Frau-sein als kreativer Akt
a_Neuigkeiten, Frau-Sein, Gemeinsam Freitag, November 11th, 2011Weiblichkeit diesseits und jenseits der Gender-Grenzen
Wie geht es weiter mit der Entwicklung des Weiblichen nach dem Erringen der rechtlichen Gleichstellung? Was bleibt noch aufzuholen – und wo deuten sich ganz neue Perspektiven an? Eine betrachtung im Übergang zwischen Emanzipation und einem Frau-sein, das sich aus der Berührung mit dem Überpersönlichen bestimmt.
Wir Frauen, die Artikel wie diesen schreiben und lesen, sind heute selbstbestimmt, frei und unabhängig. Dafür war allerdings eine evolutionäre Weltreise der Menschheit nötig – und was für eine: Aus den so gut wie versklavten Frauen der Frühgeschichte entwickelten sich die klaren Rollen der Frauen in traditionellen Gesellschaften bis hin zur „guten Frau“ des Industriezeitalters, der Hüterin des Heims und der Moral.
Erst mit den Suffragetten, den englischen Frauenrechtlerinnen zu Anfang des 20. Jahrhunderts, und dann verstärkt in den sechziger Jahren begannen Frauen gezielt, ihr Selbstverständnis, ihren Platz in der Gesellschaft und ihre Visionen selbst zu suchen und auszudrücken.
Wir Frauen heute sind das Ergebnis dieser langen Reise. Wir haben uns daran gewöhnt, keinen Clan und keinen Mann zu brauchen, der uns ernährt und am Leben erhält, unsere Körper gehören uns, wir sind gebildeter, wohlhabender und welterfahrener denn je, wir leben unser Leben und übernehmen immer mehr Verantwortung in allen Bereichen der Gesellschaft.
All das bedeutet es heute, eine Frau zu sein. Doch bei der Frage, was es künftig bedeuten wird oder kann, bei der Frage nach unseren nächsten Schritten, wird das Bild vielschichtiger. Während wir damit beschäftigt waren, all das aufzuholen, was uns in Jahrhunderten des Patriarchats nicht möglich war, war der Weg noch klar vorgezeichnet. Doch was bleibt nun für uns zu tun, die wir mit all den Vorteilen dieser hart errungenen Freiheit erwachsen wurden – wie geht es weiter? Was kann und wird es bedeuten, Frau zu sein? Die folgenden Gedanken basieren auf der Perspektive, die der spirituelle Lehrer und Entwicklungs-Pionier Andrew Cohen in seiner Arbeit mit den Frauen von EnlightenNext* entwickelt hat.
Viele sagen, dass die „dritte Welle“ des Feminismus (nach der Suffragettenbewegung und den sechziger Jahren) die Aufgabe hat, die Rechte der Frauen in jenen Teilen der Welt zu erkämpfen, in denen sie noch immer grob missachtet werden. Das ist eine wichtige Arbeit – es ist mittlerweile eine allgemein akzeptierte These, dass sich Gesellschaften radikal weiterentwickeln, wenn sich die Lage der Frauen verbessert. Doch was bedeutet das bei uns hier, im privilegierten Europa? Wo können wir die tiefste Antwort finden, eine Antwort, die sich nicht nur an materiellen Werten orientiert?
Seit Jahren wird in manchen Kreisen davon gesprochen, das „göttliche Weibliche“ zu ehren, die Weiblichkeit im öffentlichen Leben zu fördern, weibliche Qualitäten auch auf den Führungsetagen internationaler Konzerne zu pflegen und in die Politik zu bringen. Oft wird sich dabei auf Qualitäten wie Einfühlsamkeit, Kooperationsbereitschaft, Mitgefühl, Fürsorglichkeit, Rezeptivität und Intuition berufen. Und obwohl all dies nur positiv sein kann, sind diese Qualitäten doch zum großen Teil gerade jene, die uns traditionell zugeschrieben wurden und in denen wir uns gefangen fühlten. Ist dieser Schritt also wirklich etwas Neues? Oder dehnen wir alte Stereotype auf neue Gebiete aus?
