Das Leuchten am Ende des Tunnels
Ableben, a_Neuigkeiten, Body Donnerstag, April 28th, 2011Mouches volantes und Nahtoderfahrung
Menschen, die klinisch tot waren und wiederbelebt werden konnten, berichten oft von aussergewöhnlichen und tiefgreifenden Erfahrungen im Zustand der Todesnähe. Einige visuelle Elemente von Nahtoderfahrungen weisen Ähnlichkeiten mit der alltäglichen Wahrnehmung von Mouches volantes auf. Möglicherweise haben wir in den Mouches volantes und anderen entoptischen Erscheinungen Bewusstseinsphänomene, deren Existenz sich nach dem körperlichen Ableben fortsetzt.
Was ist eine Nahtoderfahrung?
Erzählungen von Menschen in Todesnähe sind uns aus vielen Kulturen und Zeiten übermittelt. Doch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. stiess das Phänomen auf ein breiteres wissenschaftliches und öffentliches Interesse. 1975 prägte der amerikanische Philosoph und Psychiater Raymond Moody in seinem populären Buch Life after life (dt. „Leben nach dem Tod“) den Begriff „Nahtoderfahrung“ (near-death experience, NDE; im folgenden „NTE“). Damit bezeichnete er die sensorischen und kognitiven Eindrücke, die Menschen im Zustand des „klinischen Todes“ erlebten. Moody und andere Forscher stellten Ähnlichkeiten in den Berichten von NTE fest und erarbeiteten idealtypische Beschreibungen mit mehreren Elementen: Typerischerweise erlebt ein Mensch in Todesnähe, wie er für tot erklärt wird, nimmt das Pflegepersonal um sich herum wahr, kann sich aber nicht verständigen. Laute und unangenehme Geräusche können ihm erscheinen, er tritt aus seinem Körper und sieht diesen leblos daliegen. Sodann sieht er, wie er sich durch einen dunklen Tunnel bewegt, an dessen Ende ein Licht zu sehen ist. In diesem Licht eröffnet sich ihm eine lichterfüllte Welt mit natürlichen Örtlichkeiten oder städtischen Umgebungen. Hier trifft er andere Wesen, Verstorbene, aber auch ein Liebe und Wärme ausstrahlendes Lichtwesen, das mit ihm kommuniziert oder ihm eine Lebensrückschau ermöglicht. Dann erreicht er eine Grenze, die er nicht überschreiten kann, er wird zu seinem Körper zurückgezogen und wacht auf. Nicht selten verändern Menschen im Anschluss an eine NTE ihre Ansichten, Glaubensvorstellungen und Werte in Bezug auf Umwelt, Mitmenschen, Tod und Jenseits und bemühen sich um eine liebevollere und sozialere Lebensweise als vorher.
Erklärungsansätze
Diesseits der subjektiven Erfahrung versuchen Forscher, das Phänomen zu erklären oder seine Bedeutung für Mensch, Gesellschaft und das Wissen über die letzten Dinge zu ergründen. Heute kursieren mehrere Hypothesen, keine konnte bisher abschliessend bewiesen oder verworfen werden. Einige Forscher versuchen die einzelnen Elemente von NTE auf physiologische Prozesse zurückzuführen. Andere sprechen sich gegen Universalismen aus und betonen den Einfluss der Kultur, da NTE-Berichte aus unterschiedlichen Orten und Zeiten in ihren Inhalten variieren. Die meisten Menschen mit NTE und spirituell interessierte Forscher hingegen verstehen NTE als Hinweis oder Beweis für die Weiterexistenz des menschlichen Bewusstseins (Geist, Seele) nach dem Tod des Körpers. NTE können auch als spirituell relevante Erfahrungen gedeutet werden, denn manche Elemente wie die Erfahrung von Frieden, Liebe und Geborgensein oder die Wahrnehmung von Lichtern können auch durch schamanische und meditative Praktiken erzeugt werden und sind aus den Erfahrungsberichten von Schamanen und Mystikern bekannt.
Mouches volantes in NTE?
Auch beim erweiterten Sehen von Mouches volantes (MV) haben wir es mit intensiven individuellen subjektiven Erfahrungen zu tun, die Menschen sehr beeindrucken und nachhaltig verändern können (vgl. Tausin 2010a). Bei beiden Phänomenen führt die Subjektivität der Erfahrung dazu, dass die Gesellschaft teils mit Ablehnung, teils mit der wissenschaftlichen Erforschung von Teilaspekten reagiert. Und die Wahrnehmungsinhalte ähneln sich teilweise, was der mystischen Interpretation von NTE Raum gibt. In diesem Fall fragen wir, ob sich in NTE das wiederholt, was Mystiker und Seher in entoptischen Phänomenen wie MV schon zu Lebzeiten beobachten. Ein Blick auf einzelne Elemente sollen diese Frage erhellen:
Abstrakte Formen – Kugeln und Röhren
Die typischen Formen der MV kommen in unterschiedlichen Elementen der NTE vor. Verbreitet ist die Erfahrung des Tunnels, durch den sich die Betreffenden auf ein Licht zubewegen. Ähnliches berichten die Seher über die Wahrnehmung der leuchtenden MV-Kugel „Nabel“, die sich ebenfalls am Ende einer Röhre befinden soll (Tausin 2010a). Je nach Bewusstheit kann der Tunnel abstrakter oder figurativer erlebt werden: Als Tunnel oder Röhre, aber auch als Pfad, Fluss, Kanal oder Korridor. Das berühmte und im Zusammenhang mit Todesnähe-Erfahrung oft gezeigte Bild des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516) gibt uns weitere Hinweise auf die Beschaffenheit des Tunnels, die uns zur anderen MV-Form führen, den Kugeln.
