Entwicklungsstufen des Willen
a_Neuigkeiten, Ethik, Kolumnen, Mind, Perspektiven, Schattenarbeit, Tom Amarque Dienstag, August 23rd, 2011In dem Buch Der Wille1 beschäftigte ich mich mit Frage, wie das non-duale Handeln realisiert werden kann, und habe dort in Übereinstimmung mit gängigen Entwicklungsmodellen drei Entwicklungsstufen vorgeschlagen. Anstatt mich in dem Buch auf östliche oder westliche Ideologien zu beziehen, nutzte ich vor allem Konzepte aus der Systemtheorie, um diese Entwicklung zu beschreiben. Hier möchte ich nun eine umfassendere Perspektive zum Willen vorschlagen, die zeigt, wie sich auch Handlungen vom einfachen zum komplexen hin entwickeln können, und welche Rolle dabei die Daimonotechnik spielt.
Mit jeder Stufe der Entwicklung von Selbst und Psyche des Individuums entwickelt sich auch der Wille des Individuums, und das heißt natürlich, dass sich seine Werte, seine Perspektiven, seine Ziele und auch, worauf sich der Wille bezieht, verändern, sei es zunächst Natur oder Biosphäre, sei es Kultur oder Soziosphäre oder Psyche oder Noosphäre (psychische Geistsphäre). In unserer kollektiven wie individuellen Entwicklung erobern wir schrittweise diese drei Bereiche der Existenz und entwickeln uns hier vom Einfachen zum Komplexen.
Insofern ist es keine große Überraschung, dass man wie bei der kognitiven Entwicklung des Selbst2 leicht mehrere Stufen der Willensentwicklung nachvollziehen kann, wobei man diese grob in prä-konventionelle, konventionelle und post-konventionelle Stufen unterteilen kann.3 Ganz vereinfachend gesagt stellen die konventionellen Entwicklungsstufen jene Stufen dar, die heute unter den erwachsenen Individuen vorherrschend sind; also jene Stufen, die auch etwas mit werte– und normengeleitetem Verhalten zu tun haben wie auch mit Vernunft und Individualismus etc. Die prä-konventionellen Stufen repräsentieren die vor-modernen und archaisch-mythischen Weltsichten, wie sie von früheren Kulturen oder auch von Kindern eingenommen werden.
Und die post‐konventionellen Stufen sind jene, die im weitesten Sinne in der Zukunft von Individuum und Kultur liegen, bzw. auch heute schon zunehmend auftreten. Dementsprechend können wir prä-konventionelle, konventionelle und postkonventionelle Formen des Willens beobachten. Wir können beispielsweise leicht sehen, dass der prä-konventionelle Wille, den ein archaischer Jäger formt(e), um das Wild zu erlegen, von ganz anderer Natur ist als der, durch und mit dem wir langfristige Ziele und Karriere erreichen können. Während ich nun in Der Wille vor allem die post-konventionellen Stufen untersuchte, möchte ich hier kurz eine umfassendere Darstellung der Willensentwicklung präsentieren. So eine konkretere Darstellung kann uns einen detaillierteren Kontext und Hintergrund für die Daimonotechnik sowie die Funktion des Willens selbst bieten.
Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es nicht ‚den Willen‘ gibt. ‚Wille‘ ist, wie ‚Bewusstsein‘ oder ‚Psyche‘, eine strukturelle Beschreibung für einen Prozess, und der Prozess ändert sich auf jeder Entwicklungsstufe, sei sie prä‐konventionell, konventionell oder post‐konventionell. So gibt es nicht ‚einen‘ Willen, der sich auf unterschiedliche Dinge bezieht, sondern so viele Willen, wie wir Entwicklungsstufen beobachten können. Wie die unterschiedlichen Weltsichten verändert sich auch der Wille auf jeder Entwicklungsstufe.
Wenn wir den Prozess des Willens beobachten, kann man sich leicht auf den Konsens einigen, dass Wollen stets Ausdruck des Lebendigen ist. Wir projizieren stets auf irgendeine Weise unsere Vorstellungen in die Zukunft und handeln dementsprechend, um letztendlich weiterzuleben, um so die günstigsten Bedingungen zu schaffen, um weiterzuwollen. Im biologischen Kontext nennt man das Streben nach Fitness oder eben Autopoiese. Oder, wie es Karl Jaspers sagte: „Wille ist nicht nur nach vorwärtsdrängende Aktivität, sondern seine Freiheit liegt darin, dass er sich selbst will.“4 Wille selbst ist immer an Leben und Überleben, ist damit immer an Weiterwollen gekoppelt.
Ich werde zeigen, dass Wille an sich keine andere Funktion hat, als das Weiterleben – und damit auch weiter zu wollen zu sichern. Die Frage, wie das umgesetzt wird, wird freilich auf jeder Ent‐ wicklungsstufe unterschiedlich beantwortet. Leben, nicht als Status quo, sondern als Prozess, kann in diesem Sinne und für uns Menschen nur schlecht von dem Willen getrennt werden. Wir können, wie wir weiter oben sahen, nicht nicht handeln, und genauso wenig können wir nicht nicht wollen. Leben und Han‐ deln, und Leben und Wollen sind damit unweigerlich mitein‐ ander verknüpft. Hinzu kommt, dass Leben wie Wollen nur unter Rückbezug auf die Autopoiese der Psyche vonstattengehen kann. Jeder Wille, auf welcher Entwicklungsstufe auch immer, muss auch immer im Kontext des Lebens und Überlebens betrachtet werden. Genau genommen orientiert er sich, wie ich zeigen werde, an der Differenz von Leben und Tod (Aufhören des Wollens). Jeder Wille besteht immer in dem Versuch, zunächst kurz‐ fristig und mit jeder Entwicklungsstufe immer langfristiger, das Überleben zu sichern – genau dass macht seine autopoietische Funktion für Psyche und Leben aus.
1. Bio‐Überlebenswille
Jedes Entwicklungsmodell beginnt mit einer Inbezugnahme auf den Körper und den grundsätzlichen Überlebensbedürfnissen des Körpers, das heißt den Überlebensbedürfnissen Nahrung, Wasser, Schlaf, Wärme, Luft, und wie Eric Berne pointiert betonte, mit Streicheleinheiten, damit das Rückenmark nicht verkümmert. Es ist natürlich schwierig auf dieser Stufe, wie sie etwa bei Säug‐ lingen auftritt, von einem Überlebenswillen zu sprechen – weil es eher so etwas wie ein unbewusster Drang ist; doch wie alles andere auch fängt der Wille irgendwo an, sich zu entwickeln. Er tut dies aus einfachsten Bioüberlebensbedürfnissen und dem Drang nach rezeptiver Befriedigung. Es ist hier ein sehr instink‐ tiver Wille, oder besser: kaum von Instinkt zu unterscheiden, ein körperbezogener Wille, aber dennoch einer, der die Grundlage aller weiteren Willensformen bildet, die im Laufe der Evolution des Geistes und der Kultur auftauchen.
Wir finden den Bio‐Überlebenswillen besonders prägnant beobachtbar bei Säuglingen auf der senso‐motorischen Entwicklungsstufe wie auch bei älteren Menschen, um deren biologische Bedürfnisse man sich kümmern muss. Aber auch in unserem Alltag macht er sich immer bemerkbar, wenn wir hungrig oder müde sind. Wie stark dieser ‚Wille‘ ist, zeigt sich allein darin, wenn man mal versucht, über längere Zeit zu fasten oder nicht zu schlafen. Dieser Bio‐Überlebenswille zeigt sich aber auch, wenn der Sexualität als unmittelbare Triebabfuhr stattgegeben wird, und zwar als biologisches Programm zur Arterhaltung. Die wesentliche Information und das Ziel des Willens ist Leben; der Zeithorizont und die Komplexität des Willens mag sich über die folgenden Stufen ändern, nicht jedoch die Intention des Willens selbst, also zu überleben.
In der Psychologie markiert dieser Bio‐Überlebenswille die erste der prä‐konventionellen Entwicklungsstufen; dieser ‚Wille‘ ist der erste der Naturstufen des Willens – im Gegensatz zu den Kultur‐ und Selbststufen des Willens. Doch sie bleibt immer Teil unserer Existenz: So weit, wie wir uns auch entwickeln, solange wir als biologische Organismen leben, so lange formen wir auch den Bio‐Überlebenswillen. Er ist in alles eingebettet, was wir tun. Jede Stufe bleibt bei der Emergenz der darauf folgenden Stufe ebenfalls erhalten und aktiv. Was wir auch tun, so sehr wir uns auch entwickeln, so bleiben die vorherigen Errungenschaften der Psyche stets erhalten.
Zusammengefasst finden wir die Eigenschaften des Bio‐Überlebenswillens in Tab.1. Der Punkt ‚zu befriedigende Bedürfnisse‘ bezieht sich auf Maslow und seine Bedürfnispyramide. Ich habe zudem auch noch andere Entwicklungsmodelle zu der Beschreibung dieser Stufe assoziiert, nämlich das sozio-kulturelle Entwicklungsmodell Spiral Dynamicsvon Don Beck, die Selbstentwicklungstheorie von Susanne Cook‐Greuter, ein Entwicklungsmodell des Nervensystem von Timothy Leary sowie die Kabbala. Die ‚Funktion‘ (in der Tabelle) bezieht sich auf den Nutzen des Willens für den ganzen Menschen, während die ‚Leistung‘ der unmittelbare Ausdruck dieses Willens ist.
2. Sicherheitswille
Der Sicherheitswille ist der zweite prä‐konventionelle Wille. Er stellt den ersten Versuch dar, Überleben in dem als Umwelt begriffen Raum zu sichern. Wie erwähnt haben Säuglinge auf der vorhergehenden senso‐motorischen Stufe diese Unterscheidung zwischen Innen und Außen noch nicht gefällt; Kleinkinder auf dieser selbst‐schützenden Stufe (siehe Tabelle unten) versuchen nun jedoch, den Willen auf die als Außenwelt begriffene Erfahrung auszuweiten. Hier wird also aus dem passiven und rezep‐ tiven Überlebensdrang der ersten Stufe das aktive Streben nach Überleben. Hier beginnen wir unser körperliches Überleben selbst zu sichern. Wir beginnen zu arbeiten und hier entwickelt sich Aggression, wenn Aggression (lat. aggressiō)‚ sich nähern‘ oder ‚heranschreiten‘ bedeutet.
