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Erwachen als Mann und Frau

Sebastian Gronbach und Cordula Mears-Frei im Gespräch über „Erwachen als Mann und Frau“

Cordula: Sebastian, Männer sind weltweit in Bewegung, ein neues Bild des Mann-Seins setzt sich durch. Du arbeitest seit einigen Jahren intensiv mit Männern in Retreats, Gruppen, Fortbildungen und auch in der Einzelarbeit. Worum geht es Dir?
Sebastian: Erstens darum, dass wir in einer einfachen, schnellen und unmissverständlichen Weise erfahren und verstehen, was unser wahres maskulines Wesen ist. Zweitens darum, dass wir realisieren, dass diese Männlichkeit eine ebenso relativ-persönliche, als auch eine absolut-spirituelle Dimension hat. Drittens, dass alles diese Erfahrungen und Kenntnisse am Ende nur einen Sinn haben: Dass der Mann durch sein wahres Wesen dient: Der Erde, der Frau und dem Leben. Und das er selbst im alltäglichsten Moment dieser Dienerschaft fühlt: Genau jetzt – wenn ich zum Beispiel meiner Frau einen Moment der Ruhe schaffe — diene ich Gott.

Cordula: Du bist inspiriert durch die Arbeit von David Deida, Barry Long und stehst als spiritueller Lehrer in der Tradition Rudolf Steiners. Ken Wilber und Andrew Cohen sind deine geistigen Paten. Was nimmst Du aus diesen Traditionen und was ist dabei dein ganz persönliches Anliegen für Männer und Frauen der Postmoderne?
Sebastian: Deida war – wie für viele Männer — mein Eingangstor zur maskulinen Spiritualität. Barry Long hat mich gelehrt das eigentliche Wesen der Frau wahr zu nehmen, vollkommen zu würdigen und zu ehren – und zwar ganz konkret mit meiner Ehefrau zusammen. Rudolf Steiner hat mir über Jahrzehnte zu wirklicher Seelenstärke und Menschenkenntnis verholfen. Ken Wilber hat mich aufgeweckt und durch Andrew Cohen habe ich machtvoll erfahren, wie drängend die Evolution nach meiner ganz persönlichen Verantwortung verlangt und was es bedeutet ein spiritueller Lehrer zu sein. Mein persönliches Anliegen? Ich habe keins. Ich sehe was getan werden muss und das tue ich. Und zwar so, dass persönliches Glück und kosmisches Erwachen kein Widerspruch sind. Ich glaube daran, dass die Erfahrung von persönlichem Glück und das hingebungsvolles Dienen für eine Sache die weit über mich hinausgeht, kein Widersprüche sind, sondern im Herzen eins.

Cordula: Was unterscheidet dabei deine Arbeit zu den herkömmlichen Männergruppen, Männertagen– und Konferenz, welche tatsächlich bemüht sind, dem neuen Bild des Mannes Ausdruck und Unterstützung zukommen zu lassen?
Sebastian: Wir tanzen um kein Feuer, wir machen keinen Urschrei und wir umarmen uns auch nicht ständig – und vor allem wird es bei mir niemals eine Männersolidarität auf Kosten der Frauen geben (.…und nackt sind wir auch nicht). Es gibt keinerlei Rückfall in prämoderne Verhaltensformen. Wir spielen keine Spiele, wir sind einfach da. Wir entspannen uns in unsere Aufrichtigkeit. Wir bekennen uns – ohne Ausrede – zu unserem wahren Wesen: Nämlich Freiheit. Und wir erfahren auf eine tiefe Weise, dass es gut ist ein leeres Herz zu haben. Das Leere Herz macht uns zu Buddha – und dann stehen wir auf und tun was getan werden muss. Frei und willig.

