Sekem, Das Wunder in der Wüste
a_Editors Choice, a_Neuigkeiten, Co-Kreation, Gemeinsam, Gemeinschaftsbildung Donnerstag, November 3rd, 2011In Ägypten, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, ist die Wüste zum Leben erwacht. Der Ägypter Ibrahim Abouleish hatte eine Vision und schaffte es – obwohl es undenkbar schien – sie zu verwirklichen.
Kairo Flughafen, gegen 22 Uhr. Warme Luft schlägt mir entgegen, als ich nach stundenlanger Suche endlich meine Tante gefunden habe und wir das Kairoer Flughafengebäude verlassen können. Vor uns erstreckt sich der Parkplatz – eine in alle Richtungen kriechende Masse von Autos und rufenden Stimmen. Nur durch glücklichen Zufall dauert es nicht allzu lange, bis wir unseren Fahrer im Gewühl finden. Auf geht es nach Sekem!
Trotz der Dunkelheit kann man deutlich die trockene Wüstenlandschaft erkennen, die sich zu beiden Seiten der Straße austreckt. Kaum sieht man etwas Grünes, nur Müll liegt überall herum. Nach einer reichlichen halben Stunde verlassen wir die Autobahn und fahren auf einer schmaleren Straße weiter. An den Seiten erstrecken sich Farmen, von Lehmmauern vor wilden Hunden und anderen ungebetenen Eindringlingen geschützt. „Vor 20 Jahren war hier nichts als Sand“ fängt meine Tante Johanna an zu erklären, „es gab noch nicht einmal eine Straße. Auch die anderen Farmen entstanden erst viel später – als die Leute sahen, was an diesem Ort möglich ist.“
Als der Ägypter Ibrahim Abouleish 1977 nach einem 21-jährigen Aufenthalt in Europa in sein Heimatland zurückkehrte, hatte er eine Vision: inmitten der Wüste eine Oase zu schaffen, in der Menschen aller Nationen und Kulturen auf der Grundlage eines ganzheitlichen Entwicklungsansatzes leben und arbeiten können.
Etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo begann er, einen Brunnen zu bohren, um den trockenen heißen Sandboden mit biologisch dynamischer Landwirtschaft zu kultivieren. Eine Art der Landwirtschaft, die in Ägypten bis dahin gänzlich unbekannt war. Mit Hilfe von europäischen und ägyptischen Freunden verwandelt er so die Wüste Schritt für Schritt in Kulturlandschaft.
Getragen von der Idee, neue Impulse für Wirtschaft, Kultur und Soziales zu setzen, nannte er seine Initiative Sekem, was aus der alten ägyptischen Hochkultur stammt und „Lebenskraft der Sonne“ bedeutet.
Wenn man Sekem sieht, ist es kaum vorstellbar, dass hier vor 30 Jahren nichts als Wüste war. Die Schutzmauer ist wie eine Grenze zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite die endlose Straße und der staubige Sand, auf der anderen Seite der Garten Eden. Grüne Bäume, farbenprächtige Blumen, Ordnung und Sauberkeit. Im Gegensatz zu Kairo wirkt dieses Bild fast unreal. Lila und weiß blühende Bouganville heben sich von den weißen Häusern ab, Bitterorangenbäume zieren den Wegesrand und an der Seite erstreckt sich ein kleines Guavenhain. Die Schönheit dieses Ortes ist überwältigend.
Was mit 70 Hektar schlechter Bodenqualität und schwieriger Wasserversorgung begann und was am Anfang ein Traum war, dessen Umsetzung nichts als ein Problem nach dem anderen brachte, ist heute eine strukturierte und durch Institutionen begründete Einheit von Wirtschaft, Kultur und Sozialem. Ein nachhaltiges Entwicklungsmodell, das als Vorzeigemodell für Ägypten und die ganze Welt dient.