Auch der Sicherheitswille tritt wie der Bio‐Überlebenswille bei anderen Säugetieren auf. Man beobachte nur einmal zwei miteinander spielende Hunde, deren Interaktion, das Spiel, plötzlich in Kampf und Statusverhalten umschwenken kann. Auf dieser Stufe tritt der starke, physische Wille als solcher auf, unterscheidbar vom bloßen survival‐craving, erstmals sich selbstbewusst, aktiv und mächtig: Hier wird für das eigene Überleben gekämpft. Hier wird gespielt, auch, um das Kämpfen zu üben. Status und Statusauseinandersetzungen sind das unmittelbare Resultat zweier solcher Willen, die aufeinandertreffen, ob dies nun vor etlichen tausend Jahren in den Stammeskulturen oder heute in den Universitäten stattfindet. In diesem Sinne ist das Ziel dieses Willens immer die Selbstbehauptung in einer häufig als feindlich begriffenen Umwelt.
Das Leitthema des Willens auf dieser Stufe ist Sicherheit und damit der Versuch das Überleben vor einem längeren Zeithorizont in einem größeren Raum zu sichern. Sicherheit kann durch vielerlei Mittel erlangt werden, etwa durch Arbeit oder eben durch physischen Kampf. Wichtig ist, das hier – im Vergleich zu der eher empfänglichen Bioüberlebensstufe – im wahrsten Sinne des Wortes physische Bewegung ins Spiel kommt, der Ausdruck und die Freisetzung von Energie, von Emotion, von Aggression, in Form von Arbeit, Kampf und Spieltrieb. Andererseits hängt dieser Wille auch mit innerer Sicherheit zusammen und zeigt sich z.B. im impulsiven, emotionalen Selbstausdruck, beobachtbar etwa bei der narzisstischen Selbstdarstellung von Kindern vor einem Spiegel oder der von Rockstars auf der Bühne. Das Credo lautet natürlich: „Dies bin ich, dies ist mein Wille, dies ist meine Emotion“; „Ich will“, heißt die Devise, „und zwar ohne Rücksicht auf Verluste oder andere.“ Das Individuum findet Sicherheit im machtvollen Selbstausdruck, in der Bewegung des Selbstausdrucks.
Insofern bezieht sich dieser Wille auf Menschen, die die Welt einzig aus Perspektive ihrer eigenen Wünsche, Ziele und Bedürfnisse beschreiben, und die ihre Egozentrik in jedem Fall durch‐ setzen, ihr Überleben in jedem Fall gewährleisten wollen. Wie die Entwicklungspsychologin Susanne Cook‐Greuter diese Stufe, die selbst‐schützende Stufe, beschreibt:
Diese Stufe ist den meisten von uns durch das Beobachten oder den Umgang mit Kleinkindern vertraut. Eine Zeit lang wird für Zweijährige alles zu einem Willenstest. Kann der eigene Wille nicht durchgesetzt werden, ist das Ergebnis ein Wutanfall (auch als eine Reaktion auf widerstrebende Bedürfnisse und Wünsche). Diese Verhaltensweisen sind auch bei Erwachsenen der Stufe ʺSelbst‐schützendʺ üblich. Sie stehen generell fremden Absichten argwöhnisch gegenüber und vermuten das Schlimmste. Für diese Menschen ist alles ein Willenskrieg und das Leben ein Nullsummenspiel.5
Bei uns Erwachsenen wird der Alltag von diesem Sicherheitswillen auch dann gespeist, wenn wir beginnen, den Zeithorizont der unmittelbaren Befriedigung von Bio‐Überlebensbedürfnissen auszudehnen. Er hilft uns zu arbeiten, um mit dem Gehalt 30 Tage später unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wir bauen Häuser, um uns vor Dunkelheit, Kälte und Nässe zu schützen; wir unterhalten Viehherden und betreiben Landwirtschaft, um uns für die Zukunft abzusichern. Es ist in diesem Zusammenhang relativ irrelevant, ob man Landwirt ist oder Wall‐Street‐Broker, sofern man seiner Arbeit nachgeht, um im nächsten Monat seine Miete, seine Nahrung, seinen Unterhalt zu finanzieren. Wir bemerken diesen Willen in uns immer dann, wenn uns klar wird, dass wir etwas tun müssen, um körperlich zu überleben. In diesem Sinne ist auch dieser Wille ein natur‐ und körperbezogener Wille.
Insofern ist auch dieser Wille noch ein egozentrierter Wille; aus dem passiven Überlebenswillen wird der aktive Kampf.
3. Konformistischer Wille
Dies waren gewissermaßen die beiden Naturstufen des Willens, die sich auf den Körper und seine Beziehung zur Umwelt beziehen. Nun machen wir einen Sprung zu den Kulturstufen des Willens – man könnte sie auch die konventionellen Stufen des Willens nennen, im Gegensatz zu den prä‐konventionellen Stufen, die wir schon besprochen haben.
Dies ist die erste der konventionellen Stufen des Willens, die über den narzisstischen Vollzug und Ausdruck hinausgeht. Der Wille findet hier erstmals die Wir‐ und Sozial‐Dimension menschlichen Verhaltens und reicht über den eigenen Körper hinaus. Hier wird der Wille des Individuums erstmals mit dem Willen des Kollektivs assoziiert: Das ist richtig, was das Kollektiv konsensuell als richtig beschließt/begreift; das kann gewollt werden, was das Kollektiv als wollenswert definiert. Das Credo lautet in etwa: „Wenn alle X wollen, so will ich es auch!“.
Ein ganz einfaches Beispiel für diesen konformistischen Willen finden wir in den sozialen Räumen, in denen wir uns alltäglich bewegen. In Bibliotheken, Arbeitsämtern, Parks, Kinos, Restaurants usw. gibt es jeweils ganz bestimmte, meist implizite Verhaltensregeln, die eingehalten werden müssen, und die das Individuum meist auch gerne einhält, um an diesen Räumen partizipieren zu können. Wenn wir uns in diesen Räumen bewegen, akzeptieren wir auch meist die Regeln dieser Räume, und wir ‚dürfen‘ dann jene verurteilen, die es nicht tun. Man darf sich eben nicht an der Kasse vordrängeln, im Kino ist das Handy auszumachen und in der Bibliothek hat man zu schweigen. Allgemein aber gilt: Unsere Bewegung in den sozialen Räumen ist mehr oder minder freiwillig; wir passen unser Verhalten den vorherrschenden Regeln an und sichern so das soziale Auskommen.
Der Sicherheitsaspekt der vorherigen Stufe wird hier also auf die Sozio‐Sphären ausgedehnt, Regeln erleichtern das Zusammenleben. Der konformistische Wille zeigt sich genau darin, dass sich das Individuum an diese Regeln anpassen will. Verbrechen und Strafe sind die beiden Phänomene, die hier im Kontext des konformistischen Willens Sinn ergeben.
Auf kultureller Ebene entsteht hier aus dem narzisstischen, prä‐konventionellen Bedürfnis nach Rache, welche ein Ausdruck des Sicherheitswillens ist, das kollektive Recht6, und dieser Wille sowie die damit einhergehende Entwicklungsstufe hat auch heute noch eine große Verteilung. Das Kollektiv kann die eigene Familie, die Clique, die Arbeitsgemeinschaft, die Dorfgemeinschaft oder der Staat sein7 – im letzten Fall überdeutlich zu beobachten im scheinbar unerklärlichen blinden Rudelverhalten Nazi‐Deutschlands. Selbst‐Identität wird über die Gruppe geschmiedet; immer dann, wenn wir auf die Straße gehen und demonstrieren, weil es alle unsere Arbeitskollegen tun, immer dann, wenn wir uns zu Konferenzen treffen, weil es sozialer Konsens und soziale Notwenigkeit ist, immer dann, wenn wir Fußball schauen, um am Montag mitreden zu können, immer dann wirkt genau diese Bewusstseins‐ und Willensstruktur. Das heißt, viel mehr als bei dem Sicherheitswillen dreht es sich hier um das soziale Überleben des Menschen.
Wir nutzen beispielsweise auch diesen Willen, wenn wir nicht selbstständig arbeiten, sondern wenn wir, vorgegeben durch einen sozialen Konsens – z.B. die ‚40‐Stunden Woche‘ – die Eigenverantwortung für unsere Zeitstrukturierung abgeben, und tagein, tagaus unserem Job nachgehen. Wenn wir also arbeiten, um Geld zu verdienen, aber auch, um unsere Zeit zu strukturieren – eine höchst wichtige Frage, wie jeder weiß, der einmal ausprobiert hat, über eine Woche tatsächlich nichts zu tun. Wie wir sehen werden, ist die Errungenschaft, seine Arbeit mit Pas‐ sion, Talent und Selbstverwirklichung zu verbinden, erst etwas, was mit der Postmoderne auftaucht und damit erst in den letzten einhundert Jahren langsam an Bedeutung gewinnt. Der konfor‐ mistische Wille hingegen tut etwas, weil es sich so gehört, und weil es die soziale Realität darstellt.
Allgemein entsteht dieser konformistische Wille immer genau dann, wenn gemeinsam (Verhaltens‐)Normen kondensiert werden, die eingehalten werden müssen: onto‐memetisch, wenn das Kind schon tradierte Regeln übertritt, um sie zu internalisieren, und phylo‐memetisch, wenn kulturell neue Normen und Regeln entwickelt werden, seien sie nun absolutistisch, mystisch, religiös oder lebensweltlich, um das Zusammenleben zu sichern. Die enge Anbindung des Individuums an das Kollektiv wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass das Individuum im Kontext dieser Normen nach Anerkennung von anderen strebt, wenn es sich richtig verhält, wie implizit auch Zurechtweisung, wenn das Verhalten nicht passt8; andererseits will das Individuum auch andere bestärken und belohnen, wenn es das rechte Ver‐ halten zeigt, wie auch, andere dafür abstrafen, wenn dies nicht der Fall ist. Nochmals Cook‐Greuter, die diese generelle Entwick‐ lungsstufe ‚Diplomat‘ nennt:
Wegen der Notwendigkeit akzeptiert zu werden ist die Sprache unpersönlich, oft übertrieben positiv und voller Plattitüden. ‚Diplomaten‘ sind im Wesentlichen Diplomaten. Sie wollen kein Anlass für Unruhe sein, möchten nicht ausgeschlossen werden und starten keine Initiativen, die nicht von der Gruppe sanktioniert sind. Es ist dem Diplomaten wichtig, mit den Nachbarn mitzuhalten und als Zeichen des eigenen Erfolgs materielles Vermögen und Statussymbole zu erwerben.