Cordula: Wie sieht diese Arbeit praktisch aus? Was erleben Männer, wenn sie in deinen Seminaren oder jetzt auch konkret an unser Sommerretreat kommen?
Sebastian: Sie erleben sich – ohne Spielchen. Wenn ein Mann sich wirklich als das Maskuline ohne femininen Gegenpart erlebt (und das schockiert viele Männer zunächst) dann erlebt der Mann vollkommenen Frieden, uferlose Freiheit und die in Ewigkeit entspannte Leere – aus diesen Kräften ist der Mann der Tat gemacht. Wir erleben es durch Meditation oder Tiefenvortrag. Das ist eine Vortragstechnik, wo es weniger um das rationale Verstehen der Worte geht, als vielmehr darum über die Worte hinaus etwas zu hören. Ausserdem bevorzuge ich die Alexander-der-Große-Problemlösungstechnik: Jeder nennt seine heftigstes Probleme und anstatt stundenlang darüber zu diskutieren, zerschlagen wir möglichst schnell und geistesgegenwärtige den Problemknoten – und dann ab zum nächsten Knoten. Am Ende stellen wir uns ganz konkret den Gegebenheiten vor Ort. Wir finden heraus, was unser nächster bester Beitrag zum Gelingen des Seminars sein wird. Wir übernehmen die Verantwortung für die Richtung, die wir alle gemeinsamen in den nächsten Stunden und Tagen gehen werden. Das zündet ein Feuer, welches weit über die Zeit des Seminars brennt.

Cordula: Du hast gerade dein 3. Buch fertig geschrieben über das „Erwachen von Mann und Frau“. Wir haben dabei intensiv und über mehrere Woche gemeinsam als Mann und Frau an dem Buch geschrieben und einen waghalsigen Dialog ohne Konzept und Ziel geteilt. Warum war es für dich wichtig, dieses Buch mit einer Frau gemeinsam zu schreiben und was hast Du dabei erlebt?
Sebastian: Ich erlebe die ungeheure Kraft, Authentizität und Fruchtbarkeit, wenn die Arbeit der Frau durch den Mann gesegnet wird – und umgekehrt. Die tiefen Wunden der Frauen und Männer werden nur geheilt wenn das Maskuline und das Feminine aus einer einzigen Bewegung auf die Wunden zugehen. Heilsam sind wir hier nur gemeinsam. Ich habe dabei erlebt, dass ich meine ganze maskuline Potenz und Autorität nur dann erlange, wenn ich demütig dem Wunder der Weiblichkeit diene.

Cordula: Wie erlebst Du die tiefe Heilung der Frau an Seminaren, welche wir gemeinsam leiten?
Sebastian: Einmal dadurch, dass Du nicht nur durch Worte und die hervorragende Technik von Voice Dialogue lehrst – das alleine ist die halbe Miete. Aus meiner Sicht gelingt Dir etwas sehr erstaunliches, was ich noch nicht ganz verstehe: Nämlich, dass Du Weibliche in seiner göttlichen Urform repräsentierst. Dieses Weibliche wirkt auf die Teilnehmerinnen wie eine anziehende Einladung. Du schenkst Vertrauen und wer dieses Geschenk annimmt, der vertraut in dem Moment nicht mehr Dir, sondern sich selbst – seiner lebendigen Weiblichkeit. Und mein Part: Ich führe die Frauen dahin, wo sie gehen werden, wenn alles vorbei ist und was bereits jetzt in jedem Moment unsere Gegenwärtigkeit ist: In die Stille. Stille heilt jede Wunde. Sofort.

Cordula: Kürzlich waren an deiner Veranstaltung in Köln „Der Mann und der Geist“ mehr Frauen als Männer angemeldet. Wie erklärst Du dir das, wo das Seminar doch ursprünglich als reines Männer-event geplant war? Was hat die anwesenden Frauen veranlasst, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen und was konntest Du beobachten?
Sebastian: Wir Männer können eben jahrelang auch unter sehr mäßigen Umständen zufrieden sein. Wir haben einen Raum in uns, da gehen wir rein und alles ist gut. Viele Männer nutzen diesen inneren Raum als Fluchtraum. Das ist ein Missbrauch dieses Raumes. Ich glaube Frauen spüren dieses Missbrauchen der ursprünglichen Fähigkeit, immer mit der Freiheit und Leere eine intime Beziehung zu haben. Was ich beobachten konnte? Dass die Sehnsucht der Frauen unendlich groß ist – nach einem Mann, der ihre Sehnsucht nicht nur befriedigt, sondern sie so öffnet, dass sie auf eine göttliche Weise gestillt werden.

Cordula: Woraus schöpfst Du ganz persönlich um deine intensive und auch radikale Botschaft an den modernen Mann evolutionär voranzutreiben?
Sebastian: Ich könnte Meditation, meine Frau und Familie, die Liebe zur Tat oder einen inneren Ruf nennen. Aber letztlich ist es viel einfacher und etwas, was nicht weiter begründet werden muss: Weil ich mich dazu entschieden habe.