Nachhaltig wirtschaften für Bildung und Kultur
Naturetex, nächster Morgen. Alle Köpfe heben sich, als Frau Marienfeld zusammen mit mir die Puppenwerkstatt der Firma Naturetex betritt. Köpfe werden zusammengesteckt und kurz wird getuschelt, dann wird weitergearbeitet. Zielstrebig geht Ingebourg Marienfeld durch die Werkstatt. „Wir haben damals mit Nachthemden, Schlafanzügen und T-Shirts angefangen“ erzählt sie und kontrolliert nebenbei an jedem Platz stichprobenartig die Arbeit der Näherinnen. Vor 23 Jahren war sie eine derjenigen, die das damalige „Conyworks“ mit aufbaute. Ihr größter Stolz sind die Puppen. Unzählige unterschiedliche Puppen, Tiere und sogar Gemüse hat sie schon entworfen – Schnitte, die anschließend in großen Mengen genäht und verkauft werden. Der größte Teil wird nach Amerika und Europa exportiert und beispielsweise in Deutschland an die Marken „Hess Natur“ oder „Alana“ verkauft, welche man in jedem dm-Drogeriemarkt findet. Neben den Puppen wird hauptsächlich Babykleidung hergestellt – nur wenige Entwürfe für den Lokalmarkt findet man auch in Erwachsenengrößen.
Alle Produktionsschritte finden auf Sekem statt, vom Anbau der Baumwolle über das Bedrucken bis hin zum Zuschneiden und Nähen. Frau Marienfeld führt mich durch all die unterschiedlichen Werkstätten und kritisiert zwischendurch immer wieder ungeduldig Ungenauigkeiten bei den Arbeiten. „Man muss sie trotzdem lieb haben“ schließt sie ihren Rundgang mir zugewandt ab und lächelt.
In den Wirtschaftsunternehmen Sekems – Obst– und Gemüseanbau, Baumwollfelder, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, Textilindustrie und Heilmittelherstellung – arbeiten insgesamt über 2.000 Menschen. Sie bilden die „Sekem-Gemeinschaft“. Die erwirtschafteten Gewinne werden nach Rückstellung einer Altersversorgung überwiegend in Bildung und Kultur investiert. Das Bildungsprogramm umfasst Kindergarten, Schule, Berufsschule, berufliche Ausbildungsbetriebe und sozial-kulturelle Einrichtungen für die Mitarbeiter. Auch eine heilpädagogische Einrichtung ist vorhanden. Außerdem gibt es das Medical Center für die medizinische Versorgung und die Sekem-Akademie für nachhaltige Entwicklung. Auch eine Universität ist in Planung. Der Grundsatz von Sekem ist „Lernend arbeiten und arbeitend lernen.“ Alle Mitarbeiter bekommen die Möglichkeit, sich fachlich und persönlich durch kontinuierliche und professionelle Weiterbildungen und Teilnahme an Kursen in künstlerischen Fächern weiterzuentwickeln.
Ökologischer Wegbereiter für das ganze Land
Lotus, früher Nachmittag. Die Sonne scheint erbarmungslos — kein Wölkchen ist am strahlend blauen Himmel zu sehen. Überall laufen Bewässerungsanlagen und benetzen die Pflanzen mit dem kostbaren Nass. „Selbst wenn alles schon grün ist, man kann nie aufhören mit der Bewässerung“, sagt Angela. „Wer denkt, dass es irgendwann anfängt sich selbst zu regulieren, täuscht sich.“ Angela ist eine der ersten deutschen Mitarbeiter der Farm und kam kurz nach den ersten Kühen – vor 30 Jahren – nach Ägypten.
Auf der Sekem Farm findet man hauptsächlich Luzerne, Futterhirse für die Kühe und Guavenbäume. Der Großteil des Kuhfutters, wie auch Kräuter, Obst und Gemüse werden jedoch auf angrenzenden, zu Sekem gehörenden Farmen angebaut. Die Kräuter werden zur Tee– und Arzneimittelherstellung verwendet und auch Obst und Gemüse werden vielfältig weiterverarbeitet.
Die Tiere befinden sich gegenüber der Hauptfarm auf dem Gelände der Firma Lotus. Dattelbaumwedel schützen vor der prallen Sonne, jedoch nicht vor den Fliegen. Einzelne Kuhreiher sitzen zwischen den großen Tieren und picken ihnen die lästigen Insekten aus dem Gesicht. Die Kühe sind ein wichtiger Bestandteil von Sekem – sie liefern nicht nur Milch und Fleisch, sondern auch wertvollen Kompost. Ohne die Kompostwirtschaft wäre es unmöglich, den sandigen Wüstenboden landwirtschaftlich zu nutzen. Nur mit dem Dung der Kühe kann ein kontinuierlicher Aufbau der Bodenfruchtbarkeit entstehen.