Um gemocht zu werden, braucht man eine gefällige soziale Persönlichkeit. Es ist wichtig freundlich, angenehm und gut aussehend zu sein. Menschen werden danach beurteilt, wie sie aussehen. Große Aufmerksamkeit wird auf Ordentlichkeit, äußere Erscheinung und Reinlichkeit gelegt.9
Vermögen und Statussymbole sind auf dieser Stufe insofern wichtig, weil sie ein Symbol oder Beweis für das rechte Verhalten und damit auch für das Nachleben sind; häufig wurden in Früh‐ kulturen, als sich diese Entwicklungsstufe langsam sozio‐kulturell durchzusetzen begann, ja Schmuck und Wertgegenstände dem Grabe beigelegt, nicht nur um den Status des Verstorbenen zu verkünden, sondern um ihn mit Mitteln im Nachleben zu versorgen. Es ist dabei wichtig zu berücksichtigen, dass viele Men‐ schen heute auf dieser Stufe nicht zwangsläufig gottesfürchtig oder religiös sind. Als diese Entwicklungsstufe vor etwa 3000 Jahren jedoch soziokulturell aufgetaucht ist und sich immer mehr durchsetzte, war sie an religiöse oder mythische Bilder gekoppelt, und diese Bilder oder Meme10 sind heute immer noch aktiv und eingebettet in das moderne Leben.
Insofern müssen wir auch hier die Tatsache berücksichtigen, dass auf dieser Stufe des Willens das grundlegende Ziel, nämlich das Überleben, besonders codiert und eingebettet wird. Das geschieht auf zweierlei Weisen. Einerseits wird auf dieser Stufe versucht, via normen‐ und werteorientiertem Verhalten das langfristige, generationsbedingte Überleben in einem Kollektiv zu gewährleisten. Das individualisierte Sicherheitsdenken der vorherigen Stufe wird z.B. hier auf die Familie und die nachkommenden Generationen ausgedehnt. Reichtum und damit Sicherheit entsteht, wenn Geld vererbt und weiter angehäuft wird. Es entsteht dementsprechend mit dem Auftauchen der entsprechenden sozio‐kulturellen Entwicklungsstufe (s.u.) realer und wirtschaftlicher Adel. Hier wird also der Überlebens‐ und Sicherheitshorizont generationsbedingt weiter ausgedehnt und nach hinten verschoben.
Viel bedeutender aber ist das Unternehmen, dass das Kollektiv Verhaltensnormen codiert und auf längere Sicht die institutionelle Religion erschafft, durch die versucht wird, durch normenbe dingte Verhaltenskontrolle und die richtige Lebensführung das Leben nach dem Tod zu sichern. Daher geht mit allen Religionen, die historisch/sozio‐kulturell aus dieser generellen Entwicklungs‐ stufe hervortreten64 auch eine irgendwie geartete Vorstellung von einem Nachleben mit einher, sei es in Form eines Paradieses, dem Nirwana, der Inkarnation etc. Die grundlegende Idee des Willens auf dieser Stufe ist es also, jetzt durch rechtes Verhalten das eigene Überleben oder das der Sippe nach dem eigenen Tod zu gewährleisten.
4. Der Leistungs‐Wille
Kommen wir nun zur zweiten Kulturstufe des Willens, dem Leistungswillen. Der Leistungswille entsteht, wenn das Kollektiv den Wert entwickelt und pädagogisch umsetzt, den Willen selbst der Erziehung zu unterwerfen und das Individuum diesen Wert übernimmt. ‚Selbst‐Disziplin‘ ist hier das ins Bewusstsein tretende Stichwort. Hier entsteht der individualisierte Wille zur Leistung, zur Karriere, zum Erreichen langfristiger Ziele, sei es wissenschaftlich, wirtschaftlich, politisch, athletisch o.ä., d.h. zu der langfristigen Weiterentwicklung der Kultur.11 Dieser Leistungswille ist auch noch ein konventioneller Wille, denn das Individuum übernimmt das Leistungsdenken‐ und Streben, die damit verbundenen sozialen Rollen und Werte aus dem Kollektiv. Der konformistisch ausgerichtete Wille der vorherigen Stufe wird hier zum Ausdrucksmittel der Individualität; das Individuum beginnt hier, vor dem Hintergrund sozial‐konditionierter Werte, selbst‐ verantwortlich seine Ziele zu erreichen, und und sei es, dass diese Ziele in der selbstverantwortlichen Gestaltung des eigenen Lebens bestehen. Mit anderen Worten: Identifiziert das konformistische Individuum seinen Willen mit dem kollektiven Willen – á la: Wenn es richtig ist, am Sonntag zur Kirche zu gehen, will auch ich dies tun – so übernimmt das Leistungsindividuum nun den Wert, sein Leben durch seinen Willen selbst zu gestalten.
Die Zeitdimension des Leistungswillens wird – im Verhältnis zum konformistischen Willen – vergrößert. 30 oder 40 Jahre für ein Ziel zu arbeiten ist dabei keine Seltenheit und genau diese Ausdauer ist ein bemerkenswertes Kennzeichen dieses Willens.
Die Bedingungen für den Leistungswillen werden erschaffen, wenn der fremdreferenzielle Glaube an ein Nachleben und das Anpassen an eine entweder soziale oder religiöse höhere Ord‐ nung zugunsten eher ich‐bezogener und rationaler Konzepte abgelegt werden. Die Wahrheit kann dann durch wissenschaftliche Methoden gefunden werden.12 Das geschah z.B. sozio‐kulturell, als die Moderne und die Aufklärung als solche eingeläutet wurden, als auch psychologisch, wenn das Individuum die formal‐operationale Entwicklungsstufe betritt, die, nach Susanne Cook‐Greuter die ‚Zielstufe unserer westlichen Kultur‘ ist. Glauben wird auf dieser Stufe durch Wissen, Logik, Rationalität und Technik ersetzt. Hier begreift sich das Individuum nicht mehr als Teil von Gottes Schöpfung, sondern als ein separates Rädchen im kosmischen Getriebe, das lernen kann, sich die Regeln der Welt zunutze zu machen.13
Besondere Bedeutung kommt hier der institutionalisierten Wissenschaft zu, die mit der Aufklärung einen besonderen Stellenwert bekam. Denn genau genommen arbeitet die Wissenschaft an nichts anderem als der Verbesserung der Lebensbedingungen und damit der Lebensverlängerung. Jede Wissenschaft ist in diesem Sinne eine Wissenschaft des Überlebens. Man kann heute z.B. klar sehen, dass das Durchschnittslebensalter seit der Aufklärung und Institutionalisierung der Wissenschaften dramatisch angestiegen ist, denn Wissenschaft ermöglicht z.B. bessere Ernährung, bessere Medizin und Vorsorge. Während vor noch 400 Jahren, also kurz vor dem Auftauchen der Institutionalisierung der Wissenschaft, das durchschnittliche Sterbealter bei etwa 30 Jahren lag, liegt es heute bei etwa 75 Jahren. Die Errungenschaften aus Medizin, Physik, Biologie, Chemie usw. finden so ihre direkten Anwen‐ dungen in den Verbesserungen der lokalen und globalen Lebens‐ bedingungen. Hieran können wir erkennen, dass auch auf dieser Stufe das Ziel des Willens, nämlich zu überleben, eingebaut ist. Nur durch die wissenschaftliche Leistung der Einzelnen, die die Forschung vorantreiben, werden wir die Lebenserwartung stetig weiter anheben und vielleicht sogar irgendwann den biologischen Code des Alterns knacken.
Es entsteht darüber hinaus mit der entsprechenden sozio‐kulturellen Entwicklungsstufe auch ein neuer Techno‐, Wissens‐ und vor allem Körper/Sportkult, wie er sich in den Anstrengungen des Pädagogen Coubertins, die Olympischen Spiele wieder zum Leben zu erwecken, sowie der Gottgestalt des modernen Athleten, der für einen Moment, nämlich den des Sieges, nichts anderes erlangt als Unsterblichkeit selbst, ausdrückt.14 Hier finden wir den binären Code von Gewinner und Verlierer, sowie von Erfolg und Misserfolg, der hier mehr als auf jeder anderen Stufe zur Geltung kommt. Man will schließlich besser sein als seine Konkurrenten, um seine Lebensbedingungen zu verbessern. Durch diese soziale Konditionierung in Bezug auf die Gewinner/ Verlierer‐Differenz stellt Gesellschaft sicher, dass sie als starke Nation überleben kann, spielerisch, indem beispielsweise möglichst viele Medaillen bei den Olympischen Spielen oder ähnlichen Events gewonnen werden können, oder wirtschaftspolitisch, in dem eine Nation über viel Kauf‐ und Produktionskraft verfügt.
5. Der kreative Wille
Wir haben bislang die Natur‐ und Kulturstufen des Willens besprochen. An dieser Stelle findet nun ein Übergang zu den Selbststufen des Willens statt, also einem Willen, der sich nicht mehr auf das Überleben des Individuums in einer physischen oder sozialen Umwelt bezieht, sondern auf das Bewusstsein selbst, dass diese Umwelten beobachtet.
Zunächst tritt hier der kreative Wille auf, also jener Wille, der mit dem Auftauchen der Postmoderne so gut beobachtbar ist: Der Wille zum kreativen und authentischen Selbstausdruck, sei es bei wirtschaftlichen, künstlerischen, spirituellen, ökologischen oder ähnlichen Projekten und Ambitionen. Ganz einfach gesagt überwindet der kreative Wille konventionelle Wertvorstellungen; es ist der erste post‐konventionelle Wille und der Versuch des Menschen, unabhängig von gesellschaftlichen Konzepten und Angeboten seinen eigenen Weg in der Welt zu finden. Dieser kreative Wille zeigt sich in dem Streben nach Selbstausdruck, Selbsterfüllung und Selbsterforschung. Es zeigt sich auch in dem Versuch, in einer bestimmten Lebenspraxe zu Gipfel‐ oder Flowerfahrungen zu kommen, sei es in der Kunst, der Spiritualität, beim Sport, oder gemeinsam bei Gruppenprojekten, die durch flache Hierarchien gekennzeichnet sind.
Der kreative Wille taucht – einfach gesagt – mit der postmodern‐konstruktivistischen Erkenntnis auf, dass es keinen objektiven Beobachterstandpunkt gibt, sondern dass uns alle unsere Subjektivität verbindet.15 Während sich der Leistungswille in diesem Sinne noch auf die als manifest verstandene wirkliche Außenwelt bezieht und den Versuch, das Räderwerk der Weltmaschine besser als jeder andere beherrschen zu lernen, richtet das postmoderne Individuum den eigenen Willen entweder auf diese eigene Subjektivität oder die Intersubjektivität zwischen uns Menschen. Das heißt nicht, dass real existierende Probleme wie die drohende Klimakatastrophe in und mit dieser Subjektivität geleugnet werden. Sondern es heißt vielmehr, dass mit der Erkenntnis der Beobachterabhängigkeit auch das Bewusstsein dafür entsteht, dass wir uns erst mal selber und unsere Verhaltensweisen ändern müssen, um die Welt ändern zu können, und etwa das Ökobewusstsein durchaus damit anfängt, seine eigenen Nahrungsgewohnheiten zu überprüfen … anstatt etwa zu hoffen, die Politik würde etwas verändern. Wir sehen hieran, dass zusätzlich zu dem (modernen) Versuch, auf die Umwelt Einfluss zu nehmen, das (postmoderne) Moment der Subjektivität mit hinzukommt. Der Mensch muss nun nicht nur sein Leben in der Welt bewältigen; er muss auch sein Leben mit sich selbst bewältigen.