Cordula: Wenn Du auf den erwachten Mann und auf die erwachte Frau blickst; was siehst Du dann?
Sebastian: Das Ende von Leid und eine Erde, die zum Stern wird. Die Evolution des Menschseins tritt gerade von einer noch sehr grundlegenden Ebene, in eine bedeutende Dimension ein. Menschheitsgeschichtlich kommen wir gerade aus der Pubertät und es ist ergreifend zu sehen, wie Frauen und Männer erwachsen werden.

Cordula: Welche Schritte benötigen wir, um das umzusetzen? Was ist deine persönliche und auch absolute Einladung dazu?
Sebastian: Werde Erwachsen. Das bedeutet, dass wir alle bisherigen Stufen der Evolution bewusst integrieren, ohne in alte Verhaltensweisen zurückzufallen. Zu oft verwechseln Frauen und Männer die Integration ihrer kindlichen und pubertären Anteile, mit der Regression, also dem Rückfall in diese Verhaltensweisen. Wir haben jetzt zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit den bewussten Zugriff auf unser geistiges Erbmaterial. Damit gestalten wir die Zukunft.
Letztlich laden Dich viele spirituellen Lehrer ein, präsent zu sein, da zu sein, im jetzt zu sein, hier zu sein….ich lade Dich ein zu verschwinden.
Ich werde darauf achten, dass Du wach & mitfühlend bleibst, wenn Du verschwindest. So folgt diesem Verschwinden unweigerlich & anstrengungslos ein Auftauchen. Ich lade Dich nicht für tausend weitere Kurse, Seminare und Vorträge ein. Ich lade Dich ein zu gehen. In die Welt, die in diesem Moment aus Dir heraus erscheint. Und tust ein paar Dinge die gut sind, behütest die Wahrheit und bewunderst die Schönheit.


Sebastian GronbachSebastian Gronbach (1969) ist Buchautor, Publizist, Redakteur der Zeitschrift info3 –Anthroposophie im Dialog und spiritueller Lehrer und Aktivist. Engagiert sich im Verantwortungsgremium der Anthroposophischen Gesellschaft NRW. Nach vielen Jahren anthroposophischer Lebenspraxis, will der Steiner-Schüler heute ebenfalls die modernen Inspirationen u.a. von Ken Wilber, Andrew Cohen, oder David Deida in seine spirituelle Lebenspraxis integrieren. Dabei interessiert ihn insbesonders der Aspekt der bedingungslosen Freiheit innerhalb der Fülle der Welt wie auch in der Stille des Geistes.
Mehr über Sebastian Gronbach

Cordula Mears-FreiCordula Mears-Frei (1972) leitet in Liestal/CH das Institut für integrative Bewusstseinsarbeit. Sie ist Mitbegründerin des Schweizer Voice Dialogue Netzwerkes und arbeitet seit 14 Jahren als internationale Voice Dialogue Lehrerin und Supervisorin für Therapeuten. In Schopfheim/D arbeitet sie in eigener Praxis in Kombination mit Kunst-und Körpererfahrung, sowie Seminare in Kongruenztraining und Führungskraft. Sie leitet Frauengruppen und Retreats in der Natur. Elemente der anthroposophischen Biographie-Arbeit, ihre innere Verbindung mit den Lehren von Krishnamurti, sowie eine intensive Auseinandersetzung mit persönlichen und kollektiven Schattenselbsten, Traumarbeit und transpersonaler Spiritualität prägen im Wesentlichen ihre Arbeits- und Unterrichtsweise.
Mehr über Cordula Mears-Frei

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1 Kommentar für “Erwachen als Mann und Frau”

  1. Hallo Ihr Zwei,
    es ist gut Euch zu begegnen und von Euch zu hören.
    In diesem Interview erlebe ich manches noch einmal.Es kann dadurch mich nochmals tiefer berühren und mich stärken, nähren.
    Danke Euch Cordula und Sebastian

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  • Freitag, 18. Mai 2012 17:453-Körper Praxis — Für Geist, Empfindungen und Physis
  • Sonntag, 20. Mai 2012 18:00Bani Singen
  • Dienstag, 22. Mai 2012 07:00Wake Up Yoga — Morgenpraxis mit Heinz
  • Freitag, 25. Mai 2012 17:453-Körper Praxis — Für Geist, Empfindungen und Physis
  • Samstag, 26. Mai 2012 11:45Musicsession
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