Neben den Kühen gibt es auch noch Schafe, Bienen, Tauben, Esel und zwei Pferde.
Selbst die Bäume der Farm haben ihre unverzichtbare Aufgabe. Sie schützen vor Wind und den damit verbundenen Sandstürmen, spenden Schatten und halten die Feuchtigkeit nah an der Oberfläche. Alles ist in einem Kreislauf miteinander verbunden.
Seit die biologisch dynamische Landwirtschaft durch Ibrahim Abouleish erstmals nach Ägypten kam, hat sich viel getan. Denn Sekem konzentriert sich nicht nur auf Wachstum und Gedeihen der eigenen Farmen, sondern setzt sich für Nachhaltigkeit im ganzen Land ein. Durch viel Einsatz und Überzeugungskraft ist es inzwischen verboten, Pestizide mit Flugzeugen über den Feldern zu verteilen. Allein für die Baumwolle wurden jährlich 35 Tonnen Pestizide aus der Luft gespritzt, welche nicht nur die Baumwollfelder, sondern auch Dörfer und Flüsse trafen, was zu Krankheiten und Seuchen führte.
Viele staatseigene Flächen werden seitdem mit ökologischen Pflanzenschutzmethoden behandelt, so dass sich seitdem auch außerhalb von Sekem Naturland entwickelt. Über 850 Farmen in ganz Ägypten sind heute bereits Mitglied der „Egyptian biodynamic association“ (EBDA), welche den Landwirten mit Rat und Tat zur Seite steht und die Weiterentwicklung biologisch-dynamischer Landwirtschaft wissenschaftlich vorantreibt. Außerdem ermutigte Sekem die Gründung des Zentrums für biologischen Landbau in Ägypten. Und auch außerhalb des Landes werden die Ansätze Sekems immer wieder vertreten, um für eine nachhaltigere Welt zu kämpfen.
Für Ägypten ist wichtig, dass das Bewusstsein der Bevölkerung für die Umwelt steigt. Und auch das Einkommen der Menschen muss steigen, damit sich nicht nur der reichere Teil der Bevölkerung Bio-Produkte leisten kann.
Eine Schule für Bewusstsein und Gemeinschaft
Waldorfschule Sekem, nächster Vormittag. Freudig werde ich von dem Kunstlehrer Tamer begrüßt, als ich das Schulgebäude erreiche. Voller Motivation führt er mich durch die Schule.
Die Gemeinschaft und das Bewusstsein für die Mitmenschen und die Umwelt sind hier das Wichtigste. Die Schüler können durch Praktika in den Betrieben erleben, wie alles miteinander zusammenhängt und haben die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. „Die Schüler lernen die Zusammenhänge. Wir stellen Marmelade mit ihnen her und sie lernen, wie viel man wozu braucht, wie viel es kostet und was alles dazugehört.“
Ein Schwerpunkt der Waldorfschule ist die Kunst. „Wir machen viel mit Ton und Holz, praktische Arbeiten. Damit es einen Ausgleich gibt zwischen Theoretischem und Praktischem. Damit sie die Dinge nicht nur hören, sondern auch durch Riechen und Fühlen erleben. Das sind alles Dinge, die sie später brauchen werden.“ Regelmäßig gibt es auch Theater– und Chorprojekte mit anschließenden Aufführungen. Mit all dem stellt die Schule den reinsten Gegensatz zum regulären Schulsystem in Ägypten dar — „dort wird einfach nur auswendig gelernt“. Doch nicht nur die Schule, „Sekem und Ägypten – das sind zwei ganz unterschiedliche Sachen“, sagt Tamer.