Das heißt, es entwickelt sich das Bewusstsein darüber, dass Außenwelterfahrung nicht gleich Außenwelt ist, und dass wir uns selbst verändern können – ein entscheidender Fortschritt im Ver‐ hältnis zu dem Leistungswillen, der noch an die strikte Unterschei‐ dung von Innen und Außen gebunden ist. Und statt nach Status, Karriere und Geld zu streben, setzt sich immer mehr der Wunsch – oder besser: der Wille – durch, sich selbst und seine eigene Subjektivität, ja die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen, sei es durch Musik, Kunst, Sport, Technik o.ä. Hier wird zunehmend von althergebrachten Rollenkonzepten Abstand genommen, man will sich selbst und seinen Weg im Leben finden. Überhaupt tritt hier der Wunsch nach Selbstveränderung auf, und es ist kein Zufall, dass mit dem Auftauchen der Postmoderne auch ein neues spirituelles Bewusstsein auftritt. Susanne Cook‐Greuter dazu:
Da eigene alte Identitäten nicht mehr ungefragt akzeptiert werden, ist der Wunsch nach einer persönlichen Leistung unabhängig von sozial anerkannten Rollen oder Aufgaben eines der Hauptanliegen des Pluralisten. Sie ziehen sich oft zeitweise von äußeren Angelegenheiten oder dem Tagesgeschäft ihrer Unternehmen zurück. Stattdessen wenden sie sich nach innen auf ihrer Suche nach ihren außergewöhnlichen Talenten oder gehen ihren eigenen brennenden Fragen nach. So sie den Raum bekommen sie selber zu sein, können sie häufig einen kreativen Einfluss auf ihren Arbeitsplatz haben, neue Möglichkeiten entwickeln auf Probleme zu schauen oder andere mit ihrem Enthusiasmus dazu inspirieren, ihre eigenen Interessen oder Fragen zu verfolgen.16
Hier tritt, eingebettet in viele Formen des Lernens, auch die Erste Daimonotechnik auf, also das Streben danach, sich in einer besonderen Lebenspraxis weiter zu entwickeln und euphorische Gipfelerfahrungen zu erzeugen; nicht des Status oder der Anerkennung willens, sondern wegen des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Allgemein ist der kreative Wille der erste post‐konventionelle Wille, der sich heute nach und nach im Westen durchsetzt. Sofern und solange also die autopoietischen Prinzipien der Psyche auf eine besondere Lebenspraxis selbst angewendet werden, so sprechen wir also von einem kreativen Willen. An anderer Stelle definierte ich diesen kreativen Willen als die Einheit von Ziel, Flow und Verhalten17, und damit ist nichts anderes ausgedrückt, als dass wir in einer Zielerreichung versuchen, mit und in Flow non‐dual zu handeln. Das ist natürlich eine sehr technische Beschreibung für eine relativ einfache Sache, die man erfährt, wenn man daimonisch handelt.
Auch hier, auf der diesem Willen entsprechenden, soziokulturellen Entwicklungsstufe (siehe Tabelle unten), lautet die grundsätzliche Frage: Wie können wir unser Überleben sichern? Wie wir sahen, wird dieses Problem auf jeder Stufe anders codiert und gelöst. Im Fall dieser postmodernen Entwicklungsstufe und dieses Willens wird dieses Problem einerseits in die globalen Finanzkrisen und die drohende Ökokatstrophe eingebettet, die, wie James Lovelock bemerkte18, weniger eine Frage dessen ist, ob das Ökosystem Erde – Gaia – überlebt, sondern vielmehr, ob wir unseren eigenen Lebensraum zerstören. Hier wird die Frage des Überlebens insofern auf uns als Spezies als Ganzes ausgedehnt. In der (globalen) Klimadebatte sehen wir hier also jene Aufeinander‐zu‐Bewegung der Kulturen, auf die u.a. Ken Wilber hingewiesen hatte19, und das die sozio‐kulturelle Entwicklung seit Aufkommen des Homo‐Sapiens kennzeichnet – von Sippen zu Dorfgemeinschaften, von Dorfgemeinschaften zu Städten, von Städten zu Fürstentümern und Ländern, von Nationen zu einem ‚globalen Dorf‘.
Zum Zweiten wird das Thema ‚Überleben‘ mit dem Import östlich-spiritueller Praxen und der Ausdifferenzierung westlich‐spiritueller Übungssysteme seit dem ausgehenden 19ten Jahrhundert zunehmend in unserer Kultur thematisiert, wo Fragen der Erneuerung, der psychischen Unsterblichkeit und der Erleuchtung ins Bewusstsein dringen; psychische Unsterblichkeit heißt hier, die Bedingungen des kognitiven Konzepts des ‚Egos‘ zu überwinden und in den Seinsgrund einzutauchen, jenem erleuchteten psychisch‐spirituellen Zustand jenseits aller Dualität, in dem man, wie es im Zen-Buddhismus heißt, ‚nicht geboren wird und auch niemals sterben kann.‘
Drittens tritt mit der Postmoderne neben der modernen Spiritualität auch die institutionalisierte Psychologie auf, und mit ihr auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Existenz, wie sie Victor Frankl so nachhaltig als ‚Wille zum Sinn‘ einfängt, denn ohne Sinn sind wir, wie jeder, der schon einmal eine Depression hatte weiß, nicht lebens‐ oder überlebensfähig. Welchem Sinn sollen wir also folgen, wenn wir die modernen Werte und das Leistungsstreben oder das traditionell‐bürokratische Herdendenken ablehnen? Wo können wir den Sinn finden? Die zeitgenössisch‐postmoderne, erkenntnistheoretische Antwort lautet natürlich: ‚Sinn‘ – als Einheit von Differenzen – ist ein Konstrukt des Bewusstseins; also können wir auch lernen, Sinn unabhängig von bislang sozial tradierten Konzepten selbst zu setzen; und Individuen, die diesen Sinn noch nicht in sich finden oder formen können, fühlen sich auf dieser Stufe zerrissen, gespalten und unausgefüllt; es ist gerade diese innere Zerrissenheit, die oftmals zum Lackmustest unserer postmodernen Kultur gemacht wird.20
Wenn mit Postmoderne etwas Neues auftritt, so ist es damit auch der Wille, mehr Verantwortung für unsere Umwelt und das eigene Bewusstsein zu übernehmen. Der kreative Wille ist insofern der erste Wille, der sich durch die Reaktion des Bewusstseins auf sich selbst ergibt und der konstruktivistischen Erkenntnis, dass alles Erkennen beobachterabhängig ist. Das Resultat ist, dass der Wille beginnt, das Bewusstsein zu formen. In diesem Sinne tritt der kreative Wille als sich selbstbewusste Begeisterung auf: Für Umweltschutz, für die Kunst, für das musizieren, für die ganzheitliche Sexualität oder die Spiritualität per se. Weil dieser Wille der erste ist, durch den versucht wird, das Bewusstsein selbst zu verändern, ist dieser kreative Wille auch der erste Versuch des Menschen, Daimonotechnik zu verwenden. Er strebt mit seinem Willen erstmals bewusst Emergenz an, und zwar als Flow‐ oder Gipfelerfahrung. Für viele kreative Menschen ist es gerade Flow, diese temporäre Erfahrung der Emergenz, die das, was sie machen, so interessant macht. Hier offenbart sich dann auch die Spitze der ursprünglichen Maslowschen Bedürfnispyramide, nämlich das Bedürfnis nach kreativem Selbstausdruck. Hier finden wir den kreativen Ausdruck, und zwar in der Gipfelerfahrung, in der Transzendenz; hier finden wir das besondere Engagement, über seine traditionellen ‚Konditionierungen‘ hinauszuwachsen, oder auch eine neue ökobewusste und spiritualitätsbewusste Kultur zu erzeugen, die ebenso im Einklang mit den Kräften der Natur wie auch mit den Kräften der Psyche ist.
Das kreative Individuum wird so durch den kreativen Selbstausdruck sozial betrachtet zum Produzenten von Memen (im Sinne Susan Blackmores), von eben gedanklichen wie sozio‐kulturellen Informations‐Einheiten, und sorgt damit für die Aufrechterhaltung und Erneuerung der sozialen Autopoiese und der Realität als soziales Konstrukt. Diesen Zusammenhang zwischen dem individuellen Versuch, neue Meme zu produzieren, dem kreativen Selbstausdruck und der inneren Selbstfindung kann man nicht deutlich genug betonen. Eine besondere Rolle spielt dabei besonders das Internet, durch das die Produktion und die soziale Darstellung von Memen beobachtbar angestiegen sind.
6. Der evolutionäre Wille
Der evolutionäre Wille basiert zunächst auf der Erkenntnis, dass sich der Wille schrittweise entwickelt; das wir uns mit jedem Sprech– und Denkakt, mit jedem Handlungsakt entwickeln und deshalb der Drift der Evolution nicht entkommen können. Hier auf dieser Stufe wird diese Erkenntnis in alles Handeln bewusst miteinbezogen. Jede Handlung wird so zu einem Weiterentwicklungsakt. Damit stehen wir auch vor bestimmten ethischen Pro‐ blemen, die ich hier erörtern will. Zunächst aber noch ein paar Vorbemerkungen.
In ganz einfachen Worten taucht der evolutionäre Wille genau dann auf, wenn das grundlegende Paradigma der vorherigen Stufe auf die gesamte Erfahrung übertragen wird, das heißt, wenn der Mensch in jeder Lebenspraxis seinen kreativen Selbstausdruck, seine Selbstverwirklichung und seine Euphorie und Freude findet. Hier tritt ganz natürlich die Zweite Daimonotechnik in Erscheinung, und es ist kein Zufall, dass die diesem Willen korrespondierende Entwicklungsstufe häufig mit solaren Eigenschaften oder Symbolen dargestellt wird. Die grundsätzliche und teilweise jahrtausende Jahre alte Haltung des Menschen zum Leben – Existenz ist Leid, Leben ist voller Mühsal und Probleme – wird hier überkommen. Das Paradigma dieser Stufe lautet in etwa: Existenz ist reine Freude, Existenz ist Veränderung, Existenz ist Evolution. Auch mit dieser Stufe tritt ein grundsätzlicher Wandel in der Verantwortlichkeit in Bezug auf die eigenen Erfahrungen auf. Hier wird nicht nur intuitiv verstanden, wie Entwicklung und Evolution des Geistes vonstattengehen; hier können diese Prinzipien der Evolution vollends angewendet werden. Aus diesem Grunde sind der evolutionäre Wille und die Zweite Daimomotechnik deckungsgleich.