Boschs Tunnel ist in mehrere Segmente unterteilt. Dies entspricht vielen NTE-Berichten, wobei die Segmente bzw. Wände oft als Kugeln („kugelig“, „rund“ etc.) erfahren werden. Auch ausserhalb dieser Röhre oder des Tunnels wird das Universum während NTE zuweilen als aus „konzentrischen Kugeln“ bestehend erlebt: Kugelformen, leuchtend und farbig, werden in NTE-Berichten teils neben figurativen Wahrnehmungen von Gebäuden oder menschenähnlichen Wesen genannt. Lichtwesen werden oft als leuchtende, teils farbige und bewegliche Kugeln erfahren, teils verändern sie die Form zu anthropomorphen Gestalten. Manche berichten von „Millionen Lichtkugeln“.
Dunkelheit und Licht

Tunnel beim Zugehen auf eine Kugel? Quelle: http://www.klarblicker.de/ paranormal/durchdaslicht.html (19.1.11)
Dunkelheit und Licht sind ebenfalls Schlüsselelemente in NTE. Oft geht die Empfindung von Dunkelheit assoziativ mit dem Fallen der Seele und der Unterwelt/Hölle einher; Licht hingegen mit dem Aufsteigen und den himmlischen Sphären. Die beiden sind jedoch nicht voneinander getrennt: So kann in der Dunkelheit ein Licht erscheinen. Dieses Licht wird meist als klares, weisses Licht beschrieben, das nicht blendet und sich verstärkt, je mehr die Betreffenden sich ihm nähern.
Mouches volantes weisen ebenfalls eine Leuchtkraft auf, die je nach Nähe bzw. Konzentration oder Entspannung der Seherin oder des Sehers verschieden intensiv ist. Das Licht in den MV kann durch ekstatische Praktiken und eine Ekstase fördernde Lebensweise verstärkt werden (Tausin 2010a). Dunkelheit dagegen ist die Absenz von Licht im „Bild“. Diese Prozesse können von Sehern schon während dem Leben beobachtet werden, NTE scheinen hier eine Fortsetzung in intensiverem Ausmass zu sein.
Die Bewegung (Zoomeffekt, Sprünge)
In intensiven Bewusstseinszuständen kann in der visuellen Wahrnehmung ein „Zoomeffekt“ erfahren werden: Man richtet die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand, der dann allmählich oder sprunghaft näher kommt (bzw. das Bewusstsein bewegt sich augenblicklich zum Gegenstand hin). Das Gefühl des Zoomens kommt durch die Vorwärtsbewegung des Traum– oder Gedankenkörpers zustande. In NTE werden solche Bewegungen typischerweise beim Fliessen durch den Tunnel oder durch eine Dunkelheit auf ein helles Licht zu erfahren. Zuweilen erleben Betreffende diesen Effekt jedoch schon vorher, beim Sehen noch irdischer Dinge (vgl. Moody 1975), andere wiederum empfinden Kugeln, die auf sie zukommen (Jinny 2010). Lichtwesen in Form von Kugeln werden auch in ihrer Beweglichkeit wahrgenommen. Sie werden als „hüpfend“ oder „herumwirbelnd“ beschrieben (Williams 2007). Insgesamt zeigen diese Beispiele die grosse visuelle Beweglichkeit zwischen Beobachter und Beobachtetem, die auch beim erweiterten Sehen der Mouches volantes festgestellt wird.
Fazit
Zwischen dem entoptischen Phänomen der Mouches volantes und einigen abstrakten NTE-Elementen gibt es grosse Ähnlichkeiten. Im Sinne der mystischen Erklärung von NTE spricht dies für die Interpretation der Mouches volantes als feinstoffliches Bewusstseinsphänomen, das sich in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen zeigt, auch in Todesnähe. Trifft dies zu, so bezeugen entoptische Phänomene wie MV auch im Alltag unsere Verbindung zu einem Ort des Lichts – zu einer leuchtenden Wirklichkeit, in die wir jedesmal eintauchen, wenn wir bei Meditation, Schlaf oder Tod die körperlichen Banden lockern oder durchbrechen.
Literatur
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Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor studierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte Mouches Volantes über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.
floco.tausin[at]mouches-volantes.com





Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor studierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte Mouches Volantes über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.