Auch die Lehrer lernen durch Sekem ganz neue Bereiche kennen. „Dadurch fängt ein Mathematiker manchmal an, plötzlich etwas ganz anderes zu machen“, sagt Tamer und lacht. Mahmoud von der Heilpädagogischen Einrichtung stimmt dem zu „Ich kann hierher, um mit den Behinderten zu arbeiten. Dann habe ich das Theater kennengelernt und jetzt leite ich auch Projekte im Theater.“ Außerdem gibt es für die Lehrer Weiterbildungen in den unterschiedlichsten Bereichen. „Ich konnte vorher kein Englisch, aber jetzt kann ich es, weil die Weiterbildungen auf Englisch waren“, sagt Tamer und strahlt.
Er führt mich weiter in die Kunstwerkstatt. „Wichtig ist, dass nicht ein Schüler Erfolg hat, sondern die Gruppe hat Erfolg.“ Durch das Arbeiten in Gruppen kann auch ein neues Gemeinschaftsgefühl entstehen. Stolz präsentiert er mir ein Relief aus Ton, was viele Schüler gemeinsam gearbeitet haben.
Genauso wichtig ist, dass auch Sachen für andere Menschen gemacht werden. „Wenn die Marmelade fertig ist, dann verschenken wir sie. Hier ist eher üblich: Das habe ich, das gehört jetzt mir. Das Teilen, einfach so etwas den Anderen zu geben und auf die Anderen zu schauen, ist ganz wichtig für die Zukunft des Landes.“ In staatlichen Schulen wird kein Wert auf solche Sachen gelegt.
Später bin ich mit Emam, einem Englischlehrer unterwegs. „Die Putzfrauen sind genauso wichtig wie die Lehrer“ sagt er und grüßt die Frau, die uns entgegenkommt. „Sie ist genauso wichtig wie ich, denn wenn sie nicht da ist, dann ist alles ganz dreckig, dass soll ja nicht sein. Wenn sie nicht da ist, dann kann auch ich das Zimmer putzen. Es ist mein Klassenzimmer, mein Haus, also muss ich es sauber halten.“
Auch den Schülern soll dieses Verantwortungsgefühl nahegebracht werden. Denn in Ägypten hält zwar jeder seine Wohnung ordentlich und sauber, aber für die Straße vor dem Haus ist niemand verantwortlich. Auf Sekem soll nichts unnötig herumliegen, verschmutzen und unbrauchbar werden.
Jeden Donnerstag gibt eine Wochenabschlussfeier der Schule, bei welcher verschiedene Klassen etwas aus dem Unterricht vorführen. Anschließend treffen sich dann alle Menschen von Sekem, um die Woche gemeinsam zu beenden.
Mahmoud nimmt mich mit zur Heilpädagogischen Einrichtung. Hier werden Kinder und Erwachsene entsprechend ihrer Fähigkeiten in die Farmbetriebe integriert und individuell gefördert. „Abgesehen von Sekem haben Behinderte nicht viele Möglichkeiten in Ägypten“ erzählt Mahmoud. „Deswegen habe ich auch in meinem Dorf noch eine Behindertenwerkstatt gegründet.“ Auf Sekem leben derzeit 28 Behinderten ab sechs Jahren. „Wir bilden sie hier aus, damit sie dann wo anders arbeiten können.“ Auch hier spielen Theaterprojekte, Musik und Eurythmie eine wichtige Rolle.
Als wir ankommen ist eine Gruppe gerade damit beschäftigt, bunte Ketten für den Ramadan zu basteln, mit denen später die Häuser geschmückt werden. Eine andere Gruppe ist dabei, Holzautos zu schleifen. Achmed kehrt vor dem Haus, Mariam gießt die Blumen und Mustafa möchte mit seinem Holzauto unbedingt von mir fotografiert werden. Sofort ist man mitten drin in der Gemeinschaft. Ich helfe beim Basteln der Ketten, lasse Mariam freudestrahlend mit der Kamera Fotos schießen und gehe anschließend mit Mahmoud in die Küche, wo er mir zeigt, wie man die typisch ägyptische Tameya zubereitet.
Immer wieder komme ich auch später hier vorbei, denn es ist ein Ort, wo man stets willkommen ist.