Auf dieser Stufe operiert der Wille auf der Ebene der Autopoiese der Psyche und Gesamterfahrung selbst. Die Prinzipien der Autopoiese – Wiederholung, Differenzierung, Emergenz und Innovation – können reflexiv und selbstbewusst in und auf allen Lebensbereichen, auf die gesamte Erfahrung angewendet werden; damit steht alles Denken, Sprechen und Handeln im Kontext der Evolution. Es muss hierbei berücksichtigt werden, dass die wenigsten Menschen derzeit tatsächlich über die Bewusstheit ver‐ fügen, tatsächlich zu denken, was sie wollen, sodass das Denken tatsächlich ziel‐ und intentionsgerichtet ist. Dies ändert sich mit dieser Stufe, in der das Individuum sehr fein auf seine eigenen psychologischen Prozesse eingestimmt ist.21 Hier weitet sich damit die Fähigkeit des Individuums zum kreativen, schöpferischen, daimonischen Willen aus, der nun alle Lebenspraxen und jeden Lebensbereich durchdringen kann. Durch die Fähigkeit, in jeder Lebenspraxis einen kreativ‐daimonischen Willen umsetzen zu können, lebt das Individuum auch mit steten Flow‐und Gipfel‐ erfahrungen, die vorher nur einzelnen Lebensbereichen vorbe‐ halten waren. Mit anderen Worten: Während das Individuum der vorherigen kreativen Stufe beginnt, sich mit den Bedingungen der psychischen Autopoiese auf der Mikroebene des Bewusstseins vertraut zu machen – wie kann ich in einem Attraktor Flow und Emergenz erzeugen? – so versucht das Individuum auf dieser Stufe dieses Prinzip auf der Makroebene zu beherrschen: Wie kann man die nächste Entwicklungsstufe anstreben und die eigentlichen psychologischen Bedingungen des Wachstums anwenden? Der Wille wird hier durch die Erkenntnis der evolutionären Entwicklung der Psyche zu einem Werkzeug der Evolution. Nur durch den Willen der vorherigen Stufen konnte das Individuum diese Stufe erlangen, und kann auch nur mittels dieses evolutionären Willens zu folgenden Stufen fortschreiten. Durch die Erkenntnis, dass sich das Bewusstsein in einem kon‐ stanten evolutionären Prozess befindet, der durch den Willen umgesetzt wird, geht eine innere Autonomie‐ und Freiheits‐ Erfahrung einher. Nochmals Cook‐Greuter, die diese Stufe ‚Synthetiker‘ nennt:
Synthetiker erkennen, dass sie zwar möglicherweise in sich verschiedene miteinander in Konflikt stehende Aspekte oder Gegensätzlichkeiten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zusammenhängen bemerken, dass sie jedoch in der Lage sind, unterschiedliche Anteile ihres Selbst anzunehmen und zu integrieren. Das ist anders als bei Pluralisten, welche oft zweifeln, ob sie je herausfinden, wer sie wirklich sind. Das autonome Selbst beinhaltet die Integration von vorher getrennten Sub‐Identitäten. Die entscheidende neue Fähigkeit der Synthetiker ist es sich gewahr zu werden, dass man selber Bedeutung schafft und immer wieder eine neue Selbstgeschichte erzählt. […] Dies ist genau deshalb möglich, da Synthetiker nun verstehen, dass Bedeutung eine Interpretation ist, die wir der Erfahrung hinzufügen. Wir alle erzählen die ganze Zeit Geschichten darüber, was passiert. Synthetiker verpflichten sich bewusst, aktiv ein bedeutungsvolles Leben für sich und an‐ dere mittels Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in sich ständig ändernden Zusammenhängen zu führen. Sie besitzen ein relativ starkes autonomes Selbst, das sowohl differenziert als auch gut integriert ist. Dies umfasst die Fähigkeit, Paradoxien zu sehen und Widersprüchlichkeiten zu tolerieren, ja sogar zu schätzen. Synthetiker befinden sich in feiner Abstimmung mit ihrem eigenen psychologischen Wohlergehen.22
Ein besonderer Aspekt ist in diesem Zusammenhang mit dem evolutionären Willen noch hervorzuheben. Das Individuum erkennt zum einen, das jeder Horizont, jedes Ziel naturgemäß seine Probleme und Schwierigkeiten erzeugt. Während sich so jedes Individuum vorheriger Willensstufen noch an den Pro‐ blemen des Alltags reibt, kann das evolutionäre Individuum die Schatten, Probleme und Ungereimheiten des Alltags integrieren, während sie auftreten, eben weil es erkannt hat, dass es die Pro‐ bleme durch die Wahl des Horizontes und Zieles selbst erzeugt hat. Auf diese Weise werden aus Problemen Entwicklungsmög‐ lichkeiten und die Bedingung der Möglichkeit, bestimmte Ziele oder Horizonte zu erreichen. Andere Ziele, andere Lebensziele, und seinen sie nur implizit oder unbewusst, führen immer zu anderen Problemen und dem, was man gemeinhin ‚Schicksal‘ nennt.
Um die Komplexität des Willens auf dieser Stufe konkret abschätzen zu können, wollen wir einen kleinen Ausflug in die Ethik machen; natürlich ist Ethik immer Gegenstand der Diskussion, sobald es sich um den Willen dreht. „Was kann ich und was darf ich wollen?“ gehört zu den Fragen, die die Moralphilosophie seit Anbeginn beschäftigt hat. Wollen wir evolutionär handeln und dabei den komplexen Problemen unseres Alltags gerecht werden, stehen wir also unmittelbar vor ethischen Problemen, und sei es, dass wir unser eigenes Wohl mit dem des Kollektivs abgleichen müssen, und dass wir uns dabei ebenso ziel‐wie regel‐ orientiert verhalten.
Wie nun der amerikanische Moralphilosoph William Frankena in seinem berühmten Buch Analytische Ethik gezeigt hat23, ist jede Ethik, die die menschliche Kultur bislang entwickelt hat, entweder eine teleologische oder deontologische. Teleologisch ist jede Ethik, die sich um zukünftige Errungenschaften oder Ziele dreht, während eine deontologische Ethik sich immer mit bestimmten Verhaltensweisen beschäftigt, die an sich gut oder vorteilhaft sind. Hinzu kommt, dass es stets eher individuell‐ausgerichtete Ethiken gibt, wie es auch kollektiv‐ausgerichtete Ethiken gibt. Wir können in diesem Sinne Ethik durch das fol‐ gende Quadranten‐Schema differenzieren:
Quadrant 1 steht für die Frage: Wie genau verhalte ich mich oder wie sollte ich mich in dieser Situation am besten verhalten? Es dreht sich hier um den individuell‐deontologischen Aspekt der Ethik. Moralphilosophien, die zu diesem Quadranten gehören, beschäftigen sich also damit, wie der Einzelne sich in jeder ein‐ zelnen Situation entscheiden soll, ohne dabei auf irgendwelche Regeln zurückzugreifen. Situationen sind zu komplex, als das man mit einfachen Regeln arbeiten kann, und keiner Regel sei dem situativen Urteil Vorschub zu geben. Dies wäre das Argument der Handlungsdeontologie. Andere historische Formen, die zu diesem Quadranten gehören, finden wir hier etwa im Existen‐ zialismus.
Quadrant 2 steht indes für die teleologische, zielgerichtete Frage: Was soll und was kann ich wollen? Typisch für diesen individuell‐teleologischen Ansatz sind etwa der ethische Egoismus (z.B. Hobbes und Nietzsche) und der Handlungsutilitarismus (z.B. Jeremy Bentham). Der Ansatz des ethischen Egoismus besteht in dem Versuch, „für sich selbst das größtmögliche Übergewicht von guten gegenüber schlechten Folgen herbeizuführen“24, während der Handlungsutilitarismus in der Ansicht besteht, man sollte nach dem Prinzip der Nützlichkeit handeln und danach, herauszufinden, welche Handlungen für einen selbst und die Welt den größten Nutzen bringen. Beide Ansätze basieren auf individuell‐situativen Entscheidungen, die sich nicht auf irgendwelche konsensuellen Regeln berufen.
Quadrant 3 fokussiert die Sozialdimension der Erfahrung, und damit, welchen (konsensuellen) Verhaltensregeln wir folgen sollten. Eine solche Regeldeontologie, wie etwa die von Kant, besteht in der Behauptung, dass alles sittliche Verhalten aus konkreten Regeln besteht. Die 10 Gebote etwa sind solch ein regeldeontologischer Ansatz und damit diesem Quadranten zuzuordnen. Moderne ethische Formen, die zu diesem Quadranten gehören, wären der Historische Positivismus und der Relativismus.
Der Quadrant 4 schließlich fokussiert die Frage: Was wollen wir sozial? Solche Ansätze wie der Regelutilitarismus verlangen etwa, nur die Ziele zu wählen, die auf das größte allgemeine Wohl ausgerichtet sind.25 Die große Frage besteht dann darin, herauszufinden, was das größte allgemeine Wohl ist. Auch der ethische Universalismus gehört zu diesem Quadranten, da er den Standpunkt vertritt, dass das Objekt des sittlichen Handelns nicht die Individuen als solche, sondern eine Gemeinschaft ist.
Das Problem der einzelnen Ansätze besteht nun (offensichtlich) darin, dass sie nicht die Komplexität der menschlichen Erfahrungen und Perspektiven abdecken können. Einfach gesagt: Der ethische Egoist tilgt die Frage des Gemeinwohls, der Handlungsdeontologe die Frage des persönlichen (Entwicklungs‐)Ziels. Alle historischen Ansätze liefern aber wertvolle Beiträge. Es liegt daher auf der Hand, dass eine post‐konventionelle, in diesem Sinne integrale Ethik, alle vier Quadranten mit einschließen und dementsprechend, vereinfacht gesagt, folgende vier Fragen, die für die vier Quadranten stehen, integrieren und beantworten können muss:
- Wie soll ich mich jetzt am besten verhalten?
- Was will ich erreichen?
- Auf welche Verhaltensregeln einige ich mich mit anderen?
- Was will ich sozial und wie können wir gemeinsam zum Wohle von Allen arbeiten?