Eine universelle Kraft, die sich durch mich ihren Weg bahnt
Hat das Frau-Sein eine Bedeutung jenseits dieser schon vorbestimmten Qualitäten? In unserer Zeit der Entwicklungspsychologie, der integralen und evolutionären Weltsicht und nie dagewesener Selbstbestimmung – könnte das Frau-Sein auch ein kreativer Akt sein, mehr als eine Ansammlung schon festgeschriebener Eigenschaften? Was würde ein großer Umbruch, vergleichbar dem in den sechziger Jahren, heute bedeuten? Eine tiefe Umorientierung, die das Wort Frau vollkommen neu definiert, so, wie es unsere Schwestern in der Vergangenheit gewagt haben?
Um dieser Frage nachzugehen, wechseln wir einmal vom Weitwinkel zum Zoomobjektiv. Nehmen wir den Akt des Schreibens zum Beispiel: Da will etwas ausgedrückt werden, etwas, was sich nicht darum schert, ob ich gerade inspiriert, müde, unsicher oder besonders klar im Kopf bin. Etwas, das mich am Computer hält und für das ich mich um Klarheit und Präzision bemühe. Ein innerer Druck, unbestimmt und unmissverständlich zugleich. Hat diese kreative Kraft ein Geschlecht? Hat sie etwas damit zu tun, dass ich eine Frau bin? Ich denke nicht. Er ist eine universelle Kraft, die sich durch mich, eben eine Frau, ihren Weg bahnt. Sie hat kein Gesicht. Sicher, mein Ausdruck ist gefärbt von der Tatsache, dass ich eine Frau bin, doch die Kraft an sich hat kein Geschlecht, und vielleicht liegt es auch daran, das wir uns im kreativen Schöpfen oft so befreit fühlen.
Ein anderes Beispiel: Vor meinem Fenster senkt sich die Sonne in das Frühlingsgrün der Ahornbäume. Wenn ich sie betrachte, ist meine Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit an sich, dann weiblich? Oder trägt erst die Interpretation dessen, was ich erfahre, weibliche Züge? Ist die reine Erfahrung, das Sehen an sich, nicht frei von Gender-Prägungen?
Oder nehmen wir Sex – hat der sexuelle Impuls als solcher ein Geschlecht? Oder ist es der mal im weiblichen, mal im männlichen Körper wahrgenommene, aber vollkommen unpersönliche Drang der Evolution, für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen? Auch wenn er sich im Mann und in der Frau unterschiedlich anfühlt, der Drang an sich ist schlicht das, ein Drang, eine Kraft, ebenfalls ohne Gender.
Und dann die Erfahrung der Tiefe in der Meditation, die Erfahrung des Bewusstseins. Auch dort gibt es keinen geschlechtlichen Aspekt. Es ist vollkommen frei von allen Attributen – reines Sein, reines Gewahrsein, es ist das Eine, das nicht in männlich und weiblich untergliedert ist.
Eine spirituelle Freiheit, die nicht mit äusseren Umständen zu tun hat
Je tiefer wir in uns selbst gehen, umso klarer zeigt sich, wie frei wir tatsächlich sind. Jetzt, in diesem Moment, und schon immer. Es ist eine spirituelle Freiheit, die nichts mit äußeren Umständen zu tun hat. Noch bevor ich Frau bin, bin ich Mensch. Noch bevor ich Mensch bin, bin ich Bewusstsein. Und in allem bin ich Teil eines unmessbar großen kreativen Prozesses, der sich Evolution nennt. Die Tatsache, dass ich (vielleicht sogar nur in diesem Leben!) eine Frau bin, erhält dann einen ganz anderen Stellenwert. In dieser Einsicht liegt für mich der Schritt in ein neues Bewusstsein für Frauen.