Gesundheit für alle
Medical Center, kurz vor neun Uhr morgens. Als Johanna das Medical Center betritt, ist noch nicht viel los. Einige Krankenschwestern laufen herum und bereiten die tägliche Arbeit vor. Trotz des für ein Krankenhaus verhältnismäßig kleinen Gebäudes, scheinen alle Ärzte hier einen Platz zu finden – der Augenarzt, der Gynäkologe, der Hautarzt, die Physiotherapeutin, der Chirurg, der Zahnarzt usw.. Es gibt ein Labor, ein Röntgengerät, einen Operationsraum und vieles mehr. Im Gegensatz zu einem deutschen Krankenhaus scheinen all die Geräte etwas wahllos in den Räumen verteilt, doch für Ägypten ist es ein Ort höchster Qualität. Denn steril es ist vielleicht nicht, aber es ist sauber!
Neben den Mitarbeitern werden hier jährlich auch rund 40.000 Menschen aus der Umgebung versorgt. „Es gibt sogar Patienten, die kommen extra aus Kairo hierher, denn sie merken, dass hier anders behandelt wird“, meint Johanna. „Zum Beispiel die Physiotherapie ist hier in Ägypten eigentlich eher ein Muskeltraining. Die Leute werden an Geräte gesetzt, die ihnen helfen sollen. Am Anfang waren sie ganz misstrauisch und haben nicht verstanden, wie ich Physiotherapie ohne Geräte machen will. Inzwischen habe ich so viele Patienten, dass ich unbedingt noch einen zweiten Physiotherapeuten brauche.“ Sie lacht und schließt ihren Behandlungsraum auf.
Eine weitere Besonderheit ist, dass bevorzugt mit pflanzlichen Heilmitteln, auch aus eigener Produktion, gearbeitet wird. „Vor allem, wenn Mütter mit kranken Kindern kommen, ist das sehr schwer zu vermitteln. Sie wollen Antibiotika und starke Medikamente haben und nicht irgendwelche unbekannten homöopathischen Sachen.“ Johanna seufzt. „Sie haben selbst bei einem einfachen Fieber Angst um das Leben ihrer Kinder, da die Kindersterblichkeit hier immer noch sehr hoch ist.“
Da die homöopathische Medizin in Ägypten kaum verbreitet ist, scheitert das Verschreiben solcher Mittel auch oft schon an den Ärzten. Diese sind zum Großteil selber Schulmediziner und verschreiben lieber die ihnen bekannten Antibiotika und auch andere Medikamente in großen Mengen. Selbst das Anmelden von alternativen Heilmitteln ist in Ägypten unglaublich kompliziert, so dass viele der homöopathischen Medikamente nicht rechtlich nicht zugelassen sind.
Betritt man den Medical Center durch den Haupteingang, so befindet man sich in einem an den Rändern überdachten Innenhof, der gleichzeitig als Wartezimmer dient. Wild wachsen einige Blumen und Büsche in der Mitte vor sich hin. Noch sind nicht viele Menschen da. Da es keine Terminplanungen mit Voranmeldungen gibt, kommt jeder Patient einfach zu Zeiten, wo der benötigte Arzt da ist und wartet solange, bis er dran kommt.
Johanna hat drei Preise für ihre Patienten. Die ganz Armen behandelt sie für 10–20 ägyptische Pfund (etwa 1,50€ bis 3€), was für diese immer noch viel Geld ist. Dann gibt es die normal Verdienenden. Und dann die Reichen. Von denen gibt es nicht sehr viele, aber ihr Preis ist so angehoben, dass sie im Prinzip für die Ärmeren mit bezahlen. Sonst würde das nicht funktionieren.
Inzwischen sind auch einige Patienten versichert. Sie müssen kaum etwas für Medikamente und Behandlung zahlen, das Meiste zahlt die Versicherung, was aber auch nicht sehr viel ist. So gibt es auch drei Apotheken auf Sekem. Eine für die Versicherten, eine für die anderen Patienten und eine rein homöopathische Apotheke.
Johanna möchte gerne Kindergruppen gründen, wo sie mit kleinen Übungen das Körpergefühl und damit verbunden das Selbstbewusstsein und die Beweglichkeit trainiert. Denn durch die stetige Hitze bewegt sich keiner mehr als er muss. Natürlich spielen auch in diesem Land die Jungs Fußball, doch die Mädchen legen ihre langen Röcke und Kopftücher nicht einmal im Sportunterricht in der Schule, geschweige denn beim Schwimmen in Meer ab.