Nur dann können wir sicherstellen, dass wir den komplexen weltlichen Anforderungen entsprechend handeln und wollen können. Erst der evolutionäre Wille vermag alle Quadranten zu harmonisieren, erst er ist in der Lage, gleichermaßen die situative Komplexität (Q1), das individuelle Ziel (Q2), das sozial konsensu‐ elle Verhalten (Q3) sowie das soziale Ziel (Q4) in Übereinstimm‐ ung zu bringen und zu befriedigen. Dies ist deshalb möglich, weil der Mensch hier die deontologische wie teleologische Dimension der Evolution der Psyche und Kultur berücksichtigen kann, und weil er sie als Teil seiner eigenen Erfahrung begreift.
7. Der konstrukt‐bewusste Wille
Der konstrukt‐bewusste Wille taucht dann auf, wenn der Mensch eine hochgradige Tiefenschärfe und Verständnis seinen eigenen psychologischen Prozessen entgegenbringt, sodass er begreift, dass Evolution nichts anderes ist als ein kontingentes Beobachtungsschema, welches er über die phänomenale Welt legt, um sich irgendwie zu orientieren. Dieses Schema ist nicht wahrer oder unwahrer, nicht besser oder schlechter, nicht komplexer oder einfacher, nicht effektiver oder weniger effektiv als alle anderen Beobachtungsmodelle. Dasselbe gilt für Schemas und Konzepte wie ‚Autopoiese‘, ‚Ich‘ oder ‚Selbst‘. Das konstrukt‐bewusste Individuum befindet sich, sinnbildlich gesprochen, manchmal in der misslichen Lage wie der überdosierte LSD‐Konsument, der einen Stift in der Hand nicht mehr als Stift identifizieren kann, da er durch die Droge alle Beobachtungsschemas dekomponiert hat.
Die einfachste Art und Weise, einen Verständniszugang zu dieser Stufe zu bekommen, liegt in einer intuitiv eingängigen Analogie. Stellen wir uns ein analoges Radio vor, in dem wir die vielen Sender – die Attraktoren und Ebenen unserer Existenz – manuel einstellen können: Einen Sender für den Tiefschlaf, einen fürs Träumen, einen für unseren alltäglichen Wachzustand und die kognitive Erfahrung unserer materiellen Wirklichkeit, einen für spirituelle oder andere non‐duale Gipfelerfahrungen usw.. Konstrukt‐Bewusstsein heißt, über die Fähigkeit, die Bewusstheit und den Willen (oder kurz: die Bewusstseinstechnologie) zu verfügen, alle Sender dieses Radios bei Bedarf genau einstellen zu können. Dazu zählt auch zu wissen, wie das Radio unserer Existenz an sich aufgebaut ist und funktioniert und entscheiden zu können, welche Programme auf den verschiedenen Sendern laufen. Konstrukt‐Bewusstsein impliziert insofern einen hoch‐differenzierten Beobachter dritten Grades, der über die Kapazität verfügt, die Konstruktionsmechanismen, die zu unseren vielfältigste kognitiven Wirklichkeitserfahrungen führen, steuern zu können. Das einfachste Beispiel wäre entscheiden zu können, was man während der Traumphase träumt, oder aber der Entscheidung, das Träumen ganz lassen zu können.
Mehr als auf der vorherigen Stufe beginnt hier der Mensch, tatsächlich auf die Prozesse, die seine Psyche und sein Bewusstsein, aber auch seine unterschiedlichen Perspektiven und Beobachtungen – im Allgemeinen: Die Tiefenstrukturen des Denkens – gestalten, Einfluss nehmen zu können. Hier kann das gedacht werden, was gedacht werden will; das interne chatter des Geistes kann ausgerichtet und gesteuert werden, nicht nur kurzfristig, sondern langfristig. Der konstrukt‐bewusste Wille verfügt über das Know‐how, die psychologischen Wirklichkeiten zu formen, die geformt werden sollen, an sich etwas, das weit über das subjektivistische ‚Wünsch dir was beim Universum‘ der esoterischen Postmoderne hinausgeht.
Es ist insofern kein Zufall, dass in den östlichen wie in westlichen Weisheitstraditionen oft behauptet wird, dass mit dieser Entwicklungsstufe auch ein gewisser magischer Wille, die Shiddis, einhergeht.26 Wir haben es hier jedoch explizit nicht mit von C.G. Jung beschriebenen Prinzipien der kausalen Synchronizität zu tun, wie sie von archaischen Bewusstseinsstufen als Magie erfahren wurden, a lá: „Ich töte hier dies imaginierte Wild in diesem rituellen Akt, um das reale Wild dort zu erlegen“. Wir haben es hier viel eher mit einer Vertiefung der konstruktivistischen Erkenntnis der Postmoderne zu tun und der Umsetzung korzybskischer Prinzipien: Wenn unsere inneren Schemas, unsere Konditionierungen und Filter bestimmen, wie und was wir beobachten und erfahren, so können wir auch erlernen, genau diese Schemas, unsere Konditionierungen und Filter zu navigieren, um die psychische Gesamt‐ erfahrung zu erzeugen, die wir erzeugen wollen. Erinnern wir uns beispielsweise an das im ersten Teil beschriebene (Beobachtungs‐) Schema ‚Mangel‘, durch das wir manchmal geneigt sind, die Unzufriedenheiten unseres Alltags zu formen, sei es nun bezüglich Anerkennung, Status oder einfach Geld. Das Individuum befähigt sich auf dieser Stufe, diese tief liegenden psychischen Schemas zu verändern, und damit seine Wahrnehmungen von der Welt und freilich auch seiner Handlungsperspektiven. Es kann beispielsweise aus dem Beobachtungsschema ‚Mangel‘ eines des ‚Überflusses‘ machen, ohne etwa in den internen Konflikt zu kommen, diese absichtliche Änderung seiner inneren Program‐ mierung als Lüge zu empfinden. Dazu ist eine hohe Indifferenz gegenüber den eigenen inneren Prozessen nötig. Also etwas, was man, wie im Buddhismus, Zeugenbewusstsein nennen kann, oder eben, wie weiter oben beschreiben, den Beobachter dritten Grades, der die Beobachter ersten und zweiten Grades steuert.
Wie dem aber auch sei, wir sehen daran, dass die Entwicklung des Willens auch immer etwas damit zu tun hat, in welchem Umfange wir unsere Erfahrung formen können. Wir brauchen den konformistischen Willen, um gemeinsam unsere Erfahrungswirklichkeit erschaffen zu können; wir brauchen den Leistungswillen, um die Erfahrung zu machen, dass wir, auf uns selbstgestellt, durch großen Aufwand unsere individuelle Welt gestalten können; wir brauchen den kreativen Willen, um die Erfahrung der schöpferischen Kreativität zu machen; was zwar an sich ein Pleonasmus ist, aber doch die Tatsache ausdrücken soll, wie wir über unser kreatives, daimonisches Handeln unsere Wirklichkeit erschaffen können. Mit dem evolutionäre Willen vereinheitlichen wir unsere gesamte Erfahrung unter dem Schema der Evolution; und mit dem konstrukt‐bewussten Willen tauchen wir hinab und beginnen, all jene Schemas ändern zu können, durch die unser Alltag zu dem wird, wie wir ihn eben erfahren. Wenn wir so unser Denken (wie auch unser Sprechen) verändern, verändern wir im gleichen Zuge unsere Erfahrung. Nochmals Susanne Cook‐Greuter, die diese Stufe, auf der wir den konstrukt‐bewussten Willen ausformen, die der ‚Synergisten‘ nennt:
Anders als auf früheren Stufen sind sich Synergisten über die gewandten und überaufmerksamen Machenschaften zur Selbsterhaltung des ‚Ichs‘ bewusst. Dies ist der erste Moment, wo das ‚Ich‘ durchlässig für sich selber wird. Endgültiges Wissen über das Selbst oder irgendetwas anderes wird als illusorisch und unerreichbar durch Anstrengung und Denken gesehen, da jeder bewusste Gedanke, jede Erkenntnis als konstruiert erkannt wird ‐ und daher als getrennt von der darunterliegenden zusammenhängenden nicht dualen Wahrheit. In Folge einer weiteren Wendung nach Innen, fangen Synergisten an, ihre eigenen Versuche der Bedeutungsbildung zu durchschauen und werden aufmerksam auf die tiefen Spaltungen und Paradoxien, die dem rationalen Denken innewohnen. Auf verschiedene Weise entdecken sie individuell den Gedanken Korzybskis (1948) wieder, dass „die Landkarte nicht das Gebiet” ist. Der linguistische Prozess alles in polare Gegensätze zu spalten und die damit verbundenen immanenten Werturteile können nun bewusst werden. Gut und Böse, Leben und Tod, Schönheit und Hässlichkeit erscheinen nun als die beiden Seiten der einen Medaille.27
In dem Buch Der Wille habe ich den evolutionären und den konstrukt‐bewussten Willen aus Gründen der Darstellung als einen behandelt. Tatsächlich kann man den Letzteren als eine Ausdifferenzierung des Vorherigen betrachten. Obwohl dies natürlich bis zu einem gewissen Grad für alle Willensformen gilt, beziehen sich diese beiden Willensformen im Gegensatz zu allen anderen auf die Geist‐Sphäre der menschlichen Erfahrung und weniger auf die Bio‐ und Soziosphäre (also Natur und Kultur). Anders herum: Wir können hier klar den ‚aufsteigenden Aspekt‘ der Willensentwicklung betrachten. Der Bio‐Überlebens und der Sicherheitswille beziehen sich in der Individualentwicklung stets auf den Körper, die Natur und das Bio‐Überleben. Der konformistische Wille und der Leistungswille beziehen sich auf die Sozio‐ Sphäre, und damit auf Kultur und die konsensuelle Erschaffung und Verwendung von Werten und Symbolen. Den kreativen Willen kann man in dieser Hinsicht als den Übergang von der Sozio‐Sphäre zur Geist‐Sphäre betrachten, in der der Wille in unterschiedlich komplexem Ausmaß auf die eigene Erfahrung angewendet wird.
Diesem Willen können wir auch die Dritte Daimonotechnik zurechnen: Wende die Autopoiese der Psyche an, ohne Dich an die Autopoiese der Psyche zu binden! Um dieses Paradox zu lösen, ist die hier beschriebene Tiefenschärfe des Denkens nötig, ohne die sich jeder Versuch, Indifferenz seinen eigenen Handlungen gegenüber zu erzeugen, als unmöglich erweisen wird.
8. Der non‐duale Wille
Wie Ken Wilber und Allan Combs in Form des berühmten ‚Wilber‐Combs‘‐Rasters gezeigt haben28, können ‚non‐duale’ Erfahrungen auf jeder Entwicklungsstufe auftreten, so wie auch jede Entwicklungsstufe ihren eigenen Zugang zur materiellen, zur mentalen und kausalen Ebene der Existenz hat. Einfach gesagt ist dieser Wille non‐dual deshalb, weil er es vermag, diese unterschiedlichen Ebenen – materiell, mental, kausal und non‐dual – zu vereinen.
