Der Sonne zum Gruss

Ausatmen…ein Schwan putzt sich das Gefieder…Einatmen…ein Entenweibchen wird von einem Verehrer verfolgt…Ausatmen…ein Ruder-Achter zieht mitten am See vorbei und wird von der Steuerfrau durch Megaphon angespornt…Einatmen…zwei Blässhühner kämpfen mit lautem Geschrei im Wasser…Ausatmen…ein Mittelloser sammelt hinter mir Aludosen auf und wirft sie in seinen Sack…Einatmen…zwei Jogger laufen an der Promenade vorbei und unterhalten sich laut über Aktienkurse…Ausatmen…die Sonne blinzelt schüchtern über den Bergrücken…Namaste!

Mehrmals die Woche zieht es mich vor dem Sonnenaufgang an den See um dort mit Yoga und Meditation den Tag zu beginnen. Die Ruhe im Park, direkt am Wasser mit Blick auf die leicht schaukelnden Segelboote, weit über den Zürichsee und direkt gegen den Sonnenaufgang gibt mir die Kraft, die mich über den Tag begleitet. Meistens bin ich an diesem Ort ganz alleine, manchmal gesellt sich ein älterer Mann auf die Bank hinter mir, der ebenso einfach die Ruhe und den Sonnenaufgang geniessen möchte. An Wochenenden sitzen auch oft noch Jugendliche herum, die nach einer durchzechten Nacht nicht nach Hause gehen möchten.

Sich der Welt gewahr werden

Durch die Weite, die sich vor mir auftut und den unterschiedlichsten Geräuschen, die sich sanft in die Umgebung einbetten, stellt sich ganz schnell ein Gefühl von Frieden in mir ein, das meinen Atmen tief und mein Gewahrsein offen werden lässt. Entengeschnatter, das flatternde Geräusch von Schwanenflügel, die an der Luft getrocknet werden, Turn– und Stöckelschuhe, die auf dem Asphalt der Promenade hinter mir auftreten, Spatzen, die neben mir Brotbrösel vom Boden picken, das Platschen eines Fisches, der sich eine Fliege aus der Luft fängt und wieder tief im See verschwindet, leichtes Brummen der Autos in der so fern erscheinenden Stadt. Jedes Geräusch für sich schon schön, ergeben sie zusammen eine fortlaufende, sich nie wiederholende Symphonie.

Die Welt bietet so viele Einzelheiten, die es sich lohnt wahrgenommen zu werden. Das Türkis des Wassers, das Glitzern auf den Wellen, die Spiegelung der Segelboote, das Grün der veralgten Steine am Grund des Sees, der blau-violett-rote Verlauf des Himmels auf der einen Seite des Horizont, die weissen Spitzen der Alpen auf der anderen, das Weiss des vorbei ziehenden Schwans, das Violett meiner Yogamatte.

Akzeptieren was ist

Jeder Moment ist richtig wie er ist. Gedanken kommen und gehen, wie die Jogger, die vorbeilaufen und sich laut unterhalten. Jeder ist in dem Moment wo er kommt willkommen und wichtig, er zieht vorbei und verschwindet so sanft wie er gekommen ist. Die Blässhühner die sich streiten, die Enten, die gleich zu dritt auf einen ungeliebten Artgenossen stürzen, der Fisch, der mit dem Bauch nach oben im Wasser schwimmt, der junge Schwan der kurz nach dem Schlüpfen als schwächster zurück gelassen wird und ertrinkt.

Ausatmen…Einatmen…oh, wieso blockiert der Atmen genau an dieser Stelle? Ich schau genauer hin und atme noch mal tiefer in die Blockade und das Gefühl, das dabei hochkommt. Die Entspannung und Lösung der Blockade ergibt sich nach dem nächsten Positionswechsel. Ein Stechen im Knie, ich korrigiere meinen Stand, und kann mich weiter als Baum entfalten.