Ein Ritual für das Zeitgefühl
In Ägypten herrscht ein anderes Zeitgefühl. Was man heute nicht schafft, wird – „Inschah Allah“, wenn Allah will — morgen gemacht. Ansonsten noch später oder eben auch gar nicht.
Da eine Institution wie Sekem so nicht funktionieren kann, treffen sich die Mitglieder in allen Betrieben und auch den sozialen Einrichtungen Sekems jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit zum Morgenkreis.
9 Uhr. Alle Mitarbeiter des Medical Centers stehen in einem Kreis. Der Kreis ist bewusst gewählt, da alle auf einer Höhe stehen und keiner durch eine besondere Position zum „Oberhaupt“ wird. Ein Zeichen, dass alle Menschen gleich sind, egal, wer der Chef ist.
Johanna ruft einen Namen auf, die Antwort ist das heutige Datum. Der nächste von Johanna aufgerufene Name antwortet mit dem Datum des Islam, dessen Zeitrechnung etwa 600 Jahre nach dem des Christentums begann. Eine dritte Person sagt schließlich den Wochentag mit dem dazugehörigen Planeten. Anschließend sagt jeder den Namen seines Gegenübers im Kreis, welcher daraufhin erzählt, was er gestern gemacht hat und was er heute machen wird.
„So werden alle bewusst in die Zeit geholt“ erklärt Johanna später. „Am Anfang war es für viele sehr schwer sich an Termine und Zeiten zu halten, aber es klappt immer besser.“ In jedem Betrieb wird der Ablauf des Morgenkreises etwas anderes gehandhabt, doch abschließend sprechen sie alle zusammen „Das Schöne bewundern, das Wahre behüten“ von Rudolf Steiner auf Arabisch und reichen sich dabei die Hände. Gemeinsam heben alle beim letzten Wort die Arme, bevor sich jeder an seine Arbeit macht.
Eurythmie für Persönlichkeitsbildung und Teamwork
Hator, später Vormittag. Auf gebrochenem Englisch erklärt Wagi, einer der Eurythmiestudenten, wo wir hingehen und wer jetzt mit der Betriebseurythmie dran ist. Wir betreten das große Fabrikgebäude von Hator und gehen weiter in einen Raum, in dem mehrere Männer an Computern arbeiten. Wagi stellt mich kurz vor, bevor wir die Treppe hinunter in eine Lagerhalle gehen. An den Seiten stehen verschiedene große Geräte und eingepackte Waren. In der Mitte ist ein großer Gang frei und auch der Platz ganz in der Mitte zwischen vier Säulen ist unbenutzt. „Hier werden wir Eurythmie machen“ sagt Wagi und bittet mich, kurz zu warten. Einen Moment später kommt er mit einem Hocker wieder. Nach und nach kommen sieben der mir kurz vorher vorgestellten Männer. Jeder von ihnen begrüßt mich persönlich, bevor sie sich alle in der Mitte zu einem Kreis stellen. Man muss gut zuhören, um zu hören, was neben dem Rattern der Ventilatoren gesagt wird.
Als sie hereinkamen, wirkten die Männer alle sehr ähnlich, doch als sie beginnen, Eurythmie zu machen, ist plötzlich jeder von ihnen verschieden. Man sieht es, wer das Ganze sehr ernst nimmt, wer sich durch den Zuschauer ein bisschen unwohl fühlt, und wem es nicht so leicht fällt, die Bewegungen auszuführen. Sie machen eine Übung mit Holzkugeln. Als ein Mann zwischendurch für einen Augenblick geht, lässt mich Wagi dessen Platz im Kreis einnehmen, denn nur mit acht Menschen funktioniert die Übung.
Ich verstehe weder die Anweisungen, noch den Text, doch ich gehe einfach und mache mit.