Es gibt in diesem Sinne also zwei Arten von non‐dualen Erfahrungen. Es gibt einerseits non‐duale Erfahrung im Gegensatz zu den dualen Erfahrungen unseres Alltags. Solche ‚einfachen‘ non‐dualen Erfahrungen können wir beim Sport, in der Spiritualität oder während der Sexualität erleben. Sie sind relativ kurzfristig und heben, auf der Ebene des Denkens, Wahrnehmens oder Handelns die duale Natur unserer Erfahrung auf. Diese Arten von non‐dualen Erfahrungen beziehen sich auf das Wilber‐Combs Raster.
Darüber hinaus gibt es aber auch jene Non‐Dualität, die die Differenz von Dualität und Non‐Dualität überwindet29. Solch ‚komplexere‘ Non‐Dualität integriert damit die vier Ebenen materiell, kausal, mental und non‐dual, bringt sie zu einer Einheit und ist damit auch nicht so kurzlebig wie die einfachen nondualen Erfahrungen. Der hier adressierte non‐duale Wille ist der Ausdruck dieser komplexen Non‐Dualität.
Mit jeder Entwicklungsstufe vertiefen wir unsere Erkenntnis dessen, wer wir sind, wie wir operieren, und wie wir überlebe können, hin zu dem Punkt, in jenen Bereich einzutreten, um es noch mal in der Zen‐Formel auszudrücken, wo wir weder geboren sind, noch jemals sterben können. Dieser Punkt ist die Zielstufe aller wahren Weisheitsreligionen und wurde von spirituellen Lehrern und Meistern aller Couleur deutlich hervorgehoben. Hier wird die Differenz von Leben und Tod transzendiert und vereinigt;hier findet der Wille und das Leben seine Erfüllung; hier können wir gleichzeitig handeln und nichthandeln, hier haben wir die Differenz von Selbst und Nicht‐Selbst überwunden. Ja mehr noch, hier haben wir den Gordischen Knoten von Wollen und gleichzeitig nicht‐Wollen zerschlagen. Die Differenz von Handelndem und Handlung verschwindet ebenso wie die zwischen Nicht‐Handlung und Handlung, in der paradoxerweise nichts getan und alles erlangt wird. All dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Mensch hier die grundlegenden Schemas von ‚Ich‘ und ‚Selbst‘ als Handelndem, von ‚Zukunft‘, ‚Sinn‘ und ‚Handlung‘ an sich – neben vielen anderen Schemas – dekomponiert und in einer höh‐ eren Form von Ganzheit wieder zusammengefügt hat … ein gewaltiger kognitiver Akt ohne Vergleich, in und durch den die gesamte Erfahrung als ein ungebrochen non‐dualer Strom fließt. Aus dem irdischen Bewusstsein der vorherigen Stufen wird so ein kosmisches Bewusstsein, und aus dem irdischen Willen wird jener kosmische bzw. non‐duale Wille, von dem uns schon Arthur Schopenhauer berichtete:
Nicht allein in denjenigen Erscheinungen, welche seiner eigenen ganz ähnlich sind, in Menschen und Tieren, wird er als ihr Innerstes Wesen jenen nämlichen Willen anerken‐ nen; sondern die fortgesetzte Reflexion wird ihn dahin leiten, auch die Kraft, welche in der Pflanze treibt und vege‐ tiert, ja, die Kraft, durch welche der Krystall anschießt, die, welche den Magnet zum Nordpol wendet, die, deren Schlag ihm aus der Berührung heterogener Metalle entge‐ genfährt, die, welche in den Wahlverwandtschaften der Stoffe als Fliehn und Suchen, Trennen und Vereinen erscheint, ja, zuletzt sogar die Schwere, welche in aller Materie so gewaltig strebt, den Stein zur Erde und die Erde zur Sonne zieht, – diese Alle nur in der Erscheinung für ver‐ schieden, ihrem Innern Wesen nach aber als das Selbe zu er‐ kennen, als jenes ihm unmittelbar so intim und besser als alles Andere Bekannte, was da, wo es am deutlichsten hervortritt, Wille heißt.30
Nun ist Erleuchtung, kosmisches oder non‐duales Bewusstsein dieser Stufe etwas, was selbst gestandene Geister wie Sloterdijk aus dem Gleichgewicht bringt. In seiner Kritik der Erleuchtung85 geht Sloterdijk etwa auf die Erleuchtung des „‘Substanz‘ bzw. Geist‐ontologischen Typus“ ein, wie sie „im hinduistischen System“ vorliegt: „Hier wird eine Gleichsetzung zwischen der All‐Seele und der Einzelseele bzw. zwischen dem unendlichen und dem endlichen Intellekt gründlich vollzogen.“ An dieser Fassung wäre an sich nichts auszusetzen, würde Sloterdijk nun nicht plötzlich eine Kehrtwendung vornehmen und ein paar Zeilen später seine Kritik damit begründen, dass der hinduistische Typ der Erleuchtung damit „der Welt mehr Intelligenz und Seele unterstellt, als ihr zukommt.“ Damit vertauscht er plötzlich den „unendlichen Intellekt“ mit „der Welt“, und begeht hiermit einen grundsätzlichen Kategorienirrtum, wo er Erleuchtung plötzlich mit einer Art Animismus gleichsetzt. Nun ist indes das non‐duale oder kosmische Bewusstsein ein psychologisch derart gut untersuchtes Phänomen, das wenig mit Animismus zu tun hat; hier kommt einem die Wilbersche Unterscheidung zwischen prä‐rational und trans‐rational31 in den Sinn, also der Fehlleistung, globale, undifferenzierte Ganzheitserfahrungen der frühen Entwicklungsstufen als differenzierte und komplexere Ganzheitserfahrungen misszuverstehen. Wie etwa David Loy, selbst Professor für Philosophie und anerkannter Zen‐Lehrer festhält, handelt es sich bei non‐dualem oder kosmischen Bewusstsein eher darum, die Differenzen von Subjekt und Objekt, von Subjekt und Welt im Denken, Handeln und Wahrnehmen zu überkommen, und zwar im Bewusstsein des Individuums. Wie Loy zeigt, sind genau dies die tragenden und übereinstimmenden Säulen der Erleuchtung im Buddhismus, Hinduismus und Taoismus.
Erwähnenswert ist abschließend noch, dass ‚non‐duales‘ oder ‚kosmisches Bewusstsein‘ strukturelle Begriffe für eine Sache sind, die eigentlich eher prozessual und nicht ohne Einfluss des Willens geschehen, der hier aber nicht mehr als unser eigener Wille in Erscheinung tritt. Kosmisches Bewusstsein ist eine Form unserer Moment‐zu‐Moment Erfahrung, an deren Konstruktion das Individuum ebenso teilhat, wie es realisiert, dass es sich selbst als ‚Individuum‘ eigentlich gar nicht gibt. Wir kommen hier natürlich an die Grenzen des mit Worten Beschreibbaren. Selbst‐ Identität und Selbst‐Identifikation enden, und damit natürlich auch ‚mein‘ Wille; was bleibt, ist, das unendliche phänomenale Spiel der Formen in der Leere zu bezeugen, nämlich als unfassbarer Punkt in einem unendlichen Kosmós.
Die Spirale des Willens
Soweit die Entwicklungsstufen des Willens. Ungeachtet dieser strukturell‐hierarchischen Darstellungsform muss berücksichtigt werden, dass der Wille Ausdruck des Prozessaspektes des Bewusstseins ist, der zunehmend komplexer wird und sich in der individuellen Entwicklung zunächst auf Bio‐Sphäre und dann auf die Sozio‐Sphäre bezieht, um schließlich seinen Einflussbereich und sein Wirkungsfeld auf die Psyche und das Bewusstsein selbst auszudehnen. Insofern sind die Stufen natürlich wachsende Emergenzen und keine starren Formen, jede Form geht aus der vorherigen hervor und ist nur durch die vorhergehende denkbar. Zwischenformen des Willens sind zu erwarten, wenn man das Modell höher auflöst und andere Perspektiven anwendet.
Obwohl eine Daimonotechnik in diesem Sinne mit den prä‐konventionellen und konventionellen Stufen vorbereitet wird – wie etwa durch das Leistungs‐Motto: „Üben‐üben‐üben!“ – kann eine Daimonotechnik, die sich immer die Autopoiese des Bewusstseins zunutze macht, erst zur Anwendung kommen mit den post‐konventionellen Stufen, wo nicht nur eine gesteigerte Transparenz interner Prozesse vorliegt, sondern auch die Gesamterkenntnis, dass diese stets in einen evolutionären Prozess eingebettet sind. Wie schon mehrfach gesagt: Der evolutionäre Rückbezug des Bewusstseins auf sich selbst hat stattgefunden. Mit den post‐konventionellen Stufen des Willens differenziert sich damit die Daimonotechnik aus, kann – generell gesagt – auf immer mehr Lebensbereiche und Lebenspraxen angewendet werden, kann der Evolution der Psyche immer mehr Momentum gegeben werden.
Wir können auch anhand dieser Darstellung der Entwicklung des Willens die wunderbare Spirale des Willens selbst beobachten. Der Wille entsteht als reiner Überlebensinstinkt aus einem Zustand relativer und unspezifischer Globalität des Bewusstseins und erzeugt in seinem weiteren Verlauf und Entwicklung zunehmende Differenzierung und höhere Komplexität; mit dem ersten Bio‐Überlebenswillen erzeugt der Mensch die Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen Bedürfnis (z.B. nach Nahrung) und der Bedürfnisbefriedigung (wie etwa durch die Mutter). Mit der Unterscheidung von Innen und Außen taucht dann langsam der Sicherheitswille auf mit dem Paradigma, dass Selbst in der Welt zu sichern und ihm Ausdruck zu verleihen. Hier findet das Selbst das Kollektiv, und das Individuum identifiziert seinen Willen mit dem des Kollektivs; es werden Werte entwickelt und Rollenkonzepte. Mit und durch das Kollektiv kann dann eine erste Erziehung erfolgen und der Leistungswille entsteht mit dem Versuch, langfristig Ziele zu erreichen durch Disziplin, Ausdauer, Anstrengung. Hier erscheinen die Ziele, die zum Zeitpunkt des Aufstellens aufgestellt werden, zunächst scheinbar unerreichbar.