In der Verantwortlichkeit für alles Sein

Nur durch meine Anwesenheit ist dieser Moment genau der, der er ist. Ohne mein Zuwirken wäre dieser Schritt in der Evolution nicht möglich gewesen. Ich übernehme genau in diesem Moment die Führung für die Evolution des Bewusstseins, in mir und in allem Sein. Nehme ich diesen Moment nicht wahr, wäre er nie passiert. So trage ich in jedem Moment die Verantwortlichkeit für die Welt und für jeden nächsten Schritt zum Erkennen der Höchsten Einheit.

Ich trage die Verantwortung meinen Körper in den Asanas zu dem Punkt zu bringen wo ich meine Grenze spüre, und gleichzeitig mich in diesem Moment angstfrei über diese Grenze zu wagen. Niemand übt Druck auf mich aus, ich entscheide selbst wie weit ich gehe. Dabei bin ich mir jederzeit bewusst, dass ich der Welt nicht dienlich sein kann, wenn ich mich immer nur in meiner Komfortzone bewege.

Die Rückkehr zum Marktplatz

Mein Atem flacht ab und meine Muskeln entspannen sich, während ich in der Leichnamstellung liege. Der Gedankenfluss wird langsamer und ruhiger…Stille im Wind….Ich strecke mich, drehe mich nach rechts und setze mich auf. Im halben Lotus sitzend, die Augen geschlossen, das Gewahrsein bezeugend…Ich bin.

Während ich dem Geschehenen und Ungeschehenen noch nachspüre steige ich langsam ins kalte Wasser des Zürichsees und tauche tief ein in die Stille unter den Wellen. Nach dem Abtrocknen und Umziehen geht es dann wieder mit dem Fahrrad vorbei an hektischen Menschen in Businesskleidung, sich stauenden Autos auf den Strassen und den fleissigen Menschen, die den Müll aus den Gebüschen und den Strassen entsorgen. Am Gemüsestand des Marktes erwarten mich freundlich lächelnde Menschen und ich suche mir frisches Obst und Gemüse für meinen morgendlichen Smoothie aus. Die Sonne steigt langsam über die Häuser und durchflutet die Strassen mit ihrem Licht. Schön ist es auf der Welt zu sein.


Heinz Robert Heinz Robert ist Mastermind und Mitbegründer von OpenMindJournal.com, einer der Hosts von Mann-Sein.ch, bietet als IntegralHero seine Dienste als Transformationsbegleiter an, und setzt sich stark für den Bewussten Kapitalismus und eine Globale und Weltspiritualität ein. Zudem ist er auch noch als Freelance Grafiker tätig. Geboren 1970 im niederösterreichischen Blumau-Neurisshof, südlich von Wien, lebt und arbeitet er nun seit Ende 2007 in Zürich. In den Jahren davor brachte ihn seine Heldenreise für je zwei Jahre nach Andalusien und Baden-Württemberg. Im Jahr 2000 begann er nach einem Moment des Erwachens mit buddhistischer Meditation und zwei Jahre später mit dem Studium der Integralen Philosophie und Praxis nach Ken Wilber. Er ist begeisterter 5-Rhythmen Tänzer, Yogi und hat immer wieder neue Ideen, wie die Welt ein besser Ort zum Leben wird. Lebenslanges Lernen, unaufhörliches Wachsen, sich entfalten und entwickeln, achtsame Kommunikation mit Anderen, sowie bewusstes Erleben der Umwelt und der Vorgänge in ihr, sieht er als seine Lebenspraxis.


2 Kommentare für “Der Sonne zum Gruss”

  1. Vielen Dank für diesen leichten und zu gleich starken Gedankenspaziergang.

    Im moment erlebe ich einen Tinitus, da ist dieses Frieden finden mit dem was ist sehr wohltuend und woll in letzter Zeit von mir etwas vernachlässigt worden. Dein Vorbild und deine Vorgehensweise ist diesbezüglich finde ich inspirierend. Vor allem da du aus dem Reichtum schöpfst der uns Zürich allen zu Verfügung steht.
    Danke :)
    Herzens Gruss,
    Anis.

    • Danke Anis,
      natürlich ist es nicht immer leicht den wahren Reichtum der Stadt, der Welt und der Menschen zu sehen. Dazu ist es wirklich notwendig die kleinen Feinheiten wahrzunehmen, die das Leben so schön machen.
      Alles Liebe,
      Heinz

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