Überall auf Sekem spielt die, Anfang des 20.Jahrhunderts durch Rudolf Steiner entwickelte, tanzähnliche Bewegungskunst eine große Rolle. Die auf Sekem ihre Eurythmieausbildung absolvierenden Studenten unterrichten regelmäßig in Schule, Berufsausbildung, Heilpädagogik und Kindergarten. In den Betrieben gibt es jährlich ein bis zwei Eurythmiekurse, so dass jeder damit in Berührung kommt. Für die Mitarbeiter ist es inzwischen ein selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit und auch „Neulinge“ lernen die Eurythmie schnell zu schätzen. Während die Eurythmie in der Pädagogik die verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes begleitet, fördert die Betriebseurythmie soziale Fähigkeiten, Persönlichkeitsbildung, Kommunikation, Kooperation und Teamwork.
Das Glück, in der Schule zu sein
Waldorfschule Sekem, Nachmittag.Die Tür zur Aula öffnet sich und Mohammed, einer der Eurythmiestudenten, kommt herein, gefolgt von einem bunten Haufen Kinder – den Kamillekindern.
Den Kindern, die, bedingt durch ihre soziale Situation, keine Schule besuchen können, gibt Sekem die Chance, Teil des „Kamillekinderprojektes“ zu werden. Je nach Jahreszeit verrichten die Kamillekinder jeweils etwa einen halben Tag leichte Arbeiten auf der Farm und werden die restliche Zeit unterrichtet. So bekommen sie trotzdem noch die Chance auf einen Schulabschluss und eine anschließende Berufsausbildung. Je nach anfallender Arbeit auf dem Feld haben sie auch drei bis vier Mal in der Woche Eurythmie. Da im Sommer nicht so viel Arbeit erledigt werden muss, haben sie in dieser Zeit sogar vier bis sechs Wochen lang täglich Eurythmie.
Nach einer kurzen Ansprache verteilt Mohammed Kostüme, denn heute ist die Generalprobe für das Eurythmiestück „die Heinzelmännchen von Sekem“.
Voller Freude machen die Kinder Eurythmie und lassen sich auch nicht die Laune verderben, als Mohammed eine Stelle noch einmal mit ihnen üben muss, damit sie die Bewegungen zumindest Großteils gleich ausführen.
Waldorfschule Sekem, gegen 9 Uhr morgens. Schon von weitem hört man die wild durcheinander gespielten Töne unterschiedlicher Instrumente. Trotz der Ferien sind etwa 20 Kinder und Jugendliche zurück in die Schule gekommen. Da die Ferien nach ein paar Wochen oft langweilig für sie werden, kommen sie und proben im Sommerorchester. Gespielt wird Geige, Cello, Flöte und Trommel. Auch ehemalige Schüler und Mitarbeiter von Sekem unterstützen das Projekt, wodurch sogar ein Kontrabass im Orchester vorhanden ist. Die Stimmung ist heiter. Jeder probt seine Stimme, während Ingrid, die Leiterin des Orchesters, herumgeht und die Instrumente stimmt. Wie jeden Morgen vor einer Probe sitzen Mahmoud und die Schülerin Isis sich gegenüber und unterhalten sich. Abdallah geht als erstes zum Klavier und klimpert mit zwei anderen Jungen wild mit den Tasten.
Es ist ein sehr bunter Haufen. Selbst bei laut mit geklopftem Takt spielt jeder sein eigenes Tempo und erst nach einer Weile schafft Ingrid es, die Stimmen halbwegs zusammenzubasteln. „Wahid, Talata, Wahid, Talata“ zählt sie laut den Fingersatz für die dritte Stimme der Geigen mit. Enthusiastisch spielen die Kinder drauf los, erneut nicht auf die anderen Stimmen achtend. Doch Probe für Probe klingt alles mehr zusammen und am Schluss wird alles aufgeführt oder sogar eine Musikkarawane durch die Betriebe gemacht, um allen ein kleines Konzert zu geben.
