene Solisten, darunter auch die Schweizer Mantra-Sängerin Dechen Shak-Dagsay, stossen dazu und variieren die Botschaft in ihrer Sprache, auf ihre Weise. Die kanadische Musikerin Jennifer Berezan hat diese berührende Musik komponiert und die Produktion ihrer neuen CD In These Arms auf die Beine gestellt. Sie singt: «I long to hold the whole world in these arms.»

Englisch ist die Universalsprache unserer Zeit. Freiheit, Glück, Geborgenheit sind universelle Begriffe, von denen wir annehmen dürfen, dass jeder Mensch auf der Welt sie begreifen kann und sie auf seine Weise zu verwirklichen sucht. Es lassen sich weitere solche Begriffe nennen: Liebe, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Solidarität, Fürsorge, Mut und noch einiges mehr. Alle diese Werte haben in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Ausprägungen erfahren und zu archetypischen Gestalten geführt, mit denen sie identifiziert werden. Die christliche Maria, die afroamerikanische Oshun und die buddhistische Guanyin stehen für Mitgefühl und unendliche Liebe; Lakshmi gilt Hindus als Verkörperung von Glück und Schönheit; die Römer schrieben diese Qualitäten der Göttin Fortuna zu; Wilhelm Tell heisst bei uns ein kultisch verehrter Held der Freiheit; für Schotten ist das William «Braveheart» Wallace; und für Juden ist es Moses, der sein Volk aus ägyptischer Gefangenschaft in die Freiheit führte.

«Der Heros in tausend Gestalten», wie es der Psychologe Joseph Campbell nannte und damit C. G. Jungs Konzept vom Archetypus ausführte. Heute ist es uns möglich, das eine mit dem anderen zu vergleichen. Wir können in den vielen Gestalten das Gemeinsame erkennen und als seelischen Kern benennen: Liebe, Glück, Freiheit. Das mögen zwar lauter abstrakte Begriffe sein, doch haben diese Begriffe den unbestreitbaren Vorteil, dass sie uns verbinden, statt uns in religiös und kulturell bedingte Formen zu verstricken, zwischen denen es in der Regel keine Vermittlung gibt.

Dieser Artikel erschien erstmalig im Magazin Spuren, Ausgabe 100 


Martin Frischknecht, wirkt als Chefredakteur des Magazins SPUREN und entsorgt das Altpapier der Redaktion. Von Beruf ursprünglich Buchhändler, hat er vor zehn Jahren das Wagnis unternommen, selber Bücher zu verlegen. Die Titel der Edition Spuren sind zu finden unter www.spuren.ch/edition Als freischaffender Mitarbeiter des Berner Senders «Hörmal» führt er regelmässig Radiogespräche www.hoermal.ch

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