Und damit wieder zurück zum Weitwinkel-Objektiv: Noch immer haben Frauen weit weniger Einfluss auf die großen Entscheidungen der Welt als Männer. Frauen hatten, bedingt durch ihre Rollen als Mütter und Hausfrauen, über Jahrtausende in der Geschichte vergleichsweise wenig Möglichkeiten, Erfahrungen darin zu sammeln, was es bedeutet, auf breiter Basis Kultur und Geschichte zu formen. Trotz vieler herausragender und beeindruckender einzelner Frauen ist ihre Anzahl unter den Menschen, die tiefgreifende und bleibende Veränderungen geschaffen haben, relativ gering. Obwohl wir schnell aufholen, haben wir weit weniger Vorbilder in Politik, Wissenschaft und Religion als die Männer und kaum ein lebendiges, eigenes Geschichtsverständnis. Bei mir selbst dauerte es tatsächlich lange, bis ich überhaupt begann zu verstehen, wie wichtig es ist, die eigene Erfahrung in einem historischen und kulturellen Kontext zu sehen. Jetzt scheint wieder eine Zeit für Veränderungen gekommen zu sein. Die Frage ist, von welcher Perspektive aus wir die Zukunft formen werden, welche Werte wir mitnehmen, und welche wir hinter uns lassen wollen.
Die Denkmuster und Einstellungen, die uns durch die Jahrtausende geformt haben, sind durch die Veränderungen der letzten 50 Jahre nicht einfach verschwunden. Wenn wir uns hin– und hergerissen fühlen, ob wir im Job lieber die Schmeicheltaktik oder klare, aber unbequeme, direkte Anweisungen benutzen sollen, wenn wir uns in Hackenschuhen gefallen, aber gleichzeitig unsicher sind, ob wir damit nicht unsere feministischen Prinzipien verraten (und noch dazu den Rücken ruinieren), wenn wir uns nach einem Kind sehnen und gleichzeitig Angst davor haben, unsere Unabhängigkeit aufzugeben – es sind die oft widersprüchlichen Werte aus diesen Schichten unserer Biologie, unserer Geschichte und unserer Kultur, die an uns ziehen.
Noch nie in der Geschichte hatten wir als Frauen solch eine Möglichkeit der Wahl. Noch nie waren wir uns in so großen Zahlen und in so großem Maß so vieler Aspekte unserer Persönlichkeit bewusst – unseres historischen Werdegangs, unserer emotionalen und psychologischen Strukturen, der unbegrenzten Tiefe unseres Selbstes und der Tatsache, dass auch wir direkt mit dem kreativen Prozess in Verbindung stehen.
Frau sein aus spirituellem Selbstvertrauen
Aufgrund dieses Bewusstseins und der Fülle unserer Erfahrungen haben wir die nie dagewesene Möglichkeit, das weibliche (genauso wie das männliche) Selbstverständnis neu zu definieren – und damit zugleich auch eine neue Partnerschaft, die über die üblichen Gender-Abgrenzungen hinausgeht, weil sie die genderlosen Aspekte der Existenz als Ausgangspunkt nimmt. Das ist eine radikale Vision, eine echte Utopie, die ich erst beginne zu erahnen und zu verstehen, die aber umso anziehender und faszinierender ist.
In diesem Szenario können Frauen zutiefst dem Leben vertrauen, können loslassen und sich in einer Intimität begegnen, die statt hauptsächlich auf persönlicher und oft vergänglicher Sympathie auf Wahrheit beruht. Sie können selbstständig, gemeinsam und kreativ an der eigenen Bestimmung arbeiten, und die althergebrachten Muster der Konkurrenz, der Manipulation und des Misstrauens immer mehr zurücklassen, in der Entdeckung, mehr, viel mehr zu sein, als alles, was wir gewohnt sind, „Frau“ zu nennen.
Dieses Selbstvertrauen ist spirituelles Selbstvertrauen, es ist verankert in einem Teil des Selbstes, der die Grenzen des Frau-Seins sprengt. Die wachsende Überzeugung und Entscheidung, dem tiefsten, freien Teil des Selbstes mehr zu vertrauen als allem, was sich weiter an der Oberfläche unserer Erfahrung bewegt – allem Relativen, Vergänglichen, von Umständen Abhängigen, lässt diesen unbegrenzten Geist direkt in der Welt zum Wirken kommen. Es ist das vielleicht größte und revolutionärste Geschenk, das wir kommenden Generationen von Frauen heute machen können.
Erschien erstmals im Magazin Info3, Ausgabe Juli 2011
Von Uli Nagel

