Sekem und die Revolution – das Resultat einer Gemeinschaft
Sekem Farm, Naturetex. An einem Tisch sitzen vier Männer. Begeistert winken sie mich heran und fangen an, mich mit Fragen zu bombardieren „Wer bist du“ – „Wo kommst du her?“… Frau Marienfeld ruft mich bald weiter. „Das sind Lehrer der Sekem Schule. Eigentlich haben sie Ferien, aber durch die Revolution können sie keinen bezahlten Urlaub mehr nehmen. Sie können sich entscheiden, ob sie in der Zeit hier in den Betrieben arbeiten, oder unbezahlt Ferien machen. Die meisten können sich das aber nicht leisten.“
Auch Sekem hat die Revolution zu spüren bekommen. 40 Prozent des Inlandverkaufes sind zurückgegangen, wodurch auch der Umsatz abnahm. Gespart wird dadurch vor allem auf den beiden großen Außenfarmen auf dem Sinai, indem man verstärkt Pflanzen anbaut, die mit wenig Bewässerung auskommen, wie beispielsweise die Kaktusfeige.
Ein Schock für Sekem war vor allem aber die Inhaftierung von Helmy Abouleish, dem Sohn von Ibrahim Abouleish. Helmy Abouleish war bis Ende 2006 für ein Jahr Geschäftsführer eines internationalen Kooperationsprojektes (Industrial Modernization Centre, IMC). Das IMC sollte der ägyptischen Privatwirtschaft dabei helfen, nachhaltiger und wettbewerbsfähiger zu werden. Helmy Abouleish wurde nun – fälschlicherweise — vorgeworfen, er habe Sekem-Firmen während diese Zeit Fördergelder zukommen lassen. 100 Tage musste er dadurch im Gefängnis verbringen. In demselben Gefängnis, in dem die Söhne Mubaraks und andere angeklagte Regierungsbeamte untergebracht waren. Doch Angst hatte er niemals. „Diese Ruhe und Überzeugung, dass, was immer Allah für mich vorgesehen hat, mir vor allem eine Entwicklungschance bieten würde, hat mir sehr viel Kraft gegeben.“ Am 6. Juli 2011 wurde Helmy Abouleish entlassen – verurteilt zu einem Jahr auf Bewährung und einer Strafzahlung. Voll Freude und Erleichterung wurde er auf Sekem empfangen.
Ibrahim Abouleish erzählte oft von einem Freund. Dieser hatte auch eine Firma aufgebaut und versucht, seine Mitarbeiter fair zu behandeln. Dr. Abouleish war immer etwas neidisch, denn diese Firma schien stets ein wenig erfolgreicher zu sein als das, was er auf die Beine stellte. Doch dann kam die Revolution. Und mit einem Mal wendeten sich die Mitarbeiter seines Freundes gegen ihn und zerstörten den ganzen Betrieb.
Auch Sekem hätte so ein Schicksal drohen können. Doch die Mitarbeiter, welche teilweise ihr eigenes Zuhause schützen mussten, meldeten sich freiwillig, um auch Sekem zu bewachen und vor einer Zerstörung zu bewahren. Dies zeigt, neben vielen anderen Dingen, dass es in Sekem eine Gemeinschaft gibt, die von vielen gehalten wird und nicht so einfach zerstört werden kann. Eine Gemeinschaft, die auch durch das Geistige zusammengehalten wird.
Auf Sekem gehört alles zusammen. In der Landwirtschaft werden Kräuter angebaut, in der Pharmazie wird damit geforscht und in den Betrieben werden sie zu Verkaufsprodukten verarbeitet. Durch die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist Sekem mit der Natur im Einklang, durch die spezielle und faire Behandlung der Mitarbeiter auch mit der Gesellschaft. Und alle Menschen auf Sekem sind auf eine besondere Art und Weise verbunden – durch den Morgenkreis, die Eurythmie und vieles mehr.
Sekem ist ein ganz besonderer Ort.
Margarethe Schneider (*1993) besucht derzeit die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Dresden. In einer Jahresarbeit beschäftigte sie sich mit der Entwicklung und dem Einfluss von Massenmedien heute und abschließend damit, wie man Medien anders gestalten könnte. Umzusetzen versuchte sie dies in einer eigens erstellten Zeitschrift.












Margarethe Schneider (*1993) besucht derzeit die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Dresden. In einer Jahresarbeit beschäftigte sie sich mit der Entwicklung und dem Einfluss von Massenmedien heute und abschließend damit, wie man Medien anders gestalten könnte. Umzusetzen versuchte sie dies in einer eigens erstellten Zeitschrift.