Doch einen besonderen Antrieb verleiht, der den Willen selbst auf eine neue Ebene hebt: Plötzlich wird der Wille auf die Bedingungen des Willens selbst angewendet, auf das kreative Moment, auf die Idee von Emergenz und Gipfelerfahrung. An sich ist das eine Emergenz vorher ungekannten Ausmaßes; mit diesem Rückbezug beginnt das Individuum, sich mit den Bedingungen und Prinzipien der Autopoiese selbst auseinanderzusetzen, die die vorherigen Stufen selbst erzeugt hat! Doch hier endet die Spirale des Willens nicht, sondern hier taucht dann der evolutionäre Wille auf, der das Momentum der vorherigen Stufe aufnimmt und auf das ganze Leben überträgt. Die daimonische Begeisterung und Kreativität wird zur Grundlage alltäglicher Existenz …
Wir leben in einer wirklich bemerkenswerten Zeit, einer Zeit, in der sich die Evolution des Geistes zum ersten Mal selbst bewusst wird und wir gemeinsam darüber zu sprechen beginnen. Wir beginnen nicht nur zu verstehen, wie die Psyche und das Bewusstsein operieren und wir Bewusstsein über Bewusstsein erlangen, sondern auch, wie wir zu dem kommen, was wir Erfahrung und Wirklichkeit nennen. Wir stehen an dem Punkt, an dem wir entscheiden können, ob wir unsere Kreativität auf unser gesamtes Leben, jede unserer Lebenspraxen, übertragen und unsere Entwicklung selbst in die Hand nehmen wollen. Während dieser Gedanke – wir erzeugen unsere Erfahrung selbst und können eine geistige Entwicklungsstufe erlangen, die wir der Einfachheit halber ‚Erleuchtung‘ nennen – noch bis vor ein paar hundert Jahren nur den Weisen, den Gurus und Heiligen vorbehalten war, die aufgrund einer spontanen Erlangung oder eines besonderen Trainings zu dieser evolutionären Selbstbewusstheit gelangten, so sind wir sozio‐kulturell an einem Punkt angelangt, an dem wir diesen evolutionären Rückbezug des Bewusstseins auf sich selbst untersuchen können. Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann, Allan Combs, Heinz von Foerster oder George Spencer Brown, Psychologen wie Jean Piaget oder Susanne Cook‐Greuter, Philo‐ sophen wie Ken Wilber und Paul Watzlawik, Linguisten wie Alfred Korzybski und Ernst von Glasersfeld, Biologen wie Hum‐ berto Maturana und Fransisco Varela, alle arbeiten an einem immer deutlicher werdenden Bild, wie wir zu dem wurden, wer wir sind, und wie wir diese Kräfte und Mechanismen nutzen können, um aktiv an der Evolution teilzuhaben. Und um mit von Foerster zu sprechen: Hier wird aus dem ‚human being‘ ein ‚human becoming‘32, ein stets sich im Werden begreifendes menschliches Wesen.
All diese Überlegungen beantworten natürlich nicht die überaus drückende Frage, was genau man tun soll, oder welche Methode oder Beschäftigung man wählen sollte – sei es nur im spirituellen Kontext die Frage: ob man Tai Chi, Qui Gong, Meditation, Body-Cleansing oder Pranayama wählen soll, oder aber im lebensweltlichen Kontext: Was soll man tun, welchen Sinn wählen, mit welchen Menschen verkehren, welchen Job wählen, und allgemein: wie seine Zeit strukturieren? Tatsächlich ist es so, dass es vom Standpunkt der Daimonotechniken relativ egal ist; Evolution kann in allen Lebensformen und Praxen stattfinden. Dennoch muss man herausfinden, was genau man tun will, und dies ist bekanntlich, folgt man Ortega I´Gasset, die schwierigste Aufgabe von allen. Und doch kann man hier nur anraten, seinen eigenen Genius, also diejenige okkulte wie numinose Instanz in uns, zubefragen, deren Stimme uns, in den Stunden der Ruhe, der Meditation und manchmal im Traum, unser Schicksal und unseren Willen weist. Zugang zu diesem Genius zu erhalten und Rat zu empfangen auf die Frage: Was genau soll ich tun? – auf diese Frage bieten die Traditionen ausreichend Antworten und Methoden. Und es ist nicht nur die schwierigste Frage, sondern meines Erachtens auch die wichtigste Frage. Denn letztlich geht es in unserem Leben um nichts anderes: nämlich zu wissen, warum man morgens aufsteht, und was man den Rest seines Lebens tun will.
Aus dem Buch »Entwicklung als Passion«, erschienen im Phänomen-Verlags, 2011.
- Amarque, Tom; Der Wille, 2009. ↩
- Und natürlich wie bei der Entwicklung der Liebesfähigkeit und der ‚zunehmenden Umarmung‘ des emotionalen Bereiches des Selbst. Sie etwa die Arbeiten von Carol Gilligan. ↩
- Vgl. Wilber, Ken, Integrale Psychologie, 2000. ↩
- Jaspers, Karl, Existenzerhellung, S. 150; 1973. ↩
- Cook Greuter, Susanne, 9 Stufen zunehmenden Erfassens, S. 8, 2007. ↩
- Vgl. Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006 ↩
- Tatsächlich kann das Kollektiv aber auch das globale Dorf sein, eine Tatsache, die darauf hinzeigt, dass nur weil man in einer post‐modernen Kultur aufgewachsen ist, noch lange nicht post‐modern oder post‐konventionell sein muss, sofern man den Willen des Kollektivs als Identitätsdeterminante nimmt … eine Tatsache auf die Wilber mehrfach hingewiesen hat in der Erkenntnis, dass ein Großteil der 60er‐Jahre‐Hippies eben nicht post‐konventionell waren, sondern konformistisch‐konventionell. Vgl. Wilber, Boomeritis, 2009. Auch wird hieran ersichtlich, dass die sogenannte Nettiquette und political correctness keine Errungenschaft eines postmodernen‐postkonventionellen Willens ist, sondern eines konformistisch‐konventionellen! ↩
- Man vergegenwärtige sich nur, dass sich Unmengen von Frauen im Mittelal‐ ter bei der Inquisition selbst anzeigten, weil sie von Schuldgefühlen geplagt waren, vgl. Oswald Sprenglers Untergang des Abendlandes, S. 912, 2007. ↩
- A.a.O.. ↩
- In der Bedeutungsverwendung von Richard Dawkins und Susan Blackmore. ↩
- Wie Susanne Cook‐Greuter hervorhebt, glauben solche Leistungsmenschen der ‚Selbst‐bewussten‘‐ Stufe, an die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen. S. a.a.O., S.18. ↩
- Vgl. Cook‐Greuter, Susanne, a. a. O.; S. 18. ↩
- Vgl. Amarque, Tom, Wie wir wurden, wer wir sind, 2010. ↩
- A.a.O., S. 144. ↩
- Vgl. Tom Amarque, Wie wir wurden, wer wir sind, S. 83, 2010. Hier stelle ich als eines der Kennzeichen der Postmoderne die Aufgabe des descartschen, objektiven Beobachterstandpunktes zugunsten einer mehr relativen und subjektiven ↩
- A.a.O. S. 24. ↩
- A.a.O. . S. 69. ↩
- Vgl. Lovelock, James, Gaia, 1992. ↩
- Vgl. Wilber, Ken, Halbzeit der Evolution, 1996. ↩
- Die KI und der Versuch, das Bewusstsein künstlich zu erzeugen, spiegelt einen weiteren Aspekt dessen, wie die Postmoderne wissenschaftliche Forschung beein‐ flusst. Einerseits ist KI nicht denkbar ohne den postmodernen Interessenschwer‐ punkt ‚Bewusstsein‘; andererseits stellt es einen wissenschaftlichen Versuch dar, auch hier das Leben zu verlängern. Der KI‐Pionier Ray Kurzweil etwa prognostiziert, dass um 2050 die KI eine derartige Komplexität haben wird, dass wir unser Bewusstsein darin einspeisen können! Vgl. Ray Kurzweil, The Singularity is near, 2006. ↩
- Vgl. Cook‐Greuter, a.a.O. S. 27. ↩
- A.a.O. ↩
- Frankena, Wilhelm, Analytische Ethik, S. 32., 1994. ↩
- Frankena, William, Analytische Ethik, S. 37, 1994. ↩
- Vgl. William Frankena, A.a.O. S. 56. ↩
- Der Religionsforscher Mircea Eliade geht explizit auf diesen Punkt ein, Vgl. Yoga; S. 94, 2004. ↩
- A.a.O.; S. 31. ↩
- Vgl. z.B. Combs, Allan, Die Psychologie des menschlichen Bewusstseins, 2011. ↩
- Vgl. Loy, David. A.a.O. ↩
- Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 163, 1991. ↩
- Vgl Wilber, Ken, Eros Logos, Kosmos, S. 259. 1996. ↩
- Vgl. Heinz von Foerster, KybernEthik, 1993. ↩
Tom Amarque, (Jhrg '74) ist Autor und Übersetzer mehrer Bücher zum Thema Bewusstseinsentwicklung. Ab 1997 Mitherausgeber des Mind-Magazins. Amarque gibt seit 2000 regelmäßig Seminare in Meditation, Bewusstseinsentwicklung und Ethik. Sein Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt liegt in der postkonventionellen Willensentwicklung und der aktiven Realisierung von höheren Bewusstseinsstrukturen. Autor von "Die Evolution der Psyche", "Der Wille", "Wie wir wurden was wir sind, und was wir werden können", und "Entwicklung als Passion". Geschäftsführer des Phänomen-Verlags.














Tom Amarque, (Jhrg '74) ist Autor und Übersetzer mehrer Bücher zum Thema Bewusstseinsentwicklung. Ab 1997 Mitherausgeber des Mind-Magazins. Amarque gibt seit 2000 regelmäßig Seminare in Meditation, Bewusstseinsentwicklung und Ethik. Sein Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt liegt in der postkonventionellen Willensentwicklung und der aktiven Realisierung von höheren Bewusstseinsstrukturen. Autor von "Die Evolution der Psyche", "Der Wille", "Wie wir wurden was wir sind, und was wir werden können", und "Entwicklung als Passion". Geschäftsführer des 













Das Wort »Wille« scheint der Autor in jenem unbegrenzt weiten Sinne zu verwenden, wie dies schon der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860)getan hat. Ob mit so einer Denke viel — wenn überhaupt etwas — gewonnen ist, möchte ich nachdrücklich in Frage stellen. Dem üblichen Verständnis von »ich will« — wofür auch »mein Wille ist« gesagt werden kann — als Ausdruck dafür, sich zu etwas entschlossen zu haben, wird damit in keiner Weise gerecht — und alles andere ist spekulativ so wie dies zu Zeiten Schopenhauers vor zwei Jahrhunderten in der Philosophie mal üblich war.